Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Kategorie: Story

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The Many Ton­gues of Dust

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Ich betrete den Kor­ri­dor und errei­che eine wei­tere Gale­rie. Nun bin ich schon seit vie­len Näch­ten durch Kor­ri­dore gelau­fen und Wen­del­trep­pen hinab- und hin­auf­ge­stie­gen, ohne einen ein­zi­gen Biblio­the­kar zu fin­den. Meine Beine schmer­zen. Aber ich kann sehen, und das ist eine große Freude für mich: wie­der sehen zu kön­nen.

Was ich jedoch sehe, lässt mich schau­dern. Ich kenne die­sen Ort. Ich habe ihn erschaf­fen. Ich bin in meine eigene Erzäh­lung gera­ten, so unglaub­lich Ihnen das viel­leicht schei­nen mag. Viel­leicht ist dies das ganz per­sön­li­che Jen­seits jedes Men­schen: Er wird nach sei­nem Tod in sei­nen gran­dio­ses­ten und schreck­lichs­ten Gedan­ken ver­setzt.

Dies ist die Biblio­thek von Babel, wie ich sie in der gleich­na­mi­gen Erzäh­lung erdacht und in Worte gesetzt habe – aber es gibt hier keine Bücher mehr in den Rega­len, son­dern nur noch Staub. Manch­mal finde ich Reste von Ein­bän­den oder Fet­zen uralten, ver­gilb­ten Papiers, das zer­fällt, wenn ich es berühre. Sonst ist von den Büchern nichts mehr übrig. Die Borde sind leer. Dabei waren es unend­lich viele auf unend­lich vie­len Regal­bor­den in unend­lich vie­len durch Kor­ri­dore und Wen­del­trep­pen mit­ein­an­der ver­bun­de­nen Gale­rien.

Ein Biblio­the­kar kommt mir ent­ge­gen und redet mich an. Wie bei allen, die ich traf, seit ich in der Biblio­thek bin, kom­men von sei­nen Lip­pen nur unver­ständ­li­che Laut­fol­gen. Ich ant­worte kurz, weiß aber schon, dass ihm meine Ant­wort genauso wirr erschei­nen wird. Anfangs hielt ich es für eine fremde Spra­che oder ein ver­ba­les Fin­ne­gans Wake, das aus inein­an­der­ge­schach­tel­ten Begrif­fen vie­ler Dut­zend Spra­chen besteht und von mir – wenn auch müh­sam – zu ent­schlüs­seln sein würde. Doch tat­säch­lich und gewis­ser­ma­ßen kon­se­quen­ter­weise schlägt mir hier nur ein chao­ti­sches Gebrab­bel ent­ge­gen, in dem ich bes­ten­falls mal ein ein­zel­nes ver­ständ­li­ches Wort höre, aber das ist dann blo­ßer Zufall oder gar rei­nes Wunsch­den­ken, denn es lässt sich kei­ner­lei Ver­stän­di­gung dar­auf auf­bauen.

Allen hier geht es so. Ich habe eine Gruppe von vier Biblio­the­ka­ren beob­ach­tet, die ver­zwei­felt auf­ein­an­der ein­re­de­ten, und sie schie­nen fas­sungs­los dar­über zu sein, dass kei­ner auch nur ein Wort des ande­ren ver­ste­hen konnte. Ein jun­ger Mann war unter ihnen, der ein Wams aus rotem Samt trug, und aus sei­nem Rede­schwall, der in etwa klang wie »… lworn Zaün­erbskg ahsr Ovj nrz­trzr frm Lpttofpr Yjfksl Ähstgp xöasglw …« und der­glei­chen, glaubte ich die Worte »somat­o­forme Schmerz­stö­rung« her­aus­zu­hö­ren. Ich ging zu ihm und wie­der­holte die Worte, doch er blickte mich nur ver­ständ­nis­los an.

Seit­dem irre ich allein durch die stau­bi­gen Hal­len, und die Hoff­nung mei­nes Her­zens zer­rinnt wie Sand zwi­schen den Fin­gern. Die buch­stäb­lich unzäh­li­gen Bücher, die es hier einst gab, ent­hiel­ten nur zufäl­lige, chao­ti­sche Buch­sta­ben­fol­gen – so habe ich es erson­nen und beschrie­ben. Und nun kann ich, der ich die Worte meine Welt genannt habe, mich hier nie­man­dem ver­ständ­lich machen und nie­man­des Geschichte lau­schen. Und da die Biblio­thek von Babel, so, wie ich sie in die Welt gesetzt habe, unend­lich groß ist, werde ich auch nie den Aus­gang fin­den kön­nen.

Des­halb wende ich mich in mei­ner Not an Sie, mein ima­gi­nä­res Gegen­über. Sie sind meine letzte Hoff­nung. Schrei­ben Sie mir eine neue Geschichte. Schrei­ben Sie mir eine neue Biblio­thek. Grei­fen Sie zur Feder und schaf­fen Sie mir ein neues Heim. Es muss nichts Beson­de­res sein, ich habe kei­ner­lei Ansprü­che und bin mit allem zufrie­den, wenn es nur nicht unend­lich ist.

Aller­dings ist meine Sorge, dass – wenn die­ses Ansin­nen, wenn die­ses Fle­hen Sie erreicht – Sie nur ein unver­ständ­li­ches Gebrab­bel ver­neh­men, zufäl­lige Sil­ben, alea­to­ri­sche Laut­fol­gen, denen sie kei­ner­lei Sinn ent­neh­men kön­nen. Selbst wenn Sie so etwas wie »somat­o­forme Schmerz­stö­rung« aus dem stot­tern­den Gel­alle her­aus­hö­ren soll­ten, das ich von mir zu geben scheine: Was soll­ten Sie damit schon anfan­gen kön­nen?

Oder – falls ich das Glück habe, dass Sie mich ver­ste­hen, und dar­auf fol­gend das noch viel grö­ßere Glück, dass Sie tat­säch­lich zur Feder grei­fen, um mir aus mei­ner ver­zwei­fel­ten Not­lage her­aus­zu­hel­fen – ist dann mög­li­cher­weise das, was Sie zu Papier brin­gen, nur ein Kau­der­welsch blind­lings und unzu­sam­men­hän­gend auf­ein­an­der­fol­gen­der Buch­sta­ben, Leer- und Satz­zei­chen, die in ihrer nack­ten Sinn­lo­sig­keit nichts bewir­ken kön­nen, außer dass sich das alles­ver­schlin­gende Rau­schen ver­stärkt, der über­mäch­tige Feind der Bedeu­tung, die darin zer­brö­selt, ihre Kon­tu­ren ver­liert und sich schließ­lich auf­löst, ohne eine Spur zu hin­ter­las­sen?

Ist das mein Schick­sal?

Ich weiß mir kei­nen Aus­weg mehr.

Das Para­dies habe ich mir immer als große Biblio­thek vor­ge­stellt, und jetzt sitze hier in einer der unzäh­li­gen Gale­rien in den pud­ri­gen Über­res­ten der unend­lich vie­len Bücher, die jetzt ein ein­zi­ges, gewal­ti­ges Buch aus Staub bil­den und damit nichts ande­res als das kon­tur­lose Rau­schen der Mate­rie.

Staub!

Das ist es! Ich schreibe ein­fach hier in den Staub, schreibe eine neue Erzäh­lung, schreibe mir einen neuen, einen son­nen­durch­flu­te­ten, glück­li­che­ren Ort! Der Aus­weg liegt auf der Hand, es ist ganz sim­pel. Mein Fin­ger zieht Linien in die graue, form­lose Schicht, die den Boden bedeckt. »… lworn Zaün­erbskg ahsr Ovj nrz­trzr frm Lpttofpr Yjfksl Ähstgp xöasglw …«

 

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Upp­haf er endir

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es ist der Kor­ri­dor, von dem, wenn auch ver­schlüs­selt, alte Legen­den berich­ten, der, wenn auch ver­klau­su­liert, in anti­ken Mär­chen erwähnt wird, der sagen­hafte Kor­ri­dor, der in gewis­ser Weise das Urbild und Vor­bild für alle Kor­ri­dore ist, das unbe­wusste Ziel all jener, die einen Kor­ri­dor erbauen, und all derer, die je einen Kor­ri­dor betre­ten.

Es ist der Kor­ri­dor, von denen seit Urzei­ten Scha­ma­nen und Mys­ti­ker berich­ten, an den ver­wit­terte Stein­rit­zun­gen gemah­nen und auf den unent­zif­fer­bare Sym­bole längst­ver­ges­se­ner Schrif­ten hin­deu­ten, ein arche­ty­pi­scher Kor­ri­dor, der sich im Dun­kel der Zei­ten ver­liert und der bis heute sei­nen Platz im Bewusst­sein der Men­schen hat, der aus Weis­hei­ten wie »Der Weg ist das Ziel« oder »I did it my way« her­aus­leuch­tet und vom kapi­ta­lis­ti­schen Fort­schritts­glau­ben bis zur Unkennt­lich­keit kon­ter­ka­riert wird. Paläo­li­ti­sche Wohn­höh­len, Gil­ga­meschs Uruk, das bud­dhis­ti­sche Sham­bala, Atlan­tis mit sei­ner Tem­pel­stadt, die mys­te­riöse Indus­zi­vi­li­sa­tion der Veden – all diese uralten, mys­ti­schen Orte ver­eint letzt­lich eine Essenz: der ebenso zen­trale wie fun­da­men­tale Kor­ri­dor, der zur Krypta und zum Sank­tis­si­mum führt – ins Aller­hei­ligste und Herz der Dinge.

Es ist der Kor­ri­dor, der in Form zere­mo­ni­el­ler Laby­rin­the über­lie­fert ist, von dem Pil­ger­rei­sen einen schwa­chen Abglanz, von dem Tun­nel ins Licht der jen­sei­ti­gen Welt ein fer­nes Echo dar­stel­len. Es ist der Kor­ri­dor, von dem die Wei­sen sagen, dass er sich mit jedem Schritt, den wir hin­ein­tun, erst formt.

Viele Jahre lang, ein hal­bes Leben lang war ich davon über­zeugt, es müsse ihn irgendwo geben, etwa wie ein ver­ges­se­nes Grab, eine ver­schüt­tete Kult­stätte, eine ver­sun­kene Tem­pel­an­lage. Ich habe mich auf die Suche bege­ben – in Biblio­the­ken und den Mythen der Welt, unter den Ältes­ten aus­ster­ben­der Völ­ker und bei Trance-Medien und denen, die Umgang mit der Geis­ter­welt füh­ren, und nicht zuletzt mit jour­na­lis­ti­schem Spür­sinn und mei­ner ganz eige­nen roman­ti­schen Schwär­me­rei.

Doch der Kor­ri­dor blieb ungreif­bar, eine Fata Mor­gana am Hori­zont, wabernd, ver­schwim­mend, sich in Luft auf­lö­send und an ande­rer Stelle wie­der­erschei­nend. Berichte von jenen, die von ihm wuss­ten, waren ebenso spär­lich wie kryp­tisch, und natür­lich hieß es immer, dass von denen, die ihn betre­ten hat­ten, kei­ner zurück­kehrte, um davon berich­ten zu kön­nen – ein inte­gra­les Ele­ment anti­ker Mythen, die neben dem Ver­such einer Welt­erklä­rung immer auch Ver­schleie­rungs­tak­tik sind, damit das Eigent­li­che, die grund­le­gende Wahr­heit über die Welt, denen vor­be­hal­ten bleibt, die damit umge­hen kön­nen.

Die am schwers­ten zu über­win­dende Mauer des Schwei­gens, auf die ein Suchen­der sto­ßen kann, ist die aus unzäh­li­gen bered­ten Zun­gen. Der Kor­ri­dor ist der Weg ins Zen­trum, ins Wesent­li­che, aber sein Wesen macht ja gerade aus, dass es zahl­rei­che Abzwei­gun­gen gibt, Ablen­kun­gen, Zer­streu­un­gen, ver­hei­ßungs­volle Türen und Durch­gänge zu bei­den Sei­ten des Wegs, mit deren Durch­schrei­ten der Sucher sein Ziel aus den Augen ver­liert.

Das Wis­sen um den Ur-Kor­ri­dor ist nur noch in Frag­men­ten vor­han­den. Es gilt, sie zu sam­meln und zusam­men­zu­set­zen, bis sich eine Kon­tur sei­nes Ursprungs abzeich­net. Denn die­ser Kor­ri­dor ist kein Bau­werk einer ver­schol­le­nen Zivi­li­sa­tion, kein X auf einer ver­gilb­ten Schatz­karte, nichts, das Satel­li­ten­auf­nah­men oder ein Boden­so­nar auf­spü­ren könn­ten. Er ist ein Sinn­bild, eine Meta­pher für die Urer­fah­rung, dass es zur Natur des Men­schen gehört, stän­dig Gefahr zu lau­fen, vom eige­nen Weg abzu­wei­chen und in die Irre zu gehen – sei es, weil wir der Masse fol­gen, sei es, weil wir frem­den oder gar eige­nen Ein­flüs­te­run­gen nach­ge­ben.

Meine Suche, die mich um den hal­ben Erd­ball geführt hat, brachte mich am Ende kon­se­quen­ter­weise an den Anfang zurück. Zu mir. Zur Suche und zum Grund für die Suche, ob ich es nun Wahr­heit nenne oder Glück, Seele oder Authen­ti­zi­tät, das Tao oder Erfül­lung, das Sein oder das rich­tige Leben im fal­schen. Das Alles­ent­schei­dende hat viele Namen und tritt in vie­len Ver­klei­dun­gen auf. Für mich ist es der Kor­ri­dor.

»Triff die rich­tige Ent­schei­dung – und ducke dich unter den Quer­schlä­gern weg« lau­tete ein­mal der Rat eines tol­te­ki­schen Zau­be­rers an mich, und tat­säch­lich ähneln sich die wei­sen Rat­schläge für Kor­ri­dor­su­cher und lau­fen übli­cher­weise auf das Motto »Immer wach und in Bewe­gung blei­ben!« hin­aus.

Ich war jemand, der in einem Kor­ri­dor den Kor­ri­dor suchte. Aber der lange Weg war nötig, damit ich hier ankom­men konnte, um schließ­lich den ent­schei­den­den Schritt zu machen.

Ich betrete den Kor­ri­dor.

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Her­zens­Bre­cher

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Zeit für die Ziga­ret­ten­pause um elf. Von Nicole noch keine Spur. Ich schlen­dere schon mal Rich­tung Rau­cher­bal­kon. Plötz­lich höre ich irgendwo von ferne Schreie im Gebäude. Ein Mann brüllt kurz wie in Todes­not. Das scheint aus dem Trep­pen­haus und damit aus einem der unte­ren Stock­werke zu kom­men. Irri­tiert bleibe ich ste­hen. Eine Gestalt eilt die breite Treppe hoch. Sie trägt einen lan­gen, schwar­zen Man­tel und schwingt ein Schwert. Ich erstarre.

Er ver­schwin­det hin­ter der ers­ten Tür. Ich kenne den Mann, habe ihn heute schon gese­hen.

Wei­tere Schreie aus dem Zim­mer, in das der Mann gelau­fen ist. Frau Pät­zold? Frau Doh­len? Dann Stille. Der Mann rennt her­aus und in die nächste Tür. Immer noch stehe ich erstarrt da. Wenn er jetzt wie­der her­aus­kommt und wei­ter will, stehe ich ihm im Weg. Er hatte sich irgend­wann am Mor­gen hier oben in der höchs­ten Etage in mein Büro ver­irrt, und ich hatte ihm gesagt, wo er das For­mu­lar F‑B3T-42 bekom­men kann. Er wirkte ange­spannt, aber auch unend­lich erleich­tert.

Aus der offe­nen Tür dringt ein grau­en­haf­tes Stöh­nen. Herr Lorentz? Dann tritt der Mann hin­aus. Sein Schwert tropft. Er steht mir gegen­über. Ich spüre, dass ich unkon­trol­liert zu zit­tern beginne. Er sieht wild aus, braun­ge­brannt, schweiß­nas­ses Haar, das ihm sträh­nig ins Gesicht fällt, Bart­stop­peln am Kinn und ein fein­ge­schwun­ge­ner Mund, des­sen Lip­pen ein wenig zit­tern. Und er blickt an mir vor­bei. Ich drehe mich um. Wenige Schritte hin­ter mir steht Nicole. Sie starrt den Mann an. Tritt neben mich. Legt mir die Hand auf die Schul­ter.

»Nicht sie«, sagt sie.

Der Mann starrt sie an. Er scheint ver­blüfft, ungläu­big, fas­sungs­los, kann sei­nen Blick nicht mehr von ihr wen­den. Schließ­lich lässt er sein Schwert acht­los zu Boden fal­len. Sein Ober­kör­per beugt sich, wie von einer geheim­nis­vol­len Kraft gezo­gen, nach vorn, auf Nicole zu. Auch die kann ihren Blick nicht von sei­nem lösen. Ihre Lip­pen beben leicht. Alles um sie herum und alles, was vor­her war, scheint ver­ges­sen. Es gibt nur noch eins. Die bei­den ren­nen auf­ein­an­der zu, pral­len zusam­men, wir­beln, ver­schmel­zen, ver­gra­ben die Gesich­ter inein­an­der.

Durch die gro­ßen Fens­ter drin­gen von ferne Poli­zei­si­re­nen her­ein. Die bei­den lösen sich von­ein­an­der. »Es ist vor­bei«, höre ich die hei­sere Stimme des Man­nes. »Nein«, ant­wor­tet Nicole, »wir flie­hen. Ich habe unten ein klei­nes Auto ste­hen.« Sie bli­cken sich in die Augen. Ich kann erken­nen, wie die Ent­schei­dung in ihm arbei­tet. Dann straf­fen sich Schul­tern des Man­nes. »Wir flie­hen«, flüs­tert er hei­ser, »wir beide, du und ich.« Nicole nickt und fasst seine Hand.

Der Mann sieht zu mir. Nicole fasst seine Hand fes­ter: »Sie wird nichts ver­ra­ten.«

Der Mann nickt lang­sam. Die Poli­zei­si­re­nen nähern sich. Mit einem Ruck wen­det er sich um. Er zieht Nicole mit sich zur Treppe. Sie dreht ihren Kopf noch ein­mal zu mir. Einen Moment lang sieht es so aus, als würde sie mir zuzwin­kern.

Dann eilen beide die Treppe hinab, er mit wehen­dem Man­tel, sie mit wehen­dem Haar. Ein hüb­sches Paar: Nicole und der Frei­beu­ter.

Mir kommt ein Satz in den Sinn, den ich vor einem Jahr oder so mal in einer Zei­tung gele­sen habe und der irgend­wie bei mir hän­gen­ge­blie­ben ist. »Die Welt, in der wir leben, kann schon einen Augen­blick spä­ter nicht mehr exis­tie­ren, ein­fach so, weil irgend­ein Ver­rück­ter beschlos­sen hat, sie zu zer­stö­ren.«

Er hat ein Mas­sa­ker ange­rich­tet. Ich müsste schreien, wei­nen oder ohn­mäch­tig wer­den, aber ich stehe hier nur zit­ternd und weiß nicht, was ich den­ken soll. Mit quiet­schen­den Rei­fen hal­ten jetzt Poli­zei­wa­gen vor dem Gebäude. Schaf­fen es Nicole und ihr Kor­sar, zu flie­hen, der Poli­zei zu ent­kom­men, uner­kannt das Land zu ver­las­sen und irgendwo in der Fremde noch ein­mal ganz neu anzu­fan­gen? Oder muss ich hof­fen, dass der Kil­ler gefasst wird und für seine grau­same, sinn­lose Tat ein Leben lang hin­ter Git­ter kommt?

Und was ist mit mir? Sie wer­den mich befra­gen. Viel­leicht bin ich sogar die ein­zige Über­le­bende im gan­zen Amt. Ich werde in die Zei­tung kom­men und viel­leicht sogar zu Talk­shows ein­ge­la­den, Spie­gel TV, Lanz, Maisch­ber­ger … Bestimmt werde ich hau­fen­weise Briefe bekom­men von Män­nern, die sich in mein Bild ver­lie­ben und mir schrei­ben, sie könn­ten mir hel­fen, mein Trauma zu über­win­den.

Poli­zis­ten eilen mit gezo­ge­nen Pis­to­len die Treppe hoch. Also haben sie ihn nicht erwischt. »Wir haben hier eine Über­le­bende!«, ruft einer.

»Sind Sie ver­letzt?«, fragt er, als er her­an­ge­tre­ten ist, mit Blick auf das blu­tige Schwert am Boden. Wei­tere Poli­zis­ten strö­men her­auf, ver­tei­len sich auf die Zim­mer. Ich schüttle den Kopf. »Wis­sen Sie, wer die­ses Blut­bad ange­rich­tet hat? Haben Sie irgend­was gese­hen?«, fragt er wei­ter. Wie­der schüttle ich den Kopf.

Und doch: Ich habe etwas gese­hen. Ein Bild, das mir nie wie­der aus dem Sinn gehen wird: Nicole, wie sie im Weg­ren­nen den Kopf zu mir dreht und mir zuzwin­kert, ange­spannt, ernst, gefasst, aber auch unend­lich erleich­tert.

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A Ques­tion of Life and Death

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Ich betrete den Kor­ri­dor zu den Mann­schafts­quar­tie­ren. Acht­zehn Jahre nach dem Start der Cos­mic Bea­gle mit dem Auf­trag, benach­barte außer­ir­di­sche Zivi­li­sa­tio­nen auf­zu­su­chen und Kon­takt mit ihnen auf­zu­neh­men, droht unsere Expe­di­tion zu schei­tern. Ich trage mei­nen Ska­p­hander, obwohl ich weiß, dass er mich nicht vor dem Gift der Ali­ens schüt­zen kann, die das Schiff geen­tert haben. Wir nen­nen sie »Kxax« – nach dem Geräusch, das sie machen, wenn sie in einem der Gänge und Räume im Schiff mate­ria­li­sie­ren.

Wir haben das dritte und letzte Ziel unse­rer Reise erreicht. Es ist ein Pla­net, den große Was­ser­flä­chen und zehn­tau­sende von Inseln bede­cken, die von ebenso rie­si­gen wie bizar­ren »Schling­pflan­zen« über­wu­chert sind. Unser Exo­bio­loge sprang vor Freude über ein neues, unbe­kann­tes Öko­sys­tem (das, anders als das vom Pla­ne­ten der Nebel­schöp­fer, dem unse­rer Erde gleicht) fast an die Decke. Doch bevor wir über­haupt dar­über nach­den­ken konn­ten, wie mit der Zivi­li­sa­tion auf dem Pla­ne­ten, von der die Radio­si­gnale stamm­ten, eine Kom­mu­ni­ka­tion mög­lich ist, waren plötz­lich fremde Wesen an Bord. Unser Bio­loge traf als Ers­tes auf eines von ihnen – und war Sekun­den spä­ter tot. Der Kom­man­dant ord­nete an, mit Waf­fen­ge­walt gegen die Ein­dring­linge vor­zu­ge­hen, und die Kata­stro­phe begann. In den Kor­ri­do­ren der Cee­Bee brach ein Gue­ril­la­krieg aus. Wir radier­ten der Reihe nach die Angrei­fer aus, und sie mach­ten, Mann­schafts­mit­glied für Mann­schafts­mit­glied, uns den Gar­aus.

Inzwi­schen weiß ich, dass es ein tra­gi­sches Miss­ver­ständ­nis war.

*

Ich hatte ernst­haft geglaubt, dass wir unbe­waff­net waren. Aber da hatte ich mich wohl getäuscht: Plötz­lich wur­den Strah­len­ge­wehre ver­teilt, Hadro­nen­strah­ler, die alles Bio­lo­gi­sche pul­ve­ri­sie­ren, das Metall des Schif­fes jedoch unbe­hel­ligt las­sen. Was als For­schungs­reise begon­nen hatte, wurde plötz­lich zu einem First-Per­son-Shoo­ter.

Ich ver­schanzte mich mit Mas­an­ori, dem Mathe­ma­ti­ker, im Kon­troll­raum. Immer wie­der gin­gen wir die Auf­zeich­nun­gen der Bord­ka­me­ras durch. Wir stell­ten fest, dass die Kxax – kleine, wen­dige Geschöpfe, die an eine Mischung aus Krabbe und Nackt­schne­cke erin­nern – nicht etwa »mate­ria­li­sier­ten«, son­dern nur die Sicht­bar­keit wech­sel­ten. Waren meh­rere von ihnen an einer Stelle, chan­gier­ten sie in allen mög­li­chen Far­ben, so als wür­den sie sich auf diese Weise mit­ein­an­der unter­hal­ten.

Eine Farb­spra­che. Ließ sie sich ent­schlüs­seln?

Bei dem Ver­such, die völ­lig ver­ängs­tigte Lady Wow zu ret­ten und zu uns in den Kon­troll­raum zu holen, kam Mas­an­ori zu Tode. Der Com­man­der mel­dete sich über Funk, nannte Mas­an­ori einen Hel­den, des­sen Tod gerächt wer­den müsse, und zer­strahlte sich bei dem Ver­such, das Wesen zu töten, das den Mathe­ma­ti­ker auf dem Gewis­sen hatte, sein hal­bes Bein, bevor auch er an dem Gift der Außer­ir­di­schen starb.

*

Das Gemet­zel hatte nur wenige Stun­den gedau­ert. Ich bin die letzte Über­le­bende unse­rer Crew. Und auch von den Kxax scheint nur einer über­lebt zu haben.

Ich schickte Farb­bot­schaf­ten auf die Dis­plays in den Kor­ri­do­ren – anfangs bloße Kopien des­sen, was ich bei den Kxax selbst beob­ach­tet hatte. Nach eini­ger Zeit bekam ich von dem über­le­ben­den Kxax eine Ant­wort – die ich natür­lich erst ein­mal nicht ver­stand.

Das war vor drei Tagen. Jetzt betrete ich den Kor­ri­dor vor dem Kon­troll­raum. Der Kxax war­tet hier. Ich habe gelernt, mich ihm in sei­ner Licht­spra­che ver­ständ­lich zu machen und genü­gend Ver­trauen gewon­nen, um zu ihm her­aus­zu­kom­men und ihm gegen­über­zu­tre­ten. Es ist ein jun­ger und uner­fah­re­ner Kxax.

Ab einem bestimm­ten Alter sind die Kxax Ein­zel­gän­ger, habe ich erfah­ren. Als sie unser Raum­schiff ent­deck­ten, pas­sierte etwas, das es so wohl noch nie unter ihnen gege­ben hat: Sie sand­ten eine Dele­ga­tion, um dem ver­meint­li­chen »Leben­ge­ber« gegen­über­zu­tre­ten, unter dem sie ver­mut­lich ihren Schöp­fer­gott ver­ste­hen.

Das tra­gi­sche Miss­ver­ständ­nis war, dass wir bei der ers­ten Begeg­nung nicht kapier­ten, dass sie uns etwas fra­gen woll­ten. Wenn sich näm­lich zwei erwach­sene Kxax begeg­nen, stel­len sie sich die Frage. Ich habe lange gebraucht, um her­aus­zu­fin­den, wie sie lau­tet. »Bist du bereit?« scheint eine gute Annä­he­rung zu sein, und gemeint ist wohl: Bist du bereit, dem Leben­ge­ber zu begeg­nen, vor das Ange­sicht dei­nes Schöp­fers zu tre­ten?

Ist einer der bei­den »bereit«, so wird er vom ande­ren getö­tet – und dies ist, wenn ich mir alles rich­tig zusam­men­ge­reimt habe, als hohe Ehre zu betrach­ten. Falls nicht, kommt es offen­bar zu Sex und Nach­wuchs. Und falls beide »bereit« sein soll­ten, ist das Anlass zu gro­ßer Freunde, und es kommt zu einer über­schäu­men­den, wenn auch töd­li­chen Ekstase: Das, was bei uns als Ner­ven­gift wirkt, scheint für die Kxax selbst so etwas wie eine letale Glücks­droge zu sein.

*

Mein Com­pu­ter über­setzt mir die blitz­schnell wech­seln­den Far­ben und Licht­re­flexe auf dem Bauch­pan­zer des Kxax. »Große Ehre für mich«, blinkt die­ser ange­sichts unse­rer ers­ten Begeg­nung Auge in Auge. Wir ste­hen uns gegen­über, Mensch und Kxax. Ich lasse das Dis­play seine Licht- und Farb­mus­ter wie­der­ho­len, denn auch für mich ist diese Begeg­nung eine große Ehre. Die Über­set­zung sei­ner Ant­wort dar­auf lau­tet: »Bist du bereit?« Schnell gebe ich ein: Nein. Ich bin zwar die letzte Über­le­bende in einem Schiff vol­ler Toter, das sich zwölf Licht­jahre von der Erde ent­fernt befin­det, aber, nein, ich will nicht ster­ben, nicht jetzt, wo ich weiß, dass alles nur ein gro­ßes Miss­ver­ständ­nis war. Ich will ihnen zei­gen, dass wir in Frie­den gekom­men sind, und ich will mit Lady Wow zusam­men zur Erde zurück­keh­ren, um den Men­schen dort von den Begeg­nun­gen zu erzäh­len, die wir mit frem­den Wesen und Zivi­li­sa­tio­nen hat­ten.

Ich spüre einen Stich in mei­nem lin­ken Fuß. Der Kxax zieht lang­sam einen Sta­chel zurück. Panik erfasst mich. »Warum?!«, schreie ich, und mein Com­pu­ter über­setzt es in sei­nen Farb­code. »Wann bereit, zu Leben­ge­ber zu gehen, sagt nicht Befrag­ter. Wann bereit, zu Leben­ge­ber zu gehen, sagt Fra­gen­der. Große Ehre für mich. Ers­tes Mal.« Mein lin­kes Bein wird lang­sam taub. Der junge Kxax hat mir nur eine geringe Dosis ver­passt. So setzt die Wir­kung nicht augen­blick­lich, son­dern mit leich­ter Ver­zö­ge­rung ein. »Du jetzt fra­gen«, lese ich auf dem Dis­play. Ich gleite an der Wan­dung des Kor­ri­dors zu Boden. Jetzt bin ich mit dem Kxax auf Augen­höhe. Ich bli­cke in etwas abso­lut Fremd­ar­ti­ges. Und den­noch, es ist ein Geschöpf wie ich, mit Ängs­ten, Hoff­nun­gen und der Absicht, das Best­mög­li­che zu tun. »Du auch Tod­ge­ber, große Ehre, du jetzt fra­gen«, über­setzt der Com­pu­ter. Doch ich muss an Lady Wow den­ken. »Du jetzt fra­gen.« Sie wird ein­sam sein ohne mich. »Du jetzt fra­gen.« Meine Sicht ver­schwimmt.

Dann bin ich plötz­lich im Welt­raum. Die Cos­mic Bea­gle sieht klein und zer­brech­lich aus. Das All umspült mich wie ein war­mer Ozean, und die Sterne blin­zeln mir zu. »Leben­ge­ber«, denke ich und muss lachen. Man kann nicht etwas geben, das immer schon da ist, über­all. Ich möchte es dem klei­nen, ver­lo­re­nen Kxax sagen, aber wäh­rend ich mich von der sei­de­nen Dünung lang­sam davon­trei­ben lasse, wird mir klar, dass er recht hatte: Ich bin bereit. Es ist alles in bes­ter Ord­nung. Und das große Ja in mir zu allem, was nun fol­gen mag, fühlt sich ganz woh­lig und wun­der­bar an …

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Yoin

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Ich betrete den Kor­ri­dor, oder zumin­dest bin ich schon mit mei­nen Gedan­ken im Haus­boot, den Schlüs­sel gezückt, denn mein Freund Norbu wird mal wie­der mein Klop­fen nicht hören.

Doch das Haus­boot – ist nicht mehr da! Selt­sam nackt sieht die Stelle am Ufer aus. Bin ich hier rich­tig? Klar, der Strom­an­schluss am Ufer, die Rohr­ver­bin­dun­gen, der kurze Steg. Aber kein Haus­boot mehr. Mein Freund Norbu ist fort.

Ich bin wie vom Don­ner gerührt und muss mich erst mal set­zen. In der Nähe hat jemand ille­gal Sperr­müll ent­sorgt. Es ist ein ange­knick­ter Gar­ten­stuhl aus Plas­tik dabei. Ich stelle ihn auf­recht und bin froh, dass ich mich hin­ein­fal­len las­sen kann. Ver­mut­lich bin ich gerade krei­de­bleich gewor­den: Mein Freund Norbu hat ohne ein Wort des Abschieds abge­legt und das Weite gesucht.

Gut, er hat davon gespro­chen. Dass er ein­mal alle Brü­cken hin­ter sich abbre­chen könnte. »Wenn ich mal nicht mehr da bin …«, hatte er bedeu­tungs­schwan­ger ange­fan­gen. Ich dachte zuerst, er spricht vom Ster­ben. Er sprach aller­dings davon, dass es ihn viel­leicht irgend­wann ein­mal rei­zen könnte, ein neues Leben anzu­fan­gen. Und das wollte er wenn, dann offen­bar gründ­lich tun.

»Wir tele­fo­nie­ren aber doch, und ich komme dich besu­chen!«, hatte ich erwi­dert. Er sah mich nur an. »Skype? E‑Mail? Wenigs­tens eine Post­adresse?«, setzte ich nach. Norbu schüt­telte lang­sam den Kopf.

Ich hatte die­ses Gespräch ver­drängt. Jetzt steht es mir wie­der vor Augen. Norbu hat Nägel mit Köp­fen gemacht. Erstaun­lich, dass sein Haus­boot über­haupt manö­vrier­bar ist. Aber er hat ja auch immer wie­der daran her­um­ge­wer­kelt. Wie lange hat es hier schon gele­gen? Wie lange kenne ich Norbu schon? Zwan­zig Jahre? Fünf­und­zwan­zig? Die Ufer­pflan­zen, die es mit ihren Ran­ken aufs Haus­boot geschafft hat­ten, hat Norbu gekappt und dann ein­fach den Anker geho­ben. Hat sein Boot über­haupt einen Anker? Ich habe nie dar­über nach­ge­dacht.

Viel­leicht ist er noch nicht lange weg. Ich kann am Ufer ent­lang­lau­fen. Ver­mut­lich erwi­sche ich ihn in einer der nächs­ten Schleu­sen. Ich schwenke wild die Arme und rufe sei­nen Namen. Und er tritt auf die Ter­rasse und winkt zurück, winkt mich zu sich rein, um mit mir die Welt­meere zu durch­kreu­zen, und wir sit­zen vorm Pan­ora­ma­fens­ter, trin­ken ein Gläs­chen Bar­ba­roux und sehen Wale vor­bei­zie­hen.

Eine Fla­sche Roten habe ich dabei. Und da, liegt da nicht etwas auf dem kur­zen Steg? Ja. Norbu hat an mich gedacht. Ein Kor­ken­zie­her und zwei Glä­ser. Keine Nach­richt. Aber – wie er wahr­schein­lich sagen würde: Das ist ja gerade die Nach­richt.

»Schreib du’s auf«, hatte er immer wie­der gesagt, wenn ich ihm riet, aus sei­nem Elfen­bein­turm raus­zu­kom­men und seine Ideen irgend­wie unter die Leute zu brin­gen. »Du bist eh der bes­sere Schrei­ber. Ich kann nur Doku.« Damit meinte er sei­nen uner­müd­li­chen anony­men Input für die Wiki­pe­dia.

Klar bin ich sauer. Und trau­rig. Und ver­stört. Aber er hat an mich gedacht. Und irgend­wie hat er mich auch auf die­sen Moment vor­be­rei­tet. Ich rufe laut »Scheiße!«, schlage auf die Lehne des wind­schie­fen Stuhls und belege Norbu inner­lich mit den schlimms­ten Schimpf­wör­tern, die mir ein­fal­len. Dann atme ich tief durch. Das tat gut. Jetzt kann ich mich ganz dem wid­men, was ansteht.

Mein klei­nes Notiz­büch­lein habe ich dabei – es ste­hen nur ein paar Tele­fon­num­mern drin und eine Hand­voll Inter­net­adres­sen. Auch ein Stift fin­det sich in mei­ner Jacke. Ich stehe auf, setze mich auf den Steg, gieße zwei Glä­ser ein und proste uns zu. Auf unsere Freund­schaft! Ich will, ich kann ihm nicht böse sein. Mein Freund zu sein bedeu­tete ihm mehr als unsere Tref­fen und unsere Gesprä­che. Ihm war das see­li­sche Band zwi­schen uns immer wich­ti­ger. Und auf die­ses hebe ich jetzt das zweite Glas. Dann nehme ich den Stift zwi­schen die Fin­ger.

Hm. Ein eigen­ar­ti­ges Gefühl. Alles auf­schrei­ben … Wie soll ich anfan­gen? Wie fängt es immer an?

»Ich betrete den Kor­ri­dor.«

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Kxax Can Wait

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Auch hier ist nie­mand. Nun habe ich alle Gänge abge­sucht, und es ist tat­säch­lich kei­ner mehr am Leben: von uns nicht und nicht von den Frem­den, die mit dem Schiff gekom­men sind, um sich der Frage zu stel­len.

Ihr Schiff, spüre ich, hat sich in Bewe­gung gesetzt. Es hat nach sei­ner Besat­zung geru­fen, und als es keine Ant­wort hörte, hat es sich selbst auf den Weg gemacht. Mich hat es nicht bemerkt.

Dem letz­ten der Frem­den habe ich die Frage stel­len kön­nen! Ich, der jüngste von uns allen. Zum ers­ten Mal. Es ist ein noch grö­ße­res Glücks­ge­fühl, als uns Spröss­lin­gen pro­phe­zeit wurde. Ich werde noch lange davon zeh­ren kön­nen, auch wenn die Gegen­frage aus­blieb. Viel­leicht hat meine Gabe zu schnell gewirkt, war der Fremde fra­gi­ler, als ich dachte. Aber auch so fühle ich mich bereit, in die Fuß­stap­fen mei­nes toten Leh­rers zu tre­ten und die Frage hin­aus in den dunk­len, kal­ten Ozean zwi­schen den Ster­nen zu tra­gen, zu all denen dort, die ohne es zu ahnen viel­leicht schon seit Urzei­ten dar­auf war­ten, die Frage gestellt zu bekom­men.

Es ist noch ein wei­te­res Wesen an Bord. Kei­nes aller­dings, das die Frage ver­ste­hen würde: ein Vier­bei­ner, etwa so groß wie ich, doch hat es Angst vor mir. Ich werde mich ihm sehr behut­sam nähern. Viel­leicht kön­nen wir uns mit­ein­an­der anfreun­den. Ich weiß nicht, wie lange es dau­ern wird, bis das Schiff sei­nen Hei­mat­ha­fen erreicht und ich wie­der die Frage stel­len kann: Es wäre schön, auf der Reise nicht ein­sam sein zu müs­sen.

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Pazzo – e alora?

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Ich betrete den Kor­ri­dor und höre Nr. 389 schon von wei­tem dozie­ren und lamen­tie­ren. Ein selt­sa­mer Insasse. Kei­ner weiß genau, wo er her­stammt. Er nennt sich Muzimi Ceril und faselt tag­ein, tag­aus etwas in einer frem­den Spra­che, die bis­her kei­ner von uns iden­ti­fi­zie­ren konnte. Ich glaube, eine Behand­lung hat der Chef längst auf­ge­ge­ben. Zumin­dest muss ich Nr. 389 nur noch sel­ten aus sei­ner Zelle holen und zu ihm brin­gen.

Ich ent­riegle die Essens­klappe und schiebe ihm sei­nen Napf hin. Sein runz­li­ges Gesicht erscheint in der Öff­nung und sieht mich mit wei­ten, irren Augen an, mur­melt Worte einer frem­den Spra­che. »Ich ver­stehe dich nicht. Kein Wort. Nie­mand hier ver­steht dich«, sage ich. Plötz­lich ver­zieht ein ver­schmitz­tes Lächeln sein Gesicht.

»Lin­gua ignota Hil­de­gar­dis«, sagt er hei­ser. Hil­de­gard? So ist es immer: Man glaubt etwas aus sei­nem Gebrab­bel her­aus­zu­hö­ren, aber dann wird es sofort wie­der unver­ständ­li­ches Kau­der­welsch.

Dann reicht er mir seine Zet­tel. Wie immer sind sie über­sät von win­zi­gen bun­ten Zeich­nun­gen, die über­aus eigen­ar­tige Maschi­nen zei­gen, mit Bema­ßun­gen und Anmer­kun­gen in einer unbe­kann­ten Schrift, womög­lich sei­ner Geheim­schrift. Er zwin­kert mir auf­mun­ternd zu. In sei­nem ver­dreh­ten Hirn scheint er die fixe Idee ent­wi­ckelt zu haben, dass ich nichts Bes­se­res zu tun habe, als in mei­ner Frei­zeit zu Hause seine Maschi­nen zu bauen, mit min­des­tens der irr­sin­ni­gen Exakt­heit, die aus sei­nen Bau­plä­nen spricht.

Ich nicke ihm freund­lich zu, und er lässt, offen­bar zufrie­den mit mei­ner Reak­tion, die Klappe her­un­ter­fal­len. Nr. 389 hat keine Ahnung, dass ich seine Zeich­nun­gen mei­nem Nef­fen Luigi gebe, einem Jour­na­lis­ten. Luigi Ser­a­fini, viel­leicht ken­nen Sie ihn. Er nennt das stän­dig anwach­sende Kon­vo­lut an wun­der­li­chen Bild­chen zärt­lich sei­nen Codex und lässt sich davon zu sei­nen Glos­sen über den Wahn­sinn des All­tags inspi­rie­ren, »La Fol­lia della Vita Quo­ti­diana«, kurz FdVQ, wie es in schö­ner Regel­mä­ßig­keit über der lin­ken Spalte auf der vor­letz­ten Seite der größ­ten ita­lie­ni­schen Tages­zei­tung heißt.

 

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Into Chal­len­ging Cir­cum­s­tances

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Wohin hat mich die Reise auf die Rück­seite der Zeit und zurück dies­mal geführt? Ich bin erschöpft und fühle mich leer und kraft­los. »Wir sind Wan­de­rer«, hatte Kte­phaim gesagt, als er mich in ihre Rei­hen auf­nahm. Aber irgend­wann braucht auch der kräf­tigste Wan­de­rer eine Rast.

Ich bin in einem Innen­raum mit Fens­tern. Von drau­ßen dringt ein bestän­di­ges Brau­sen und Rau­schen zu mir, und es huschen Lich­ter durch den Raum: Sie rasen zu bei­den Sei­ten an mir vor­bei, weiß auf der einen, rot auf der ande­ren Seite – ein Heer rasen­der Maschi­nen, hin­ter dem ich auf einer Seite im letz­ten Schein der unter­ge­gan­ge­nen Sonne Bäume erken­nen kann.

Obwohl mir der Lärm, die Lich­ter und die unzäh­li­gen an mir vor­beib­rau­sen­den Maschi­nen sehr fremd­ar­tig und furcht­ein­flö­ßend vor­kom­men, weiß ich auf eine selt­same Weise, dass das alles keine unmit­tel­bare Gefahr für mich dar­stellt. Begriffe kom­men mir in den Sinn, die mir die bizarre Sze­ne­rie erklä­ren, auch wenn ich nicht sagen könnte, woher: Die lär­men­den Maschi­nen sind Fahr­zeuge, zum Trans­port von Men­schen und Las­ten gedacht, und in genau so einer Maschine befinde ich mich hier, auch wenn diese hier still dasteht. Durch das größte der Fens­ter auf der Schmal­seite des Fahr­zeugs sehe ich wei­tere große Maschi­nen, Bau­ma­schi­nen – und Gestal­ten, die leuch­tende Klei­dung tra­gen und im Schein gro­ßer Lich­ter, die auf Stel­zen ste­hen, geheim­nis­vol­len Tätig­kei­ten nach­ge­hen.

Auf den Sit­zen vorne ent­de­cke ich eine zusam­men­ge­krümmte Gestalt, und noch bevor ich sie erkenne, durch­strömt mich ein Glücks­ge­fühl: Enra-daí! Sie blickt auf, als ich ihren Namen flüs­tere, wirkt ver­stört und ver­ängs­tigt, erkennt mich dann aller­dings.

»Criph? Du bist mir gefolgt. Aber wie kann das sein?«

Sie ist um kei­nen Tag geal­tert, seit wir uns das letzte Mal gese­hen haben. Ich bli­cke ihr in die Augen, die wil­den Augen, deren Blick mich in mei­ner Erin­ne­rung all die Jahre lang nie los­ge­las­sen hat.

»Wir sind gefan­gen«, erklärt sie mir, und ich sehe, dass sie geweint hat. »Man kann hin­durch­se­hen, aber es ist ein Gefäng­nis. Und da drau­ßen …« Sie umklam­mert meine Hand.

»Das ist Glas«, sage ich, »es schützt gegen Wind.«

Im Blick Enra-daís spie­gelt sich Unver­ständ­nis, als ich die Hand hebe und gegen eine der Schei­ben klopfe. »Dies ist ein Fahr­zeug, das Arbei­ter trans­por­tiert.«

Aber letzt­lich bin ich es, den sie ungläu­big anstarrt. »Was ist mit dir? Du bist älter, viel älter gewor­den. Du bist jetzt … kein Kind mehr!«

Ich nicke. »Seit wir uns das letzte Mal gese­hen haben, habe ich viele und weite Rei­sen unter­nom­men.«

Sie streicht mir sanft über die lange Narbe am Hals. »Muss­test du kämp­fen?« Enra-daí sieht mich vol­ler Mit­ge­fühl an. »Warst du oft auf der Rück­seite der Zeit?«, fragt sie. Meine Ant­wort, »etwa ein Dut­zend Mal«, macht sie einen Augen­blick lang sprach­los. Sie bemerkt, dass sie immer noch meine Hand umklam­mert, und lässt los. »Ich weiß von kei­nem Wan­de­rer, der so oft gereist wäre. Ich selbst bin sechs­mal gereist. Kämp­fen musste ich nie. Meist brauch­ten sie da eine Hei­le­rin. Jetzt aller­dings, glaube ich, hat mich die Kraft für die Rei­sen ver­las­sen – und das gerade hier im Hete­mit.«

»Hete­mit?«

»Glaubst du nicht, dass es das Reich von Ammit, der Toten­fres­se­rin, ist?«

Ich schüttle den Kopf: »Das hier ist eine« – mei­ner Zunge fällt die Aus­spra­che schwer – »Auto­bahn­bau­stelle. Und wir soll­ten hier ver­schwin­den, bevor wir ent­deckt wer­den.«

Genauso, wie mir auf rät­sel­hafte Weise Begriffe und Zusam­men­hänge ins Bewusst­sein kom­men, »erin­nere« ich mich auch daran, wie ich mit den Din­gen umge­hen kann: Ich öffne die Schie­be­tür des Klein­bus­ses. Enra-daí schreit auf und kau­ert sich zit­ternd zusam­men: Das Brau­sen der vor­über­ra­sen­den Autos erreicht uns jetzt unge­dämpft.

»Keine Angst. Sie blei­ben in ihrer Spur.« Ich fasse Enra-daí an der Hand und ziehe sie bis zur Bau­stel­len­ab­sper­rung, warte eine Lücke im Strom der Fahr­zeuge ab, und renne mit ihr zur ande­ren Seite. Ein Tank­last­zug don­nert auf uns zu und hupt. Doch wir sind schnel­ler.

Nach weni­gen Metern über­win­den wir einen Wild­zaun und tau­chen in den dunk­len Wald. Bald sind die Geräu­sche der Auto­bahn nur noch ein fer­nes Rau­schen. Enra-daí beru­higt sich. Auf einer Lich­tung blei­ben wir ste­hen. Im silb­ri­gen Licht der Sterne und der schma­len Mond­si­chel sieht sie wun­der­schön aus. Sie bemerkt mei­nen Blick.

»Eben warst du noch ein Junge, und jetzt …«

Ich packe sie an den Schul­tern und ziehe sie sanft zu mir hin. Wir küs­sen uns, inein­an­der ver­schlun­gen mit unse­ren Mün­dern, unse­ren Lei­bern, See­len und Leben. Ich bin heim­ge­kom­men.

»Criph …«, sagt sie schließ­lich und schmiegt sich an mich. Wie beglü­ckend es ist, sie im Arm hal­ten zu kön­nen!

»Wie … hast du mich gefun­den?«

Ich bli­cke ihr in die Augen. »Nicht ich. Das Schick­sal. Die Sehn­sucht. Hast du dich nie gefragt, wer oder was uns zu unse­ren Auf­ga­ben schickt?«

»Die Göt­ter«, meint sie mit erns­tem Blick.

Ich muss lächeln. »Viel­leicht sind wir es selbst, mit unse­rer Sehn­sucht.« Enra-daí ver­sucht, mein Lächeln zu erwi­dern, ver­steht aber offen­sicht­lich nicht, wovon ich rede. »Die Völ­ker, zu denen mich meine Reise geführt haben, sehn­ten sich nach etwas. Nach Ret­tung viel­leicht, oder nach Hei­lung, man­che nach Frei­heit oder Erkennt­nis.«

»Oder Glück.«

Ich nicke. »Und mehr als nach allem ande­ren sehnte ich mich nach dir.«

Ihr tre­ten die Trä­nen in die Augen. »Ich hatte noch gar nicht die Zeit, mich nach dir zu seh­nen.«

Ich muss wie­der lächeln, und mein Herz hüpft vor Freude, dass sie das sagt.

Wenig spä­ter lau­fen wir einen Wald­weg ent­lang, der durch gelbe Kreuze auf den Bäu­men gekenn­zeich­net ist. Enra-daí hält meine Hand, als ob sie mich nie mehr los­las­sen wollte.

»Was ist das für eine Welt? Du warst schon ein­mal hier?«

»Nein. Aber es ist, als würde ich mich an alles erin­nern, als würde ich das alles schon ken­nen. Es ist eigen­ar­tig.«

»Ich finde es beängs­ti­gend. Wer sol­che Maschi­nen baut, muss unge­heure Macht besit­zen – wie dein Volk, Criph, das so sei­nen Unter­gang her­auf­be­schwo­ren hat. Meinst du, die­ses Volk hier hat Sehn­sucht nach uns?«

Der Weg vor uns teilt sich. Ich folge dem mit den gel­ben Kreu­zen.

»Meinst du«, fragt sie wei­ter, »sie seh­nen sich nach Ret­tung oder Hei­lung? Und da haben die Göt­ter uns beide hier­her­ge­schickt?«

»Ich weiß es nicht. Viel­leicht hast du recht. Viel­leicht erwar­tet uns hier eine Auf­gabe, die wir nur gemein­sam bewäl­ti­gen kön­nen, eine Auf­gabe, die Kampf­geist und Für­sorge erfor­dert.«

Eine Weile gehen wir schwei­gend neben­ein­an­der her.

»Kampf­geist und Für­sorge«, wie­der­holt sie flüs­ternd.

»Die Wan­de­run­gen«, sage ich, »haben uns immer an den rich­ti­gen Ort gebracht. Auch wenn wir manch­mal nicht gleich wuss­ten, wel­che Auf­gabe uns erwar­tet.«

Sie nickt: »Weißt du es dies­mal?« Sie sieht ver­lo­ren aus, wäh­rend sie das sagt, und gleich­zei­tig unend­lich glück­lich.

»Zumin­dest«, sage ich, »weiß ich dies.« Und küsse sie.

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Sug­gested Hymn for Ever Ever Land

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Ich betrete den Kor­ri­dor, und so wird es bis in alle Ewig­keit sein, denn ich bin in genau die­sem Moment des über die Schwelle Schrei­tens gefan­gen, als wäre es ein Foto. Die­ser ein­ge­fro­rene Augen­blick – die Hand an der Klinke, der linke Fuß in der Luft, der Blick nach vorn, meine Hoff­nung und Erwar­tung – wird für mich nie wie­der zu Ende sein.

Das gol­dene Buch Got­tes gibt es wirk­lich. Ich erfuhr das alles nach mei­nem Able­ben: Darin ver­zeich­net er nicht etwa die guten und die schlech­ten Taten aus dem Leben sei­ner Geschöpfe, son­dern jeweils nur einen ein­zi­gen Moment.

Wenn ich alles rich­tig ver­stan­den habe, dann behält Gott, nach­dem in die­ser Ver­sion sei­ner Schöp­fung alle Mög­lich­kei­ten durch­ge­spielt sind, am Ende von allem etwas als Sou­ve­nir zurück: Was bleibt, ist eine Art kos­mi­sche Schnee­ku­gel, in der all diese win­zi­gen per­fek­ten Augen­bli­cke wie in Form­alde­hyd oder bes­ser noch wie in Gieß­harz für immer auf­be­wahrt sind – von jedem von uns der ulti­ma­tive Kul­mi­na­ti­ons­punkt eines Daseins, das spe­zi­elle Zeit­frak­tal, in dem ein Bewusst­sein hell auf­ge­blitzt ist und sich kurz voll­kom­men ent­fal­tet hat.

Das mag ganz groß­ar­tig klin­gen, nur lei­der han­delt es sich – musste ich sozu­sa­gen am eige­nen Leib erfah­ren – offen­bar nicht unbe­dingt um die Augen­bli­cke unse­res Lebens, von denen wir hof­fen oder auch nur glau­ben, sie kämen dafür infrage. Im Gegen­teil: Oft ist es ein Moment, der uns im Vor­bei­le­ben gar nicht beson­ders auf­ge­fal­len ist und den wir – wenn wir uns über­haupt an ihn erin­nern – ziem­lich uner­heb­lich fin­den wür­den.

Ich betrete den Kor­ri­dor. Und so wird es immer sein – ein ver­stei­ner­ter, immer­wäh­ren­der Augen­blick. Aber warum nur bin ich in die­sem Moment gefan­gen? Warum ist es nicht der Kuss des Gelieb­ten auf mei­nen Lip­pen, der Anblick des ster­nen­über­sä­ten Him­mels, den ein auf­schim­mern­der Meteor durch­kreuzt, oder auch nur der herz­hafte Biss in einen rei­fen Apfel? Nein. Ich betrete den Kor­ri­dor. Dies ist – nach dem Rat­schluss des Höchs­ten – mein Moment. Mein ewi­ger Moment. Ich betrete den Kor­ri­dor.

Viel­leicht sollte ich mich nicht bekla­gen. Ich habe es noch ganz gut getrof­fen und muss nicht eine Ewig­keit mit Zahn­schmer­zen, zwi­schen unge­wa­sche­nen U‑Bahn-Fahr­gäs­ten, wäh­rend des Pickel­aus­drü­ckens oder beim Prok­to­lo­gen ver­brin­gen.

Ewig – da kann einem die Zeit echt lang wer­den. Bes­ser ist’s, ich akzep­tiere die mir zuge­dachte Rolle und mache das Beste draus. Habe ich eine Wahl? Nein. Also!

Ich betrete den Kor­ri­dor.

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Caro autem infirma

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»Ich betrete den Kor­ri­dor aus wir­beln­den Ster­nen und Gala­xien, der mir einen kur­zen Blick in das Mul­ti­ver­sum gestat­tet, bevor mich ein gewal­ti­ger Sog zu Boden reißt und mir die Luft abschnürt.«

Viel­leicht kommt Ihnen das bekannt vor. So habe ich meine Reise hier­her beschrie­ben, und bis dahin stimmt es auch. Aber alles danach …

Ich brachte es ein­fach nicht übers Herz. Ich konnte es nicht, beim bes­ten Wil­len nicht: den jun­gen Phy­si­ker, der vor lau­ter Über­mut aufs Eis hin­aus­schlid­derte, ster­ben las­sen. Von Ferne beob­ach­tete ich ihn und dann die junge Jog­ge­rin, die ihn unter Lebens­ge­fahr aus dem Was­ser zog und wie­der­be­lebte.

Noch nie im Leben habe ich mich so elend gefühlt. Alle habe ich ver­ra­ten. Den Mör­der, der sich nichts sehn­li­cher wünschte, als dass ich sein jün­ge­res Alter Ego ster­ben lasse, damit es nicht die Welt in den Unter­gang reißt. Albo, den ich ange­lo­gen und ohne ein Wort des Abschieds zurück­ge­las­sen habe in sei­ner Welt – ver­mut­lich ernst­haft ver­stört, weil ich zusam­men mit mei­ner Katze unter den Augen einer Über­wa­chungs­ka­mera plötz­lich spur­los ver­schwun­den bin. Und mich, der ich hoffte, mit mei­ner Reise hier­her etwas Bedeu­ten­des tun und neu anfan­gen zu kön­nen: als Pri­vat­ge­lehr­ter, der sich den Lebens­abend ganz nach Gut­dün­ken aus­ge­stal­ten kann – immer in dem Wis­sen, die Mensch­heit vor der Ver­nich­tung bewahrt zu haben, auch wenn es kei­ner ahnt.

Das ist jetzt alles vier, fünf Jahre her. Ich lebe auf der Straße, bin regel­mä­ßi­ger Gast in der Sup­pen­kü­che. Was ich besitze, passt in eine Plas­tik­tüte. Plu­ra­belle ist mir weg­ge­lau­fen. Zu den Pfer­de­ren­nen bin ich nicht hin­ge­gan­gen – der Mör­der hatte mir alles auf­ge­schrie­ben, und ich hätte am Tota­li­sa­tor ein Ver­mö­gen machen kön­nen, mit Schia­pa­relli, Dis­kre­tion und wie sie alle hei­ßen. Doch ich konnte es nicht, genauso wenig wie eine fremde Iden­ti­tät anneh­men. Ich bin in der Gosse gelan­det.

Immer und immer wie­der stelle ich mir vor, ich hätte den Schneid beses­sen, die Jog­ge­rin auf­zu­hal­ten. Oder dass es zumin­dest in allen ande­ren par­al­le­len Wel­ten so pas­siert ist. Was aber nichts daran ändert, dass der junge Phy­si­ker hier, sozu­sa­gen direkt vor mei­nen Augen, unge­hin­dert sei­nen Gene­ra­tor bauen konnte.

Ja, ich bin dort gewe­sen, bin um den Lager­schup­pen, den er ange­mie­tet hat, her­um­ge­schli­chen, habe ihn beob­ach­tet. Ich wollte ein Feuer legen, aber selbst dazu hatte ich nicht den Mut, weil ich Angst hatte, es könn­ten ihn da gerade zufäl­lig seine Frau mit den Zwil­lin­gen, Magnus und Dig­nus, besu­chen kom­men. Präch­tige Jungs, die bei­den, stroh­blond, quir­lig und kaum im Zaum zu hal­ten – die Kin­der, die ich hätte in die Welt set­zen kön­nen, wenn alles anders gelau­fen wäre, von vorn­her­ein anders.

Es ist nicht mehr lang hin, dann legt er den Schal­ter um und star­tet den Test­be­trieb. Ich sollte mich mit einem Pla­kat auf den Pots­da­mer Platz stel­len: »Das Ende der Welt ist nah!« Dafür wäre ich genau der Rich­tige: ein alter, stin­ken­der Pen­ner mit strup­pi­gem Bart und einer Fla­sche bil­li­gen Fusels in der Hand.

Er wird vol­ler Hoff­nung seine geniale Erfin­dung anschal­ten, und sie wird die halbe Gala­xis zer­trüm­mern, eine Hälfte sei­nes Gesichts zer­stö­ren und ihn in eine andere Welt schleu­dern. Dort wird er ver­zwei­felt nach einem Weg suchen, sei­nen Feh­ler unge­sche­hen zu machen, Morde dafür bege­hen, sich fünf­zig Schreib­ma­schi­nen besor­gen … Und das alles, ohne zu wis­sen, dass eigent­lich ich schuld bin, nicht er, denn ich Unglück­se­li­ger hatte es in der Hand, die Kata­stro­phe zu ver­hin­dern!

Wenn ich Papier finde auf der Straße oder in den Müll­ei­mern, dann kritzle ich kleine Texte und Geschich­ten dar­auf. Sie begin­nen alle mit »Ich betrete den Kor­ri­dor«. Manch­mal passt nicht mehr drauf als der erste Satz. Auch gut. Oder ich erin­nere mich nicht genau, obwohl ich sie so oft gele­sen habe. Dann schreibe ich neue. Wie die­sen Text hier auf eine Rolle Fax­pa­pier. Ich werde ihn wie die ande­ren in der Stadt ver­tei­len, an Lit­fass­säu­len und Fahr­rad­stän­der hef­ten und in die Sei­ten­fens­ter von Kios­ken ste­cken oder in die Zei­tun­gen auf den Stän­dern.

Aber auch das kann nichts mehr ändern. Ich habe ver­sagt. Er, der andere, der Phy­si­ker – ich habe ihm auch solch einen Zet­tel unter die Schei­ben­wi­scher sei­nes Autos geklemmt, doch er hat ihn ein­fach fort­ge­wor­fen.

Der Mör­der hat mir damals, in mei­ner Welt, als noch nicht alles ver­lo­ren war, erzählt, warum er sei­nen Gene­ra­tor gerade an die­sem Tag in Gang gebracht hat: »Na ja, alle spra­chen vom Ende der Welt und dass die Maya es gewusst hät­ten, und da dachte ich, mach ich’s an genau die­sem besag­ten und besun­ge­nen 21. Dezem­ber 2012. Denn wenn der unwahr­schein­li­che Fall ein­tritt, dass ich damit die Welt ver­nichte, fällt das an dem Tag viel­leicht nicht so auf.« Dann hat er gelacht.

Ich kann dar­über nicht lachen, nicht ein­mal bit­ter. Immer und immer wie­der schreibe ich des­halb auf, wie es hätte kom­men kön­nen, wenn ich die Jog­ge­rin auf­ge­hal­ten hätte, in der Hoff­nung, dass es irgendwo Wirk­lich­keit wird und nicht ein gan­zer Spi­ral­arm unse­rer Milch­straße von einem Augen­blick zum ande­ren ver­dampft.

Ande­rer­seits hat ja schon Anfang des 14. Jahr­hun­derts, habe ich irgendwo gele­sen, der Logi­ker und Erfin­der des Com­pu­ters Ramon Llull bewie­sen, dass die Welt nicht ewig dau­ern kann, son­dern irgend­wann enden muss.

Oder viel­leicht, rede ich mir ein, ist es ja auch gut, dass die Schöp­fung sich auf­löst! Ist sie viel­leicht der laby­rin­thi­sche Fie­ber­traum eines Got­tes, der vor Ein­sam­keit wahn­sin­nig gewor­den ist, und erst wenn sie ver­geht, kann er aus sei­nem unru­hi­gen Schlaf erwa­chen?

Ja, irgend­wie bin ich zum Mys­ti­ker gewor­den. Ver­rückt, nicht? Aber auch irgend­wie pas­send. Manch­mal, wenn ich genü­gend trinke, kann ich daran glau­ben: dass das alles nicht wahr ist. Dass irgendwo ein klü­ge­res Alter Ego von mir einen Weg gefun­den hat, die end­lo­sen Wie­der­ho­lun­gen des Irr­sinns ein für alle Mal zu unter­bre­chen. Oder beginnt immer wie­der alles von vorn, und es liegt wie­der ein blu­ti­ges Men­schen­herz in einem Kor­ri­dor auf einem Sta­pel von fünf­zig Geschich­ten?

In zwei Wochen wird es sich her­aus­stel­len. Auch wenn Sie und ich nie davon erfah­ren wer­den. Ver­mut­lich haben wir, wenn die Welt unter­geht, auch wirk­lich andere Sor­gen. Tut mir leid, Sie mit all­dem beläs­tigt zu haben. Wie hat mal jemand in den Kor­ri­do­ren gesagt? Machen Sie sich bis dahin ein­fach eine schöne Zeit!