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Upphaf er endir
Ich betrete den Korridor. Es ist der Korridor, von dem, wenn auch verschlüsselt, alte Legenden berichten, der, wenn auch verklausuliert, in antiken Märchen erwähnt wird, der sagenhafte Korridor, der in gewisser Weise das Urbild und Vorbild für alle Korridore ist, das unbewusste Ziel all jener, die einen Korridor erbauen, und all derer, die je einen Korridor betreten.
Es ist der Korridor, von denen seit Urzeiten Schamanen und Mystiker berichten, an den verwitterte Steinritzungen gemahnen und auf den unentzifferbare Symbole längstvergessener Schriften hindeuten, ein archetypischer Korridor, der sich im Dunkel der Zeiten verliert und der bis heute seinen Platz im Bewusstsein der Menschen hat, der aus Weisheiten wie »Der Weg ist das Ziel« oder »I did it my way« herausleuchtet und vom kapitalistischen Fortschrittsglauben bis zur Unkenntlichkeit konterkariert wird. Paläolitische Wohnhöhlen, Gilgameschs Uruk, das buddhistische Shambala, Atlantis mit seiner Tempelstadt, die mysteriöse Induszivilisation der Veden – all diese uralten, mystischen Orte vereint letztlich eine Essenz: der ebenso zentrale wie fundamentale Korridor, der zur Krypta und zum Sanktissimum führt – ins Allerheiligste und Herz der Dinge.
Es ist der Korridor, der in Form zeremonieller Labyrinthe überliefert ist, von dem Pilgerreisen einen schwachen Abglanz, von dem Tunnel ins Licht der jenseitigen Welt ein fernes Echo darstellen. Es ist der Korridor, von dem die Weisen sagen, dass er sich mit jedem Schritt, den wir hineintun, erst formt.
Viele Jahre lang, ein halbes Leben lang war ich davon überzeugt, es müsse ihn irgendwo geben, etwa wie ein vergessenes Grab, eine verschüttete Kultstätte, eine versunkene Tempelanlage. Ich habe mich auf die Suche begeben – in Bibliotheken und den Mythen der Welt, unter den Ältesten aussterbender Völker und bei Trance-Medien und denen, die Umgang mit der Geisterwelt führen, und nicht zuletzt mit journalistischem Spürsinn und meiner ganz eigenen romantischen Schwärmerei.
Doch der Korridor blieb ungreifbar, eine Fata Morgana am Horizont, wabernd, verschwimmend, sich in Luft auflösend und an anderer Stelle wiedererscheinend. Berichte von jenen, die von ihm wussten, waren ebenso spärlich wie kryptisch, und natürlich hieß es immer, dass von denen, die ihn betreten hatten, keiner zurückkehrte, um davon berichten zu können – ein integrales Element antiker Mythen, die neben dem Versuch einer Welterklärung immer auch Verschleierungstaktik sind, damit das Eigentliche, die grundlegende Wahrheit über die Welt, denen vorbehalten bleibt, die damit umgehen können.
Die am schwersten zu überwindende Mauer des Schweigens, auf die ein Suchender stoßen kann, ist die aus unzähligen beredten Zungen. Der Korridor ist der Weg ins Zentrum, ins Wesentliche, aber sein Wesen macht ja gerade aus, dass es zahlreiche Abzweigungen gibt, Ablenkungen, Zerstreuungen, verheißungsvolle Türen und Durchgänge zu beiden Seiten des Wegs, mit deren Durchschreiten der Sucher sein Ziel aus den Augen verliert.
Das Wissen um den Ur-Korridor ist nur noch in Fragmenten vorhanden. Es gilt, sie zu sammeln und zusammenzusetzen, bis sich eine Kontur seines Ursprungs abzeichnet. Denn dieser Korridor ist kein Bauwerk einer verschollenen Zivilisation, kein X auf einer vergilbten Schatzkarte, nichts, das Satellitenaufnahmen oder ein Bodensonar aufspüren könnten. Er ist ein Sinnbild, eine Metapher für die Urerfahrung, dass es zur Natur des Menschen gehört, ständig Gefahr zu laufen, vom eigenen Weg abzuweichen und in die Irre zu gehen – sei es, weil wir der Masse folgen, sei es, weil wir fremden oder gar eigenen Einflüsterungen nachgeben.
Meine Suche, die mich um den halben Erdball geführt hat, brachte mich am Ende konsequenterweise an den Anfang zurück. Zu mir. Zur Suche und zum Grund für die Suche, ob ich es nun Wahrheit nenne oder Glück, Seele oder Authentizität, das Tao oder Erfüllung, das Sein oder das richtige Leben im falschen. Das Allesentscheidende hat viele Namen und tritt in vielen Verkleidungen auf. Für mich ist es der Korridor.
»Triff die richtige Entscheidung – und ducke dich unter den Querschlägern weg« lautete einmal der Rat eines toltekischen Zauberers an mich, und tatsächlich ähneln sich die weisen Ratschläge für Korridorsucher und laufen üblicherweise auf das Motto »Immer wach und in Bewegung bleiben!« hinaus.
Ich war jemand, der in einem Korridor den Korridor suchte. Aber der lange Weg war nötig, damit ich hier ankommen konnte, um schließlich den entscheidenden Schritt zu machen.
Ich betrete den Korridor.