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♫ Secret Mat­ters ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor in den Mann­schafts­quar­tie­ren und schließe hin­ter mir die Tür zu der klei­nen Kam­mer, in der sich meine Koje befin­det. Außen klebt ein Schild mit mei­nem Namen und dem Zusatz »Xeno-Lin­gu­is­tin«. Wenn mein Blick dar­auf fällt, habe ich immer noch den Impuls, mir ver­wun­dert die Augen zu rei­ben. Was für eine unglaub­li­che Wen­dung des Schick­sals hat mich aus Papua-Neu­gui­nea hier­her an Bord eines For­schungs­raum­schiffs gebracht, wel­ches das Son­nen­sys­tem ver­las­sen hat und kurz davor steht, Kon­takt mit einer außer­ir­di­schen Zivi­li­sa­tion auf­zu­neh­men?

Unver­mit­telt kom­men mir die Worte »Tea nubunubu mataa« in den Sinn. Vor zehn Jah­ren noch habe ich mich als Lin­gu­is­tin mit aus­ster­ben­den Spra­chen beschäf­tigt. Dann kam der 21.12.12, und dann ging dann alles ganz schnell. Eben noch mit Dik­ta­phon und Lap­top in Ozea­nien unter­wegs, star­tete ich, wie mir schien, schon im nächs­ten Moment im Auf­trag der Mensch­heit mit einem Raum­schiff zu fer­nen Ster­nen und Pla­ne­ten, um beim Kon­takt mit fremd­ar­ti­gen Zivi­li­sa­tio­nen als Über­set­ze­rin zu fun­gie­ren.

Die Cos­mic Bea­gle begann ihre Reise fünf Jahre nach der Auf­he­bung der Qua­ran­täne – eine unglaub­lich kurze Zeit­spanne für die Pla­nung und den Bau eines inter­stel­la­ren Raum­schiffs. Es war, neben dem groß ange­leg­ten Ver­such, den Kli­ma­wan­del zu stop­pen, das erste wirk­lich umfas­sende Mensch­heits­pro­jekt – von ein paar pro­tes­tie­ren­den Fun­da­men­ta­lis­ten und Kon­ser­va­ti­ven ein­mal abge­se­hen.

Dass ich tat­säch­lich mit an Bord bin, kann ich immer noch nicht rich­tig fas­sen. Aber klar: Sie brau­chen einen Sprach­ex­per­ten. Statt nur ein ein­zel­ner Dar­win ist ein gan­zes Team von Spe­zia­lis­ten unter­wegs – und eine Katze, Lady Wow, benannt nach dem Wow!-Signal aus dem Jahr 1977, dem klei­nen Vor­ge­schmack auf das, was uns nach der Auf­he­bung der Qua­ran­täne erwar­tete.

*

Lady Wow ist mehr als ein Mas­kott­chen für uns: Mei­ner Mei­nung nach hat sie uns allen an Bord das Leben geret­tet. Den ers­ten Kon­takt mit außer­ir­di­schem Leben hat­ten wir näm­lich schon, als wir unser Son­nen­sys­tem ver­lie­ßen und Voy­a­ger 1 pas­sier­ten, eine Route, die aus Public-Rela­ti­ons-Grün­den so gewählt wor­den war. Die Welt­raum­sonde Voy­a­ger 1 war das bis dato wei­teste ins All vor­ge­drun­gene Objekt der Mensch­heit, und man­che glau­ben, sie sei der Grund für die Auf­he­bung der Qua­ran­täne gewe­sen: Die Kap­sel erreichte nach 35 Jah­ren Flug­zeit die Helio­pause (noch so ein Wort, von dem ich mir vor zehn Jah­ren nicht hätte träu­men las­sen, dass ich es nicht nur gebrau­chen, son­dern auch wis­sen würde, was es bedeu­tet). Dabei könnte sie mit der Hülle oder dem Netz, mit dem wir Men­schen von den Radio­si­gna­len ande­rer Zivi­li­sa­tio­nen abge­schot­tet wur­den, zusam­men­ge­sto­ßen sein, wor­auf­hin der Fil­ter abge­schal­tet wurde. Warum das aber nun gerade am 21.12.2012 geschah, dem berüch­tig­ten Stich­tag aus dem May­a­ka­len­der, weiß kei­ner zu erklä­ren. Zufall? Schick­sal? Selbst­er­fül­lende Pro­phe­zei­ung? Jeden­falls war es nicht das Ende der Welt für uns, son­dern ein neuer Anfang.

Der Ter­mi­na­tion Shock lag schon eine Weile hin­ter uns. Wir sand­ten Fotos von unse­rer Annä­he­rung an Voy­a­ger 1 zur Erde. Und dann, ich saß gerade beim Früh­stück, Lady Wow auf dem Schoß, brei­tet sich in mei­nem Inne­ren ein kal­ter Hauch aus und lässt mich erstar­ren. Es war, als stünde ich nackt unter einem viel­tau­send­äu­gi­gen Mikro­skop, das mich in Sekun­den­bruch­tei­len Pore für Pore stu­dierte und in- und aus­wän­dig abtas­tete, kalt, ohne einen Fun­ken Emo­tion oder Mensch­lich­keit – außer dass es hung­rig war. Sehr, sehr hung­rig.

Lady Wow fauchte und bleckte die Zähne. Sie sprang von mei­nem Schoß, und jagte zwi­schen den Stüh­len herum, als würde sie eine unsicht­bare Maus jagen. Der kalte, unmensch­li­che Blick, der mich bei leben­di­gem Leib seziert hatte, ver­schwand mit einem Mal, und ich glaubte, noch so etwas wie ein Bedau­ern zu spü­ren. Dann war es weg.

Lady Wow kam wie­der zu mir, legte sich auf mei­nen Ober­schen­kel und schnurrte. Ich war im Inners­ten erschüt­tert. Die Stimme der Galak­ti­schen Föde­ra­tion zehn Jahre zuvor war mir freund­lich und fast ein­fühl­sam vor­ge­kom­men. Das hier, was immer es gewe­sen war, war ein Jäger, und ich war seine Beute. Ich habe keine Ahnung, wie es Lady Wow gelang, das Wesen zu ver­ja­gen, ein imma­te­ri­el­les oder womög­lich aus Dunk­ler Ener­gie bestehen­des Wesen, das außer­halb unse­res Son­nen­sys­tems den inter­stel­la­ren Raum durch­streift.

Oder war es die Qua­ran­tä­ne­glo­cke selbst, Reste von ihr? Die Mei­nun­gen in unse­rer Crew gehen bis heute aus­ein­an­der. Und wir hat­ten wahr­lich viel Zeit, das Erleb­nis aus­zu­dis­ku­tie­ren, das jeder von uns anders wahr­ge­nom­men hat.

*

In mei­nem vor­he­ri­gen Leben als Sprach­for­sche­rin habe ich mich kei­nen Deut für Sci­ence-Fic­tion inter­es­siert. Doch wie anders soll ich mich auf den Kon­takt mit Außer­ir­di­schen vor­be­rei­ten, der ja, bis er dann irgend­wann statt­ge­fun­den hat, nichts ande­res ist als eine Fik­tion? Also begann ich, all das zu stu­die­ren, was sich Schrift­stel­ler an Begeg­nun­gen mit fremd­ar­ti­gen Wesen aus­ge­malt haben.

Und wis­sen Sie, was eigen­ar­tig ist? Ich fand unter all die­sen Geschich­ten eine, in der eine Katze namens Cap­tain Wow inter­stel­lare Dra­chen ver­jagt, die sie als Rat­ten wahr­nimmt. So ret­tet sie die Raum­fah­rer, die sonst durch die Begeg­nung mit die­sen »Ster­nen­dra­chen« den Ver­stand ver­lie­ren wür­den, denn deren Hun­ger gilt nicht dem Leib, son­dern dem Geist.

Ein selt­sa­mer Zufall, oder?

Den ande­ren an Bord habe ich nichts davon erzählt, aber ich fürchte mich ein wenig vor unse­rer Rück­kehr in zwan­zig Jah­ren. Wird Lady Wow da noch am Leben sein? Ihre natür­li­che Lebens­spanne wird sich längst dem Ende zuge­neigt haben. Aber viel­leicht hat das Her­um­to­ben in der schwe­re­lo­sen Zone unse­res Schiffs die Alte­rungs­pro­zesse ein wenig auf­hal­ten kön­nen. Hof­fent­lich! Denn der Dunkle Dra­che wird an der Grenze zu unse­rem Son­nen­sys­tem wei­ter­hin hung­rig auf der Lauer lie­gen …