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Her­zens­Bre­cher

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Zeit für die Ziga­ret­ten­pause um elf. Von Nicole noch keine Spur. Ich schlen­dere schon mal Rich­tung Rau­cher­bal­kon. Plötz­lich höre ich irgendwo von ferne Schreie im Gebäude. Ein Mann brüllt kurz wie in Todes­not. Das scheint aus dem Trep­pen­haus und damit aus einem der unte­ren Stock­werke zu kom­men. Irri­tiert bleibe ich ste­hen. Eine Gestalt eilt die breite Treppe hoch. Sie trägt einen lan­gen, schwar­zen Man­tel und schwingt ein Schwert. Ich erstarre.

Er ver­schwin­det hin­ter der ers­ten Tür. Ich kenne den Mann, habe ihn heute schon gese­hen.

Wei­tere Schreie aus dem Zim­mer, in das der Mann gelau­fen ist. Frau Pät­zold? Frau Doh­len? Dann Stille. Der Mann rennt her­aus und in die nächste Tür. Immer noch stehe ich erstarrt da. Wenn er jetzt wie­der her­aus­kommt und wei­ter will, stehe ich ihm im Weg. Er hatte sich irgend­wann am Mor­gen hier oben in der höchs­ten Etage in mein Büro ver­irrt, und ich hatte ihm gesagt, wo er das For­mu­lar F‑B3T-42 bekom­men kann. Er wirkte ange­spannt, aber auch unend­lich erleich­tert.

Aus der offe­nen Tür dringt ein grau­en­haf­tes Stöh­nen. Herr Lorentz? Dann tritt der Mann hin­aus. Sein Schwert tropft. Er steht mir gegen­über. Ich spüre, dass ich unkon­trol­liert zu zit­tern beginne. Er sieht wild aus, braun­ge­brannt, schweiß­nas­ses Haar, das ihm sträh­nig ins Gesicht fällt, Bart­stop­peln am Kinn und ein fein­ge­schwun­ge­ner Mund, des­sen Lip­pen ein wenig zit­tern. Und er blickt an mir vor­bei. Ich drehe mich um. Wenige Schritte hin­ter mir steht Nicole. Sie starrt den Mann an. Tritt neben mich. Legt mir die Hand auf die Schul­ter.

»Nicht sie«, sagt sie.

Der Mann starrt sie an. Er scheint ver­blüfft, ungläu­big, fas­sungs­los, kann sei­nen Blick nicht mehr von ihr wen­den. Schließ­lich lässt er sein Schwert acht­los zu Boden fal­len. Sein Ober­kör­per beugt sich, wie von einer geheim­nis­vol­len Kraft gezo­gen, nach vorn, auf Nicole zu. Auch die kann ihren Blick nicht von sei­nem lösen. Ihre Lip­pen beben leicht. Alles um sie herum und alles, was vor­her war, scheint ver­ges­sen. Es gibt nur noch eins. Die bei­den ren­nen auf­ein­an­der zu, pral­len zusam­men, wir­beln, ver­schmel­zen, ver­gra­ben die Gesich­ter inein­an­der.

Durch die gro­ßen Fens­ter drin­gen von ferne Poli­zei­si­re­nen her­ein. Die bei­den lösen sich von­ein­an­der. »Es ist vor­bei«, höre ich die hei­sere Stimme des Man­nes. »Nein«, ant­wor­tet Nicole, »wir flie­hen. Ich habe unten ein klei­nes Auto ste­hen.« Sie bli­cken sich in die Augen. Ich kann erken­nen, wie die Ent­schei­dung in ihm arbei­tet. Dann straf­fen sich Schul­tern des Man­nes. »Wir flie­hen«, flüs­tert er hei­ser, »wir beide, du und ich.« Nicole nickt und fasst seine Hand.

Der Mann sieht zu mir. Nicole fasst seine Hand fes­ter: »Sie wird nichts ver­ra­ten.«

Der Mann nickt lang­sam. Die Poli­zei­si­re­nen nähern sich. Mit einem Ruck wen­det er sich um. Er zieht Nicole mit sich zur Treppe. Sie dreht ihren Kopf noch ein­mal zu mir. Einen Moment lang sieht es so aus, als würde sie mir zuzwin­kern.

Dann eilen beide die Treppe hinab, er mit wehen­dem Man­tel, sie mit wehen­dem Haar. Ein hüb­sches Paar: Nicole und der Frei­beu­ter.

Mir kommt ein Satz in den Sinn, den ich vor einem Jahr oder so mal in einer Zei­tung gele­sen habe und der irgend­wie bei mir hän­gen­ge­blie­ben ist. »Die Welt, in der wir leben, kann schon einen Augen­blick spä­ter nicht mehr exis­tie­ren, ein­fach so, weil irgend­ein Ver­rück­ter beschlos­sen hat, sie zu zer­stö­ren.«

Er hat ein Mas­sa­ker ange­rich­tet. Ich müsste schreien, wei­nen oder ohn­mäch­tig wer­den, aber ich stehe hier nur zit­ternd und weiß nicht, was ich den­ken soll. Mit quiet­schen­den Rei­fen hal­ten jetzt Poli­zei­wa­gen vor dem Gebäude. Schaf­fen es Nicole und ihr Kor­sar, zu flie­hen, der Poli­zei zu ent­kom­men, uner­kannt das Land zu ver­las­sen und irgendwo in der Fremde noch ein­mal ganz neu anzu­fan­gen? Oder muss ich hof­fen, dass der Kil­ler gefasst wird und für seine grau­same, sinn­lose Tat ein Leben lang hin­ter Git­ter kommt?

Und was ist mit mir? Sie wer­den mich befra­gen. Viel­leicht bin ich sogar die ein­zige Über­le­bende im gan­zen Amt. Ich werde in die Zei­tung kom­men und viel­leicht sogar zu Talk­shows ein­ge­la­den, Spie­gel TV, Lanz, Maisch­ber­ger … Bestimmt werde ich hau­fen­weise Briefe bekom­men von Män­nern, die sich in mein Bild ver­lie­ben und mir schrei­ben, sie könn­ten mir hel­fen, mein Trauma zu über­win­den.

Poli­zis­ten eilen mit gezo­ge­nen Pis­to­len die Treppe hoch. Also haben sie ihn nicht erwischt. »Wir haben hier eine Über­le­bende!«, ruft einer.

»Sind Sie ver­letzt?«, fragt er, als er her­an­ge­tre­ten ist, mit Blick auf das blu­tige Schwert am Boden. Wei­tere Poli­zis­ten strö­men her­auf, ver­tei­len sich auf die Zim­mer. Ich schüttle den Kopf. »Wis­sen Sie, wer die­ses Blut­bad ange­rich­tet hat? Haben Sie irgend­was gese­hen?«, fragt er wei­ter. Wie­der schüttle ich den Kopf.

Und doch: Ich habe etwas gese­hen. Ein Bild, das mir nie wie­der aus dem Sinn gehen wird: Nicole, wie sie im Weg­ren­nen den Kopf zu mir dreht und mir zuzwin­kert, ange­spannt, ernst, gefasst, aber auch unend­lich erleich­tert.