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A Ques­tion of Life and Death

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Ich betrete den Kor­ri­dor zu den Mannschaft­squartieren. Achtzehn Jahre nach dem Start der Cos­mic Bea­gle mit dem Auf­trag, benach­barte außerirdis­che Zivil­i­sa­tio­nen aufzusuchen und Kon­takt mit ihnen aufzunehmen, dro­ht unsere Expe­di­tion zu scheit­ern. Ich trage meinen Skaphan­der, obwohl ich weiß, dass er mich nicht vor dem Gift der Aliens schützen kann, die das Schiff geen­tert haben. Wir nen­nen sie »Kxax« – nach dem Geräusch, das sie machen, wenn sie in einem der Gänge und Räume im Schiff mate­ri­al­isieren.

Wir haben das dritte und let­zte Ziel unser­er Reise erre­icht. Es ist ein Plan­et, den große Wasser­flächen und zehn­tausende von Inseln bedeck­en, die von eben­so riesi­gen wie bizarren »Schlingpflanzen« über­wuchert sind. Unser Exo­bi­ologe sprang vor Freude über ein neues, unbekan­ntes Ökosys­tem (das, anders als das vom Plan­eten der Nebelschöpfer, dem unser­er Erde gle­icht) fast an die Decke. Doch bevor wir über­haupt darüber nach­denken kon­nten, wie mit der Zivil­i­sa­tion auf dem Plan­eten, von der die Radiosig­nale stammten, eine Kom­mu­nika­tion möglich ist, waren plöt­zlich fremde Wesen an Bord. Unser Biologe traf als Erstes auf eines von ihnen – und war Sekun­den später tot. Der Kom­man­dant ord­nete an, mit Waf­fenge­walt gegen die Ein­drin­glinge vorzuge­hen, und die Katas­tro­phe begann. In den Kor­ri­doren der Cee­Bee brach ein Gueril­lakrieg aus. Wir radierten der Rei­he nach die Angreifer aus, und sie macht­en, Mannschaftsmit­glied für Mannschaftsmit­glied, uns den Garaus.

Inzwis­chen weiß ich, dass es ein tragis­ches Missver­ständ­nis war.

*

Ich hat­te ern­sthaft geglaubt, dass wir unbe­waffnet waren. Aber da hat­te ich mich wohl getäuscht: Plöt­zlich wur­den Strahlengewehre verteilt, Hadro­nen­strahler, die alles Biol­o­gis­che pul­verisieren, das Met­all des Schiffes jedoch unbe­hel­ligt lassen. Was als Forschungsreise begonnen hat­te, wurde plöt­zlich zu einem First-Per­son-Shoot­er.

Ich ver­schanzte mich mit Masanori, dem Math­e­matik­er, im Kon­troll­raum. Immer wieder gin­gen wir die Aufze­ich­nun­gen der Bor­d­kam­eras durch. Wir stell­ten fest, dass die Kxax – kleine, wendi­ge Geschöpfe, die an eine Mis­chung aus Krabbe und Nack­tsch­necke erin­nern – nicht etwa »mate­ri­al­isierten«, son­dern nur die Sicht­barkeit wech­sel­ten. Waren mehrere von ihnen an ein­er Stelle, chang­ierten sie in allen möglichen Far­ben, so als wür­den sie sich auf diese Weise miteinan­der unter­hal­ten.

Eine Farb­sprache. Ließ sie sich entschlüs­seln?

Bei dem Ver­such, die völ­lig verängstigte Lady Wow zu ret­ten und zu uns in den Kon­troll­raum zu holen, kam Masanori zu Tode. Der Com­man­der meldete sich über Funk, nan­nte Masanori einen Helden, dessen Tod gerächt wer­den müsse, und zer­strahlte sich bei dem Ver­such, das Wesen zu töten, das den Math­e­matik­er auf dem Gewis­sen hat­te, sein halbes Bein, bevor auch er an dem Gift der Außerirdis­chen starb.

*

Das Gemet­zel hat­te nur wenige Stun­den gedauert. Ich bin die let­zte Über­lebende unser­er Crew. Und auch von den Kxax scheint nur ein­er über­lebt zu haben.

Ich schick­te Farb­botschaften auf die Dis­plays in den Kor­ri­doren – anfangs bloße Kopi­en dessen, was ich bei den Kxax selb­st beobachtet hat­te. Nach einiger Zeit bekam ich von dem über­leben­den Kxax eine Antwort – die ich natür­lich erst ein­mal nicht ver­stand.

Das war vor drei Tagen. Jet­zt betrete ich den Kor­ri­dor vor dem Kon­troll­raum. Der Kxax wartet hier. Ich habe gel­ernt, mich ihm in sein­er Licht­sprache ver­ständlich zu machen und genü­gend Ver­trauen gewon­nen, um zu ihm her­auszukom­men und ihm gegenüberzutreten. Es ist ein junger und uner­fahren­er Kxax.

Ab einem bes­timmten Alter sind die Kxax Einzel­gänger, habe ich erfahren. Als sie unser Raum­schiff ent­deck­ten, passierte etwas, das es so wohl noch nie unter ihnen gegeben hat: Sie sandten eine Del­e­ga­tion, um dem ver­meintlichen »Lebenge­ber« gegenüberzutreten, unter dem sie ver­mut­lich ihren Schöpfer­gott ver­ste­hen.

Das tragis­che Missver­ständ­nis war, dass wir bei der ersten Begeg­nung nicht kapierten, dass sie uns etwas fra­gen woll­ten. Wenn sich näm­lich zwei erwach­sene Kxax begeg­nen, stellen sie sich die Frage. Ich habe lange gebraucht, um her­auszufind­en, wie sie lautet. »Bist du bere­it?« scheint eine gute Annäherung zu sein, und gemeint ist wohl: Bist du bere­it, dem Lebenge­ber zu begeg­nen, vor das Angesicht deines Schöpfers zu treten?

Ist ein­er der bei­den »bere­it«, so wird er vom anderen getötet – und dies ist, wenn ich mir alles richtig zusam­men­gereimt habe, als hohe Ehre zu betra­cht­en. Falls nicht, kommt es offen­bar zu Sex und Nach­wuchs. Und falls bei­de »bere­it« sein soll­ten, ist das Anlass zu großer Fre­unde, und es kommt zu ein­er über­schäu­menden, wenn auch tödlichen Ekstase: Das, was bei uns als Ner­vengift wirkt, scheint für die Kxax selb­st so etwas wie eine letale Glücks­droge zu sein.

*

Mein Com­put­er über­set­zt mir die blitzschnell wech­sel­nden Far­ben und Lichtre­flexe auf dem Bauch­panz­er des Kxax. »Große Ehre für mich«, blinkt dieser angesichts unser­er ersten Begeg­nung Auge in Auge. Wir ste­hen uns gegenüber, Men­sch und Kxax. Ich lasse das Dis­play seine Licht- und Farb­muster wieder­holen, denn auch für mich ist diese Begeg­nung eine große Ehre. Die Über­set­zung sein­er Antwort darauf lautet: »Bist du bere­it?« Schnell gebe ich ein: Nein. Ich bin zwar die let­zte Über­lebende in einem Schiff voller Tot­er, das sich zwölf Licht­jahre von der Erde ent­fer­nt befind­et, aber, nein, ich will nicht ster­ben, nicht jet­zt, wo ich weiß, dass alles nur ein großes Missver­ständ­nis war. Ich will ihnen zeigen, dass wir in Frieden gekom­men sind, und ich will mit Lady Wow zusam­men zur Erde zurück­kehren, um den Men­schen dort von den Begeg­nun­gen zu erzählen, die wir mit frem­den Wesen und Zivil­i­sa­tio­nen hat­ten.

Ich spüre einen Stich in meinem linken Fuß. Der Kxax zieht langsam einen Stachel zurück. Panik erfasst mich. »Warum?!«, schreie ich, und mein Com­put­er über­set­zt es in seinen Far­b­code. »Wann bere­it, zu Lebenge­ber zu gehen, sagt nicht Befragter. Wann bere­it, zu Lebenge­ber zu gehen, sagt Fra­gen­der. Große Ehre für mich. Erstes Mal.« Mein linkes Bein wird langsam taub. Der junge Kxax hat mir nur eine geringe Dosis ver­passt. So set­zt die Wirkung nicht augen­blick­lich, son­dern mit leichter Verzögerung ein. »Du jet­zt fra­gen«, lese ich auf dem Dis­play. Ich gleite an der Wan­dung des Kor­ri­dors zu Boden. Jet­zt bin ich mit dem Kxax auf Augen­höhe. Ich blicke in etwas abso­lut Frem­dar­tiges. Und den­noch, es ist ein Geschöpf wie ich, mit Äng­sten, Hoff­nun­gen und der Absicht, das Best­mögliche zu tun. »Du auch Todge­ber, große Ehre, du jet­zt fra­gen«, über­set­zt der Com­put­er. Doch ich muss an Lady Wow denken. »Du jet­zt fra­gen.« Sie wird ein­sam sein ohne mich. »Du jet­zt fra­gen.« Meine Sicht ver­schwimmt.

Dann bin ich plöt­zlich im Wel­traum. Die Cos­mic Bea­gle sieht klein und zer­brech­lich aus. Das All umspült mich wie ein warmer Ozean, und die Sterne blinzeln mir zu. »Lebenge­ber«, denke ich und muss lachen. Man kann nicht etwas geben, das immer schon da ist, über­all. Ich möchte es dem kleinen, ver­lore­nen Kxax sagen, aber während ich mich von der sei­de­nen Dünung langsam davon­treiben lasse, wird mir klar, dass er recht hat­te: Ich bin bere­it. Es ist alles in bester Ord­nung. Und das große Ja in mir zu allem, was nun fol­gen mag, fühlt sich ganz wohlig und wun­der­bar an …