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The Many Ton­gues of Dust

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Ich betrete den Kor­ri­dor und errei­che eine wei­tere Gale­rie. Nun bin ich schon seit vie­len Näch­ten durch Kor­ri­dore gelau­fen und Wen­del­trep­pen hinab- und hin­auf­ge­stie­gen, ohne einen ein­zi­gen Biblio­the­kar zu fin­den. Meine Beine schmer­zen. Aber ich kann sehen, und das ist eine große Freude für mich: wie­der sehen zu kön­nen.

Was ich jedoch sehe, lässt mich schau­dern. Ich kenne die­sen Ort. Ich habe ihn erschaf­fen. Ich bin in meine eigene Erzäh­lung gera­ten, so unglaub­lich Ihnen das viel­leicht schei­nen mag. Viel­leicht ist dies das ganz per­sön­li­che Jen­seits jedes Men­schen: Er wird nach sei­nem Tod in sei­nen gran­dio­ses­ten und schreck­lichs­ten Gedan­ken ver­setzt.

Dies ist die Biblio­thek von Babel, wie ich sie in der gleich­na­mi­gen Erzäh­lung erdacht und in Worte gesetzt habe – aber es gibt hier keine Bücher mehr in den Rega­len, son­dern nur noch Staub. Manch­mal finde ich Reste von Ein­bän­den oder Fet­zen uralten, ver­gilb­ten Papiers, das zer­fällt, wenn ich es berühre. Sonst ist von den Büchern nichts mehr übrig. Die Borde sind leer. Dabei waren es unend­lich viele auf unend­lich vie­len Regal­bor­den in unend­lich vie­len durch Kor­ri­dore und Wen­del­trep­pen mit­ein­an­der ver­bun­de­nen Gale­rien.

Ein Biblio­the­kar kommt mir ent­ge­gen und redet mich an. Wie bei allen, die ich traf, seit ich in der Biblio­thek bin, kom­men von sei­nen Lip­pen nur unver­ständ­li­che Laut­fol­gen. Ich ant­worte kurz, weiß aber schon, dass ihm meine Ant­wort genauso wirr erschei­nen wird. Anfangs hielt ich es für eine fremde Spra­che oder ein ver­ba­les Fin­ne­gans Wake, das aus inein­an­der­ge­schach­tel­ten Begrif­fen vie­ler Dut­zend Spra­chen besteht und von mir – wenn auch müh­sam – zu ent­schlüs­seln sein würde. Doch tat­säch­lich und gewis­ser­ma­ßen kon­se­quen­ter­weise schlägt mir hier nur ein chao­ti­sches Gebrab­bel ent­ge­gen, in dem ich bes­ten­falls mal ein ein­zel­nes ver­ständ­li­ches Wort höre, aber das ist dann blo­ßer Zufall oder gar rei­nes Wunsch­den­ken, denn es lässt sich kei­ner­lei Ver­stän­di­gung dar­auf auf­bauen.

Allen hier geht es so. Ich habe eine Gruppe von vier Biblio­the­ka­ren beob­ach­tet, die ver­zwei­felt auf­ein­an­der ein­re­de­ten, und sie schie­nen fas­sungs­los dar­über zu sein, dass kei­ner auch nur ein Wort des ande­ren ver­ste­hen konnte. Ein jun­ger Mann war unter ihnen, der ein Wams aus rotem Samt trug, und aus sei­nem Rede­schwall, der in etwa klang wie »… lworn Zaün­erbskg ahsr Ovj nrz­trzr frm Lpttofpr Yjfksl Ähstgp xöasglw …« und der­glei­chen, glaubte ich die Worte »somat­o­forme Schmerz­stö­rung« her­aus­zu­hö­ren. Ich ging zu ihm und wie­der­holte die Worte, doch er blickte mich nur ver­ständ­nis­los an.

Seit­dem irre ich allein durch die stau­bi­gen Hal­len, und die Hoff­nung mei­nes Her­zens zer­rinnt wie Sand zwi­schen den Fin­gern. Die buch­stäb­lich unzäh­li­gen Bücher, die es hier einst gab, ent­hiel­ten nur zufäl­lige, chao­ti­sche Buch­sta­ben­fol­gen – so habe ich es erson­nen und beschrie­ben. Und nun kann ich, der ich die Worte meine Welt genannt habe, mich hier nie­man­dem ver­ständ­lich machen und nie­man­des Geschichte lau­schen. Und da die Biblio­thek von Babel, so, wie ich sie in die Welt gesetzt habe, unend­lich groß ist, werde ich auch nie den Aus­gang fin­den kön­nen.

Des­halb wende ich mich in mei­ner Not an Sie, mein ima­gi­nä­res Gegen­über. Sie sind meine letzte Hoff­nung. Schrei­ben Sie mir eine neue Geschichte. Schrei­ben Sie mir eine neue Biblio­thek. Grei­fen Sie zur Feder und schaf­fen Sie mir ein neues Heim. Es muss nichts Beson­de­res sein, ich habe kei­ner­lei Ansprü­che und bin mit allem zufrie­den, wenn es nur nicht unend­lich ist.

Aller­dings ist meine Sorge, dass – wenn die­ses Ansin­nen, wenn die­ses Fle­hen Sie erreicht – Sie nur ein unver­ständ­li­ches Gebrab­bel ver­neh­men, zufäl­lige Sil­ben, alea­to­ri­sche Laut­fol­gen, denen sie kei­ner­lei Sinn ent­neh­men kön­nen. Selbst wenn Sie so etwas wie »somat­o­forme Schmerz­stö­rung« aus dem stot­tern­den Gel­alle her­aus­hö­ren soll­ten, das ich von mir zu geben scheine: Was soll­ten Sie damit schon anfan­gen kön­nen?

Oder – falls ich das Glück habe, dass Sie mich ver­ste­hen, und dar­auf fol­gend das noch viel grö­ßere Glück, dass Sie tat­säch­lich zur Feder grei­fen, um mir aus mei­ner ver­zwei­fel­ten Not­lage her­aus­zu­hel­fen – ist dann mög­li­cher­weise das, was Sie zu Papier brin­gen, nur ein Kau­der­welsch blind­lings und unzu­sam­men­hän­gend auf­ein­an­der­fol­gen­der Buch­sta­ben, Leer- und Satz­zei­chen, die in ihrer nack­ten Sinn­lo­sig­keit nichts bewir­ken kön­nen, außer dass sich das alles­ver­schlin­gende Rau­schen ver­stärkt, der über­mäch­tige Feind der Bedeu­tung, die darin zer­brö­selt, ihre Kon­tu­ren ver­liert und sich schließ­lich auf­löst, ohne eine Spur zu hin­ter­las­sen?

Ist das mein Schick­sal?

Ich weiß mir kei­nen Aus­weg mehr.

Das Para­dies habe ich mir immer als große Biblio­thek vor­ge­stellt, und jetzt sitze hier in einer der unzäh­li­gen Gale­rien in den pud­ri­gen Über­res­ten der unend­lich vie­len Bücher, die jetzt ein ein­zi­ges, gewal­ti­ges Buch aus Staub bil­den und damit nichts ande­res als das kon­tur­lose Rau­schen der Mate­rie.

Staub!

Das ist es! Ich schreibe ein­fach hier in den Staub, schreibe eine neue Erzäh­lung, schreibe mir einen neuen, einen son­nen­durch­flu­te­ten, glück­li­che­ren Ort! Der Aus­weg liegt auf der Hand, es ist ganz sim­pel. Mein Fin­ger zieht Linien in die graue, form­lose Schicht, die den Boden bedeckt. »… lworn Zaün­erbskg ahsr Ovj nrz­trzr frm Lpttofpr Yjfksl Ähstgp xöasglw …«

 

Die Biblio­thek von Babel:Link

Bei­spiel­buch­sei­ten:Link