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Yoin
Ich betrete den Korridor, oder zumindest bin ich schon mit meinen Gedanken im Hausboot, den Schlüssel gezückt, denn mein Freund Norbu wird mal wieder mein Klopfen nicht hören.
Doch das Hausboot – ist nicht mehr da! Seltsam nackt sieht die Stelle am Ufer aus. Bin ich hier richtig? Klar, der Stromanschluss am Ufer, die Rohrverbindungen, der kurze Steg. Aber kein Hausboot mehr. Mein Freund Norbu ist fort.
Ich bin wie vom Donner gerührt und muss mich erst mal setzen. In der Nähe hat jemand illegal Sperrmüll entsorgt. Es ist ein angeknickter Gartenstuhl aus Plastik dabei. Ich stelle ihn aufrecht und bin froh, dass ich mich hineinfallen lassen kann. Vermutlich bin ich gerade kreidebleich geworden: Mein Freund Norbu hat ohne ein Wort des Abschieds abgelegt und das Weite gesucht.
Gut, er hat davon gesprochen. Dass er einmal alle Brücken hinter sich abbrechen könnte. »Wenn ich mal nicht mehr da bin …«, hatte er bedeutungsschwanger angefangen. Ich dachte zuerst, er spricht vom Sterben. Er sprach allerdings davon, dass es ihn vielleicht irgendwann einmal reizen könnte, ein neues Leben anzufangen. Und das wollte er wenn, dann offenbar gründlich tun.
»Wir telefonieren aber doch, und ich komme dich besuchen!«, hatte ich erwidert. Er sah mich nur an. »Skype? E‑Mail? Wenigstens eine Postadresse?«, setzte ich nach. Norbu schüttelte langsam den Kopf.
Ich hatte dieses Gespräch verdrängt. Jetzt steht es mir wieder vor Augen. Norbu hat Nägel mit Köpfen gemacht. Erstaunlich, dass sein Hausboot überhaupt manövrierbar ist. Aber er hat ja auch immer wieder daran herumgewerkelt. Wie lange hat es hier schon gelegen? Wie lange kenne ich Norbu schon? Zwanzig Jahre? Fünfundzwanzig? Die Uferpflanzen, die es mit ihren Ranken aufs Hausboot geschafft hatten, hat Norbu gekappt und dann einfach den Anker gehoben. Hat sein Boot überhaupt einen Anker? Ich habe nie darüber nachgedacht.
Vielleicht ist er noch nicht lange weg. Ich kann am Ufer entlanglaufen. Vermutlich erwische ich ihn in einer der nächsten Schleusen. Ich schwenke wild die Arme und rufe seinen Namen. Und er tritt auf die Terrasse und winkt zurück, winkt mich zu sich rein, um mit mir die Weltmeere zu durchkreuzen, und wir sitzen vorm Panoramafenster, trinken ein Gläschen Barbaroux und sehen Wale vorbeiziehen.
Eine Flasche Roten habe ich dabei. Und da, liegt da nicht etwas auf dem kurzen Steg? Ja. Norbu hat an mich gedacht. Ein Korkenzieher und zwei Gläser. Keine Nachricht. Aber – wie er wahrscheinlich sagen würde: Das ist ja gerade die Nachricht.
»Schreib du’s auf«, hatte er immer wieder gesagt, wenn ich ihm riet, aus seinem Elfenbeinturm rauszukommen und seine Ideen irgendwie unter die Leute zu bringen. »Du bist eh der bessere Schreiber. Ich kann nur Doku.« Damit meinte er seinen unermüdlichen anonymen Input für die Wikipedia.
Klar bin ich sauer. Und traurig. Und verstört. Aber er hat an mich gedacht. Und irgendwie hat er mich auch auf diesen Moment vorbereitet. Ich rufe laut »Scheiße!«, schlage auf die Lehne des windschiefen Stuhls und belege Norbu innerlich mit den schlimmsten Schimpfwörtern, die mir einfallen. Dann atme ich tief durch. Das tat gut. Jetzt kann ich mich ganz dem widmen, was ansteht.
Mein kleines Notizbüchlein habe ich dabei – es stehen nur ein paar Telefonnummern drin und eine Handvoll Internetadressen. Auch ein Stift findet sich in meiner Jacke. Ich stehe auf, setze mich auf den Steg, gieße zwei Gläser ein und proste uns zu. Auf unsere Freundschaft! Ich will, ich kann ihm nicht böse sein. Mein Freund zu sein bedeutete ihm mehr als unsere Treffen und unsere Gespräche. Ihm war das seelische Band zwischen uns immer wichtiger. Und auf dieses hebe ich jetzt das zweite Glas. Dann nehme ich den Stift zwischen die Finger.
Hm. Ein eigenartiges Gefühl. Alles aufschreiben … Wie soll ich anfangen? Wie fängt es immer an?
»Ich betrete den Korridor.«
