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Into Challenging Circumstances
Ich betrete den Korridor. Wohin hat mich die Reise auf die Rückseite der Zeit und zurück diesmal geführt? Ich bin erschöpft und fühle mich leer und kraftlos. »Wir sind Wanderer«, hatte Ktephaim gesagt, als er mich in ihre Reihen aufnahm. Aber irgendwann braucht auch der kräftigste Wanderer eine Rast.
Ich bin in einem Innenraum mit Fenstern. Von draußen dringt ein beständiges Brausen und Rauschen zu mir, und es huschen Lichter durch den Raum: Sie rasen zu beiden Seiten an mir vorbei, weiß auf der einen, rot auf der anderen Seite – ein Heer rasender Maschinen, hinter dem ich auf einer Seite im letzten Schein der untergegangenen Sonne Bäume erkennen kann.
Obwohl mir der Lärm, die Lichter und die unzähligen an mir vorbeibrausenden Maschinen sehr fremdartig und furchteinflößend vorkommen, weiß ich auf eine seltsame Weise, dass das alles keine unmittelbare Gefahr für mich darstellt. Begriffe kommen mir in den Sinn, die mir die bizarre Szenerie erklären, auch wenn ich nicht sagen könnte, woher: Die lärmenden Maschinen sind Fahrzeuge, zum Transport von Menschen und Lasten gedacht, und in genau so einer Maschine befinde ich mich hier, auch wenn diese hier still dasteht. Durch das größte der Fenster auf der Schmalseite des Fahrzeugs sehe ich weitere große Maschinen, Baumaschinen – und Gestalten, die leuchtende Kleidung tragen und im Schein großer Lichter, die auf Stelzen stehen, geheimnisvollen Tätigkeiten nachgehen.
Auf den Sitzen vorne entdecke ich eine zusammengekrümmte Gestalt, und noch bevor ich sie erkenne, durchströmt mich ein Glücksgefühl: Enra-daí! Sie blickt auf, als ich ihren Namen flüstere, wirkt verstört und verängstigt, erkennt mich dann allerdings.
»Criph? Du bist mir gefolgt. Aber wie kann das sein?«
Sie ist um keinen Tag gealtert, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Ich blicke ihr in die Augen, die wilden Augen, deren Blick mich in meiner Erinnerung all die Jahre lang nie losgelassen hat.
»Wir sind gefangen«, erklärt sie mir, und ich sehe, dass sie geweint hat. »Man kann hindurchsehen, aber es ist ein Gefängnis. Und da draußen …« Sie umklammert meine Hand.
»Das ist Glas«, sage ich, »es schützt gegen Wind.«
Im Blick Enra-daís spiegelt sich Unverständnis, als ich die Hand hebe und gegen eine der Scheiben klopfe. »Dies ist ein Fahrzeug, das Arbeiter transportiert.«
Aber letztlich bin ich es, den sie ungläubig anstarrt. »Was ist mit dir? Du bist älter, viel älter geworden. Du bist jetzt … kein Kind mehr!«
Ich nicke. »Seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, habe ich viele und weite Reisen unternommen.«
Sie streicht mir sanft über die lange Narbe am Hals. »Musstest du kämpfen?« Enra-daí sieht mich voller Mitgefühl an. »Warst du oft auf der Rückseite der Zeit?«, fragt sie. Meine Antwort, »etwa ein Dutzend Mal«, macht sie einen Augenblick lang sprachlos. Sie bemerkt, dass sie immer noch meine Hand umklammert, und lässt los. »Ich weiß von keinem Wanderer, der so oft gereist wäre. Ich selbst bin sechsmal gereist. Kämpfen musste ich nie. Meist brauchten sie da eine Heilerin. Jetzt allerdings, glaube ich, hat mich die Kraft für die Reisen verlassen – und das gerade hier im Hetemit.«
»Hetemit?«
»Glaubst du nicht, dass es das Reich von Ammit, der Totenfresserin, ist?«
Ich schüttle den Kopf: »Das hier ist eine« – meiner Zunge fällt die Aussprache schwer – »Autobahnbaustelle. Und wir sollten hier verschwinden, bevor wir entdeckt werden.«
Genauso, wie mir auf rätselhafte Weise Begriffe und Zusammenhänge ins Bewusstsein kommen, »erinnere« ich mich auch daran, wie ich mit den Dingen umgehen kann: Ich öffne die Schiebetür des Kleinbusses. Enra-daí schreit auf und kauert sich zitternd zusammen: Das Brausen der vorüberrasenden Autos erreicht uns jetzt ungedämpft.
»Keine Angst. Sie bleiben in ihrer Spur.« Ich fasse Enra-daí an der Hand und ziehe sie bis zur Baustellenabsperrung, warte eine Lücke im Strom der Fahrzeuge ab, und renne mit ihr zur anderen Seite. Ein Tanklastzug donnert auf uns zu und hupt. Doch wir sind schneller.
Nach wenigen Metern überwinden wir einen Wildzaun und tauchen in den dunklen Wald. Bald sind die Geräusche der Autobahn nur noch ein fernes Rauschen. Enra-daí beruhigt sich. Auf einer Lichtung bleiben wir stehen. Im silbrigen Licht der Sterne und der schmalen Mondsichel sieht sie wunderschön aus. Sie bemerkt meinen Blick.
»Eben warst du noch ein Junge, und jetzt …«
Ich packe sie an den Schultern und ziehe sie sanft zu mir hin. Wir küssen uns, ineinander verschlungen mit unseren Mündern, unseren Leibern, Seelen und Leben. Ich bin heimgekommen.
»Criph …«, sagt sie schließlich und schmiegt sich an mich. Wie beglückend es ist, sie im Arm halten zu können!
»Wie … hast du mich gefunden?«
Ich blicke ihr in die Augen. »Nicht ich. Das Schicksal. Die Sehnsucht. Hast du dich nie gefragt, wer oder was uns zu unseren Aufgaben schickt?«
»Die Götter«, meint sie mit ernstem Blick.
Ich muss lächeln. »Vielleicht sind wir es selbst, mit unserer Sehnsucht.« Enra-daí versucht, mein Lächeln zu erwidern, versteht aber offensichtlich nicht, wovon ich rede. »Die Völker, zu denen mich meine Reise geführt haben, sehnten sich nach etwas. Nach Rettung vielleicht, oder nach Heilung, manche nach Freiheit oder Erkenntnis.«
»Oder Glück.«
Ich nicke. »Und mehr als nach allem anderen sehnte ich mich nach dir.«
Ihr treten die Tränen in die Augen. »Ich hatte noch gar nicht die Zeit, mich nach dir zu sehnen.«
Ich muss wieder lächeln, und mein Herz hüpft vor Freude, dass sie das sagt.
Wenig später laufen wir einen Waldweg entlang, der durch gelbe Kreuze auf den Bäumen gekennzeichnet ist. Enra-daí hält meine Hand, als ob sie mich nie mehr loslassen wollte.
»Was ist das für eine Welt? Du warst schon einmal hier?«
»Nein. Aber es ist, als würde ich mich an alles erinnern, als würde ich das alles schon kennen. Es ist eigenartig.«
»Ich finde es beängstigend. Wer solche Maschinen baut, muss ungeheure Macht besitzen – wie dein Volk, Criph, das so seinen Untergang heraufbeschworen hat. Meinst du, dieses Volk hier hat Sehnsucht nach uns?«
Der Weg vor uns teilt sich. Ich folge dem mit den gelben Kreuzen.
»Meinst du«, fragt sie weiter, »sie sehnen sich nach Rettung oder Heilung? Und da haben die Götter uns beide hierhergeschickt?«
»Ich weiß es nicht. Vielleicht hast du recht. Vielleicht erwartet uns hier eine Aufgabe, die wir nur gemeinsam bewältigen können, eine Aufgabe, die Kampfgeist und Fürsorge erfordert.«
Eine Weile gehen wir schweigend nebeneinander her.
»Kampfgeist und Fürsorge«, wiederholt sie flüsternd.
»Die Wanderungen«, sage ich, »haben uns immer an den richtigen Ort gebracht. Auch wenn wir manchmal nicht gleich wussten, welche Aufgabe uns erwartet.«
Sie nickt: »Weißt du es diesmal?« Sie sieht verloren aus, während sie das sagt, und gleichzeitig unendlich glücklich.
»Zumindest«, sage ich, »weiß ich dies.« Und küsse sie.