374/398
Inventory (of an Inventor’s Mind)
Ich betrete den Korridor und höre bereits da das ärgerliche Zischen von Cerils Schweißbrenner. Der Professor ist beschäftigt und steht vor einer Art großer Blüte aus silbernen Metallstreifen. Als er mich auf der anderen Seite hereinkommen sieht, klappt er kurz sein Visier hoch, winkt mir zu und setzt dann seine Konstruktionstätigkeit fort. Es scheint wieder mal eine hochinteressante Maschine zu werden. Sie sieht völlig anders aus als alles, was ich von ihm kenne.
Wenig später tritt er zu mir an seine Werkbank und trocknet sich die schweißnasse Stirn mit Löschpapier.
»Was ist das für ein Knopf?«, will ich von ihm wissen. Während des Wartens war mir ein großer roter Not-Ausschalter an der Wand über seinem Tisch aufgefallen, halb verdeckt von dem schwenkbaren Riesenbildschirm, den er inzwischen für seine Parallelweltkontakte verwendet. Es ist einer dieser halbrunden Knöpfe, auf die man mit der Faust einschlagen kann, und es lagert eine dicke Staubschicht darauf. »Not-Aus« steht drunter. War mir noch nie aufgefallen.
»Ach, der …«, meint der Professor gedehnt, »hab ihn zum Glück nie gebraucht.«
»Kappt der den Strom?«
»Nicht nur den Strom. Aber du willst mich doch sicher fragen, an was ich da gerade arbeite, oder?« Ich nicke. »Mir ist da ein, man könnte fast sagen, genialer Einfall für eine Maschine gekommen, eine Maschine, wie es sie noch nie gegeben hat. Ich …«
»Was noch außer dem Strom?«, frage ich. Der Professor wird nicht gerne unterbrochen. Er runzelt die Brauen und bedenkt mich mit einem vernichtenden Blick.
»Du solltest mich«, meint er dann, ohne die Augen von mir zu lassen, »eigentlich inzwischen gut genug kennen, um zu wissen, dass ein ›Not-Aus‹ in meiner Werkstatt wohl kaum nur den Strom abschaltet.«
»Die Lüftung?«, frage ich vorwitzig, weil ich es nicht leiden kann, wenn der Professor glaubt, mich belehren zu müssen. Er lacht kurz mit dem geschlossenen Mund, ein Schnauben, das sich anhört, als bestehe es zu gleichen Teilen aus Unglauben und Verachtung. Dann lässt er sich mit einem Seufzer auf seinen Stuhl fallen.
»Dieser Schalter stoppt die Geschichte.«
Ich bin jetzt doch ein klein wenig verblüfft und setze mich auf den kleinen Hocker, den der Professor immer benutzt, um in den oberen Fächern seiner Schränke nach irgendwelchen exotischen Bauteilen zu suchen. »Geschichte wie in Story oder wie in Historie?«
»Beides. Es ist doch so, mein Junge …« Er weiß, dass ich es hasse, wenn er mich so nennt. Deshalb lässt er es auch eine kleine Ewigkeit im Raum stehen, während sich um seine Augen ein kleines, böses Lächeln abzeichnet. »Die Welt, das Leben, die Historie – das alles ist doch letztlich eine Geschichte, die wir uns erzählen. Und die wir für die Wirklichkeit halten.«
Ich bin mir nicht ganz sicher, auf was Ceril da hinauswill. Konstruktivismus? Phänomenologie? Oder doch wieder Mythologie – wie bei seiner Suche nach einem zeitgemäßen Mythos, der uns Menschen des 21. Jahrhunderts als neuer Leitfaden dienen kann?
»Ich glaube, ich hab dir nie von meiner ersten Erfindung erzählt. Keine Maschine übrigens, zumindest nicht im eigentlichen Sinne. Oder vielleicht doch. Sie hat all das hier erschaffen.«
Seine Geste umfasst das gesamte Laboratorium. Meine Irritation wächst. Und wie mir scheint, genießt der Professor die Verwirrung, die sich auf meinem Gesicht abzeichnet.
»Ein Wirklichkeitstransmitter, könnte man sagen. Im Grunde eine Maschine, die eine Geschichte erzählt. Was ich natürlich im übertragenen Sinn verstehe. Ist dir noch nie der Gedanke gekommen, dass hier in meinem Hangar tagein tagaus sehr besondere, unwahrscheinliche und fast schon unwirkliche Dinge vor sich gehen?«
»Na ja«, antworte ich, als mir klar wird, dass der Professor die Frage nicht rein rhetorisch gemeint hat, »bei einem Erfindergenie wie Ihnen, einem darüber hinaus pluridimensional auch in Parallelwelten operierenden Forschergeist ist das ja auch kein Wunder.«
»Nein, ist es tatsächlich nicht. Es ist eine Geschichte, die ich mir selbst erzähle. Oder besser: erzählen lasse.«
Ceril ist eigentlich mehr der Ingenieur. Die philosophischen Aspekte seiner Arbeit haben ihn nie sonderlich interessiert. Verwunderlich, dass er auf einmal mit solchen Analogien aufwartet. Aber jetzt schüttelt er den Kopf und will das Thema wechseln: »Wie auch immer. Du wolltest doch wissen, was für eine verrückte Maschine ich da gerade wieder konstruiere …«
Ich gehe nicht darauf ein. »Was ist das für eine Geschichte, die Sie sich da erzählen lassen?«
Ceril seufzt und scheint sich erst ein Herz fassen zu müssen. »Ich könnte vielleicht auch von einem Film sprechen. Dem Lebensfilm. Oder einem Theaterstück. Oder einer Fabel. Handlung, Figuren, alles mehr oder weniger zusammenhängend und schlüssig aufeinanderfolgend.«
Dabei lacht der Professor auf. Es wird doch wohl keine Lebenskrise bei ihm sein? Ich habe in den Psychologiebüchern davon gelesen. Das geht bis hin zum Komplettzusammenbruch der bisherigen Wertvorstellungen: Menschen stellen plötzlich alles in Frage, was ihnen vorher wichtig und richtig schien.
»Und doch ist das alles letztlich nichts als eine Erzählung.« Er fasst meine Hand. Das hasse ich noch mehr, als dass er mich »mein Junge« nennt. »Als mir das – vor vielen, vielen Jahren – klar wurde, stand mir plötzlich die eine, entscheidende Frage vor Augen.« Sein Griff verliert an Kraft, und ich ziehe meine Hand heraus. Er reagiert nicht, sondern lächelt mich an, ein wenig in sich gekehrt. »Du ahnst vermutlich, welche Frage ich meine.«
Ich schüttle den Kopf.
Das Lächeln des Professors wird breiter. »Welche Geschichte möchte ich erzählen?«
»Keine Ahnung.«
»Nein, Junge, das ist die Frage: Welche Geschichte möchte ich mir erzählen? Verstehst du denn nicht? Das stand am Anfang von allem.«
Einen Augenblick lang steht mir ein riesiger Welterschaffungsmechanismus vor Augen – ein Schöpfungsmaschine in einer Steampunk-Version mit zahllosen Messingzahnrädern, Hebeln und Rohren für die Hydraulik. Doch das kann er ja wohl schlecht meinen.
»Ich wollte«, sagt der Professor, und weist mit einer Handbewegung auf seine Werkhalle, »einzigartige, bedeutende, weltbewegende Maschinen bauen.«
Ja, das ist ihm gelungen. Ich blicke mich um. Sein ganzes weiträumiges Labor steht voller riesiger Apparaturen wie dem Vakuumfluktationsbathyskaph, einige davon – wie die Freizeitmaschine für zivilisatorischen Fortschritt – bereits wieder demontiert. Teile davon sind in seiner Mythenmaschine aufgegangen. Hat die eigentlich je ein Ergebnis erbracht? Muss ich ihn dringend mal danach fragen! An den spatialen Dilatationskompressor und die vielen Botengänge in Parallelwelten habe ich mich ganz gut gewöhnen können, mit dem klobigen Weltharmoniegenerator allerdings verbinde ich eher unangenehme Erinnerungen. Die neue, verbesserte Version lässt seit Monaten auf sich warten. Vermutlich hat der Professor seit der Sache mit der Entrückung und seinem in aller gebotenen Eile konstruierten Paradiessimulator das Interesse daran verloren. Da hilft leider auch die Motivationsmaschine nicht viel, da sie aus unerfindlichen Gründen nur ein einziges Mal funktioniert hat: bei meinem Praxistest. Denn in den meisten Fällen lässt er zuerst mich in seine Maschinen rein.
»Vielleicht ja sogar eine«, sagt der Professor und blinzelt mir zu, »die die Welt rettet.«
»Sie meinen Ihre Entrückungsmaschine?«
Bei seinen Recherchen im Pluriversum entdeckte Ceril eine Parallelwelt – manche alternative Erden unterscheiden sich sehr stark von unserer, diese hier nur minimal –, die dem Untergang geweiht war. In dieser unglückseligen Version unserer Wirklichkeit war der höchst unwahrscheinliche Fall eingetreten, dass der Large Hadron Collider am CERN ein gefräßiges kleines Schwarzes Loch erzeugt hatte, das nicht wie erwartet sofort in Strahlung zerfiel, sondern zum Erdmittelpunkt gezogen wurde und begann, sich den Planeten von innen heraus einzuverleiben. Niemand ahnte etwas von dem drohenden Verhängnis, nicht einmal das dortige Alter Ego des Professors. Sie taten sich zusammen – dazu reichte ein Anruf mit dem pluridimensionalen Gravitationstelefon – und arbeiteten buchstäblich Tag und Nacht daran, die Menschen dieser Welt vor der drohenden Katastrophe zu bewahren. Schließlich wurde beiden klar: Es blieb nichts anderes übrig, als die Erde zu evakuieren. Sie mussten alle Menschen »entrücken«.
Entrückung? Diese Vorstellung findet man bei den Milleniaristen, die manchmal auch Chiliasten genannt werden: Eine höhere Macht rettet in einer Zeit der Drangsal eine bestimmte Zahl Auserwählter, indem sie sie mir nichts dir nichts aus dem Leben reißt und wahlweise auf Mutterschiffe oder direkt ins Paradies verfrachtet. Im Falle der todgeweihten Erde besorgte das, sozusagen in letzter Sekunde, Cerils ausgeklügelte Entrückungsmaschine.
»Es wird mir schwerfallen, das zu toppen.« Der Professor hat heute etwas Hochmütiges an sich. In mir regt sich Widerstand. Ich stehe auf, kann nicht mehr still sitzen bleiben.
»Ihr Apparat hat nicht richtig funktioniert.«
»Ich habe Milliarden gerettet, da machen doch die zwei, drei Leutchen, die durch die Maschine nicht erfasst wurden, keinen Fehlschlag draus …«
Komisch – ich war noch nie neidisch auf Ceril oder fand grundsätzlich falsch oder verfehlt, woran er arbeitete. Sicher, ich habe auch immer wieder Kritik geübt, und hin und wieder war ich auch der Leidtragende seines überbordenden Einfallsreichtums. Doch letztlich hat mich jedes Mal fasziniert, was der Professor erfand und konstruierte. Nur jetzt bei diesem Gespräch werde ich irgendwie wütend auf ihn.
»Ohne meinen Vater, der Ihnen das alles finanziert, hätten Sie das alles nicht zustandegebracht!«, fauche ich ihn an, ohne genau zu wissen, was mich eigentlich so aggressiv macht.
»Gut beobachtet. Deshalb stellt er auch eine der ganz wichtigen Figuren dar. Genau wie du, mein Junge. Du bist mir eine echte Hilfe, und außerdem …«
»Ich bin keine ›Figur‹!«, fahre ich dazwischen. Jetzt erhebt sich auch der Professor.
Er ist etwas kleiner als ich. Trotzdem schafft er es, sich drohend vor mir aufzubauen: »Es ist meine Geschichte.«
»Es ist genauso gut auch meine. Und die von meinem Vater. Und die von allen anderen.«
Sein Blick wandert zu dem Not-Ausschalter. »Lass uns nicht darüber streiten. Das alles sind doch nur gedankliche Konzepte.«
Aber ich komme gerade erst in Fahrt: »Apropos: Wie würde Ihnen denn gefallen, wenn Sie nur eine Figur in meiner Geschichte wären?«
Der Professor verzieht den Mund zu einem amüsierten Lächeln. »In deinen Kurzgeschichten über mich? Wo du am Ende in Klammern immer noch ›eine ganz andere Geschichte‹ ankündigst, die du aber nie erzählst?«
Vor Verblüffung lasse ich mich wieder auf den Hocker plumpsen. Woher weiß er davon?
»Ja, du bist mein Chronist. So ist es vorgesehen. Ich könnte mir das zwar ein bisschen, nun, bombastischer vorstellen, so, dass es der Nachwelt den Atem verschlägt. Mal ganz abgesehen von der Rettung einer kompletten Menschheit – überleg doch nur mal, was ich entdeckt habe: parallele Universen mit unendlich vielen Variationen unserer Welt, und ich habe nicht nur Kontakt aufgenommen, sondern dich sogar hingeschickt. Was ist dagegen schon ein Kolumbus? Oder ein Kopernikus?«
Das wird mir jetzt echt zu viel. Ich springe auf, trete an die Werkbank und hebe die Faust.
»Nein, tu das nicht!«
»Wir werden ja sehen, Professor, wessen Geschichte das ist. Und ob etwas in Klammern drunter steht oder nicht.« Ich bin stinkwütend auf den Kerl. Wie hatte ich nur so lange übersehen können, dass er im Grunde ein arroganter Großkotz ist? Der glaubt, die Welt drehe sich nur um ihn. Und alle anderen seien nur Figuren in seinem Spiel.
Er will mir in den Arm fallen, aber ich bin schneller und schlage mit der Faust hart aufs Not-Aus.
(
Entrückung:

