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Zea­li­fied

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Ich betrete den Kor­ri­dor, um ins Innere von Pro­fes­sor Cerils wie­der mal fast turn­hal­len­gro­ßer Maschine zu gelan­gen. Nach dem Unfall bei mei­nem Test­lauf in sei­ner unaus­ge­reif­ten Anti­kriegs­ma­schine habe ich ihm klar­ge­macht, dass ich nicht län­ger sein Ver­suchs­ka­nin­chen sein will. Er nickte, lächelte ver­schmitzt, setzte sich an seine Werk­bank und fing auf der Stelle an, Berech­nun­gen anzu­stel­len.

Zwei Wochen danach stellte mir der Pro­fes­sor dann seine neuste Kon­struk­tion vor und meinte, ich sei es gewe­sen, der ihn auf diese geniale Idee gebracht habe.

»Was unter­schei­det die Arbeit an der Steu­er­erklä­rung …« Er blickte zu mir run­ter und ver­bes­serte sich: »Sagen wir: das Ler­nen von Latein­vo­ka­beln von einer Tüte Kar­tof­fel­chips?« – »Na ja, die einen sind scheuß­lich, und von den ande­ren kann ich gar nicht genug krie­gen.« Ceril nickte zustim­mend. Ich fügte an: »Lei­der sind sie alle.« – »Die Chips?« – »Nein, die Latein­vo­ka­beln. Hab alle gelernt. Und dann mit Sans­krit ange­fan­gen.« Der Pro­fes­sor rang die Hände – ein Zei­chen dafür, dass für ihn etwas nicht in die gewünschte Rich­tung läuft.

»Junge, es gibt doch Dinge, die du gern machst, auf die du dich freust, und zu denen dich kei­ner zwin­gen muss. Und bei ande­ren braucht es zehn Pferde oder zumin­dest einen hohen Lei­dens­druck, bis du dich end­lich dar­an­machst. Stimmt’s? Und der Unter­schied ist das Maß an Moti­va­tion!«

Des­halb also seine »Moti­va­ti­ons­ma­schine«. Diese Kon­struk­tion von der Größe eines Bun­ga­lows sei aller­dings nur der Pro­to­typ. Spä­ter würde er das Ganze minia­tu­ri­sie­ren, und bald schon wür­den wir alle mit einem Mikro­mo­ti­va­tor am Gür­tel her­um­lau­fen und nur noch Dinge tun, auf die wir große Lust hät­ten. Und damit ich – nach dem Desas­ter mit dem Welt-Har­mo­nie-Gene­ra­tor – wie­der Lust dar­auf bekomme, die Erfin­dun­gen des Pro­fes­sors zu tes­ten, soll ich ein­fach nur in den Pro­to­ty­pen hin­ein­ge­hen und »mich moti­vie­ren las­sen«.

Am Ende des Kor­ri­dors in der laut sum­men­den Maschine steht ein Pult mit einem sil­ber­nen Mikro­fon an einem Schwa­nen­hals. Davor liegt ein Zet­tel. Ich erkenne die Hand­schrift des Pro­fes­sors. Er hat sich Mühe gemacht, leser­lich zu schrei­ben: »Was wür­dest du gern gern tun?« Ich brau­che eine kurze Weile, um zu kapie­ren, dass er hier mit dem dop­pel­ten Wort kei­nen Feh­ler gemacht hat.

Schon will ich brav ins Mikro­fon sagen: »Die Erfin­dun­gen des Pro­fes­sors tes­ten«, da geht mir auf, dass ich noch gar nicht rich­tig dar­über nach­ge­dacht habe, was ich denn eigent­lich wirk­lich gern tun würde. Zwar weiß ich sofort, was meine Schul­ka­me­ra­den jetzt sagen wür­den. Aber da mir der ganze Stoff kei­ner­lei Schwie­rig­kei­ten berei­tet, ich gerne pauke und lese und mich bren­nend für quan­ten­phy­si­ka­li­sche Phä­no­mene inter­es­siere, brau­che ich da keine zusätz­li­che Moti­va­tion. Auch tue ich nichts lie­ber, als mein Zim­mer auf­zu­räu­men und viel­leicht bei der Gele­gen­heit meine Biblio­thek umzu­sor­tie­ren, chro­no­lo­gisch viel­leicht oder nach Brei­ten­grad des Ver­lags­sit­zes. Blöd finde ich eigent­lich nur, dass meine Eltern andau­ernd irgend­wel­che Ver­wand­ten ein­la­den und ich dann vor­füh­ren muss, was ich alles kann und weiß.

Aber will ich mich dar­auf freuen? Oder auf die läs­ti­gen Piek­ser in meine Fin­ger­kup­pen, vier­mal täg­lich zur Blut­ab­nahme, um mei­nen Blut­zu­cker­spie­gel zu bestim­men?

Der Pro­fes­sor hat mir dies­mal gar nicht erklärt, wie seine Maschine funk­tio­niert. Wenn sie mich nun Lust auf etwas ent­wi­ckeln lässt: Packt mich dann viel­leicht bei etwas ande­rem, das mir sonst gro­ßen Spaß macht, plötz­lich die Unlust? Seit der Anti­kriegs­ma­schine sollte ich doch eigent­lich wis­sen, dass Cerils Erfin­dun­gen uner­war­tete Neben­wir­kun­gen haben kön­nen. Und das mit der Moti­va­tion könnte letzt­lich mein doch ganz gut gere­gel­tes Leben völ­lig aus der Bahn wer­fen.

Soll ich die Maschine also boy­kot­tie­ren? Nein. »Ich selbst sein«, sage ich ins Mikro­fon und ziehe unwill­kür­lich den Kopf ein, weil ich nicht weiß, was mich erwar­tet. Ich selbst bin ich eigent­lich fast immer ganz gern. Nur manch­mal, wenn andere mich so angu­cken, als sei ich ein Freak, denke ich, viel­leicht wäre es bes­ser, kein Wun­der­kind zu sein.

Nichts pas­siert.

Ich warte noch ein wenig, kann aber keine Ver­än­de­run­gen in mei­nen Gefüh­len oder mei­nem Den­ken erken­nen. Lang­sam schlen­dere ich den Kor­ri­dor wie­der zurück. Ist doch eigent­lich eine groß­ar­tige Sache, all diese ver­rück­ten Maschi­nen tes­ten zu dür­fen. Und dass ich der Assis­tent des Pro­fes­sors sein darf, der nicht nur ein­fach ein Genie ist, son­dern ein plu­ri­di­men­sio­na­les Genie, seit er Kon­takt mit sei­nen Alter Egos in diver­sen Par­al­lel­wel­ten auf­ge­nom­men hat. Und für jeman­den wie mich, der nach ein, zwei Rega­len vol­ler Psy­cho­lo­gie­bü­cher fast immer schon vor­her weiß, wie sich Men­schen ver­hal­ten wer­den, ist es ein ech­tes Aben­teuer, in Cerils Pro­to­ty­pen zu stei­gen und keine Ahnung davon zu haben, was mich erwar­tet.

Der Pro­fes­sor sitzt geis­tes­ab­we­send vor einem Dis­play in sei­nem Labor, auf dem sich lang­sam, ganz lang­sam ein Fort­schritts­bal­ken nach vorne bewegt. »Und?«, frage ich, »Wol­len Sie nicht wis­sen, wie es war?« Ceril blickt müde auf. »Wie was war?« – »Na, die Moti­va­ti­ons­ma­schine.« – »Ach die«, ant­wor­tet Ceril und starrt wie­der auf den Fort­schritts­bal­ken.

»Pro­fes­sor?«, frage ich. Ceril blickt mich an. »Wo holt Ihre Moti­va­ti­ons­ma­schine die Moti­va­tion eigent­lich her?« Ceril zuckt die Schul­tern: »Ach, weißt du, Moti­va­tion ist über­all. Die Maschine ent­zieht sie ein­fach ihrer unmit­tel­ba­ren Umge­bung.« – »Aha«, sage ich, »waren Sie nicht eben noch mit der Neu­kon­struk­tion des Welt-Har­mo­nie-Gene­ra­tors beschäf­tigt?« Cerils Augen hän­gen wie­der am Bal­ken auf sei­nem Dis­play. »Ach, das hat Zeit.«

»Sie soll­ten mal in Ihre Moti­va­ti­ons­ma­schine stei­gen, Pro­fes­sor.« Der Fort­schritts­bal­ken hat sich schon län­ger nicht wei­ter­be­wegt. Ceril erhebt sich müh­sam. »Viel­leicht sollte ich das tun, ja. Funk­tio­niert sie?«

Als er auf den Ein­stieg zugeht, sehe ich zu, dass ich davon­komme. Nicht, dass mir meine Moti­va­tion wie­der abge­saugt wird! Ich hab noch rich­tig viel vor heute. Keine Zeit zu ver­lie­ren!

(Inter­es­san­ter­weise schien mit mei­ner gestei­ger­ten Moti­va­tion ein­her­zu­ge­hen, dass sämt­li­che Unter­hal­tungs­elek­tro­nik in mei­ner Umge­bung ver­sagte. Aber das ist nun wirk­lich eine völ­lig andere Geschichte.)