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Still There
Ich betrete den Korridor mit Tränen in den Augen. Hier bin ich nicht mehr gewesen, seit ich dich verloren habe. Ich hatte immer Angst, ich würde hier vor Wut alles zertrümmern. Aber jetzt empfinde ich einfach nur die vertraute Trauer, die sich wie eine Vernarbung auf meinem Herzen anfühlt und bei jedem Wetterumschwung stumpf schmerzt.
Hier, in dem langen Korridor, der die beiden Gebäudeteile der Bibliothek miteinander verbindet, sind wir uns das erste Mal begegnet. Es war kalt, weil sie hier nicht heizen, und du standst am Fenster und starrtest verzückt die Bäume an: Die Sonne war herausgekommen und ließ den kristallisierten Schnee auf den Ästen magisch glitzern. Ich trat neben dich, und du nahmst mich bei der Hand und zeigtest mir das Schimmern des Winters. Doch ich blickte nur dich an, denn du hattest da auch ein Funkeln wie von Schneekristallen in den Augen. Mir wurde ganz heiß davon. Da schimmerte ein Schatz, den ich unbedingt besitzen musste.
Das Sofa an der Korridorwand, in dem wir uns so oft mit unseren Fundstücken trafen und aneinandergeschmiegt drin lasen – oft einer im Buch des anderen – haben sie weggeräumt. Es ist fort, so wie du, nur noch eine Erinnerung: Es existiert ein Foto von uns beiden auf dem Sofa – mit Selbstauslöser geschossen. Wir blicken beide ernst in unsere Lektüre. Dabei mussten wir vorher schon kichern und brachen, nachdem es dann endlich geblitzt hatte, in so lautes Lachen aus, dass eine Bibliothekarin hereinkam und nach dem Rechten sah.
Das Foto zeigt indessen nichts von dem Kichern und Lachen. Es zeigt uns zwei, wie wir uns mit steinernen Mienen in unsere zwei Bücher vertiefen. Vielleicht ist das mit dem Leben genauso. Es zeigt uns, wie wir die Rolle spielen, die wir uns ausgedacht haben. Es wäre schön, dich irgendwo von ferne lauthals lachen zu hören. Aber auch traurig, weil ich in dieses Gelächter nicht einstimmen kann: Anders als du bin ich noch ganz in meiner Rolle gefangen.
Draußen liegt Schnee, wie damals. Die Sonne zeigt sich diesmal nicht, sondern versteckt sich hinter einem wattig-grauen Wolkenschleier. Aber sie ist da, muss da sein, und vielleicht hat ja das Wissen, dass etwas existieren kann, auch wenn wir es nicht sehen, zu allem geführt, was sich die Menschen über ein Leben nach dem Tod vorstellen? Erleben zu müssen, wie geliebte Menschen sterben, sie zu vermissen und selbst damit konfrontiert zu sein, dass irgendwann die Zeit abläuft: Könnte es sein, das dies der Grund für uns Menschen war, uns ein Jenseits auszudenken, Totenkult zu betreiben, Religionen zu erfinden und den Verlust geliebter Menschen mit Hilfe der täglichen Arbeit, mit Luxus, Vergnügen, Drogen, Hobbys, Obsessionen zu vergessen und verdrängen? Und erzählen wir uns all diese Geschichten, die in den unzähligen Büchern stehen, nicht einfach nur, um uns einzureden, alles habe seinen Sinn und sei gut?
Ich blicke auf die Bäume. Der Schnee auf den Ästen ist grau. Keine Nadeira tritt neben mich. Ich weiß nicht, was ich mir davon erhofft habe, hierher zu kommen. Ein übernatürliches Zeichen? Eine innere Heilung? Irgendetwas, das mir den Druck von der Brust nimmt, der immer wieder Tränen in meine Augen treibt?
Mir fällt ein, dass ich einmal deine Lieblingskaffeetasse, die aus Knossos mit den Delfinen drauf, beim Abtrocknen fallen ließ und sie in tausend Splitter zerbrach. Ich sah, wie weh dir das tat, und sagte so was wie: »Oh, verflixt, Naddi, ich bin untröstlich, ehrlich!« Du hast nur den Kopf geschüttelt und gesagt: »Das will ich nicht hoffen, dass du ›untröstlich‹ bist. Das wäre schrecklich. Wer untröstlich ist, ist nicht bei Trost.«
Ich weiß nicht, wie man »bei Trost« ist. Du hast dich immer an den Fakten orientiert und genau hingesehen: Vielleicht ist das die Antwort. Wir müssen uns keine Geschichten erzählen, keine Mythen, kein Jenseits, keine Wiedergeburt, keine Engel und unsterblichen Seelen erfinden. Wir müssen uns auch nicht ablenken. Die Sonne bleibt hinter den Wolken, es ist kalt, der Schnee ist grau, und ich blicke den Tatsachen unerschrocken ins Gesicht. Die wahre Magie ist ganz schlicht: Du bist fort, aber ich bin noch hier. Das bewusst zu spüren ist vielleicht das größte Geheimnis des Seins – und womöglich der einzige wirkliche Trost.