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The Wan­der­lust Chro­nic­les

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Ich betrete den Kor­ri­dor etwas ver­wun­dert. So etwas habe ich hier im Wald nicht erwar­tet. Es sind wei­ter hin­ten drei Türen zu sehen, eine rechts, eine links und eine, die wei­ter­führt. Neben allen erkenne ich den wei­ßen Bal­ken, das Zei­chen für den Appa­la­chen-Trail. Vorne jedoch steht ein Schreib­tisch, und es sitzt ein erns­ter Mann dahin­ter, der ein Geflecht win­zi­ger roter Äder­chen im Gesicht hat.

Er sieht mich ein wenig abschät­zig an und fragt: »Obdach­los, dro­gen­süch­tig oder auf der Suche nach Gott?« Ich bin erst ein­mal sprach­los. Was ist das hier?

»Das brau­chen wir für die Sta­tis­tik, junge Frau. Also?« Noch immer bin ich ver­wirrt. »Haben Sie eine Woh­nung?«, fragt der Mann lang­sam, jedes ein­zelne Wort beto­nend.

»Ja, natür­lich. Nein, der­zeit … Ich habe für die Zeit auf dem Trail meine Woh­nung unter­ver­mie­tet.«

»Aha«, sagt der Mann, »und wie steht es mit Dro­gen bei Ihnen?«

»Hören Sie«, sage ich, denn inzwi­schen habe ich mich wie­der etwas gefan­gen, »ist das alles, was Sie an Kate­go­rien haben? Ich bin hier, weil ich an der fri­schen Luft sein will, weil ich ein­fach mal raus muss aus dem All­tag, weg von der Zivi­li­sa­tion, nur mit mir allein und der Natur und den 3500 Kilo­me­tern bis zum Mount Katah­din.«

Der Mann nickt: »Das höre ich oft. Damit zäh­len Sie zu den Gott­su­chern.«

»Ich denke, nicht«, pro­tes­tiere ich.

»Ich denke, schon«, ant­wor­tet der Mann, ohne mit der Wim­per zu zucken, »und wie steht es nun mit Dro­gen?«

»Hören Sie: die Stra­pa­zen, die fri­sche Luft, das Allein­sein, falls man wie ich alleine wan­dert, das ein­fa­che Essen aus dem eige­nen Ruck­sack, der Ner­ven­kit­zel bei der Begeg­nung mit Schwarz­bä­ren, und, wenn man es zu einem Aus­sichts­punkt geschafft hat, das über­wäl­ti­gende Pan­orama – wer braucht da schon noch irgend­wel­che …« – »Dro­gen, dachte ich es mir doch.«

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er jetzt regis­triert hat, dass ich dro­gen­frei bin, oder ob er mich für einen ganz gewief­ten Jun­kie hält. Ich bli­cke auf seine Hände. Sie lie­gen ruhig auf dem blan­ken Holz­tisch. Kein Stift, kein Papier.

»Wir haben Licht­schran­ken, die die Zäh­lung durch­füh­ren«, sagt er. »Sie kön­nen dann wei­ter­ge­hen, danke.«

»Links oder rechts«, frage ich. Er schüt­telt den Kopf: »Nein, nein, das sind nur Attrap­pen. Gehen Sie ein­fach gera­de­aus wei­ter.« Das tue ich, obwohl mir noch einige kri­ti­sche Fra­gen in den Sinn kom­men. Egal. Bloß wei­ter. Ich achte nicht mal dar­auf, ob ich wirk­lich durch eine Licht­schranke laufe.

Hin­ter der Tür erwar­tet mich wie­der der unbe­rührte Wald und der stei­nige Pfad, der sich durch vier­zehn Bun­des­staa­ten der USA nach Nor­den zieht und von dem schon nahezu ein Drit­tel hin­ter mir liegt. Ich nehme einen tie­fen Atem­zug und ver­falle wie­der in mei­nen Wan­de­rerschritt. Als die Sonne ein­mal kurz hin­ter den Wol­ken her­vor­lugt, ist es, als scheine sie mir direkt in mein Herz.

Abends errei­che ich die nächste Lodge. Hier brennt längst ein Lager­feuer, und zahl­rei­che Hiker haben sich darum ver­sam­melt, auch einige, denen ich noch nicht begeg­net bin. Ich werde mit einem Hallo begrüßt und erzähle gleich ent­rüs­tet von die­ser blöd­sin­ni­gen sta­tis­ti­schen Erhe­bung auf dem Trail, merke aber schnell, dass die ande­ren mich stirn­run­zelnd anse­hen. Ist denn sonst nie­mand in die­sen Kor­ri­dor gera­ten? Offen­bar nicht. Eigen­ar­tig. Nach­dem ich das Plumps­klo hin­ter der Lodge auf­ge­sucht habe, ver­ziehe ich mich ein Stück weit weg, um mein Zelt auf­zu­schla­gen. Ich schlafe unru­hig. Ob ich von Bären oder Sta­tis­ti­kern träume, weiß ich am nächs­ten Mor­gen nicht mehr. Auch nicht, ob ich mir die ganze Sache nicht viel­leicht doch ein­ge­bil­det habe. Als ich nach mei­nem fru­ga­len Früh­stück zusam­men­pa­cke, taucht ein Back­pa­cker auf, den ich nicht kenne.

»Du hast doch da ges­tern von die­ser sta­tis­ti­schen Erhe­bung auf dem Trail erzählt …« Ich nicke. Was will er von mir? Ist das seine Tour, Kon­takt zu knüp­fen, um nicht allein wan­dern zu müs­sen?

»Fan­dest du nicht auch selt­sam, dass die uns Wan­de­rer mit Licht­schran­ken in Grup­pen ein­tei­len wol­len, aber es gibt nur eine funk­tio­nie­rende Tür?«

Das hatte ich nicht erzählt. Also war er auch in dem Kor­ri­dor. Hey, viel­leicht laufe ich meine 30 Tages­ki­lo­me­ter zur Abwechs­lung ja mal nicht allein? Wie die meis­ten Män­ner auf dem Trail spart er sich das Rasie­ren und lässt sich einen Bart wach­sen. Steht ihm.

»Wie ist dein Name?«, frage ich. Jeder Hiker hier auf dem Trail bekommt frü­her oder spä­ter einen Trail-Namen ver­passt. »Mil­que­toast«, sagt er und lächelt säu­er­lich, »wegen einer Bären­be­geg­nung in New Jer­sey.«

»Oh, wirk­lich?«, sage ich und muss ein Grin­sen unter­drü­cken, »ich selbst hab noch kei­nen Trail-Namen.«

»Doch, hast du«, sagt er, »ges­tern noch am Lager­feuer bekom­men. Die haben da bis tief in die Nacht über deine Geschichte gere­det.«

»Und was haben sie sich aus­ge­dacht?« Oh Shit, jetzt heiß ich »die Spin­ne­rin« oder womög­lich irgend­et­was in Rich­tung »die mit der Licht­schranke«.

»›Hikes-thru-cor­ri­dors‹«, sagt er und zuckt die Schul­tern, »hätte schlim­mer kom­men kön­nen.«

Wir zie­hen gemein­sam wei­ter und lachen eine Zeit­lang über den Typen im Kor­ri­dor, des­sen Job es ist, obdach­lose gott­su­chende Dro­gen­freaks zu zäh­len. Dann ver­fal­len wir in ein Schwei­gen, das die Natur, die gemein­same Anstren­gung und uns beide ein­schließt, ein sanf­tes, wort­lo­ses Ein­ver­ständ­nis dar­über, dass es eigent­lich nichts wei­ter zu sagen gibt.

 

Der Appa­la­chian Trail:Link

Mil­que­toast:Link