367/398
The Wanderlust Chronicles
Ich betrete den Korridor etwas verwundert. So etwas habe ich hier im Wald nicht erwartet. Es sind weiter hinten drei Türen zu sehen, eine rechts, eine links und eine, die weiterführt. Neben allen erkenne ich den weißen Balken, das Zeichen für den Appalachen-Trail. Vorne jedoch steht ein Schreibtisch, und es sitzt ein ernster Mann dahinter, der ein Geflecht winziger roter Äderchen im Gesicht hat.
Er sieht mich ein wenig abschätzig an und fragt: »Obdachlos, drogensüchtig oder auf der Suche nach Gott?« Ich bin erst einmal sprachlos. Was ist das hier?
»Das brauchen wir für die Statistik, junge Frau. Also?« Noch immer bin ich verwirrt. »Haben Sie eine Wohnung?«, fragt der Mann langsam, jedes einzelne Wort betonend.
»Ja, natürlich. Nein, derzeit … Ich habe für die Zeit auf dem Trail meine Wohnung untervermietet.«
»Aha«, sagt der Mann, »und wie steht es mit Drogen bei Ihnen?«
»Hören Sie«, sage ich, denn inzwischen habe ich mich wieder etwas gefangen, »ist das alles, was Sie an Kategorien haben? Ich bin hier, weil ich an der frischen Luft sein will, weil ich einfach mal raus muss aus dem Alltag, weg von der Zivilisation, nur mit mir allein und der Natur und den 3500 Kilometern bis zum Mount Katahdin.«
Der Mann nickt: »Das höre ich oft. Damit zählen Sie zu den Gottsuchern.«
»Ich denke, nicht«, protestiere ich.
»Ich denke, schon«, antwortet der Mann, ohne mit der Wimper zu zucken, »und wie steht es nun mit Drogen?«
»Hören Sie: die Strapazen, die frische Luft, das Alleinsein, falls man wie ich alleine wandert, das einfache Essen aus dem eigenen Rucksack, der Nervenkitzel bei der Begegnung mit Schwarzbären, und, wenn man es zu einem Aussichtspunkt geschafft hat, das überwältigende Panorama – wer braucht da schon noch irgendwelche …« – »Drogen, dachte ich es mir doch.«
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er jetzt registriert hat, dass ich drogenfrei bin, oder ob er mich für einen ganz gewieften Junkie hält. Ich blicke auf seine Hände. Sie liegen ruhig auf dem blanken Holztisch. Kein Stift, kein Papier.
»Wir haben Lichtschranken, die die Zählung durchführen«, sagt er. »Sie können dann weitergehen, danke.«
»Links oder rechts«, frage ich. Er schüttelt den Kopf: »Nein, nein, das sind nur Attrappen. Gehen Sie einfach geradeaus weiter.« Das tue ich, obwohl mir noch einige kritische Fragen in den Sinn kommen. Egal. Bloß weiter. Ich achte nicht mal darauf, ob ich wirklich durch eine Lichtschranke laufe.
Hinter der Tür erwartet mich wieder der unberührte Wald und der steinige Pfad, der sich durch vierzehn Bundesstaaten der USA nach Norden zieht und von dem schon nahezu ein Drittel hinter mir liegt. Ich nehme einen tiefen Atemzug und verfalle wieder in meinen Wandererschritt. Als die Sonne einmal kurz hinter den Wolken hervorlugt, ist es, als scheine sie mir direkt in mein Herz.
Abends erreiche ich die nächste Lodge. Hier brennt längst ein Lagerfeuer, und zahlreiche Hiker haben sich darum versammelt, auch einige, denen ich noch nicht begegnet bin. Ich werde mit einem Hallo begrüßt und erzähle gleich entrüstet von dieser blödsinnigen statistischen Erhebung auf dem Trail, merke aber schnell, dass die anderen mich stirnrunzelnd ansehen. Ist denn sonst niemand in diesen Korridor geraten? Offenbar nicht. Eigenartig. Nachdem ich das Plumpsklo hinter der Lodge aufgesucht habe, verziehe ich mich ein Stück weit weg, um mein Zelt aufzuschlagen. Ich schlafe unruhig. Ob ich von Bären oder Statistikern träume, weiß ich am nächsten Morgen nicht mehr. Auch nicht, ob ich mir die ganze Sache nicht vielleicht doch eingebildet habe. Als ich nach meinem frugalen Frühstück zusammenpacke, taucht ein Backpacker auf, den ich nicht kenne.
»Du hast doch da gestern von dieser statistischen Erhebung auf dem Trail erzählt …« Ich nicke. Was will er von mir? Ist das seine Tour, Kontakt zu knüpfen, um nicht allein wandern zu müssen?
»Fandest du nicht auch seltsam, dass die uns Wanderer mit Lichtschranken in Gruppen einteilen wollen, aber es gibt nur eine funktionierende Tür?«
Das hatte ich nicht erzählt. Also war er auch in dem Korridor. Hey, vielleicht laufe ich meine 30 Tageskilometer zur Abwechslung ja mal nicht allein? Wie die meisten Männer auf dem Trail spart er sich das Rasieren und lässt sich einen Bart wachsen. Steht ihm.
»Wie ist dein Name?«, frage ich. Jeder Hiker hier auf dem Trail bekommt früher oder später einen Trail-Namen verpasst. »Milquetoast«, sagt er und lächelt säuerlich, »wegen einer Bärenbegegnung in New Jersey.«
»Oh, wirklich?«, sage ich und muss ein Grinsen unterdrücken, »ich selbst hab noch keinen Trail-Namen.«
»Doch, hast du«, sagt er, »gestern noch am Lagerfeuer bekommen. Die haben da bis tief in die Nacht über deine Geschichte geredet.«
»Und was haben sie sich ausgedacht?« Oh Shit, jetzt heiß ich »die Spinnerin« oder womöglich irgendetwas in Richtung »die mit der Lichtschranke«.
»›Hikes-thru-corridors‹«, sagt er und zuckt die Schultern, »hätte schlimmer kommen können.«
Wir ziehen gemeinsam weiter und lachen eine Zeitlang über den Typen im Korridor, dessen Job es ist, obdachlose gottsuchende Drogenfreaks zu zählen. Dann verfallen wir in ein Schweigen, das die Natur, die gemeinsame Anstrengung und uns beide einschließt, ein sanftes, wortloses Einverständnis darüber, dass es eigentlich nichts weiter zu sagen gibt.