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Fires on the Rim of the Sun

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Ich betrete den Kor­ri­dor, in dem heute eine Son­nen­fins­ter­nis zu beob­ach­ten sein wird. Des­sen Grenze ver­läuft irgendwo im Süd­pa­zi­fik. Indem ich mei­nen Fuß auf das Roll­feld von Dar­win setze, betrete ich damit auch den Son­nen­fins­ter­nis­kor­ri­dor. Ein gutes Gefühl, nach der lan­gen Reise end­lich ange­kom­men zu sein.

Meine Freunde hal­ten mich für ver­rückt. Für eine Son­nen­fins­ter­nis um die halbe Erd­ku­gel flie­gen?

Am 11. August 1999 habe ich meine dama­lige Freun­din dafür nach Karls­ruhe beglei­tet – wider­stre­bend, muss ich zuge­ben. Der Son­nen­fins­ter­nis­kor­ri­dor ver­lief damals durch Deutsch­land. Aber was soll schon so toll daran sein, dass sich die Sonne kurz ver­dun­kelt?

Wir erreich­ten eine große Wiese auf einem Hügel an einem Wald­stück. Eine Menge Publi­kum hatte sich da außer­halb des Städt­chens ver­sam­melt. Decken wur­den aus­ge­brei­tet, Pick­nick­körbe aus­ge­packt, Kin­der spiel­ten Feder­ball und war­fen Fris­bee­schei­ben, denen die Hunde hin­ter­her­lie­fen. Man zeigte sich gegen­sei­tig die Papp­bril­len mit sil­ber­ner Folie – und beschwor die Wol­ken, doch bitte aus­ein­an­der­zu­rei­ßen, um wenigs­tens im ent­schei­den­den Moment den Blick frei­zu­ge­ben.

Doch die Stoß­ge­bete fruch­te­ten nicht. Der Zeit­punkt rückte näher, es wurde zuse­hends dämm­ri­ger, mit­ten am Tag – und auch mich erfasste die eigen­ar­tige Stim­mung. Die Tiere ver­hiel­ten sich ängst­lich, und wir Men­schen ver­stumm­ten. Plötz­lich konnte ich ver­ste­hen, warum es für unsere Vor­fah­ren so wich­tig war, Son­nen­fins­ter­nisse rich­tig vor­her­zu­sa­gen, und sie rie­sige Stein­kreise und Obser­va­to­rien zu dem Zweck errich­te­ten.

Das Zwit­schern der Vögel – ich hatte es gar nicht bewusst wahr­ge­nom­men – hörte auf. Es wurde dun­kel. Jetzt ris­sen doch noch kurz die Wol­ken auf, und ich konnte wenige Augen­bli­cke lang die Korona sehen, ohne die Papp­brille mit Folie, die in die­sem Moment nicht nötig war, um die Augen zu schüt­zen. Wir, meine Liebste und ich, fass­ten uns, ohne den Blick vom Him­mel zu las­sen, an den Hän­den.

Es ist schwer zu beschrei­ben: ein beson­de­rer, ein­zig­ar­ti­ger Moment. Ein dunk­ler Schat­ten legt sich über das Land, die Natur hält inne, und ein biss­chen ist es so, als ob kurz die Zeit selbst zum Still­stand käme. Dann, eine kleine Ewig­keit spä­ter, hellt es wie­der auf, das Leben, dem kurz den Atem gestockt hatte, kehrt zurück, und es erin­nert nichts mehr daran, dass wenige Augen­bli­cke lang am hell­lich­ten Tage die Nacht her­ein­ge­bro­chen war.

Sehr viele Gele­gen­hei­ten, dies mit­zu­er­le­ben, gibt es nicht. Die Schutz­brille aus Pappe jeden­falls habe ich mir als Andenken ver­wahrt und mit nach Aus­tra­lien genom­men. Hier steht die Chance gut, dass der Him­mel wol­ken­frei sein wird, im Kakadu-Natio­nal­park, dort, wo die Welt noch ein­mal für knapp zwei Minu­ten den Atem anhal­ten wird, wenn sich der Mond vor die Sonne schiebt und ihren glü­hen­den Rand zum Vor­schein bringt.

Den Mut, meine dama­lige Freun­din zu kon­tak­tie­ren und zu fra­gen, ob sie nicht mit­kom­men möchte, brachte ich lei­der nicht auf. So fas­zi­nie­rend es war, wie sich Natur und Kos­mos ein paar Atem­züge lang berühr­ten und dies als Mensch mit­er­le­ben und bestau­nen zu dür­fen: Unver­gess­lich wurde die­ser Moment für mich, weil sich unsere Hände fan­den und ich spürte, dass sie genauso fühlte.

Viel­leicht liest sie in der Zei­tung davon oder sieht die Fins­ter­nis in den Fern­seh­nach­rich­ten und denkt an uns und die wort­lose Ver­bun­den­heit vor drei­zehn Jah­ren? Oder – das ist ver­rückt! Ist sie das nicht, die da hin­ten ihren Kof­fer vom Band nimmt?! Rena-Ida hat den glei­chen Flug genom­men, hat die ganze Zeit, all die Stun­den, mit mir im Flie­ger geses­sen, und ich hab’s nicht bemerkt!

Ich weiß nicht, was wer­den wird. Aber es wäre schön, wenn sich unsere Hände noch ein­mal so berüh­ren könn­ten, unter dem Tanz des Feu­ers auf dem Rand der Sonne.

 

Die Son­nen­fins­ter­nis im Novem­ber 2012:Link