Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Nous

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The Calm

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Ich betrete den Kor­ri­dor zum alten Koh­len­kel­ler, den ich kom­plett mit Alu­mi­nium aus­ge­klei­det habe. Erschöpft lasse ich mich auf den Hocker sin­ken, der hier noch immer steht, damit ich die Folie auch an die Decke kle­ben konnte. Sie macht den Kor­ri­dor zum Fara­day­schen Käfig, durch den keine elek­tri­schen Fel­der nach außen drin­gen.

 

 

Nie­mand hat es kom­men sehen, aber die immer bes­sere Abde­ckung unse­rer Lebens­welt mit immer schnel­le­ren Funk­ver­bin­dun­gen ins Inter­net hat schließ­lich zu quan­ten­phy­si­ka­li­schen Wech­sel­wir­kun­gen mit den elek­tri­schen Fel­dern des mensch­li­chen Hirns geführt. Wis­sen­schaft­ler führ­ten von Unschär­fe­re­la­tion bis M‑Theorie alles ins Feld, was sie auf­bie­ten kön­nen, um das Phä­no­men auf diese Weise beredt zu erklä­ren – wenn auch erst hin­ter­her. Keine ihrer Theo­rien hat vor­her­ge­sagt, dass WLAN-Rou­ter und Mobil­funk­zel­len in der Lage sein wür­den, unsere Gedan­ken auf­zu­fan­gen. Und ebenso wenig, dass die geballte Rechen­kraft der Cloud fähig sein würde, diese unsere Gedan­ken anhand ihrer elek­tri­schen Fluk­tua­tio­nen zu ent­schlüs­seln.

 

 

Vie­len scheint der Upload der eige­nen Gedan­ken und Gefühle ins Brain­Web ver­füh­re­risch, und die pene­trante Wer­bung für das minia­tu­ri­sierte Goog-Equip­ment will uns Kon­su­men­ten stän­dig nahe­le­gen, dass es eine Art Unsterb­lich­keit bedeute. Aber natür­lich kann man nicht seine Iden­ti­tät in die Cloud laden, son­dern nur Erin­ne­run­gen, Ideen und Emo­tio­nen. All das wird durch Fil­ter, deren genaue Funk­ti­ons­weise und Tref­fer­quote geheim bleibt, von allzu pri­va­ten Gedan­ken berei­nigt und voll­au­to­ma­tisch tran­skri­biert: der Bewusst­seins­strom als Text­da­tei. Unter James Joyce würde viel­leicht ein Meis­ter­werk dar­aus, doch die bloße Mit­schrift kommt über ein pein­li­ches Gestam­mel wie etwa frü­her bei Twit­ter nicht hin­aus.

 

 

Seit Mona­ten beschäf­tigt mich der Gedanke, dass unsere mensch­li­chen Hirne offen­bar Anten­nen sind, Anten­nen für die Gedan­ken der Men­schen um uns herum. Es muss so sein, denn wie unschwer zu mer­ken ist, beschränkt sich der unab­läs­sige Upload aller Googs auf die Brain­Web-Ser­ver nicht nur auf ihren eige­nen Geist, son­dern beinhal­tet immer auch Gedan­ken­bruch­stü­cke der Men­schen, die sich gerade ihrer Nähe befin­den. Was die meis­ten für nicht mehr als einen lus­ti­gen Neben­ef­fekt hal­ten, hat in mei­nen Augen gewal­tige Kon­se­quen­zen!

 

 

Wenn mein Gehirn eine Antenne ist, mit dem ich tele­pa­thisch fremde Gedan­ken­in­halte auf­fan­gen kann: Warum weiß ich nichts davon? Warum wer­den mir diese Gedan­ken nicht bewusst? Es gibt keine For­schun­gen, die sich damit beschäf­ti­gen – alles kon­zen­triert sich auf die com­pu­te­ri­sierte Ver­wer­tung der Uploads, ihre Durch­such­bar­keit und die seman­ti­sche Ver­knüp­fung zwi­schen ihnen. Und natür­lich auf indi­vi­dua­li­sierte und noch geziel­tere Wer­bung. Das geplante Update, das alle Welt in helle Auf­re­gung ver­setzt, ver­spricht allen Googs, ihre Gedan­ken end­lich auch in Bild und Ton ver­ewi­gen zu kön­nen. Erin­nert sich jemand an Pin­te­rest, das Flickr für Hand­ta­schen & Co.? Nein. Die Kara­wane zieht wei­ter, zum nächs­ten Hype.

Ich jedoch wün­sche mir etwas, das nicht kom­plett ver­lo­ren ist, wenn der Strom abge­schal­tet wird. Ich habe den Traum, dass wir als Men­schen uns die eige­nen Fähig­kei­ten bewusst machen und unse­ren Sin­nen einen wei­te­ren hin­zu­fü­gen – vor­zugs­weise einen, der sich wie unsere Augen auch schlie­ßen lässt. Man stelle sich das mal vor: Wir wür­den keine Beschrei­bun­gen der Gefühle ande­rer lesen, son­dern diese Gefühle selbst füh­len.

Diese Vor­stel­lung ist nicht sehr popu­lär. Viel­leicht ist sie sogar gefähr­lich. Die Brain-Bran­che macht einen rie­si­gen Umsatz, der inzwi­schen selbst die Nano­tech­no­lo­gie in den Schat­ten stellt. Auf Tech­nik, auf Ser­ver, auf Soft­ware ver­zich­ten zu kön­nen, sich nicht immer wie­der die neuste Gene­ra­tion des iGoog hin­ters Ohr klem­men zu müs­sen, son­dern den eige­nen Sin­nen und Fähig­kei­ten zu ver­trauen: Das ist kein Markt, das ver­spricht kei­nen Pro­fit – jeden­falls kei­nen, der sich Aktio­nä­ren erklä­ren lässt.

Des­halb halte ich meine Gedan­ken und For­schun­gen lie­ber geheim, selbst und gerade vor mei­ner Frau, die täg­lich begeis­tert durch ihre eige­nen Uploads surft – und natür­lich durch die Brain­Wa­ves ihrer Freun­din­nen. Um wäh­rend­des­sen wei­ter ihre Gedan­ken und Gefühle upzu­loa­den – manch­mal wun­dere ich mich, dass es in den Köp­fen der Googs nicht zu einem uner­träg­li­chen Rück­kopp­lungs­pfei­fen kommt.

Es wird Zeit, zu Nele nach oben zu gehen. Sie dürfte bald das Abend­essen fer­tig­ha­ben, und spä­ter möchte sie bestimmt wie­der, dass ich ihr die Füße mas­siere. Ich werde an die See den­ken, an Schaum­kro­nen und den Blas vor­bei­zie­hen­der Wale, wäh­rend ihre Gedan­ken und die Worte, die wir wech­seln, als stän­di­ger Bewusst­seins­strom in die Cloud flie­ßen – mit gele­gent­li­chen Bruch­stü­cken von »Ich betrete den Kor­ri­dor«, die sie unbe­wusst von mir auf­fängt, oder ein paar unver­mit­tel­ten mari­ti­men Begrif­fen. Nele hielt diese Ein­spreng­sel in ihrer Brain­Wave bis­lang für einen Soft­ware­feh­ler und kam letzt­hin auf die Idee, es könne ein unbe­wuss­ter Wunsch von ihr sein, Urlaub am Meer zu machen (obwohl es ihr eigent­lich Angst ein­jagt und ihr Herz den Ber­gen gehört). Was ich dar­über denke, werde ich schön für mich behal­ten.

 

 

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Án dan­sari dans

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der mich von der Bühne weg zu mei­nem Umklei­de­raum führt. Für den Applaus, der immer noch nicht auf­hö­ren will, hat mich Emile aus der Hyp­nose geholt. Sie nen­nen mich die »Traum­tän­ze­rin«, denn ich tanze im Schlaf, ohne davon zu wis­sen, som­nam­bul und in Trance. Zu die­ser Séance-Dar­bie­tung kom­men die Men­schen in Scha­ren, um zu sehen, wie ich mich in einem dün­nen Kleid­chen aus blass­blauer Seide zu Cho­pin­mu­sik bewege.

Ich bin vor­her immer sehr auf­ge­regt und habe fürch­ter­li­ches Lam­pen­fie­ber, aber dann ver­setzt Emile mich in Hyp­nose, und ich weiß von nichts mehr, bis meine Dar­bie­tung vor­über ist. Es sei sehr schön, was ich tanze, sehr außer­ge­wöhn­lich, und es ist wohl manch­mal – das sehe ich an den Ange­bo­ten, die mir Män­ner zukom­men las­sen – auch ero­tisch. Und das, obwohl ich nie­mals eine Tanz­aus­bil­dung hatte.

Aber wer tanzt da? Ich bin es nicht, denn ich weiß nichts davon. Es heißt, es sei mein Unbe­wuss­tes, und andere sagen, es sei die unver­fälschte Muse Terp­s­ichore, die sich durch mich aus­drückt. Oder ist es der Tanz mei­ner Seele?

Gleich mor­gen früh rei­sen wir ab, um in einer ande­ren Stadt eine Dar­bie­tung zu geben. Albert, unser Impre­sa­rio, lässt uns keine Ruhe. Ursprüng­lich hatte Emile nur die stän­di­gen Kopf­schmer­zen behan­deln sol­len, die mich quäl­ten. Er ver­suchte es mit Hyp­nose und ent­deckte mein Talent. Inzwi­schen sind die Schmer­zen fort, und viel­leicht war ja das, was da in mei­nem Kopf rumorte, ein Elan vital, der den Men­schen mit Gebär­den, Mimik und Aus­drucks­tanz etwas sagen möchte. Ich kann nur instän­dig hof­fen, dass es irgend­wann jemand ver­steht.

 

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The Drum Leads the Way (Exc)

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der sich zwi­schen den mäch­ti­gen Wur­zeln einer Eiche öff­net und tief in den Bauch der Erde hin­ab­führt – mein Ein­gang in die Untere Welt. Mono­to­ner Trom­mel­schlag beglei­tet mich, wäh­rend ich, meine Hand aus­ge­streckt ins Ener­gie­feld einer Freun­din, nach deren ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen See­len­fa­cet­ten zu suchen beginne.

Meine Reise führt mich durch das Land der unge­woll­ten Toten – ein fürch­ter­li­cher Ort, fahl und düs­ter, mit schat­ten­haf­ten Wesen, die wie gie­rige Vam­pire über mich her­fal­len wür­den, wenn sie mich als das erken­nen wür­den, was ich bin: ein Leben­der. Also werfe ich mir einen grauen, schat­ten­haf­ten Umhang um und bewege mich quä­lend lang­sam zwi­schen ihnen hin­durch, wäh­rend ich alles Leben­dige in mir ver­neine, um nicht auf­zu­fal­len. Mein Lebens­mut scheint gänz­lich aus mir her­aus­zu­rin­nen, und ein blei­cher Schleier legt sich über mich. Das Graue Land erstreckt sich end­los nach allen Sei­ten – als ich fast schon auf­ge­ben will, habe ich es end­lich durch­quert und kann wie­der, beglei­tet von mei­nem Totem­tier, das wäh­rend mei­ner Reise über mich wacht und mich lei­tet, in die Lüfte stei­gen. Schließ­lich errei­chen wir auf der ande­ren Seite eines wil­den Oze­ans eine zer­klüf­tete Küste, an der eine ein­same Hütte steht. Hier lebt ein jun­ger Mann – mein Kraft­tier zieht sich zurück, um ihn nicht zu erschre­cken. Er sieht mit trau­ri­gen Augen aufs Meer hin­aus.

Ich rede mit ihm. Er will nicht zurück, zu sehr belas­tet ihn die Erin­ne­rung an ein furcht­ba­res Ereig­nis – eines, wie sie im Laufe unse­res Lebens immer wie­der Nar­ben auf der Seele hin­ter­las­sen. Schließ­lich kann ich dem jun­gen Mann klar­ma­chen, dass seine Hilfe, seine Ener­gie, seine Lei­den­schaft gebraucht wer­den. Er wird schreck­lich ver­misst.

Das rührt ihn, und er gibt zu, dass er sich hier an die­sem Ort ver­lo­ren und ver­ges­sen fühlt. Ich nehme ihn an der Hand und ziehe ihn mit mir. Die Trom­mel schlägt schnel­ler. Mein Kraft­tier schleu­dert mich durch die Luft, und ich finde mich zwi­schen den Wur­zeln der Eiche wie­der. Wir sind zurück­ge­kehrt. Die Trom­mel schweigt.

Ich schlage die Augen auf, und die Hand, in der ich soeben noch die des jun­gen Man­nes gespürt habe, schwebt leer über der Brust­ge­gend mei­ner reg­los und wie in Trance dalie­gen­den Freun­din.

Ich hoffe sehr, dass die Ener­gie, die ich als jun­gen Mann wahr­ge­nom­men habe, dort­hin zurück­keh­ren konnte, wo ihr Platz ist. Meine Freun­din jeden­falls reckt und streckt sich, hat Hun­ger bekom­men und will mich zu einem reich­hal­ti­gen Abend­essen ein­la­den – gespannt dar­auf, was ich von mei­ner Reise zu erzäh­len habe.

 

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Göng

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Ich betrete den Kor­ri­dor und sehe mich einem selt­sa­men Wesen gegen­über, einem wuls­ti­gen eiför­mi­gen Gebilde, das sich immer wie­der – von der Mitte aus – in kon­vul­si­vi­schen Zuckun­gen in sich selbst ein­fal­tet. Nicht von die­sem dau­ern­den Von-links-auf-rechts-und-wie­der-zurück-Stül­pen betrof­fen sind die drei feuch­ten und leicht zit­tern­den Füh­ler oder Anten­nen, die es zu mir hin­streckt.

Noch eigen­ar­ti­ger als das Wesen vor mir ist aller­dings die Tat­sa­che, dass ich ruhig und gelas­sen bleibe. Im Grunde berührt mich kaum, was ich da sehe. Und anfangs auch nicht, was ich höre.

»Du wirst kämp­fen. Du wirst sie­gen. Ich will es so.« Sagt das Wesen. Ich nehme es nur am Rande mei­nes Bewusst­seins wahr. Mich beschäf­tigt die Frage, wie ich in die­sen Kor­ri­dor gekom­men bin. Saß ich nicht eben noch auf mei­nem Fahr­rad?

»Andere wie du wer­den dich töten wol­len, um nicht selbst durch deine Hand zu ster­ben. Aber du wirst sie­gen. Ich will es so.«

Doch, so war es. Ich fuhr zum Wald­rand. Es war mit­ten in der Nacht. Ich hatte mei­nen klei­nen Rekor­der dabei und wollte den Gesang einer Nach­ti­gall auf­neh­men, die ich dort wenige Tage zuvor ihr nächt­li­ches Kon­zert hatte geben hören.

»Mein Ein­satz ist sehr hoch. Also ent­täu­sche mich nicht. Werde der Beste unse­rer Gla­dia­to­ren. Ich will es so.«

War da nicht die­ses Wum­mern einer Bass­drum gewe­sen? Und das Grö­len der Män­ner, die aus den Fens­tern eines Wagens hin­gen, der ohne Licht die Straße ent­lang­schlid­derte?

»Ich habe dich geret­tet. Ein Moment spä­ter, und du wärst tot gewe­sen. Ich bin dein Ret­ter. Und nun wirst du mich ret­ten. Ich will es so.«

Tat­säch­lich? Hatte mich die­ses Alien geret­tet? Es fällt mir nicht leicht, einen kla­ren Gedan­ken zu fas­sen. Aber irgend­wie kann ich mich nicht des Gefühls erweh­ren, dass mich das Ding dreist anlügt.

»Du wirst deine Geg­ner töten. Du wirst sie­gen. Du wirst die Macht gewin­nen, deine Träume Wirk­lich­keit wer­den zu las­sen. Ich will es so.«

Träume. Wirk­lich­keit. Das ist ein gutes Stich­wort. Dies ist ein Traum. Aber kein nor­ma­ler. Dies ist der letzte Traum. Oder der erste, wie man’s nimmt. Ich bin tot. Die­ses Wulst­we­sen hat mich nicht etwa geret­tet, son­dern mich unmit­tel­bar nach dem Unfall abge­fan­gen. Vor dem Tun­nel ins Licht sozu­sa­gen, falls es den geben sollte.

»Du bist nicht tot. Du willst leben. Des­halb wirst du kämp­fen. Du wirst sie­gen und reich beschenkt wer­den. Ich will es so.«

Träume, in denen ich weiß, dass ich träume, haben mich immer schon fas­zi­niert. Und wenn es dazu kam, habe ich die Gele­gen­heit genutzt und die Wirk­lich­keit, die mir mein schla­fen­der Geist vor­gau­kelte, gründ­lich erforscht. Das Wesen kann mich nicht täu­schen. Ich weiß, was ein Traum ist.

»Du träumst nicht! Du bist nicht tot! Du bist ein Kämp­fer. Mein Kämp­fer. Ich …«

»Ach, hör schon auf!«, falle ich dem feuch­ten Stül­per ins Wort. »Mich kannst du nicht täu­schen. Sag mir lie­ber, wer du wirk­lich bist.«

Ech­ten Mons­tern bin ich in mei­nen Träu­men eigent­lich nie begeg­net, aber ich weiß, wie man sich ihnen gegen­über am bes­ten ver­hält: furcht­los anspre­chen und sie direkt fra­gen, was sie eigent­lich wol­len.

Und tat­säch­lich, die Anten­nen­füh­ler begin­nen noch stär­ker zu zit­tern und zu trop­fen, die Meta­mor­pho­sen des Wesens beschleu­ni­gen sich, und gleich­zei­tig wird es blas­ser und blas­ser und beginnt, an den Rän­dern aus­zu­fran­sen, bis sich der Kor­ri­dor in einen lan­gen, dunk­len Tun­nel ver­wan­delt hat, an des­sen Ende ein hel­les, freund­li­ches Strah­len auf mich war­tet.

 

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Le murm­ure der­nière (in aeterna)

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Auch die ande­ren sind jetzt auf dem Weg zum Früh­stück. Einige hal­ten ihren Blick zu Boden gerich­tet und wir­ken in sich gekehrt. Wir ande­ren sehen uns an und nicken uns zu, wäh­rend wir uns schwei­gend auf den Weg durch die alt­ehr­wür­di­gen Gemäuer machen. Obwohl wir die stille Mor­gen­kon­tem­pla­tion schon hin­ter uns haben, ist es noch früh. Von drau­ßen dringt aus dem Klos­ter­gar­ten ein viel­stim­mi­ges Vogel­kon­zert.

Die junge Frau, die anfangs furcht­bar ner­vös gewe­sen ist, wirkt heute gelas­sen. Ein stil­les Strah­len geht von ihr aus. Sie isst ihr Früh­stück lang­sam und bedäch­tig. Plötz­lich hält sie inne, lächelt selig, klappt ein klei­nes Notiz­buch auf und schreibt etwas hin­ein.

Als sie auf­steht, um sich noch etwas Tee vom Buf­fet zu holen, erhebe ich mich eben­falls von mei­nem Platz auf der Bank und werfe im Vor­über­ge­hen einen Blick in das Notiz­buch, das immer noch auf­ge­schla­gen daliegt. Mit Blei­stift hat sie einen Satz hin­ein­ge­schrie­ben und die ein­zel­nen Stri­che der Buch­sta­ben mehr­fach ver­stärkt, wie um eine Fett­schrift anzu­deu­ten: Es gibt nichts zu sagen.

Ich muss lächeln. Tat­säch­lich: Auch die vie­len Dinge, die mir anfangs ein­fie­len und auf der Zunge lagen – nach vier Tagen Schweige-Retreat sind sie wie weg­ge­bla­sen. Ges­tern schien es mir in einem Moment wich­tig und fast unab­ding­bar, der jun­gen Frau zu sagen, wie schön sie ist. Die­ser Gedanke schoss mir mit Macht in den Sinn und schien alles andere ver­drän­gen zu wol­len. Doch mein Wille, das Schwei­gen nicht zu bre­chen, war stär­ker, und bald schon ver­lor der alles beherr­schende Gedanke an Kraft und ver­flüch­tigte sich schließ­lich gänz­lich. Ein kur­zes Lächeln genügt. Es bedarf kei­ner Worte.

Wir machen uns gemein­sam auf den Weg in die Kapelle. Der Mor­gen ist immer dem gre­go­ria­ni­schen Gesang gewid­met. Viel­leicht erlebe ich auch heute etwas Ähn­li­ches wie ges­tern: Ich hatte den Ein­druck, unsere Stim­men lös­ten sich für ein paar Takte von unse­ren Kör­pern, die Klänge schweb­ten fast über­ir­disch schön durch den Kir­chen­raum, und es war, als wären es nicht mehr wir, die da san­gen. Eine beglü­ckende Erfah­rung, jen­seits aller Worte. Wir alle spür­ten es, ohne dass es jemand aus­spre­chen musste.

Die Gedan­ken blei­ben, das innere Plap­pern und Kom­men­tie­ren – auch all die Kom­men­tare dazu, was mit mir im Laufe die­ser sie­ben Tage geschieht. Sätze wie »Es gibt nichts zu sagen« sind immer noch Worte – und sie wer­den immer noch von einer inne­ren Stimme gespro­chen. Ob auch die noch schwei­gen wird?

Diese Frage könnte ich am Abend dem Mönch mit dem silb­ri­gen Bart, dem Lei­ter die­ser Exer­zi­tien, stel­len. Anfangs hat er uns erklärt, dass er – nach der stil­len Arbeits­me­di­ta­tion im Klos­ter­gar­ten, die uns hand­schrift­lich auf klei­nen Kar­tei­kar­ten zuge­teilt wird – in sei­ner Zelle zur Ver­fü­gung steht, falls uns etwas beschäf­ti­gen oder quä­len sollte.

Oder gibt es auch nichts zu fra­gen? Ich glaube näm­lich, dass er mir auf meine Frage nach der Gedan­ken­stimme hin nur kurz in die Augen schauen wird: ein kur­zes, wis­sen­des Lächeln genügt.

305/398

Qui e ora n_é ancora

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Ich betrete den Kor­ri­dor, und auf uner­klär­li­che Weise fällt mit die­sen Schrit­ten alles Fal­sche, Ver­fehlte, Sub­op­ti­male von mir ab. Es ist, als würde ich mit einem bis­lang unge­kann­ten sieb­ten Sinn erspü­ren, dass ich hier auf genau dem rich­ti­gen Weg bin.

Es ist nur ein kur­zer Gang, der mich von der Treppe an ver­ros­te­ten Brief­käs­ten und einer Papp­kiste vol­ler Wer­be­müll ent­lang zur Haus­tür führt, aber auf die­sen weni­gen Metern wei­ten sich mein Herz und mein Blick, und ich fühle ein ange­neh­mes Pri­ckeln auf der Haut. Mich erfüllt die lang­ver­misste Zuver­sicht, vor unge­wis­sen Her­aus­for­de­run­gen zu ste­hen, wie sie bes­ser nicht zu mir pas­sen könn­ten.

Ich öffne die Tür. Stra­ßen­lärm schlägt mir ent­ge­gen. Von mei­nem Fahr­rad hängt, am Zaun der Dau­er­bau­stelle vorm Haus, nur noch das auf­ge­bro­chene Schloss. Ein tief­emp­fun­de­nes »Fuck!« ent­fährt mir, und fast wäre mit einem Schlag mein gerade erst geweck­tes Selbst­ver­trauen wie­der perdu gewe­sen. Aber so leicht lasse ich mich nicht aus der Spur brin­gen – dazu ist das Gefühl, zur rich­ti­gen Zeit am rich­ti­gen Ort zu sein, ein­fach zu kost­bar.

Gut, sei’s drum, gehe ich eben den Aben­teu­ern, die auf mich war­ten, zu Fuß ent­ge­gen. Außer­dem habe ich ja noch meine Monats­karte.

318/398

A vida é um cír­culo

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Ich betrete den Kor­ri­dor und stoße mit dem Schuh an ein Drei­rad aus Plas­tik. Dafür bin ich zwar deut­lich zu groß, aber ich mache den Zwil­lin­gen die Freude und hocke mich unge­lenk auf den klei­nen Kin­der­sitz. Sie haben aus gro­ßen Kar­tons und Span­plat­ten in unse­rem klei­nen Gar­ten eine »Geis­ter­bahn« gebaut, und jetzt darf ihr Papa sie tes­ten.

Meine Beine sind zu lang, und meine Füße pas­sen nicht auf die Pedale. Also drü­cke ich sie in den Rasen und schiebe das Drei­rad durchs Gras voran ins Dun­kel. Links steht eine Art Vogel­scheu­che mit her­aus­hän­gen­den Aug­äp­feln. Ich höre sie keu­chen. Ein wenig gru­se­lig ist es schon. Mit ihren Lum­pen erin­nert sie mich an meine heim­lich Angst davor, das ganze Sys­tem könne schon bald zusam­men­bre­chen und uns alle zu Bett­lern machen.

Am Ende des Tun­nels fla­ckert ein Licht, ver­lischt aber dann. Ich stehe im Dun­keln, wie damals, als es kurz so aus­sah, dass die Par­tei mich fal­len­lässt und meine Frau mir den Lauf­pass gibt. Eulen flat­tern auf und krei­schen, ich spüre ihre Flü­gel in mei­nen Haa­ren und erschre­cke ein wenig, weil ich die Ori­en­tie­rung ver­liere. Erst letz­tens hatte ich wie­der einen die­ser Alp­träume vom Abitur, in denen ich den rich­ti­gen Klas­sen­raum nicht finde und völ­lig unvor­be­rei­tet bin.

Es fällt Schnee, und plötz­lich starrt mich von rechts mit glü­hen­den Augen ein Mons­ter an. Es sagt mit dunk­ler Stimme: »Wenn du nicht brav bist, mein Klei­ner, holt dich der schwarze Streu­ner!« Meine Füße fin­den jetzt doch Platz auf den Peda­len, und ich trete kräf­tig hin­ein, um schnell an dem Mons­ter vor­bei­zu­kom­men. Zwar habe ich es noch nie gese­hen, aber die Stimme und seine schre­cken­er­re­gende Ankün­di­gung habe ich schon oft gehört, im Kel­ler mei­ner Kind­heit, und längst wie­der ver­ges­sen. Erst jetzt kommt mir das alles wie­der zu Bewusst­sein.

Selt­sam. Ich habe mei­ner Frau und mei­nen Kin­dern nie von dem Mons­ter erzählt.

Der Kor­ri­dor macht eine Bie­gung und führt ins Freie, ins helle Tages­licht. Ich strample mit aller Kraft, um über das Gras zu kom­men. Eigent­lich erwarte ich das Lachen und Krei­schen der Zwil­linge, aber der Gar­ten ist leer. Merk­wür­dig ist: Er sieht genau aus wie der kleine Gar­ten an mei­nem Eltern­haus, einer Dop­pel­haus­hälfte in der Vor­stadt. Am stäm­mi­gen, knor­ri­gen Kirsch­baum hängt eine Schau­kel. Meine Schau­kel.

Ich steige ab. Das Gras kit­zelt mir die nack­ten Füße. Die Schau­kel hängt hoch. Seit ich lau­fen kann, hängt mein Vater sie, je grö­ßer ich werde, immer höher, damit ich klet­tern lerne und kräf­tige Arme bekomme. Ich ziehe mich hin­auf.

»Essen fas­sen!«, ruft meine Mut­ter aus der Veran­da­tür, »Füt­te­rung der Raub­tiere!« Ich springe von der Schau­kel und laufe die Stu­fen zur Veranda hoch, stol­pere fast vor Begeis­te­rung über meine eige­nen Füße: Hieß es nicht, heute gibt es Pom­mes mit Ket­chup?

»Holst du mir schnell noch ein Glas Apfel­mus aus dem Kel­ler?«, fragt mich Mama. Ich erstarre und schüttle den Kopf. »Jetzt komm schon, du bist doch schon groß. Da hat man doch keine Angst mehr vor Mons­tern.« Ich schüttle ver­stockt den Kopf. »So ein klei­ner Schis­ser«, sagt meine Mut­ter kopf­schüt­telnd, aber sie lächelt dabei und strei­chelt mir durch die Haare. »Was soll bloß mal aus dir wer­den?«

322/398

The Soul Speaks Quietly

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es ist ein klei­nes Hos­piz, und der Kor­ri­dor, der zu den Zim­mern führt, endet in einer Art Win­ter­gar­ten mit zwei, drei gro­ßen Grün­pflan­zen und einem Korb­ses­sel. Dort setze ich mich hin­ein, denn ich will das Gespräch von gerade eben noch ein­mal Revue pas­sie­ren las­sen.

Es ist selt­sam, dass es mir als ihr Seel­sor­ger fast immer umge­kehrt wie den Ster­ben­den selbst geht. Bei denen, die kämp­fen, sich ans Leben klam­mern und nicht wahr­ha­ben wol­len, dass es mit ihnen zu Ende geht – warum sind sie sonst hier im Hos­piz? –, kann ich leicht los­las­sen. Doch die, die ihren Wider­stand auf­ge­ge­ben haben und ihrem Able­ben gelas­sen ent­ge­gen­se­hen: Die las­sen mich nicht los. Sie wol­len mir ein­fach nicht aus dem Kopf gehen und ver­fol­gen mich manch­mal bis in den Schlaf.

Dabei müsste ich mir doch um ihre See­len gar keine Sor­gen machen. Oder ist es meine Seele, die mich sorgt? Viel­leicht sollte ich auch ein­mal ihr acht­sam und unvor­ein­ge­nom­men zuhö­ren.

347/398

Stille Post

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Aha, die Klopf­zei­chen kom­men aus dem Gar­de­ro­ben­schrank. Hätte ich mir den­ken kön­nen. In ihm hab ich meine Unge­duld ein­ge­schlos­sen: Sie ist es, die jetzt darin rumort und Geräu­sche macht. Meine Ver­zweif­lung habe ich in einen aus­ran­gier­ten Kof­fer gelockt, das Zah­len­schloss ver­dreht und ihn hoch auf den Klei­der­schrank gewuch­tet. Mein Ärger ist seit eini­ger Zeit sicher im Kla­vier ver­wahrt, nur manch­mal packt ihn der Jäh­zorn, und er häm­mert alea­to­ri­sche Wut­aus­brü­che auf Sai­ten und Holz­ver­klei­dung. Auch meine Unge­schick­lich­keit habe ich in einem güns­ti­gen Moment über­wäl­tigt, ans Gäs­te­bett gefes­selt und gekne­belt. In ein Schmuck­käst­lein gesperrt hockt meine Schwer­mut im Dunk­len und trieft ver­mut­lich vor Selbst­mit­leid. Mei­nen Leicht­sinn habe ich mit einem Kescher gefan­gen, dann das Netz so ver­dreht, dass ein Ent­kom­men unmög­lich ist, und es aus dem Fens­ter gehängt. Selbst meine zügel­lose Gier habe ich aus­ge­trickst und halte sie inzwi­schen mit einer Selbst­schuss­an­lage auf dem Dach­bo­den in Schach: Die kleinste Bewe­gung würde die Schrot­flinte aus­lö­sen.

Und dann kommst du, über­siehst mit einem schnel­len Blick die Sach­lage und lässt ein­fach mir nichts dir nichts im Hand­um­drehn die ganze Mena­ge­rie frei. Jetzt ist hier drin natür­lich die Hölle los, aber dir scheint’s ja zu gefal­len …

 

352/398

Svi­kinn Rök

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Die Tür zu Saal 2 schwingt zu. Der Abspann ist durch­ge­lau­fen, der letzte Ton der Film­mu­sik ver­klun­gen – wei­ter geht’s mit einer schein­bar nie enden­den sub­jek­ti­ven Kame­ra­fahrt durch lebens­echte und lie­be­voll aus­staf­fierte Kulis­sen, mit Dar­stel­lern, die ganz in ihren Rol­len auf­ge­hen, mit einer Geschichte, wie sie nur das Leben schrei­ben kann. (Und die Iden­ti­fi­ka­tion mit der Haupt­fi­gur könnte voll­kom­me­ner kaum sein, nicht wahr?)