318/398

A vida é um cír­culo

Logo

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor und stoße mit dem Schuh an ein Drei­rad aus Plas­tik. Dafür bin ich zwar deut­lich zu groß, aber ich mache den Zwil­lin­gen die Freude und hocke mich unge­lenk auf den klei­nen Kin­der­sitz. Sie haben aus gro­ßen Kar­tons und Span­plat­ten in unse­rem klei­nen Gar­ten eine »Geis­ter­bahn« gebaut, und jetzt darf ihr Papa sie tes­ten.

Meine Beine sind zu lang, und meine Füße pas­sen nicht auf die Pedale. Also drü­cke ich sie in den Rasen und schiebe das Drei­rad durchs Gras voran ins Dun­kel. Links steht eine Art Vogel­scheu­che mit her­aus­hän­gen­den Aug­äp­feln. Ich höre sie keu­chen. Ein wenig gru­se­lig ist es schon. Mit ihren Lum­pen erin­nert sie mich an meine heim­lich Angst davor, das ganze Sys­tem könne schon bald zusam­men­bre­chen und uns alle zu Bett­lern machen.

Am Ende des Tun­nels fla­ckert ein Licht, ver­lischt aber dann. Ich stehe im Dun­keln, wie damals, als es kurz so aus­sah, dass die Par­tei mich fal­len­lässt und meine Frau mir den Lauf­pass gibt. Eulen flat­tern auf und krei­schen, ich spüre ihre Flü­gel in mei­nen Haa­ren und erschre­cke ein wenig, weil ich die Ori­en­tie­rung ver­liere. Erst letz­tens hatte ich wie­der einen die­ser Alp­träume vom Abitur, in denen ich den rich­ti­gen Klas­sen­raum nicht finde und völ­lig unvor­be­rei­tet bin.

Es fällt Schnee, und plötz­lich starrt mich von rechts mit glü­hen­den Augen ein Mons­ter an. Es sagt mit dunk­ler Stimme: »Wenn du nicht brav bist, mein Klei­ner, holt dich der schwarze Streu­ner!« Meine Füße fin­den jetzt doch Platz auf den Peda­len, und ich trete kräf­tig hin­ein, um schnell an dem Mons­ter vor­bei­zu­kom­men. Zwar habe ich es noch nie gese­hen, aber die Stimme und seine schre­cken­er­re­gende Ankün­di­gung habe ich schon oft gehört, im Kel­ler mei­ner Kind­heit, und längst wie­der ver­ges­sen. Erst jetzt kommt mir das alles wie­der zu Bewusst­sein.

Selt­sam. Ich habe mei­ner Frau und mei­nen Kin­dern nie von dem Mons­ter erzählt.

Der Kor­ri­dor macht eine Bie­gung und führt ins Freie, ins helle Tages­licht. Ich strample mit aller Kraft, um über das Gras zu kom­men. Eigent­lich erwarte ich das Lachen und Krei­schen der Zwil­linge, aber der Gar­ten ist leer. Merk­wür­dig ist: Er sieht genau aus wie der kleine Gar­ten an mei­nem Eltern­haus, einer Dop­pel­haus­hälfte in der Vor­stadt. Am stäm­mi­gen, knor­ri­gen Kirsch­baum hängt eine Schau­kel. Meine Schau­kel.

Ich steige ab. Das Gras kit­zelt mir die nack­ten Füße. Die Schau­kel hängt hoch. Seit ich lau­fen kann, hängt mein Vater sie, je grö­ßer ich werde, immer höher, damit ich klet­tern lerne und kräf­tige Arme bekomme. Ich ziehe mich hin­auf.

»Essen fas­sen!«, ruft meine Mut­ter aus der Veran­da­tür, »Füt­te­rung der Raub­tiere!« Ich springe von der Schau­kel und laufe die Stu­fen zur Veranda hoch, stol­pere fast vor Begeis­te­rung über meine eige­nen Füße: Hieß es nicht, heute gibt es Pom­mes mit Ket­chup?

»Holst du mir schnell noch ein Glas Apfel­mus aus dem Kel­ler?«, fragt mich Mama. Ich erstarre und schüttle den Kopf. »Jetzt komm schon, du bist doch schon groß. Da hat man doch keine Angst mehr vor Mons­tern.« Ich schüttle ver­stockt den Kopf. »So ein klei­ner Schis­ser«, sagt meine Mut­ter kopf­schüt­telnd, aber sie lächelt dabei und strei­chelt mir durch die Haare. »Was soll bloß mal aus dir wer­den?«