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A vida é um círculo
Ich betrete den Korridor und stoße mit dem Schuh an ein Dreirad aus Plastik. Dafür bin ich zwar deutlich zu groß, aber ich mache den Zwillingen die Freude und hocke mich ungelenk auf den kleinen Kindersitz. Sie haben aus großen Kartons und Spanplatten in unserem kleinen Garten eine »Geisterbahn« gebaut, und jetzt darf ihr Papa sie testen.
Meine Beine sind zu lang, und meine Füße passen nicht auf die Pedale. Also drücke ich sie in den Rasen und schiebe das Dreirad durchs Gras voran ins Dunkel. Links steht eine Art Vogelscheuche mit heraushängenden Augäpfeln. Ich höre sie keuchen. Ein wenig gruselig ist es schon. Mit ihren Lumpen erinnert sie mich an meine heimlich Angst davor, das ganze System könne schon bald zusammenbrechen und uns alle zu Bettlern machen.
Am Ende des Tunnels flackert ein Licht, verlischt aber dann. Ich stehe im Dunkeln, wie damals, als es kurz so aussah, dass die Partei mich fallenlässt und meine Frau mir den Laufpass gibt. Eulen flattern auf und kreischen, ich spüre ihre Flügel in meinen Haaren und erschrecke ein wenig, weil ich die Orientierung verliere. Erst letztens hatte ich wieder einen dieser Alpträume vom Abitur, in denen ich den richtigen Klassenraum nicht finde und völlig unvorbereitet bin.
Es fällt Schnee, und plötzlich starrt mich von rechts mit glühenden Augen ein Monster an. Es sagt mit dunkler Stimme: »Wenn du nicht brav bist, mein Kleiner, holt dich der schwarze Streuner!« Meine Füße finden jetzt doch Platz auf den Pedalen, und ich trete kräftig hinein, um schnell an dem Monster vorbeizukommen. Zwar habe ich es noch nie gesehen, aber die Stimme und seine schreckenerregende Ankündigung habe ich schon oft gehört, im Keller meiner Kindheit, und längst wieder vergessen. Erst jetzt kommt mir das alles wieder zu Bewusstsein.
Seltsam. Ich habe meiner Frau und meinen Kindern nie von dem Monster erzählt.
Der Korridor macht eine Biegung und führt ins Freie, ins helle Tageslicht. Ich strample mit aller Kraft, um über das Gras zu kommen. Eigentlich erwarte ich das Lachen und Kreischen der Zwillinge, aber der Garten ist leer. Merkwürdig ist: Er sieht genau aus wie der kleine Garten an meinem Elternhaus, einer Doppelhaushälfte in der Vorstadt. Am stämmigen, knorrigen Kirschbaum hängt eine Schaukel. Meine Schaukel.
Ich steige ab. Das Gras kitzelt mir die nackten Füße. Die Schaukel hängt hoch. Seit ich laufen kann, hängt mein Vater sie, je größer ich werde, immer höher, damit ich klettern lerne und kräftige Arme bekomme. Ich ziehe mich hinauf.
»Essen fassen!«, ruft meine Mutter aus der Verandatür, »Fütterung der Raubtiere!« Ich springe von der Schaukel und laufe die Stufen zur Veranda hoch, stolpere fast vor Begeisterung über meine eigenen Füße: Hieß es nicht, heute gibt es Pommes mit Ketchup?
»Holst du mir schnell noch ein Glas Apfelmus aus dem Keller?«, fragt mich Mama. Ich erstarre und schüttle den Kopf. »Jetzt komm schon, du bist doch schon groß. Da hat man doch keine Angst mehr vor Monstern.« Ich schüttle verstockt den Kopf. »So ein kleiner Schisser«, sagt meine Mutter kopfschüttelnd, aber sie lächelt dabei und streichelt mir durch die Haare. »Was soll bloß mal aus dir werden?«