Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Nous

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Nexus secre­tus

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der mich in die Kapelle der hei­li­gen Spie­gel führt, wo ich wie im Zeit­raf­fer die Evo­lu­tion aus der Mate­rie in den Geist und wei­ter ins Spi­ri­tu­elle durch­lebe, in tie­fem hei­li­gen Ernst hin­ter die Kulis­sen des Seins schauen kann, das ener­ge­ti­sche Netz erkenne, das alles ver­bin­det – von der Geburt über den Tod ins Bardo und zurück zum höchs­ten Poten­zial in einen schier end­lo­sen Tun­nel mit Wän­den aus unzäh­li­gen Augen, dem Weg ins unbe­grenzte Gewahr­sein und ins Licht.

 

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Hell (Flee­ting Visit)

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Hm, die Hölle hatte ich mir anders vor­ge­stellt, nicht als ein­same, end­los-ewige Suche nach einem Ver­ant­wort­li­chen. Oder ist dies – das Pur­ga­to­rium?!

 

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Into Intert­win­gu­la­rity

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der die große Wei­he­halle umläuft. Die pochen­den Kopf­schmer­zen sind mit einem Mal ver­flo­gen. Trotz­dem bin ich ver­wirrt. Wo bin ich hier? Woher weiß ich, dass es sich um die »Wei­he­halle« han­delt? Ich werde – zur Untä­tig­keit ver­ur­teilt im Geist eines Betei­lig­ten hockend, der nichts davon mit­be­kommt – wie­der einem Hel­den mei­ner Kind­heit begeg­nen, soviel ist klar. Bis­her habe ich immer gleich gewusst, wohin es mich ver­schla­gen hat – ob es nun die Tri­este war, Lhasa, Xu Fus Flotte oder ob es sich um Vasco da Gama oder Albrecht Lud­wig Berblin­ger, den Schnei­der von Ulm, bei sei­nem tra­gi­schen Flug­ver­such han­delte.

Die Stadt ist präch­tig. Die impo­san­ten Bau­ten und die gepflas­ter­ten Stra­ßen sind mit bun­ten Blu­men geschmückt, und über die brei­ten Kanäle weht eine fri­sche, sal­zige Brise. Ich wandle durch präch­tige Säu­len­gänge aus schim­mern­dem Mar­mor, grüße einen Bär­ti­gen in einem bestick­ten Gewand, der mich »Criph« nennt, besteige ein Boot, das einer vene­zia­ni­schen Gon­del ähnelt. Doch dies ist nicht das antike Vene­dig. Die Kanäle sind kreis­för­mig ange­legt. Lang­sam däm­mert mir, dass das hier Atlan­tis sein muss. Aber es kann nicht sein! Atlan­tis hat es nie gege­ben – außer als Erzäh­lung von Pla­ton. Es ging ihm, soweit ich mich erin­nere, bei sei­nem Gleich­nis um Gerech­tig­keit und den idea­len Staat. Und doch bin ich hier, im Kopf die­ses »Criph«, und weiß nicht, ob es ein Traum ist, Wahn oder geis­ter­hafte Wirk­lich­keit.

Eben schien noch die Sonne, doch nun ver­heißt der Blick in den Him­mel Unheil: Über den gol­de­nen Zin­nen der Stadt braut sich mit erschre­cken­der Geschwin­dig­keit ein Unwet­ter zusam­men. Dann erschüt­tert ein Erd­be­ben die Mau­ern, das die Men­schen zu Boden schleu­dert und die mäch­ti­gen Gebäude ein­stür­zen lässt. Ich bin Zeuge des Unter­gangs von Atlan­tis, von dem Pla­ton schrieb, er sei inner­halb eines ein­zi­gen Tages und einer unglück­se­li­gen Nacht erfolgt!

Der Junge, Criph, eilt in die Höhle mit den außer Kon­trolle gera­te­nen Wet­ter­kris­tal­len, um sie zu deak­ti­vie­ren. Doch das Ver­der­ben ist nicht auf­zu­hal­ten.

Werde ich zusam­men mit ihm ster­ben? Ist hier meine Irr­fahrt durch die Welt­ge­schichte zu Ende?

Der Junge kon­zen­triert sich. Sein Geist ist geschult. Er ver­setzt sich inner­lich an einen ganz ande­ren, fried­li­chen Ort. Es scheint eine kleine pal­men­be­stan­dene Insel zu sein, und es sind Besu­cher dort. Gleich­zei­tig droht Criphs Kör­per zu ertrin­ken, und ich spüre, dass seine Kräfte nicht aus­rei­chen wer­den, um sich ret­ten – nicht seine kör­per­li­chen und auch nicht seine geis­ti­gen Kräfte.

Aber ich kann Criph hel­fen: mit mei­ner Kraft und mei­nem Über­le­bens­wil­len. Wie soll das gehen? Bin ich ange­sichts des dro­hen­den Unter­gangs end­gül­tig ver­rückt gewor­den? Nein. Ich spüre, dass ich nicht län­ger zur Untä­tig­keit ver­dammt bin. Im Geist die­ses Jun­gen, in sei­nem Kopf, ist es anders als bis­her. Ihm kann ich meine Ent­schluss­kraft, ja selbst mein Wis­sen und meine Erfah­rung zur Ver­fü­gung stel­len. Aller­dings nur, indem ich mich selbst auf­gebe. Die anste­hende Ent­schei­dung steht klar vor mei­nem inne­ren Auge.

Bin ich bereit, in etwas Grö­ße­rem auf­zu­ge­hen und mich selbst los­zu­las­sen? Die nächs­ten Sekun­den ent­schei­den, ob Criph ertrinkt oder über­lebt. Könnte der hei­mat- und ruhe­lose Geist, zu dem ich gewor­den bin, hier am Ende sei­ner Reise ange­kom­men sein? Es ist, als stünde ich am Rand eines boden­lo­sen Abgrunds, wan­kend, von Schwin­del erfasst, den Halt ver­lie­rend. Etwas Unbe­kann­tes erwar­tet mich. Ich hoffe, es ist mir freund­lich gesinnt.

Der Augen­blick ist gekom­men. Ich muss meine Ent­schei­dung tref­fen. Wie ver­ab­schie­det man sich von sich selbst?

Vie­len Dank für alles. Lebe wohl!

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Les joies les plus chau­des

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Ich betrete den Kor­ri­dor-Pla­ne­ten. Zuerst sieht es ganz so aus, als sei er unbe­wohnt. Eine Treppe führt ins Innere, und dann begin­nen die Kor­ri­dore. Hin­ter den Türen in den Kor­ri­do­ren, die ich neu­gie­rig öffne, begin­nen neue Kor­ri­dore, und hin­ter ihren Türen wei­tere. Alle sehen gleich aus. Nach kur­zer Zeit habe ich mich ver­irrt. Zum Glück ist es hier nicht dun­kel. Jemand hat in die Kor­ri­dore eine lange grüne Schnur mit klei­nen elek­tri­schen Ker­zen gelegt, die rhyth­misch blin­ken. Ich folge der Schnur, denn ent­we­der muss sie irgendwo enden oder ich finde ihren Anfang.

Dann wird es sehr laut. Ein Kor­ri­dor, den ich betrete, ist noch unfer­tig. Seine Wände sind nack­ter Fels, und es steht ein Mann da mit einem Press­luft­boh­rer, der den Stein bear­bei­tet und den Kor­ri­dor wei­ter hin­ein in den Pla­ne­ten treibt.

»Hallo«, rufe ich, aber der Mann hat einen Gehör­schutz auf und bemerkt mich nicht. Ich tippe ihn an. Er erschreckt und dreht sich um. End­lich stellt er den lär­men­den Press­luft­ham­mer aus, so dass wir uns unter­hal­ten kön­nen.

»Wer bist du denn? Wo kommst du her?«

»Was machst du da?«, frage ich ihn. Er ist jung und vol­ler Staub.

»Ich baue ein Laby­rinth aus Gän­gen und Türen. Aber was machst denn du hier?«

»Ich sehe ja«, sage ich sanft, »dass du dei­nen Pla­ne­ten aus­höhlst und lau­ter Kor­ri­dore hin­ein­baust. Aber warum tust du das?«

Der Mann lehnt sich an die Stein­wand. Er wirkt erschöpft. »Das ist nicht ganz leicht zu erklä­ren«, sagt er.

»Dann erklär es mir ein­fach«, sage ich.

Er zieht sich die Bau­ar­bei­ter­hand­schuhe aus und betrach­tet eine Zeit­lang seine Hände.

»Ich liebe Über­ra­schun­gen«, sagt er schließ­lich. »Weißt du, klei­ner Mann, auf mei­nem Pla­ne­ten konnte mich ein­fach nichts mehr über­ra­schen. Ich kannte schon alles.«

»Aber die Son­nen­un­ter­gänge!«, wende ich ein. »Außer­dem kann immer ein Samen­korn her­we­hen, und es wächst eine Blume, wie du sie noch nie vor­her gese­hen hast. Hast du Vul­kane hier?«

Der Mann schüt­telt den Kopf. Schade, denke ich, denn auch wenn ein Vul­kan erlo­schen ist: Man kann nie wis­sen.

»Jeden­falls baue ich die­ses Laby­rinth, weil ich mich dann hier drin ver­ir­ren kann und nicht mehr weiß, wo ich bin. Des­halb sieht hier alles gleich aus. Sag mal, wie hast du mich eigent­lich gefun­den?«

Ein wenig erin­nert mich der Mann an den Later­nen­wäch­ter: jemand mit einer Mis­sion. Könnte er ein Freund für mich wer­den?

»Willst du denn gerne ver­lo­ren gehen?«, frage ich.

Er nickt. »Hin­ter jeder Tür könnte mich etwas Über­ra­schen­des erwar­ten, weißt du?«

»Aber es sehen doch alle Kor­ri­dore gleich aus. Und hin­ter jeder Tür beginnt ein neuer. Das ist doch nichts Über­ra­schen­des.«

Der Mann run­zelt die Stirn. Hat er dar­über noch nie nach­ge­dacht? »Doch. Es könnte ja mal der Aus­gang sein. Oder das Ende der Kor­ri­dore. Und außer­dem könnte ich ja auch noch etwas in die Kor­ri­dore hin­ein­stel­len, das mich dann spä­ter über­rascht, wenn ich zufäl­lig dar­auf stoße.«

»Das ver­stehe ich nicht«, sage ich ver­wun­dert. »Wenn du etwas hin­ein­stellst, über­rascht es dich doch nicht wirk­lich, wenn du es dann spä­ter hin­ter einer Tür fin­dest.«

»Doch«, sagt der Mann, »wenn ich es näm­lich ver­ges­sen habe.«

»Also willst du dich nicht nur in den Kor­ri­do­ren ver­ir­ren, son­dern auch noch ver­ges­sen, was in ihnen zu fin­den ist?«

Der Mann lächelt erfreut. »Genau.«

Ich kenne noch so einen, der ver­ges­sen will. Und ich weiß nicht, wel­cher von bei­den ver­rück­ter ist. Selt­same Leute, die gro­ßen Leute.

»Ich möchte gerne wei­ter­rei­sen. Weißt du, wo der Aus­gang ist?«

Der Mann nickt lang­sam und unwil­lig. »Ja, lei­der. Ich wünschte, ich hätte es ver­ges­sen. Komm mit, ich bring dich hin.«

Und so gehen wir durch die Kor­ri­dore des Man­nes, und alle sehen genau gleich aus, aber der Mann weiß, wel­che Türen er öff­nen muss und wo es lang­geht.

»Was hat dich eigent­lich zuletzt über­rascht?«, frage ich. Der Mann bleibt ste­hen und sieht zu mir run­ter.

»Na, du natür­lich. Als du eben uner­war­tet auf­ge­taucht bist.«

»Und dazu muss­test du gar keine Tür auf­ma­chen.«

»Das stimmt«, sagt der Mann, »du bist ein­fach so auf­ge­taucht.«

»Und jetzt gehe ich wie­der.« Wir errei­chen näm­lich gerade die Treppe, und dar­über fun­keln die Sterne.

»Gute Reise«, wünscht mir der Mann.

»Komm doch mit«, sage ich, »ich habe auf mei­ner Reise schon viele Über­ra­schun­gen erlebt.«

Der Mann sieht trau­rig aus und jetzt auch viel älter, als ich anfangs gedacht habe. Er schüt­telt den Kopf. »Ich muss mich wie­der an die Arbeit machen.«

Und damit betritt er den Kor­ri­dor mit den blin­ken­den Lämp­chen und ist bald dar­auf im Inne­ren sei­ner Welt ver­schwun­den.

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Cos­mic Gestalt

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Ich betrete den Kor­ri­dor, wenn man denn außer­halb von Zeit und Raum von so etwas wie einem Kor­ri­dor spre­chen kann. Jeden­falls steht hier unter dem Fens­ter der Was­ser­spen­der, ein Ort, an dem sich das Team gerne zu zwang­lo­sen Gesprä­chen trifft. Gott füllt sich gerade einen Papp­be­cher. Ich stelle mich zu ihm.

»Mir ist da letzt­hin die Idee zu einem neuen Uni­ver­sum gekom­men«, sage ich. Er blickt inter­es­siert auf. »Bis­her haben wir ja immer auf detail­liert aus­ge­tüf­telte Sze­na­rien gesetzt, kom­plett von vorne bis hin­ten durch­ge­plant und gelenkt durch stra­te­gisch ein­ge­setzte Insze­nie­run­gen. Wie ja auch momen­tan mit all den fal­schen Hin­wei­sen, dass die Welt mög­li­cher­weise viel älter ist, als geschrie­ben steht, und durch einen Urknall ent­stan­den sein könnte.«

»Stimmt«, bestä­tigt er und nimmt einen Schluck vom Was­ser des Lebens, »die Sache mit Ster­nen­ent­ste­hung und Erd­zeit­al­tern wird von ihnen gut ange­nom­men. Zu gut fast.«

»Ich habe mir über­legt, wir könn­ten doch wirk­lich mal ein Uni­ver­sum mit einem Urknall begin­nen las­sen und nur die Anfangs­pa­ra­me­ter vor­ge­ben – statt müh­sam das Hin­ter­grund­rau­schen des Was­ser­stoffs abzu­spie­len, fal­sche Dino­sau­ri­er­kno­chen ein­zu­gra­ben und all das.«

Gott reißt über­rascht die Augen auf.

»Ich weiß, ich weiß, fast schon ein ket­ze­ri­scher Gedanke. Aber wäre es nicht äußerst span­nend, ein­fach nur zu beob­ach­ten und nicht stän­dig ein­grei­fen zu müs­sen?«

»Das würde«, wen­det er ein, »aber deut­lich mehr als sechs­tau­send Jahre von der Erschaf­fung der Welt bis zum Jüngs­ten Tag dau­ern.«

»Ja, klar. Mil­li­ar­den von Jah­ren. Und es würde kei­nen Jüngs­ten Tag geben.«

»Würde es nicht?!«

»Nein. Wie gesagt schlage ich vor, die Anfangs­pa­ra­me­ter vor­zu­ge­ben, so, dass sich Leben und natür­lich auch intel­li­gen­tes Leben bil­den …«

Gott unter­bricht mich: »Wir haben nicht mehr genü­gend Engel für noch ein Uni­ver­sum.«

»Wir wür­den keine Engel ein­set­zen.«

Ihm steht der Mund offen. Das muss er erst­mal ver­dauen.

»Wir wür­den ein­fach nur beob­ach­ten, was pas­siert.«

»Und kei­nen Erlö­ser schi­cken?«

Ich schüttle den Kopf. »Bis­her«, erläu­tere ich, »haben wir immer alles vor­ge­ge­ben. Wir haben sie nach unse­rem Bild gestal­tet, Pro­phe­ten und Mys­ti­ker gebrieft und an neur­al­gi­schen Stel­len das eine und andere Wun­der gewirkt. Alles in allem ist es ein Hau­fen Arbeit, die Sache in unse­rem Sinne am Lau­fen zu hal­ten. Dies­mal –«, und an die­ser Stelle mache ich eine bewusste Pause, »wür­den wir nicht wis­sen, was pas­siert.«

Gott lässt noch etwas Was­ser aus dem Spen­der in sei­nen Becher glu­ckern. Der Titel »Gott« ist eine Art Run­ning Gag, und wir ver­lei­hen ihn reihum, so dass jeder im Team sich mal als Chef füh­len kann. Er sieht nach­denk­lich aus.

»Ein gene­ra­ti­ves Uni­ver­sum«, sagt er gedan­ken­ver­lo­ren. Ich nicke. »Es könnte sein, dass sich gar kein Leben ent­wi­ckelt«, fährt er fort. Wie­der nicke ich: »Dann wür­den wir ein­fach von vorne anfan­gen.«

»Kein Erlö­ser …«, mur­melt er ver­son­nen.

»Und auch kein Him­mel und keine Hölle«, füge ich an.

»Es wäre auf jeden Fall span­nend.« Ent­de­cke ich da bei die­sen Wor­ten ein Blit­zen in sei­nen Augen? »Lass uns das mal mor­gen früh beim Mee­ting in die Runde wer­fen«, sagt er. Er scheint inner­lich schon abzu­che­cken, wie wir die ande­ren von der Idee über­zeu­gen kön­nen. Dann knufft er mir aner­ken­nend in die Schul­ter. Das hat er noch nie getan.

Zufrie­den gehe ich zurück an meine Arbeit.

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Deviationist’s Joy

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»Ich betrete den Kor­ri­dor und laufe ihn in den aller­meis­ten Fäl­len ein­fach bis zum Ende durch? Ver­stehe ich das rich­tig?«

Lau­ten­thal nickt lächelnd und fügt mei­ner Frage an: »… um dann gleich den nächs­ten Kor­ri­dor zu betre­ten. So funk­tio­niert unser Geist – und damit unser Leben.«

Prof. Ernst C. Lau­ten­thal ist Neu­ro­loge. Ich bin durch ein Zei­tungs­in­ter­view auf ihn auf­merk­sam gewor­den, in dem er die mensch­li­che Denk­tä­tig­keit mit einem Kor­ri­dor ver­gleicht. Klar, dass dies mei­ner selek­ti­ven Auf­merk­sam­keit nicht ent­gan­gen ist: Ich beschloss umge­hend, eine Repor­tage für mein Blog dar­aus zu machen. Des­halb also die­ses Inter­view.

Ich sitze – ein klein wenig ein­ge­schüch­tert, muss ich geste­hen – dem Pro­fes­sor gegen­über und ver­su­che zu ver­ste­hen, was er her­aus­ge­fun­den hat.

»Ein Tier, das einem Instinkt folgt, hat meist kei­ner­lei Wahl­mög­lich­kei­ten, was den Ablauf sei­ner Hand­lun­gen angeht. Ähn­lich ist es bei mensch­li­chen Rou­ti­ne­auf­ga­ben. Wir hät­ten eine Wahl, aber wir nut­zen sie nicht. Man kann das damit ver­glei­chen, wenn man so will, dass man mit Beginn der Hand­lung einen Kor­ri­dor betritt und sei­nem Ver­lauf ohne Abwei­chun­gen bis zum Ende folgt, so wie man es gelernt und ein­ge­übt hat.«

Wir sit­zen in sei­nem Büro. Im Regal hin­ter sei­nem Schreib­tisch liegt ein mensch­li­cher Schä­del. Wäre ich nicht nur mit einem Ton­band­ge­rät, son­dern auch mit einer Video­ka­mera hier, würde ich ein­lei­tend die beein­dru­ckende Pha­lanx von Psy­cho­lo­gie­wäl­zern in sei­nen Rega­len abfah­ren, um dann auf dem Toten­schä­del zu enden und in eine sei­ner Augen­höh­len wie in einen Kor­ri­dor hin­ein­zu­zoo­men.

»Aber es gibt auch Türen bei­der­seits des Kor­ri­dors?«

»Das unter­schei­det uns von rein instinkt­ge­steu­er­ten Tie­ren«, bestä­tigt mir Lau­ten­thal. »Wir könn­ten vom vor­ge­zeich­ne­ten Weg abwei­chen – aber das würde halt ein wenig Mühe erfor­dern. Und unsere Spe­zies zeich­net sich nun mal nicht zuletzt durch Bequem­lich­keit aus.« Er lehnt sich zurück in sei­nen Ses­sel. »Sehen Sie, wir machen hier gerade ein Inter­view. Sie stel­len Fra­gen, und ich ant­worte. Aber wir hät­ten auch ganz andere Mög­lich­kei­ten, damit fort­zu­fah­ren. Ich könnte auf den Schreib­tisch stei­gen und Charles­ton tan­zen. Oder Sie könn­ten aus dem Fens­ter sprin­gen. Man­che der Mög­lich­kei­ten sind nahe­lie­gend, andere eher abwe­gig. Die abwe­gi­gen – in einem Kor­ri­dor wären das kleine, ver­schlos­sene Türen, die so unauf­fäl­lig sind, dass wir sie gar nicht bemer­ken.«

»Und warum neh­men wir Men­schen so oft den aus­ge­tre­te­nen Pfad, selbst wenn er viel­leicht gar nicht mehr den aktu­el­len Anfor­de­run­gen ent­spricht?«

»Das liegt unter ande­rem an den Hor­mo­nen. Wir sind weit mehr hor­mon­ge­steu­ert, als wir uns das ein­ge­ste­hen mögen. Dopa­min, das Glücks­hor­mon, wie es volks­tüm­lich bezeich­net wird, sorgt dafür, dass wir Erleb­nisse, die wir als posi­tiv emp­fun­den haben, wie­der­ho­len möch­ten. Und auch bei Stress greift der Mensch fast schon auto­ma­tisch auf ver­traute Stra­te­gien zurück – statt sich neue Mög­lich­kei­ten zu eröff­nen, indem er einen kaum began­ge­nen Kor­ri­dor betritt oder es mal mit von ihm bis­lang über­se­he­nen Türen ver­sucht.«

»To boldly go where no man has gone before.«

Er sieht mich leicht stirn­run­zelnd an, und ich weiß nicht, ob er das Zitat aus dem Pro­log der Serie Enter­prise erkannt hat. »Dabei darf man«, erklärt er mir, »auch nicht den Durch-die-Tür-aus-dem-Sinn-Effekt unter­schät­zen.«

Jetzt sehe wohl ich etwas rat­los aus.

Lau­ten­thal erklärt: »In wis­sen­schaft­li­chen Ver­su­chen wurde belegt, dass wir Men­schen beim Durch­que­ren einer Tür im Hirn sozu­sa­gen einen klei­nen Reboot machen: Altes wird weg­ge­wischt, und wir stel­len uns auf Neues ein.«

»Indem wir ein­fach nur einen Tür­rah­men durch­schrei­ten?«

»Genauso ist es. Solange wir im Kor­ri­dor blei­ben, sind wir mit dem beschäf­tigt, was wir ken­nen: Gedan­ken, Sor­gen, Gefühle. Gehen wir aller­dings durch eine der Türen, machen wir damit inner­lich Platz für neue Erfah­run­gen. Übri­gens haben wir des­halb oft ver­ges­sen, was wir eigent­lich woll­ten, wenn wir in ein ande­res Zim­mer kom­men.«

»Ja, pas­siert mir auch häu­fig«, sage ich. »Aber was ist, wenn sich der neue Kor­ri­dor hin­ter der Tür als Sack­gasse ent­puppt?«

Lau­ten­thal lacht kurz auf. »Eine Spe­zia­li­tät des mensch­li­chen Den­kens. Ers­tens: in Sack­gas­sen zu gera­ten. Und zwei­tens: aus ihnen wie­der raus­zu­kom­men. Denn dann fan­gen wir an, Türen aus­zu­pro­bie­ren, die wir vor­her im Leben nicht ange­rührt hät­ten.«

»Krea­ti­vi­tät wäre also, vom brei­ten und ein­la­den­den Kor­ri­dor abzu­wei­chen und statt­des­sen sel­ten began­gene Abzwei­gun­gen ein­zu­schla­gen?«

»So könnte man es sehen, wenn wir bei die­sem Bild blei­ben wol­len. Beden­ken Sie aller­dings: Es gibt nicht nur den einen Kor­ri­dor. Es gibt Tau­sende davon, für jeden von uns, und für jede Kate­go­rie von Situa­tion. Brain­scripts, kleine ver­in­ner­lichte Dreh­bü­cher für die viel­fäl­ti­gen Anfor­de­run­gen und Auf­ga­ben, die uns das Leben stellt.«

»Aber wir machen doch immer wie­der auch neue Erfah­run­gen.«

»Klar. Da schauen wir dann meist genauer hin, gerade dann, wenn uns der Ver­lauf des Kor­ri­dors nicht klar ist.« Lau­ten­thal spielt mit einem Brief­öff­ner.

»Und was bringt uns die­ses Bild des Kor­ri­dors?«

Lau­ten­thal legt den Brief­öff­ner wie­der weg: »Die Erkennt­nis, dass wir nicht immer den Weg über den aus­ge­latsch­ten Tep­pich neh­men müs­sen, son­dern auch mal eine Tür öff­nen kön­nen, von der wir nicht wis­sen, was sich hin­ter ihr ver­birgt. Wir kön­nen uns auch mal in dunkle und enge Gänge zwän­gen. Oder ein­fach mal ste­hen blei­ben, uns umse­hen und uns fra­gen: Was mache ich hier eigent­lich?«

Ich bli­cke mich um. Drau­ßen scheint die Sonne. »Was mache ich hier eigent­lich?«

Lau­ten­thal schmun­zelt. »Sie haben einen neuen Kor­ri­dor betre­ten. Und wer die­sen Schritt macht, muss sich dann wohl auch mit den Kon­se­quen­zen aus­ein­an­der­set­zen.«

›Gut gesagt‹, denke ich. Das war dann der Punkt, an dem ich zum Fens­ter ging, es öff­nete und – ver­mut­lich der Pointe wegen – hin­aus­sprang.

 

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Dream Ques­ti­ons Med­ley Per Aspera

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Ich betrete den Kor­ri­do­rium-Dop­pel­de­cker, der pünkt­lich zum ver­ab­re­de­ten Zeit­punkt vor mei­ner Tür gehal­ten hat. Den Fahr­preis ent­richte ich wie immer bei der Fah­re­rin mit den rot­ge­färb­ten Haa­ren. Zwei Tou­ren hab ich ver­passt, aber jetzt bin ich wie­der mit dabei, auch wenn mich meine Freunde seit eini­ger Zeit etwas schräg anse­hen und in den Fän­gen einer obsku­ren Orga­ni­sa­tion wäh­nen.

Ich habe dies­mal wie­der eine Koje im Ober­deck. Sanfte Musik perlt aus den über­all ange­brach­ten Laut­spre­chern, und dazu gibt es flüs­ternd die Frage »Wer beob­ach­tet den Beob­ach­ter (und wo gibt’s das Pop­corn)?« Mit dem »Beob­ach­ter« ist wohl die Instanz in uns Men­schen gemeint, die im Bud­dhis­mus manch­mal auch der »innere Zeuge« genannt wird – viel­leicht ist der »Meis­ter«, der hin und wie­der im Kor­ri­do­rium-Blog vor­kommt, ein bud­dhis­ti­scher Rin­po­che. Wäre durch­aus mög­lich, dass die Reise-Fra­gen für die Musik­me­di­ta­tion mit anschlie­ßen­dem gemein­sa­men Früh­stück jeweils von ihm stam­men – auch wenn sie für die Nächte im Kor­ri­do­rium-Bus, glaube ich, ein klein wenig ver­kalau­ert und ver­klau­su­liert sind, um hip zu wir­ken.

Ich habe im Pyjama und mit Bade­man­tel auf den Bus gewar­tet und kuschle mich in die reser­vierte Koje. Anfangs habe ich mich im Bus noch umge­zo­gen, aber inzwi­schen bin ich ein erfah­re­ner Nacht­bus­rei­sen­der.

Die Fahrt mit der Frage »Wohin ent­wi­ckelt sich alles (und mein Bei­trag dazu)?« habe ich ver­passt, weil ich unter­wegs war zu einem Fami­li­en­fest. Dort mei­nen Bei­trag zu leis­ten, indem ich alle Anwe­sen­den bat, die Augen zu schlie­ßen und einige Minu­ten lang über diese Frage zu medi­tie­ren, war ein kom­plet­ter Rein­fall. Ich hatte zwar ange­kün­digt, dass die Frage, die ich stel­len würde, auf den ers­ten Blick merk­wür­dig wir­ken würde (und, viel­leicht, im wei­tes­ten Sinne mit Evo­lu­tion und unse­rer per­sön­li­chen Rolle darin zu tun hat), aber dass es gleich und ohne Umschweife zum Eklat kom­men würde, hatte ich nicht erwar­tet. Alle pro­tes­tier­ten, meine Mut­ter geriet in Streit mit ihrer Mut­ter, die Kids nutz­ten die Gele­gen­heit, um sich mit ihren Video­spie­len zurück­zu­zie­hen, mein Vater don­nerte herum und drohte schließ­lich sogar damit, mich zu ent­er­ben. Wie gesagt: ein kom­plet­ter Rein­fall. Nie­mand, nicht ein­mal meine sinistre Tante, der man wahr­sa­ge­ri­sche und hei­le­ri­sche Fähig­kei­ten nach­sagt, hat sich mit der Frage beschäf­tigt. Und ich dann auch nicht mehr.

Die Nacht­fahrt im dar­auf fol­gen­den Monat ver­passte ich, weil ich Grippe hatte. »Was tut Leid (und warum lass ich’s zu)?« lau­tete die Frage, ent­nahm ich den Flug­zet­teln, die sie in unse­rem Städt­chen in alle Brief­käs­ten wer­fen (und sie ist immer nur ein »Ange­bot« an die Rei­sen­den, die sich gerne auch eigene Fra­gen stel­len dür­fen). Ich fand die Frage etwas eigen­ar­tig, nahm sie mit in meine Fie­ber­träume, und dort ent­fal­tete sie sich zu einem phi­lo­so­phi­sches Pro­blem, das mich immer schon bewegt hat: Warum lässt Gott das Leid in der Welt zu? Ich rang fie­bernd mit Dämo­nen und Engeln, die unsäg­li­chen Grau­sam­kei­ten der Mensch­heits­ge­schichte gaben sich an mei­nem durch­ge­schwitz­ten Bett ein Stell­dich­ein – und kurz bevor ich der Frage ganz auf den Grund ging, schlum­merte ich ein. Neun Stun­den spä­ter wurde ich wie­der wach, war schmerz­frei und hatte den Infekt über­wun­den.

Nach der ver­pass­ten Tour mit der exis­ten­zi­el­len »Leid-Frage« war ich dann end­lich wie­der mit dabei. Beim anschlie­ßen­den Früh­stück – ange­sichts som­mer­li­cher Tem­pe­ra­tu­ren hat­ten die Ver­an­stal­ter zum Son­nen­auf­gang Cam­ping­mö­bel auf­ge­stellt, und wir setz­ten uns in unse­ren Pyja­mas raus vor den Bus auf eine Blu­men­wiese – kam ich ins Gespräch mit einem älte­ren Herrn offen­bar grie­chi­scher Abstam­mung, der stän­dig blin­zelte, weil er seine Brille nicht mit­ge­nom­men hatte. Er erzählte ver­rückte Sachen von Rei­sen nach Indien und Laos und scheint der Mei­nung zu sein, ein »Guru« ste­cke hin­ter der gan­zen Geschichte – womit er das Blog »Kor­ri­do­rium« und diese nächt­li­chen Tou­ren mit Ambi­ent-DJ im Dop­pel­de­cker­bus meint. Es sei aller­dings ein hoch­mo­der­ner Guru, näm­lich einer ohne Per­so­nen­kult, der sich ganz hin­ter sei­ner Bot­schaft ver­ste­cke und diese der­art »zwi­schen den Zei­len ver­birgt«, dass nur die dar­auf sto­ßen, für die es an der Zeit ist.

Klingt viel­leicht eigen­ar­tig, aber der Mann ist mir sym­pa­thisch. Er hat seine The­sen ganz gut mit der Frage der Nacht »Was will ich wirk­lich (und wenn ich nicht mehr bin)?« ver­knüp­fen kön­nen, und ich wollte mir eigent­lich mer­ken, wo im Städt­chen ihn der Bus absetzt – Namen und Adres­sen haben wir näm­lich nicht aus­ge­tauscht, und ich dachte, es sei doch mal nett, mich mit ihm auf einen Tee oder ein Bier zu tref­fen. Im rich­ti­gen Leben sozu­sa­gen. Hab den ent­schei­den­den Moment jedoch lei­der ver­passt.

Auf der heu­ti­gen Tour, die mit der Frage nach dem Zeu­gen­be­wusst­sein, ist der alte Grie­che offen­bar nicht mit dabei. Spä­ter, tief in der Nacht, stehe ich auf und setze mich auf die Kis­sen zu Füßen des DJs, der uner­müd­lich neue Klang­pan­ora­men und Sphä­ren­klänge kre­iert (und mal auf meine Frage hin, ob es seine Schlaf­kon­zerte auch auf CD oder DVD gibt, den Kopf schüt­telte und den Fin­ger auf die Lip­pen legte). Ich stelle amü­siert fest, dass sie hier große Papp­be­cher mit fri­schem süßem Pop­corn auf­ge­stellt haben. Die­ser Teil der heu­ti­gen Frage hat seine Ant­wort also schon gefun­den …

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Bli­the Dis­re­gard

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»Ich betrete den Kor­ri­dor«, murmle ich, und auch die ande­ren Kurs­teil­neh­mer mur­meln immer wie­der den glei­chen Spruch, die glei­che Affir­ma­tion.

Es ist das Geheim­nis, das schon die alten Atlan­ter, die Pyra­mi­den­bauer und Genies wie Her­mes Tris­me­gis­tos, Michel­an­gelo und Leo­nardo da Vinci kann­ten, hat man uns gesagt. Nicht irgend­ein Geheim­nis, son­dern das Geheim­nis. Die Wis­sen­den haben es ver­schlüs­selt der Nach­welt über­mit­telt, denn die Men­schen ihrer Zeit waren noch nicht reif dafür, die volle Ver­ant­wor­tung für ihr Glück zu über­neh­men. Uns jedoch wird es jetzt offen­bart.

Die Kurs­lei­te­rin wirkt über­haupt nicht wie ein Guru. Eher wie eine Haus­frau im zwei­ten Früh­ling – mit ihrem bun­ten Batik­kleid­chen und den mit win­zi­gen Per­len besetz­ten Fin­ger­nä­geln. Sie ist erfolg­reich und sieht glück­lich aus. Muss sie ja auch, denn sie hat das Mys­te­rium schon ver­in­ner­licht. »Ich betrete den Kor­ri­dor.«

Es ist alles ganz ein­fach, so wie alle gro­ßen Rät­sel eine ganz ein­fa­che Lösung haben. Die Frage »Wie werde ich glück­lich?« fin­det ihre Ant­wort im inne­ren Fokus, mit dem man das Leben betrach­tet. Bei den aller­meis­ten Men­schen ist die­ser nur eine Reak­tion auf all das, was ihnen geschieht. Men­schen aller­dings, die ihr Leben meis­tern, sich ihre Träume erfül­len und der Welt ihren Stem­pel auf­drü­cken, haben einen pro­ak­ti­ven Fokus. Statt inner­lich zu erstar­ren, blei­ben sie beweg­lich und sind sich bewusst, dass sie immer eine Wahl haben.

Unsere neue Affir­ma­tion mur­meln wir nicht nur, um unsere pro­ak­tive Hal­tung der Welt gegen­über zu mani­fes­tie­ren, son­dern visua­li­sie­ren sie auch. Die blo­ßen Worte »Ich betrete den Kor­ri­dor« unter­stüt­zen wir inner­lich durch plas­ti­sche und mög­lichst stark mit Gefühl auf­ge­la­dene geis­tige Bil­der. Bei den Atlan­tern waren es Kor­ri­dore aus Kris­tall­glas, bei den alten Ägyp­tern sol­che aus gewal­ti­gen Fels­qua­dern. Natür­lich jeweils nur bei den Hohe­pries­tern und Pha­rao­nen – der brei­ten Masse wurde das Geheim­nis des Glücks jahr­tau­sen­de­lang vor­ent­hal­ten. Doch nun wird es Zeit für die Mensch­heit, die Offen­ba­rung zu erfah­ren und im Geist und in der Vor­stel­lung einen Raum neuer Mög­lich­kei­ten zu schaf­fen, mit Türen und Durch­gän­gen, die von den aus­ge­tre­te­nen Pfa­den abwei­chen und – wie unsere Kurs­lei­te­rin uns immer wie­der ein­schärft – keine »Re-Krea­tio­nen« und damit der Auf­guss von bereits Vor­han­de­nem sind, son­dern »Pro­krea­tio­nen«, krea­tive Neu­schöp­fun­gen.

Das Glück – so die durch die Zeit­al­ter hin­durch geheim­ge­hal­tene Erkennt­nis – ist nie etwas Schon-Dage­we­se­nes, son­dern für jeden von uns etwas, das er in sei­nem Inne­ren für den jewei­li­gen Augen­blick neu erschafft, um dann ein­fach dar­auf zuzu­ge­hen, so wie man erwar­tungs­voll einen Kor­ri­dor durch­schrei­tet, wenn man weiß, dass hin­ter der nächs­ten Tür ein gelieb­ter Mensch auf einen war­tet. Das ist die Offen­ba­rung.

»Ich betrete den Kor­ri­dor«, mur­meln wir hin­ge­bungs­voll und ver­su­chen uns aus­zu­ma­len, dass das Glück hin­ter all den vie­len Türen war­tet, mit denen wir uns unse­ren Kor­ri­dor den­ken. Denn das eigent­li­che Mys­te­rium, wurde uns erklärt, ist die­ses: Der wahre Lebens­künst­ler denkt sich sein Glück immer in der Mehr­zahl. Und in unzäh­li­gen Vari­an­ten. Statt nur einem Glück hin­ter­her­zu­ja­gen, erwar­tet uns in Zukunft hin­ter jeder Tür ein Glück – und mit unse­rem neuen pro­ak­ti­ven Fokus wer­den wir es nicht dabei belas­sen, son­dern das Glück jeweils for­men und gestal­ten und für andere zugäng­lich machen.

»Wenn du an einen Ort kommst, irgend­ei­nen Ort: Was denkst, fühlst und erlebst du inner­lich?«, fragt die Kurs­lei­te­rin uns, ihre Ele­ven. »›Ich betrete den Kor­ri­dor!‹«, ant­wor­ten wir im Chor. Sie nickt. »Wenn du einem Men­schen begeg­nest …?« – »›Ich betrete den Kor­ri­dor!‹«, ant­wor­ten wir im Chor. »Wenn du auf ein ›Pro­blem‹ triffst?« – »›Ich betrete den Kor­ri­dor!‹«, ant­wor­ten wir im Chor. »Eine Krise?« – »›Ich betrete den Kor­ri­dor!‹«, ant­wor­ten wir im Chor. »Denn es gibt immer eine Viel­zahl von Mög­lich­kei­ten, die du in die­sem Augen­blick pro­ak­tiv erschaf­fen kannst. Und? Was erwar­tet den, der sich aus jeder Situa­tion einen Kor­ri­dor erschafft, von dem viele mög­li­che Wege abzwei­gen?« – »Glück«, ant­wor­ten wir im Chor. Einige sagen »Glü­cke«, aber der Plu­ral klingt in unse­ren Ohren noch sehr unge­wohnt.

Wir Kurs­teil­neh­mer sind nur die Pio­niere. Mit jedem wei­te­ren Men­schen, der die­sen Fokus ein­nimmt, mit jedem neuen Aus­spre­chen von »Ich betrete den Kor­ri­dor« wird der Weg leich­ter zu bege­hen sein, kom­men neue Türen und Durch­lässe hinzu, hin­ter denen das Glück war­tet, in vie­ler­lei Gestalt und immer neu und über­ra­schend. Das ist die Offen­ba­rung, die Offen­ba­rung. Die Zeit ist gekom­men, sie allen bekannt zu machen.

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Fiden­tia cae­les­tis (Exc)

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Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen den Wel­ten. Es ist, als schritte ich durch ein Patch­work von Hub­ble-Fotos: Uni­ver­sen zu mei­nen Füßen, Kos­men über mir, und auch zu bei­den Sei­ten öff­nen sich mir immer wie­der atem­be­rau­bende Bli­cke in gren­zen­lose Wei­ten und Ster­nen­wüs­ten – nur ein Gedanke von mir, ein Wunsch oder auch nur gelin­des Inter­esse, und ich würde augen­blick­lich in eine die­ser Myria­den von Schöp­fun­gen hin­ein­ge­zo­gen und dort sogleich ver­ges­sen, wer ich bin und woher ich komme. Aber mein Trach­ten ist dies­mal ein ande­res: Ich will den Kor­ri­dor zu Ende gehen, das ewige Rad des Lebens, mei­nes Lebens, anhal­ten. Ich will end­lich der Höchs­ten Instanz gegen­über­tre­ten.

Der Kor­ri­dor zwi­schen den Wel­ten ist unend­lich lang, was mich jedoch nicht davon abhal­ten kann, sein Ende zu errei­chen. Ich lasse mich nicht von den zahl­lo­sen Mög­lich­kei­ten und Aus­drucks­wei­sen ablen­ken, die sich mir Schritt für Schritt in allen Dimen­sio­nen bie­ten, ob es nun kusch­lige Hemd­ta­schen­uni­ver­sen sind, Baby­kos­men ganz am Anfang ihrer Ent­wick­lung, kom­plexe Dimen­si­ons­netze aus Bra­nen in Bra­nen, phy­si­ka­li­sche Höl­len oder himm­li­sche Para­diese, von leuch­ten­den Ener­gie­we­sen durch­wan­dert, ob Zeit-Raum-Kon­ti­nuen oder chlane­ge­füllte Poten­ziale, ob dichte Mate­rie oder lichte Fein­stoff­lich­keit. Sie alle lasse ich links lie­gen.

Dies­mal will ich es wis­sen: Warum das alles? Wofür? Was ist der Sinn von all­dem? Wieso müs­sen sich Myria­den von Wesen­hei­ten wie ich in einem Laby­rinth wie die­sem ver­ir­ren wie in einem Traum in einem Traum in einem Traum und rekur­siv so wei­ter – auf­wa­chend, auf­wa­chend, wie­der ein­schla­fend, auf­wa­chend, bei jedem Schritt vor wie­der zwei­ein­halb zurück­fal­lend und dabei unbe­merkt seit­lich in eine wei­tere Dimen­si­ons­falte gera­tend?

Und dann, wenn man glaubt, ein letz­tes Mal und ulti­ma­tiv zu erwa­chen aus all­dem, fin­det man sich wie­der am Anfang: im Kor­ri­dor zwi­schen den Wel­ten – um sich dann gleich wie­der im Geflecht der Mög­lich­kei­ten, der Fluk­tua­tion der Wahr­schein­lich­kei­ten, dem Mosaik der Seins­wirk­lich­kei­ten und Schein­rea­li­tä­ten zu ver­lie­ren und auf­zu­spal­ten in eine Unzahl von Bewusst­seins­fa­cet­ten, träu­mend, ver­stört, umnach­tet, ein­sam begeis­tert im seli­gen Tau­mel des Glücks und der Erkennt­nis träu­mend, ver­wirrt, umnach­tet …

Mein Blick ist nach vorn gerich­tet. Nichts kann mich mehr ablen­ken. Nicht ein­mal Narieda, deren Bewusst­sein ich in einer der Wel­ten spüre, an denen ich acht­los vor­bei­laufe, deren Seele nach mir ruft und deren Sehn­sucht ein gan­zes Mul­ti­ver­sum durch­dringt, so dass sie selbst hier im Kor­ri­dor zwi­schen den Wel­ten für mich spür­bar ist, als würde ich ganz von Ferne eine ver­traute Melo­die hören, die mein Herz tan­zen lässt. Nein. Dies­mal gehe ich den Weg bis ganz ans Ende.

Denn am Ende ist eine Tür, eine schlichte Holz­tür, grob zusam­men­ge­zim­mert und ohne Auf­schrift. Es gibt keine Klinke – wer bis hier­her gelangt ist, benö­tigt keine. Ich höre eine Stimme, die nicht erklingt, son­dern sich unmit­tel­bar als Wis­sen und Erkennt­nis in mir mani­fes­tiert: »Ah, gut, ich habe lange gewar­tet. Will­kom­men!«

Ich trete ein, mit mei­nen Fra­gen auf den Lip­pen. Doch der Raum ist leer. Ein ein­fa­cher Holz­stuhl, ein Tisch, dar­auf etwas Papier und ein Stift. Ich nehme ihn in die Hand. Es ist ein Blei­stift mit Wer­be­auf­druck, der kleine far­ben­frohe Bären mit Knie­scho­nern zeigt, die gut­ge­launt Inline-Skates fah­ren. Einer von ihnen stürzt zu Boden, aber es scheint ihm nichts aus­zu­ma­chen.

Ich lege den Blei­stift wie­der neben das Papier. Auf dem obers­ten Blatt steht: »Der nächste Besu­cher löst dich hier ab, und du kannst wie­der zurück. Sollte dir die Zeit bis dahin lang wer­den, ent­wirf doch ein­fach in der Zwi­schen­zeit ein paar neue Uni­ver­sen.«

Die Unter­schrift ist unle­ser­lich.

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Sonic Boo­me­rang

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»Ich betrete den Kor­ri­dor«, schreibt meine Feder, doch meine Gedan­ken sind schon längst wei­ter­ge­eilt. So schnell ich auch schreibe – und das gilt genauso auch fürs Reden –: Mir gelingt es nicht, meine gedank­li­chen Vor­for­mu­lie­run­gen zu über­ho­len und, sozu­sa­gen, die Schall­mauer des Den­kens zu durch­bre­chen.

Schade eigent­lich, denn müsste sich so nicht ein gedan­ken­freier Raum bil­den, wäh­rend die Buch­sta­ben, Worte, Sätze, die meine Feder zu Papier bringt, alle­samt in eine gedan­ken­lose Leere hin­aus­sto­ßen, in ein kon­zept­freies Vakuum, ins pure, unge­formte Sein?!

Hm, wenn ich es mir recht über­lege, ist die Idee von etwas gedan­ken­los Dahin­ge­sag­tem viel­leicht doch nicht so bril­lant. Jeden­falls hat mir genau das in mei­nem Leben schon eine Menge Ärger ein­ge­bracht …