Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Labyrinth

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The Chase

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Ich betrete den Kor­ri­dor schwe­bend und zeit­lu­pen­haft lang­sam, um dann plötz­lich über­mensch­lich schnell durch wei­tere Kor­ri­dore, durch Durch­gänge und um Ecken zu schie­ßen, dabei aber immer wie­der kurz in Zeit­lupe ver­fal­lend, wor­auf­hin die irr­sin­nige Jagd durch das Laby­rinth sofort wei­ter­geht, bis die Kamera nach die­sen extre­men Tem­po­wech­seln schließ­lich – im pas­sen­den Timing zu den Orches­ter­schlä­gen der sin­fo­ni­schen Film­mu­sik – ins Freie gelangt und in den Him­mel schwenkt. Whoa! Hätte nicht gedacht, dass die Sequenz der­art gut kommt, und das allein schon hier auf dem Moni­tor am Schnitt­platz. Wie soll das erst im Kino wer­den? Es wird die Zuschauer von ihren Sit­zen rei­ßen.

Die Regis­seu­rin ist da aller­dings ganz ande­rer Mei­nung. Sie kommt in den Schnei­de­raum, lässt sich die Sequenz von mir zei­gen und stoppt sie, noch bevor sie zu Ende ist. »Nein, nein, viel zu effekt­ha­sche­risch. Ich hab mir unter dem Par­al­lel­welt­über­gang etwas viel Schlich­te­res, Unauf­fäl­li­ge­res vor­ge­stellt.«

Ich pro­tes­tiere: »Aber so steht es im Dreh­buch: ›Die Kamera rast durch ein Laby­rinth von Kor­ri­do­ren und Trep­pen­häu­sern.‹«

»Kann sein, aber das ist nicht der Film, den ich vor Augen habe. Ich dachte da an ein kur­zes Kris­tal­li­sie­ren des Bil­des, wie eine Wind­schutz­scheibe, die in Tau­sende Pixel zer­split­tert. Und dann, einen Wim­pern­schlag spä­ter, ist alles wie vor­her, nur wis­sen wir, dass unsere Hel­din jetzt in eine Welt gesprun­gen ist, die sich von der vor­he­ri­gen in win­zi­gen Details unter­schei­det.«

»Ein kur­zes Kris­tal­li­sie­ren des Bil­des also?«

Sie nickt. »Wer im Publi­kum an der Stelle auch nur ganz kurz die Augen schließt, hat’s ver­passt. Es muss sub­til sein. Keine bil­li­gen Effekte. Das ist nicht mehr zeit­ge­mäß. Ich sollte da auch noch mal mit dem Kom­po­nis­ten spre­chen.«

»Sub­til also.«

»Genau. Aber …« Sie sieht auf ihre Arm­band­uhr. »Jetzt ist’s schon spät, und die Über­stun­den bekom­men wir nicht bezahlt. Da set­zen wir uns mor­gen dran, schlage ich vor.«

Damit geht sie. Ich sehe mir die rasende Fahrt durch die Kor­ri­dore noch ein­mal an. Schade um die schöne Sequenz. Immer­hin musste der Kame­ra­mann der Second Unit dafür rund zwan­zig Minu­ten hoch und run­ter durch Gänge und über Trep­pen lau­fen, ohne die Kamera von der Schul­ter zu neh­men. Am Schnei­de­tisch habe ich das auf einen Bruch­teil die­ser Zeit beschleu­nigt, und jetzt lösen die Bil­der irgend­et­was Merk­wür­di­ges in mei­nem Kopf aus. Damals, als ich als Cut­ter anfing, hab ich mit mei­nen Kol­le­gen mal bei einer Party dar­über phi­lo­so­phiert, ob es den per­fek­ten Schnitt geben könnte. Ein guter Schnitt bleibt unbe­merkt, ein schlech­ter Schnitt fällt auf, stört und reißt das Publi­kum aus dem Film­erleb­nis raus. Könnte nicht ein sehr guter, ein per­fek­ter Schnitt so sehr »nicht auf­fal­len«, dass er den Zuschauer mit einem Schlag noch viel tie­fer in den Film mit rein­zieht?

Mit weni­gen Klicks setze ich die zwi­schen Zeit­lupe und Zeit­raf­fer wech­selnde, pum­pende Kor­ri­dor­jagd zu einem Loop zusam­men. Die Fahrt ist jetzt end­los, und ich weiß nicht, wie lange ich schon dar­auf­starre und hin­ein­ge­zo­gen werde. Einen Wim­pern­schlag lang scheint mein Gesichts­feld von einem Karo­mus­ter fei­ner Fäden durch­zo­gen, und für den Bruch­teil einer Sekunde wir­belt alles kalei­do­skop­ar­tig durch­ein­an­der. Es ist, als ver­löre ich kurz den Halt in die­ser Rea­li­tät … – doch dann ist es auch schon wie­der vor­bei.

Eine Stimme reißt mich aus der Trance: »Fan­tas­tisch. Groß­ar­tig. Viel bes­ser, als ich mir vor­ge­stellt habe.« Ich betä­tige die Stopp­taste und drehe mich um. Die Regis­seu­rin steht da, lehnt sich über mich und drückt die Play­taste. Ihre Augen leuch­ten: »Das macht den Wech­sel der Welt zu einem ech­ten Trip für den Zuschauer. Die Musik braucht noch mehr Bass, aber sonst ist es per­fekt. Gute Arbeit. Die­ses Geschwin­dig­keits-Pum­pen im Bild reißt einen voll in den Film rein!«

»Also … nicht sub­til?«

»Wir wer­den die Zuschauer kaum ›sub­til‹ über­wäl­ti­gen kön­nen, oder? Der Film soll sie umhauen! Aber …« Sie blickt auf ihre Arm­band­uhr. »Es ist schon spät. Wir schnei­den es, schlage ich vor, mor­gen in die Szene rein, okay?«

Damit geht sie. Ich stoppe die Sequenz. Was war das gerade? Selt­sam. Ver­mut­lich bin ich über­ar­bei­tet und brau­che drin­gend eine Mütze voll Schlaf.

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ο άγγελος του ύπνου

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Ich betrete den Kor­ri­dor in der fes­ten Über­zeu­gung, hier end­lich zum Aus­gang zu gelan­gen, doch es zwei­gen nur wei­tere Kata­kom­ben ab. Ich habe mich in die­ser unter­ir­di­schen Toten­stadt ver­irrt, und lang­sam beschleicht mich Panik, denn meine Taschen­lampe wird schwä­cher. Nicht, dass ich mich am Ende zu den vie­len Ver­stor­be­nen geselle, die hier in Ephe­sos bestat­tet wur­den!

Ich irre wei­ter umher. Schließ­lich ver­lischt meine Taschen­lampe gänz­lich und lässt sich auch durch Schüt­teln und gezielte Schläge nicht wie­der zum Leuch­ten bewe­gen. Da bemerke ich in eini­ger Ent­fer­nung einen Licht­schein. Er scheint sich von mir weg­zu­be­we­gen. Ich folge ihm und komme einer gro­ßen, schlan­ken Gestalt näher, die aus sich selbst her­aus zu strah­len scheint. Sie beugt sich über einen leb­los dalie­gen­den Kör­per und wen­det ihn auf die andere Seite, um dann ein­fach in den Fels hin­ein­zu­schwe­ben und darin zu ver­schwin­den. Undurch­dring­li­che Dun­kel­heit bleibt zurück.

Ich betaste den Kör­per, über den sich die Gestalt gebeugt hat. Er ist warm. Ich schüttle ihn. Der Mann wacht auf, mur­melt ver­schla­fen etwas, aus dem ich so etwas wie »som­nus longus« her­aus­höre. Mein Schul­la­tein ist mehr als ein­ge­ros­tet, und so ist unsere Ver­stän­di­gung schwie­rig, zumal wir sie im Dun­keln nicht mit Ges­ten unter­stüt­zen kön­nen.

Er fragt, wie lange er geschla­fen hat. Wo seine sie­ben Freunde – ubi sep­tem amici? – sind. Ich glaube an einen Scherz oder die Ver­steckte Kamera, die aller­dings in der Dun­kel­heit nichts auf­zeich­nen würde. Das aus­ge­dehnte Höh­len­sys­tem, in dem ich mich ver­lau­fen habe, ver­dankt sei­nen Namen einer Legende, nach der hier sie­ben Jüng­linge die reli­giöse Ver­fol­gung über­stan­den, indem Gott sie meh­rere hun­dert Jahre sicher schla­fen ließ.

Der Mann will nicht län­ger auf meine gestot­ter­ten Ant­wor­ten war­ten. Er scheint sich gut aus­zu­ken­nen, denn ich höre ihn ziel­si­cher fort­ge­hen. Ich folge ihm mit aus­ge­streck­ten Armen durch die Dun­kel­heit, stoße immer wie­der an die Fels­wände. Doch die Schürf­wun­den zah­len sich aus. Hin­ter einer Win­dung des Gan­ges wird es hell, und ich klet­tere hin­ter dem Schlä­fer durch einen halb ein­ge­stürz­ten Höh­len­aus­gang geblen­det ins Tages­licht. Uns umgibt eine fel­sige Ödnis, und ich habe keine Ahnung, wo ich mich befinde. Aber das Tou­ris­ten­büd­chen sollte nicht allzu weit sein.

Sofort zücke ich mein Handy, um meine Mut­ter anzu­ru­fen, mit der ich hier das »Haus der Maria« besu­che und die sich bestimmt schon fürch­ter­li­che Sor­gen um mich macht. Der Mann, der eine zer­schlis­sene Toga trägt und sich offen­bar lange nicht rasiert hat, starrt auf mein Handy, mur­melt erschreckt etwas von »opus dia­bo­li­cum«, macht ein Kreuz­zei­chen vor der Brust und rennt davon.

Ich schlage mir vor die Stirn. Mit dem Han­dy­dis­play hätte ich mir ein wenig Licht machen kön­nen! Dass ich mir einen Knö­chel ver­knackst, mir Hände und Schul­tern auf­ge­schürft und böse den Kopf ange­schla­gen habe – nichts als meine eigene Blöd­heit.

 

267/398

Les joies les plus chau­des

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Ich betrete den Kor­ri­dor-Pla­ne­ten. Zuerst sieht es ganz so aus, als sei er unbe­wohnt. Eine Treppe führt ins Innere, und dann begin­nen die Kor­ri­dore. Hin­ter den Türen in den Kor­ri­do­ren, die ich neu­gie­rig öffne, begin­nen neue Kor­ri­dore, und hin­ter ihren Türen wei­tere. Alle sehen gleich aus. Nach kur­zer Zeit habe ich mich ver­irrt. Zum Glück ist es hier nicht dun­kel. Jemand hat in die Kor­ri­dore eine lange grüne Schnur mit klei­nen elek­tri­schen Ker­zen gelegt, die rhyth­misch blin­ken. Ich folge der Schnur, denn ent­we­der muss sie irgendwo enden oder ich finde ihren Anfang.

Dann wird es sehr laut. Ein Kor­ri­dor, den ich betrete, ist noch unfer­tig. Seine Wände sind nack­ter Fels, und es steht ein Mann da mit einem Press­luft­boh­rer, der den Stein bear­bei­tet und den Kor­ri­dor wei­ter hin­ein in den Pla­ne­ten treibt.

»Hallo«, rufe ich, aber der Mann hat einen Gehör­schutz auf und bemerkt mich nicht. Ich tippe ihn an. Er erschreckt und dreht sich um. End­lich stellt er den lär­men­den Press­luft­ham­mer aus, so dass wir uns unter­hal­ten kön­nen.

»Wer bist du denn? Wo kommst du her?«

»Was machst du da?«, frage ich ihn. Er ist jung und vol­ler Staub.

»Ich baue ein Laby­rinth aus Gän­gen und Türen. Aber was machst denn du hier?«

»Ich sehe ja«, sage ich sanft, »dass du dei­nen Pla­ne­ten aus­höhlst und lau­ter Kor­ri­dore hin­ein­baust. Aber warum tust du das?«

Der Mann lehnt sich an die Stein­wand. Er wirkt erschöpft. »Das ist nicht ganz leicht zu erklä­ren«, sagt er.

»Dann erklär es mir ein­fach«, sage ich.

Er zieht sich die Bau­ar­bei­ter­hand­schuhe aus und betrach­tet eine Zeit­lang seine Hände.

»Ich liebe Über­ra­schun­gen«, sagt er schließ­lich. »Weißt du, klei­ner Mann, auf mei­nem Pla­ne­ten konnte mich ein­fach nichts mehr über­ra­schen. Ich kannte schon alles.«

»Aber die Son­nen­un­ter­gänge!«, wende ich ein. »Außer­dem kann immer ein Samen­korn her­we­hen, und es wächst eine Blume, wie du sie noch nie vor­her gese­hen hast. Hast du Vul­kane hier?«

Der Mann schüt­telt den Kopf. Schade, denke ich, denn auch wenn ein Vul­kan erlo­schen ist: Man kann nie wis­sen.

»Jeden­falls baue ich die­ses Laby­rinth, weil ich mich dann hier drin ver­ir­ren kann und nicht mehr weiß, wo ich bin. Des­halb sieht hier alles gleich aus. Sag mal, wie hast du mich eigent­lich gefun­den?«

Ein wenig erin­nert mich der Mann an den Later­nen­wäch­ter: jemand mit einer Mis­sion. Könnte er ein Freund für mich wer­den?

»Willst du denn gerne ver­lo­ren gehen?«, frage ich.

Er nickt. »Hin­ter jeder Tür könnte mich etwas Über­ra­schen­des erwar­ten, weißt du?«

»Aber es sehen doch alle Kor­ri­dore gleich aus. Und hin­ter jeder Tür beginnt ein neuer. Das ist doch nichts Über­ra­schen­des.«

Der Mann run­zelt die Stirn. Hat er dar­über noch nie nach­ge­dacht? »Doch. Es könnte ja mal der Aus­gang sein. Oder das Ende der Kor­ri­dore. Und außer­dem könnte ich ja auch noch etwas in die Kor­ri­dore hin­ein­stel­len, das mich dann spä­ter über­rascht, wenn ich zufäl­lig dar­auf stoße.«

»Das ver­stehe ich nicht«, sage ich ver­wun­dert. »Wenn du etwas hin­ein­stellst, über­rascht es dich doch nicht wirk­lich, wenn du es dann spä­ter hin­ter einer Tür fin­dest.«

»Doch«, sagt der Mann, »wenn ich es näm­lich ver­ges­sen habe.«

»Also willst du dich nicht nur in den Kor­ri­do­ren ver­ir­ren, son­dern auch noch ver­ges­sen, was in ihnen zu fin­den ist?«

Der Mann lächelt erfreut. »Genau.«

Ich kenne noch so einen, der ver­ges­sen will. Und ich weiß nicht, wel­cher von bei­den ver­rück­ter ist. Selt­same Leute, die gro­ßen Leute.

»Ich möchte gerne wei­ter­rei­sen. Weißt du, wo der Aus­gang ist?«

Der Mann nickt lang­sam und unwil­lig. »Ja, lei­der. Ich wünschte, ich hätte es ver­ges­sen. Komm mit, ich bring dich hin.«

Und so gehen wir durch die Kor­ri­dore des Man­nes, und alle sehen genau gleich aus, aber der Mann weiß, wel­che Türen er öff­nen muss und wo es lang­geht.

»Was hat dich eigent­lich zuletzt über­rascht?«, frage ich. Der Mann bleibt ste­hen und sieht zu mir run­ter.

»Na, du natür­lich. Als du eben uner­war­tet auf­ge­taucht bist.«

»Und dazu muss­test du gar keine Tür auf­ma­chen.«

»Das stimmt«, sagt der Mann, »du bist ein­fach so auf­ge­taucht.«

»Und jetzt gehe ich wie­der.« Wir errei­chen näm­lich gerade die Treppe, und dar­über fun­keln die Sterne.

»Gute Reise«, wünscht mir der Mann.

»Komm doch mit«, sage ich, »ich habe auf mei­ner Reise schon viele Über­ra­schun­gen erlebt.«

Der Mann sieht trau­rig aus und jetzt auch viel älter, als ich anfangs gedacht habe. Er schüt­telt den Kopf. »Ich muss mich wie­der an die Arbeit machen.«

Und damit betritt er den Kor­ri­dor mit den blin­ken­den Lämp­chen und ist bald dar­auf im Inne­ren sei­ner Welt ver­schwun­den.

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Sun­dow­ner

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Ich betrete den Kor­ri­dor, aber der scheint nicht mehr zur Ver­nis­sage zu gehö­ren, denn hier hän­gen keine mei­ner See­stü­cke an den Wän­den, son­dern ein­zelne Puz­zle­steine. Sie sind jeweils zwei, drei Hand­flä­chen groß, und es sind Teile von Buch­sta­ben dar­auf. Erge­ben sie ein Wort? Ich gehe den Kor­ri­dor ent­lang und suche nach pas­sen­den Tei­len. Doch obwohl ich ein­zelne Buch­sta­ben oder sogar Sil­ben zusam­men­set­zen kann – ich komme ein­fach nicht auf den Gesamt­zu­sam­men­hang. »Nth? Yri?« Es wurmt mich, dass das Puz­zle in mei­nem Kopf unvoll­stän­dig bleibt. Immer wie­der muss ich der Ver­su­chung wider­ste­hen, die Stü­cke von der Wand zu rei­ßen und sie auf dem Boden des Kor­ri­dors zusam­men­zu­le­gen – nein, die Künst­le­rin oder der Künst­ler wollte offen­bar, dass man das Puz­zle rein in der Vor­stel­lung löst.

Ist mein räum­li­ches Vor­stel­lungs­ver­mö­gen zu schwach? Frauen sagt man das ja nach. Schließ­lich schwirrt mir der Kopf, und ich gehe wie­der zurück.

Die Ver­nis­sage ist vor­über. Meine Gale­ris­tin sieht mich böse an: Wo ich denn bloß die ganze Zeit über gewe­sen sei. Dau­ernd sei nach mir gefragt wor­den! Meine See­stü­cke seien gut ange­kom­men. Ja, da hän­gen sie an den Wän­den, jedes im Licht eines klei­nen Spots. Kein Puz­zle. Alles für sich ste­hende Gemälde. Wel­len, Him­mel, Hori­zont. Die Bil­der sagen mir nichts.

Ich frage nach den Puz­zle­stü­cken, doch die Gale­ris­tin sieht mich ver­ständ­nis­los an. Ich will sie hin­füh­ren, nur ist hin­ter der Tür kein Kor­ri­dor mit einem unlös­ba­ren Puz­zle, son­dern – ihr Büro. Der Raum ist qua­dra­tisch. Ein Schreib­tisch, nackte Wände.

Nachts in mei­nem ein­sa­men Hotel­zim­mer, als ich dem ewi­gen Rau­schen der Metro­pole lau­sche und ange­sichts mei­ner Schlaf­lo­sig­keit mit dem Blei­stift die Schat­ten skiz­ziere, die die Bäume vor dem Fens­ter im Licht der Stra­ßen­be­leuch­tung an die Zim­mer­wand wer­fen, ent­de­cke ich drei Worte auf mei­nem Block: »Lab«, »Yri«, »Nth« habe ich geschrie­ben, ange­ord­net in einem Qua­drat.

Die mitt­lere Spalte ergibt das Wort »Art«, und mich beschleicht das Gefühl, eine wich­tige Ent­de­ckung gemacht zu haben, die mir als Künst­le­rin den künf­ti­gen Weg wei­sen wird. Es ist, als ob nur noch ein win­zi­ges Puz­zle­teil feh­len würde – und die Suche danach könnte zu einer Reise in völ­lig unbe­kannte, unge­ahnte Gefilde für mich wer­den. Noch in der Nacht mache ich mir erste Noti­zen und werfe ich erste Skiz­zen zu Papier …

293/398

The Story Isn’t Finis­hed Yet

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Ich betrete den Kor­ri­dor, stelle mich an eine Wand, öffne meine Hose und pinkle. Was für eine Erleich­te­rung! Das Lachen von The­seus klingt aus dem angren­zen­den Raum. »Stell bloß keine Figu­ren um!«, brülle ich. Sein Lachen wird noch lau­ter.

Wir spie­len Zita­delle, und als ich zurück­komme, wird mir klar, als ich die im gan­zen Raum ver­streu­ten lee­ren Fla­schen sehe, dass wir von dem sau­ren, ver­go­re­nen Saft, der das Blut und das Gemüt erhitzt und die Zunge lockert, schon Unmen­gen getrun­ken haben müs­sen. The­seus grinst mich an, ein mus­ku­lö­ser Krie­ger, Leder­rie­men über der son­nen­brau­nen Brust, Fünf­ta­ge­bart im Gesicht. So jung und wohl­ge­stalt muss ich auch ein­mal gewe­sen sein. Das Schwert hat er acht­los bei­seite gewor­fen. Ich setze mich schwer­fäl­lig vor das Spiel­brett und suche nach einer Mög­lich­keit, dem Ansturm sei­ner Vasal­len zu ent­kom­men.

»Du bist ein Mons­ter«, hatte er gesagt, als wir uns gegen­über­stan­den und taxier­ten, »aber ich bin das grö­ßere Mons­ter.«

Und dann hatte er, mit sei­nem aus­ge­streck­ten Schwert zwi­schen uns, begon­nen, von sich zu erzäh­len. Von sei­ner vater­lo­sen Kind­heit, dem Gespött der ande­ren Kin­der aus­ge­setzt. Von sei­ner Jugend und den Lei­chen, die er auf dem Weg zu sei­nem Vater, des­sen Namen ihm die Mut­ter schließ­lich doch ver­ra­ten hatte, hin­ter sich zurück­ließ: Peri­phe­tes, mit der eige­nen Waffe erschla­gen; Sin­nis, der Fich­ten­beu­ger, den The­seus zwi­schen zwei sei­ner Fich­ten spannte und von ihnen zer­rei­ßen ließ; Ski­ron, den er einen Fel­sen hin­ab­stieß; Pro­krus­tes, dem er erst die Glie­der lang­zog und dann abschlug. Von der Furcht, die er ver­brei­tete, und dem Ruf, ein gna­den­lo­ser Mör­der zu sein. Ein Mons­ter.

Aber The­seus ist eigent­lich ein net­ter Kerl. Er erzählt vom Gol­de­nen Vließ und dass die ande­ren Argo­nau­ten immer Abstand zu ihm hiel­ten. Vom Kaly­do­ni­schen Eber und der Jagd­ge­sell­schaft, die sich bil­dete, um das Mons­ter zu erle­gen, ihn, The­seus, aller­dings zur Nach­hut ver­don­nerte. Vom Mara­tho­ni­schen Stier, einem wei­te­ren men­schen­mor­den­den Mons­ter … Aber hier ver­stummt er, um meine Gefühle nicht zu ver­let­zen. Statt­des­sen erzählt er mir von Ari­adne, mei­ner Schwes­ter, die er hei­ra­ten oder zumin­dest ent­füh­ren will, und fragt mich, ob ich nicht Trau­zeuge sein möchte.

Unsere Zita­delle-Par­tie gewinnt er. Doch dann über­mannt ihn die Müdig­keit. Zärt­lich decke ich ihn zu und räume alle Fla­schen fort, bis auch ich mich zur Ruhe begebe. Nach zu viel ver­go­re­nem Apfel­saft schmer­zen mir am nächs­ten Mor­gen immer die Hör­ner, aber beim Ein­schla­fen denke ich, dass es das wert war.

 

307/398

Imperti et impera

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der mich zu den Kel­ler­ge­wöl­ben mit den Pil­zen führt. Jung­frauen und Jüng­linge hat mir die Stadt, hat mir das Volk schon lange keine mehr geop­fert. Manch­mal gelingt es mir, in einem der Innen­höfe einen Vogel zu fan­gen. Doch das ist nur ein klei­ner Hap­pen, und meist muss ich in die feuch­ten Gewölbe hin­ab­stei­gen, um Pilze von den Wän­den zu fres­sen. Sie machen nicht rich­tig satt, und die unsäg­li­che Demü­ti­gung macht mich wütend.

Letzt­hin, nach zu vie­len Pil­zen, habe ich geträumt, ein jun­ger Mann tritt zu mir in den Thron­saal. Er hält ein Klemm­brett in der Hand.

»Guten Tag«, sagt er freund­lich. »Sie müs­sen sich regis­trie­ren.«

»Was?« Ich habe zu lange an der Wand geses­sen: Meine Gelenke sind steif, und ich komme nicht sofort hoch, um ihn umzu­brin­gen.

»Alle Mino­tau­ren müs­sen sich regis­trie­ren. Ich bin hier, um Ihnen dabei zu hel­fen. Sie benö­ti­gen ein Pass­wort.«

»Alle Mino­tau­ren?«

»Ja. Sie gehö­ren zu den über­na­tür­li­chen Wesen­hei­ten.«

»Aber es gibt nur mich!«, brülle ich, wäh­rend ich wei­ter ver­su­che, auf meine Füße zu kom­men.

Der Mann schüt­telt lächelnd den Kopf und blickt auf sein Klemm­brett, das gar kein rich­ti­ges Klemm­brett ist, weil es näm­lich leuch­tet und ihm far­bige Fle­cken ins Gesicht zeich­net. Er malt mit den Fin­gern dar­auf herum. »Es sind bereits 141 Mino­tau­ren regis­triert.«

»Ein­hun­dert­ein­und­vier­zig Mino­tau­ren?!«, schnaufe ich.

»Ja, welt­weit. Ich habe schon alles für Sie ein­ge­tra­gen. Sie brau­chen jetzt noch ein Pass­wort.«

»Haben Sie mit Däda­lus gespro­chen? Hat er Sie geschickt?«

»Däda­len sind nicht regis­trie­rungs­pflich­tig.«

»Gibt es von ihm«, frage ich kon­ster­niert, »auch so viele?«

»Na, das möchte ich doch wohl anneh­men«, erwi­dert der Mann. Inzwi­schen konnte ich mich end­lich erhe­ben. Ich senke den Kopf und spieße ihn auf. Dass es nur einen Mino­tau­rus gibt, näm­lich mich, wird er, ver­mute ich mal, spä­tes­tens jetzt regis­triert haben.

 

310/398

Tvi­fari

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Ich betrete den Kor­ri­dor und bin mir eigent­lich ziem­lich sicher, dass es der ist, der mich in die Instal­la­tion hin­ein­ge­führt hat. Aber es gibt kei­nen Aus­gang. Statt­des­sen knickt am Ende des Kor­ri­dors ein wei­te­rer ab, der genauso aus­sieht: chrom­glän­zen­der Boden, chrom­glän­zende Decke, und die Sei­ten­wände sind mil­chig weiß. Von dem knickt wie­der ein wei­te­rer die­ser Kor­ri­dore ab. Ist das jetzt end­lich der, der mich wie­der hin­aus­führt?

Die Instal­la­tion mit dem Titel »Birth of Transhumanism––Death No More«, die die­sen Teil der Aus­stel­lungs­räume fast kom­plett aus­füllt, darf man nur ein­zeln betre­ten. Blöd von mir, nicht mehr den Aus­gang zu fin­den. Andere Aus­stel­lungs­be­su­cher müs­sen jetzt war­ten. Habe ich etwas über­se­hen? Ich trete an die Milch­glas­wand heran und ver­su­che hin­durch­zu­bli­cken. Doch nichts zeich­net sich dahin­ter ab. Ich werde ein­fach wei­ter­ge­hen. Irgendwo muss doch ein Aus­gang sein, oder zumin­dest der Ein­gang, durch den ich hin­ein­ge­kom­men bin. Kor­ri­dor um Kor­ri­dor knickt ab.

Was will mir die Künst­le­rin sagen? Unter »Trans­hu­ma­nis­mus« habe ich mir etwas ganz ande­res vor­ge­stellt: tech­ni­sche Implan­tate, die uns Men­schen stär­ker machen, schnel­ler, klü­ger. Oder die künst­le­ri­sche Umset­zung des Uploads mei­ner Erin­ne­run­gen und mei­ner Per­sön­lich­keit in einen Com­pu­ter, mit dem der Mensch – »Death No More« – quasi unsterb­lich wird. Die tech­no­iden Träume der Trans­hu­ma­nis­ten halt. Doch nichts davon. Glän­zen­der Chrom, Milch­glas – das ist alles. Außer mir natür­lich, der ich durch diese Kor­ri­dore laufe und den Aus­gang suche.

Ein Schat­ten hin­ter einer der Milch­glas­wände: Unscharf erkenne ich eine Per­son, sie tritt näher an die Scheibe, beschirmt die Augen mit einer Hand und ver­sucht, durch das Milch­glas hin­durch­zu­se­hen. Ich will mich gerade bemerk­bar machen, da wird mir plötz­lich klar, dass ich das bin. Ich selbst bin es, wie ich vor eini­gen Minu­ten ver­sucht habe, durch eine der Kor­ri­dor­wände hin­durch­zu­se­hen – und ein ganz eigen­ar­ti­ges Gefühl durch­fährt mich, und die Här­chen auf mei­nen Armen stel­len sich auf. Die Figur, mein Alter Ego, tritt wie­der in die Unschärfe zurück, ver­schwimmt in der mil­chi­gen Helle und löst sich schließ­lich darin auf.

Mich erfasst eine unbe­stimmte Angst. Die Angst, mir selbst zu begeg­nen? Nie mehr den Aus­gang zu fin­den? Von den Kor­ri­do­ren aus Chrom und Glas ver­schlun­gen zu wer­den? »Hallo?«, rufe ich zögernd. »Hört mich jemand? Gibt’s hier einen Tech­ni­ker? Ich möchte jetzt gerne wie­der raus aus der Instal­la­tion!« Keine Ant­wort. Ich gehe schnel­len Schrit­tes wei­ter, ver­falle sogar in Lauf­schritt.

Dann ein lei­ses Knir­schen hin­ter mir. Dort, am Ende des Kor­ri­dors, hat sich etwas ver­än­dert. Wur­den Wände ver­rückt? Ich höre ver­hall­tes Stim­men­ge­mur­mel. Das Licht ist ein ande­res: Das muss der Aus­gang sein! Ich atme tief durch und gehe gemes­se­nen Schrit­tes durch den Kor­ri­dor zurück. Er knickt ab und – öff­net sich in die Aus­stel­lungs­halle. Die Besu­cher­schlange, die in die Instal­la­tion hin­ein­möchte, ist inzwi­schen noch län­ger gewor­den. Der Wär­ter klinkt die dicke rote Kor­del aus, die den Durch­lass absperrt. Ein älte­rer Mann mit Brille und einer roten Samt­weste ist als Nächs­tes an der Reihe. »Und, wie ist es da drin?«, fragt er. Ich ver­su­che ein Lächeln. »Ein­drück­lich«, sage ich.

Spä­ter wird mir klar, dass es eine ver­steckte Kamera gewe­sen sein muss: Eine Kamera hat auf­ge­zeich­net, wie ich ver­suchte, durch die Milch­glas­wand hin­durch­zu­se­hen, und das wurde dann spä­ter auf eine der Wände pro­ji­ziert. Ver­mut­lich machen sie das bei jedem Besu­cher so.

Ich habe also ganz grund­los Herz­ra­sen bekom­men. Pein­lich, in der Instal­la­tion um Hilfe zu rufen. Hof­fent­lich hat mich drau­ßen kei­ner gehört.

 

325/398

Enga undank­o­mu­leið

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Ich betrete den Kor­ri­dor, und gleich­zei­tig zer­platzt meine Hoff­nung, hier end­lich den Aus­gang zu fin­den, wie eine Sei­fen­blase: In die­sem Kor­ri­dor war ich schon! Ich muss im Kreis gelau­fen sein. Zu dumm aber auch.

»Nimm’s nicht per­sön­lich, mein Freund«, ertönt eine Stimme. Doch es ist kein »Freund«, der da in einer Nische seine Staf­fe­lei auf­ge­baut hat und sei­nen Pin­sel schwingt. Ich ant­worte mit einem abfäl­li­gen Lachen, wäh­rend ich zu ihm trete.

»Am Anfang«, sagt er, ohne den Blick von sei­ner Lein­wand zu wen­den, »habe ich auch wie ein Ver­rück­ter den Aus­gang gesucht. Obwohl ich ja wusste, du hat­test alles dafür getan, dass ich ihn nie­mals fin­den kann.«

Ich ver­su­che, einen Blick auf das Bild zu erha­schen, das er malt, doch ver­tritt er mit mit sei­nem mas­si­gen Kör­per den Weg.

»Irgend­wann«, fährt er unge­rührt fort, »wurde mir klar, dass es nicht um den Aus­gang geht. So wenig wie um den Ein­gang. Selbst wenn ich das Ende die­ser end­los ver­schlun­ge­nen Flure und Gänge erreicht hätte, wäre es nur ein neuer Anfang gewe­sen.«

Dass er immer gleich in Pathos ver­fal­len muss! Aber es fällt nie­man­dem leicht, das eigene Schei­tern ein­zu­ge­ste­hen. Ver­mut­lich braucht er das so. Als er ein wenig zur Seite tritt, um an einer ande­ren Ecke sei­nes Bil­des wei­ter­zu­ar­bei­ten, nutze ich die Gele­gen­heit und beuge mich vor, zu ihm in die Nische hin­ein. Sein Gemälde zeigt den Kor­ri­dor, in dem wir uns befin­den; jeder ein­zelne Stein­block in den Wän­den ist kunst­voll aus­ge­führt. Eine Stelle in der Mitte des Bil­des aller­dings hat er frei­ge­las­sen, ver­mut­lich, um eine Figur hin­ein­zu­zeich­nen. Ihn selbst? Oder mich, den Erbauer, gefan­gen in sei­ner eige­nen Schöp­fung?

»Es geht«, fährt er fort, »um die Erkennt­nisse am Weges­rand. Um die Dinge, an denen wir bei unse­rer mani­schen Suche nach dem Aus­weg acht­los vor­über­ge­hen. Du bemerkst sie erst beim zwei­ten oder drit­ten Mal. Hin­ter­her kannst du kaum ver­ste­hen, wie du sie jemals über­se­hen konn­test.«

»Wovon sprichst du?«, frage ich unge­hal­ten.

»Von dem, was dir Halt gibt. Von dem, was dich mit einer Freude erfüllt, die nichts und nie­mand trü­ben kann. Von Erleuch­tung, einem inne­ren Licht, das nie wie­der ver­lö­schen wird. Von etwas, das man nicht suchen kann, nur fin­den.«

»Wenn du brüllst und wütest ist mir das viel lie­ber, als wenn du so pathe­tisch daher­re­dest. Du bist das Unge­heuer, das Ani­ma­li­sche, der Men­schen­fres­ser. Es wirkt lächer­lich, wenn du aus der Rolle fällst.«

Er skiz­ziert jetzt eine Figur mit selt­sa­mer, eng anlie­gen­der Klei­dung. Ich kann nicht erken­nen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau han­delt. »Wer soll das sein?«, frage ich.

»Jemand aus fer­ner Zukunft. Ein Mensch, der sich fragt, was er in den Kor­ri­do­ren wohl über­se­hen haben könnte. Woran er acht­los vor­über­ge­schrit­ten ist.«

»Ja, gewiss, und der Kor­ri­dor ist das Leben, das Laby­rinth ist die Welt, und Schweine kön­nen flie­gen. Ich sag dir was, auch wenn’s dir nicht gefal­len wird: Du bist in die­sen Gemäu­ern ver­rückt gewor­den und hast den Ver­stand ver­lo­ren. Wenn du je wel­chen beses­sen hast.«

Er schnaubt bedroh­lich, und ich trete schnell einen Schritt zurück, aus der Reich­weite sei­ner Hör­ner her­aus.

»Versuch’s mit Bie­nen­wachs und einem Hau­fen Federn«, sagt er. Ich weiß nicht, wovon er spricht. Aber was erwarte ich mir auch von ihm? Er kann mir bei der Suche nicht hel­fen. Ich bin es, der sich hier selbst über­tref­fen muss. Wie konnte ich mich nur vom König aus­trick­sen und in die eigene Falle wer­fen las­sen?

Ich eile wei­ter durch das Laby­rinth, ein Bau­werk, das ich zu dem Zweck ent­wor­fen habe, dass es unmög­lich ist, hin­aus­zu­fin­den. Aber das soll mich nicht wei­ter auf­hal­ten.

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Once Under a Vast Sky

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Ich betrete den Kor­ri­dor und gelange in die große Höhle. Hier zie­ren Zau­ber­bil­der die Fels­wände unse­rer Hei­mat. Auf unse­rer Flucht vor einem wil­den Bären haben wir uns in den Kalk­kor­ri­do­ren ver­irrt und hier ein neues Leben begon­nen, bis wir schließ­lich ver­ga­ßen, was Son­nen­licht ist. Das stän­dig her­ab­trop­fende Was­ser sickert in unsere Träume. Wir ernäh­ren uns von den hier im Dun­kel wach­sen­den Pil­zen, schla­fen auf nack­tem Fels und erzäh­len unse­ren Kin­dern Mär­chen von sagen­haf­ten Tie­ren und Pflan­zen, die begin­nen mit: »Einst unter einem wei­ten Him­mel …«

Gold­klum­pen und Kris­talle säu­men unse­ren Weg, aber sie inter­es­sie­ren uns wenig. Wir suchen, seit vie­len Gene­ra­tio­nen, den Höh­len­aus­gang. Frei­heit ist das kost­barste Gut, wer­den unsere Ältes­ten nicht müde zu wie­der­ho­len – so, wie es schon ihre Ältes­ten getan hat­ten.
Ich schreibe im Phos­phor­licht der Fäul­nis­bak­te­rien Zau­ber­bil­der an die Wände, male okkulte Worte wie Weg­zei­chen auf den Boden unse­rer Schlaf­statt. Doch bin ich der Letzte, der sie erken­nen kann: Schon lange haben unsere Neu­ge­bo­re­nen weiße Häute über den Augen und ent­wi­ckeln ein über­aus schar­fes Gehör.

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Ver­sus

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Jemand ruft. Kann denn schon wie­der Zeit für das jähr­li­che Opfer sein? Aber dann erkenne ich die Stimme. Ich kenne sie gut. Es ist Däda­lus. Mein Schöp­fer, Herr und Fol­ter­meis­ter.

»Die Zeit für den Abschied ist gekom­men«, sagt er, und seine Worte schei­nen von über­all­her zu kom­men.

»Zeig dich mir!«, brülle ich. »Tritt mir gegen­über! Dass ich dir das Fleisch auf­reiße und dich zer­fetze!«

»Sei nicht wütend. Damit änderst du nichts, nichts an dei­ner Ver­gan­gen­heit und nichts an dei­ner Zukunft. Ich dachte, du wärst viel­leicht ein wenig weise gewor­den mit der Zeit.«

»Wo bist du?«, brülle ich. »Komm her­aus und stell dich mir!« Ich zit­tere am gan­zen Leib, denn all der Zorn und die Ver­zweif­lung, die sich in den vie­len, vie­len Jah­ren in mir auf­ge­staut haben, bre­chen sich nun Bahn.

»Ika­rus kommt mit mir. Wir müs­sen fort. Aber ich wollte Kreta nicht ver­las­sen, ohne mich von dir ver­ab­schie­det zu haben. In gewis­ser Weise bist du eben­falls – mein Sohn.«

Ich ver­stumme. Däda­lus bleibt wohl­weis­lich eine kör­per­lose Stimme. Er weiß, dass ich ihn töten würde, bekäme ich ihn zu fas­sen.

»Lebe wohl«, sagt er.

Ich heule auf. Ich tobe, stampfe im Sand auf, renne eine Tür ein und schleu­dere mit den Hör­nern die Holz­trüm­mer durch die Gänge. Sie lie­gen still und teil­nahms­los da. Däda­lus ist fort. Ich rut­sche an der Wand her­un­ter und weine leise in mich hin­ein. Aber irgend­wann ver­sie­gen die Trä­nen. Schließ­lich erhebe ich mich wie­der und sehe mich um. Wo bin ich hier? Ist das etwa ein Teil des Palas­tes, den ich noch nicht kenne? Es ste­hen Worte an der Wand. Das war ich. Vor lan­ger, lan­ger Zeit ein­mal. Ich erin­nere mich kaum. Ich habe wohl einen spit­zen Stein genom­men und die Buch­sta­ben in die Wand geritzt, zu einer Zeit, als ich noch ver­suchte, das Beste aus mei­nem Schick­sal zu machen und daran zu wach­sen.

»Nie­mand ist frei. Jeder lebt in einem Palast, der nur schein­bar unend­lich groß ist. Wenige bekom­men die Gele­gen­heit, das zu erken­nen.«