220/398
The Chase
Ich betrete den Korridor schwebend und zeitlupenhaft langsam, um dann plötzlich übermenschlich schnell durch weitere Korridore, durch Durchgänge und um Ecken zu schießen, dabei aber immer wieder kurz in Zeitlupe verfallend, woraufhin die irrsinnige Jagd durch das Labyrinth sofort weitergeht, bis die Kamera nach diesen extremen Tempowechseln schließlich – im passenden Timing zu den Orchesterschlägen der sinfonischen Filmmusik – ins Freie gelangt und in den Himmel schwenkt. Whoa! Hätte nicht gedacht, dass die Sequenz derart gut kommt, und das allein schon hier auf dem Monitor am Schnittplatz. Wie soll das erst im Kino werden? Es wird die Zuschauer von ihren Sitzen reißen.
Die Regisseurin ist da allerdings ganz anderer Meinung. Sie kommt in den Schneideraum, lässt sich die Sequenz von mir zeigen und stoppt sie, noch bevor sie zu Ende ist. »Nein, nein, viel zu effekthascherisch. Ich hab mir unter dem Parallelweltübergang etwas viel Schlichteres, Unauffälligeres vorgestellt.«
Ich protestiere: »Aber so steht es im Drehbuch: ›Die Kamera rast durch ein Labyrinth von Korridoren und Treppenhäusern.‹«
»Kann sein, aber das ist nicht der Film, den ich vor Augen habe. Ich dachte da an ein kurzes Kristallisieren des Bildes, wie eine Windschutzscheibe, die in Tausende Pixel zersplittert. Und dann, einen Wimpernschlag später, ist alles wie vorher, nur wissen wir, dass unsere Heldin jetzt in eine Welt gesprungen ist, die sich von der vorherigen in winzigen Details unterscheidet.«
»Ein kurzes Kristallisieren des Bildes also?«
Sie nickt. »Wer im Publikum an der Stelle auch nur ganz kurz die Augen schließt, hat’s verpasst. Es muss subtil sein. Keine billigen Effekte. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Ich sollte da auch noch mal mit dem Komponisten sprechen.«
»Subtil also.«
»Genau. Aber …« Sie sieht auf ihre Armbanduhr. »Jetzt ist’s schon spät, und die Überstunden bekommen wir nicht bezahlt. Da setzen wir uns morgen dran, schlage ich vor.«
Damit geht sie. Ich sehe mir die rasende Fahrt durch die Korridore noch einmal an. Schade um die schöne Sequenz. Immerhin musste der Kameramann der Second Unit dafür rund zwanzig Minuten hoch und runter durch Gänge und über Treppen laufen, ohne die Kamera von der Schulter zu nehmen. Am Schneidetisch habe ich das auf einen Bruchteil dieser Zeit beschleunigt, und jetzt lösen die Bilder irgendetwas Merkwürdiges in meinem Kopf aus. Damals, als ich als Cutter anfing, hab ich mit meinen Kollegen mal bei einer Party darüber philosophiert, ob es den perfekten Schnitt geben könnte. Ein guter Schnitt bleibt unbemerkt, ein schlechter Schnitt fällt auf, stört und reißt das Publikum aus dem Filmerlebnis raus. Könnte nicht ein sehr guter, ein perfekter Schnitt so sehr »nicht auffallen«, dass er den Zuschauer mit einem Schlag noch viel tiefer in den Film mit reinzieht?
Mit wenigen Klicks setze ich die zwischen Zeitlupe und Zeitraffer wechselnde, pumpende Korridorjagd zu einem Loop zusammen. Die Fahrt ist jetzt endlos, und ich weiß nicht, wie lange ich schon daraufstarre und hineingezogen werde. Einen Wimpernschlag lang scheint mein Gesichtsfeld von einem Karomuster feiner Fäden durchzogen, und für den Bruchteil einer Sekunde wirbelt alles kaleidoskopartig durcheinander. Es ist, als verlöre ich kurz den Halt in dieser Realität … – doch dann ist es auch schon wieder vorbei.
Eine Stimme reißt mich aus der Trance: »Fantastisch. Großartig. Viel besser, als ich mir vorgestellt habe.« Ich betätige die Stopptaste und drehe mich um. Die Regisseurin steht da, lehnt sich über mich und drückt die Playtaste. Ihre Augen leuchten: »Das macht den Wechsel der Welt zu einem echten Trip für den Zuschauer. Die Musik braucht noch mehr Bass, aber sonst ist es perfekt. Gute Arbeit. Dieses Geschwindigkeits-Pumpen im Bild reißt einen voll in den Film rein!«
»Also … nicht subtil?«
»Wir werden die Zuschauer kaum ›subtil‹ überwältigen können, oder? Der Film soll sie umhauen! Aber …« Sie blickt auf ihre Armbanduhr. »Es ist schon spät. Wir schneiden es, schlage ich vor, morgen in die Szene rein, okay?«
Damit geht sie. Ich stoppe die Sequenz. Was war das gerade? Seltsam. Vermutlich bin ich überarbeitet und brauche dringend eine Mütze voll Schlaf.
