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Piece of Mind–Piece of Heart

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Ich betrete den Kor­ri­dor, weil mich eine Ahnung hier­her­treibt. Seit dem Auf­wa­chen kann ich mich des Gefühls nicht erweh­ren, dass heute etwas anders ist. Ruhe­los wan­dere ich umher, von einem Flü­gel des Palas­tes in den nächs­ten, auf der Suche nach etwas, von dem ich nicht weiß, was es sein könnte.

Und dann der Geruch. Er ist fremd­ar­tig, hat etwas Erdi­ges, Hol­zi­ges, Bit­te­res. Zuerst denke ich, es ist irgendwo ein Feuer aus­ge­bro­chen. Doch dafür wie­derum ist der Geruch zu süß­lich. Ich folge ihm und trete vom Kor­ri­dor aus durch einen schma­len Durch­lass in einen Raum, in dem eine Frau steht.

Mein Herz stockt.

Es ist keine von den vor Angst zit­tern­den Jung­frauen, die sie mir jedes Jahr vor­wer­fen. Sie steht hier, als würde sie das schon immer tun, han­tiert an einem lang­ge­streck­ten Tisch mit eigen­ar­ti­gen Gerä­ten und streicht sich gele­gent­lich ver­son­nen durchs Haar. Nach­dem ich sie eine Zeit­lang ange­starrt habe, wird mir klar, dass sie blind ist. Des­halb sieht sie mich nicht, des­halb schreckt sie nicht zurück, schreit, ver­kriecht sich in die hin­terste Ecke, presst die Augen zusam­men, als könne sie so ihrem Schick­sal ent­ge­hen.

Ich trete näher und räus­pere mich.

»Oh«, sagt sie, »ein Gast. Was darf ich Ihnen anbie­ten? Cap­puc­cino?« Ich weiß nicht, was sie meint. Aber ich nicke. Das kann sie nicht sehen, also sage ich mit beleg­ter Stimme: »Ja, gerne.«

»Sofort«, sagt sie. »Und dazu ein Brow­nie? Frisch geba­cken.« Unter dem schma­len Tisch zwi­schen uns lie­gen auf Regal­bret­tern, durch die man hin­durch­se­hen kann wie durch kla­res Was­ser, dun­kel­braune Gebäck­stü­cke. Sie weist dar­auf. »Ja, gerne«, sage ich.

»Set­zen Sie sich, ich bringe es Ihnen.«

Im Raum ste­hen Tische und Stühle. Ich wähle mir einen aus, ziehe ihn zurück, wobei ich ihn über den Boden schar­ren und ein Geräusch ver­ur­sa­chen lasse. So weiß sie, wo sie mich fin­det.

Die glän­zende Vor­rich­tung auf ihrer Theke macht ein zischen­des und blub­bern­des Geräusch. Sie scheint jedoch nicht gefähr­lich zu sein, denn die junge Frau hand­habt sie ganz selbst­ver­ständ­lich. Dies alles wirkt über­haupt nicht so, als könne Däda­lus der Urhe­ber sein. Aber Däda­lus ist ja auch schon lange fort und viel­leicht längst tot.

Neben mir an der Wand hängt ein selt­sa­mes Bün­del Per­ga­mente, zusam­men­ge­hal­ten von einem läng­li­chen Holz. Ich nehme es mir, denn ich habe Schrift­zei­chen auf den Per­ga­men­ten ent­deckt. Bald schon bin ich in die klei­nen Geschich­ten und Bil­der ver­tieft, die sie bede­cken und von dem erzäh­len, was alles außer­halb mei­nes Palas­tes geschieht.

Ich schre­cke auf, als plötz­lich die Frau neben mir steht und mir vor­sich­tig eine Tasse reicht und einen Tel­ler mit dem Gebäck­stück.

»Bit­te­s­ehr«, sagt sie lächelnd, »las­sen Sie es sich schme­cken.«

»Danke«, sage ich hei­ser. Das Getränk ist heiß, sehe ich: Es dampft. Und es ver­strömt die­sen süß-bit­te­ren Geruch, den unwi­der­steh­li­chen Duft, der mich hier­her­ge­lockt hat.

»Kom­men Sie jetzt jeden Tag her?«, fragt die Frau. Und nach einer win­zi­gen Pause fügt sie noch an: »Das wäre schön.«

Eigent­lich möchte ich jubeln und über die Tische tan­zen, aber ich will sie nicht erschre­cken. »Ja, gerne«, sage ich leise, und als sie dar­auf­hin lächelt, bevor sie sich umdreht und zu ihren selt­sa­men Gerät­schaf­ten zurück­geht, macht mein Herz einen Sprung.