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Tvifari
Ich betrete den Korridor und bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass es der ist, der mich in die Installation hineingeführt hat. Aber es gibt keinen Ausgang. Stattdessen knickt am Ende des Korridors ein weiterer ab, der genauso aussieht: chromglänzender Boden, chromglänzende Decke, und die Seitenwände sind milchig weiß. Von dem knickt wieder ein weiterer dieser Korridore ab. Ist das jetzt endlich der, der mich wieder hinausführt?
Die Installation mit dem Titel »Birth of Transhumanism––Death No More«, die diesen Teil der Ausstellungsräume fast komplett ausfüllt, darf man nur einzeln betreten. Blöd von mir, nicht mehr den Ausgang zu finden. Andere Ausstellungsbesucher müssen jetzt warten. Habe ich etwas übersehen? Ich trete an die Milchglaswand heran und versuche hindurchzublicken. Doch nichts zeichnet sich dahinter ab. Ich werde einfach weitergehen. Irgendwo muss doch ein Ausgang sein, oder zumindest der Eingang, durch den ich hineingekommen bin. Korridor um Korridor knickt ab.
Was will mir die Künstlerin sagen? Unter »Transhumanismus« habe ich mir etwas ganz anderes vorgestellt: technische Implantate, die uns Menschen stärker machen, schneller, klüger. Oder die künstlerische Umsetzung des Uploads meiner Erinnerungen und meiner Persönlichkeit in einen Computer, mit dem der Mensch – »Death No More« – quasi unsterblich wird. Die technoiden Träume der Transhumanisten halt. Doch nichts davon. Glänzender Chrom, Milchglas – das ist alles. Außer mir natürlich, der ich durch diese Korridore laufe und den Ausgang suche.
Ein Schatten hinter einer der Milchglaswände: Unscharf erkenne ich eine Person, sie tritt näher an die Scheibe, beschirmt die Augen mit einer Hand und versucht, durch das Milchglas hindurchzusehen. Ich will mich gerade bemerkbar machen, da wird mir plötzlich klar, dass ich das bin. Ich selbst bin es, wie ich vor einigen Minuten versucht habe, durch eine der Korridorwände hindurchzusehen – und ein ganz eigenartiges Gefühl durchfährt mich, und die Härchen auf meinen Armen stellen sich auf. Die Figur, mein Alter Ego, tritt wieder in die Unschärfe zurück, verschwimmt in der milchigen Helle und löst sich schließlich darin auf.
Mich erfasst eine unbestimmte Angst. Die Angst, mir selbst zu begegnen? Nie mehr den Ausgang zu finden? Von den Korridoren aus Chrom und Glas verschlungen zu werden? »Hallo?«, rufe ich zögernd. »Hört mich jemand? Gibt’s hier einen Techniker? Ich möchte jetzt gerne wieder raus aus der Installation!« Keine Antwort. Ich gehe schnellen Schrittes weiter, verfalle sogar in Laufschritt.
Dann ein leises Knirschen hinter mir. Dort, am Ende des Korridors, hat sich etwas verändert. Wurden Wände verrückt? Ich höre verhalltes Stimmengemurmel. Das Licht ist ein anderes: Das muss der Ausgang sein! Ich atme tief durch und gehe gemessenen Schrittes durch den Korridor zurück. Er knickt ab und – öffnet sich in die Ausstellungshalle. Die Besucherschlange, die in die Installation hineinmöchte, ist inzwischen noch länger geworden. Der Wärter klinkt die dicke rote Kordel aus, die den Durchlass absperrt. Ein älterer Mann mit Brille und einer roten Samtweste ist als Nächstes an der Reihe. »Und, wie ist es da drin?«, fragt er. Ich versuche ein Lächeln. »Eindrücklich«, sage ich.
Später wird mir klar, dass es eine versteckte Kamera gewesen sein muss: Eine Kamera hat aufgezeichnet, wie ich versuchte, durch die Milchglaswand hindurchzusehen, und das wurde dann später auf eine der Wände projiziert. Vermutlich machen sie das bei jedem Besucher so.
Ich habe also ganz grundlos Herzrasen bekommen. Peinlich, in der Installation um Hilfe zu rufen. Hoffentlich hat mich draußen keiner gehört.