Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Labyrinth

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Das Titelbild zeigt einen Menschen mit Stierkopf in Anzug und roter Krawatte an einem Rednerpult vor einem historischen Gebäude mit Säulen. Er hält eine Rede am Mikrofon. 
Ein digitaler Button zeigt einen Mechanismus mit Glocke und Bett.

♫ From the Bön Scriptures ♫


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Ich betrete den Korridor, der in das Labyrinth führt, das ich nie mehr verlassen werde. Dädalus steht hinter mir und lächelt stolz. Er hat Monate damit verbracht, es zu konstruieren und für mich einzurichten. Er nennt es »Palast«.

»Ich werde verdursten und verhungern«, sage ich. Dädalus schüttelt den Kopf: »Wirst du nicht. Unten, im Keller des Palastes, gibt es eine Quelle. Es gibt Innenhöfe mit zahlreichen Obstbäumen, und es gibt ein feuchtes Gewölbe, in dem zahllose Champignons wachsen.«

»Ich werde einsam sein«, prophezeie ich düster. Dädalus hält dagegen: »Wir werden dir immer wieder Unterhaltung schicken. Junge Männer und Jungfrauen unserer Vasallenstaaten, mit denen du verfahren kannst, wie du möchtest.«

»Fleisch«, sage ich. »Wie du meinst«, sagt Dädalus.

»Ich werde mich nach Freiheit sehnen und verrückt werden.« Dädalus scheint wenig beeindruckt: »Wirst du nicht. Der Palast wird dir unendlich groß erscheinen, und du wirst immer wieder neue Räume entdecken, neuen Wundern begegnen. Ich habe dafür gesorgt, dass du dir einen geregelten Tagesablauf gestalten kannst, mit allem, was du gerne tust. Das fängt an mit einem großen, weichen Bett aus Stroh, an das ich eine kleine Glocke gestellt habe, die – sobald die Sonne aufgeht – von einem Mechanismus angeschlagen wird. Das Bimmeln wird dann immer lauter, bis du endlich aufstehst.« Als er mich stöhnen hört, fügt er an: »Wenn du allerdings noch ein wenig weiterschlafen möchtest, kannst du den Mechanismus mit einem kleinen Hebel dazu bringen, für einige Zeit mit dem Schlagen der Glocke aufzuhören.«

»Erfindungen …«, sage ich abfällig, »das ist alles, was du kannst: Dir irgendwelche Mechanismen und Vorrichtungen ausdenken. Was aber ist mit den Menschen und ihren Gefühlen?«

»Du bist kein Mensch. Jedenfalls nicht richtig.« Doch als er bemerkt, dass mir Tränen in die Augen treten, beeilt er sich zu sagen: »Aber auch an deine Gefühle habe ich gedacht, mein Lieber.«

Hoffnungsfroh sehe ich ihn an, wie er da im Eingang zu dem Korridor steht, hinter ihm der blaue Himmel und das Meer – die Freiheit, die ich jetzt zum letzten Mal sehen, riechen und hören darf.

»Ich weiß«, sagt Dädalus, »dass dir eigentlich die Königswürde zustünde. Dass ein … böses Schicksal dir dein Erbe und Anrecht verwehrt.« Er vergisst zu sagen, dass er es war, der dieses Schicksal herbeigeführt hat. Dennoch lausche ich erwartungsvoll seinen Worten. Was hat er mir zugedacht?

»Du wirst in deinem Palast«, sagt er, »einen Balkon finden, der sich auf einen großen Platz hin öffnet. Dort kannst du dich präsentieren und Reden halten. Und wenn du an dem hölzernen Knauf ziehst, den du neben der Brüstung siehst, wird dir dein Volk applaudieren und aus vielen Kehlen zujubeln.«

»Mein Volk?«

»So wird es sich anhören, ja. Ich habe lange an der Hydraulik getüftelt.«

Ich sacke in mich zusammen. Wieder nur eine mechanische Vorrichtung, eine Attrappe wie die, auf die mein Vater, der Stier, hereinfiel.

»Es wird dir gefallen. Da bin ich ganz sicher!«

Dädalus lächelt mir aufmunternd zu. Er tritt einen Schritt zurück, ins Freie, und legt einen Hebel um. Mit einem Knirschen senkt sich ein Wandstück herunter, um den Korridor zu verschließen. Ich könnte diese Stelle hier markieren, mit meinen Hörnern ein Kreuz in die Wand ritzen, damit sich sie wiederfinden und zerstören kann. Aber ich bin sicher, auch daran hat Dädalus gedacht und Mittel und Wege ersonnen, mich daran zu hindern, mich zu verwirren und zu narren und auf ewig zum Gefangenen in diesem Palast zu machen.

Er beugt sich herunter, um mir unter der langsam herabrutschenden Wand ein letztes Mal zuzuwinken.

»Sei nicht traurig! Du weißt ja …«, ruft er.

»Es ist für alle das Beste so«, wiederhole ich brav, was er mir immer wieder eingeschärft hat, »auch für mich.« Dädalus nickt lächelnd. Dann ist er hinter der Wand verschwunden. Mit einem dumpfen Laut schließt sie den Korridor ab, als habe sie immer schon dort gestanden.

Ich fühle mich ein wenig niedergeschlagen. Schließlich mache ich kehrt und betrete meinen Palast auf der Suche nach dem Balkon.

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Das Titelbild zeigt das sphinxähnliche steinerne Monument einer Frau in einer großen Höhle, umgeben von schlafenden Zwergen, Drachen, Vögeln und anderen Fabelwesen. Ein digitaler Button zeigt einen griechischen Tempel vor einem Berg.

♫ March of the Monuments ♫


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Ich betrete den Korridor. Meine alten Gelenke schmerzen, aber ich lasse nicht darin nach, meinen täglichen Kontrollgang zu machen, durch den geheimen Korridor tief hinein in den Olymp, in dem sich eine verborgene Gewölbehalle befindet. Hier liegen, im siebentausendjährigen Schlaf, Elfen, Zwerge, Drachen, Wichtel, Trolle, Einhörner, der Vogel Rok, Zyklopen, Zentauren, Dschinns und Schutzengel. Sie  warten hier die Herrschaft der Menschen ab, ungeschlachter, tumber, schwerfälliger Gestalten, die an der Oberfläche der Erde Unordnung machen und Unfrieden stiften.

Manchmal schlägt eines der Alten Wesen die Augen auf und glaubt, schwer zu träumen. Ich setze mich dann dazu und singe eines der alten Wiegenlieder. Nicht mehr lange, und die Zeit der Menschen wird zu Ende gehen. Wenn sie fort sind und die rechtmäßigen Hüter der Erde sich den langen Schlaf aus den Augen gerieben haben, wird mein neuntes Leben sich endlich dem Ende zuneigen, und ich werde ein letztes Mal mit schmerzenden Pfoten durch den Korridor laufen, ihnen voran, um ihnen den versteckten Ausgang zu zeigen, von dem aus sie vom Olymp herabsteigen können.

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Das Titelbild zeigt die Nahaufnahme eines muskulösen, menschenähnlichen Wesens mit dem bärtigen, zotteligen Gesicht eines Bullen, großen gebogenen Hörnern und gelben Augen. Ein digitaler Button zeigt ein durchgestrichenes O.

♫ Family Beast ♫


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Ich betrete den K… Wer war das?! Wer hat einen Eimer Wasser auf die angelehnte Tür gestellt? Wer wagt es, sich mit mir, dem Ungetüm, einen albernen Scherz wie diesen zu erlauben? Ich schüttle meine strähnige Mähne und brülle, dass es in den Gängen meines Palasts lange widerhallt. Ich finde euch! Niemand kennt das Labyrinth besser als ich, der Menschenfresser.

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Das Titelbild zeigt den Innenraum eines buddhistischen Tempels mit bemalten Säulen und hängenden Stoffen, das Gesicht einer Statue und eine dunkle Nische mit mehreren kleinen Figuren. Ein Button kombiniert das Piktogramm eines Irrgartens und eines spiralförmigen Labyrinths.

♫ Inside the Temple of Braga ♫


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»Ich betrete den Korridor wie alle anderen auch«, sagte der Meister zu seinem Besucher, als der gefragt hatte, wie er seinen Weg durchs Leben finden könne.

»Dann seid Ihr ein Sucher wie ich?«, fragte der Besucher weiter.

Doch der Meister schüttelte den Kopf: »Der Weg verzweigt sich, viele Gänge stehen zur Auswahl, lange, kurze, gerade, abknickende, über Treppen hinauf und hinunter führende – und die meisten enden als Sackgasse.«

»Das ist es ja gerade«, klagte der Besucher. »In diesem Labyrinth finde ich meinen Weg nicht.«

Wieder schüttelte der Meister den Kopf: »Labyrinth? Das wäre ein langer gewundener Gang, der in vielen Schlaufen, aber ohne Abzweigungen ins Zentrum führt. Du dagegen sprichst von einem Irrgarten.«

Der Besucher zögerte. »Und wie finde ich nun meinen Weg durch den Irrgarten?«

Ein drittes Mal schüttelte der Meister den Kopf und wiederholte: »Ich betrete den Korridor wie alle anderen auch.« Dann lächelte er. »Doch unter meinen Schritten verwandelt sich der Irrgarten in ein Labyrinth.«

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Das Titelbild zeigt eine schwarze Maus oder Ratte auf einem Labyrinth, das auch die Wände bedeckt. Hinter ihr schweben weiße, geistartige Artgenossen.

♫ Keep the Focus ♫


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Ich betrete den Korridor aus verschiebbaren Plastikwänden. Die Forscher starten ihre Stoppuhr. Sie wollen testen, ob ich etwas weiß, was ich eigentlich nicht wissen kann: ob sich aus den Lernerfahrungen einzelner Individuen sogenannte morphische Felder bilden, auf die andere Individuen derselben Spezies Zugriff haben.

Ich für meinen Teil kenne den Weg durch diesen Irrgarten nicht. Aber vor mir sind unzählige andere Ratten so lange hindurchgeirrt, bis sie sich die kürzeste Route zum Futter merken konnten. Einige von ihnen sind inzwischen tot und seziert – sie begleiten mich unsichtbar mit ihren Kenntnissen, helfen ihrem unwissenden Genossen, geben mir Impulse ein, hier rechts, dort links zu laufen oder Abzweigungen zu ignorieren.

Am Ziel des Parcours lasse ich mir das Dosenfleisch schmecken, die Belohnung für mich, während die Forscher ihr Ergebnis in eine Tabelle eintragen.

Alle Lebewesen haben Ahnen, die ihnen helfen. Auch die Forscher. Nur dass diese, ähnlich wie sie ihre unbehaarten Körper mit Fellen und Stoffen vor Auskühlung bewahren müssen, auch alle Ahnungen von sich fernhalten. Wahrscheinlich hat sich ihr Gehirn zu dem Zweck so sehr aufgebläht, dass keiner dieser schwachen Impulse mehr ins empfindsame Innere dringen kann.

So gehen sie oft und immer wieder in die Irre, bevor sie, wenn sie viel Glück haben, ans Ziel ihrer Wünsche gelangen.

45/398

Das Titelbild zeigt ein rundes, kolosseumartiges Labyrinth mit farbigen Pfeilen, die in verschiedene Richtungen zeigen, jeder mit einem Buchstaben in einem farbigen Quadrat, mit einem Buch neben dem Eingang.

♫ The Trailblazer’s Red-Letter Day ♫


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»Ich betrete den Korridor« können Sie heute als Besucher des Korridoriums mit Fug und Recht von sich behaupten: Diesmal kommen freundliche Hostessen auf Sie zu, um Sie zu einer der vielen Türen zu geleiten, hinter denen Sie weitere Korridore erwarten – und weitere Türen, aber die müssen Sie dann schon selbst aufstoßen.

Mit Ihnen ist ein weiterer Besucher hereingekommen. Er trägt einen Anzug, hält eine Aktentasche in der Hand und wirkt etwas verwirrt. »Ich hab keine Ahnung, was ich hier soll!«, meint er zu Ihnen. »Was noch alles?« steht auf einem Banner, unter dem an drei Stehtischen die Hostessen warten. Schon kümmert sich eine von ihnen um den Mann: »Ja, man kann sich hier auch gut verirren. Wenn Sie gezielt vorgehen möchten und nur wenig Zeit mitbringen, sollten Sie durch diese schmale Tür hier vorne weitergehen.« Sie trägt die Aufschrift »Vignette«, stellen Sie fest. »Oder hier« – die freundliche junge Dame macht den Gast auf eine fast schon winzige Tür mit der Aufschrift »Fraktum« aufmerksam – »für die ganz kurze Aufmerk­samkeits­spanne: Manches ist nicht länger als ein Tweet, kommt also mit 140 Zeichen aus«, fährt sie fort.

»Mich interessieren Aufstellungen«, sagt der Mann mit der Aktentasche und rückt sich die Brille gerade.

»Dann ist möglicherweise dies hier die richtige Tür für Sie.« Der Mann betrachtet stirnrunzelnd die Aufschrift »Listen«. Sie scheint ihm zuzusagen, denn er zuckt kurz die Schultern, nickt der Dame kurz dankend zu und greift dann entschlossen zur Klinke.

Inzwischen ist eine der anderen Hostessen auf Sie aufmerksam geworden. »Was darf es für Sie sein?«, fragt sie lächelnd.

»Gibt’s hier auch Geschichten mit Handlung und Figuren, also so richtige Kurzgeschichten?«

»Oh ja«, antwortet die Hostess und zeigt zu einer Glastür mit der Aufschrift »Story« und den dreien dahinter, »klassisch«, »Fantasy« und »SciFi«.

»Was ist mit klassischer Fantasy?«, fragen Sie stirnrunzelnd.

»Oh ja, das könnte man falsch verstehen, richtig«, meint die junge Dame. »Alle Kurzgeschichten ohne Magie und Futuristisches, ohne Brimborium und Firlefanz sozusagen – dafür steht ›klassisch‹.«

Sie sagt noch etwas dazu, dass es nicht leicht gewesen sei, die treffenden Schlagwörter zu finden, aber Sie lassen sich ablenken: Eine Besucherin, die eigenartigerweise einen geöffneten Regenschirm mit dem bunten Aufdruck »(sich) regen bringt segen« trägt, fragt eine der Hostessen nach »spirituellen Texten«. Sie wird von ihr zu den Türen »Nous« und »Kōan« verwiesen – hinter »Nous« stecke alles, was mit Bewusstsein zu tun hat, und »Kōan« stehe im weitesten Sinne für östliche Weisheiten. »Und wie steht es mit, äh, Liebesgeschichten«, fragt die Frau noch leise, als sei es ihr ein wenig peinlich. Auch dafür gibt es eine Tür weiter hinten im Korridor. Sie trägt, wenig überraschend, die Aufschrift »Romanze«.

Bevor Sie sich wieder Ihrer Hostess zuwenden können, rollt auf einem Skateboard ein Junge in einem Hoodie herein. Er wirft unter seiner Kapuze einen abschätzigen Blick in den Korridor. Schon ist eine Hostess bei ihm. »Cory?«, fragt er. Die Hostess schüttelt lächelnd den Kopf: »Aber die Frage klärt sich womöglich hinter dieser Tür.« Sie zeigt auf eine Tür mit der Aufschrift »Cory?« und fügt dann mit Fingerzeig auf die Tür daneben, »Meta«, an: »Da könnten sich weitere Hinweise auftun. Jedenfalls finden sich da alle Erklärungen über das Korridorium selbst.«

Das bringt Sie auf eine Idee. Sie fragen die junge Dame, die sich hilfreich zu Ihnen gesellt hat, nach Storys über Parallelwelten – davon soll im Korridorium immer wieder die Rede sein.

»Oh ja«, antwortet Ihre Hostess lächelnd, »auch dafür gibt es eine Tür. Folgen Sie mir bitte.« Die fragliche Tür mit der Aufschrift »PluriDim« befindet sich am Kopfende des Korridors. »Das steht, hat man mir gesagt, für ›Pluridimensionales‹, also mehrdimensionale Perspektiven.«

Interessiert lesen Sie die Aufschrift auf der Tür seitlich davon: »Paraphernalia«?

»Oh ja«, die junge Dame nickt, »da ist alles untergebracht, was sich allem anderen nicht zuordnen ließ, selbst Kafkaeskem und Surrealistischem nicht.« Sie weist auf die Tür den »Paraphernalia« gleich gegenüber. »Kafka«, sagt sie, »ist einfach ›K.‹ – und wurde hier aus Platzgründen mit dem Surrealismus zusammengelegt.« Auf der Tür steht »K. / Dada«.

›Tu ich mir wohl besser nicht an‹, denken Sie, verschleiern Ihre Gedanken allerdings mit einem verbindlichen Lächeln. »Falls ich aber nun speziell alles suche, was mit Labyrinthen und dem Minotaurus zu tun hat?«

»Oh ja«, meint die Hostess eifrig, »hätte ich mir eigentlich gleich denken können. Ich habe an den Hörnern natürlich sofort gesehen, welch hohen Besuch wir hier heute haben.«

Sie schnauben ein wenig durch die Nüstern, weil man so was in der Art meist von Ihnen erwartet. Obwohl es eigentlich freundlich wirken sollte, tritt die Hostess vorsichtshalber einen Schritt zurück.

»Hier«, sagt die junge Dame ein wenig eingeschüchtert, »das wäre dann die Tür Ihrer Wahl.« Sie trägt die Aufschrift »Mythos«.

»Das kann aber auch Lüge heißen, wie in ›Ach, das ist doch bloß ein Mythos!‹ …«, merken Sie kritisch an.

»Oh, ja«, sagt die Hostess und schluckt, »aber das ist hier natürlich nicht in diesem Sinne gebraucht.«

»Na, das will ich doch gemeint haben!«, erwidern Sie und öffnen die Tür.

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Das Titelbild zeigt einen engen, dunklen Gang mit Ziegelsteinwänden und einem schmalen, bogenförmigen Fenster mit aufgebogenem Gitter, durch das eine Terrasse mit Palme und blauem Himmel sichtbar ist.

♫ Find the Hidden Wishing Well ♫


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Ich betrete den Korridor. Eines der Fenster gegenüber den Türen geht auf einen kleinen Innenhof hinaus, in dem ein Brunnen plätschert. In der kleinen Palmengruppe zwitschern unbeschwert die Vögel. Ich stehe lange dort und genieße den Blick und die frische Luft, die zu mir hereinweht. Wie gern würde ich dort sein! Doch mit den langen Hörnern passe ich nicht durch die Fensteröffnung.

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Das Titelbild zeigt eine in einen gelben Umhang gehüllte Person. Sie hält eine rote Schnur, die zu einer großen, menschenähnlichen Kreatur mit Hörnern führt, die eine gelbe Rose in ihrer behaarten Hand hat. Sie steht in einem roten Torbogen steht, hinter dem oben die Spitze eines Messers oder Dolchs erscheint.

♫ (Invisible Calls from the) Soaring Sirens ♫


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Ich betrete den Korridor, in den der rote Faden mich leitet. Auf ihn bin ich zufällig bei meiner Wanderung durch diesen endlosen, labyrinthischen Palast gestoßen. Es muss noch jemand hier sein! Und wenn dieser Jemand einen Faden auslegt, dann führt mich dieser Faden entweder zu ihm und beschert mir eine willkommene Abwechslung in meiner eintönigen Speisenfolge – oder er führt mich zu dem Eingang, durch den er hereinkam. Und was für ihn ein Eingang ist, ist für mich der Ausgang!

Also folge ich dem Faden durch das Labyrinth. Und tatsächlich: Tageslicht und das ferne Rauschen des Meeres. Wie habe ich die Sonne vermisst in diesen einsamen Jahren! Am Ende des Korridors sehe ich blauen Himmel. Und eine Gestalt. Es ist eine Frau. Ich muss blinzeln. Sie kommt mir bekannt vor. »Schwester!«, sage ich. Meine Stimme klingt fremd und ungelenk – ich gebrauche sie seit langem nicht mehr.

»Du darfst nicht hier sein«, antwortet sie. Sie ist gealtert. Sehe ich da weiße Strähnen in ihrem Haar?

»Ich bin dem Faden gefolgt.«

»Das war Dädalus’ Idee.« Hätte ich mir denken können. Sie sieht, dass mein Blick auf ihre Trauerbinde fällt. »Vater …«, sagt sie und schluckt.

»Dann bin ich jetzt König.«

»Pustekuchen«, sagt eine neue Stimme – hinter mir. Ein scharfer Schmerz fährt mir in den Rücken, und ich sehe die glänzende Spitze eines Schwertes aus meiner Brust ragen. Ich will etwas sagen, doch meine Lungen wollen sich nicht mehr mit Luft füllen. Meine Beine knicken ein, und ich sinke in die Knie.

Von hier kann ich die Sonne sehen, die nun gleißend die Welt verschlingt, die mir eben noch offenstand, bis meine Schwester zu mir tritt, ihren Schatten über mich wirft, als sie sich zu mir herunterbeugt, und mich gnädige, allumfassende Dunkelheit umarmt.

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Das Titelbild zeigt einen Arcade-Spielautomat mit einem Pac-Man-Spiel auf dem Bildschirm, einem roten Joystick und mehreren farbigen Knöpfen auf dem Bedienfeld.
Screenshot

♫ Level 256 ♫


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Ich betrete den Korridor, rechts, und fresse die Punkte (10 Pts) auf meinem Weg, runter, zu einer Kirsche, links, doch die Gespenster sind schon, runter, in der Nähe und, rechts, kommen mir bedrohlich, rauf, nahe, bevor ich die rettende, rauf rechts, Kraftpille (50 Pts) erreiche und nun selbst zum Jäger, rauf links, werde, hinter den blau blinkenden Gespenstern her, rauf, um sie, rechts, zu verbannen, rauf, was mir mit einem gelingt: verbannt! (200 Pts), runter, bevor die anderen drei sich, links, zurückverwandeln und ich sehen kann, dass ich den orangen Geist, zurück, also Pokey, erwischt habe, und weiter Punkte (10 Pts) auf meinem Weg fresse, runter, aber plötzlich erbarmungslos von Shadow und Speedy, zurück, zurück, rechts, gejagt werde und, zurück zurück, von Speedy schließlich ausgerechnet genau da überrannt werde, wo ich den Irrgarten ursprünglich betreten hatte.

Zwei Leben bleiben mir noch.

Ich betrete den Korridor.

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♫ Haunted by the Zeitgeist ♫


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Ich betrete den Korridor und bin ein bisschen aufgeregt: Es ist das erste Mal, dass ich Corridoring betreibe. Ja, klar, ich weiß auch, dass man nicht gleich jeden viralen Fun-Trend aus dem Internet mitmachen sollte. Aber irgendwie entspricht mir die Sache – vielleicht, weil sie sich hinter Masken versteckt. Oder weil es sich um einen antiken Mythos handelt. Jedenfalls: mir einen Stierkopf zu basteln und mich damit in einem Korridor meiner Wahl zu fotografieren – die Idee hat irgendwo tief in mir drin etwas ausgelöst, und ich wollte unbedingt mit dabei sein. Ich kann nur hoffen, dass auch andere ihre Fotos in die Galerie posten, mit selbstgebasteltem Stierkopf in einem Korridor ihrer Wahl, was sich dann langsam zu einem unübersehbaren Geflecht aus Gängen und Fluren auswächst: das magische Land Korridorien sozusagen, ein virtuelles weltweites Labyrinth, durchwandert von einem einsamen, verwirrten Mischwesen.

Ist doch irgendwie ein hübscher Ausdruck unseres Zeitgeists, oder?

Nun, genügend Korridore für ein solches Foto hat das Atomium durchaus zu bieten. Ich hatte es gleich vor Augen, als von Korridoren die Rede war, und wie sich herausstellte, muss ich nur früh genug hinein, damit nicht schon überall Touristen herumlaufen und der Gehörnte auch wirklich allein auf dem Bild ist.

Ich baue die Kamera auf, hole die Pappmaché-Maske aus dem Rucksack, stelle den Selbstauslöser ein und bringe mich mit hängendem Kopf in Position …