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Sun­dow­ner

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Ich betrete den Kor­ri­dor, aber der scheint nicht mehr zur Ver­nis­sage zu gehö­ren, denn hier hän­gen keine mei­ner See­stü­cke an den Wän­den, son­dern ein­zelne Puz­zle­steine. Sie sind jeweils zwei, drei Hand­flä­chen groß, und es sind Teile von Buch­sta­ben dar­auf. Erge­ben sie ein Wort? Ich gehe den Kor­ri­dor ent­lang und suche nach pas­sen­den Tei­len. Doch obwohl ich ein­zelne Buch­sta­ben oder sogar Sil­ben zusam­men­set­zen kann – ich komme ein­fach nicht auf den Gesamt­zu­sam­men­hang. »Nth? Yri?« Es wurmt mich, dass das Puz­zle in mei­nem Kopf unvoll­stän­dig bleibt. Immer wie­der muss ich der Ver­su­chung wider­ste­hen, die Stü­cke von der Wand zu rei­ßen und sie auf dem Boden des Kor­ri­dors zusam­men­zu­le­gen – nein, die Künst­le­rin oder der Künst­ler wollte offen­bar, dass man das Puz­zle rein in der Vor­stel­lung löst.

Ist mein räum­li­ches Vor­stel­lungs­ver­mö­gen zu schwach? Frauen sagt man das ja nach. Schließ­lich schwirrt mir der Kopf, und ich gehe wie­der zurück.

Die Ver­nis­sage ist vor­über. Meine Gale­ris­tin sieht mich böse an: Wo ich denn bloß die ganze Zeit über gewe­sen sei. Dau­ernd sei nach mir gefragt wor­den! Meine See­stü­cke seien gut ange­kom­men. Ja, da hän­gen sie an den Wän­den, jedes im Licht eines klei­nen Spots. Kein Puz­zle. Alles für sich ste­hende Gemälde. Wel­len, Him­mel, Hori­zont. Die Bil­der sagen mir nichts.

Ich frage nach den Puz­zle­stü­cken, doch die Gale­ris­tin sieht mich ver­ständ­nis­los an. Ich will sie hin­füh­ren, nur ist hin­ter der Tür kein Kor­ri­dor mit einem unlös­ba­ren Puz­zle, son­dern – ihr Büro. Der Raum ist qua­dra­tisch. Ein Schreib­tisch, nackte Wände.

Nachts in mei­nem ein­sa­men Hotel­zim­mer, als ich dem ewi­gen Rau­schen der Metro­pole lau­sche und ange­sichts mei­ner Schlaf­lo­sig­keit mit dem Blei­stift die Schat­ten skiz­ziere, die die Bäume vor dem Fens­ter im Licht der Stra­ßen­be­leuch­tung an die Zim­mer­wand wer­fen, ent­de­cke ich drei Worte auf mei­nem Block: »Lab«, »Yri«, »Nth« habe ich geschrie­ben, ange­ord­net in einem Qua­drat.

Die mitt­lere Spalte ergibt das Wort »Art«, und mich beschleicht das Gefühl, eine wich­tige Ent­de­ckung gemacht zu haben, die mir als Künst­le­rin den künf­ti­gen Weg wei­sen wird. Es ist, als ob nur noch ein win­zi­ges Puz­zle­teil feh­len würde – und die Suche danach könnte zu einer Reise in völ­lig unbe­kannte, unge­ahnte Gefilde für mich wer­den. Noch in der Nacht mache ich mir erste Noti­zen und werfe ich erste Skiz­zen zu Papier …