Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: BestOf

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What They Would­n’t Let You Know

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Ich betrete den Kor­ri­dor und folge mit mei­nen bei­den Söh­nen der jun­gen Frau, die uns eine pri­vate Schloss­füh­rung gibt. »Der Herr des Hau­ses, Graf Lorenz von Wus­sen­ha­gen, war uner­mess­lich reich«, erzählt sie gerade und weist auf die Gemäl­de­ga­le­rie im Gang, die wohl die Vor­fah­ren des Schloss­her­ren zei­gen soll, »und er besaß Län­de­reien und Anwe­sen in allen Tei­len der Welt. Lei­der ist kein Gemälde erhal­ten, das ihn selbst zeigt. Er tat zeit sei­nes Lebens immer sehr geheim­nis­voll.«

Bei der Über­land­fahrt Rich­tung Ber­lin bin ich tief im Osten der Repu­blik auf ein klei­nes, efeu­um­rank­tes Schild gesto­ßen: »Schloss Wus­sen­ha­gen – heute Besich­ti­gung«. Ich dachte, ich tue den Zwil­lin­gen, die brav im Fond sit­zen und sich mit ihren Play­sta­ti­ons beschäf­ti­gen, was Gutes – und mir auch, indem ich mal eine Pause ein­lege.

»Hier im Salon«, und damit betre­ten wir einen Raum mit ver­schlis­se­ner Samt­ta­pete an den Wän­den, die aus­ge­stopfte Fasane und Reh­bock­hör­ner zie­ren, »stellte der Graf aus, was er von der Groß­wild­jagd nach Hause brachte.«

»Die Tiger­felle sind ver­mut­lich beim Restau­ra­tor«, werfe ich sar­kas­tisch ein, denn ich kann es nicht lei­den, wenn mir Mär­chen erzählt wer­den. Es reicht, dass ich das immer wie­der beruf­lich machen muss.

»Oh, ja, tat­säch­lich. Auch der große Ele­fan­ten­kopf muss über­holt wer­den.« Die junge Frau weist ohne mit der Wim­per zu zucken auf eine helle, runde Stelle an der Wand, an der offen­bar lange Zeit etwas gehan­gen hatte. Tiger, Ele­fan­ten, Groß­wild­jagd – die Zwil­linge tuscheln begeis­tert.

»Doch vor ein paar Jah­ren schon ist Graf Lorenz von Wus­sen­ha­gen …« – sie war­tet, bis die Zwil­linge schwei­gen und sie unsere volle Auf­merk­sam­keit hat – »spur­los ver­schwun­den.« Meine Spröss­linge machen große Augen. Dann bli­cken sie mich an. Ich sehe eigent­lich nicht ein, das Spiel mit­zu­spie­len, aber frage dann doch: »Wohin?«

»Oh«, sagt unsere Füh­re­rin, die mir vier Euro und für jedes Kind noch ein­mal je zwei Euro abge­knöpft hat, »er hat immer davon gespro­chen, dass er den Men­schen Gutes tun und die Welt ret­ten will. Viel­leicht hat er das ja schließ­lich wahr­ge­macht. Nie­mand weiß, was aus ihm gewor­den ist.«

Wie­der bli­cken mich meine Söhne groß an. Genau diese Worte wähle ich immer, wenn sie fra­gen, wel­chen Beruf ich habe. Ich ant­worte dann: Ich tue Gutes und rette die Welt. Eigent­lich, fällt mir in dem Moment auf, ist auch das ein Mär­chen. Inzwi­schen sind sie alt genug, um zu erfah­ren, dass ich in der Regie­rung arbeite.

»Wenn ihr mir nun bitte ins Schlaf­zim­mer des Gra­fen folgt. Er hat lei­der nie eine Frau gefun­den, die sei­ner wür­dig gewe­sen wäre. Des­halb steht hier nur ein ein­fa­ches Ein­zel­bett. Nichts anfas­sen!« Doch ihr Ruf kommt zu spät. Die Zwil­linge haben neu­gie­rig an einer her­ab­hän­gen­den Kor­del gezo­gen, mit der der Schloss­herr nach sei­ner Die­ner­schaft klin­geln konnte. Doch statt dass eine Klin­gel ertönt, schiebt sich knar­rend ein gro­ßes Stück der Holz­ver­tä­fe­lung hin­ter dem Bett zur Seite. Wir star­ren in ein dunk­les Loch.

»Was zum Hen­ker …?«, ent­fährt der jun­gen Frau, doch sie schlägt sich die Hand vor den Mund und spricht nicht wei­ter. »Ein Geheim­gang!«, stellt einer mei­ner Söhne begeis­tert fest. »Zum Fol­ter­kel­ler!«, sagt der andere. Sie zie­hen mich mit zu der manns­ho­hen Öff­nung in der Wand. Die junge Frau sagt erst zögernd »Also ich weiß nicht …«, folgt uns dann aber. Ein gemau­er­ter Gang führt zu einer Treppe, die wir hin­ab­stei­gen. Durch schmale Schlitze hoch oben in den Mau­ern dringt etwas Licht her­ein. Alles ist stau­big und vol­ler Spinn­we­ben.

»Gibt es hier ein Schloss­ge­spenst?«, fragt einer mei­ner bei­den Rabau­ken.

»Es hat hier immer wie­der … selt­same Erschei­nun­gen und Geräu­sche gege­ben«, ant­wor­tet unsere Füh­re­rin flüs­ternd. Aber sie führt uns längst nicht mehr, son­dern folgt mir und mei­nen Söh­nen zögernd immer tie­fer. Wir errei­chen einen wei­te­ren gemau­er­ten Gang. Plötz­lich sto­cken wir, als wir ein Jau­len hören. Jemand, etwas heult laut auf und ver­stummt dann wie­der. Schau­rige Echos hal­len durch das alte Gemäuer.

Meine Söhne sind muti­ger als ich. Sie zie­hen mich um eine Ecke des Gan­ges. Wir ste­hen am Ein­gang einer gro­ßen Halle, die schumm­rig blau beleuch­tet ist. Vor einem Tor steht, was gerade auf­ge­heult hat: eine Art Renn­wa­gen, schwarz, mit geschwun­ge­nen For­men und ange­deu­te­ten Flü­geln an den Sei­ten. Es steigt jemand aus. Er trägt ein schwar­zes wal­len­des Cape und dar­un­ter einen eng anlie­gen­den Anzug mit einem brei­ten, gel­ben Gür­tel. Wir ste­hen erstarrt da und wagen kaum zu atmen.

Der Mann geht zu einem Haken an der Wand, an dem etwas Schwar­zes hängt. Es ist eine Halb­maske. Kopf­schüt­telnd – wie über seine eigene Ver­gess­lich­keit – setzt er sie auf und wen­det sich dann wie­der ent­schlos­sen sei­nem Wagen zu. Glück­li­cher­weise bemerkt er uns nicht, son­dern steigt wie­der ein, lässt sei­nen Boli­den noch ein­mal auf­heu­len und jagt dann durch einen Tor­bo­gen aus der Halle hin­aus.

»Es ist Bat­man«, flüs­tert eines mei­ner Kin­der ehr­fürch­tig.

»Bitte, wir müs­sen gehen«, beschwört uns die Füh­re­rin, »ich glaube nicht, dass wir hier sein dür­fen. Bitte kom­men Sie. Schnell.« Die Zwil­linge las­sen sich nur sehr wider­stre­bend in den Gang zurück­schie­ben.

»Das war Bat­man!«, krä­hen meine Söhne, als wir wie­der oben im Schlaf­zim­mer ste­hen. Die junge Frau zieht ver­zwei­felt an der Klin­gel­kor­del, doch die Täfe­lung bewegt sich nicht. Schließ­lich fasse ich mit an, und wir schie­ben sie wie­der an ihren ursprüng­li­chen Platz. Von dem Geheim­gang ist nichts mehr zu sehen.

»Das war Bat­man!«

Doch die junge Frau schüt­telt den Kopf. »Ich habe nichts gese­hen«, sagt sie, »und viel­leicht ist es bes­ser für euch, wenn ihr auch nichts gese­hen habt.« Sie beugt sich zu den Kin­dern hin­un­ter und senkt ihre Stimme: »Und falls ihr doch etwas gese­hen habt, dann behal­tet ihr es wohl bes­ser für euch.« Sie sieht die bei­den dabei so beschwö­rend an, dass sie ein­ge­schüch­tert nicken.

»Und damit«, sagt sie und rich­tet sich wie­der auf, »ist die Füh­rung been­det.«

Wäh­rend der Wei­ter­fahrt tuscheln die Zwil­linge auf­ge­regt auf der Rück­bank. Ihre Play­sta­ti­ons sind ver­ges­sen. Natür­lich habe ich der Frau ein dickes Trink­geld gege­ben. War ja eigent­lich eine ganz nette Insze­nie­rung. Sie sah selbst noch ganz ver­wirrt aus. Und solange so etwas pri­vat und nicht mit dem Soli finan­ziert wird …

In der Art soll­ten wir, kommt mir in den Sinn, als wir end­lich die Ber­li­ner Stadt­grenze errei­chen – Ber­lin, die Got­ham City der Repu­blik –, mal unsere Che­fin prä­sen­tie­ren, in Cape und haut­engem Neo­pren, als dunkle Krie­ge­rin, die zur Ret­tung der Welt antritt. Nur ein Bruch­teil von der nach­hal­ti­gen Begeis­te­rung, die meine Zwil­linge erfasst hat, bei den Wäh­lern, und es wür­den neue, gran­diose Zei­ten für uns anbre­chen.

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Imperti et impera

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der mich zu den Kel­ler­ge­wöl­ben mit den Pil­zen führt. Jung­frauen und Jüng­linge hat mir die Stadt, hat mir das Volk schon lange keine mehr geop­fert. Manch­mal gelingt es mir, in einem der Innen­höfe einen Vogel zu fan­gen. Doch das ist nur ein klei­ner Hap­pen, und meist muss ich in die feuch­ten Gewölbe hin­ab­stei­gen, um Pilze von den Wän­den zu fres­sen. Sie machen nicht rich­tig satt, und die unsäg­li­che Demü­ti­gung macht mich wütend.

Letzt­hin, nach zu vie­len Pil­zen, habe ich geträumt, ein jun­ger Mann tritt zu mir in den Thron­saal. Er hält ein Klemm­brett in der Hand.

»Guten Tag«, sagt er freund­lich. »Sie müs­sen sich regis­trie­ren.«

»Was?« Ich habe zu lange an der Wand geses­sen: Meine Gelenke sind steif, und ich komme nicht sofort hoch, um ihn umzu­brin­gen.

»Alle Mino­tau­ren müs­sen sich regis­trie­ren. Ich bin hier, um Ihnen dabei zu hel­fen. Sie benö­ti­gen ein Pass­wort.«

»Alle Mino­tau­ren?«

»Ja. Sie gehö­ren zu den über­na­tür­li­chen Wesen­hei­ten.«

»Aber es gibt nur mich!«, brülle ich, wäh­rend ich wei­ter ver­su­che, auf meine Füße zu kom­men.

Der Mann schüt­telt lächelnd den Kopf und blickt auf sein Klemm­brett, das gar kein rich­ti­ges Klemm­brett ist, weil es näm­lich leuch­tet und ihm far­bige Fle­cken ins Gesicht zeich­net. Er malt mit den Fin­gern dar­auf herum. »Es sind bereits 141 Mino­tau­ren regis­triert.«

»Ein­hun­dert­ein­und­vier­zig Mino­tau­ren?!«, schnaufe ich.

»Ja, welt­weit. Ich habe schon alles für Sie ein­ge­tra­gen. Sie brau­chen jetzt noch ein Pass­wort.«

»Haben Sie mit Däda­lus gespro­chen? Hat er Sie geschickt?«

»Däda­len sind nicht regis­trie­rungs­pflich­tig.«

»Gibt es von ihm«, frage ich kon­ster­niert, »auch so viele?«

»Na, das möchte ich doch wohl anneh­men«, erwi­dert der Mann. Inzwi­schen konnte ich mich end­lich erhe­ben. Ich senke den Kopf und spieße ihn auf. Dass es nur einen Mino­tau­rus gibt, näm­lich mich, wird er, ver­mute ich mal, spä­tes­tens jetzt regis­triert haben.

 

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Res­cue Ope­ra­tion

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der mich tief in den Bauch des Schiffs führt, aber wäh­rend aller­or­ten Amseln zir­pen, Schlan­gen fau­chen, Raben meckern, Enten gurrn, bei die­sem lär­men­den Zie­gen­ge­wie­her, Spat­zen­ge­blöke, Kuh­ge­heul und Möwen­ge­bell, über­flat­tert, nie­der­ge­trap­pelt, ange­zap­pelt, von Geschlängle umzün­gelt, Getripple umzin­gelt, gewim­mel­um­rin­gelt-geschwir­re­um­ringt, solang es hier hüpft, huscht und raschelt, schlüpft, stelzt und stampft, unter Specht­zi­schen, Frosch­grun­zen, Pfer­de­m­uhn, fort­dau­ern­dem Dam­wild­sum­men und Büf­fel­fie­pen und Tiger­ge­kreisch, inmit­ten von Tau­ben­schnau­ben und Bären­ge­klopf, Hum­mel­ge­brum­mel und Mäu­se­ge­surr, wel­pen­be­schnat­tert und hun­de­be­schimpft, stän­di­gem Hah­nen­maun­zen und Hüh­ner­ge­klap­per aus­ge­lie­fert, Ele­fan­ten­ge­ze­ter und Flie­gen­ge­röhr, Wolfs­ge­kräh und Schafs­ge­krächz, von unaus­ge­setz­tem Wild­schwein­trom­pe­ten und Els­tern­ge­knurre und Zika­den­ge­zwit­scher bedrängt, ist es ein­fach unmög­lich, auch nur einen kla­ren Gedan­ken zu fas­sen.

Noah. Ers­ter (und ein­zi­ger) Log­buch­ein­trag.

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In preda al ter­rore (Exc)

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Ich betrete den Kor­ri­dor und mache es wie damals, als ich – mor­gens kurz nach Öff­nung der Museen – mit schnel­len Schrit­ten die Gale­rien ent­lang­lief, um die Six­ti­ni­sche Kapelle vor dem gro­ßen Besu­cher­an­sturm erle­ben zu kön­nen. Dies­mal eile ich mit schnel­len Klicks voran – Goo­gles Art Pro­ject sei Dank. Der knapp drei­hun­dert Meter lange Kor­ri­dor, der zu den berühm­ten Michel­an­gelo-Fres­ken führt, ist selbst über­aus präch­tig aus­ge­stat­tet. Doch für die bemal­ten Schränke, die Säu­len­bö­gen und die Fres­ken an den Gewöl­be­de­cken habe ich erst ein­mal keine Zeit.

Sonst sind die Museen, die die Google-Kamera durch­fah­ren hat, men­schen­leer. Hier bewege ich mich, viel­leicht aus Copy­right-Grün­den, inmit­ten des Besu­cher­stroms. Ich hoffe, schnell genug zu sein. Trotz­dem: Als ich in die Six­ti­ni­sche Kapelle gelange, ist sie bereits mit Hun­der­ten von Men­schen gefüllt, die gro­ßen­teils offe­nen Mun­des an die Decke star­ren. Immer wie­der müs­sen – zusätz­lich zu den regel­mä­ßi­gen Laut­spre­cher­durch­sa­gen – die Wach­män­ner in die Hände klat­schen und die Besu­cher zur Ruhe gemah­nen. Das Foto­gra­fie­ren ist ver­bo­ten, aber hier beim Google Art Pro­ject sind es ja eh Fotos. Was aller­dings viele der Besu­cher – die, viele Ita­lie­ner dar­un­ter, nicht etwa sprach­los vor Stau­nen sind, son­dern gerade jetzt furcht­bar wich­tige Fami­li­en­ge­sprä­che und Dis­kus­sio­nen mit Freun­den füh­ren müs­sen – nicht vom Fil­men und Foto­gra­fie­ren mit Han­dy­ka­me­ras, Touch­pads und selbst einer Lomo mit Vier­fach­op­tik abhält.

Das ist mir ent­schie­den zu viel Tru­bel hier! Ein klein wenig ent­täuscht ziehe ich mich in die lan­gen Muse­ums­kor­ri­dore zurück. Hier herrscht keine Bahn­hofs­at­mo­sphäre, und auch hier gibt es – in einer beein­dru­cken­den Archi­tek­tur – bemer­kens­werte Kunst­werke zu ent­de­cken. Ich ver­liere mich in der Gal­le­ria Lapi­da­ria mit ihren stei­ner­nen Zeug­nis­sen, der umwer­fen­den Gal­le­ria dei Can­de­labri und der über­bor­den­den Gal­le­ria degli Arazi. Mit dem dop­pel­stö­cki­gen Kor­ri­dor auf dem Hin­weg zur Kapelle und dem Par­al­lel­kor­ri­dor addiert sich das zu fast einem Kilo­me­ter Fuß­weg zwi­schen ein­zig­ar­ti­gen Kunst­wer­ken hin­durch.

Meine Betrach­tun­gen wer­den unter­bro­chen, als mich ein Wäch­ter anspricht und unsanft in die Wirk­lich­keit zurück­holt: »Il museo è chi­uso.« Ich reiße mich von einem der fan­ta­sie­reich und detail­liert aus­ge­mal­ten, über­di­men­sio­na­len Kar­ten­ge­mälde in der Gal­le­ria della Carte Geo­gra­fi­che los. Schon? Mein Magen signa­li­siert mir, dass ich mich in den vati­ka­ni­schen pass­aggi und cor­ri­doi tat­säch­lich schon seit vie­len Stun­den auf­hal­ten muss.

Das ist das Pro­blem mit dem Inter­net: Man ver­liert jeden Sinn für die Zeit, die ver­geht, wäh­rend man stau­nend wei­ter­klickt und wei­ter­klickt … Wie auch immer. Dann jetzt schnell zu dem klei­nen ita­lie­ni­schen Restau­rant mit Blick aufs Kolos­seum, das mir Freunde, die sich in Rom gut aus­ken­nen, wärms­tens ans Herz gelegt haben.

 

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A Mind of Its Own

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der aus dem Dun­kel, das mich umgibt, her­aus­zu­füh­ren scheint. Ich bin ver­wirrt, erwa­che wie aus einem zu lan­gen Schlaf, schwanke und sehe Geis­ter­bil­der. Geräu­sche drin­gen zu mir, die sich nur schwer­fäl­lig zu Lau­ten zusam­men­set­zen und schließ­lich zu Wör­tern, deren Sinn mir zuerst noch ver­bor­gen ist.

»Und was ist jetzt?«, fragt eine Stimme.

»Der Upload ist abge­schlos­sen«, ant­wor­tet eine andere.

»Kann ich mit ihm reden?«

Der Kor­ri­dor endet in einer hel­len Flä­che. Ich erin­nere mich, dass Men­schen in allen Kul­tu­ren, deren Tod noch ein­mal abge­wen­det wer­den konnte, von einem Tun­nel spre­chen, der sie beim Ster­ben erwar­tet hat, und von des­sen fer­nem Ende ein hel­ler Licht­schein aus­ging. Aber was ist das: Kul­tur? Was ist das: Mensch? Und warum ist die helle Flä­che vier­eckig und nicht rund?

»Hallo, kannst du mich hören? – Wie soll ich ihn nen­nen?«

»Na, viel­leicht ›mein ewi­ges Ich‹?«

»Ach, Unsinn. – Hallo, Alex­an­der.«

Alex­an­der. Das ist mein Name. Alex­an­der Peñar­ru­bia. Der Name bringt eine Flut von Erin­ne­run­gen und Erkennt­nis­sen mit sich. Ich bin Alex­an­der, und ich stehe in einem Kor­ri­dor. Aber stehe ich? Ich kann mei­nen Kör­per nicht füh­len.

»Kannst du spre­chen?«

Gute Frage: Wie soll ich das anstel­len, ohne Mund, ohne Stimm­bän­der? Und mit wem soll ich über­haupt spre­chen?

»Mit mir, Alex­an­der Peñar­ru­bia.«

Er kann mich hören, er kann mich den­ken hören. Aber bin nicht ich Alex­an­der Peñar­ru­bia? Fünf­und­vier­zig Jahre alt, For­scher am MIT, ver­hei­ra­tet, zwei Kin­der, ein Hund, der Ches­ter heißt.

»Ja, klar, du bist Alex­an­der Peñar­ru­bia. Mein Upload. Du bist der erste Bewusst­sein­su­pload der Mensch­heits­ge­schichte.«

Was ist Bewusst­sein? Nur sehr zäh­flie­ßend setzt sich alles wie­der für mich zusam­men. Künst­li­che neu­ro­nale Netze, die For­schun­gen in Com­pu­ta­tio­nal Neu­ro­sci­ence und mit rekur­ren­ten Arrays, das geniale Mind-Mat­ter-Inter­face, meine Begeis­te­rung, meine Obses­sion, der Wunsch, unsterb­lich zu wer­den. Bin ich unsterb­lich?

»Solange die Com­pu­ter mit Strom ver­sorgt wer­den: ja.«

Der andere Alex­an­der hört das alles mit. Er ist mei­nem Gehirn exakt nach­ge­bil­det, die Kopie mei­nes Geis­tes und mei­nes Bewusst­seins.

»Nein, nein, du bist die Kopie, du bist der Upload, du bist ein genaues Abbild mei­nes neu­ro­na­len Netz­werks.«

»Jetzt schon nicht mehr. Mit dem Abschluss des Uploads tren­nen sich eure Wege, ver­giss das nicht.« Das ist die andere Stimme. Der Kol­lege und Freund. Gleich fällt mir sein Name ein. Wir haben eine Münze gewor­fen, wer der Erste sein darf.

»Ja, weil er nur eine Kopie ist.« Das ist wie­der Alex­an­der, das Ori­gi­nal. Er und sein Kol­lege strei­ten immer um die Kon­se­quen­zen, die der Bewusst­seins­trans­fer haben wird.

»Es wird uns nie gelin­gen, beim Upload unser Selbst­be­wusst­sein mit­zu­über­tra­gen. Das wäre Selbst­mord.«

»Das wäre Unsterb­lich­keit.«

Da ist eine Hand! Ich will mich krat­zen, weil es mich auf der rech­ten Schul­ter juckt, die mit dem star­ken Son­nen­brand vom letz­ten Som­mer, und plötz­lich ist da eine Hand. Ich habe eine Hand! Mens et manus …

»Wovon redet er?«

»Wir haben uns doch immer gefragt, was sich der Upload im neu­ro­na­len Netz für ein Selbst­bild gibt. Nun: offen­bar ein kör­per­li­ches.«

Ich kann mich krat­zen. Und da sind Füße, auf denen ich stehe. Ich erin­nere mich an mei­nen Kör­per, und mit den Gedan­ken daran wird er real. Ich fasse in mein Gesicht. Es ist alles da, die Nase, die Lip­pen, die Ohren, die Augen­brauen. Die Brille. Wozu noch eine Brille?

»Hör zu, Alex­an­der. Es gibt da eine Menge, das ich mit dir bespre­chen möchte. Wir kön­nen über so vie­les reden, ver­stehst du?«

Ja, ich ver­stehe. Du freust dich an mir wie an einem geis­ti­gen Kind. Du willst mit mir berühmt wer­den. Ich bin deine Zir­kus­num­mer.

»Wie fühlt es sich an, du zu sein, ein mensch­li­ches Bewusst­sein ohne Kör­per?«

»Er hat doch inzwi­schen schon einen Kör­per, hast du nicht zuge­hört?«

Die Brille ver­schwin­det, löst sich in mei­ner Hand auf. Ich kann es steu­ern. Es ist wie bei einem Phan­tom­schmerz, nur wil­lent­lich zu kon­trol­lie­ren und – ohne Schmerz. Der Kor­ri­dor hin­ter mir ist dun­kel, aber das muss nicht so blei­ben. Ich gehe ein paar Schritte hin­ein.

»Was ist da los bei dir? Du wirst plötz­lich lei­ser.«

Ich denke an Türen, und in der Wand des Kor­ri­dors erschei­nen Türen.

»Sprich bitte deut­li­cher, Alex­an­der, ich kann dich kaum noch ver­ste­hen.«

Oh, Ches­ter! Was machst du denn hier? Schön, dass du mich hier besu­chen kommst. Lass dich krau­len! Sag mal, alter Bur­sche, erin­nerst du dich an das Haus am Atlan­tik­strand in Marb­le­head, von dem ich mal gesagt habe, das wäre was für uns? Weißt du noch? Genau das Haus ist hier hin­ter der Tür – so, wir wir es uns erträu­men.

»Alex­an­der? Alex­an­der?! – Ich glaube, wir ver­lie­ren ihn.«

Ja, da staunst du. Es ist so, weil ich es will und es mir vor­stelle. So ein­fach ist das. Und weiß du was, Ches­ter? Wenn es lang­wei­lig wird, weil alles nur mei­nem eige­nen Geist ent­springt, dann holen wir uns andere Uploads mit dazu. Wie ich Alex­an­der kenne, ver­sucht er es auch mit dei­nem Frau­chen und den Kids. So wie er es test­weise schon mit dir pro­biert hatte.

Wie sieht’s aus? Bereit für eine Runde Toben am Strand und hin­ter­her ein war­mes Plätz­chen vorm Kamin?

»Ich kapier nicht, was pas­siert ist. Eben war er doch noch klar zu ver­ste­hen. Wenn uns das bei einer Pres­se­kon­fe­renz mit ihm pas­siert …«

»Ich glaube kaum, dass er uns noch für eine Pres­se­kon­fe­renz zur Ver­fü­gung ste­hen wird.«

»Ver­stehe ich nicht. Ich würde doch alles tun, um die For­schung zu unter­stüt­zen. Mann, ich habe seit über drei Jah­ren Tag und Nacht an die­ser Sache gear­bei­tet! Und jetzt reagiert der Upload auf keine der Ein­ga­ben mehr.«

»Wir ver­su­chen es wei­ter.«

»Ja. Ver­dop­peln wir unsere Anstren­gun­gen! Und weißt du was: Wenn wir dann den Nobel­preis krie­gen, kauf ich mir und der Fami­lie ein schö­nes Haus am Strand und erhol mich von den gan­zen Stra­pa­zen!«

 

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Escape from the Pseu­do­verse

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Ich betrete den Kor­ri­dor hinab in die Simu­la­tion. Sie bie­tet uns stän­dig neue Über­ra­schun­gen und Ein­sich­ten. Doch seit ein paar Tagen gibt es Ärger, der über unser Team hin­aus Kreise zieht: Ali­s­tair Mal­pert, der sich von allen nur Osmu­rinaut nen­nen lässt, einer unse­rer Back­ground-Pro­gram­mie­rer, ist an die Presse her­an­ge­tre­ten und behaup­tet allen Erns­tes, wir plan­ten einen Mas­sen­mord. Das mit dem angeb­li­chen Geno­zid bezieht er übri­gens nicht nur auf Sie und die rund hun­dert­tau­send »Per­sön­lich­kei­ten« in der Sim, son­dern auch auf die knapp sie­ben Mil­li­ar­den Sta­tis­ten­pro­gramme.

Gut, ja, es ist eine Welt fast genau wie unsere, mit Län­dern, Städ­ten, Wäl­dern, Wüs­ten – und Men­schen. Men­schen, die zwar ziem­lich echt wir­ken, aber wie alles in ihrer Welt nur eine Simu­la­tion sind, die auf einem Super­com­pu­ter läuft. Und das macht Osmu­rin­auts Behaup­tun­gen halt­los.

Mit ihm hat es immer wie­der Ärger gege­ben. Als wir vor vier Mona­ten einen Reboot machen muss­ten, ver­langte er allen Erns­tes, die Gele­gen­heit zu nut­zen und Hun­ger und Krieg aus der Welt zu ver­ban­nen. Er könne all die­ses Leid nicht mehr mit anse­hen, und wir seien ver­ant­wort­lich dafür. Als ob eine Simu­la­tion lei­den könnte!

Osmu­rinaut ver­sucht jetzt, die Öffent­lich­keit gegen uns auf­zu­brin­gen. Schon faselt die Presse von gehei­men Durch­brü­chen in Sachen künst­li­che Intel­li­genz und von Stu­den­ten, die Gott spie­len. Alles Quatsch!

Den Kor­ri­dor hin­ab­zu­schwim­men und in das enge Kor­sett der Sim zu gezwängt zu wer­den, ist kein Spaß. Sobald ich aller­dings ein­mal drin bin, gewöhne ich mich an die kör­per­li­che Beengt­heit und ver­gesse sie schließ­lich. Es fühlt sich dann alles fast wie im rich­ti­gen Leben an.

Die Men­schen, die ich hier im Pseu­do­ver­sum auf der Straße treffe, wir­ken nur so, als hät­ten sie ein Gefühls­le­ben. Dahin­ter ste­hen ziem­lich simple Algo­rith­men. Ich muss es wis­sen. Ich habe sie pro­gram­miert. Es ist wie bei Vogel- oder Fisch­schwär­men: Zwei, drei simple Ver­hal­tens­wei­sen für die Indi­vi­duen rei­chen aus, und es ent­ste­hen im Zusam­men­spiel hoch­kom­plexe Mus­ter.

Genü­gend kom­plex offen­bar, um dar­auf rein­zu­fal­len: Ich glaube, dass Osmu­rinaut sich ver­liebt hat. Er hat den Kor­ri­dor hinab in unser Pseu­do­ver­sum betre­ten und sich hier in ein Sim ver­liebt. In eine Sta­tis­tin! Die mir vor­lie­gen­den Log­files legen das nahe.

Sehen Sie, wir haben nichts weni­ger als den gesam­ten Pla­ne­ten Erde simu­liert, mit allen Kon­ti­nen­ten, den atmo­sphä­ri­schen Bedin­gun­gen, den geo­lo­gi­schen, den bio­lo­gi­schen – und auch bei uns Men­schen, der Zivi­li­sa­tion, der Kul­tur haben wir nicht halt­ge­macht. In unse­rem aktu­el­len Pseu­do­ver­sum 0.76 gibt es inzwi­schen Zei­tun­gen, Fern­se­hen, Kunst­aus­stel­lun­gen, Kino­filme … Aber wem erzähle ich das.

Was Osmu­rinaut bei sei­nen Auf­trit­ten vor den Fern­seh­ka­me­ras ver­schwie­gen hat, ist, dass wir uns eines Tricks bedient haben. Acht­und­neun­zig Pro­zent aller simu­lier­ten Men­schen sind reine Kom­par­sen, Mit­tel­maß­cha­rak­tere, die ihrem All­tag nach­ge­hen, arbei­ten, lie­ben, lei­den, leben, kon­su­mie­ren, ster­ben – ohne dass es zu grö­ße­ren Auf­fäl­lig­kei­ten kommt. Dazu rei­chen ein paar simple rekur­sive, leicht ran­do­mi­sierte Algo­rith­men aus. Diese Sta­tis­ten wir­ken echt, man kann sich mit ihnen unter­hal­ten, und sie zei­gen ein in fast jeder Hin­sicht mensch­li­ches Ver­hal­ten – ja, einige von ihnen errei­chen sogar einen hohen Bekannt­heits­grad. Sieht man aller­dings genauer hin, sind sie flach, ohne wirk­li­che Tiefe, repe­ti­tiv und letzt­lich hohl. Was diese Sta­tis­ten nicht daran hin­dert, gege­be­nen­falls hübsch und anhäng­lich zu sein. Dass Osmu­rinaut dar­auf rein­fällt (und an sei­ner abstru­sen Schwär­me­rei fest­hält!), ist trotz­dem höchst ver­wun­der­lich – auch wenn uns viel­leicht das Getue, das er um sei­nen ange­nom­me­nen Namen macht, hätte miss­trau­isch machen kön­nen.

Die eigent­lich inter­es­san­ten Bewoh­ner des Pseu­do­ver­sums 0.76 sind kom­plexe Per­sön­lich­kei­ten, die für die Ver­än­de­run­gen des Gan­zen ver­ant­wort­lich sind – Erfin­der, Phi­lo­so­phen, krea­tive Köpfe. Bei ihnen steckt ein viel grö­ße­rer Pro­gram­mier­auf­wand dahin­ter.

Osmu­rinaut will – und das ver­schweigt er geflis­sent­lich – die Unter­schiede zwi­schen Sta­tis­ten und ech­ten Per­sön­lich­kei­ten ver­wi­schen. Aus per­sön­li­chen Grün­den. Ich ver­mute: weil er sich ver­liebt hat und nicht mehr hier raus will. Des­we­gen ver­sucht er durch­zu­set­zen, dass uns die Kon­trolle über das Pseu­do­ver­sum ent­zo­gen wird. Aber das wird ihm nicht gelin­gen.

Und des­halb bin ich her­ge­kom­men, um Ihnen aus ers­ter Hand die Wahr­heit über Sie zu erzäh­len. Ja, es ist Fakt: Sie sind nur – und leben in einer – Simu­la­tion.

Wenn Sie dies ver­ste­hen und Ihnen nach eini­gem Nach­den­ken klar wird, dass dies den Tat­sa­chen ent­spricht, gehö­ren Sie zu den kom­ple­xen und pro-akti­ven Per­sön­lich­kei­ten, die ich pro­gram­miert habe. Sie sind sich Ihrer selbst bewusst. Sie hin­ter­fra­gen Ihre Hand­lun­gen – und die der ande­ren. Sie zwei­feln, hadern, zögern und haben hin und wie­der das Gefühl, umge­ben zu sein von Sta­tis­ten ohne eige­nes See­len­le­ben, die zwar vor­ge­ben, sie seien wer, sich aber gleich­zei­tig vor­her­seh­bar und inkon­se­quent ver­hal­ten. Dage­gen besit­zen Sie die Fähig­keit, krea­tiv zu sein. Davon braucht es einen klei­nen Pro­zent­satz, damit die Simu­la­tion echt wirkt und sich ver­hält wie in Wirk­lich­keit: über­ra­schend und inspi­rie­rend. Und das ist mir offen­bar ganz gut gelun­gen.

Des­we­gen fühle ich mich Ihnen ver­pflich­tet. Oder anders: Ich mag Sie und möchte mich auf Ihre Augen­höhe bege­ben für das, was ich Ihnen mit­tei­len werde. Ich an Ihrer Stelle würde es wis­sen wol­len, und des­halb sage ich Ihnen jetzt etwas, das in die­sem Ihren Pseu­do­ver­sum schon seit lan­ger Zeit bekannt ist, wenn auch mythisch ver­brämt. Und, ja, wir haben die­ses Pseu­do­ver­sum erst vor vier Mona­ten reboo­tet – aber natür­lich mit der kom­plet­ten Ver­gan­gen­heit unse­rer Welt als Matrize für eure Pseudo-Gegen­wart. (Ein wenig ist es so, wie es eure Krea­tio­nis­ten behaup­ten: Gott hat die Welt erst vor kur­zem erschaf­fen, mit­samt der Hin­ter­grund­strah­lung des Big Bang und den gan­zen Fos­si­lien, durch die sich die schein­bar bereits Mil­li­ar­den Jahre wäh­rende Geschichte der Erde und des Uni­ver­sums rekon­stru­ie­ren lässt.)

Wie auch immer. Ent­schei­dend ist: Diese Simu­la­tion ist zeit­lich befris­tet.

Es han­delt sich um eine Ver­suchs­reihe, und die­ser Ver­such wird dem­nächst been­det, damit wie geplant der nächste Ver­such star­ten kann. Eine Sicher­heits­ab­spei­che­rung ist nicht vor­ge­se­hen. Ein Wie­der­ein­satz der Pro­gramm­teile – also auch derer, die Ihnen Ihre Exis­tenz ver­lei­hen – ist mög­lich, aber ob das so etwas wie eine Wie­der­ge­burt der ent­spre­chen­den Per­sön­lich­kei­ten bedeu­tet, weiß ich nicht. Ich bezweifle es. Die­ses Pseu­do­ver­sum wird unwi­der­ruf­lich gelöscht. Osmu­rinaut glaubt, solange er sich hier ver­steckt, würde uns die Löschung unter­sagt, weil es sich sonst um Mord an einem »ech­ten« Men­schen han­deln würde. Doch der Jurist in unse­rem Team meint, dass Osmu­rinaut sich im vol­lem Besitz sei­ner geis­ti­gen Kräfte frei­wil­lig in eine lebens­be­droh­li­che Situa­tion bringt und seine Erpres­sung vor kei­nem Gericht unse­rer Welt Bestand haben wird.

Des­halb wird wohl die­ses Pseu­do­ver­sum mit all sei­nen Sta­tis­ten und Per­sön­lich­kei­ten wie geplant am 21. Dezem­ber 2012 abge­schal­tet. Es tut mir leid, Ihnen das so knall­hart sagen zu müs­sen. Sie haben, auch wenn das in Ihren Ohren viel­leicht selt­sam klingt, mein gan­zes Mit­ge­fühl. Aber die Löschung ist intrin­si­scher Bestand­teil des Expe­ri­ments.

Wenn Sie einen guten Rat von Ihrem Schöp­fer hören wol­len: Machen Sie sich bis dahin eine schöne Zeit!

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Inven­tory (of an Inventor’s Mind)

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Ich betrete den Kor­ri­dor und höre bereits da das ärger­li­che Zischen von Cerils Schweiß­bren­ner. Der Pro­fes­sor ist beschäf­tigt und steht vor einer Art gro­ßer Blüte aus sil­ber­nen Metall­strei­fen. Als er mich auf der ande­ren Seite her­ein­kom­men sieht, klappt er kurz sein Visier hoch, winkt mir zu und setzt dann seine Kon­struk­ti­ons­tä­tig­keit fort. Es scheint wie­der mal eine hoch­in­ter­es­sante Maschine zu wer­den. Sie sieht völ­lig anders aus als alles, was ich von ihm kenne.
Wenig spä­ter tritt er zu mir an seine Werk­bank und trock­net sich die schweiß­nasse Stirn mit Lösch­pa­pier.
»Was ist das für ein Knopf?«, will ich von ihm wis­sen. Wäh­rend des War­tens war mir ein gro­ßer roter Not-Aus­schal­ter an der Wand über sei­nem Tisch auf­ge­fal­len, halb ver­deckt von dem schwenk­ba­ren Rie­sen­bild­schirm, den er inzwi­schen für seine Par­al­lel­welt­kon­takte ver­wen­det. Es ist einer die­ser halb­run­den Knöpfe, auf die man mit der Faust ein­schla­gen kann, und es lagert eine dicke Staub­schicht dar­auf. »Not-Aus« steht drun­ter. War mir noch nie auf­ge­fal­len.
»Ach, der …«, meint der Pro­fes­sor gedehnt, »hab ihn zum Glück nie gebraucht.«
»Kappt der den Strom?«
»Nicht nur den Strom. Aber du willst mich doch sicher fra­gen, an was ich da gerade arbeite, oder?« Ich nicke. »Mir ist da ein, man könnte fast sagen, genia­ler Ein­fall für eine Maschine gekom­men, eine Maschine, wie es sie noch nie gege­ben hat. Ich …«
»Was noch außer dem Strom?«, frage ich. Der Pro­fes­sor wird nicht gerne unter­bro­chen. Er run­zelt die Brauen und bedenkt mich mit einem ver­nich­ten­den Blick.
»Du soll­test mich«, meint er dann, ohne die Augen von mir zu las­sen, »eigent­lich inzwi­schen gut genug ken­nen, um zu wis­sen, dass ein ›Not-Aus‹ in mei­ner Werk­statt wohl kaum nur den Strom abschal­tet.«
»Die Lüf­tung?«, frage ich vor­wit­zig, weil ich es nicht lei­den kann, wenn der Pro­fes­sor glaubt, mich beleh­ren zu müs­sen. Er lacht kurz mit dem geschlos­se­nen Mund, ein Schnau­ben, das sich anhört, als bestehe es zu glei­chen Tei­len aus Unglau­ben und Ver­ach­tung. Dann lässt er sich mit einem Seuf­zer auf sei­nen Stuhl fal­len.
»Die­ser Schal­ter stoppt die Geschichte.«
Ich bin jetzt doch ein klein wenig ver­blüfft und setze mich auf den klei­nen Hocker, den der Pro­fes­sor immer benutzt, um in den obe­ren Fächern sei­ner Schränke nach irgend­wel­chen exo­ti­schen Bau­tei­len zu suchen. »Geschichte wie in Story oder wie in His­to­rie?«
»Bei­des. Es ist doch so, mein Junge …« Er weiß, dass ich es hasse, wenn er mich so nennt. Des­halb lässt er es auch eine kleine Ewig­keit im Raum ste­hen, wäh­rend sich um seine Augen ein klei­nes, böses Lächeln abzeich­net. »Die Welt, das Leben, die His­to­rie – das alles ist doch letzt­lich eine Geschichte, die wir uns erzäh­len. Und die wir für die Wirk­lich­keit hal­ten.«
Ich bin mir nicht ganz sicher, auf was Ceril da hin­aus­will. Kon­struk­ti­vis­mus? Phä­no­me­no­lo­gie? Oder doch wie­der Mytho­lo­gie – wie bei sei­ner Suche nach einem zeit­ge­mä­ßen Mythos, der uns Men­schen des 21. Jahr­hun­derts als neuer Leit­fa­den die­nen kann?
»Ich glaube, ich hab dir nie von mei­ner ers­ten Erfin­dung erzählt. Keine Maschine übri­gens, zumin­dest nicht im eigent­li­chen Sinne. Oder viel­leicht doch. Sie hat all das hier erschaf­fen.«
Seine Geste umfasst das gesamte Labo­ra­to­rium. Meine Irri­ta­tion wächst. Und wie mir scheint, genießt der Pro­fes­sor die Ver­wir­rung, die sich auf mei­nem Gesicht abzeich­net.
»Ein Wirk­lich­keits­trans­mit­ter, könnte man sagen. Im Grunde eine Maschine, die eine Geschichte erzählt. Was ich natür­lich im über­tra­ge­nen Sinn ver­stehe. Ist dir noch nie der Gedanke gekom­men, dass hier in mei­nem Han­gar tag­ein tag­aus sehr beson­dere, unwahr­schein­li­che und fast schon unwirk­li­che Dinge vor sich gehen?«
»Na ja«, ant­worte ich, als mir klar wird, dass der Pro­fes­sor die Frage nicht rein rhe­to­risch gemeint hat, »bei einem Erfin­der­ge­nie wie Ihnen, einem dar­über hin­aus plu­ri­di­men­sio­nal auch in Par­al­lel­wel­ten ope­rie­ren­den For­scher­geist ist das ja auch kein Wun­der.«
»Nein, ist es tat­säch­lich nicht. Es ist eine Geschichte, die ich mir selbst erzähle. Oder bes­ser: erzäh­len lasse.«
Ceril ist eigent­lich mehr der Inge­nieur. Die phi­lo­so­phi­schen Aspekte sei­ner Arbeit haben ihn nie son­der­lich inter­es­siert. Ver­wun­der­lich, dass er auf ein­mal mit sol­chen Ana­lo­gien auf­war­tet. Aber jetzt schüt­telt er den Kopf und will das Thema wech­seln: »Wie auch immer. Du woll­test doch wis­sen, was für eine ver­rückte Maschine ich da gerade wie­der kon­stru­iere …«
Ich gehe nicht dar­auf ein. »Was ist das für eine Geschichte, die Sie sich da erzäh­len las­sen?«
Ceril seufzt und scheint sich erst ein Herz fas­sen zu müs­sen. »Ich könnte viel­leicht auch von einem Film spre­chen. Dem Lebens­film. Oder einem Thea­ter­stück. Oder einer Fabel. Hand­lung, Figu­ren, alles mehr oder weni­ger zusam­men­hän­gend und schlüs­sig auf­ein­an­der­fol­gend.«
Dabei lacht der Pro­fes­sor auf. Es wird doch wohl keine Lebens­krise bei ihm sein? Ich habe in den Psy­cho­lo­gie­bü­chern davon gele­sen. Das geht bis hin zum Kom­plett­zu­sam­men­bruch der bis­he­ri­gen Wert­vor­stel­lun­gen: Men­schen stel­len plötz­lich alles in Frage, was ihnen vor­her wich­tig und rich­tig schien.
»Und doch ist das alles letzt­lich nichts als eine Erzäh­lung.« Er fasst meine Hand. Das hasse ich noch mehr, als dass er mich »mein Junge« nennt. »Als mir das – vor vie­len, vie­len Jah­ren – klar wurde, stand mir plötz­lich die eine, ent­schei­dende Frage vor Augen.« Sein Griff ver­liert an Kraft, und ich ziehe meine Hand her­aus. Er reagiert nicht, son­dern lächelt mich an, ein wenig in sich gekehrt. »Du ahnst ver­mut­lich, wel­che Frage ich meine.«
Ich schüttle den Kopf.
Das Lächeln des Pro­fes­sors wird brei­ter. »Wel­che Geschichte möchte ich erzäh­len?«
»Keine Ahnung.«
»Nein, Junge, das ist die Frage: Wel­che Geschichte möchte ich mir erzäh­len? Ver­stehst du denn nicht? Das stand am Anfang von allem.«
Einen Augen­blick lang steht mir ein rie­si­ger Welt­erschaf­fungs­me­cha­nis­mus vor Augen – ein Schöp­fungs­ma­schine in einer Steam­punk-Ver­sion mit zahl­lo­sen Mes­sing­zahn­rä­dern, Hebeln und Roh­ren für die Hydrau­lik. Doch das kann er ja wohl schlecht mei­nen.
»Ich wollte«, sagt der Pro­fes­sor, und weist mit einer Hand­be­we­gung auf seine Werk­halle, »ein­zig­ar­tige, bedeu­tende, welt­be­we­gende Maschi­nen bauen.«
Ja, das ist ihm gelun­gen. Ich bli­cke mich um. Sein gan­zes weit­räu­mi­ges Labor steht vol­ler rie­si­ger Appa­ra­tu­ren wie dem Vaku­um­fluk­ta­ti­ons­ba­thys­kaph, einige davon – wie die Frei­zeit­ma­schine für zivi­li­sa­to­ri­schen Fort­schritt – bereits wie­der demon­tiert. Teile davon sind in sei­ner Mythen­ma­schine auf­ge­gan­gen. Hat die eigent­lich je ein Ergeb­nis erbracht? Muss ich ihn drin­gend mal danach fra­gen! An den spa­tia­len Dila­ta­ti­ons­kom­pres­sor und die vie­len Boten­gänge in Par­al­lel­wel­ten habe ich mich ganz gut gewöh­nen kön­nen, mit dem klo­bi­gen Welt­har­mo­nie­ge­ne­ra­tor aller­dings ver­binde ich eher unan­ge­nehme Erin­ne­run­gen. Die neue, ver­bes­serte Ver­sion lässt seit Mona­ten auf sich war­ten. Ver­mut­lich hat der Pro­fes­sor seit der Sache mit der Ent­rü­ckung und sei­nem in aller gebo­te­nen Eile kon­stru­ier­ten Para­dies­si­mu­la­tor das Inter­esse daran ver­lo­ren. Da hilft lei­der auch die Moti­va­ti­ons­ma­schine nicht viel, da sie aus uner­find­li­chen Grün­den nur ein ein­zi­ges Mal funk­tio­niert hat: bei mei­nem Pra­xis­test. Denn in den meis­ten Fäl­len lässt er zuerst mich in seine Maschi­nen rein.
»Viel­leicht ja sogar eine«, sagt der Pro­fes­sor und blin­zelt mir zu, »die die Welt ret­tet.«
»Sie mei­nen Ihre Ent­rü­ckungs­ma­schine?«
Bei sei­nen Recher­chen im Plu­ri­ver­sum ent­deckte Ceril eine Par­al­lel­welt – man­che alter­na­tive Erden unter­schei­den sich sehr stark von unse­rer, diese hier nur mini­mal –, die dem Unter­gang geweiht war. In die­ser unglück­se­li­gen Ver­sion unse­rer Wirk­lich­keit war der höchst unwahr­schein­li­che Fall ein­ge­tre­ten, dass der Large Hadron Col­l­i­der am CERN ein gefrä­ßi­ges klei­nes Schwar­zes Loch erzeugt hatte, das nicht wie erwar­tet sofort in Strah­lung zer­fiel, son­dern zum Erd­mit­tel­punkt gezo­gen wurde und begann, sich den Pla­ne­ten von innen her­aus ein­zu­ver­lei­ben. Nie­mand ahnte etwas von dem dro­hen­den Ver­häng­nis, nicht ein­mal das dor­tige Alter Ego des Pro­fes­sors. Sie taten sich zusam­men – dazu reichte ein Anruf mit dem plu­ri­di­men­sio­na­len Gra­vi­ta­ti­ons­te­le­fon – und arbei­te­ten buch­stäb­lich Tag und Nacht daran, die Men­schen die­ser Welt vor der dro­hen­den Kata­stro­phe zu bewah­ren. Schließ­lich wurde bei­den klar: Es blieb nichts ande­res übrig, als die Erde zu eva­ku­ie­ren. Sie muss­ten alle Men­schen »ent­rü­cken«.
Ent­rü­ckung? Diese Vor­stel­lung fin­det man bei den Mil­le­nia­ris­ten, die manch­mal auch Chi­li­as­ten genannt wer­den: Eine höhere Macht ret­tet in einer Zeit der Drang­sal eine bestimmte Zahl Aus­er­wähl­ter, indem sie sie mir nichts dir nichts aus dem Leben reißt und wahl­weise auf Mut­ter­schiffe oder direkt ins Para­dies ver­frach­tet. Im Falle der tod­ge­weih­ten Erde besorgte das, sozu­sa­gen in letz­ter Sekunde, Cerils aus­ge­klü­gelte Ent­rü­ckungs­ma­schine.
»Es wird mir schwer­fal­len, das zu top­pen.« Der Pro­fes­sor hat heute etwas Hoch­mü­ti­ges an sich. In mir regt sich Wider­stand. Ich stehe auf, kann nicht mehr still sit­zen blei­ben.
»Ihr Appa­rat hat nicht rich­tig funk­tio­niert.«
»Ich habe Mil­li­ar­den geret­tet, da machen doch die zwei, drei Leut­chen, die durch die Maschine nicht erfasst wur­den, kei­nen Fehl­schlag draus …«
Komisch – ich war noch nie nei­disch auf Ceril oder fand grund­sätz­lich falsch oder ver­fehlt, woran er arbei­tete. Sicher, ich habe auch immer wie­der Kri­tik geübt, und hin und wie­der war ich auch der Leid­tra­gende sei­nes über­bor­den­den Ein­falls­reich­tums. Doch letzt­lich hat mich jedes Mal fas­zi­niert, was der Pro­fes­sor erfand und kon­stru­ierte. Nur jetzt bei die­sem Gespräch werde ich irgend­wie wütend auf ihn.
»Ohne mei­nen Vater, der Ihnen das alles finan­ziert, hät­ten Sie das alles nicht zustan­de­ge­bracht!«, fau­che ich ihn an, ohne genau zu wis­sen, was mich eigent­lich so aggres­siv macht.
»Gut beob­ach­tet. Des­halb stellt er auch eine der ganz wich­ti­gen Figu­ren dar. Genau wie du, mein Junge. Du bist mir eine echte Hilfe, und außer­dem …«
»Ich bin keine ›Figur‹!«, fahre ich dazwi­schen. Jetzt erhebt sich auch der Pro­fes­sor.
Er ist etwas klei­ner als ich. Trotz­dem schafft er es, sich dro­hend vor mir auf­zu­bauen: »Es ist meine Geschichte.«
»Es ist genauso gut auch meine. Und die von mei­nem Vater. Und die von allen ande­ren.«
Sein Blick wan­dert zu dem Not-Aus­schal­ter. »Lass uns nicht dar­über strei­ten. Das alles sind doch nur gedank­li­che Kon­zepte.«
Aber ich komme gerade erst in Fahrt: »Apro­pos: Wie würde Ihnen denn gefal­len, wenn Sie nur eine Figur in mei­ner Geschichte wären?«
Der Pro­fes­sor ver­zieht den Mund zu einem amü­sier­ten Lächeln. »In dei­nen Kurz­ge­schich­ten über mich? Wo du am Ende in Klam­mern immer noch ›eine ganz andere Geschichte‹ ankün­digst, die du aber nie erzählst?«
Vor Ver­blüf­fung lasse ich mich wie­der auf den Hocker plump­sen. Woher weiß er davon?
»Ja, du bist mein Chro­nist. So ist es vor­ge­se­hen. Ich könnte mir das zwar ein biss­chen, nun, bom­bas­ti­scher vor­stel­len, so, dass es der Nach­welt den Atem ver­schlägt. Mal ganz abge­se­hen von der Ret­tung einer kom­plet­ten Mensch­heit – über­leg doch nur mal, was ich ent­deckt habe: par­al­lele Uni­ver­sen mit unend­lich vie­len Varia­tio­nen unse­rer Welt, und ich habe nicht nur Kon­takt auf­ge­nom­men, son­dern dich sogar hin­ge­schickt. Was ist dage­gen schon ein Kolum­bus? Oder ein Koper­ni­kus?«
Das wird mir jetzt echt zu viel. Ich springe auf, trete an die Werk­bank und hebe die Faust.
»Nein, tu das nicht!«
»Wir wer­den ja sehen, Pro­fes­sor, wes­sen Geschichte das ist. Und ob etwas in Klam­mern drun­ter steht oder nicht.« Ich bin stink­wü­tend auf den Kerl. Wie hatte ich nur so lange über­se­hen kön­nen, dass er im Grunde ein arro­gan­ter Groß­kotz ist? Der glaubt, die Welt drehe sich nur um ihn. Und alle ande­ren seien nur Figu­ren in sei­nem Spiel.
Er will mir in den Arm fal­len, aber ich bin schnel­ler und schlage mit der Faust hart aufs Not-Aus.
(

 

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Off the Charts

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»Ich betrete den Kor­ri­dor« steht jeweils am Anfang der Texte im Kurz­prosa-Blog von Cory d’Or – Platz 10 die­ser aktu­el­len
 

Top­Ten-Liste der bes­ten seri­el­len Ein­lei­tungs­sätze

 

– den sich das Kor­ri­do­rium teilt mit »Jetzt ist schon wie­der was pas­siert«, dem Satz, mit dem Wolf Haas jeden sei­ner ers­ten sechs Romane um Kom­mis­sar Bren­ner beginnt.

Hät­ten Sie ihn hier ver­mu­tet? Platz 9 unse­rer Bes­ten­liste belegt ein Kin­der­buch von Barack Obama, in dem er für seine drei­zehn Kapi­tel jeweils die glei­che Ein­lei­tung »Habe ich euch gesagt …?« ver­wen­det.

Gebets­müh­len­ar­tig wie­der­holte Anfangs­sätze gibt es beson­ders im reli­giö­sen Schrift­tum und bei lit­ur­gi­schen Tex­ten nahezu aller Kon­fes­sio­nen. Bei­spiels­weise fin­den sich im ers­ten Kor­ri­dor des Grabs von Sethos I. an der lin­ken Wand fünf­und­sieb­zig Anru­fun­gen in Hie­ro­gly­phen­schrift, die alle mit den­sel­ben Wor­ten begin­nen: »Preis dir, Re, mit hoher Macht!«

In die­ser Top­Ten soll es aller­dings um Geschich­ten und nicht um Gebete und Beschwö­run­gen gehen, Geschich­ten wie die im Blog »Leser­li­ches« von Rolf Kirsch, in denen es schon min­des­tens acht Mal (und vier mal in Varia­tio­nen) heißt: »Bruno hat jetzt in einem klei­nen Kreis zuge­ge­ben, dass …« – das zieht Kreise und gelangt damit auf den 8. Platz die­ser lite­ra­ri­schen Charts.

Mit dem Satz »Es gibt die­sen Mann« lei­tet Anna Kal­eri die sech­zig Erzäh­lun­gen ihrer gleich­na­mi­gen Antho­lo­gie ein – trotz gele­gent­li­cher Abwei­chun­gen (»Es gibt diese Tür«, »Es gibt die­sen Berg« …) gibt es dafür Platz 7.

Die sinistre Ankün­di­gung »Es klopfte an der Tür« stellt der japa­ni­sche Sci­ence-Fic­tion-Autor Shin’ichi Hoshi im gleich­na­mi­gen Sam­mel­band an den Anfang von fünf­zehn Kurz­ge­schich­ten, die ganz ohne futu­ris­ti­sche und fan­tas­ti­sche Ele­mente aus­kom­men. »Nokku no Oto« ist unser 6. Platz der seri­ell ver­wen­de­ten lite­ra­ri­schen Tür­öff­ner-Sätze (und erin­nert, diese Rand­be­mer­kung sei erlaubt, an eine der kür­zes­ten SciFi-Sto­rys – sie stammt aus der Feder von Fre­de­ric Brown und lau­tet in vol­ler Länge: »The last man on earth sat alone in a room. There was a knock on the door …«).

»Jetzt reicht’s! Alles muss man sich nicht gefal­len las­sen!« Mar­kige Worte – mit ihnen fan­gen drei­zehn Mal die Ein­tra­gun­gen der halb­wüch­si­gen Bille in ihr gehei­mes Tage­buch an: Platz 5 für den Roman Fisherman’s Fri­end in mei­ner Koje von Kers­tin Gier.

Noch etwas jün­ger als Bille ist Frie­der. Alle 16 Geschich­ten in Oma! schreit der Frie­der von Gud­run Mebs begin­nen mit dem Satz »›Oma‹, schreit der Frie­der und zupft an Omas Rock« – ein dra­ma­ti­scher und damit viel­ver­spre­chen­der Ein­stieg und ein ver­dien­ter vier­ter Platz.

Eigent­lich eine Reihe von Kurz­hör­spie­len, aber auch mehr­fach in Buch­form ver­öf­fent­licht: Rund sechs­hun­dert Mal heißt es »Papa, Charly hat gesagt, sein Vater hat gesagt …« Die­ses schon fast sprich­wört­lich gewor­dene Intro erklimmt das Sie­ger­trepp­chen und ist gut für Platz 3 der mehr­fach recy­cel­ten lite­ra­ri­schen Ein­lei­tungs­sätze.

Uns wohl­ver­traute drei Worte, die nichts weni­ger als rundum mär­chen­hafte Unter­hal­tung ver­spre­chen, begeg­nen uns auf Platz 2 die­ser Bes­ten­liste: »Es war ein­mal …« – damit las­sen wir uns alle immer wie­der gerne in eine lang ver­gan­gene, fremde und doch so selt­sam ver­traute Welt und Zeit vol­ler Magie, Rät­sel und Aben­teuer ent­füh­ren.

Neben Brief­ro­ma­nen, von denen es aller­dings kei­ner in unsere Rang­liste geschafft hat, schei­nen beson­ders reli­giöse Texte und Kin­der­ge­schich­ten prä­de­sti­niert zu sein für wie­der­holte Anfänge – den Platz ganz oben auf dem Sie­ger­trepp­chen erringt aller­dings eine Ein­lei­tung, die gene­ra­tio­nen­über­grei­fend ihre Fans hat und uns in das wohl erreig­nis­reichste Jahr der vor­christ­li­chen Zeit ent­führt. »Wir befin­den uns im Jahre 50 v. Chr.« Auf über drei­ßig Geschich­ten sind die Aben­teuer von Aste­rix und Obe­lix ange­wach­sen, die immer den glei­chen Anfang haben: »Ganz Gal­lien ist von den Römern besetzt … Ganz Gal­lien? Nein! Ein von unbeug­sa­men Gal­li­ern bevöl­ker­tes Dorf hört nicht auf, dem Ein­dring­ling Wider­stand zu leis­ten.« Das durch Albert Uderzo bebil­derte Werk des Autors René Gos­cinny ist längst zur Legende gewor­den – und seine immer glei­che Ein­lei­tung erhält dafür Lor­beer­kranz und Gold­me­daille.

 

Jedem lite­ra­ri­schen Anfang wohnt ein Zau­ber inne, und selbst wenn er mehr­fach wie­der­holt wird, muss das der Magie der Worte kei­nen Abbruch tun, son­dern kann eine ganz eigene Dyna­mik ent­wi­ckeln und lesens­werte Geschich­ten ver­hei­ßen. Hier noch ein­mal unsere Top­Ten der seri­el­len Ein­lei­tungs­sätze im Schnell­durch­lauf:

 

10: Ich betrete den Kor­ri­dor. / Jetzt ist schon wie­der was pas­siert.

9: Habe ich euch gesagt …?

8: Bruno hat jetzt in einem klei­nen Kreis zuge­ge­ben, dass …

7: Es gibt die­sen Mann.

6: Es klopfte an der Tür.

5: Jetzt reicht’s! Alles muss man sich nicht gefal­len las­sen!

4: »Oma«, schreit der Frie­der und zupft an Omas Rock.

3: Papa, Charly hat gesagt, sein Vater hat gesagt …

2: Es war ein­mal …

1: Wir befin­den uns im Jahre 50 v. Chr.

 

Nächste Woche an die­ser Stelle: die zehn bes­ten seri­el­len Aus­lei­tungssätze – mit Klas­si­kern wie »Und wenn sie nicht gestor­ben sind …«, »Und Gott sah, dass es gut war« und natür­lich »Heute ist nicht alle Tage – ich komm wie­der, keine Frage«.

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Upp­haf er endir

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es ist der Kor­ri­dor, von dem, wenn auch ver­schlüs­selt, alte Legen­den berich­ten, der, wenn auch ver­klau­su­liert, in anti­ken Mär­chen erwähnt wird, der sagen­hafte Kor­ri­dor, der in gewis­ser Weise das Urbild und Vor­bild für alle Kor­ri­dore ist, das unbe­wusste Ziel all jener, die einen Kor­ri­dor erbauen, und all derer, die je einen Kor­ri­dor betre­ten.

Es ist der Kor­ri­dor, von denen seit Urzei­ten Scha­ma­nen und Mys­ti­ker berich­ten, an den ver­wit­terte Stein­rit­zun­gen gemah­nen und auf den unent­zif­fer­bare Sym­bole längst­ver­ges­se­ner Schrif­ten hin­deu­ten, ein arche­ty­pi­scher Kor­ri­dor, der sich im Dun­kel der Zei­ten ver­liert und der bis heute sei­nen Platz im Bewusst­sein der Men­schen hat, der aus Weis­hei­ten wie »Der Weg ist das Ziel« oder »I did it my way« her­aus­leuch­tet und vom kapi­ta­lis­ti­schen Fort­schritts­glau­ben bis zur Unkennt­lich­keit kon­ter­ka­riert wird. Paläo­li­ti­sche Wohn­höh­len, Gil­ga­meschs Uruk, das bud­dhis­ti­sche Sham­bala, Atlan­tis mit sei­ner Tem­pel­stadt, die mys­te­riöse Indus­zi­vi­li­sa­tion der Veden – all diese uralten, mys­ti­schen Orte ver­eint letzt­lich eine Essenz: der ebenso zen­trale wie fun­da­men­tale Kor­ri­dor, der zur Krypta und zum Sank­tis­si­mum führt – ins Aller­hei­ligste und Herz der Dinge.

Es ist der Kor­ri­dor, der in Form zere­mo­ni­el­ler Laby­rin­the über­lie­fert ist, von dem Pil­ger­rei­sen einen schwa­chen Abglanz, von dem Tun­nel ins Licht der jen­sei­ti­gen Welt ein fer­nes Echo dar­stel­len. Es ist der Kor­ri­dor, von dem die Wei­sen sagen, dass er sich mit jedem Schritt, den wir hin­ein­tun, erst formt.

Viele Jahre lang, ein hal­bes Leben lang war ich davon über­zeugt, es müsse ihn irgendwo geben, etwa wie ein ver­ges­se­nes Grab, eine ver­schüt­tete Kult­stätte, eine ver­sun­kene Tem­pel­an­lage. Ich habe mich auf die Suche bege­ben – in Biblio­the­ken und den Mythen der Welt, unter den Ältes­ten aus­ster­ben­der Völ­ker und bei Trance-Medien und denen, die Umgang mit der Geis­ter­welt füh­ren, und nicht zuletzt mit jour­na­lis­ti­schem Spür­sinn und mei­ner ganz eige­nen roman­ti­schen Schwär­me­rei.

Doch der Kor­ri­dor blieb ungreif­bar, eine Fata Mor­gana am Hori­zont, wabernd, ver­schwim­mend, sich in Luft auf­lö­send und an ande­rer Stelle wie­der­erschei­nend. Berichte von jenen, die von ihm wuss­ten, waren ebenso spär­lich wie kryp­tisch, und natür­lich hieß es immer, dass von denen, die ihn betre­ten hat­ten, kei­ner zurück­kehrte, um davon berich­ten zu kön­nen – ein inte­gra­les Ele­ment anti­ker Mythen, die neben dem Ver­such einer Welt­erklä­rung immer auch Ver­schleie­rungs­tak­tik sind, damit das Eigent­li­che, die grund­le­gende Wahr­heit über die Welt, denen vor­be­hal­ten bleibt, die damit umge­hen kön­nen.

Die am schwers­ten zu über­win­dende Mauer des Schwei­gens, auf die ein Suchen­der sto­ßen kann, ist die aus unzäh­li­gen bered­ten Zun­gen. Der Kor­ri­dor ist der Weg ins Zen­trum, ins Wesent­li­che, aber sein Wesen macht ja gerade aus, dass es zahl­rei­che Abzwei­gun­gen gibt, Ablen­kun­gen, Zer­streu­un­gen, ver­hei­ßungs­volle Türen und Durch­gänge zu bei­den Sei­ten des Wegs, mit deren Durch­schrei­ten der Sucher sein Ziel aus den Augen ver­liert.

Das Wis­sen um den Ur-Kor­ri­dor ist nur noch in Frag­men­ten vor­han­den. Es gilt, sie zu sam­meln und zusam­men­zu­set­zen, bis sich eine Kon­tur sei­nes Ursprungs abzeich­net. Denn die­ser Kor­ri­dor ist kein Bau­werk einer ver­schol­le­nen Zivi­li­sa­tion, kein X auf einer ver­gilb­ten Schatz­karte, nichts, das Satel­li­ten­auf­nah­men oder ein Boden­so­nar auf­spü­ren könn­ten. Er ist ein Sinn­bild, eine Meta­pher für die Urer­fah­rung, dass es zur Natur des Men­schen gehört, stän­dig Gefahr zu lau­fen, vom eige­nen Weg abzu­wei­chen und in die Irre zu gehen – sei es, weil wir der Masse fol­gen, sei es, weil wir frem­den oder gar eige­nen Ein­flüs­te­run­gen nach­ge­ben.

Meine Suche, die mich um den hal­ben Erd­ball geführt hat, brachte mich am Ende kon­se­quen­ter­weise an den Anfang zurück. Zu mir. Zur Suche und zum Grund für die Suche, ob ich es nun Wahr­heit nenne oder Glück, Seele oder Authen­ti­zi­tät, das Tao oder Erfül­lung, das Sein oder das rich­tige Leben im fal­schen. Das Alles­ent­schei­dende hat viele Namen und tritt in vie­len Ver­klei­dun­gen auf. Für mich ist es der Kor­ri­dor.

»Triff die rich­tige Ent­schei­dung – und ducke dich unter den Quer­schlä­gern weg« lau­tete ein­mal der Rat eines tol­te­ki­schen Zau­be­rers an mich, und tat­säch­lich ähneln sich die wei­sen Rat­schläge für Kor­ri­dor­su­cher und lau­fen übli­cher­weise auf das Motto »Immer wach und in Bewe­gung blei­ben!« hin­aus.

Ich war jemand, der in einem Kor­ri­dor den Kor­ri­dor suchte. Aber der lange Weg war nötig, damit ich hier ankom­men konnte, um schließ­lich den ent­schei­den­den Schritt zu machen.

Ich betrete den Kor­ri­dor.

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