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What They Wouldn’t Let You Know
Ich betrete den Korridor und folge mit meinen beiden Söhnen der jungen Frau, die uns eine private Schlossführung gibt. »Der Herr des Hauses, Graf Lorenz von Wussenhagen, war unermesslich reich«, erzählt sie gerade und weist auf die Gemäldegalerie im Gang, die wohl die Vorfahren des Schlossherren zeigen soll, »und er besaß Ländereien und Anwesen in allen Teilen der Welt. Leider ist kein Gemälde erhalten, das ihn selbst zeigt. Er tat zeit seines Lebens immer sehr geheimnisvoll.«
Bei der Überlandfahrt Richtung Berlin bin ich tief im Osten der Republik auf ein kleines, efeuumranktes Schild gestoßen: »Schloss Wussenhagen – heute Besichtigung«. Ich dachte, ich tue den Zwillingen, die brav im Fond sitzen und sich mit ihren Playstations beschäftigen, was Gutes – und mir auch, indem ich mal eine Pause einlege.
»Hier im Salon«, und damit betreten wir einen Raum mit verschlissener Samttapete an den Wänden, die ausgestopfte Fasane und Rehbockhörner zieren, »stellte der Graf aus, was er von der Großwildjagd nach Hause brachte.«
»Die Tigerfelle sind vermutlich beim Restaurator«, werfe ich sarkastisch ein, denn ich kann es nicht leiden, wenn mir Märchen erzählt werden. Es reicht, dass ich das immer wieder beruflich machen muss.
»Oh, ja, tatsächlich. Auch der große Elefantenkopf muss überholt werden.« Die junge Frau weist ohne mit der Wimper zu zucken auf eine helle, runde Stelle an der Wand, an der offenbar lange Zeit etwas gehangen hatte. Tiger, Elefanten, Großwildjagd – die Zwillinge tuscheln begeistert.
»Doch vor ein paar Jahren schon ist Graf Lorenz von Wussenhagen …« – sie wartet, bis die Zwillinge schweigen und sie unsere volle Aufmerksamkeit hat – »spurlos verschwunden.« Meine Sprösslinge machen große Augen. Dann blicken sie mich an. Ich sehe eigentlich nicht ein, das Spiel mitzuspielen, aber frage dann doch: »Wohin?«
»Oh«, sagt unsere Führerin, die mir vier Euro und für jedes Kind noch einmal je zwei Euro abgeknöpft hat, »er hat immer davon gesprochen, dass er den Menschen Gutes tun und die Welt retten will. Vielleicht hat er das ja schließlich wahrgemacht. Niemand weiß, was aus ihm geworden ist.«
Wieder blicken mich meine Söhne groß an. Genau diese Worte wähle ich immer, wenn sie fragen, welchen Beruf ich habe. Ich antworte dann: Ich tue Gutes und rette die Welt. Eigentlich, fällt mir in dem Moment auf, ist auch das ein Märchen. Inzwischen sind sie alt genug, um zu erfahren, dass ich in der Regierung arbeite.
»Wenn ihr mir nun bitte ins Schlafzimmer des Grafen folgt. Er hat leider nie eine Frau gefunden, die seiner würdig gewesen wäre. Deshalb steht hier nur ein einfaches Einzelbett. Nichts anfassen!« Doch ihr Ruf kommt zu spät. Die Zwillinge haben neugierig an einer herabhängenden Kordel gezogen, mit der der Schlossherr nach seiner Dienerschaft klingeln konnte. Doch statt dass eine Klingel ertönt, schiebt sich knarrend ein großes Stück der Holzvertäfelung hinter dem Bett zur Seite. Wir starren in ein dunkles Loch.
»Was zum Henker …?«, entfährt der jungen Frau, doch sie schlägt sich die Hand vor den Mund und spricht nicht weiter. »Ein Geheimgang!«, stellt einer meiner Söhne begeistert fest. »Zum Folterkeller!«, sagt der andere. Sie ziehen mich mit zu der mannshohen Öffnung in der Wand. Die junge Frau sagt erst zögernd »Also ich weiß nicht …«, folgt uns dann aber. Ein gemauerter Gang führt zu einer Treppe, die wir hinabsteigen. Durch schmale Schlitze hoch oben in den Mauern dringt etwas Licht herein. Alles ist staubig und voller Spinnweben.
»Gibt es hier ein Schlossgespenst?«, fragt einer meiner beiden Rabauken.
»Es hat hier immer wieder … seltsame Erscheinungen und Geräusche gegeben«, antwortet unsere Führerin flüsternd. Aber sie führt uns längst nicht mehr, sondern folgt mir und meinen Söhnen zögernd immer tiefer. Wir erreichen einen weiteren gemauerten Gang. Plötzlich stocken wir, als wir ein Jaulen hören. Jemand, etwas heult laut auf und verstummt dann wieder. Schaurige Echos hallen durch das alte Gemäuer.
Meine Söhne sind mutiger als ich. Sie ziehen mich um eine Ecke des Ganges. Wir stehen am Eingang einer großen Halle, die schummrig blau beleuchtet ist. Vor einem Tor steht, was gerade aufgeheult hat: eine Art Rennwagen, schwarz, mit geschwungenen Formen und angedeuteten Flügeln an den Seiten. Es steigt jemand aus. Er trägt ein schwarzes wallendes Cape und darunter einen eng anliegenden Anzug mit einem breiten, gelben Gürtel. Wir stehen erstarrt da und wagen kaum zu atmen.
Der Mann geht zu einem Haken an der Wand, an dem etwas Schwarzes hängt. Es ist eine Halbmaske. Kopfschüttelnd – wie über seine eigene Vergesslichkeit – setzt er sie auf und wendet sich dann wieder entschlossen seinem Wagen zu. Glücklicherweise bemerkt er uns nicht, sondern steigt wieder ein, lässt seinen Boliden noch einmal aufheulen und jagt dann durch einen Torbogen aus der Halle hinaus.
»Es ist Batman«, flüstert eines meiner Kinder ehrfürchtig.
»Bitte, wir müssen gehen«, beschwört uns die Führerin, »ich glaube nicht, dass wir hier sein dürfen. Bitte kommen Sie. Schnell.« Die Zwillinge lassen sich nur sehr widerstrebend in den Gang zurückschieben.
»Das war Batman!«, krähen meine Söhne, als wir wieder oben im Schlafzimmer stehen. Die junge Frau zieht verzweifelt an der Klingelkordel, doch die Täfelung bewegt sich nicht. Schließlich fasse ich mit an, und wir schieben sie wieder an ihren ursprünglichen Platz. Von dem Geheimgang ist nichts mehr zu sehen.
»Das war Batman!«
Doch die junge Frau schüttelt den Kopf. »Ich habe nichts gesehen«, sagt sie, »und vielleicht ist es besser für euch, wenn ihr auch nichts gesehen habt.« Sie beugt sich zu den Kindern hinunter und senkt ihre Stimme: »Und falls ihr doch etwas gesehen habt, dann behaltet ihr es wohl besser für euch.« Sie sieht die beiden dabei so beschwörend an, dass sie eingeschüchtert nicken.
»Und damit«, sagt sie und richtet sich wieder auf, »ist die Führung beendet.«
Während der Weiterfahrt tuscheln die Zwillinge aufgeregt auf der Rückbank. Ihre Playstations sind vergessen. Natürlich habe ich der Frau ein dickes Trinkgeld gegeben. War ja eigentlich eine ganz nette Inszenierung. Sie sah selbst noch ganz verwirrt aus. Und solange so etwas privat und nicht mit dem Soli finanziert wird …
In der Art sollten wir, kommt mir in den Sinn, als wir endlich die Berliner Stadtgrenze erreichen – Berlin, die Gotham City der Republik –, mal unsere Chefin präsentieren, in Cape und hautengem Neopren, als dunkle Kriegerin, die zur Rettung der Welt antritt. Nur ein Bruchteil von der nachhaltigen Begeisterung, die meine Zwillinge erfasst hat, bei den Wählern, und es würden neue, grandiose Zeiten für uns anbrechen.