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»Ich betrete den Kor­ri­dor« steht jeweils am Anfang der Texte im Kurz­prosa-Blog von Cory d’Or – Platz 10 die­ser aktu­el­len
 

Top­Ten-Liste der bes­ten seri­el­len Ein­lei­tungs­sätze

 

– den sich das Kor­ri­do­rium teilt mit »Jetzt ist schon wie­der was pas­siert«, dem Satz, mit dem Wolf Haas jeden sei­ner ers­ten sechs Romane um Kom­mis­sar Bren­ner beginnt.

Hät­ten Sie ihn hier ver­mu­tet? Platz 9 unse­rer Bes­ten­liste belegt ein Kin­der­buch von Barack Obama, in dem er für seine drei­zehn Kapi­tel jeweils die glei­che Ein­lei­tung »Habe ich euch gesagt …?« ver­wen­det.

Gebets­müh­len­ar­tig wie­der­holte Anfangs­sätze gibt es beson­ders im reli­giö­sen Schrift­tum und bei lit­ur­gi­schen Tex­ten nahezu aller Kon­fes­sio­nen. Bei­spiels­weise fin­den sich im ers­ten Kor­ri­dor des Grabs von Sethos I. an der lin­ken Wand fünf­und­sieb­zig Anru­fun­gen in Hie­ro­gly­phen­schrift, die alle mit den­sel­ben Wor­ten begin­nen: »Preis dir, Re, mit hoher Macht!«

In die­ser Top­Ten soll es aller­dings um Geschich­ten und nicht um Gebete und Beschwö­run­gen gehen, Geschich­ten wie die im Blog »Leser­li­ches« von Rolf Kirsch, in denen es schon min­des­tens acht Mal (und vier mal in Varia­tio­nen) heißt: »Bruno hat jetzt in einem klei­nen Kreis zuge­ge­ben, dass …« – das zieht Kreise und gelangt damit auf den 8. Platz die­ser lite­ra­ri­schen Charts.

Mit dem Satz »Es gibt die­sen Mann« lei­tet Anna Kal­eri die sech­zig Erzäh­lun­gen ihrer gleich­na­mi­gen Antho­lo­gie ein – trotz gele­gent­li­cher Abwei­chun­gen (»Es gibt diese Tür«, »Es gibt die­sen Berg« …) gibt es dafür Platz 7.

Die sinistre Ankün­di­gung »Es klopfte an der Tür« stellt der japa­ni­sche Sci­ence-Fic­tion-Autor Shin’ichi Hoshi im gleich­na­mi­gen Sam­mel­band an den Anfang von fünf­zehn Kurz­ge­schich­ten, die ganz ohne futu­ris­ti­sche und fan­tas­ti­sche Ele­mente aus­kom­men. »Nokku no Oto« ist unser 6. Platz der seri­ell ver­wen­de­ten lite­ra­ri­schen Tür­öff­ner-Sätze (und erin­nert, diese Rand­be­mer­kung sei erlaubt, an eine der kür­zes­ten SciFi-Sto­rys – sie stammt aus der Feder von Fre­de­ric Brown und lau­tet in vol­ler Länge: »The last man on earth sat alone in a room. There was a knock on the door …«).

»Jetzt reicht’s! Alles muss man sich nicht gefal­len las­sen!« Mar­kige Worte – mit ihnen fan­gen drei­zehn Mal die Ein­tra­gun­gen der halb­wüch­si­gen Bille in ihr gehei­mes Tage­buch an: Platz 5 für den Roman Fisherman’s Fri­end in mei­ner Koje von Kers­tin Gier.

Noch etwas jün­ger als Bille ist Frie­der. Alle 16 Geschich­ten in Oma! schreit der Frie­der von Gud­run Mebs begin­nen mit dem Satz »›Oma‹, schreit der Frie­der und zupft an Omas Rock« – ein dra­ma­ti­scher und damit viel­ver­spre­chen­der Ein­stieg und ein ver­dien­ter vier­ter Platz.

Eigent­lich eine Reihe von Kurz­hör­spie­len, aber auch mehr­fach in Buch­form ver­öf­fent­licht: Rund sechs­hun­dert Mal heißt es »Papa, Charly hat gesagt, sein Vater hat gesagt …« Die­ses schon fast sprich­wört­lich gewor­dene Intro erklimmt das Sie­ger­trepp­chen und ist gut für Platz 3 der mehr­fach recy­cel­ten lite­ra­ri­schen Ein­lei­tungs­sätze.

Uns wohl­ver­traute drei Worte, die nichts weni­ger als rundum mär­chen­hafte Unter­hal­tung ver­spre­chen, begeg­nen uns auf Platz 2 die­ser Bes­ten­liste: »Es war ein­mal …« – damit las­sen wir uns alle immer wie­der gerne in eine lang ver­gan­gene, fremde und doch so selt­sam ver­traute Welt und Zeit vol­ler Magie, Rät­sel und Aben­teuer ent­füh­ren.

Neben Brief­ro­ma­nen, von denen es aller­dings kei­ner in unsere Rang­liste geschafft hat, schei­nen beson­ders reli­giöse Texte und Kin­der­ge­schich­ten prä­de­sti­niert zu sein für wie­der­holte Anfänge – den Platz ganz oben auf dem Sie­ger­trepp­chen erringt aller­dings eine Ein­lei­tung, die gene­ra­tio­nen­über­grei­fend ihre Fans hat und uns in das wohl erreig­nis­reichste Jahr der vor­christ­li­chen Zeit ent­führt. »Wir befin­den uns im Jahre 50 v. Chr.« Auf über drei­ßig Geschich­ten sind die Aben­teuer von Aste­rix und Obe­lix ange­wach­sen, die immer den glei­chen Anfang haben: »Ganz Gal­lien ist von den Römern besetzt … Ganz Gal­lien? Nein! Ein von unbeug­sa­men Gal­li­ern bevöl­ker­tes Dorf hört nicht auf, dem Ein­dring­ling Wider­stand zu leis­ten.« Das durch Albert Uderzo bebil­derte Werk des Autors René Gos­cinny ist längst zur Legende gewor­den – und seine immer glei­che Ein­lei­tung erhält dafür Lor­beer­kranz und Gold­me­daille.

 

Jedem lite­ra­ri­schen Anfang wohnt ein Zau­ber inne, und selbst wenn er mehr­fach wie­der­holt wird, muss das der Magie der Worte kei­nen Abbruch tun, son­dern kann eine ganz eigene Dyna­mik ent­wi­ckeln und lesens­werte Geschich­ten ver­hei­ßen. Hier noch ein­mal unsere Top­Ten der seri­el­len Ein­lei­tungs­sätze im Schnell­durch­lauf:

 

10: Ich betrete den Kor­ri­dor. / Jetzt ist schon wie­der was pas­siert.

9: Habe ich euch gesagt …?

8: Bruno hat jetzt in einem klei­nen Kreis zuge­ge­ben, dass …

7: Es gibt die­sen Mann.

6: Es klopfte an der Tür.

5: Jetzt reicht’s! Alles muss man sich nicht gefal­len las­sen!

4: »Oma«, schreit der Frie­der und zupft an Omas Rock.

3: Papa, Charly hat gesagt, sein Vater hat gesagt …

2: Es war ein­mal …

1: Wir befin­den uns im Jahre 50 v. Chr.

 

Nächste Woche an die­ser Stelle: die zehn bes­ten seri­el­len Aus­lei­tungssätze – mit Klas­si­kern wie »Und wenn sie nicht gestor­ben sind …«, »Und Gott sah, dass es gut war« und natür­lich »Heute ist nicht alle Tage – ich komm wie­der, keine Frage«.