Ich betrete den Korridor und sehe mich einem seltsamen Wesen gegenüber, einem wulstigen eiförmigen Gebilde, das sich immer wieder – von der Mitte aus – in konvulsivischen Zuckungen in sich selbst einfaltet. Nicht von diesem dauernden Von-links-auf-rechts-und-wieder-zurück-Stülpen betroffen sind die drei feuchten und leicht zitternden Fühler oder Antennen, die es zu mir hinstreckt.
Noch eigenartiger als das Wesen vor mir ist allerdings die Tatsache, dass ich ruhig und gelassen bleibe. Im Grunde berührt mich kaum, was ich da sehe. Und anfangs auch nicht, was ich höre.
»Du wirst kämpfen. Du wirst siegen. Ich will es so.« Sagt das Wesen. Ich nehme es nur am Rande meines Bewusstseins wahr. Mich beschäftigt die Frage, wie ich in diesen Korridor gekommen bin. Saß ich nicht eben noch auf meinem Fahrrad?
»Andere wie du werden dich töten wollen, um nicht selbst durch deine Hand zu sterben. Aber du wirst siegen. Ich will es so.«
Doch, so war es. Ich fuhr zum Waldrand. Es war mitten in der Nacht. Ich hatte meinen kleinen Rekorder dabei und wollte den Gesang einer Nachtigall aufnehmen, die ich dort wenige Tage zuvor ihr nächtliches Konzert hatte geben hören.
»Mein Einsatz ist sehr hoch. Also enttäusche mich nicht. Werde der Beste unserer Gladiatoren. Ich will es so.«
War da nicht dieses Wummern einer Bassdrum gewesen? Und das Grölen der Männer, die aus den Fenstern eines Wagens hingen, der ohne Licht die Straße entlangschlidderte?
»Ich habe dich gerettet. Ein Moment später, und du wärst tot gewesen. Ich bin dein Retter. Und nun wirst du mich retten. Ich will es so.«
Tatsächlich? Hatte mich dieses Alien gerettet? Es fällt mir nicht leicht, einen klaren Gedanken zu fassen. Aber irgendwie kann ich mich nicht des Gefühls erwehren, dass mich das Ding dreist anlügt.
»Du wirst deine Gegner töten. Du wirst siegen. Du wirst die Macht gewinnen, deine Träume Wirklichkeit werden zu lassen. Ich will es so.«
Träume. Wirklichkeit. Das ist ein gutes Stichwort. Dies ist ein Traum. Aber kein normaler. Dies ist der letzte Traum. Oder der erste, wie man’s nimmt. Ich bin tot. Dieses Wulstwesen hat mich nicht etwa gerettet, sondern mich unmittelbar nach dem Unfall abgefangen. Vor dem Tunnel ins Licht sozusagen, falls es den geben sollte.
»Du bist nicht tot. Du willst leben. Deshalb wirst du kämpfen. Du wirst siegen und reich beschenkt werden. Ich will es so.«
Träume, in denen ich weiß, dass ich träume, haben mich immer schon fasziniert. Und wenn es dazu kam, habe ich die Gelegenheit genutzt und die Wirklichkeit, die mir mein schlafender Geist vorgaukelte, gründlich erforscht. Das Wesen kann mich nicht täuschen. Ich weiß, was ein Traum ist.
»Du träumst nicht! Du bist nicht tot! Du bist ein Kämpfer. Mein Kämpfer. Ich …«
»Ach, hör schon auf!«, falle ich dem feuchten Stülper ins Wort. »Mich kannst du nicht täuschen. Sag mir lieber, wer du wirklich bist.«
Echten Monstern bin ich in meinen Träumen eigentlich nie begegnet, aber ich weiß, wie man sich ihnen gegenüber am besten verhält: furchtlos ansprechen und sie direkt fragen, was sie eigentlich wollen.
Und tatsächlich, die Antennenfühler beginnen noch stärker zu zittern und zu tropfen, die Metamorphosen des Wesens beschleunigen sich, und gleichzeitig wird es blasser und blasser und beginnt, an den Rändern auszufransen, bis sich der Korridor in einen langen, dunklen Tunnel verwandelt hat, an dessen Ende ein helles, freundliches Strahlen auf mich wartet.
Ich betrete den Korridor, ohne dass ich etwas dagegen unternehmen kann. Irgendetwas zerrt mich hinein, in dieses Fegefeuer aus zuckenden Blitzen, gleißenden Gittern und weißglühenden Laserstrahlen, die sich mir in die Augen bohren und mein Gehirn verätzen. Warum immer wieder diese überfallartigen Schmerzen im Kopf, die mich komplett außer Gefecht setzen, so dass ich eigentlich nur winselnd in einer dunklen Ecke hocken mag, bis dieser Wahnsinn vorüber ist?
Eine organische Ursache konnten die Ärzte bisher nicht finden. Jeder Zehnte, heißt es, leidet daran, mit einer unbekannten Dunkelziffer – obwohl es ja gerade alles andere als dunkel ist. Die Medizin hat eine Reihe von Hypothesen für die möglichen Ursachen aufgestellt. Na toll. Tröstet mich wenig.
Genauso wenig wie gewisse Esoteriker, die sagen, dass es sich um »geistige Wachstumsschmerzen« handelt, evolutive Anpassungen an den bevorstehenden Dimensionswechsel. Bevorstehend? Ha! Das ist der Dimensionswechsel! Wenn ich von einem Augenblick auf den anderen diesen höllischen Korridor aus unerträglich hellen Flashs und einem mürbemachenden Pulsieren im Kopf betrete, dann bin ich in einer komplett anderen Dimension, einer Sphäre, die derart weit von der menschlichen Alltagswelt entfernt ist, dass es jeder Beschreibung spottet.
Und wenn es vorbeigeht – und alles geht irgendwann vorbei, oder? –, hat sich auch die Alltagserfahrung verändert. Ohne Migräne durch die Welt gehen zu können, ins helle Tageslicht blicken zu können, klar denken zu können, lachen zu können: freudestrahlende, fast schon paradiesische Zustände!
Der Dimensionswechsel jedenfalls kommt nicht erst am 21.12.2012. Er liegt in jedem Einzelnen von uns verborgen, hinter den Augen in der grauen zerfurchten Masse, die einem eine derartig bestialische Folter bereiten kann, aber eben auch eine solch überbordende, alles durchdringende Glückseligkeit.
Ich betrete den Korridor. Auch die anderen sind jetzt auf dem Weg zum Frühstück. Einige halten ihren Blick zu Boden gerichtet und wirken in sich gekehrt. Wir anderen sehen uns an und nicken uns zu, während wir uns schweigend auf den Weg durch die altehrwürdigen Gemäuer machen. Obwohl wir die stille Morgenkontemplation schon hinter uns haben, ist es noch früh. Von draußen dringt aus dem Klostergarten ein vielstimmiges Vogelkonzert.
Die junge Frau, die anfangs furchtbar nervös gewesen ist, wirkt heute gelassen. Ein stilles Strahlen geht von ihr aus. Sie isst ihr Frühstück langsam und bedächtig. Plötzlich hält sie inne, lächelt selig, klappt ein kleines Notizbuch auf und schreibt etwas hinein.
Als sie aufsteht, um sich noch etwas Tee vom Buffet zu holen, erhebe ich mich ebenfalls von meinem Platz auf der Bank und werfe im Vorübergehen einen Blick in das Notizbuch, das immer noch aufgeschlagen daliegt. Mit Bleistift hat sie einen Satz hineingeschrieben und die einzelnen Striche der Buchstaben mehrfach verstärkt, wie um eine Fettschrift anzudeuten: Es gibt nichts zu sagen.
Ich muss lächeln. Tatsächlich: Auch die vielen Dinge, die mir anfangs einfielen und auf der Zunge lagen – nach vier Tagen Schweige-Retreat sind sie wie weggeblasen. Gestern schien es mir in einem Moment wichtig und fast unabdingbar, der jungen Frau zu sagen, wie schön sie ist. Dieser Gedanke schoss mir mit Macht in den Sinn und schien alles andere verdrängen zu wollen. Doch mein Wille, das Schweigen nicht zu brechen, war stärker, und bald schon verlor der alles beherrschende Gedanke an Kraft und verflüchtigte sich schließlich gänzlich. Ein kurzes Lächeln genügt. Es bedarf keiner Worte.
Wir machen uns gemeinsam auf den Weg in die Kapelle. Der Morgen ist immer dem gregorianischen Gesang gewidmet. Vielleicht erlebe ich auch heute etwas Ähnliches wie gestern: Ich hatte den Eindruck, unsere Stimmen lösten sich für ein paar Takte von unseren Körpern, die Klänge schwebten fast überirdisch schön durch den Kirchenraum, und es war, als wären es nicht mehr wir, die da sangen. Eine beglückende Erfahrung, jenseits aller Worte. Wir alle spürten es, ohne dass es jemand aussprechen musste.
Die Gedanken bleiben, das innere Plappern und Kommentieren – auch all die Kommentare dazu, was mit mir im Laufe dieser sieben Tage geschieht. Sätze wie »Es gibt nichts zu sagen« sind immer noch Worte – und sie werden immer noch von einer inneren Stimme gesprochen. Ob auch die noch schweigen wird?
Diese Frage könnte ich am Abend dem Mönch mit dem silbrigen Bart, dem Leiter dieser Exerzitien, stellen. Anfangs hat er uns erklärt, dass er – nach der stillen Arbeitsmeditation im Klostergarten, die uns handschriftlich auf kleinen Karteikarten zugeteilt wird – in seiner Zelle zur Verfügung steht, falls uns etwas beschäftigen oder quälen sollte.
Oder gibt es auch nichts zu fragen? Ich glaube nämlich, dass er mir auf meine Frage nach der Gedankenstimme hin nur kurz in die Augen schauen wird: ein kurzes, wissendes Lächeln genügt.
Ich betrete den Korridor und habe sofort den Geruch von gebratenem Gemüse in der Nase. Alarmiert ziehe ich, ohne den Mantel abzulegen, eine Schublade meines Highboards auf. Unter gefalteten Tischdecken, die ich nie benutzt habe: meine Pistole, ebenfalls unbenutzt.
Die Tür zur Küche steht halb offen. »Du kommst genau richtig.« Die Stimme des Mörders. »Ich bin gleich fertig.« Offenbar steht er am Herd.
Wenn mein Alter Ego, der Killer, von der wackligen Wandbuchse meines Telefons weiß, dann auch von der Pistole. Ich tausche das Magazin in der Waffe aus. Seit seinem Besuch bei mir trage ich eins in der Hosentasche, genau für diesen Zweck. Langsam und mit erhobener Waffe drücke ich die Küchentür auf. Es riecht würzig.
»Ich habe deinen Wok reaktiviert.« Er steht mit dem Rücken zu mir, hat sich eine Schürze umgebunden. Die Statur, die Haltung – das könnte wirklich ich sein, in jüngeren Jahren natürlich. Ich ziele genau aufs Herz.
»Eins vorweg«, sagt er, als wisse er genau, dass ich hinter ihm stehe, »es ist nicht ansteckend, und, ja, es tut höllisch weh.« Er dreht sich um. Es ist ein Schock. Sein Gesicht, seine linke Gesichtshälfte ist von einer Wucherung überzogen, nackte, blumenkohlartige Fleischwülste, aus denen sein linkes Auge kaum herausschauen kann – es sieht wie eine einzige, große, offene Wunde aus. Meine Hand zittert.
»Das ist die Rache des Universums an dem, der es zerreißt. Dabei hat mich der Strahlungsstoß nur gestreift, gestreichelt sozusagen. Ich hoffe« – damit dreht er sich kurz zum dampfenden Wok um – »ich kann dir mit vegetarischer Küche eine Freude bereiten. Seit ich Milliarden von Lebewesen den Garaus gemacht habe, esse ich kein Fleisch mehr.«
»Aber du tötest Menschen!« Nicht nur meine Hand, auch meine Stimme zittert.
»Scheinst du ja auch gerade vorzuhaben. Es sind übrigens Platzpatronen. Ich habe die Magazine ausgetauscht.«
Ich lächle böse. Er lächelt zurück. Links ist es die Grimasse eines Monsters, rechts ein seltsam vertrautes Gesicht. »Alle Magazine. Und zwar schon vor meinem letzten Besuch hier.«
Ich lasse die Pistole sinken.
»Ich trage auf, du ziehst den Mantel aus, und wir unterhalten uns wie zivilisierte Menschen beim Essen. Schlage ich vor.«
Was bleibt mir auch sonst übrig: Ich nicke.
Mein kleiner Esstisch im Wohnzimmer ist bereits gedeckt. Der Mörder – ich habe beschlossen, ihn weder Cory noch mit meinem eigenen Namen zu nennen, sondern mir ständig bewusst zu halten, mit wem ich es hier zu tun habe – hat den Stuhl aus dem Flur mit dazugestellt. Er häuft erst mir, dann sich das dampfende Wokgemüse auf den Teller, verschwindet mit der Schüssel in der Küche und kommt ohne Schürze wieder. Es fällt mir schwer, ihm ins verunstaltete Gesicht zu sehen.
»Ich hab uns ein Radler gemischt. Ist doch richtig, oder?«
Offenbar hat der Mörder meine Ess- und Trinkgewohnheiten studiert. Den Wok habe ich mir vor Jahren gekauft – in der Anwandlung, ich müsse was für meine Gesundheit tun und mehr Gemüse essen. Benutzt habe ich ihn, wie meine Pistole, noch nie.
»Prost!«, sagt er: »Auf das Leben!« Ich zögere kurz, hebe dann mein Glas. Nie hätte ich gedacht, einmal mit einem mehrfachen Mörder anzustoßen, aber ich hätte mir auch nie träumen lassen, dass ich mal mit Parallelwelten zu tun bekommen würde.
Schweigend lassen wir es uns schmecken. Die Sauce ist hinreißend: süß-scharf wie im Thai-Restaurant.
»Als du einundzwanzig Jahre alt warst«, sagt er unvermittelt, »bist du einmal an einem Sonntag im Winter frühmorgens spazierengegangen. Die Kälte, der Schnee, die unglaubliche Klarheit der Luft – du hättest die Welt umarmen können. Und bist übers Eis raus auf den See.«
Ich weiß, wovon er spricht. Ich habe nie jemandem davon erzählt. Nur Albo weiß es. Und selbst er weiß nichts von dem Nahtoderlebnis, das ich hatte, nachdem ich ins Eis einbrach und fast ertrank.
»Wenn du nicht von einem weiteren frühen Spaziergänger gefunden und wiederbelebt worden wärst …«
»Ja«, sage ich, »Uwe Albo hat mir das Leben gerettet.«
»In meinem Fall wirst du sie aufhalten.«
»Sie?«
»Es ist ein entscheidender Moment in unser aller Leben, aber wer uns da jeweils rettet, das ist unterschiedlich.«
Ich schüttle verständnislos den Kopf.
»Ich bringe dich zu diesem Ort und zu dieser Zeit, und du wirst die Joggerin aufhalten, die mich damals entdeckt und wiederbelebt hat.«
»Was …?« Nur stockend dämmert mir, was er da gerade sagt.
»Und Plurabelle kannst du mitnehmen.«
Meine Katze? Ich habe sie völlig vergessen. Ich folge dem Blick des Mörders. Sie liegt unter dem Fenster an der Heizung und schläft. Er muss sie gefüttert haben.
»Wie stellst du dir das vor?«, fahre ich ihn an. »Du kannst doch nicht einfach so über mein Leben verfügen und mich zum Mörder machen!«
»Streng genommen ist es fahrlässige Tötung beziehungsweise unterlassene Hilfeleistung. Und vergiss nicht: Du rettest die Menschheit vor dem Untergang.«
»Du bist doch irre!«, entfährt mir. Ich werfe wütend meine Gabel auf den Teller. »Selbst wenn das alles stimmt, was du erzählst: Du hast dich in einen Wahn verstiegen, indem du als mordender Vegetarier durch die Welten ziehst und deine Alter Egos umbringst!« Ich bin aufgesprungen und gestikuliere. Doch es ist mir egal, ob ich die Kontrolle verliere. Ich bin wütend.
Der Mörder bleibt ruhig sitzen und legt seine Gabel aus der Hand. »Mord war immer nur die allerletzte Notlösung.«
»Man muss niemanden exekutieren, um ihn von irgendwas abzuhalten.«
»Ich habe alles versucht, verdammt.« Er springt jetzt auch auf. Wir stehen uns wutschnaubend gegenüber. »Ich habe mit ihnen geredet, sie angefleht, dafür gesorgt, dass sie zum entscheidenden Zeitpunkt krank werden, ich habe ihren Generator zerstört, immer und immer wieder, ich habe die Polizei auf sie gehetzt und ihre Kinder als Geiseln genommen. Verstehst du? Ich habe es mit allen Mitteln verhindert!«
Er wendet sich schweratmend ab und muss sich an der Stuhllehne festhalten. »Aber manchmal kam ich zu spät für all das«, keucht er, »und mir blieb nur noch eins.« Er blickt mich verzweifelt an. Seine linke Gesichtshälfte ist flammend rot.
Ich halte seinem Blick stand. Er hat all das getan, und er ist der Mörder. Nicht ich muss mit dieser Schuld leben – auch wenn wir die gleiche DNA haben und vielleicht sogar so etwas wie eine Seele teilen.
»Ich kann Plurabelle mitnehmen?«
Er wirkt erleichtert, als ich das frage. Wir setzen uns wieder vor unsere Teller.
»Du wirst wissen wollen: Was kann ich überhaupt noch ändern, wenn es doch schon geschehen ist?« Er wirkt jetzt ruhiger, gefasster. Vermutlich redet er von der Zerstörung eines Teils der Milchstraße. Die Vorstellung, dass er, dass ein einzelner Mensch auf einen Schlag mehrere Zivilisationen auslöschen konnte, will mir immer noch nicht in den Kopf. Aber in den letzten Wochen sind mir Parallelen eingefallen: Vor dem ersten Atombombentest waren sich die Physiker unsicher, ob sie nicht die gesamte Atmosphäre des Planeten in Brand setzen und abfackeln würden. Sie haben trotzdem gezündet. Vor dem Anschalten des LHC gab es Physiker, die warnten, der Collider könne ein schwarzes Loch erzeugen, das Stück für Stück unsere Erde verschluckt. Er wurde trotzdem in Betrieb genommen. Und dann gibt es ja auch noch Tschernobyl und Fukushima: weite, durch Menschenhand für Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende umbewohnbar gemachte Landstriche.
Er trinkt von seinem Radler. Auch ich genehmige mir einen Schluck, auch wenn ich jetzt eigentlich etwas Härteres vertragen könnte.
»Wenn du mein früheres Ich sterben lässt, verhinderst du nicht, was geschehen ist. Und doch verhinderst du es auf einer höheren Ebene. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist dann so weit herabgesunken, dass im Multiversum die Kette endloser Wiederholungen …«
Ich unterbreche ihn: »Hör schon auf mit diesem Mist. Das ist doch alles bloße Spekulation! Was können wir schon über das Multiversum wissen, außer dass …«
»… alles möglich ist? Alles?«
Ich zögere kurz, will ihm aber nicht zustimmen, sondern bringe stattdessen ein neues Thema auf: »Sag mir lieber, warum du – unter all deinen Alter Egos – mich ausgesucht hast.«
Der Mörder blickt auf meinen Teller. Ich habe den Rest des Gemüses nicht mehr angerührt. »Es gibt noch Dessert«, sagt er, steht auf und räumt ab.
Crème brûlée. Der Mörder flambiert sie fachgerecht. Vorsichtig klopfe ich mit dem Löffel auf die harte Oberfläche. Schon wie beim Wokgemüse beschleicht mich das Gefühl, wenn ich mir das Essen des Mörders schmecken lasse, lasse ich mich von ihm kaufen.
»Ich habe es versprochen, weißt du«, sagt er leise, »all den Tausenden, Millionen, Milliarden von Wesen, die mich in meinen Träumen heimsuchen, all den anklagenden Gesichtern, all den heulenden Geistern, die mich jede Nacht bedrängen. Und du bist meine einzige Hoffnung, dieses Versprechen zu erfüllen.«
Jetzt ist mein Löffel zu der weichen, süßen Masse unter der karamellisierten Rohrzuckerschicht vorgedrungen. Ich probiere eine Löffelspitze voll. Himmlisch.
»Warum ich?«
Der Mörder zögert und atmet einmal tief durch. »Weil du einsam bist.«
»Ich habe Freunde. Meine Katze. Albo.«
»Albo und deine Katze – ja, das sind deine Freunde. Aber du hast keine Frau, keine Kinder.«
»Die anderen sind alle verheiratet?«
»Die meisten.«
Schweigend löffeln wir unsere Crème. »Mit wem?«, will ich fragen, nur kommt diese Frage vermutlich dreißig, vierzig Jahre zu spät.
»Und wann geht’s los? Jetzt, sofort, nach dieser … Henkersmahlzeit?«
Wir haben unsere Schälchen leergegessen. Der Mörder erhebt sich und bedeutet mir, ihm zu folgen. Wir gehen in mein Arbeitszimmer. Neben dem Schreibtisch steht ein Transportkäfig für Kleintiere mit Atemschlitzen in den Plastikwänden und Tragegriff. Mir wird das Herz schwer. Werden wir Plurabelle da reinsetzen, und dann schickt er uns auf die Reise?
Aber dann entdecke ich auf dem Schreibtisch ein kleines verklebtes Paket. »Korridore?«, frage ich. Der Mörder nickt. »Fünfzig Stück?« Er nickt ein weiteres Mal. »Die letzten?«
»Für dich, ja«, sagt er, nimmt seine Jacke, die er über meinen Schreibtischstuhl geworfen hatte, und zieht sie sich über. »Kann ich dir das Spülen überlassen?«
Er streckt die Hand aus. Ich will sie schütteln, ziehe meine Hand jedoch zurück, weil es mir unangemessen erscheint. Ein paar Augenblicke stehen wir da und wissen nicht, was wir tun wollen. Dann umarme ich ihn, mit dem Kopf an seiner rechten Seite, weil ich dieser monströsen Wucherung auf keinen Fall zu nahe kommen möchte. Er presst mich kurz und heftig an sich, dann weicht er zurück.
»Ich melde mich dann«, sagt er, bevor er sich umdreht und geht. Ich höre, wie die Haustür ins Schloss fällt. Plötzlich streift meine Katze an meinem Bein entlang und beäugt interessiert den Transportkäfig.
»Wir werden eine Reise unternehmen, Plurabelle«, sage ich. »Aber wir haben fünfzig Tage Zeit, uns vorher von allem zu verabschieden.« Das Päckchen ist wieder an mich adressiert und bereits gestempelt. Der Absender fehlt. Es werden wieder fünfzig Texte darin sein, vom Mörder mit fünfzig verschiedenen Schreibmaschinen getippt, und sie haben immer den gleichen Anfangssatz: »Ich betrete den Korridor.«
Ich betrete den Korridor im Namen der Wissenschaft – als Blau‑8, also als jemand von der Teilnehmergruppe mit blauen Armbinden. Meine trägt die Nummer acht.
Die Forscher, die die Untersuchung durchführen, haben eine Fabrikhalle gemietet, durch die sich ein Korridor schlängelt, der für jeden einzelnen Durchgang der Untersuchung verändert wird. An beiden Enden des Korridors: eine Art Aufenthaltsbereich. Da stehen ein paar Stühle, zu Mittag soll hier ein kleines Buffet für uns aufgebaut werden, und an einer Seite kann man durch eine Stahltür ins Freie treten und eine rauchen, während umgebaut wird und wir alle auf unseren nächsten Auftritt warten. Oder Eintritt, wenn man das so sehen möchte.
Jeder von uns hat ein Handy – Teilnahmevoraussetzung. Als ich die Ausschreibung für die Untersuchung las, war ich ein wenig darüber verwundert, aber inzwischen macht es Sinn für mich: Wir bekommen individuelle Anweisungen per SMS.
Aktuell heißt es für mich: »Sie wollen möglichst schnell Zimmer Nr. 6007 finden, klopfen dort an und warten davor.« Ein Countdown-Balken über dem Durchgang zum Korridor bereitet uns Probanden auf den Einsatz vor. Der Bildschirm blitzt auf, es ist soweit. Ich betrete den Korridor, der die Fabrikhalle durchzieht, und suche nach Zimmer Nr. 6007. Aber nicht nur das. Ich halte auch nach Orange-17 Ausschau, einer jungen Frau aus dem anderen Team, die alle orangefarbene Armbinden tragen und uns bei jedem Durchgang irgendwann entgegenkommen.
Verschiedene Lichtschranken messen unseren »Durchsatz«, Kameras verfolgen unsere Bewegungen durch den Korridor aus der Vogelperspektive: All dies dient der Wissenschaft vom Korridor. Von Zugängen zum U‑Bahnhof bis zum Flur vor dem Speisesaal eines Hotelkomplexes – Staus, Ballungen und Zusammenstöße sollen vermieden, ein möglichst effektiver Durchfluss soll gewährleistet werden. Zumindest nehme ich das an. Die letzte Untersuchung, an dem einige der hier beteiligten Forscher und Forscherinnen mitgeschrieben haben, hieß: »Experimental study of pedestrian counterflow in a corridor«.
Diesmal knickt der Korridor mehrfach ab. Menschen eilen oder schlendern in meine Richtung, einige kommen mir entgegen. Orange-17 ist nicht dabei. Wie immer gibt es einige Blindtüren im Korridor. Sie sind nummeriert. Eben bin ich an Nr. 6005 vorbeigekommen. Jetzt ist auf meiner Linken die 6009. Habe ich die 6007 verpasst? Wie peinlich. Ich drehe um, womit ich mir von den mir folgenden Korridoristen einige ärgerliche Blicke einhandle. Mit einem von ihnen vollführe ich unabsichtlich dieses tänzerische Hin und Her, das man manchmal auf Bürgersteigen beobachten kann, wenn zwei aneinander vorbeiwollen und jeweils zur selben Seite ausweichen.
So ein Mist: Ich finde die 6007 nicht! Ein kurzer Hupton schallt durch die Halle. Ende des Durchgangs. Kurz überlege ich, ob ich nicht wieder zurückgehen soll. Eigentlich lautet die Anweisung an uns: für die nächste Umbaupause immer auf die gegenüberliegende Seite! Würde ich zurückgehen, wäre ich da, wo auch Orange-17 jetzt Pause macht. Allerdings wäre ich mit meiner blauen Armbinde der einzige unter lauter Leuten mit orangefarbenen Binden. Das würde auffallen, und vermutlich würde mich einer der Forscher, die sich teils unter uns, teils in einem erhöhten Glaskasten mit Blick auf die Gesamtsituation aufhalten, zu meiner Gruppe schicken. Also vorwärts. So kann ich noch mal nach Nr. 6007 Ausschau halten. Aber ich finde die Tür nicht. Erst an der Theke mit Tee und Kaffee im Aufenthaltsraum wird mir klar, dass das vermutlich Prinzip gewesen ist: Ich sollte eine Tür suchen, die es gar nicht gibt. Na toll. Was tut man nicht alles für die Wissenschaft!
Wir Korridoristen – diese Bezeichnung hat sich gleich zu Beginn unter uns durchgesetzt – sind eine bunte Truppe unterschiedlichen Alters und stellen vermutlich einen guten Bevölkerungsdurchschnitt dar. Sogar zwei Rollstuhlfahrer sind mit dabei. Natürlich kommen wir in den Pausen miteinander ins Gespräch. Wer bist du denn, wo kommst du her, was machst du sonst, wie hast du von der Sache hier erfahren? Ich halte mich abseits. Das alles würde ich gerne von Orange-17 erfahren. Aber die gehört nun mal zu der anderen Truppe.
Kann ich ihr hier eine Nachricht hinterlassen? Wie sollte die aussehen? Ein Zettel an einer der Thermoskannen: »Blau‑8 möchte gerne Orange-17 kennenlernen. Sprich mich im Korridor an, wenn du mich auch interessant findest!« Das würden dann natürlich alle lesen, und es käme im Korridor garantiert zu neugierigen Blicken oder gar Ballungen um uns beide herum: Für viele wäre diese Angelegenheit wohl weit interessanter als die Aufgaben, die uns hier so zugesimst werden.
»Sie wollen möglichst schnell ans andere Ende des Korridors – ohne zu rennen«, heißt es meist. Oder: »Sie schlendern, bleiben vor den Bildern stehen, haben Zeit totzuschlagen, bis Sie das andere Ende des Korridors erreichen.« Oder: »Sie suchen nach einem WC und treten dort ein. Falls besetzt, warten Sie vor der Tür.«
Der Umbau des Korridors macht diesmal ziemlichen Lärm. Techniker sind mit den Schienenkränen an der Hallendecke und Gabelstaplern dabei, die einzelnen Wandteile zu einer neuen Kombination zusammenzusetzen.
Mein Handy wiehert. Eine SMS mit der neuen Aufgabe: »Sie sind im Korridor auf der Suche nach Orange‑4. Sobald Sie die Person gefunden haben, bezichtigen Sie sie, Ihnen eine Schrottimmobilie verkauft zu haben, und verlangen eine Entschädigung.« Mist. Orange‑4 – und nicht Orange-17 mit ihren bezaubernden braunen Locken.
Diesmal jedoch sehe ich sie im Korridor. Sie kommt mir entgegen, erwidert meinen Blick und lächelt, und ich glaube sogar, sie zuckt bedauernd die Achseln, wie um zu signalisieren, wir können und dürfen uns nicht miteinander unterhalten. Ich kann mich daran nicht lange erfreuen, denn kurz hinter ihr entdecke ich Orange‑4. Er will sich offenbar auf keine Diskussion einlassen und flüchtet zwischen die anderen Korridoristen. Ich mache mich an die Verfolgung, aber schon kurz danach ertönt die Hupe. Wir gehen nickend aneinander vorbei, jeder auf dem Weg zu seinem Aufenthaltsraum.
Meine Chance kommt, als ich bei einem Seitenblick auf das Klemmbrett eines der Forscher eine Liste mit Telefonnummern entdecke. In einem unbedachten Moment identifiziere ich die von Orange-17. Perfekt! Ich verschicke eine SMS: »Zusatzaufgabe: Sie treffen Blau‑8, den Sie sehr attraktiv finden, und fragen ihn, ob er nach der Untersuchung noch Zeit hat, um mit Ihnen etwas trinken zu gehen.«
Natürlich hat sie meinen Trick durchschaut. Der Korridor ist hier verengt, aber sie fragt mich trotzdem, obwohl sie sich sehr zurückhalten muss, um nicht in lautes Lachen auszubrechen. Der Stau, der sich zu beiden Seiten von uns bildet, ist uns egal. Ich nehme ihr freundliches Angebot gerne an: Klar habe ich anschließend Zeit, um mit ihr bei einem Caipirinha über Korridore zu reden oder worüber auch immer sie sich gerne mit mir unterhalten möchte.
Die Armbinden dürfen wir behalten, und wir legen sie nicht wie alle anderen ab, sondern tragen sie noch im Restaurant und weiter bis tief in die Nacht. Blau‑8 und Orange-17. Korridore sind was Tolles!
Ich betrete den Korridor zwischen den Servern und schiebe meinen Werkzeugwagen durch die riesige Halle. Heute ist der Tag! Früh am Morgen kam die SMS, dass es soweit ist: Wir schlagen zu. Weltweit begeben sich die Mitglieder meines Teams in die großen Serverräume, und um genau 12 Uhr MEZ lassen wir dort unsere Bomben hochgehen.
Nine-Eleven, der 11. September, war nur ein kleiner Vorgeschmack. Diesmal zerstören wir mit einem Schlag das gesamte Internet, diese Quelle des Bösen und Verderbten. Der Westen wird straucheln und stürzen.
Wir alle, die wir uns jahrelang auf diese Aktion im Namen Gottes und unseres Anführers vorbereitet und unter falschem Namen in die Serverfarmen eingeschleust haben, werden sterben, aber Allah wird uns als Märtyrer reich belohnen. Und damit die Ungläubigen wissen, wem sie diesen Schlag zu verdanken haben, haben wir eine Website vorbereitet, auf der unsere Bekennervideos zu sehen und zu hören sind – damit sie unsere Familien mit Stolz erfüllen.
Die Bombe ist im Werkzeugwagen versteckt. Niemand hier ahnt etwas, niemand hat mir etwas angemerkt. Gleich ist es 12 Uhr MEZ. Ich lege die Hand an den Zünder. Aber Augenblick mal! Wollen wir tatsächlich der Welt die Zerstörung des Internets mit einer Website mitteilen? Ist das nicht ein Denkfehler? Allmächtiger! Es ist Punkt zwölf. Ich müsste jetzt die Bombe zünden. Meine Hand zittert. Soll ich diese Server hier nicht besser aussparen? Wenigstens sie?
Ja. Sonst wäre alles vergebens.
Ich muss dieses Opfer bringen. Es gibt keinen anderen Weg.
Ich betrete den Korridor, der mich zu den Kellergewölben mit den Pilzen führt. Jungfrauen und Jünglinge hat mir die Stadt, hat mir das Volk schon lange keine mehr geopfert. Manchmal gelingt es mir, in einem der Innenhöfe einen Vogel zu fangen. Doch das ist nur ein kleiner Happen, und meist muss ich in die feuchten Gewölbe hinabsteigen, um Pilze von den Wänden zu fressen. Sie machen nicht richtig satt, und die unsägliche Demütigung macht mich wütend.
Letzthin, nach zu vielen Pilzen, habe ich geträumt, ein junger Mann tritt zu mir in den Thronsaal. Er hält ein Klemmbrett in der Hand.
»Guten Tag«, sagt er freundlich. »Sie müssen sich registrieren.«
»Was?« Ich habe zu lange an der Wand gesessen: Meine Gelenke sind steif, und ich komme nicht sofort hoch, um ihn umzubringen.
»Alle Minotauren müssen sich registrieren. Ich bin hier, um Ihnen dabei zu helfen. Sie benötigen ein Passwort.«
»Alle Minotauren?«
»Ja. Sie gehören zu den übernatürlichen Wesenheiten.«
»Aber es gibt nur mich!«, brülle ich, während ich weiter versuche, auf meine Füße zu kommen.
Der Mann schüttelt lächelnd den Kopf und blickt auf sein Klemmbrett, das gar kein richtiges Klemmbrett ist, weil es nämlich leuchtet und ihm farbige Flecken ins Gesicht zeichnet. Er malt mit den Fingern darauf herum. »Es sind bereits 141 Minotauren registriert.«
»Ja, weltweit. Ich habe schon alles für Sie eingetragen. Sie brauchen jetzt noch ein Passwort.«
»Haben Sie mit Dädalus gesprochen? Hat er Sie geschickt?«
»Dädalen sind nicht registrierungspflichtig.«
»Gibt es von ihm«, frage ich konsterniert, »auch so viele?«
»Na, das möchte ich doch wohl annehmen«, erwidert der Mann. Inzwischen konnte ich mich endlich erheben. Ich senke den Kopf und spieße ihn auf. Dass es nur einen Minotaurus gibt, nämlich mich, wird er, vermute ich mal, spätestens jetzt registriert haben.
Ich betrete den Korridor und erwische mich bei dem Gedanken: Jetzt brauch ich aber wirklich dringend eine Zigarette! Schlimm eigentlich. Andererseits steht das natürlich auch für den verständlichen Wunsch, mal an was anderes als die Akten zu denken, sich zu entspannen und wenigstens kurz mal so richtig, äh, durchzuatmen. Nicole jedenfalls scheint es ähnlich zu gehen: Sie kommt schnellen Schrittes den Gang entlang, während sie sich Tabakreste aus ihrer Selbstgedrehten zupft.
»Heut ist’s besonders übel!«, begrüßt sie mich.
»Ja, ich weiß auch nicht, eigentlich bin ich gar nicht der Suchttyp. So einen Jieper aufs Nikotin hab ich selten.«
Nicole schüttelt unwirsch den Kopf: »Ich red von der Arbeit. So ist das Leben nicht gedacht. Zahlenkolumnen, Formulare, Gesetze, Papier, das enge Büro, Neonlicht …«
Wir haben unseren Raucherbalkon erreicht. Nicole gibt mir Feuer.
»Findest du nicht«, fragt sie mich nach ihrem ersten, tiefen Zug, »dass es einen Bürgerkrieg geben sollte, und als Erstes wird unser Amt zerbombt?«
»Während wir drin sind?«
»Da hätten wir ja nichts von. Nee, lieber ein paar von den andern.«
»Der Chef zumindest.«
»Japp. Soll er hochgehen, mit all seiner Arroganz und Inkompetenz.«
»Und vielleicht die Controlling-Abteilung …«
»Klar. Und die Zicken aus dem dritten Stock. Und all die angejahrten Bürohengste, die dir in der Kantine immer sabbernd auf den Hintern starren.«
»Also alle außer uns.«
»Alle außer uns, genau.«
»Und wo sollte ich dann hin?« Ich blicke runter auf die Straße. Alles friedlich, keine Zusammenrottungen aufgebrachter Wutbürger, die Steine und Molotowcocktails werfen und bombengespickte Lieferwagen vor unserem Amt parken.
»Ach, Lisa, das ist doch völlig egal. Hauptsache weg von allem, von dem Trott, dem Kantinenfraß, den Aktenstößen, all den Idioten hier, dem Ewig-Gleichen. Irgendwo in der weiten Welt ein völlig neues Leben anfangen.«
»Ich möchte eigentlich«, gebe ich zu bedenken, »erst einmal hier eins anfangen. Also nicht unbedingt hier im Amt: hier in der Stadt, meine ich.«
Nicole sieht mich an, als habe ich etwas sehr Kluges gesagt. Oder vielleicht auch etwas sehr Blödes. Jedenfalls legt sie mir freundschaftlich die Hand auf die Schulter: »Das habe ich vor zwanzig Jahren auch gedacht. Aber inzwischen weiß ich, dass ich mir die ganze Zeit etwas vorgemacht habe.«
»Mann, du bist ja vielleicht drauf heute. Stell bloß keinen Unsinn an, ohne mir vorher Bescheid zu geben!«
Nicole wendet sich lächelnd ab: »Hörst du nicht, wie uns der Süden ruft?« Sie legt – ein wenig theatralisch, finde ich – die Hand hinters Ohr, als würde sie wirklich etwas aus der Richtung der angehenden Mittagssonne hören, die sich hinter einem grauen, wattigen Himmel versteckt. Wenigstens regnet es nicht.
»Strand, Sonne, Meer, la dolce vita …«, schwärmt sie.
»Genau. Man muss die Gelegenheit beim Schopf ergreifen!«
»Welche Gelegenheit?« Mich beschleicht plötzlich das ungute Gefühl, Nicole hat bereits Nägel mit Köpfen gemacht. Einen Flug gebucht zum Beispiel – ohne Rückflug. Oder gekündigt. Doch sie zuckt die Schultern: »Ich weiß auch nicht. Aber man kann doch nicht immer nur in seinem Büro sitzen und träumen. Ach, Lisa.«
Ich hasse es, wenn sie »Ach, Lisa« sagt – mit diesem unendlich traurigen Blick, der mir das Herz zusammenschnürt. Schließlich ist sie meine Freundin, und ich möchte doch, dass sie glücklich ist.
»Das kann einfach nicht meine Bestimmung sein.« Damit meint sie wohl nicht nur den Raucherbalkon. Sie breitet beschwörend die Arme aus.
»He, Schicksal!«, ruft sie, tritt schnell noch ihre Selbstgedrehte aus und wendet sich dann mit kampflustig vorgerecktem Kopf an den Himmel über der Stadt. »Was immer du noch für mich vorgesehen hast: Jetzt ist der richtige Moment dafür gekommen. Hörst du? Ich bin bereit!«
Auch ich blicke jetzt gespannt und ein wenig besorgt hoch zu den Wolken. Fast erwarte ich, es zuckt ein Blitz herunter – oder die grauen Schwaden reißen auf und eine Stimme donnert vom Himmel: »Pass bloß auf, was du dir da wünschst, Nicole. Es könnte in Erfüllung gehen.«
Sie blickt mich an und nickt langsam. »Einen Versuch war’s wert. Dann halt so weiter bis zur Rente.« Sie öffnet die Balkontür und betritt den Korridor. Ich nehme noch einen letzten Zug und folge ihr.
›Besser wär’s‹, denke ich. Und da kenne ich sie, glaube ich, gut genug: Sie beklagt sich immer wieder mal, aber es müsste schon etwas echt Drastisches passieren, bis sie sich wirklich ein Herz fasst und Taten folgen lässt. Ich bin da ganz egoistisch: Ohne Nicole und unsere gemeinsame tägliche Zigarettenpause wüsste ich nicht, wie ich hier die Tage überstehen soll.
Ich betrete den Korridor und bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass es der ist, der mich in die Installation hineingeführt hat. Aber es gibt keinen Ausgang. Stattdessen knickt am Ende des Korridors ein weiterer ab, der genauso aussieht: chromglänzender Boden, chromglänzende Decke, und die Seitenwände sind milchig weiß. Von dem knickt wieder ein weiterer dieser Korridore ab. Ist das jetzt endlich der, der mich wieder hinausführt?
Die Installation mit dem Titel »Birth of Transhumanism––Death No More«, die diesen Teil der Ausstellungsräume fast komplett ausfüllt, darf man nur einzeln betreten. Blöd von mir, nicht mehr den Ausgang zu finden. Andere Ausstellungsbesucher müssen jetzt warten. Habe ich etwas übersehen? Ich trete an die Milchglaswand heran und versuche hindurchzublicken. Doch nichts zeichnet sich dahinter ab. Ich werde einfach weitergehen. Irgendwo muss doch ein Ausgang sein, oder zumindest der Eingang, durch den ich hineingekommen bin. Korridor um Korridor knickt ab.
Was will mir die Künstlerin sagen? Unter »Transhumanismus« habe ich mir etwas ganz anderes vorgestellt: technische Implantate, die uns Menschen stärker machen, schneller, klüger. Oder die künstlerische Umsetzung des Uploads meiner Erinnerungen und meiner Persönlichkeit in einen Computer, mit dem der Mensch – »Death No More« – quasi unsterblich wird. Die technoiden Träume der Transhumanisten halt. Doch nichts davon. Glänzender Chrom, Milchglas – das ist alles. Außer mir natürlich, der ich durch diese Korridore laufe und den Ausgang suche.
Ein Schatten hinter einer der Milchglaswände: Unscharf erkenne ich eine Person, sie tritt näher an die Scheibe, beschirmt die Augen mit einer Hand und versucht, durch das Milchglas hindurchzusehen. Ich will mich gerade bemerkbar machen, da wird mir plötzlich klar, dass ich das bin. Ich selbst bin es, wie ich vor einigen Minuten versucht habe, durch eine der Korridorwände hindurchzusehen – und ein ganz eigenartiges Gefühl durchfährt mich, und die Härchen auf meinen Armen stellen sich auf. Die Figur, mein Alter Ego, tritt wieder in die Unschärfe zurück, verschwimmt in der milchigen Helle und löst sich schließlich darin auf.
Mich erfasst eine unbestimmte Angst. Die Angst, mir selbst zu begegnen? Nie mehr den Ausgang zu finden? Von den Korridoren aus Chrom und Glas verschlungen zu werden? »Hallo?«, rufe ich zögernd. »Hört mich jemand? Gibt’s hier einen Techniker? Ich möchte jetzt gerne wieder raus aus der Installation!« Keine Antwort. Ich gehe schnellen Schrittes weiter, verfalle sogar in Laufschritt.
Dann ein leises Knirschen hinter mir. Dort, am Ende des Korridors, hat sich etwas verändert. Wurden Wände verrückt? Ich höre verhalltes Stimmengemurmel. Das Licht ist ein anderes: Das muss der Ausgang sein! Ich atme tief durch und gehe gemessenen Schrittes durch den Korridor zurück. Er knickt ab und – öffnet sich in die Ausstellungshalle. Die Besucherschlange, die in die Installation hineinmöchte, ist inzwischen noch länger geworden. Der Wärter klinkt die dicke rote Kordel aus, die den Durchlass absperrt. Ein älterer Mann mit Brille und einer roten Samtweste ist als Nächstes an der Reihe. »Und, wie ist es da drin?«, fragt er. Ich versuche ein Lächeln. »Eindrücklich«, sage ich.
Später wird mir klar, dass es eine versteckte Kamera gewesen sein muss: Eine Kamera hat aufgezeichnet, wie ich versuchte, durch die Milchglaswand hindurchzusehen, und das wurde dann später auf eine der Wände projiziert. Vermutlich machen sie das bei jedem Besucher so.
Ich habe also ganz grundlos Herzrasen bekommen. Peinlich, in der Installation um Hilfe zu rufen. Hoffentlich hat mich draußen keiner gehört.
Ich betrete den Korridor. Endlich ist es soweit: Es riecht betörend nach Lavendel. Meine heimliche Geliebte hat mir eine Duftuhr zukommen lassen, ein Rauchwerk, das ich bei Sonnenuntergang anzünden sollte und das dann langsam herunterbrannte, zu jedem Stundenwechsel einen anderen Geruch verströmend. Ungeduldig wartete ich. Zuerst roch es nach Vanille, dann durchzug das Aroma von Rosmarin mein einsames Gemach. Ich muss kurz eingenickt sein. Der Duft von Lavendel weckte mich, und sogleich begab ich mich in den Korridor, in dem wir uns heimlich treffen wollen.
Nur ein wenig silbriges Mondlicht beleuchtet den Gang. Sehe ich dort hinten sie, meine Geliebte? Ein Schatten nur, eine Silhouette. Ich eile hin, die Arme ausgestreckt, und sie wendet sich mir zu, breitet ebenfalls die Arme aus. Wir eilen auf eineinander zu, doch plötzlich stocken wir im Schritt und halten inne. Es ist Jurgen, der großgewachsene, bärtige Ritter. »Was tust du hier, Koch?«, fragt er herablassend, als sei dies sein Turnierplatz – und nicht der Flügel des Palastes, in dem die Prinzessin wohnt mit ihren Kammerzofen und Dienstmägden. Trotzdem stottere ich, senke unwillkürlich mein Haupt, trete einen Schritt zurück. »Lavendel«, dringt aus meinem Mund.
Jurgen bricht in Lachen aus. »Hat dich eine Magd herbestellt, Koch? Dann bist du schlecht beraten, denn die Rauchuhr steht erst bei Amaryllisduft.« Ich murmle etwas, das der Ritter als Widerspruch aufnimmt. Er belehrt mich: »Amaryllis, nicht Lavendel. Ich werde doch wohl wissen, wie Amaryllis riecht!«
Er blickt sich um: »Oder siehst du hier irgendwo deine Magd?«
»Und deine …?« Ich spreche es nicht aus. Wieder blickt sich Jurgen um: »Sie hat Amaryllis gesagt, und ich habe Amaryllis gerochen.« Doch der Gang ist – bis auf uns beide natürlich – leer. Keine Tür öffnet sich, keine Gestalt schleicht herum.
»Hm«, sagt der Ritter und reibt sich den Bart. Dann packt er mich am Kragen und schleift mich mit sich, den Korridor entlang, die Treppe hinab, durch die dunkle Halle in den Schirrhof, an den Pferdeställen und am Häuschen der Schildwache vorbei bis in das Gebäude mit den Quartieren für die Ritter.
Wir stehen in einem Raum mit einer Pritsche, den nur die Glut eines heruntergebrannten Kaminfeuers erhellt. Das Rauchwerk steht auf einem kleinen Tischchen unter der Fensternische und glimmt. Es riecht nach Lavendel. »Amaryllis, riechst du’s?«, fragt er. Ich wage nicht zu widersprechen. Meinen Augen jedoch sieht er an, dass ich seine Meinung nicht teile.
»Lavendel?«, fragt er. Ich zögere erst und wage dann, zu nicken.
»Dann bin ich vielleicht zu früh dran«, sagt Jurgen. Er packt mich erneut an den Schultern: »Wonach hat es bisher gerochen? Sprich!«
»Vanille«, sage ich, »Rosmarin … Lavendel.«
»Bist du eingeschlafen? Es waren mehr als drei Düfte, es ist doch schon fast Morgen.«
Veilchenduft durchzieht jetzt das Gemach. Auch Jurgen riecht es. Er lässt mich los. »Amaryllis?«, fragt er hoffnungsvoll.
Ich schüttle den Kopf: »Veilchen.« Er schnuppert und kratzt sich den Bart: »Dann muss Amaryllis danach kommen.« Ich nicke, und er lacht: »Na los, Koch, deine Magd wartet sicher schon sehnsüchtig auf dich.«
»Es ist keine Magd«, sage ich trotzig.
»Na, dann geh zu deiner Zofe.«
»Es ist auch keine Zofe.«
Der Ritter lacht: »Na, es wird ja wohl nicht …« Er hält inne, als er meinen Blick bemerkt, und packt mich wieder bei den Schultern. »Die Prinzessin?«, fragt er, und seine Stimme ist nur ein Hauch. Ich nicke. Sehe ich da Tränen in seinen Augen? »Sie sagte, sie gehöre nur mir!«, flüstert er heiser.
»Im Häuschen der Schildwache«, sage ich, »roch es auch nach Lavendel, als wir vorbeigingen.«
Wir treten beide an die schmale Fensteröffnung, durch die der im Mondlicht daliegende Hof zu sehen ist. Ein Schatten löst sich vom Häuschen der Schildwache und strebt auf die Eingangshalle zu.
»Die Schildwache?!«, flüstert Jurgen mit erstickter Stimme.
»Ihm hat sie gesagt, er soll kommen, wenn es nach Veilchen duftet«, vermute ich.
»Ich werde, ich werde … Wo ist mein Schwert?« Ritter Jurgen durchstöbert seine Habseligkeiten. »Die Schildwache ist kein Gegner für mich, und wenn ich ihr gegenüberstehe, werde ich, werde ich …«
»Ihr werdet ihr nicht gegenüberstehen«, sage ich. Jurgen kniet vor seiner Pritsche und will gerade darunterkriechen. Erstaunt blickt er zu mir auf.
»Auch wenn sie sich für jede Stunde der Nacht einen Liebhaber bestellt: Sie selbst bleibt gewiss in ihrem Gemach und schlummert süß. Und wenn sie kurz erwachen sollte, wird sie lachen bei dem Gedanken daran, was wohl die ganze Nacht lang im Korridor vor sich gehen mag.«
Langsam erhebt Jurgen sich wieder. Er hat unter der Pritsche eine Art flache kleine Holzkiste gefunden.
»Ja, so wird es sein. Verzogenes Gör. Eine boshafte kleine Person. Ganz der Vater.« Ich wage nicht zu nicken. »Du bist ein kluger Mann mit einer schnellen Auffassungsgabe. Spielst du Schach, Koch?«, fragt er und klopft auf die Holzschachtel. Ich schüttle den Kopf. »Zitadelle?« Wieder schüttle ich den Kopf. »Dame?«, fragt er weiter. Ich nicke.
Wir setzen uns an das Tischchen mit der Duftuhr und verteilen im Licht einer Kerze, die Jurgen entzündet hat, unsere Steine auf dem Spielbrett.