Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Kategorie: Story

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Göng

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Ich betrete den Kor­ri­dor und sehe mich einem selt­sa­men Wesen gegen­über, einem wuls­ti­gen eiför­mi­gen Gebilde, das sich immer wie­der – von der Mitte aus – in kon­vul­si­vi­schen Zuckun­gen in sich selbst ein­fal­tet. Nicht von die­sem dau­ern­den Von-links-auf-rechts-und-wie­der-zurück-Stül­pen betrof­fen sind die drei feuch­ten und leicht zit­tern­den Füh­ler oder Anten­nen, die es zu mir hin­streckt.

Noch eigen­ar­ti­ger als das Wesen vor mir ist aller­dings die Tat­sa­che, dass ich ruhig und gelas­sen bleibe. Im Grunde berührt mich kaum, was ich da sehe. Und anfangs auch nicht, was ich höre.

»Du wirst kämp­fen. Du wirst sie­gen. Ich will es so.« Sagt das Wesen. Ich nehme es nur am Rande mei­nes Bewusst­seins wahr. Mich beschäf­tigt die Frage, wie ich in die­sen Kor­ri­dor gekom­men bin. Saß ich nicht eben noch auf mei­nem Fahr­rad?

»Andere wie du wer­den dich töten wol­len, um nicht selbst durch deine Hand zu ster­ben. Aber du wirst sie­gen. Ich will es so.«

Doch, so war es. Ich fuhr zum Wald­rand. Es war mit­ten in der Nacht. Ich hatte mei­nen klei­nen Rekor­der dabei und wollte den Gesang einer Nach­ti­gall auf­neh­men, die ich dort wenige Tage zuvor ihr nächt­li­ches Kon­zert hatte geben hören.

»Mein Ein­satz ist sehr hoch. Also ent­täu­sche mich nicht. Werde der Beste unse­rer Gla­dia­to­ren. Ich will es so.«

War da nicht die­ses Wum­mern einer Bass­drum gewe­sen? Und das Grö­len der Män­ner, die aus den Fens­tern eines Wagens hin­gen, der ohne Licht die Straße ent­lang­schlid­derte?

»Ich habe dich geret­tet. Ein Moment spä­ter, und du wärst tot gewe­sen. Ich bin dein Ret­ter. Und nun wirst du mich ret­ten. Ich will es so.«

Tat­säch­lich? Hatte mich die­ses Alien geret­tet? Es fällt mir nicht leicht, einen kla­ren Gedan­ken zu fas­sen. Aber irgend­wie kann ich mich nicht des Gefühls erweh­ren, dass mich das Ding dreist anlügt.

»Du wirst deine Geg­ner töten. Du wirst sie­gen. Du wirst die Macht gewin­nen, deine Träume Wirk­lich­keit wer­den zu las­sen. Ich will es so.«

Träume. Wirk­lich­keit. Das ist ein gutes Stich­wort. Dies ist ein Traum. Aber kein nor­ma­ler. Dies ist der letzte Traum. Oder der erste, wie man’s nimmt. Ich bin tot. Die­ses Wulst­we­sen hat mich nicht etwa geret­tet, son­dern mich unmit­tel­bar nach dem Unfall abge­fan­gen. Vor dem Tun­nel ins Licht sozu­sa­gen, falls es den geben sollte.

»Du bist nicht tot. Du willst leben. Des­halb wirst du kämp­fen. Du wirst sie­gen und reich beschenkt wer­den. Ich will es so.«

Träume, in denen ich weiß, dass ich träume, haben mich immer schon fas­zi­niert. Und wenn es dazu kam, habe ich die Gele­gen­heit genutzt und die Wirk­lich­keit, die mir mein schla­fen­der Geist vor­gau­kelte, gründ­lich erforscht. Das Wesen kann mich nicht täu­schen. Ich weiß, was ein Traum ist.

»Du träumst nicht! Du bist nicht tot! Du bist ein Kämp­fer. Mein Kämp­fer. Ich …«

»Ach, hör schon auf!«, falle ich dem feuch­ten Stül­per ins Wort. »Mich kannst du nicht täu­schen. Sag mir lie­ber, wer du wirk­lich bist.«

Ech­ten Mons­tern bin ich in mei­nen Träu­men eigent­lich nie begeg­net, aber ich weiß, wie man sich ihnen gegen­über am bes­ten ver­hält: furcht­los anspre­chen und sie direkt fra­gen, was sie eigent­lich wol­len.

Und tat­säch­lich, die Anten­nen­füh­ler begin­nen noch stär­ker zu zit­tern und zu trop­fen, die Meta­mor­pho­sen des Wesens beschleu­ni­gen sich, und gleich­zei­tig wird es blas­ser und blas­ser und beginnt, an den Rän­dern aus­zu­fran­sen, bis sich der Kor­ri­dor in einen lan­gen, dunk­len Tun­nel ver­wan­delt hat, an des­sen Ende ein hel­les, freund­li­ches Strah­len auf mich war­tet.

 

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Plan­cho­nella cre­nata

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Ich betrete den Kor­ri­dor, ohne dass ich etwas dage­gen unter­neh­men kann. Irgend­et­was zerrt mich hin­ein, in die­ses Fege­feuer aus zucken­den Blit­zen, glei­ßen­den Git­tern und weiß­glü­hen­den Laser­strah­len, die sich mir in die Augen boh­ren und mein Gehirn ver­ät­zen. Warum immer wie­der diese über­fall­ar­ti­gen Schmer­zen im Kopf, die mich kom­plett außer Gefecht set­zen, so dass ich eigent­lich nur win­selnd in einer dunk­len Ecke hocken mag, bis die­ser Wahn­sinn vor­über ist?

Eine orga­ni­sche Ursa­che konn­ten die Ärzte bis­her nicht fin­den. Jeder Zehnte, heißt es, lei­det daran, mit einer unbe­kann­ten Dun­kel­zif­fer – obwohl es ja gerade alles andere als dun­kel ist. Die Medi­zin hat eine Reihe von Hypo­the­sen für die mög­li­chen Ursa­chen auf­ge­stellt. Na toll. Trös­tet mich wenig.

Genauso wenig wie gewisse Eso­te­ri­ker, die sagen, dass es sich um »geis­tige Wachs­tums­schmer­zen« han­delt, evo­lu­tive Anpas­sun­gen an den bevor­ste­hen­den Dimen­si­ons­wech­sel. Bevor­ste­hend? Ha! Das ist der Dimen­si­ons­wech­sel! Wenn ich von einem Augen­blick auf den ande­ren die­sen höl­li­schen Kor­ri­dor aus uner­träg­lich hel­len Flashs und einem mür­be­ma­chen­den Pul­sie­ren im Kopf betrete, dann bin ich in einer kom­plett ande­ren Dimen­sion, einer Sphäre, die der­art weit von der mensch­li­chen All­tags­welt ent­fernt ist, dass es jeder Beschrei­bung spot­tet.

Und wenn es vor­bei­geht – und alles geht irgend­wann vor­bei, oder? –, hat sich auch die All­tags­er­fah­rung ver­än­dert. Ohne Migräne durch die Welt gehen zu kön­nen, ins helle Tages­licht bli­cken zu kön­nen, klar den­ken zu kön­nen, lachen zu kön­nen: freu­de­strah­lende, fast schon para­die­si­sche Zustände!

Der Dimen­si­ons­wech­sel jeden­falls kommt nicht erst am 21.12.2012. Er liegt in jedem Ein­zel­nen von uns ver­bor­gen, hin­ter den Augen in der grauen zer­furch­ten Masse, die einem eine der­ar­tig bes­tia­li­sche Fol­ter berei­ten kann, aber eben auch eine solch über­bor­dende, alles durch­drin­gende Glück­se­lig­keit.

300/398

Le murm­ure der­nière (in aeterna)

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Auch die ande­ren sind jetzt auf dem Weg zum Früh­stück. Einige hal­ten ihren Blick zu Boden gerich­tet und wir­ken in sich gekehrt. Wir ande­ren sehen uns an und nicken uns zu, wäh­rend wir uns schwei­gend auf den Weg durch die alt­ehr­wür­di­gen Gemäuer machen. Obwohl wir die stille Mor­gen­kon­tem­pla­tion schon hin­ter uns haben, ist es noch früh. Von drau­ßen dringt aus dem Klos­ter­gar­ten ein viel­stim­mi­ges Vogel­kon­zert.

Die junge Frau, die anfangs furcht­bar ner­vös gewe­sen ist, wirkt heute gelas­sen. Ein stil­les Strah­len geht von ihr aus. Sie isst ihr Früh­stück lang­sam und bedäch­tig. Plötz­lich hält sie inne, lächelt selig, klappt ein klei­nes Notiz­buch auf und schreibt etwas hin­ein.

Als sie auf­steht, um sich noch etwas Tee vom Buf­fet zu holen, erhebe ich mich eben­falls von mei­nem Platz auf der Bank und werfe im Vor­über­ge­hen einen Blick in das Notiz­buch, das immer noch auf­ge­schla­gen daliegt. Mit Blei­stift hat sie einen Satz hin­ein­ge­schrie­ben und die ein­zel­nen Stri­che der Buch­sta­ben mehr­fach ver­stärkt, wie um eine Fett­schrift anzu­deu­ten: Es gibt nichts zu sagen.

Ich muss lächeln. Tat­säch­lich: Auch die vie­len Dinge, die mir anfangs ein­fie­len und auf der Zunge lagen – nach vier Tagen Schweige-Retreat sind sie wie weg­ge­bla­sen. Ges­tern schien es mir in einem Moment wich­tig und fast unab­ding­bar, der jun­gen Frau zu sagen, wie schön sie ist. Die­ser Gedanke schoss mir mit Macht in den Sinn und schien alles andere ver­drän­gen zu wol­len. Doch mein Wille, das Schwei­gen nicht zu bre­chen, war stär­ker, und bald schon ver­lor der alles beherr­schende Gedanke an Kraft und ver­flüch­tigte sich schließ­lich gänz­lich. Ein kur­zes Lächeln genügt. Es bedarf kei­ner Worte.

Wir machen uns gemein­sam auf den Weg in die Kapelle. Der Mor­gen ist immer dem gre­go­ria­ni­schen Gesang gewid­met. Viel­leicht erlebe ich auch heute etwas Ähn­li­ches wie ges­tern: Ich hatte den Ein­druck, unsere Stim­men lös­ten sich für ein paar Takte von unse­ren Kör­pern, die Klänge schweb­ten fast über­ir­disch schön durch den Kir­chen­raum, und es war, als wären es nicht mehr wir, die da san­gen. Eine beglü­ckende Erfah­rung, jen­seits aller Worte. Wir alle spür­ten es, ohne dass es jemand aus­spre­chen musste.

Die Gedan­ken blei­ben, das innere Plap­pern und Kom­men­tie­ren – auch all die Kom­men­tare dazu, was mit mir im Laufe die­ser sie­ben Tage geschieht. Sätze wie »Es gibt nichts zu sagen« sind immer noch Worte – und sie wer­den immer noch von einer inne­ren Stimme gespro­chen. Ob auch die noch schwei­gen wird?

Diese Frage könnte ich am Abend dem Mönch mit dem silb­ri­gen Bart, dem Lei­ter die­ser Exer­zi­tien, stel­len. Anfangs hat er uns erklärt, dass er – nach der stil­len Arbeits­me­di­ta­tion im Klos­ter­gar­ten, die uns hand­schrift­lich auf klei­nen Kar­tei­kar­ten zuge­teilt wird – in sei­ner Zelle zur Ver­fü­gung steht, falls uns etwas beschäf­ti­gen oder quä­len sollte.

Oder gibt es auch nichts zu fra­gen? Ich glaube näm­lich, dass er mir auf meine Frage nach der Gedan­ken­stimme hin nur kurz in die Augen schauen wird: ein kur­zes, wis­sen­des Lächeln genügt.

301/398

Crème brûlée

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Ich betrete den Kor­ri­dor und habe sofort den Geruch von gebra­te­nem Gemüse in der Nase. Alar­miert ziehe ich, ohne den Man­tel abzu­le­gen, eine Schub­lade mei­nes High­boards auf. Unter gefal­te­ten Tisch­de­cken, die ich nie benutzt habe: meine Pis­tole, eben­falls unbe­nutzt.

Die Tür zur Küche steht halb offen. »Du kommst genau rich­tig.« Die Stimme des Mör­ders. »Ich bin gleich fer­tig.« Offen­bar steht er am Herd.

Wenn mein Alter Ego, der Kil­ler, von der wack­li­gen Wand­buchse mei­nes Tele­fons weiß, dann auch von der Pis­tole. Ich tau­sche das Maga­zin in der Waffe aus. Seit sei­nem Besuch bei mir trage ich eins in der Hosen­ta­sche, genau für die­sen Zweck. Lang­sam und mit erho­be­ner Waffe drü­cke ich die Küchen­tür auf. Es riecht wür­zig.

»Ich habe dei­nen Wok reak­ti­viert.« Er steht mit dem Rücken zu mir, hat sich eine Schürze umge­bun­den. Die Sta­tur, die Hal­tung – das könnte wirk­lich ich sein, in jün­ge­ren Jah­ren natür­lich. Ich ziele genau aufs Herz.

»Eins vor­weg«, sagt er, als wisse er genau, dass ich hin­ter ihm stehe, »es ist nicht anste­ckend, und, ja, es tut höl­lisch weh.« Er dreht sich um. Es ist ein Schock. Sein Gesicht, seine linke Gesichts­hälfte ist von einer Wuche­rung über­zo­gen, nackte, blu­men­kohl­ar­tige Fleischwülste, aus denen sein lin­kes Auge kaum her­aus­schauen kann – es sieht wie eine ein­zige, große, offene Wunde aus. Meine Hand zit­tert.

»Das ist die Rache des Uni­ver­sums an dem, der es zer­reißt. Dabei hat mich der Strah­lungs­stoß nur gestreift, gestrei­chelt sozu­sa­gen. Ich hoffe« – damit dreht er sich kurz zum damp­fen­den Wok um – »ich kann dir mit vege­ta­ri­scher Küche eine Freude berei­ten. Seit ich Mil­li­ar­den von Lebe­we­sen den Gar­aus gemacht habe, esse ich kein Fleisch mehr.«

»Aber du tötest Men­schen!« Nicht nur meine Hand, auch meine Stimme zit­tert.

»Scheinst du ja auch gerade vor­zu­ha­ben. Es sind übri­gens Platz­pa­tro­nen. Ich habe die Maga­zine aus­ge­tauscht.«

Ich lächle böse. Er lächelt zurück. Links ist es die Gri­masse eines Mons­ters, rechts ein selt­sam ver­trau­tes Gesicht. »Alle Maga­zine. Und zwar schon vor mei­nem letz­ten Besuch hier.«

Ich lasse die Pis­tole sin­ken.

»Ich trage auf, du ziehst den Man­tel aus, und wir unter­hal­ten uns wie zivi­li­sierte Men­schen beim Essen. Schlage ich vor.«

Was bleibt mir auch sonst übrig: Ich nicke.

Mein klei­ner Ess­tisch im Wohn­zim­mer ist bereits gedeckt. Der Mör­der – ich habe beschlos­sen, ihn weder Cory noch mit mei­nem eige­nen Namen zu nen­nen, son­dern mir stän­dig bewusst zu hal­ten, mit wem ich es hier zu tun habe – hat den Stuhl aus dem Flur mit dazu­ge­stellt. Er häuft erst mir, dann sich das damp­fende Wok­ge­müse auf den Tel­ler, ver­schwin­det mit der Schüs­sel in der Küche und kommt ohne Schürze wie­der. Es fällt mir schwer, ihm ins ver­un­stal­tete Gesicht zu sehen.

»Ich hab uns ein Rad­ler gemischt. Ist doch rich­tig, oder?«

Offen­bar hat der Mör­der meine Ess- und Trink­ge­wohn­hei­ten stu­diert. Den Wok habe ich mir vor Jah­ren gekauft – in der Anwand­lung, ich müsse was für meine Gesund­heit tun und mehr Gemüse essen. Benutzt habe ich ihn, wie meine Pis­tole, noch nie.

»Prost!«, sagt er: »Auf das Leben!« Ich zögere kurz, hebe dann mein Glas. Nie hätte ich gedacht, ein­mal mit einem mehr­fa­chen Mör­der anzu­sto­ßen, aber ich hätte mir auch nie träu­men las­sen, dass ich mal mit Par­al­lel­wel­ten zu tun bekom­men würde.

Schwei­gend las­sen wir es uns schme­cken. Die Sauce ist hin­rei­ßend: süß-scharf wie im Thai-Restau­rant.

»Als du ein­und­zwan­zig Jahre alt warst«, sagt er unver­mit­telt, »bist du ein­mal an einem Sonn­tag im Win­ter früh­mor­gens spa­zie­ren­ge­gan­gen. Die Kälte, der Schnee, die unglaub­li­che Klar­heit der Luft – du hät­test die Welt umar­men kön­nen. Und bist übers Eis raus auf den See.«

Ich weiß, wovon er spricht. Ich habe nie jeman­dem davon erzählt. Nur Albo weiß es. Und selbst er weiß nichts von dem Nah­tod­erleb­nis, das ich hatte, nach­dem ich ins Eis ein­brach und fast ertrank.

»Wenn du nicht von einem wei­te­ren frü­hen Spa­zier­gän­ger gefun­den und wie­der­be­lebt wor­den wärst …«

»Ja«, sage ich, »Uwe Albo hat mir das Leben geret­tet.«

»In mei­nem Fall wirst du sie auf­hal­ten.«

»Sie?«

»Es ist ein ent­schei­den­der Moment in unser aller Leben, aber wer uns da jeweils ret­tet, das ist unter­schied­lich.«

Ich schüttle ver­ständ­nis­los den Kopf.

»Ich bringe dich zu die­sem Ort und zu die­ser Zeit, und du wirst die Jog­ge­rin auf­hal­ten, die mich damals ent­deckt und wie­der­be­lebt hat.«

»Was …?« Nur sto­ckend däm­mert mir, was er da gerade sagt.

»Und Plu­ra­belle kannst du mit­neh­men.«

Meine Katze? Ich habe sie völ­lig ver­ges­sen. Ich folge dem Blick des Mör­ders. Sie liegt unter dem Fens­ter an der Hei­zung und schläft. Er muss sie gefüt­tert haben.

»Wie stellst du dir das vor?«, fahre ich ihn an. »Du kannst doch nicht ein­fach so über mein Leben ver­fü­gen und mich zum Mör­der machen!«

»Streng genom­men ist es fahr­läs­sige Tötung bezie­hungs­weise unter­las­sene Hil­fe­leis­tung. Und ver­giss nicht: Du ret­test die Mensch­heit vor dem Unter­gang.«

»Du bist doch irre!«, ent­fährt mir. Ich werfe wütend meine Gabel auf den Tel­ler. »Selbst wenn das alles stimmt, was du erzählst: Du hast dich in einen Wahn ver­stie­gen, indem du als mor­den­der Vege­ta­rier durch die Wel­ten ziehst und deine Alter Egos umbringst!« Ich bin auf­ge­sprun­gen und ges­ti­ku­liere. Doch es ist mir egal, ob ich die Kon­trolle ver­liere. Ich bin wütend.

Der Mör­der bleibt ruhig sit­zen und legt seine Gabel aus der Hand. »Mord war immer nur die aller­letzte Not­lö­sung.«

»Man muss nie­man­den exe­ku­tie­ren, um ihn von irgend­was abzu­hal­ten.«

»Ich habe alles ver­sucht, ver­dammt.« Er springt jetzt auch auf. Wir ste­hen uns wut­schnau­bend gegen­über. »Ich habe mit ihnen gere­det, sie ange­fleht, dafür gesorgt, dass sie zum ent­schei­den­den Zeit­punkt krank wer­den, ich habe ihren Gene­ra­tor zer­stört, immer und immer wie­der, ich habe die Poli­zei auf sie gehetzt und ihre Kin­der als Gei­seln genom­men. Ver­stehst du? Ich habe es mit allen Mit­teln ver­hin­dert!«

Er wen­det sich schwer­at­mend ab und muss sich an der Stuhl­lehne fest­hal­ten. »Aber manch­mal kam ich zu spät für all das«, keucht er, »und mir blieb nur noch eins.« Er blickt mich ver­zwei­felt an. Seine linke Gesichts­hälfte ist flam­mend rot.

Ich halte sei­nem Blick stand. Er hat all das getan, und er ist der Mör­der. Nicht ich muss mit die­ser Schuld leben – auch wenn wir die glei­che DNA haben und viel­leicht sogar so etwas wie eine Seele tei­len.

»Ich kann Plu­ra­belle mit­neh­men?«

Er wirkt erleich­tert, als ich das frage. Wir set­zen uns wie­der vor unsere Tel­ler.

»Du wirst wis­sen wol­len: Was kann ich über­haupt noch ändern, wenn es doch schon gesche­hen ist?« Er wirkt jetzt ruhi­ger, gefass­ter. Ver­mut­lich redet er von der Zer­stö­rung eines Teils der Milch­straße. Die Vor­stel­lung, dass er, dass ein ein­zel­ner Mensch auf einen Schlag meh­rere Zivi­li­sa­tio­nen aus­lö­schen konnte, will mir immer noch nicht in den Kopf. Aber in den letz­ten Wochen sind mir Par­al­le­len ein­ge­fal­len: Vor dem ers­ten Atom­bom­ben­test waren sich die Phy­si­ker unsi­cher, ob sie nicht die gesamte Atmo­sphäre des Pla­ne­ten in Brand set­zen und abfa­ckeln wür­den. Sie haben trotz­dem gezün­det. Vor dem Anschal­ten des LHC gab es Phy­si­ker, die warn­ten, der Col­l­i­der könne ein schwar­zes Loch erzeu­gen, das Stück für Stück unsere Erde ver­schluckt. Er wurde trotz­dem in Betrieb genom­men. Und dann gibt es ja auch noch Tscher­no­byl und Fuku­shima: weite, durch Men­schen­hand für Jahr­hun­derte, viel­leicht Jahr­tau­sende umbe­wohn­bar gemachte Land­stri­che.

Er trinkt von sei­nem Rad­ler. Auch ich geneh­mige mir einen Schluck, auch wenn ich jetzt eigent­lich etwas Här­te­res ver­tra­gen könnte.

»Wenn du mein frü­he­res Ich ster­ben lässt, ver­hin­derst du nicht, was gesche­hen ist. Und doch ver­hin­derst du es auf einer höhe­ren Ebene. Die Wahr­schein­lich­keit dafür ist dann so weit her­ab­ge­sun­ken, dass im Mul­ti­ver­sum die Kette end­lo­ser Wie­der­ho­lun­gen …«

Ich unter­bre­che ihn: »Hör schon auf mit die­sem Mist. Das ist doch alles bloße Spe­ku­la­tion! Was kön­nen wir schon über das Mul­ti­ver­sum wis­sen, außer dass …«

»… alles mög­lich ist? Alles?«

Ich zögere kurz, will ihm aber nicht zustim­men, son­dern bringe statt­des­sen ein neues Thema auf: »Sag mir lie­ber, warum du – unter all dei­nen Alter Egos – mich aus­ge­sucht hast.«

Der Mör­der blickt auf mei­nen Tel­ler. Ich habe den Rest des Gemü­ses nicht mehr ange­rührt. »Es gibt noch Des­sert«, sagt er, steht auf und räumt ab.

Crème brûlée. Der Mör­der flam­biert sie fach­ge­recht. Vor­sich­tig klopfe ich mit dem Löf­fel auf die harte Ober­flä­che. Schon wie beim Wok­ge­müse beschleicht mich das Gefühl, wenn ich mir das Essen des Mör­ders schme­cken lasse, lasse ich mich von ihm kau­fen.

»Ich habe es ver­spro­chen, weißt du«, sagt er leise, »all den Tau­sen­den, Mil­lio­nen, Mil­li­ar­den von Wesen, die mich in mei­nen Träu­men heim­su­chen, all den ankla­gen­den Gesich­tern, all den heu­len­den Geis­tern, die mich jede Nacht bedrän­gen. Und du bist meine ein­zige Hoff­nung, die­ses Ver­spre­chen zu erfül­len.«

Jetzt ist mein Löf­fel zu der wei­chen, süßen Masse unter der kara­mel­li­sier­ten Rohr­zu­cker­schicht vor­ge­drun­gen. Ich pro­biere eine Löf­fel­spitze voll. Himm­lisch.

»Warum ich?«

Der Mör­der zögert und atmet ein­mal tief durch. »Weil du ein­sam bist.«

»Ich habe Freunde. Meine Katze. Albo.«

»Albo und deine Katze – ja, das sind deine Freunde. Aber du hast keine Frau, keine Kin­der.«

»Die ande­ren sind alle ver­hei­ra­tet?«

»Die meis­ten.«

Schwei­gend löf­feln wir unsere Crème. »Mit wem?«, will ich fra­gen, nur kommt diese Frage ver­mut­lich drei­ßig, vier­zig Jahre zu spät.

»Und wann geht’s los? Jetzt, sofort, nach die­ser … Hen­kers­mahl­zeit?«

Wir haben unsere Schäl­chen leer­ge­ges­sen. Der Mör­der erhebt sich und bedeu­tet mir, ihm zu fol­gen. Wir gehen in mein Arbeits­zim­mer. Neben dem Schreib­tisch steht ein Trans­port­kä­fig für Klein­tiere mit Atem­schlit­zen in den Plas­tik­wän­den und Tra­ge­griff. Mir wird das Herz schwer. Wer­den wir Plu­ra­belle da rein­set­zen, und dann schickt er uns auf die Reise?

Aber dann ent­de­cke ich auf dem Schreib­tisch ein klei­nes ver­kleb­tes Paket. »Kor­ri­dore?«, frage ich. Der Mör­der nickt. »Fünf­zig Stück?« Er nickt ein wei­te­res Mal. »Die letz­ten?«

»Für dich, ja«, sagt er, nimmt seine Jacke, die er über mei­nen Schreib­tisch­stuhl gewor­fen hatte, und zieht sie sich über. »Kann ich dir das Spü­len über­las­sen?«

Er streckt die Hand aus. Ich will sie schüt­teln, ziehe meine Hand jedoch zurück, weil es mir unan­ge­mes­sen erscheint. Ein paar Augen­bli­cke ste­hen wir da und wis­sen nicht, was wir tun wol­len. Dann umarme ich ihn, mit dem Kopf an sei­ner rech­ten Seite, weil ich die­ser mons­trö­sen Wuche­rung auf kei­nen Fall zu nahe kom­men möchte. Er presst mich kurz und hef­tig an sich, dann weicht er zurück.

»Ich melde mich dann«, sagt er, bevor er sich umdreht und geht. Ich höre, wie die Haus­tür ins Schloss fällt. Plötz­lich streift meine Katze an mei­nem Bein ent­lang und beäugt inter­es­siert den Trans­port­kä­fig.

»Wir wer­den eine Reise unter­neh­men, Plu­ra­belle«, sage ich. »Aber wir haben fünf­zig Tage Zeit, uns vor­her von allem zu ver­ab­schie­den.« Das Päck­chen ist wie­der an mich adres­siert und bereits gestem­pelt. Der Absen­der fehlt. Es wer­den wie­der fünf­zig Texte darin sein, vom Mör­der mit fünf­zig ver­schie­de­nen Schreib­ma­schi­nen getippt, und sie haben immer den glei­chen Anfangs­satz: »Ich betrete den Kor­ri­dor.«

304/398

Ball­park Sci­ence

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Ich betrete den Kor­ri­dor im Namen der Wis­sen­schaft – als Blau‑8, also als jemand von der Teil­neh­mer­gruppe mit blauen Arm­bin­den. Meine trägt die Num­mer acht.

Die For­scher, die die Unter­su­chung durch­füh­ren, haben eine Fabrik­halle gemie­tet, durch die sich ein Kor­ri­dor schlän­gelt, der für jeden ein­zel­nen Durch­gang der Unter­su­chung ver­än­dert wird. An bei­den Enden des Kor­ri­dors: eine Art Auf­ent­halts­be­reich. Da ste­hen ein paar Stühle, zu Mit­tag soll hier ein klei­nes Buf­fet für uns auf­ge­baut wer­den, und an einer Seite kann man durch eine Stahl­tür ins Freie tre­ten und eine rau­chen, wäh­rend umge­baut wird und wir alle auf unse­ren nächs­ten Auf­tritt war­ten. Oder Ein­tritt, wenn man das so sehen möchte.

Jeder von uns hat ein Handy – Teil­nah­me­vor­aus­set­zung. Als ich die Aus­schrei­bung für die Unter­su­chung las, war ich ein wenig dar­über ver­wun­dert, aber inzwi­schen macht es Sinn für mich: Wir bekom­men indi­vi­du­elle Anwei­sun­gen per SMS.

Aktu­ell heißt es für mich: »Sie wol­len mög­lichst schnell Zim­mer Nr. 6007 fin­den, klop­fen dort an und war­ten davor.« Ein Count­down-Bal­ken über dem Durch­gang zum Kor­ri­dor berei­tet uns Pro­ban­den auf den Ein­satz vor. Der Bild­schirm blitzt auf, es ist soweit. Ich betrete den Kor­ri­dor, der die Fabrik­halle durch­zieht, und suche nach Zim­mer Nr. 6007. Aber nicht nur das. Ich halte auch nach Orange-17 Aus­schau, einer jun­gen Frau aus dem ande­ren Team, die alle oran­ge­far­bene Arm­bin­den tra­gen und uns bei jedem Durch­gang irgend­wann ent­ge­gen­kom­men.

Ver­schie­dene Licht­schran­ken mes­sen unse­ren »Durch­satz«, Kame­ras ver­fol­gen unsere Bewe­gun­gen durch den Kor­ri­dor aus der Vogel­per­spek­tive: All dies dient der Wis­sen­schaft vom Kor­ri­dor. Von Zugän­gen zum U‑Bahnhof bis zum Flur vor dem Spei­se­saal eines Hotel­kom­ple­xes – Staus, Bal­lun­gen und Zusam­men­stöße sol­len ver­mie­den, ein mög­lichst effek­ti­ver Durch­fluss soll gewähr­leis­tet wer­den. Zumin­dest nehme ich das an. Die letzte Unter­su­chung, an dem einige der hier betei­lig­ten For­scher und For­sche­rin­nen mit­ge­schrie­ben haben, hieß: »Expe­ri­men­tal study of pede­strian coun­ter­flow in a cor­ri­dor«.

Dies­mal knickt der Kor­ri­dor mehr­fach ab. Men­schen eilen oder schlen­dern in meine Rich­tung, einige kom­men mir ent­ge­gen. Orange-17 ist nicht dabei. Wie immer gibt es einige Blind­tü­ren im Kor­ri­dor. Sie sind num­me­riert. Eben bin ich an Nr. 6005 vor­bei­ge­kom­men. Jetzt ist auf mei­ner Lin­ken die 6009. Habe ich die 6007 ver­passt? Wie pein­lich. Ich drehe um, womit ich mir von den mir fol­gen­den Kor­ri­do­ris­ten einige ärger­li­che Bli­cke ein­handle. Mit einem von ihnen voll­führe ich unab­sicht­lich die­ses tän­ze­ri­sche Hin und Her, das man manch­mal auf Bür­ger­stei­gen beob­ach­ten kann, wenn zwei anein­an­der vor­bei­wol­len und jeweils zur sel­ben Seite aus­wei­chen.

So ein Mist: Ich finde die 6007 nicht! Ein kur­zer Hup­ton schallt durch die Halle. Ende des Durch­gangs. Kurz über­lege ich, ob ich nicht wie­der zurück­ge­hen soll. Eigent­lich lau­tet die Anwei­sung an uns: für die nächste Umbau­pause immer auf die gegen­über­lie­gende Seite! Würde ich zurück­ge­hen, wäre ich da, wo auch Orange-17 jetzt Pause macht. Aller­dings wäre ich mit mei­ner blauen Arm­binde der ein­zige unter lau­ter Leu­ten mit oran­ge­far­be­nen Bin­den. Das würde auf­fal­len, und ver­mut­lich würde mich einer der For­scher, die sich teils unter uns, teils in einem erhöh­ten Glas­kas­ten mit Blick auf die Gesamt­si­tua­tion auf­hal­ten, zu mei­ner Gruppe schi­cken. Also vor­wärts. So kann ich noch mal nach Nr. 6007 Aus­schau hal­ten. Aber ich finde die Tür nicht. Erst an der Theke mit Tee und Kaf­fee im Auf­ent­halts­raum wird mir klar, dass das ver­mut­lich Prin­zip gewe­sen ist: Ich sollte eine Tür suchen, die es gar nicht gibt. Na toll. Was tut man nicht alles für die Wis­sen­schaft!

Wir Kor­ri­do­ris­ten – diese Bezeich­nung hat sich gleich zu Beginn unter uns durch­ge­setzt – sind eine bunte Truppe unter­schied­li­chen Alters und stel­len ver­mut­lich einen guten Bevöl­ke­rungs­durch­schnitt dar. Sogar zwei Roll­stuhl­fah­rer sind mit dabei. Natür­lich kom­men wir in den Pau­sen mit­ein­an­der ins Gespräch. Wer bist du denn, wo kommst du her, was machst du sonst, wie hast du von der Sache hier erfah­ren? Ich halte mich abseits. Das alles würde ich gerne von Orange-17 erfah­ren. Aber die gehört nun mal zu der ande­ren Truppe.

Kann ich ihr hier eine Nach­richt hin­ter­las­sen? Wie sollte die aus­se­hen? Ein Zet­tel an einer der Ther­mos­kan­nen: »Blau‑8 möchte gerne Orange-17 ken­nen­ler­nen. Sprich mich im Kor­ri­dor an, wenn du mich auch inter­es­sant fin­dest!« Das wür­den dann natür­lich alle lesen, und es käme im Kor­ri­dor garan­tiert zu neu­gie­ri­gen Bli­cken oder gar Bal­lun­gen um uns beide herum: Für viele wäre diese Ange­le­gen­heit wohl weit inter­es­san­ter als die Auf­ga­ben, die uns hier so zuge­simst wer­den.

»Sie wol­len mög­lichst schnell ans andere Ende des Kor­ri­dors – ohne zu ren­nen«, heißt es meist. Oder: »Sie schlen­dern, blei­ben vor den Bil­dern ste­hen, haben Zeit tot­zu­schla­gen, bis Sie das andere Ende des Kor­ri­dors errei­chen.« Oder: »Sie suchen nach einem WC und tre­ten dort ein. Falls besetzt, war­ten Sie vor der Tür.«

Der Umbau des Kor­ri­dors macht dies­mal ziem­li­chen Lärm. Tech­ni­ker sind mit den Schie­nen­krä­nen an der Hal­len­de­cke und Gabel­stap­lern dabei, die ein­zel­nen Wand­teile zu einer neuen Kom­bi­na­tion zusam­men­zu­set­zen.

Mein Handy wie­hert. Eine SMS mit der neuen Auf­gabe: »Sie sind im Kor­ri­dor auf der Suche nach Orange‑4. Sobald Sie die Per­son gefun­den haben, bezich­ti­gen Sie sie, Ihnen eine Schrott­im­mo­bi­lie ver­kauft zu haben, und ver­lan­gen eine Ent­schä­di­gung.« Mist. Orange‑4 – und nicht Orange-17 mit ihren bezau­bern­den brau­nen Locken.

Dies­mal jedoch sehe ich sie im Kor­ri­dor. Sie kommt mir ent­ge­gen, erwi­dert mei­nen Blick und lächelt, und ich glaube sogar, sie zuckt bedau­ernd die Ach­seln, wie um zu signa­li­sie­ren, wir kön­nen und dür­fen uns nicht mit­ein­an­der unter­hal­ten. Ich kann mich daran nicht lange erfreuen, denn kurz hin­ter ihr ent­de­cke ich Orange‑4. Er will sich offen­bar auf keine Dis­kus­sion ein­las­sen und flüch­tet zwi­schen die ande­ren Kor­ri­do­ris­ten. Ich mache mich an die Ver­fol­gung, aber schon kurz danach ertönt die Hupe. Wir gehen nickend anein­an­der vor­bei, jeder auf dem Weg zu sei­nem Auf­ent­halts­raum.

Meine Chance kommt, als ich bei einem Sei­ten­blick auf das Klemm­brett eines der For­scher eine Liste mit Tele­fon­num­mern ent­de­cke. In einem unbe­dach­ten Moment iden­ti­fi­ziere ich die von Orange-17. Per­fekt! Ich ver­schi­cke eine SMS: »Zusatz­auf­gabe: Sie tref­fen Blau‑8, den Sie sehr attrak­tiv fin­den, und fra­gen ihn, ob er nach der Unter­su­chung noch Zeit hat, um mit Ihnen etwas trin­ken zu gehen.«

Natür­lich hat sie mei­nen Trick durch­schaut. Der Kor­ri­dor ist hier ver­engt, aber sie fragt mich trotz­dem, obwohl sie sich sehr zurück­hal­ten muss, um nicht in lau­tes Lachen aus­zu­bre­chen. Der Stau, der sich zu bei­den Sei­ten von uns bil­det, ist uns egal. Ich nehme ihr freund­li­ches Ange­bot gerne an: Klar habe ich anschlie­ßend Zeit, um mit ihr bei einem Cai­pi­rinha über Kor­ri­dore zu reden oder wor­über auch immer sie sich gerne mit mir unter­hal­ten möchte.

Die Arm­bin­den dür­fen wir behal­ten, und wir legen sie nicht wie alle ande­ren ab, son­dern tra­gen sie noch im Restau­rant und wei­ter bis tief in die Nacht. Blau‑8 und Orange-17. Kor­ri­dore sind was Tol­les!

 

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(Real) No-Brai­ner

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Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen den Ser­vern und schiebe mei­nen Werk­zeug­wa­gen durch die rie­sige Halle. Heute ist der Tag! Früh am Mor­gen kam die SMS, dass es soweit ist: Wir schla­gen zu. Welt­weit bege­ben sich die Mit­glie­der mei­nes Teams in die gro­ßen Ser­ver­räume, und um genau 12 Uhr MEZ las­sen wir dort unsere Bom­ben hoch­ge­hen.

Nine-Ele­ven, der 11. Sep­tem­ber, war nur ein klei­ner Vor­ge­schmack. Dies­mal zer­stö­ren wir mit einem Schlag das gesamte Inter­net, diese Quelle des Bösen und Ver­derb­ten. Der Wes­ten wird strau­cheln und stür­zen.

Wir alle, die wir uns jah­re­lang auf diese Aktion im Namen Got­tes und unse­res Anfüh­rers vor­be­rei­tet und unter fal­schem Namen in die Ser­ver­far­men ein­ge­schleust haben, wer­den ster­ben, aber Allah wird uns als Mär­ty­rer reich beloh­nen. Und damit die Ungläu­bi­gen wis­sen, wem sie die­sen Schlag zu ver­dan­ken haben, haben wir eine Web­site vor­be­rei­tet, auf der unsere Beken­ner­vi­deos zu sehen und zu hören sind – damit sie unsere Fami­lien mit Stolz erfül­len.

Die Bombe ist im Werk­zeug­wa­gen ver­steckt. Nie­mand hier ahnt etwas, nie­mand hat mir etwas ange­merkt. Gleich ist es 12 Uhr MEZ. Ich lege die Hand an den Zün­der. Aber Augen­blick mal! Wol­len wir tat­säch­lich der Welt die Zer­stö­rung des Inter­nets mit einer Web­site mit­tei­len? Ist das nicht ein Denk­feh­ler? All­mäch­ti­ger! Es ist Punkt zwölf. Ich müsste jetzt die Bombe zün­den. Meine Hand zit­tert. Soll ich diese Ser­ver hier nicht bes­ser aus­spa­ren? Wenigs­tens sie?

Ja. Sonst wäre alles ver­ge­bens.

Ich muss die­ses Opfer brin­gen. Es gibt kei­nen ande­ren Weg.

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Imperti et impera

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der mich zu den Kel­ler­ge­wöl­ben mit den Pil­zen führt. Jung­frauen und Jüng­linge hat mir die Stadt, hat mir das Volk schon lange keine mehr geop­fert. Manch­mal gelingt es mir, in einem der Innen­höfe einen Vogel zu fan­gen. Doch das ist nur ein klei­ner Hap­pen, und meist muss ich in die feuch­ten Gewölbe hin­ab­stei­gen, um Pilze von den Wän­den zu fres­sen. Sie machen nicht rich­tig satt, und die unsäg­li­che Demü­ti­gung macht mich wütend.

Letzt­hin, nach zu vie­len Pil­zen, habe ich geträumt, ein jun­ger Mann tritt zu mir in den Thron­saal. Er hält ein Klemm­brett in der Hand.

»Guten Tag«, sagt er freund­lich. »Sie müs­sen sich regis­trie­ren.«

»Was?« Ich habe zu lange an der Wand geses­sen: Meine Gelenke sind steif, und ich komme nicht sofort hoch, um ihn umzu­brin­gen.

»Alle Mino­tau­ren müs­sen sich regis­trie­ren. Ich bin hier, um Ihnen dabei zu hel­fen. Sie benö­ti­gen ein Pass­wort.«

»Alle Mino­tau­ren?«

»Ja. Sie gehö­ren zu den über­na­tür­li­chen Wesen­hei­ten.«

»Aber es gibt nur mich!«, brülle ich, wäh­rend ich wei­ter ver­su­che, auf meine Füße zu kom­men.

Der Mann schüt­telt lächelnd den Kopf und blickt auf sein Klemm­brett, das gar kein rich­ti­ges Klemm­brett ist, weil es näm­lich leuch­tet und ihm far­bige Fle­cken ins Gesicht zeich­net. Er malt mit den Fin­gern dar­auf herum. »Es sind bereits 141 Mino­tau­ren regis­triert.«

»Ein­hun­dert­ein­und­vier­zig Mino­tau­ren?!«, schnaufe ich.

»Ja, welt­weit. Ich habe schon alles für Sie ein­ge­tra­gen. Sie brau­chen jetzt noch ein Pass­wort.«

»Haben Sie mit Däda­lus gespro­chen? Hat er Sie geschickt?«

»Däda­len sind nicht regis­trie­rungs­pflich­tig.«

»Gibt es von ihm«, frage ich kon­ster­niert, »auch so viele?«

»Na, das möchte ich doch wohl anneh­men«, erwi­dert der Mann. Inzwi­schen konnte ich mich end­lich erhe­ben. Ich senke den Kopf und spieße ihn auf. Dass es nur einen Mino­tau­rus gibt, näm­lich mich, wird er, ver­mute ich mal, spä­tes­tens jetzt regis­triert haben.

 

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Lebens­Wan­del

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Ich betrete den Kor­ri­dor und erwi­sche mich bei dem Gedan­ken: Jetzt brauch ich aber wirk­lich drin­gend eine Ziga­rette! Schlimm eigent­lich. Ande­rer­seits steht das natür­lich auch für den ver­ständ­li­chen Wunsch, mal an was ande­res als die Akten zu den­ken, sich zu ent­span­nen und wenigs­tens kurz mal so rich­tig, äh, durch­zu­at­men. Nicole jeden­falls scheint es ähn­lich zu gehen: Sie kommt schnel­len Schrit­tes den Gang ent­lang, wäh­rend sie sich Tabak­reste aus ihrer Selbst­ge­dreh­ten zupft.

»Heut ist’s beson­ders übel!«, begrüßt sie mich.

»Ja, ich weiß auch nicht, eigent­lich bin ich gar nicht der Sucht­typ. So einen Jie­per aufs Niko­tin hab ich sel­ten.«

Nicole schüt­telt unwirsch den Kopf: »Ich red von der Arbeit. So ist das Leben nicht gedacht. Zah­len­ko­lum­nen, For­mu­lare, Gesetze, Papier, das enge Büro, Neon­licht …«

Wir haben unse­ren Rau­cher­bal­kon erreicht. Nicole gibt mir Feuer.

»Fin­dest du nicht«, fragt sie mich nach ihrem ers­ten, tie­fen Zug, »dass es einen Bür­ger­krieg geben sollte, und als Ers­tes wird unser Amt zer­bombt?«

»Wäh­rend wir drin sind?«

»Da hät­ten wir ja nichts von. Nee, lie­ber ein paar von den andern.«

»Der Chef zumin­dest.«

»Japp. Soll er hoch­ge­hen, mit all sei­ner Arro­ganz und Inkom­pe­tenz.«

»Und viel­leicht die Con­trol­ling-Abtei­lung …«

»Klar. Und die Zicken aus dem drit­ten Stock. Und all die ange­jahr­ten Büro­hengste, die dir in der Kan­tine immer sab­bernd auf den Hin­tern star­ren.«

»Also alle außer uns.«

»Alle außer uns, genau.«

»Und wo sollte ich dann hin?« Ich bli­cke run­ter auf die Straße. Alles fried­lich, keine Zusam­men­rot­tun­gen auf­ge­brach­ter Wut­bür­ger, die Steine und Molo­tow­cock­tails wer­fen und bom­ben­ge­spickte Lie­fer­wa­gen vor unse­rem Amt par­ken.

»Ach, Lisa, das ist doch völ­lig egal. Haupt­sa­che weg von allem, von dem Trott, dem Kan­ti­nen­fraß, den Akten­stö­ßen, all den Idio­ten hier, dem Ewig-Glei­chen. Irgendwo in der wei­ten Welt ein völ­lig neues Leben anfan­gen.«

»Ich möchte eigent­lich«, gebe ich zu beden­ken, »erst ein­mal hier eins anfan­gen. Also nicht unbe­dingt hier im Amt: hier in der Stadt, meine ich.«

Nicole sieht mich an, als habe ich etwas sehr Klu­ges gesagt. Oder viel­leicht auch etwas sehr Blö­des. Jeden­falls legt sie mir freund­schaft­lich die Hand auf die Schul­ter: »Das habe ich vor zwan­zig Jah­ren auch gedacht. Aber inzwi­schen weiß ich, dass ich mir die ganze Zeit etwas vor­ge­macht habe.«

»Mann, du bist ja viel­leicht drauf heute. Stell bloß kei­nen Unsinn an, ohne mir vor­her Bescheid zu geben!«

Nicole wen­det sich lächelnd ab: »Hörst du nicht, wie uns der Süden ruft?« Sie legt – ein wenig thea­tra­lisch, finde ich – die Hand hin­ters Ohr, als würde sie wirk­lich etwas aus der Rich­tung der ange­hen­den Mit­tags­sonne hören, die sich hin­ter einem grauen, wat­ti­gen Him­mel ver­steckt. Wenigs­tens reg­net es nicht.

»Strand, Sonne, Meer, la dolce vita …«, schwärmt sie.

»Pira­ten«, sage ich. Sie blickt mich wie­der an.

»Genau. Man muss die Gele­gen­heit beim Schopf ergrei­fen!«

»Wel­che Gele­gen­heit?« Mich beschleicht plötz­lich das ungute Gefühl, Nicole hat bereits Nägel mit Köp­fen gemacht. Einen Flug gebucht zum Bei­spiel – ohne Rück­flug. Oder gekün­digt. Doch sie zuckt die Schul­tern: »Ich weiß auch nicht. Aber man kann doch nicht immer nur in sei­nem Büro sit­zen und träu­men. Ach, Lisa.«

Ich hasse es, wenn sie »Ach, Lisa« sagt – mit die­sem unend­lich trau­ri­gen Blick, der mir das Herz zusam­men­schnürt. Schließ­lich ist sie meine Freun­din, und ich möchte doch, dass sie glück­lich ist.

»Das kann ein­fach nicht meine Bestim­mung sein.« Damit meint sie wohl nicht nur den Rau­cher­bal­kon. Sie brei­tet beschwö­rend die Arme aus.

»He, Schick­sal!«, ruft sie, tritt schnell noch ihre Selbst­ge­drehte aus und wen­det sich dann mit kampf­lus­tig vor­ge­reck­tem Kopf an den Him­mel über der Stadt. »Was immer du noch für mich vor­ge­se­hen hast: Jetzt ist der rich­tige Moment dafür gekom­men. Hörst du? Ich bin bereit!«

Auch ich bli­cke jetzt gespannt und ein wenig besorgt hoch zu den Wol­ken. Fast erwarte ich, es zuckt ein Blitz her­un­ter – oder die grauen Schwa­den rei­ßen auf und eine Stimme don­nert vom Him­mel: »Pass bloß auf, was du dir da wünschst, Nicole. Es könnte in Erfül­lung gehen.«

Sie blickt mich an und nickt lang­sam. »Einen Ver­such war’s wert. Dann halt so wei­ter bis zur Rente.« Sie öff­net die Bal­kon­tür und betritt den Kor­ri­dor. Ich nehme noch einen letz­ten Zug und folge ihr.

›Bes­ser wär’s‹, denke ich. Und da kenne ich sie, glaube ich, gut genug: Sie beklagt sich immer wie­der mal, aber es müsste schon etwas echt Dras­ti­sches pas­sie­ren, bis sie sich wirk­lich ein Herz fasst und Taten fol­gen lässt. Ich bin da ganz ego­is­tisch: Ohne Nicole und unsere gemein­same täg­li­che Ziga­ret­ten­pause wüsste ich nicht, wie ich hier die Tage über­ste­hen soll.

 

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Tvi­fari

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Ich betrete den Kor­ri­dor und bin mir eigent­lich ziem­lich sicher, dass es der ist, der mich in die Instal­la­tion hin­ein­ge­führt hat. Aber es gibt kei­nen Aus­gang. Statt­des­sen knickt am Ende des Kor­ri­dors ein wei­te­rer ab, der genauso aus­sieht: chrom­glän­zen­der Boden, chrom­glän­zende Decke, und die Sei­ten­wände sind mil­chig weiß. Von dem knickt wie­der ein wei­te­rer die­ser Kor­ri­dore ab. Ist das jetzt end­lich der, der mich wie­der hin­aus­führt?

Die Instal­la­tion mit dem Titel »Birth of Transhumanism––Death No More«, die die­sen Teil der Aus­stel­lungs­räume fast kom­plett aus­füllt, darf man nur ein­zeln betre­ten. Blöd von mir, nicht mehr den Aus­gang zu fin­den. Andere Aus­stel­lungs­be­su­cher müs­sen jetzt war­ten. Habe ich etwas über­se­hen? Ich trete an die Milch­glas­wand heran und ver­su­che hin­durch­zu­bli­cken. Doch nichts zeich­net sich dahin­ter ab. Ich werde ein­fach wei­ter­ge­hen. Irgendwo muss doch ein Aus­gang sein, oder zumin­dest der Ein­gang, durch den ich hin­ein­ge­kom­men bin. Kor­ri­dor um Kor­ri­dor knickt ab.

Was will mir die Künst­le­rin sagen? Unter »Trans­hu­ma­nis­mus« habe ich mir etwas ganz ande­res vor­ge­stellt: tech­ni­sche Implan­tate, die uns Men­schen stär­ker machen, schnel­ler, klü­ger. Oder die künst­le­ri­sche Umset­zung des Uploads mei­ner Erin­ne­run­gen und mei­ner Per­sön­lich­keit in einen Com­pu­ter, mit dem der Mensch – »Death No More« – quasi unsterb­lich wird. Die tech­no­iden Träume der Trans­hu­ma­nis­ten halt. Doch nichts davon. Glän­zen­der Chrom, Milch­glas – das ist alles. Außer mir natür­lich, der ich durch diese Kor­ri­dore laufe und den Aus­gang suche.

Ein Schat­ten hin­ter einer der Milch­glas­wände: Unscharf erkenne ich eine Per­son, sie tritt näher an die Scheibe, beschirmt die Augen mit einer Hand und ver­sucht, durch das Milch­glas hin­durch­zu­se­hen. Ich will mich gerade bemerk­bar machen, da wird mir plötz­lich klar, dass ich das bin. Ich selbst bin es, wie ich vor eini­gen Minu­ten ver­sucht habe, durch eine der Kor­ri­dor­wände hin­durch­zu­se­hen – und ein ganz eigen­ar­ti­ges Gefühl durch­fährt mich, und die Här­chen auf mei­nen Armen stel­len sich auf. Die Figur, mein Alter Ego, tritt wie­der in die Unschärfe zurück, ver­schwimmt in der mil­chi­gen Helle und löst sich schließ­lich darin auf.

Mich erfasst eine unbe­stimmte Angst. Die Angst, mir selbst zu begeg­nen? Nie mehr den Aus­gang zu fin­den? Von den Kor­ri­do­ren aus Chrom und Glas ver­schlun­gen zu wer­den? »Hallo?«, rufe ich zögernd. »Hört mich jemand? Gibt’s hier einen Tech­ni­ker? Ich möchte jetzt gerne wie­der raus aus der Instal­la­tion!« Keine Ant­wort. Ich gehe schnel­len Schrit­tes wei­ter, ver­falle sogar in Lauf­schritt.

Dann ein lei­ses Knir­schen hin­ter mir. Dort, am Ende des Kor­ri­dors, hat sich etwas ver­än­dert. Wur­den Wände ver­rückt? Ich höre ver­hall­tes Stim­men­ge­mur­mel. Das Licht ist ein ande­res: Das muss der Aus­gang sein! Ich atme tief durch und gehe gemes­se­nen Schrit­tes durch den Kor­ri­dor zurück. Er knickt ab und – öff­net sich in die Aus­stel­lungs­halle. Die Besu­cher­schlange, die in die Instal­la­tion hin­ein­möchte, ist inzwi­schen noch län­ger gewor­den. Der Wär­ter klinkt die dicke rote Kor­del aus, die den Durch­lass absperrt. Ein älte­rer Mann mit Brille und einer roten Samt­weste ist als Nächs­tes an der Reihe. »Und, wie ist es da drin?«, fragt er. Ich ver­su­che ein Lächeln. »Ein­drück­lich«, sage ich.

Spä­ter wird mir klar, dass es eine ver­steckte Kamera gewe­sen sein muss: Eine Kamera hat auf­ge­zeich­net, wie ich ver­suchte, durch die Milch­glas­wand hin­durch­zu­se­hen, und das wurde dann spä­ter auf eine der Wände pro­ji­ziert. Ver­mut­lich machen sie das bei jedem Besu­cher so.

Ich habe also ganz grund­los Herz­ra­sen bekom­men. Pein­lich, in der Instal­la­tion um Hilfe zu rufen. Hof­fent­lich hat mich drau­ßen kei­ner gehört.

 

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The Gist of the Tryst

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Ich betrete den Kor­ri­dor. End­lich ist es soweit: Es riecht betö­rend nach Laven­del. Meine heim­li­che Geliebte hat mir eine Duftuhr zukom­men las­sen, ein Rauch­werk, das ich bei Son­nen­un­ter­gang anzün­den sollte und das dann lang­sam her­un­ter­brannte, zu jedem Stun­den­wech­sel einen ande­ren Geruch ver­strö­mend. Unge­dul­dig war­tete ich. Zuerst roch es nach Vanille, dann durch­zug das Aroma von Ros­ma­rin mein ein­sa­mes Gemach. Ich muss kurz ein­ge­nickt sein. Der Duft von Laven­del weckte mich, und sogleich begab ich mich in den Kor­ri­dor, in dem wir uns heim­lich tref­fen wol­len.

Nur ein wenig silb­ri­ges Mond­licht beleuch­tet den Gang. Sehe ich dort hin­ten sie, meine Geliebte? Ein Schat­ten nur, eine Sil­hou­ette. Ich eile hin, die Arme aus­ge­streckt, und sie wen­det sich mir zu, brei­tet eben­falls die Arme aus. Wir eilen auf ein­ein­an­der zu, doch plötz­lich sto­cken wir im Schritt und hal­ten inne. Es ist Jur­gen, der groß­ge­wach­sene, bär­tige Rit­ter. »Was tust du hier, Koch?«, fragt er her­ab­las­send, als sei dies sein Tur­nier­platz – und nicht der Flü­gel des Palas­tes, in dem die Prin­zes­sin wohnt mit ihren Kam­mer­zo­fen und Dienst­mäg­den. Trotz­dem stot­tere ich, senke unwill­kür­lich mein Haupt, trete einen Schritt zurück. »Laven­del«, dringt aus mei­nem Mund.

Jur­gen bricht in Lachen aus. »Hat dich eine Magd her­be­stellt, Koch? Dann bist du schlecht bera­ten, denn die Rauch­uhr steht erst bei Ama­ryl­lis­duft.« Ich murmle etwas, das der Rit­ter als Wider­spruch auf­nimmt. Er belehrt mich: »Ama­ryl­lis, nicht Laven­del. Ich werde doch wohl wis­sen, wie Ama­ryl­lis riecht!«

Er blickt sich um: »Oder siehst du hier irgendwo deine Magd?«

»Und deine …?« Ich spre­che es nicht aus. Wie­der blickt sich Jur­gen um: »Sie hat Ama­ryl­lis gesagt, und ich habe Ama­ryl­lis gero­chen.« Doch der Gang ist – bis auf uns beide natür­lich – leer. Keine Tür öff­net sich, keine Gestalt schleicht herum.

»Hm«, sagt der Rit­ter und reibt sich den Bart. Dann packt er mich am Kra­gen und schleift mich mit sich, den Kor­ri­dor ent­lang, die Treppe hinab, durch die dunkle Halle in den Schirr­hof, an den Pfer­de­stäl­len und am Häus­chen der Schild­wa­che vor­bei bis in das Gebäude mit den Quar­tie­ren für die Rit­ter.

Wir ste­hen in einem Raum mit einer Prit­sche, den nur die Glut eines her­un­ter­ge­brann­ten Kamin­feu­ers erhellt. Das Rauch­werk steht auf einem klei­nen Tisch­chen unter der Fens­ter­ni­sche und glimmt. Es riecht nach Laven­del. »Ama­ryl­lis, riechst du’s?«, fragt er. Ich wage nicht zu wider­spre­chen. Mei­nen Augen jedoch sieht er an, dass ich seine Mei­nung nicht teile.

»Laven­del?«, fragt er. Ich zögere erst und wage dann, zu nicken.

»Dann bin ich viel­leicht zu früh dran«, sagt Jur­gen. Er packt mich erneut an den Schul­tern: »Wonach hat es bis­her gero­chen? Sprich!«

»Vanille«, sage ich, »Ros­ma­rin … Laven­del.«

»Bist du ein­ge­schla­fen? Es waren mehr als drei Düfte, es ist doch schon fast Mor­gen.«

Veil­chen­duft durch­zieht jetzt das Gemach. Auch Jur­gen riecht es. Er lässt mich los. »Ama­ryl­lis?«, fragt er hoff­nungs­voll.

Ich schüttle den Kopf: »Veil­chen.« Er schnup­pert und kratzt sich den Bart: »Dann muss Ama­ryl­lis danach kom­men.« Ich nicke, und er lacht: »Na los, Koch, deine Magd war­tet sicher schon sehn­süch­tig auf dich.«

»Es ist keine Magd«, sage ich trot­zig.

»Na, dann geh zu dei­ner Zofe.«

»Es ist auch keine Zofe.«

Der Rit­ter lacht: »Na, es wird ja wohl nicht …« Er hält inne, als er mei­nen Blick bemerkt, und packt mich wie­der bei den Schul­tern. »Die Prin­zes­sin?«, fragt er, und seine Stimme ist nur ein Hauch. Ich nicke. Sehe ich da Trä­nen in sei­nen Augen? »Sie sagte, sie gehöre nur mir!«, flüs­tert er hei­ser.

»Im Häus­chen der Schild­wa­che«, sage ich, »roch es auch nach Laven­del, als wir vor­bei­gin­gen.«

Wir tre­ten beide an die schmale Fens­ter­öff­nung, durch die der im Mond­licht dalie­gende Hof zu sehen ist. Ein Schat­ten löst sich vom Häus­chen der Schild­wa­che und strebt auf die Ein­gangs­halle zu.

»Die Schild­wa­che?!«, flüs­tert Jur­gen mit erstick­ter Stimme.

»Ihm hat sie gesagt, er soll kom­men, wenn es nach Veil­chen duf­tet«, ver­mute ich.

»Ich werde, ich werde … Wo ist mein Schwert?« Rit­ter Jur­gen durch­stö­bert seine Hab­se­lig­kei­ten. »Die Schild­wa­che ist kein Geg­ner für mich, und wenn ich ihr gegen­über­stehe, werde ich, werde ich …«

»Ihr wer­det ihr nicht gegen­über­ste­hen«, sage ich. Jur­gen kniet vor sei­ner Prit­sche und will gerade dar­un­ter­krie­chen. Erstaunt blickt er zu mir auf.

»Auch wenn sie sich für jede Stunde der Nacht einen Lieb­ha­ber bestellt: Sie selbst bleibt gewiss in ihrem Gemach und schlum­mert süß. Und wenn sie kurz erwa­chen sollte, wird sie lachen bei dem Gedan­ken daran, was wohl die ganze Nacht lang im Kor­ri­dor vor sich gehen mag.«

Lang­sam erhebt Jur­gen sich wie­der. Er hat unter der Prit­sche eine Art fla­che kleine Holz­kiste gefun­den.

»Ja, so wird es sein. Ver­zo­ge­nes Gör. Eine bos­hafte kleine Per­son. Ganz der Vater.« Ich wage nicht zu nicken. »Du bist ein klu­ger Mann mit einer schnel­len Auf­fas­sungs­gabe. Spielst du Schach, Koch?«, fragt er und klopft auf die Holz­schach­tel. Ich schüttle den Kopf. »Zita­delle?« Wie­der schüttle ich den Kopf. »Dame?«, fragt er wei­ter. Ich nicke.

Wir set­zen uns an das Tisch­chen mit der Duftuhr und ver­tei­len im Licht einer Kerze, die Jur­gen ent­zün­det hat, unsere Steine auf dem Spiel­brett.