336/398

The Gues­sing Game

Logo

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor zu den Mann­schafts­quar­tie­ren. Seit über vier­zig Stun­den bin ich auf den Bei­nen, und der Kom­man­dant hat allen die Order erteilt, sich schla­fen zu legen. Dabei bin ich über­haupt nicht müde, son­dern hell­wach – auf eigen­tüm­li­che Weise: Meine Sinne sind geschärft und über­emp­find­lich, mein Kör­per fühlt sich dage­gen ein wenig dumpf und taub an. Hin und wie­der fal­len mir für Sekun­den die Augen­li­der zu, und ich gleite für kurze Momente in selt­same Erleb­nisse aus mei­ner Kind­heit ab.

Dabei spielt sich gerade die selt­samste Geschichte, die man sich den­ken kann, in der Wirk­lich­keit ab, auch wenn ich es kaum fas­sen kann: Wir haben Kon­takt mit einer frem­den Zivi­li­sa­tion auf­ge­nom­men!

*

Unser Lan­dungs­boot setzte in der sturm­durch­tos­ten Wüste auf, die die Ober­flä­che des Pla­ne­ten bil­det – zwi­schen bizar­ren halb­trans­pa­ren­ten Kon­struk­tio­nen, die lang­sam durch den Sand robb­ten, roll­ten und stak­ten, ange­trie­ben durch Segel und mecha­ni­sche Feder­werke. Viele von ihnen waren umge­fal­len oder im Sand ste­cken­ge­blie­ben und ver­fie­len lang­sam. Eine gro­tes­kere Sze­ne­rie für den Erst­kon­takt hätte ich mir kaum vor­stel­len kön­nen.

Uns war sofort klar, dass es sich bei die­sen offen­bar fern­ge­lenk­ten Fort­be­we­gungs­mit­teln nicht um intel­li­gen­tes Leben han­delte, son­dern um etwas, das von den Bewoh­nern die­ses Pla­ne­ten erschaf­fen wor­den war. Wir waren am Rand eines läng­li­chen Can­yons gelan­det, von denen Dut­zende die pla­ne­ten­weite sturm­durch­toste Wüste durch­zie­hen. Aus die­sem hier kam das starke Funk­si­gnal, und wir hat­ten beschlos­sen, nach dem Sen­der zu suchen.

Also zogen wir uns die Ska­p­hander über, ver­lie­ßen unser Lan­dungs­boot und stie­gen in die Schlucht hinab. Es tat gut, aus dem wüten­den Sturm und dem unauf­hör­li­chen Beschuss mit Sand­kör­nern her­aus­zu­kom­men. Der graue, zähe Nebel hier unten, der unsere Sicht­weite zwar auf wenige Schritte beschränkte, uns sonst aber nicht wei­ter störte, wurde nur an der Ober­flä­che von den stän­di­gen Sand­stür­men auf­ge­wühlt: Je tie­fer wir klet­ter­ten, desto stil­ler und trä­ger las­tete er. Obwohl sich die Fel­sen, über die wir kra­xel­ten, in nichts von denen auf der Erde unter­schie­den, hatte die ganze Situa­tion etwas Unheim­li­ches, und das Herz schlug mir bis zum Hals. Zum ers­ten Mal wür­den Men­schen auf lebende Außer­ir­di­sche tref­fen!

Kurz bevor wir den san­di­gen Boden der Schlucht erreich­ten, kroch aus dem Dunst ein Wesen heran, rich­tete sich vor uns auf – und redete uns an! Es war ein wurm­ar­ti­ges Geschöpf von der Größe eines See­ele­fan­ten, ohne Glied­ma­ßen, mit grauer, rin­den­ar­ti­ger Haut und einem Gesicht, das einem Tapir ähnelte. Aus der Mund­öff­nung unter dem kur­zen Rüs­sel drang ein modu­lier­tes Gur­geln, eine Abfolge von Schlürf- und Blub­ber­lau­ten. Dann begann sich auf rät­sel­hafte Weise der Nebel vor sei­ner Brust zu ver­dich­ten und zu einer grauen Minia­tur­aus­gabe mei­ner selbst zu for­men, wie ich dem Wesen mit grü­ßend erho­be­ner Hand gegen­über­stand.

So befremd­lich das alles war: Das Wesen stellte sich als freund­lich und recht kom­mu­ni­ka­tiv her­aus. Zu mei­ner Erleich­te­rung war es nicht wei­ter schwie­rig, seine Spra­che zu erler­nen, denn es konnte aus dem grauen Dunst belie­bige Gebilde for­men – anschei­nend allein mit der Kraft sei­ner Gedan­ken. Indem es diese Dinge immer gleich mit Gur­gel­lau­ten benannte, erwei­terte sich mein Wort­schatz schnell.

Ich zeich­nete unser Lan­dungs­boot in den Sand. Als unser Gegen­über begriff, dass es sich um unser Fort­be­we­gungs­mit­tel han­delte, wirkte es sehr auf­ge­regt und wollte mehr dar­über erfah­ren. Es mate­ria­li­sierte Räder, Feder­werke, Segel und Stel­zen mit Gelen­ken – und konnte offen­bar nicht begrei­fen, dass unser Schiff ohne all diese Hilfs­mit­tel von der Stelle kommt. Ver­bren­nungs­mo­to­ren schei­nen hier unbe­kannt zu sein, und der Kom­man­dant ver­bot mir, dem Wesen dar­über nähere Aus­kunft zu ertei­len.

Immer wie­der musste ich mir vor Augen füh­ren, dass ich nicht träumte – einem gro­ßen grauen Wurm mit sanf­ten Tapirau­gen gegen­über, der sich halb auf­ge­rich­tet hatte und zwi­schen uns auf geis­ter­hafte Weise Gegen­stände mate­ria­li­sierte und mit arti­ku­lier­ten Grunz­lau­ten benannte. Mit der Zeit ermög­lichte mir mein Com­pu­ter ein ers­tes sto­cken­des Gespräch, und immer mehr der Gurg­ler beka­men einen Sinn. Natür­lich ver­suchte ich mich nicht etwa selbst an den Lau­ten sei­ner Spra­che, son­dern ließ sie abspie­len, wäh­rend ich meine Fra­gen ein­tippte.

*

Die Ver­mo­iden – ihre gegrunzte Gat­tungs­be­zeich­nung lässt sich schlecht in mensch­li­cher Spra­che wie­der­ge­ben, so dass unser Exo-Bio­loge auf das gute alte Latein zurück­griff – ken­nen keine Kriege, Hun­gers­nöte oder Ver­bre­chen. Sie wei­den mit ihren beweg­li­chen Nasen win­zig­kleine algen­ar­tige Gewächse zwi­schen den Sand­kör­nern am Boden der Can­yons ab, eine Art Wüs­ten­plank­ton, das im Über­fluss vor­han­den ist. Anschei­nend ver­meh­ren sie sich unge­schlecht­lich – ver­mut­lich durch Abschnü­ren eines Teils ihres Kör­pers. Unser Mathe­ma­ti­ker spe­ku­lierte, dass sie womög­lich auch gleich ihre Nach­kom­men aus dem psy­cho­ak­ti­ven Nebel for­men, doch unse­rem Bio­lo­gen schien das völ­lig abwe­gig. Ich ver­suchte, eine ent­spre­chende Frage zu for­mu­lie­ren, aber unser Gegen­über reagierte aus­wei­chend. Auch Fra­gen nach dem Welt­raum, den Ster­nen, ande­ren Zivi­li­sa­tio­nen irri­tier­ten unse­ren Gesprächs­part­ner. Ich bekam den Ein­druck, dass die Ver­mo­iden, obwohl sie doch über eine Spra­che ver­fü­gen, ein­an­der eher mei­den und Ein­zel­gän­ger sind. Unser Gegen­über jeden­falls schien nur an einer Sache Inter­esse zu haben: am Kon­stru­ie­ren und Mate­ria­li­sie­ren von Maschi­nen, von füh­rer­lo­sen, fern­ge­steu­er­ten Fahr­zeu­gen, wie wir sie in der Wüste beob­ach­tet hat­ten.

Dank des Nebels, von dem unser Bio­loge meint, er sei mög­li­cher­weise bio­lo­gisch und mit den Ver­mo­iden eine Sym­biose ein­ge­gan­gen, genügt dazu offen­bar eine geschulte Vor­stel­lungs­kraft: Der Ver­mo­ide malt sich sein Werk in allen Ein­zel­hei­ten gedank­lich aus, und schon beginnt sich der Nebel zu ver­dich­ten und aus der Fan­ta­sie wird graue, hand­feste Wirk­lich­keit. Was auf uns wie Zau­be­rei wirkt, ist hier All­tag – jeder hier beherrscht diese Kunst.

*

Mir schwirrt der Kopf von all dem. Stand ich tat­säch­lich eben noch auf einem frem­den Pla­ne­ten und habe mich mit extra­ter­res­tri­schen Intel­li­gen­zen über ihr Leben unter­hal­ten?

Zwar schien der Ver­mo­ide an der Funk­ti­ons­weise unse­res Lan­dungs­boots inter­es­siert, nicht aber an uns selbst. Ich glaube, das lag daran, dass zwar alle in unse­rem Team ver­such­ten, eben­falls mit blo­ßer Gedan­ken­kraft etwas aus dem Nebel zu for­men, es jedoch kei­nem von uns gelang.

»Warum nur immer Fahr­zeuge? Warum nicht etwa … sta­tio­näre Maschi­nen? Oder ein­fach Häu­ser?« Wir waren auf kein ein­zi­ges Bau­werk gesto­ßen, und die Frage drängte sich für uns auf, rief jedoch Unver­ständ­nis her­vor. Es könne ihn, erklärte mir Verm, wie wir ihn unter­ein­an­der nann­ten, aus­schließ­lich ein per­fekt kon­zi­pier­tes Fahr­zeug von einem Nebel­gra­ben – so nen­nen sie die Can­yons auf der Pla­ne­ten­ober­flä­che – zum nächs­ten trans­por­tie­ren. So, wie es ja auch uns gelun­gen sei, zu flie­hen.

Es war anfangs nicht leicht her­aus­zu­be­kom­men, was er mit »flie­hen« meinte. Dann begrif­fen wir, dass er von Lärm sprach. Tat­säch­lich hatte unser Com­man­der bei den Gerä­ten, mit denen wir diese Begeg­nung akus­tisch auf­zeich­ne­ten, starke Aus­schläge bemerkt. Eine Über­prü­fung vor Ort ergab schnell, dass es sich um hoch­fre­quente Töne han­delte, ein stän­di­ges Sir­ren, das den mensch­li­chen Hör­be­reich über­schrei­tet und für uns unhör­bar bleibt. Schließ­lich ver­stand ich, was der Ver­mo­ide uns klar­ma­chen wollte: Im Can­yon herrscht für ihn ein stän­di­ger und kaum zu ertra­gen­der Lärm, den er mit Sin­nes­zel­len wahr­nimmt, die sei­nen gan­zen Kör­per über­zie­hen. Und des­halb will er flie­hen!

Zuerst nah­men wir an, die­ses für uns unhör­bare Sir­ren würde durch die Wech­sel­wir­kung der Ober­flä­chen­stürme mit dem Nebel in den Can­yons erzeugt, doch dann erkann­ten wir, dass der Nebel selbst die­sen Lärm ver­ur­sacht, und zwar immer dann, wenn aus ihm irgend­et­was geformt wird: Der Pro­zess der Ver­dich­tung lässt ihn sir­ren – und zwar desto lau­ter, je grö­ßer der mate­ria­li­sierte Gegen­stand ist. Der Com­man­der schwenkte das Mikro­fon im Kreis, und uns wurde bewusst, dass in die­sem Can­yon – hin­ter den Nebel­schwa­den ver­bor­gen – offen­bar Tau­sende, wenn nicht Zehn­tau­sende von Ver­mos damit beschäf­tigt waren, mit­tels Gedan­ken­kraft immer neue Kon­struk­tio­nen zu mani­fes­tie­ren. Daher der stän­dige Lärm.

Zur Ent­täu­schung unse­res Mathe­ma­ti­kers konnte uns Verm keine Bevöl­ke­rungs­zahl nen­nen. Er schien nicht wei­ter als bis vier­zehn zäh­len zu kön­nen. Aber er bekräf­tige, dass auch alle ande­ren Ver­mo­iden nur ein ein­zi­ges Inter­esse haben: ein funk­tio­nie­ren­des Fahr­zeug zu kon­stru­ie­ren, dass als Flucht­fahr­zeug die­nen kann, um dem stän­di­gen Lärm zu ent­kom­men – hin zu einem lee­ren, unbe­wohn­ten Can­yon, einem Nebel­gra­ben, in dem es still ist. Auch Verm selbst setzte alles daran, ein Fahr­zeug zu kon­stru­ie­ren, wel­ches in der Lage ist, ihn durch die erbar­mungs­lo­sen Sand­stürme zu einem der ande­ren Can­yons auf dem Pla­ne­ten zu brin­gen.

Ver­mo­iden schei­nen kei­ner­lei Schlaf zu brau­chen. Wir waren jetzt schon über vier­zig Stun­den auf den Bei­nen, und meine Kon­zen­tra­tion ließ nach. Ich war mir nicht sicher, ob ich all das rich­tig ver­stan­den hatte. Auf Bit­ten des Bio­lo­gen hin fragte ich nach, wie oft denn Ver­mo­iden in einem ihrer Fahr­zeuge in einen ande­ren Can­yon gelan­gen. Doch als Ant­wort dar­auf war mei­nem sonst recht aus­kunfts­freu­di­gen Gesprächs­part­ner nur zu ent­lo­cken, dass die Kon­struk­tio­nen erst aus­führ­lich getes­tet wer­den müss­ten: Erst einem Fort­be­we­gungs­mit­tel, das es wirk­lich bis zu einem ande­ren Nebel­gra­ben geschafft hat, will sich ein Ver­mo­ide anver­trauen. Lei­der jedoch hal­ten die Fahr­zeuge den grau­sa­men Stür­men nicht stand und stel­len meist irgendwo auf hal­ber Stre­cke mit Sand im Getriebe ihre Funk­tion ein. Stolz ver­riet Verm uns, dass er auch Maschi­nen ersinnt, die die­sen Schrott in den Wüs­ten auf­le­sen und zurück in die Nebel­grä­ben kip­pen, wo sie sich dann auf­lö­sen und neues Roh­ma­te­rial erge­ben. Aller­dings – so glaubte ich her­aus­zu­hö­ren – blei­ben auch diese Schrott­samm­ler oft lie­gen.

In mei­nen Ohren klang das alles ziem­lich ver­rückt, auch wenn ich lang­sam den Faden ver­lor, aber die ande­ren waren eher an den tech­ni­schen Details inter­es­siert, was Verm zu freuen schien. Gesteu­ert und über­wacht wür­den die Kon­struk­tio­nen, die füh­rer­los durch die Wüs­ten­stürme roll­ten, stak­ten und robb­ten, durch Signale, wel­che von Funk­strah­lern stamm­ten, die für die­sen Zweck eben­falls aus Nebel geformt wur­den.

Unser Gesprächs­part­ner kannte den star­ken Sen­der, nach dem mich der Com­man­der fra­gen ließ, und führte uns ein Stück weit in den Can­yon hin­ein, wobei er ande­ren Ver­mos geflis­sent­lich aus­wich. Manch­mal sahen wir sie sche­men­haft im Nebel, beschäf­tigt mit gro­ßen, kom­ple­xen Kon­struk­tio­nen: Fahr­zeu­gen auf Stel­zen oder mit Wal­zen oder Rädern – Flucht­fahr­zeuge, um dem all­ge­gen­wär­ti­gen Lärm zu ent­kom­men, den wir zum Glück nicht wahr­neh­men konn­ten.

*

Tau­sende inein­an­der ver­schlun­gene graue Rohre und Röhr­chen, bedeckt von schnell vibrie­ren­den Här­chen: der Funk­strah­ler. Er sah eher orga­nisch aus als wie eine Maschine, fast wie ein Lebe­we­sen. Unglaub­lich, dass sich so etwas ein­fach erdenken lässt. Ich hörte, wie unser Bio­loge mur­melte, die­ser Pla­net hier würde all unsere Vor­stel­lun­gen von Leben und Evo­lu­tion kom­plett auf den Kopf stel­len.

Der Erbauer des Sen­ders, erklärte mir Verm, sei schon lange tot. Er habe damals ver­sucht, alle Ver­mo­iden im Can­yon davon zu über­zeu­gen, dass sie das Kon­stru­ie­ren von Fahr­zeu­gen been­den müss­ten, ja, dass sie gänz­lich auf­hö­ren soll­ten, etwas aus Nebel zu for­men. Gemein­sam könn­ten sie so einen »Nebel­gra­ben der Stille« schaf­fen, einen Ort, wie sie ihn alle zu fin­den hof­fen – den es aller­dings nir­gendwo gebe, da alle Can­yons von lär­men­den Ver­mos bewohnt seien.

Doch die­ser Vor­schlag – unser Gesprächs­part­ner belegte ihn mit einem Begriff, der mir abfäl­lig zu sein schien – spornte alle nur noch mehr an, end­lich ein funk­tio­nie­ren­des, wüs­ten­taug­li­ches Flucht­fahr­zeug zu erfin­den, wor­auf der Ver­mo­ide die­sen Sen­der zu kon­stru­ie­ren begann, wohl in der Hoff­nung, damit Hilfe her­bei­ho­len zu kön­nen.

Viel­leicht hatte er ja sogar auf uns gehofft, dachte ich, aber bevor ich mei­nen Gesprächs­part­ner wei­ter befra­gen konnte, ließ der Com­man­der abbre­chen. Wir nick­ten alle schon fast im Ste­hen ein. Also ver­ab­schie­de­ten wir uns und kehr­ten zum Lan­dungs­boot zurück.

*

Auf dem Rück­flug zum Schiff ent­zün­dete sich eine Dis­kus­sion zwi­schen uns, die aller­dings ziem­lich schnell wie­der ein­schlief, als wir alle fest­stell­ten, dass uns jeweils ganz unter­schied­li­che Dinge auf der Seele brann­ten. Unser Com­man­der ent­deckte, dass sich die Nebel­pro­ben, die wir zur Unter­su­chung mit­ge­nom­men hat­ten, mit stei­gen­der Ent­fer­nung von der Pla­ne­ten­ober­flä­che auf­zu­lö­sen began­nen, ohne Rück­stände zu hin­ter­las­sen. Befrie­digt stellte er fest, dass die Ver­mos zwar in der Lage sein dürf­ten, Flug­ma­schi­nen zu bauen, aber nie­mals Raum­schiffe, weil ihr Bau­ma­te­rial ihren Pla­ne­ten nicht ver­las­sen kann. Damit stell­ten sie kei­ner­lei Gefahr für die Mensch­heit dar. Unser Bio­loge konnte immer noch nicht fas­sen, was für Kon­se­quen­zen diese Begeg­nung mit einer frem­den Intel­li­genz und ihren Fähig­kei­ten für unser Ver­ständ­nis davon bedeu­tet, was Leben ist, wie es ent­steht und sich wei­ter­ent­wi­ckelt. Mas­an­ori, unser Mathe­ma­ti­ker kam nicht dar­über hin­weg, dass die Ver­mos weder wei­ter als Klein­kin­der zäh­len kön­nen noch über phy­si­ka­li­sche Kennt­nisse ver­fü­gen – und trotz­dem einen Radio­sen­der kon­stru­ie­ren konn­ten, der fünf­zehn Licht­jahre über­brü­cken kann. Ich dage­gen wollte über den Erbauer des Sen­ders spre­chen, den unver­stan­de­nen »Pro­phe­ten« der Ver­mos, der uns ja sozu­sa­gen geholt oder zumin­dest her­bei­ge­lockt hatte. Tru­gen wir damit nicht die Ver­ant­wor­tung, den Ver­mo­iden ihr Pro­blem vor Augen zu füh­ren, für das sie offen­bar betriebs­blind zu sein schie­nen?

Die ande­ren sahen mich irri­tiert an. »Betriebs­blind? Was meinst du damit?«, fragte mich der Bio­loge ver­dat­tert. Da wir alle drin­gend Schlaf benö­tig­ten, ver­scho­ben wir alle wei­te­ren Dis­kus­sio­nen und Unter­su­chun­gen auf spä­ter.

*

Jetzt liege ich in mei­ner Koje, gleich­zei­tig hell­wach und hun­de­müde, und will das alles noch ein­mal Revue pas­sie­ren las­sen. Doch es fällt mir immer schwe­rer, klar zu den­ken.

Eigent­lich haben wir ein Para­dies ent­deckt, denke ich. Nicht für uns Men­schen natür­lich, aber doch wohl für die Bewoh­ner die­ses Pla­ne­ten. Wenn nur nicht der Nebel krei­schen würde! Na, das tut er ja auch nur, weil … Ich glaube, jetzt höre ich es auch. Das Sir­ren kommt von allen Sei­ten, an- und abschwel­lend. Ich bin wütend. Aber nein, ich muss mich kon­zen­trie­ren! Was, wenn wir Men­schen so ein Mate­rial hät­ten, das wir durch Gedan­ken­kraft in jede belie­bige Form brin­gen könn­ten? Oder ist gar nicht die Frage? Meine Oma will mich mit­neh­men zu einem Zau­be­rer, der in der Stadt ist, doch dann fällt des­sen Vor­stel­lung ein­fach aus. Ich bin trau­rig und ent­täuscht, weil ich mich doch so dar­auf gefreut hatte! Magie! Kanin­chen aus dem Hut. Ohne Hut. Ex nihilo. Es stellt alles völ­lig auf den Kopf, was wir wis­sen und ken­nen. Und jetzt das! Ich bin wütend, ent­täuscht und trau­rig. Dabei hatte ich eben noch einen wich­ti­gen Gedan­ken. Mich kon­zen­trie­ren zu wol­len, ist jedoch ein Lösungs­ver­such, der das Pro­blem erst schafft. Ich stelle erfreut fest, dass es mir ohne Anstren­gung gelingt, aus dem Nebel einen rie­si­gen Ohren­schüt­zer zu mani­fes­tie­ren, in den ich und Lady Wow uns bequem hin­ein­ku­scheln kön­nen. Hier ist es wun­der­bar still.

Aber da sind mir die Augen schon zuge­fal­len, und ich bin end­lich selig ein­ge­schla­fen.