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The Guessing Game
Ich betrete den Korridor zu den Mannschaftsquartieren. Seit über vierzig Stunden bin ich auf den Beinen, und der Kommandant hat allen die Order erteilt, sich schlafen zu legen. Dabei bin ich überhaupt nicht müde, sondern hellwach – auf eigentümliche Weise: Meine Sinne sind geschärft und überempfindlich, mein Körper fühlt sich dagegen ein wenig dumpf und taub an. Hin und wieder fallen mir für Sekunden die Augenlider zu, und ich gleite für kurze Momente in seltsame Erlebnisse aus meiner Kindheit ab.
Dabei spielt sich gerade die seltsamste Geschichte, die man sich denken kann, in der Wirklichkeit ab, auch wenn ich es kaum fassen kann: Wir haben Kontakt mit einer fremden Zivilisation aufgenommen!
*
Unser Landungsboot setzte in der sturmdurchtosten Wüste auf, die die Oberfläche des Planeten bildet – zwischen bizarren halbtransparenten Konstruktionen, die langsam durch den Sand robbten, rollten und stakten, angetrieben durch Segel und mechanische Federwerke. Viele von ihnen waren umgefallen oder im Sand steckengeblieben und verfielen langsam. Eine groteskere Szenerie für den Erstkontakt hätte ich mir kaum vorstellen können.
Uns war sofort klar, dass es sich bei diesen offenbar ferngelenkten Fortbewegungsmitteln nicht um intelligentes Leben handelte, sondern um etwas, das von den Bewohnern dieses Planeten erschaffen worden war. Wir waren am Rand eines länglichen Canyons gelandet, von denen Dutzende die planetenweite sturmdurchtoste Wüste durchziehen. Aus diesem hier kam das starke Funksignal, und wir hatten beschlossen, nach dem Sender zu suchen.
Also zogen wir uns die Skaphander über, verließen unser Landungsboot und stiegen in die Schlucht hinab. Es tat gut, aus dem wütenden Sturm und dem unaufhörlichen Beschuss mit Sandkörnern herauszukommen. Der graue, zähe Nebel hier unten, der unsere Sichtweite zwar auf wenige Schritte beschränkte, uns sonst aber nicht weiter störte, wurde nur an der Oberfläche von den ständigen Sandstürmen aufgewühlt: Je tiefer wir kletterten, desto stiller und träger lastete er. Obwohl sich die Felsen, über die wir kraxelten, in nichts von denen auf der Erde unterschieden, hatte die ganze Situation etwas Unheimliches, und das Herz schlug mir bis zum Hals. Zum ersten Mal würden Menschen auf lebende Außerirdische treffen!
Kurz bevor wir den sandigen Boden der Schlucht erreichten, kroch aus dem Dunst ein Wesen heran, richtete sich vor uns auf – und redete uns an! Es war ein wurmartiges Geschöpf von der Größe eines Seeelefanten, ohne Gliedmaßen, mit grauer, rindenartiger Haut und einem Gesicht, das einem Tapir ähnelte. Aus der Mundöffnung unter dem kurzen Rüssel drang ein moduliertes Gurgeln, eine Abfolge von Schlürf- und Blubberlauten. Dann begann sich auf rätselhafte Weise der Nebel vor seiner Brust zu verdichten und zu einer grauen Miniaturausgabe meiner selbst zu formen, wie ich dem Wesen mit grüßend erhobener Hand gegenüberstand.
So befremdlich das alles war: Das Wesen stellte sich als freundlich und recht kommunikativ heraus. Zu meiner Erleichterung war es nicht weiter schwierig, seine Sprache zu erlernen, denn es konnte aus dem grauen Dunst beliebige Gebilde formen – anscheinend allein mit der Kraft seiner Gedanken. Indem es diese Dinge immer gleich mit Gurgellauten benannte, erweiterte sich mein Wortschatz schnell.
Ich zeichnete unser Landungsboot in den Sand. Als unser Gegenüber begriff, dass es sich um unser Fortbewegungsmittel handelte, wirkte es sehr aufgeregt und wollte mehr darüber erfahren. Es materialisierte Räder, Federwerke, Segel und Stelzen mit Gelenken – und konnte offenbar nicht begreifen, dass unser Schiff ohne all diese Hilfsmittel von der Stelle kommt. Verbrennungsmotoren scheinen hier unbekannt zu sein, und der Kommandant verbot mir, dem Wesen darüber nähere Auskunft zu erteilen.
Immer wieder musste ich mir vor Augen führen, dass ich nicht träumte – einem großen grauen Wurm mit sanften Tapiraugen gegenüber, der sich halb aufgerichtet hatte und zwischen uns auf geisterhafte Weise Gegenstände materialisierte und mit artikulierten Grunzlauten benannte. Mit der Zeit ermöglichte mir mein Computer ein erstes stockendes Gespräch, und immer mehr der Gurgler bekamen einen Sinn. Natürlich versuchte ich mich nicht etwa selbst an den Lauten seiner Sprache, sondern ließ sie abspielen, während ich meine Fragen eintippte.
*
Die Vermoiden – ihre gegrunzte Gattungsbezeichnung lässt sich schlecht in menschlicher Sprache wiedergeben, so dass unser Exo-Biologe auf das gute alte Latein zurückgriff – kennen keine Kriege, Hungersnöte oder Verbrechen. Sie weiden mit ihren beweglichen Nasen winzigkleine algenartige Gewächse zwischen den Sandkörnern am Boden der Canyons ab, eine Art Wüstenplankton, das im Überfluss vorhanden ist. Anscheinend vermehren sie sich ungeschlechtlich – vermutlich durch Abschnüren eines Teils ihres Körpers. Unser Mathematiker spekulierte, dass sie womöglich auch gleich ihre Nachkommen aus dem psychoaktiven Nebel formen, doch unserem Biologen schien das völlig abwegig. Ich versuchte, eine entsprechende Frage zu formulieren, aber unser Gegenüber reagierte ausweichend. Auch Fragen nach dem Weltraum, den Sternen, anderen Zivilisationen irritierten unseren Gesprächspartner. Ich bekam den Eindruck, dass die Vermoiden, obwohl sie doch über eine Sprache verfügen, einander eher meiden und Einzelgänger sind. Unser Gegenüber jedenfalls schien nur an einer Sache Interesse zu haben: am Konstruieren und Materialisieren von Maschinen, von führerlosen, ferngesteuerten Fahrzeugen, wie wir sie in der Wüste beobachtet hatten.
Dank des Nebels, von dem unser Biologe meint, er sei möglicherweise biologisch und mit den Vermoiden eine Symbiose eingegangen, genügt dazu offenbar eine geschulte Vorstellungskraft: Der Vermoide malt sich sein Werk in allen Einzelheiten gedanklich aus, und schon beginnt sich der Nebel zu verdichten und aus der Fantasie wird graue, handfeste Wirklichkeit. Was auf uns wie Zauberei wirkt, ist hier Alltag – jeder hier beherrscht diese Kunst.
*
Mir schwirrt der Kopf von all dem. Stand ich tatsächlich eben noch auf einem fremden Planeten und habe mich mit extraterrestrischen Intelligenzen über ihr Leben unterhalten?
Zwar schien der Vermoide an der Funktionsweise unseres Landungsboots interessiert, nicht aber an uns selbst. Ich glaube, das lag daran, dass zwar alle in unserem Team versuchten, ebenfalls mit bloßer Gedankenkraft etwas aus dem Nebel zu formen, es jedoch keinem von uns gelang.
»Warum nur immer Fahrzeuge? Warum nicht etwa … stationäre Maschinen? Oder einfach Häuser?« Wir waren auf kein einziges Bauwerk gestoßen, und die Frage drängte sich für uns auf, rief jedoch Unverständnis hervor. Es könne ihn, erklärte mir Verm, wie wir ihn untereinander nannten, ausschließlich ein perfekt konzipiertes Fahrzeug von einem Nebelgraben – so nennen sie die Canyons auf der Planetenoberfläche – zum nächsten transportieren. So, wie es ja auch uns gelungen sei, zu fliehen.
Es war anfangs nicht leicht herauszubekommen, was er mit »fliehen« meinte. Dann begriffen wir, dass er von Lärm sprach. Tatsächlich hatte unser Commander bei den Geräten, mit denen wir diese Begegnung akustisch aufzeichneten, starke Ausschläge bemerkt. Eine Überprüfung vor Ort ergab schnell, dass es sich um hochfrequente Töne handelte, ein ständiges Sirren, das den menschlichen Hörbereich überschreitet und für uns unhörbar bleibt. Schließlich verstand ich, was der Vermoide uns klarmachen wollte: Im Canyon herrscht für ihn ein ständiger und kaum zu ertragender Lärm, den er mit Sinneszellen wahrnimmt, die seinen ganzen Körper überziehen. Und deshalb will er fliehen!
Zuerst nahmen wir an, dieses für uns unhörbare Sirren würde durch die Wechselwirkung der Oberflächenstürme mit dem Nebel in den Canyons erzeugt, doch dann erkannten wir, dass der Nebel selbst diesen Lärm verursacht, und zwar immer dann, wenn aus ihm irgendetwas geformt wird: Der Prozess der Verdichtung lässt ihn sirren – und zwar desto lauter, je größer der materialisierte Gegenstand ist. Der Commander schwenkte das Mikrofon im Kreis, und uns wurde bewusst, dass in diesem Canyon – hinter den Nebelschwaden verborgen – offenbar Tausende, wenn nicht Zehntausende von Vermos damit beschäftigt waren, mittels Gedankenkraft immer neue Konstruktionen zu manifestieren. Daher der ständige Lärm.
Zur Enttäuschung unseres Mathematikers konnte uns Verm keine Bevölkerungszahl nennen. Er schien nicht weiter als bis vierzehn zählen zu können. Aber er bekräftige, dass auch alle anderen Vermoiden nur ein einziges Interesse haben: ein funktionierendes Fahrzeug zu konstruieren, dass als Fluchtfahrzeug dienen kann, um dem ständigen Lärm zu entkommen – hin zu einem leeren, unbewohnten Canyon, einem Nebelgraben, in dem es still ist. Auch Verm selbst setzte alles daran, ein Fahrzeug zu konstruieren, welches in der Lage ist, ihn durch die erbarmungslosen Sandstürme zu einem der anderen Canyons auf dem Planeten zu bringen.
Vermoiden scheinen keinerlei Schlaf zu brauchen. Wir waren jetzt schon über vierzig Stunden auf den Beinen, und meine Konzentration ließ nach. Ich war mir nicht sicher, ob ich all das richtig verstanden hatte. Auf Bitten des Biologen hin fragte ich nach, wie oft denn Vermoiden in einem ihrer Fahrzeuge in einen anderen Canyon gelangen. Doch als Antwort darauf war meinem sonst recht auskunftsfreudigen Gesprächspartner nur zu entlocken, dass die Konstruktionen erst ausführlich getestet werden müssten: Erst einem Fortbewegungsmittel, das es wirklich bis zu einem anderen Nebelgraben geschafft hat, will sich ein Vermoide anvertrauen. Leider jedoch halten die Fahrzeuge den grausamen Stürmen nicht stand und stellen meist irgendwo auf halber Strecke mit Sand im Getriebe ihre Funktion ein. Stolz verriet Verm uns, dass er auch Maschinen ersinnt, die diesen Schrott in den Wüsten auflesen und zurück in die Nebelgräben kippen, wo sie sich dann auflösen und neues Rohmaterial ergeben. Allerdings – so glaubte ich herauszuhören – bleiben auch diese Schrottsammler oft liegen.
In meinen Ohren klang das alles ziemlich verrückt, auch wenn ich langsam den Faden verlor, aber die anderen waren eher an den technischen Details interessiert, was Verm zu freuen schien. Gesteuert und überwacht würden die Konstruktionen, die führerlos durch die Wüstenstürme rollten, stakten und robbten, durch Signale, welche von Funkstrahlern stammten, die für diesen Zweck ebenfalls aus Nebel geformt wurden.
Unser Gesprächspartner kannte den starken Sender, nach dem mich der Commander fragen ließ, und führte uns ein Stück weit in den Canyon hinein, wobei er anderen Vermos geflissentlich auswich. Manchmal sahen wir sie schemenhaft im Nebel, beschäftigt mit großen, komplexen Konstruktionen: Fahrzeugen auf Stelzen oder mit Walzen oder Rädern – Fluchtfahrzeuge, um dem allgegenwärtigen Lärm zu entkommen, den wir zum Glück nicht wahrnehmen konnten.
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Tausende ineinander verschlungene graue Rohre und Röhrchen, bedeckt von schnell vibrierenden Härchen: der Funkstrahler. Er sah eher organisch aus als wie eine Maschine, fast wie ein Lebewesen. Unglaublich, dass sich so etwas einfach erdenken lässt. Ich hörte, wie unser Biologe murmelte, dieser Planet hier würde all unsere Vorstellungen von Leben und Evolution komplett auf den Kopf stellen.
Der Erbauer des Senders, erklärte mir Verm, sei schon lange tot. Er habe damals versucht, alle Vermoiden im Canyon davon zu überzeugen, dass sie das Konstruieren von Fahrzeugen beenden müssten, ja, dass sie gänzlich aufhören sollten, etwas aus Nebel zu formen. Gemeinsam könnten sie so einen »Nebelgraben der Stille« schaffen, einen Ort, wie sie ihn alle zu finden hoffen – den es allerdings nirgendwo gebe, da alle Canyons von lärmenden Vermos bewohnt seien.
Doch dieser Vorschlag – unser Gesprächspartner belegte ihn mit einem Begriff, der mir abfällig zu sein schien – spornte alle nur noch mehr an, endlich ein funktionierendes, wüstentaugliches Fluchtfahrzeug zu erfinden, worauf der Vermoide diesen Sender zu konstruieren begann, wohl in der Hoffnung, damit Hilfe herbeiholen zu können.
Vielleicht hatte er ja sogar auf uns gehofft, dachte ich, aber bevor ich meinen Gesprächspartner weiter befragen konnte, ließ der Commander abbrechen. Wir nickten alle schon fast im Stehen ein. Also verabschiedeten wir uns und kehrten zum Landungsboot zurück.
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Auf dem Rückflug zum Schiff entzündete sich eine Diskussion zwischen uns, die allerdings ziemlich schnell wieder einschlief, als wir alle feststellten, dass uns jeweils ganz unterschiedliche Dinge auf der Seele brannten. Unser Commander entdeckte, dass sich die Nebelproben, die wir zur Untersuchung mitgenommen hatten, mit steigender Entfernung von der Planetenoberfläche aufzulösen begannen, ohne Rückstände zu hinterlassen. Befriedigt stellte er fest, dass die Vermos zwar in der Lage sein dürften, Flugmaschinen zu bauen, aber niemals Raumschiffe, weil ihr Baumaterial ihren Planeten nicht verlassen kann. Damit stellten sie keinerlei Gefahr für die Menschheit dar. Unser Biologe konnte immer noch nicht fassen, was für Konsequenzen diese Begegnung mit einer fremden Intelligenz und ihren Fähigkeiten für unser Verständnis davon bedeutet, was Leben ist, wie es entsteht und sich weiterentwickelt. Masanori, unser Mathematiker kam nicht darüber hinweg, dass die Vermos weder weiter als Kleinkinder zählen können noch über physikalische Kenntnisse verfügen – und trotzdem einen Radiosender konstruieren konnten, der fünfzehn Lichtjahre überbrücken kann. Ich dagegen wollte über den Erbauer des Senders sprechen, den unverstandenen »Propheten« der Vermos, der uns ja sozusagen geholt oder zumindest herbeigelockt hatte. Trugen wir damit nicht die Verantwortung, den Vermoiden ihr Problem vor Augen zu führen, für das sie offenbar betriebsblind zu sein schienen?
Die anderen sahen mich irritiert an. »Betriebsblind? Was meinst du damit?«, fragte mich der Biologe verdattert. Da wir alle dringend Schlaf benötigten, verschoben wir alle weiteren Diskussionen und Untersuchungen auf später.
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Jetzt liege ich in meiner Koje, gleichzeitig hellwach und hundemüde, und will das alles noch einmal Revue passieren lassen. Doch es fällt mir immer schwerer, klar zu denken.
Eigentlich haben wir ein Paradies entdeckt, denke ich. Nicht für uns Menschen natürlich, aber doch wohl für die Bewohner dieses Planeten. Wenn nur nicht der Nebel kreischen würde! Na, das tut er ja auch nur, weil … Ich glaube, jetzt höre ich es auch. Das Sirren kommt von allen Seiten, an- und abschwellend. Ich bin wütend. Aber nein, ich muss mich konzentrieren! Was, wenn wir Menschen so ein Material hätten, das wir durch Gedankenkraft in jede beliebige Form bringen könnten? Oder ist gar nicht die Frage? Meine Oma will mich mitnehmen zu einem Zauberer, der in der Stadt ist, doch dann fällt dessen Vorstellung einfach aus. Ich bin traurig und enttäuscht, weil ich mich doch so darauf gefreut hatte! Magie! Kaninchen aus dem Hut. Ohne Hut. Ex nihilo. Es stellt alles völlig auf den Kopf, was wir wissen und kennen. Und jetzt das! Ich bin wütend, enttäuscht und traurig. Dabei hatte ich eben noch einen wichtigen Gedanken. Mich konzentrieren zu wollen, ist jedoch ein Lösungsversuch, der das Problem erst schafft. Ich stelle erfreut fest, dass es mir ohne Anstrengung gelingt, aus dem Nebel einen riesigen Ohrenschützer zu manifestieren, in den ich und Lady Wow uns bequem hineinkuscheln können. Hier ist es wunderbar still.
Aber da sind mir die Augen schon zugefallen, und ich bin endlich selig eingeschlafen.