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Seeing Is Believing
Ich betrete den Korridor wie jeden Tag, bevor die Verhandlungen beginnen. Diesen Moment liebe ich – der Klang des Korridors, sein Nachhall, ist ein ganz anderer als der im Treppenhaus, auch wenn hier der Boden ebenfalls aus Marmor ist. Teppich und Tapeten würden ihn für mich zu einem unbestimmten Etwas werden lassen, zu einem dunklen Loch, dessen Begrenzungen ich nur schwer erlauschen kann. Doch der Marmorboden und die glatten Steinwände zeigen sich mir deutlich und geben mir ein Gefühl der Sicherheit und Vertrautheit.
Mein Stock stößt an etwas, das einen dumpfen Ton erzeugt. Hier stehen große, schwere Vasen an den Wänden zwischen den Türen zu den Sälen. Eigentlich könnte ich den Stab schon einklappen und verschwinden lassen, denn ich kenne hier jeden Schritt. Aber ich mag die vertrauten Geräusche: die großen Tonvasen, die Holzrahmen der Türen, das Metall der Stuhlbeine. Es ist jeden Morgen mein persönliches kleines Konzert, der Blindenstock mein Instrument.
Mein Platz vor der Schreibmaschine. Ich setze mich, klappe meinen Stock zusammen, verstaue ihn in der Schublade, und mit wenigen Handgriffen vergewissere ich mich, dass alles an seinem Platz ist.
»Justitia ist auch blind, oder?«, hatte ich gefragt, als ich spürte, dass meine Gegenüber konsterniert waren und nicht wussten, wie sie das Bewerbungsgespräch eröffnen sollten. Letztlich haben sie dann meine Fähigkeiten überzeugt: schnelle Finger, sechs Fremdsprachen und ein unbestechliches Ohr.
Ich komme immer vor allen anderen hierher. Das ist dann der Moment, in dem ich lausche. Ich kann den Verkehr draußen hören, die Vögel in den Bäumen, und dann wenig später, wie das Gerichtsgebäude langsam erwacht: ferne gedämpfte Stimmen, Schritte, Türenschlagen, das Quietschen des Wägelchens mit den Akten …
Niemand beachtet mich, während die Hauptverhandlungen im Gange sind. Ich sitze mit dem Rücken zum Publikum, aber auch die Kläger oder Angeklagten sehen mir nicht ins Gesicht. Niemandem fällt etwas auf. Meine Finger huschen über die Tasten der Stenografie-Schreibmaschine, ein leises beständiges Klicken nur, das bald keiner der Anwesenden mehr bewusst wahrnimmt.
Ich stehe erst auf und gehe wieder, wenn der Saal sich geleert hat. Vorher tue ich beschäftigt und säubere mit einem Tuch penibel meine Schreibmaschine.
Manchmal kann ich die Lügen heraushören. Oder das Verschweigen. Manchmal Verzweiflung und Unverständnis. Manchmal, dass sich der Anwalt besonders schlau vorkommt, oder auch die Voreingenommenheit des Richters oder der Richterin. Oft geht es laut und direkt und aufgebracht zu. Lieber jedoch sind mir die leisen Zwischentöne. Sie stehen nicht in meinem Protokoll – ebensowenig wie die Wut, mit der manche Tiraden vorgetragen werden. Das gibt nur den genauen Wortlaut wieder und nicht, wie die Worte gesprochen wurden.
Auch die Urteilsverkündung protokolliere ich wörtlich mit. Manchmal sträuben sich meine Finger dagegen, wenn ich es für ein Fehlurteil halte – ob es nun ein Freispruch ist oder eine zu hohe Strafe. Aber auch dies muss, Wort für Wort, niedergeschrieben werden. Meine Meinung tut da nichts weiter zur Sache.
Vielleicht trägt Justitia ja ihre Augenbinde, damit man sie nicht weinen sieht.