Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Kategorie: Story

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Fiden­tia cae­les­tis (Exc)

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Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen den Wel­ten. Es ist, als schritte ich durch ein Patch­work von Hub­ble-Fotos: Uni­ver­sen zu mei­nen Füßen, Kos­men über mir, und auch zu bei­den Sei­ten öff­nen sich mir immer wie­der atem­be­rau­bende Bli­cke in gren­zen­lose Wei­ten und Ster­nen­wüs­ten – nur ein Gedanke von mir, ein Wunsch oder auch nur gelin­des Inter­esse, und ich würde augen­blick­lich in eine die­ser Myria­den von Schöp­fun­gen hin­ein­ge­zo­gen und dort sogleich ver­ges­sen, wer ich bin und woher ich komme. Aber mein Trach­ten ist dies­mal ein ande­res: Ich will den Kor­ri­dor zu Ende gehen, das ewige Rad des Lebens, mei­nes Lebens, anhal­ten. Ich will end­lich der Höchs­ten Instanz gegen­über­tre­ten.

Der Kor­ri­dor zwi­schen den Wel­ten ist unend­lich lang, was mich jedoch nicht davon abhal­ten kann, sein Ende zu errei­chen. Ich lasse mich nicht von den zahl­lo­sen Mög­lich­kei­ten und Aus­drucks­wei­sen ablen­ken, die sich mir Schritt für Schritt in allen Dimen­sio­nen bie­ten, ob es nun kusch­lige Hemd­ta­schen­uni­ver­sen sind, Baby­kos­men ganz am Anfang ihrer Ent­wick­lung, kom­plexe Dimen­si­ons­netze aus Bra­nen in Bra­nen, phy­si­ka­li­sche Höl­len oder himm­li­sche Para­diese, von leuch­ten­den Ener­gie­we­sen durch­wan­dert, ob Zeit-Raum-Kon­ti­nuen oder chlane­ge­füllte Poten­ziale, ob dichte Mate­rie oder lichte Fein­stoff­lich­keit. Sie alle lasse ich links lie­gen.

Dies­mal will ich es wis­sen: Warum das alles? Wofür? Was ist der Sinn von all­dem? Wieso müs­sen sich Myria­den von Wesen­hei­ten wie ich in einem Laby­rinth wie die­sem ver­ir­ren wie in einem Traum in einem Traum in einem Traum und rekur­siv so wei­ter – auf­wa­chend, auf­wa­chend, wie­der ein­schla­fend, auf­wa­chend, bei jedem Schritt vor wie­der zwei­ein­halb zurück­fal­lend und dabei unbe­merkt seit­lich in eine wei­tere Dimen­si­ons­falte gera­tend?

Und dann, wenn man glaubt, ein letz­tes Mal und ulti­ma­tiv zu erwa­chen aus all­dem, fin­det man sich wie­der am Anfang: im Kor­ri­dor zwi­schen den Wel­ten – um sich dann gleich wie­der im Geflecht der Mög­lich­kei­ten, der Fluk­tua­tion der Wahr­schein­lich­kei­ten, dem Mosaik der Seins­wirk­lich­kei­ten und Schein­rea­li­tä­ten zu ver­lie­ren und auf­zu­spal­ten in eine Unzahl von Bewusst­seins­fa­cet­ten, träu­mend, ver­stört, umnach­tet, ein­sam begeis­tert im seli­gen Tau­mel des Glücks und der Erkennt­nis träu­mend, ver­wirrt, umnach­tet …

Mein Blick ist nach vorn gerich­tet. Nichts kann mich mehr ablen­ken. Nicht ein­mal Narieda, deren Bewusst­sein ich in einer der Wel­ten spüre, an denen ich acht­los vor­bei­laufe, deren Seele nach mir ruft und deren Sehn­sucht ein gan­zes Mul­ti­ver­sum durch­dringt, so dass sie selbst hier im Kor­ri­dor zwi­schen den Wel­ten für mich spür­bar ist, als würde ich ganz von Ferne eine ver­traute Melo­die hören, die mein Herz tan­zen lässt. Nein. Dies­mal gehe ich den Weg bis ganz ans Ende.

Denn am Ende ist eine Tür, eine schlichte Holz­tür, grob zusam­men­ge­zim­mert und ohne Auf­schrift. Es gibt keine Klinke – wer bis hier­her gelangt ist, benö­tigt keine. Ich höre eine Stimme, die nicht erklingt, son­dern sich unmit­tel­bar als Wis­sen und Erkennt­nis in mir mani­fes­tiert: »Ah, gut, ich habe lange gewar­tet. Will­kom­men!«

Ich trete ein, mit mei­nen Fra­gen auf den Lip­pen. Doch der Raum ist leer. Ein ein­fa­cher Holz­stuhl, ein Tisch, dar­auf etwas Papier und ein Stift. Ich nehme ihn in die Hand. Es ist ein Blei­stift mit Wer­be­auf­druck, der kleine far­ben­frohe Bären mit Knie­scho­nern zeigt, die gut­ge­launt Inline-Skates fah­ren. Einer von ihnen stürzt zu Boden, aber es scheint ihm nichts aus­zu­ma­chen.

Ich lege den Blei­stift wie­der neben das Papier. Auf dem obers­ten Blatt steht: »Der nächste Besu­cher löst dich hier ab, und du kannst wie­der zurück. Sollte dir die Zeit bis dahin lang wer­den, ent­wirf doch ein­fach in der Zwi­schen­zeit ein paar neue Uni­ver­sen.«

Die Unter­schrift ist unle­ser­lich.

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What They Would­n’t Let You Know

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Ich betrete den Kor­ri­dor und folge mit mei­nen bei­den Söh­nen der jun­gen Frau, die uns eine pri­vate Schloss­füh­rung gibt. »Der Herr des Hau­ses, Graf Lorenz von Wus­sen­ha­gen, war uner­mess­lich reich«, erzählt sie gerade und weist auf die Gemäl­de­ga­le­rie im Gang, die wohl die Vor­fah­ren des Schloss­her­ren zei­gen soll, »und er besaß Län­de­reien und Anwe­sen in allen Tei­len der Welt. Lei­der ist kein Gemälde erhal­ten, das ihn selbst zeigt. Er tat zeit sei­nes Lebens immer sehr geheim­nis­voll.«

Bei der Über­land­fahrt Rich­tung Ber­lin bin ich tief im Osten der Repu­blik auf ein klei­nes, efeu­um­rank­tes Schild gesto­ßen: »Schloss Wus­sen­ha­gen – heute Besich­ti­gung«. Ich dachte, ich tue den Zwil­lin­gen, die brav im Fond sit­zen und sich mit ihren Play­sta­ti­ons beschäf­ti­gen, was Gutes – und mir auch, indem ich mal eine Pause ein­lege.

»Hier im Salon«, und damit betre­ten wir einen Raum mit ver­schlis­se­ner Samt­ta­pete an den Wän­den, die aus­ge­stopfte Fasane und Reh­bock­hör­ner zie­ren, »stellte der Graf aus, was er von der Groß­wild­jagd nach Hause brachte.«

»Die Tiger­felle sind ver­mut­lich beim Restau­ra­tor«, werfe ich sar­kas­tisch ein, denn ich kann es nicht lei­den, wenn mir Mär­chen erzählt wer­den. Es reicht, dass ich das immer wie­der beruf­lich machen muss.

»Oh, ja, tat­säch­lich. Auch der große Ele­fan­ten­kopf muss über­holt wer­den.« Die junge Frau weist ohne mit der Wim­per zu zucken auf eine helle, runde Stelle an der Wand, an der offen­bar lange Zeit etwas gehan­gen hatte. Tiger, Ele­fan­ten, Groß­wild­jagd – die Zwil­linge tuscheln begeis­tert.

»Doch vor ein paar Jah­ren schon ist Graf Lorenz von Wus­sen­ha­gen …« – sie war­tet, bis die Zwil­linge schwei­gen und sie unsere volle Auf­merk­sam­keit hat – »spur­los ver­schwun­den.« Meine Spröss­linge machen große Augen. Dann bli­cken sie mich an. Ich sehe eigent­lich nicht ein, das Spiel mit­zu­spie­len, aber frage dann doch: »Wohin?«

»Oh«, sagt unsere Füh­re­rin, die mir vier Euro und für jedes Kind noch ein­mal je zwei Euro abge­knöpft hat, »er hat immer davon gespro­chen, dass er den Men­schen Gutes tun und die Welt ret­ten will. Viel­leicht hat er das ja schließ­lich wahr­ge­macht. Nie­mand weiß, was aus ihm gewor­den ist.«

Wie­der bli­cken mich meine Söhne groß an. Genau diese Worte wähle ich immer, wenn sie fra­gen, wel­chen Beruf ich habe. Ich ant­worte dann: Ich tue Gutes und rette die Welt. Eigent­lich, fällt mir in dem Moment auf, ist auch das ein Mär­chen. Inzwi­schen sind sie alt genug, um zu erfah­ren, dass ich in der Regie­rung arbeite.

»Wenn ihr mir nun bitte ins Schlaf­zim­mer des Gra­fen folgt. Er hat lei­der nie eine Frau gefun­den, die sei­ner wür­dig gewe­sen wäre. Des­halb steht hier nur ein ein­fa­ches Ein­zel­bett. Nichts anfas­sen!« Doch ihr Ruf kommt zu spät. Die Zwil­linge haben neu­gie­rig an einer her­ab­hän­gen­den Kor­del gezo­gen, mit der der Schloss­herr nach sei­ner Die­ner­schaft klin­geln konnte. Doch statt dass eine Klin­gel ertönt, schiebt sich knar­rend ein gro­ßes Stück der Holz­ver­tä­fe­lung hin­ter dem Bett zur Seite. Wir star­ren in ein dunk­les Loch.

»Was zum Hen­ker …?«, ent­fährt der jun­gen Frau, doch sie schlägt sich die Hand vor den Mund und spricht nicht wei­ter. »Ein Geheim­gang!«, stellt einer mei­ner Söhne begeis­tert fest. »Zum Fol­ter­kel­ler!«, sagt der andere. Sie zie­hen mich mit zu der manns­ho­hen Öff­nung in der Wand. Die junge Frau sagt erst zögernd »Also ich weiß nicht …«, folgt uns dann aber. Ein gemau­er­ter Gang führt zu einer Treppe, die wir hin­ab­stei­gen. Durch schmale Schlitze hoch oben in den Mau­ern dringt etwas Licht her­ein. Alles ist stau­big und vol­ler Spinn­we­ben.

»Gibt es hier ein Schloss­ge­spenst?«, fragt einer mei­ner bei­den Rabau­ken.

»Es hat hier immer wie­der … selt­same Erschei­nun­gen und Geräu­sche gege­ben«, ant­wor­tet unsere Füh­re­rin flüs­ternd. Aber sie führt uns längst nicht mehr, son­dern folgt mir und mei­nen Söh­nen zögernd immer tie­fer. Wir errei­chen einen wei­te­ren gemau­er­ten Gang. Plötz­lich sto­cken wir, als wir ein Jau­len hören. Jemand, etwas heult laut auf und ver­stummt dann wie­der. Schau­rige Echos hal­len durch das alte Gemäuer.

Meine Söhne sind muti­ger als ich. Sie zie­hen mich um eine Ecke des Gan­ges. Wir ste­hen am Ein­gang einer gro­ßen Halle, die schumm­rig blau beleuch­tet ist. Vor einem Tor steht, was gerade auf­ge­heult hat: eine Art Renn­wa­gen, schwarz, mit geschwun­ge­nen For­men und ange­deu­te­ten Flü­geln an den Sei­ten. Es steigt jemand aus. Er trägt ein schwar­zes wal­len­des Cape und dar­un­ter einen eng anlie­gen­den Anzug mit einem brei­ten, gel­ben Gür­tel. Wir ste­hen erstarrt da und wagen kaum zu atmen.

Der Mann geht zu einem Haken an der Wand, an dem etwas Schwar­zes hängt. Es ist eine Halb­maske. Kopf­schüt­telnd – wie über seine eigene Ver­gess­lich­keit – setzt er sie auf und wen­det sich dann wie­der ent­schlos­sen sei­nem Wagen zu. Glück­li­cher­weise bemerkt er uns nicht, son­dern steigt wie­der ein, lässt sei­nen Boli­den noch ein­mal auf­heu­len und jagt dann durch einen Tor­bo­gen aus der Halle hin­aus.

»Es ist Bat­man«, flüs­tert eines mei­ner Kin­der ehr­fürch­tig.

»Bitte, wir müs­sen gehen«, beschwört uns die Füh­re­rin, »ich glaube nicht, dass wir hier sein dür­fen. Bitte kom­men Sie. Schnell.« Die Zwil­linge las­sen sich nur sehr wider­stre­bend in den Gang zurück­schie­ben.

»Das war Bat­man!«, krä­hen meine Söhne, als wir wie­der oben im Schlaf­zim­mer ste­hen. Die junge Frau zieht ver­zwei­felt an der Klin­gel­kor­del, doch die Täfe­lung bewegt sich nicht. Schließ­lich fasse ich mit an, und wir schie­ben sie wie­der an ihren ursprüng­li­chen Platz. Von dem Geheim­gang ist nichts mehr zu sehen.

»Das war Bat­man!«

Doch die junge Frau schüt­telt den Kopf. »Ich habe nichts gese­hen«, sagt sie, »und viel­leicht ist es bes­ser für euch, wenn ihr auch nichts gese­hen habt.« Sie beugt sich zu den Kin­dern hin­un­ter und senkt ihre Stimme: »Und falls ihr doch etwas gese­hen habt, dann behal­tet ihr es wohl bes­ser für euch.« Sie sieht die bei­den dabei so beschwö­rend an, dass sie ein­ge­schüch­tert nicken.

»Und damit«, sagt sie und rich­tet sich wie­der auf, »ist die Füh­rung been­det.«

Wäh­rend der Wei­ter­fahrt tuscheln die Zwil­linge auf­ge­regt auf der Rück­bank. Ihre Play­sta­ti­ons sind ver­ges­sen. Natür­lich habe ich der Frau ein dickes Trink­geld gege­ben. War ja eigent­lich eine ganz nette Insze­nie­rung. Sie sah selbst noch ganz ver­wirrt aus. Und solange so etwas pri­vat und nicht mit dem Soli finan­ziert wird …

In der Art soll­ten wir, kommt mir in den Sinn, als wir end­lich die Ber­li­ner Stadt­grenze errei­chen – Ber­lin, die Got­ham City der Repu­blik –, mal unsere Che­fin prä­sen­tie­ren, in Cape und haut­engem Neo­pren, als dunkle Krie­ge­rin, die zur Ret­tung der Welt antritt. Nur ein Bruch­teil von der nach­hal­ti­gen Begeis­te­rung, die meine Zwil­linge erfasst hat, bei den Wäh­lern, und es wür­den neue, gran­diose Zei­ten für uns anbre­chen.

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Wes­ten­ta­schen­ven­detta

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Ich betrete den Kor­ri­dor, erstarre aber sofort, denn es steht eine Palast­wa­che dort. Sie wen­det mir den Rücken zu und hat mich offen­bar nicht gehört. Lang­sam ver­ziehe ich mich rück­wärts wie­der ins Trep­pen­haus.

Hatte ich eine Wache dort pos­tiert? Ich kann mich nicht daran erin­nern. Jeden­falls soll nicht bekannt wer­den, dass ich mich hin und wie­der uner­kannt unter mein Volk mische. Also muss ich wohl wie­der den Weg über die Außen­wand neh­men und über Vor­sprünge und Simse hin­auf in mei­nen »Thron­saal« klet­tern.

Dies­mal bin ich bei mei­nem Aus­flug zu mei­nen Unter­ta­nen in eine Ver­samm­lung von Ver­schwö­rern gera­ten: eine Hand­voll Män­ner ver­schie­de­nen Alters, die den Tyran­nen stür­zen und die Repu­blik aus­ru­fen wol­len. Eine Frau war dabei. Sie wirkte wild und unbe­re­chen­bar, und unter ihren strub­be­li­gen schwar­zen Haa­ren blitz­ten dunkle Augen her­vor, als sie das Wort ergriff und revo­lu­tio­näre Reden schwang. Sie wollte, dass sich sofort etwas ändert. Aber die älte­ren, wei­se­ren Män­ner in der Runde mahn­ten zu Geduld und peni­bler Vor­be­rei­tung.

Ich habe mich da gut amü­siert und hätte mich sogar fast selbst zu Wort gemel­det, um die Stim­mung anzu­sta­cheln. Doch mein Prin­zip war immer, zu beob­ach­ten, und nicht, mich ein­zu­mi­schen.

Der Palast ist von Efeu über­wu­chert. Ich schwinge mich aus dem Fens­ter des Trep­pen­hau­ses und hangle mich einen Sims ent­lang, bis ich mich unter­halb mei­nes Bal­kons befinde. Ein Regen­rohr bie­tet mir Halt, um mich wei­ter hoch­zu­zie­hen. Plötz­lich spüre ich einen Dolch an mei­ner Kehle, und eine hei­sere Stimme fragt mich: »Was hast du vor, Kerl?«

Es ist die Umstürz­le­rin aus der Ver­schwö­rer­ver­samm­lung. Sie erkennt mich wie­der und steckt den Dolch zurück in ihren Gür­tel. »Willst du ihn auch …?«, fragt sie, ohne ihren Satz zu been­den. Ich nicke. »Er muss ster­ben, je eher, desto bes­ser«, sage ich. Es ist ein Zitat aus ihrer eige­nen Rede, aber sie bemerkt es nicht, son­dern lächelt grim­mig. Sie mus­tert mich von Kopf bis Fuß, und einen kur­zen erschreck­ten Moment lang glaube ich, sie kommt dar­auf, wer ich in Wirk­lich­keit bin. Doch dann fragt sie: »Wo ist deine Waffe?«

»Ich … will ihn erwür­gen.« Wie­der nickt sie: »Daran habe ich auch schon gedacht – zu spü­ren, wie ihn das Leben ver­lässt, wie er zuckt und sich win­det und schließ­lich unter mei­nen Hän­den erschlafft. Das hätte er ver­dient.«

Wir ste­hen beide auf einem schma­len Vor­sprung, hal­ten uns an der Regen­rinne fest, sind vor den Bli­cken der Wachen, die vor dem Palast Dienst tun, durch das Efeu geschützt. Wir sehen uns an, wis­sen nicht, was wir sagen sol­len. Das Schwei­gen bekommt etwas Pein­li­ches.

Schließ­lich schüt­telt sie ihr lan­ges, schwar­zes Haar und sagt: »Wir machen es gemein­sam. Du erdros­selst ihn, und ich ramme ihm im letz­ten Augen­blick mei­nen Dolch ins Herz.«

»So machen wir es«, bestä­tige ich, aber sie ist bereits wei­ter­ge­klet­tert. Ich folge ihr.

Vom unglaub­li­chen Luxus, den sich der Tyrann auf Kos­ten sei­nes Vol­kes gönnt, hatte sie gespro­chen, vom dem Gold, den Juwe­len, den erle­se­nen Spei­sen, dem unglaub­li­chen Prunk des Thron­saals, des­sen präch­tige Aus­stat­tung allein das ganze Volk von Armut und Hun­ger befreien könn­ten. »Wie eine Kröte hockt er auf sei­nem unvor­stell­ba­ren Reich­tum und beu­telt sein Volk, weil er immer noch mehr davon will, mehr, immer mehr!« So hatte sie sich erei­fert und wollte die Schätze gerecht an die Armen und Bedürf­ti­gen ver­tei­len.

Eines der Fens­ter neben dem Bal­kon, von dem aus ich frü­her zu mei­nem Volk gespro­chen habe, ist nur ange­lehnt – klar, hier bin ich ja am frü­hen Mor­gen her­aus­ge­klet­tert. Die Tyran­nen­mör­de­rin ver­ge­wis­sert sich, dass ich direkt hin­ter ihr stehe, öff­net den Fens­ter­flü­gel und steigt hin­ein – eine Frau ganz offen­bar, die nicht viel Umschweife macht, son­dern ihr Ziel direkt angeht. Ich folge ihr.

Der Thron­saal ist leer. Es gibt kei­nen Thron hier und auch kei­nen Saal mit Reich­tü­mern irgend­wel­cher Art. Es ist ein Arbeits­zim­mer mit einem Schreib­tisch und decken­ho­hen Bücher­re­ga­len.

»Dies ist nicht der Thron­saal«, flüs­tert sie. Aber sie sieht meine Krone auf dem Schreib­tisch lie­gen, der mit auf­ge­schla­ge­nen Büchern über­sät ist. Sie tritt heran und wiegt die Krone in ihrer Hand. Einen Augen­blick lang glaube ich, sie wird sie auf den Tisch schla­gen und zer­bre­chen wol­len, doch sie legt sie wie­der zurück und beginnt, in den auf­ge­schla­ge­nen Büchern zu lesen. Nach einer Weile und ganz, als hätte sie meine Anwe­sen­heit ver­ges­sen, setzt sie sich auf den Stuhl, ohne ihre Augen von den Buch­sei­ten zu las­sen.

Es klopft. Sie fährt auf, schaut sich wild nach einem Ver­steck um, eilt zum Fens­ter. Eine Frau­en­stimme hin­ter der Tür fragt: »Ihr Abend­essen, Eure Majes­tät.« Ich ant­worte: »Stel­len Sie es bitte her­ein, wie immer.« Die Tür öff­net sich einen Spalt, und ein Tablett wird her­ein­ge­scho­ben. Die Tür schließt sich wie­der.

Die Tyran­nen­mör­de­rin starrt mich an. »Einen Ver­such war es wert«, sage ich, hole das Tablett, räume Bücher bei­seite und stelle es auf den Schreib­tisch: ein Abend­essen für zwei. Seit meine Frau vor eini­gen Jah­ren durch einen fei­gen Anschlag, der eigent­lich mir gegol­ten hatte, ums Leben kam, lasse ich im Geden­ken an sie immer zwei Mahl­zei­ten zube­rei­ten. Heute ist es Toast Hawaii. Ich binde mir eine der Ser­vi­et­ten um, ziehe mir einen Stuhl heran, der mir sonst dafür dient, an die Bücher hoch oben in den Rega­len her­an­zu­kom­men, und hebe eines der zwei Was­ser­glä­ser zum Ansto­ßen.

Doch irgend­et­was muss mich ver­ra­ten haben: Ich spüre ihren Dolch an mei­ner Kehle. Mit einer blitz­schnel­len Bewe­gung hat sie ihn her­vor­ge­zo­gen und steht jetzt ganz nah hin­ter mir. »Du!«, sagt sie vol­ler Abscheu. Ich ver­zichte dar­auf, zu nicken, weil mir sonst womög­lich ihr Dolch den Adams­ap­fel rit­zen würde.

Ich stelle das Glas wie­der ab und warte. Ihr war­mer Atem streicht über mei­nen Nacken.

»Du könn­test blei­ben«, sage ich schließ­lich, »und mich bera­ten.« Mit einer Geste weise ich auf die Bücher. »Die eigent­li­chen Fra­gen kön­nen die alle nicht beant­wor­ten, weißt du?« Ihr Griff lockert sich, die Klinge ihres Dolchs liegt nicht län­ger auf mei­nem Hals. Lang­sam wende ich mich zu ihr um. Wir sehen uns in die Augen. Sie ver­zieht keine Miene.

»Jeden­falls kein Grund«, sagt sie schließ­lich, »das Abend­essen kalt wer­den zu las­sen.« Sie lässt mich los, steckt den Dolch in ihren Gür­tel und nimmt eines der Was­ser­glä­ser, um damit anzu­sto­ßen. Ihre Augen blit­zen, als sie ver­sucht, mir im Gesicht abzu­le­sen, was sie von mir zu hal­ten hat und ob mir wirk­lich zu trauen ist.

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Sepulchre Moon

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Ich betrete den Kor­ri­dor auf­ge­regt, über­wäl­tigt und mit wei­chen Knien. Es ist das erste Mal, dass Men­schen ein Bau­werk von Außer­ir­di­schen betre­ten.

Eigent­lich haben wir hier auf­grund der Radio­si­gnale eine Zivi­li­sa­tion erwar­tet, auch wenn die Signal­folge unter Astro­no­men erst ein­mal gro­ßes Rät­sel­ra­ten aus­ge­löst hat. Ein Groß­teil von dem, was sie nach der Auf­he­bung der Qua­ran­täne mit ihren Radio­ob­ser­va­to­rien emp­fin­gen, wirkte wie das unko­dier­bare Fern­seh­pro­gramm frem­der Zivi­li­sa­tio­nen: ein unauf­hör­li­cher Strom offen­bar sinn­vol­ler, aber von uns nicht les­ba­rer Pulse und Zei­chen, ein end­lo­ses Geplap­per auf allen Fre­quen­zen, elek­tro­ma­gne­ti­sche Hie­ro­gly­phen, für die uns der Roset­tast­ein fehlte.

Diese spe­zi­elle Signal­folge jedoch wirkte wie ein geziel­ter Ruf, wie ein Funk­feuer, denn sie wie­der­holte sich nach eini­ger Zeit, wenn auch immer mit leich­ten Varia­tio­nen. Rief hier eine Zivi­li­sa­tion in die Leere zwi­schen den Ster­nen hin­aus, um Ant­wort zu erhal­ten? Die Astro­no­men schick­ten mit einem star­ken Sen­der eine Bot­schaft zurück. Die Anten­nen der Cos­mic Bea­gle haben jedoch seit unse­rem Start vor über zehn Jah­ren keine Ände­rung in der Signal­folge bemerkt, die man als Reak­tion auf den Funk­spruch von der Erde deu­ten könnte.

*

Als wir den Pla­ne­ten erreich­ten, der als Quelle des Signals iden­ti­fi­ziert wor­den war, fan­den wir ihn wüst und leer vor – unwahr­schein­lich, dass sich auf ihm je Leben ent­wi­ckelt hat. Die Signale stam­men von einem Mond des Pla­ne­ten! Zwi­schen den Kra­tern, die ihm ein pocken­nar­bi­ges Aus­se­hen ver­lei­hen, ent­deck­ten wir das Bau­werk, ein, wie uns der Mathe­ma­ti­ker begeis­tert erklärte, »Men­ger-Schwamm«, ein Wür­fel, in des­sen Ober­flä­che große und kleine Wür­fel aus­ge­spart sind. Von den Eigen­schaf­ten die­ser drei­di­men­sio­na­len frak­ta­len Skulp­tur (»kom­pakt, per­fekt, selbst­ähn­lich, über­ab­zähl­bar, total unzu­sam­men­hän­gend und nir­gends dicht«) schwärmte er uns unab­läs­sig vor, bis unser Radar­scan­ner anzeigte, dass eine der Wür­fel­aus­spa­run­gen sich in einen Kor­ri­dor öff­net, der ins Innere führt. Da war’s plötz­lich aus mit der Schwär­me­rei: »Pah. Eine Abwei­chung von der Ide­al­form. Führt die ganze Per­fek­tion ad absur­dum.«

*

In genau die­sem Kor­ri­dor befin­den wir uns jetzt und fol­gen ihm auf­ge­regt in das extra­ter­res­tri­sche Bau­werk hin­ein. Einen Exo- oder Xeno-Archi­tek­ten haben wir nicht in der Crew, und so was gibt es bis­lang auch gar nicht, aber unsere Phy­si­ker haben bereits das Mate­rial unter­sucht, aus dem der rie­sige Wür­fel besteht – mit dem Ergeb­nis, dass es nicht zu iden­ti­fi­zie­ren war. Meteo­ri­ten­be­schuss jeden­falls konnte ihm nichts anha­ben, und den Staub­ab­la­ge­run­gen in den wür­fel­för­mi­gen Aus­spa­run­gen nach – Indi­zien dafür, dass der atmo­sphär­e­lose Mond immer wie­der von Meteo­ri­ten getrof­fen wird – könnte das Bau­werk bereits Mil­lio­nen von Jah­ren alt sein.

Von den ande­ren höre ich in mei­nen Kopf­hö­rern nur das Atmen in ihren Hel­men. Wir sind alle ergrif­fen von dem, was wir sehen: Der Kor­ri­dor führt in eine gewal­tige, eben­falls wür­fel­för­mige Halle, deren Wände über­sät sind mit Halb­re­li­efs. Sie zei­gen – ja, was zei­gen sie eigent­lich? Mir wird ganz schwumm­rig beim Betrach­ten. Die Dar­stel­lun­gen wir­ken auf mich, als würde ich einen der alten drei­di­men­sio­na­len Filme ohne die erfor­der­li­che Brille betrach­ten.

»Es ist eine Gruft«, höre ich den Exo-Bio­lo­gen über Funk. Tat­säch­lich: In der Mitte der Halle steht eine Art wür­fel­för­mi­ger Sar­ko­phag. Wir müs­sen ihn nicht öff­nen, denn er ist durch­sich­tig, und wie in Gieß­harz ein­ge­bet­tet ruht dort ein Geschöpf, das einem Gespenst gleicht. Ver­mut­lich haben wir alle die glei­che Asso­zia­tion. Ich muss an meine Kind­heit den­ken und wie ich mich mei­ner Schwes­ter zusam­men mit Hilfe wei­ßer Bett­tü­cher Geis­ter­stunde gespielt habe.

Die­ses »Gespenst« jedoch wirkt nicht gru­se­lig, son­dern sieht äthe­risch und wun­der­schön aus. Es besteht aus Tau­sen­den win­zi­ger mil­chi­ger Schleier, durch die – ähn­lich wie bei einer Qualle – Organe hin­durch­schim­mern. Wo es die Augen haben und wo der Kopf sit­zen müsste, geht der mil­chige Schim­mer in zar­tes Rosa über und ver­dich­tet sich. Auch wenn es ein­deu­tig tot ist: Das Wesen wirkt, als würde es tan­zen.

*

»Also ist es tat­säch­lich eine Gruft«, sagt unser Exo-Bio­loge, als wir nach unse­rer Rück­kehr zum Schiff im Bespre­chungs­raum zusam­men­sit­zen. Die Halb­re­li­efs in der Toten­halle zei­gen offen­bar – wenn auch selt­sam ver­zerrt und unkon­kret – die Geschichte zweier die­ser Wesen, für die sich in unse­ren Dis­kus­sio­nen die Bezeich­nung »Spi­rits« ein­ge­schli­chen hat. Offen­bar reis­ten sie gemein­sam in einem kugel­för­mi­gen Schiff durchs All, um wie wir andere Intel­li­gen­zen und Zivi­li­sa­tio­nen zu besu­chen.

»Sie starb«, führt der Exo-Bio­loge seine Deu­tung aus, »und er errich­tete ihr ein Mau­so­leum, bevor er allein wei­ter­reiste.« Ich weiß nicht, ob auch die ande­ren in die­sem Moment den glei­chen beglü­cken­den Gedan­ken hat­ten wie ich und, genau wie ich, dar­auf ver­zich­te­ten, ihn aus­zu­spre­chen: »Es gibt Liebe drau­ßen im Welt­all. Es gibt sogar die ganz große Liebe hier drau­ßen!«

Starb das Wesen, das in dem gewal­ti­gen Wür­fel auf­ge­bahrt ist, durch einen Unfall oder eines natür­li­chen Todes? Das haben wir den Reli­efs noch nicht ent­neh­men kön­nen, zu fremd­ar­tig ist die Dar­stel­lungs- und Erzähl­weise. Mas­an­ori, der Mathe­ma­ti­ker, glaubt, das Funk­si­gnal gebe die letz­ten Worte des toten Spi­rit wie­der.

»Ich glaube«, werfe ich in die Runde, »dass es Musik ist.« Der Bio­loge wirft mir einen erstaun­ten Blick zu, wiegt den Kopf und meint: »Ein Requiem. Das könnte sein.« Und Mas­an­ori ergänzt: »Frak­tal ver­schlüs­selt, steht zu ver­mu­ten.«

Es dau­erte einige Tage und bean­spruchte viel Rechen­leis­tung unse­rer Bord­com­pu­ter, dann erklang die Musik zum ers­ten Mal im Kon­troll­raum der Cos­mic Bea­gle. Fremd­ar­tige, selt­sam schöne, tod­trau­rige Klänge.

Wenn unsere Phy­si­ker recht damit haben, dass das Mau­so­leum min­des­tens 100 Mil­lio­nen Jahre alt ist, dann hat die­ser Trau­er­ge­sang, dann hat die­ser letzte Gruß an die geliebte Gefähr­tin längst unsere gesamte Gala­xis durch­mes­sen und benach­barte Gala­xien erreicht.

»In gewis­ser Weise«, sagt Mas­an­ori, »ist damit der Spi­rit, der hier auf­ge­bahrt ist, das bekann­teste Wesen im gesam­ten Virgo-Super­clus­ter« – womit er die Gruppe von Gala­xien meint, zu der auch unsere Milch­straße gehört.

Für mich ist es ganz schlicht die wohl größte Liebe des Uni­ver­sums.

 

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Sun­dow­ner

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Ich betrete den Kor­ri­dor, aber der scheint nicht mehr zur Ver­nis­sage zu gehö­ren, denn hier hän­gen keine mei­ner See­stü­cke an den Wän­den, son­dern ein­zelne Puz­zle­steine. Sie sind jeweils zwei, drei Hand­flä­chen groß, und es sind Teile von Buch­sta­ben dar­auf. Erge­ben sie ein Wort? Ich gehe den Kor­ri­dor ent­lang und suche nach pas­sen­den Tei­len. Doch obwohl ich ein­zelne Buch­sta­ben oder sogar Sil­ben zusam­men­set­zen kann – ich komme ein­fach nicht auf den Gesamt­zu­sam­men­hang. »Nth? Yri?« Es wurmt mich, dass das Puz­zle in mei­nem Kopf unvoll­stän­dig bleibt. Immer wie­der muss ich der Ver­su­chung wider­ste­hen, die Stü­cke von der Wand zu rei­ßen und sie auf dem Boden des Kor­ri­dors zusam­men­zu­le­gen – nein, die Künst­le­rin oder der Künst­ler wollte offen­bar, dass man das Puz­zle rein in der Vor­stel­lung löst.

Ist mein räum­li­ches Vor­stel­lungs­ver­mö­gen zu schwach? Frauen sagt man das ja nach. Schließ­lich schwirrt mir der Kopf, und ich gehe wie­der zurück.

Die Ver­nis­sage ist vor­über. Meine Gale­ris­tin sieht mich böse an: Wo ich denn bloß die ganze Zeit über gewe­sen sei. Dau­ernd sei nach mir gefragt wor­den! Meine See­stü­cke seien gut ange­kom­men. Ja, da hän­gen sie an den Wän­den, jedes im Licht eines klei­nen Spots. Kein Puz­zle. Alles für sich ste­hende Gemälde. Wel­len, Him­mel, Hori­zont. Die Bil­der sagen mir nichts.

Ich frage nach den Puz­zle­stü­cken, doch die Gale­ris­tin sieht mich ver­ständ­nis­los an. Ich will sie hin­füh­ren, nur ist hin­ter der Tür kein Kor­ri­dor mit einem unlös­ba­ren Puz­zle, son­dern – ihr Büro. Der Raum ist qua­dra­tisch. Ein Schreib­tisch, nackte Wände.

Nachts in mei­nem ein­sa­men Hotel­zim­mer, als ich dem ewi­gen Rau­schen der Metro­pole lau­sche und ange­sichts mei­ner Schlaf­lo­sig­keit mit dem Blei­stift die Schat­ten skiz­ziere, die die Bäume vor dem Fens­ter im Licht der Stra­ßen­be­leuch­tung an die Zim­mer­wand wer­fen, ent­de­cke ich drei Worte auf mei­nem Block: »Lab«, »Yri«, »Nth« habe ich geschrie­ben, ange­ord­net in einem Qua­drat.

Die mitt­lere Spalte ergibt das Wort »Art«, und mich beschleicht das Gefühl, eine wich­tige Ent­de­ckung gemacht zu haben, die mir als Künst­le­rin den künf­ti­gen Weg wei­sen wird. Es ist, als ob nur noch ein win­zi­ges Puz­zle­teil feh­len würde – und die Suche danach könnte zu einer Reise in völ­lig unbe­kannte, unge­ahnte Gefilde für mich wer­den. Noch in der Nacht mache ich mir erste Noti­zen und werfe ich erste Skiz­zen zu Papier …

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Mare Chronium–Cogitating

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Die Auf­zug­tür schließt sich hin­ter mir. Irgend­wie freue ich mich heute nicht so sehr auf das, was mich hin­ter der Tür zu Zim­mer Nr. 27 erwar­tet, wie ich eigent­lich gedacht hätte. Der Coq au vin auf mei­nem Tablett in zwei­fa­cher Aus­füh­rung duf­tet so ver­füh­re­risch wie immer, und ich bin mir sicher, auch dies­mal ein dickes Trink­geld für den Zim­mer­ser­vice zu bekom­men. Liegt es an Pas­cal? Unser Koch hat den Namen unse­res Gas­tes, »K. K. Kori­an­der«, im Inter­net recher­chiert und mich aus­ge­lacht. Das sei eine Figur aus einem Buch, aus der Unend­li­chen Geschichte von Michael Ende. Ob ich wirk­lich glau­ben würde, unser Herr Kori­an­der wäre echt.

Natür­lich ist er echt, auch wenn er nie von sei­nem Hähn­chen isst. Es wird nicht sein rich­ti­ger Name sein. Na und? Andere che­cken unter fal­schem Namen ein und haben eine junge Frau im Arm. Das sind die eigent­li­chen Betrü­ger. Herr Kori­an­der hat nichts Böses im Sinn, da bin ich mir sicher.

Es ist höchste Zeit. Die fünf Minu­ten nach Mit­ter­nacht sind sicher­lich schon vor­über. Ich klopfe, und Herr Kori­an­der macht mir auf. Er wirkt anders als sonst, nicht so gelas­sen, son­dern ner­vös und etwas fah­rig. Er winkt mich her­ein. Sein Besu­cher hat sich rück­lings aufs Bett fal­len las­sen und stöhnt eksta­tisch.

»You like Coq au vin?«, fragt Herr Kori­an­der. Der Mann rich­tet sich auf. »Beds are the most extra­or­di­nary inven­tion!«, begeis­tert er sich. Er ist offen­bar Ame­ri­ka­ner, leger in einem blauen Hemd geklei­det, hat eine Glatze und einen gepfleg­ten Bart, grau­me­liert, aber von dunk­len Strei­fen durch­setzt. Sein Schnäu­zer ist eben­falls dun­kel.

Ihm scheint zu gefal­len, was ich ser­viere. Sogleich sto­chert er begeis­tert mit der Gabel in dem Hähn­chen herum. Nach­dem ich zwei Glä­ser Tafel­was­ser ein­ge­schenkt habe, trete ich neben das Bett, das Herrn Kori­an­ders Besu­cher so begeis­tert hatte, und halte mich bereit. Ver­mut­lich werde ich erst wie­der benö­tigt, wenn der Mann sein Mahl been­det hat, was mir die Gele­gen­heit gibt, meine Ohren zu spit­zen und dem Gespräch zu fol­gen, soweit mein lücken­haf­tes Eng­lisch das her­gibt.

Den Anfang macht immer der Mars. Und tat­säch­lich: Herr Kori­an­der fragt den Ame­ri­ka­ner, als die­ser sei­nen ers­ten Bis­sen nimmt und dabei in Wohl­laute aus­bricht, nach dem tele­pa­thi­schen Mar­sia­ner Wub. »I don’t remem­ber«, ant­wor­tet ihm sein Gast mit vol­lem Mund. Auch an irgend­wel­che »Bobel« und »Null‑O’s« kann er sich angeb­lich nicht erin­nern. Herr Kori­an­der wirkt ver­wirrt und stu­diert die Noti­zen in sei­nem Büch­lein. Der Ame­ri­ka­ner fragt ihn, ob er ein I Ging dahabe.

Herr Kori­an­der schüt­telt den Kopf. »Kön­nen wir viel­leicht kurz über Sil­vias Engel reden?«, fragt er schließ­lich. »Ah, Angel«, meint der Ame­ri­ka­ner und ver­dreht die Augen, »Angel Archer.«

Herr Kori­an­der ver­sucht rich­tig­zu­stel­len, dass er nicht den Vor­na­men »Angel« meint, son­dern von Engeln spricht. Der Ame­ri­ka­ner sieht ver­wirrt aus. »Valis?«, fragt er, doch über »Valis« möchte Herr Kori­an­der erst spä­ter spre­chen und reagiert kon­ster­niert, als sein Gast ihm in aller Aus­führ­lich­keit von einer Zahn­ex­trak­tion zu berich­ten beginnt, die er sein »Fin­ne­gans Wake« nennt. Herr Kori­an­der scheint mit all­dem über­for­dert. Er sieht sogar ein­mal ver­zwei­felt zu mir her­über, als könne ich hel­fend ein­grei­fen. Ich fasse mir ein Herz und trete zu den bei­den, um Tafel­was­ser nach­zu­schen­ken. Leise sage ich zu Herrn Kori­an­der: »Ich würde ihn fra­gen, wie alles endet.«

Herr Kori­an­der sieht mich stirn­run­zelnd an, wäh­rend ich wie­der in den Schat­ten trete. Die Frage hatte er vor­her ein­mal einem sei­ner Besu­cher gestellt, und irgend­wie habe ich das Gefühl, die­ser hier würde mehr dazu zu sagen haben.

Gerade erzählt der Fremde etwas über einen Irr­gar­ten, wobei er Herrn Kori­an­der beschwö­rend an die Schul­tern fasst: »Es führt kein Weg aus dem Irr­gar­ten her­aus. Der Irr­gar­ten ver­än­dert sich, wäh­rend du durch ihn hin­durch­läufst, weil er leben­dig ist.« So, wie er das erzählt, scheint er das selbst erlebt zu haben, und ich bin froh, dass Herr Kori­an­der etwas bekommt, das er in sein Notiz­buch schrei­ben kann. Hat es nicht sogar auch mit Evo­lu­tion und Bewusst­sein zu tun?

Doch er schreibt nichts auf. Statt­des­sen meint er, das alles ergebe kei­ner­lei Sinn. Er sieht müde aus, sein Gesicht ist grau, und es scheint ihm nicht zu gefal­len, dass er die Kon­trolle über das Gespräch ver­lo­ren hat.

Der Ame­ri­ka­ner lässt sich nicht beein­dru­cken und rät Herrn Kori­an­der, es mal mit Zen zu pro­bie­ren: Das, was kei­ner­lei Sinn macht, ergebe doch gerade erst den größ­ten Sinn. Er schiebt sei­nen Tel­ler weg, obwohl noch Fleisch an den Kno­chen ist.

»Sie kön­nen dann abräu­men«, sagt Herr Kori­an­der in meine Rich­tung. Die Ent­täu­schung steht ihm ins Gesicht geschrie­ben, und seine Stimme klingt gepresst. Auch der Ame­ri­ka­ner bemerkt es. Er ent­schul­digt sich und bekräf­tigt noch ein­mal, dass er sich wirk­lich nicht erin­nert. Es sei alles nur ein Schat­ten und ein Nebel, wabernde geo­me­tri­sche For­men.

»If it’s a dream, it’s not lucid«, sagt er mit einem gewis­sen Bedau­ern, wäh­rend ich die Essens­reste ein­sammle und mit dem Tablett das Zim­mer ver­lasse. Vor der Tür bleibe ich ste­hen und lau­sche, hoffe, dass das Gespräch noch wei­ter­geht, kann aber nichts mehr von den bei­den hören.

Der übrig­ge­blie­bene Coq au vin will mir dies­mal nicht schme­cken. Ich stehe an der Rezep­tion und höre Herrn Kori­an­der die Treppe her­ab­kom­men. Er sieht alt und erschöpft aus. Ich würde ihn gerne trös­ten, aber ich weiß nicht, was ich sagen soll. Als er mir sei­nen Zim­mer­schlüs­sel hin­legt, greife ich nach sei­ner Hand und drü­cke sie kurz. »Sie soll­ten jetzt nicht mehr Auto fah­ren«, rutscht mir her­aus.

Er sieht mich über­rascht an. Schnell lasse ich seine Hand los. »Sie haben doch hier ein Bett«, sage ich. Schla­fen Sie sich ein­fach mal rich­tig aus, will ich sagen, Sie haben es doch schon bezahlt, und das Früh­stücks­buf­fet ist im Zim­mer­preis inbe­grif­fen, will ich sagen. Doch ich senke nur den Blick und bli­cke auf den Tel­ler mit dem kal­ten Hähn­chen­fleisch. »Sie haben recht«, sagt er.

»Früh­stück gibt es bis zehn Uhr«, sage ich, »und falls Sie jetzt noch etwas haben möch­ten …« Er schüt­telt den Kopf, nimmt sei­nen Schlüs­sel, wen­det sich um und geht wie­der die Treppe hin­auf, ein alter, gebeug­ter Mann, der eine schwere Last zu tra­gen scheint.

Viel­leicht, denke ich, steckt auch er in einem Irr­gar­ten, aus dem er nicht mehr her­aus­fin­det.

Als ich am nächs­ten Mor­gen an sei­nem Zim­mer klopfe und es schließ­lich öffne, ist es leer. Herr Kori­an­der ist fort. Er hat den Zim­mer­schlüs­sel auf den Tisch gelegt und mir ein fürst­li­ches Trink­geld hin­ter­las­sen. Zum ers­ten Mal ist das Bett benutzt, und so eigen­ar­tig es klingt: Bet­ten­ma­chen ist nicht gerade das Schönste an mei­nem Job hier – dies­mal aber freue ich mich, es frisch bezie­hen zu kön­nen. Ich mache nicht wie sonst das Radio an, son­dern pfeife selbst ein fröh­li­ches Lied dazu.

 

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The Calm

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Ich betrete den Kor­ri­dor zum alten Koh­len­kel­ler, den ich kom­plett mit Alu­mi­nium aus­ge­klei­det habe. Erschöpft lasse ich mich auf den Hocker sin­ken, der hier noch immer steht, damit ich die Folie auch an die Decke kle­ben konnte. Sie macht den Kor­ri­dor zum Fara­day­schen Käfig, durch den keine elek­tri­schen Fel­der nach außen drin­gen.

 

 

Nie­mand hat es kom­men sehen, aber die immer bes­sere Abde­ckung unse­rer Lebens­welt mit immer schnel­le­ren Funk­ver­bin­dun­gen ins Inter­net hat schließ­lich zu quan­ten­phy­si­ka­li­schen Wech­sel­wir­kun­gen mit den elek­tri­schen Fel­dern des mensch­li­chen Hirns geführt. Wis­sen­schaft­ler führ­ten von Unschär­fe­re­la­tion bis M‑Theorie alles ins Feld, was sie auf­bie­ten kön­nen, um das Phä­no­men auf diese Weise beredt zu erklä­ren – wenn auch erst hin­ter­her. Keine ihrer Theo­rien hat vor­her­ge­sagt, dass WLAN-Rou­ter und Mobil­funk­zel­len in der Lage sein wür­den, unsere Gedan­ken auf­zu­fan­gen. Und ebenso wenig, dass die geballte Rechen­kraft der Cloud fähig sein würde, diese unsere Gedan­ken anhand ihrer elek­tri­schen Fluk­tua­tio­nen zu ent­schlüs­seln.

 

 

Vie­len scheint der Upload der eige­nen Gedan­ken und Gefühle ins Brain­Web ver­füh­re­risch, und die pene­trante Wer­bung für das minia­tu­ri­sierte Goog-Equip­ment will uns Kon­su­men­ten stän­dig nahe­le­gen, dass es eine Art Unsterb­lich­keit bedeute. Aber natür­lich kann man nicht seine Iden­ti­tät in die Cloud laden, son­dern nur Erin­ne­run­gen, Ideen und Emo­tio­nen. All das wird durch Fil­ter, deren genaue Funk­ti­ons­weise und Tref­fer­quote geheim bleibt, von allzu pri­va­ten Gedan­ken berei­nigt und voll­au­to­ma­tisch tran­skri­biert: der Bewusst­seins­strom als Text­da­tei. Unter James Joyce würde viel­leicht ein Meis­ter­werk dar­aus, doch die bloße Mit­schrift kommt über ein pein­li­ches Gestam­mel wie etwa frü­her bei Twit­ter nicht hin­aus.

 

 

Seit Mona­ten beschäf­tigt mich der Gedanke, dass unsere mensch­li­chen Hirne offen­bar Anten­nen sind, Anten­nen für die Gedan­ken der Men­schen um uns herum. Es muss so sein, denn wie unschwer zu mer­ken ist, beschränkt sich der unab­läs­sige Upload aller Googs auf die Brain­Web-Ser­ver nicht nur auf ihren eige­nen Geist, son­dern beinhal­tet immer auch Gedan­ken­bruch­stü­cke der Men­schen, die sich gerade ihrer Nähe befin­den. Was die meis­ten für nicht mehr als einen lus­ti­gen Neben­ef­fekt hal­ten, hat in mei­nen Augen gewal­tige Kon­se­quen­zen!

 

 

Wenn mein Gehirn eine Antenne ist, mit dem ich tele­pa­thisch fremde Gedan­ken­in­halte auf­fan­gen kann: Warum weiß ich nichts davon? Warum wer­den mir diese Gedan­ken nicht bewusst? Es gibt keine For­schun­gen, die sich damit beschäf­ti­gen – alles kon­zen­triert sich auf die com­pu­te­ri­sierte Ver­wer­tung der Uploads, ihre Durch­such­bar­keit und die seman­ti­sche Ver­knüp­fung zwi­schen ihnen. Und natür­lich auf indi­vi­dua­li­sierte und noch geziel­tere Wer­bung. Das geplante Update, das alle Welt in helle Auf­re­gung ver­setzt, ver­spricht allen Googs, ihre Gedan­ken end­lich auch in Bild und Ton ver­ewi­gen zu kön­nen. Erin­nert sich jemand an Pin­te­rest, das Flickr für Hand­ta­schen & Co.? Nein. Die Kara­wane zieht wei­ter, zum nächs­ten Hype.

Ich jedoch wün­sche mir etwas, das nicht kom­plett ver­lo­ren ist, wenn der Strom abge­schal­tet wird. Ich habe den Traum, dass wir als Men­schen uns die eige­nen Fähig­kei­ten bewusst machen und unse­ren Sin­nen einen wei­te­ren hin­zu­fü­gen – vor­zugs­weise einen, der sich wie unsere Augen auch schlie­ßen lässt. Man stelle sich das mal vor: Wir wür­den keine Beschrei­bun­gen der Gefühle ande­rer lesen, son­dern diese Gefühle selbst füh­len.

Diese Vor­stel­lung ist nicht sehr popu­lär. Viel­leicht ist sie sogar gefähr­lich. Die Brain-Bran­che macht einen rie­si­gen Umsatz, der inzwi­schen selbst die Nano­tech­no­lo­gie in den Schat­ten stellt. Auf Tech­nik, auf Ser­ver, auf Soft­ware ver­zich­ten zu kön­nen, sich nicht immer wie­der die neuste Gene­ra­tion des iGoog hin­ters Ohr klem­men zu müs­sen, son­dern den eige­nen Sin­nen und Fähig­kei­ten zu ver­trauen: Das ist kein Markt, das ver­spricht kei­nen Pro­fit – jeden­falls kei­nen, der sich Aktio­nä­ren erklä­ren lässt.

Des­halb halte ich meine Gedan­ken und For­schun­gen lie­ber geheim, selbst und gerade vor mei­ner Frau, die täg­lich begeis­tert durch ihre eige­nen Uploads surft – und natür­lich durch die Brain­Wa­ves ihrer Freun­din­nen. Um wäh­rend­des­sen wei­ter ihre Gedan­ken und Gefühle upzu­loa­den – manch­mal wun­dere ich mich, dass es in den Köp­fen der Googs nicht zu einem uner­träg­li­chen Rück­kopp­lungs­pfei­fen kommt.

Es wird Zeit, zu Nele nach oben zu gehen. Sie dürfte bald das Abend­essen fer­tig­ha­ben, und spä­ter möchte sie bestimmt wie­der, dass ich ihr die Füße mas­siere. Ich werde an die See den­ken, an Schaum­kro­nen und den Blas vor­bei­zie­hen­der Wale, wäh­rend ihre Gedan­ken und die Worte, die wir wech­seln, als stän­di­ger Bewusst­seins­strom in die Cloud flie­ßen – mit gele­gent­li­chen Bruch­stü­cken von »Ich betrete den Kor­ri­dor«, die sie unbe­wusst von mir auf­fängt, oder ein paar unver­mit­tel­ten mari­ti­men Begrif­fen. Nele hielt diese Ein­spreng­sel in ihrer Brain­Wave bis­lang für einen Soft­ware­feh­ler und kam letzt­hin auf die Idee, es könne ein unbe­wuss­ter Wunsch von ihr sein, Urlaub am Meer zu machen (obwohl es ihr eigent­lich Angst ein­jagt und ihr Herz den Ber­gen gehört). Was ich dar­über denke, werde ich schön für mich behal­ten.

 

 

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Án dan­sari dans

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der mich von der Bühne weg zu mei­nem Umklei­de­raum führt. Für den Applaus, der immer noch nicht auf­hö­ren will, hat mich Emile aus der Hyp­nose geholt. Sie nen­nen mich die »Traum­tän­ze­rin«, denn ich tanze im Schlaf, ohne davon zu wis­sen, som­nam­bul und in Trance. Zu die­ser Séance-Dar­bie­tung kom­men die Men­schen in Scha­ren, um zu sehen, wie ich mich in einem dün­nen Kleid­chen aus blass­blauer Seide zu Cho­pin­mu­sik bewege.

Ich bin vor­her immer sehr auf­ge­regt und habe fürch­ter­li­ches Lam­pen­fie­ber, aber dann ver­setzt Emile mich in Hyp­nose, und ich weiß von nichts mehr, bis meine Dar­bie­tung vor­über ist. Es sei sehr schön, was ich tanze, sehr außer­ge­wöhn­lich, und es ist wohl manch­mal – das sehe ich an den Ange­bo­ten, die mir Män­ner zukom­men las­sen – auch ero­tisch. Und das, obwohl ich nie­mals eine Tanz­aus­bil­dung hatte.

Aber wer tanzt da? Ich bin es nicht, denn ich weiß nichts davon. Es heißt, es sei mein Unbe­wuss­tes, und andere sagen, es sei die unver­fälschte Muse Terp­s­ichore, die sich durch mich aus­drückt. Oder ist es der Tanz mei­ner Seele?

Gleich mor­gen früh rei­sen wir ab, um in einer ande­ren Stadt eine Dar­bie­tung zu geben. Albert, unser Impre­sa­rio, lässt uns keine Ruhe. Ursprüng­lich hatte Emile nur die stän­di­gen Kopf­schmer­zen behan­deln sol­len, die mich quäl­ten. Er ver­suchte es mit Hyp­nose und ent­deckte mein Talent. Inzwi­schen sind die Schmer­zen fort, und viel­leicht war ja das, was da in mei­nem Kopf rumorte, ein Elan vital, der den Men­schen mit Gebär­den, Mimik und Aus­drucks­tanz etwas sagen möchte. Ich kann nur instän­dig hof­fen, dass es irgend­wann jemand ver­steht.

 

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The Story Isn’t Finis­hed Yet

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Ich betrete den Kor­ri­dor, stelle mich an eine Wand, öffne meine Hose und pinkle. Was für eine Erleich­te­rung! Das Lachen von The­seus klingt aus dem angren­zen­den Raum. »Stell bloß keine Figu­ren um!«, brülle ich. Sein Lachen wird noch lau­ter.

Wir spie­len Zita­delle, und als ich zurück­komme, wird mir klar, als ich die im gan­zen Raum ver­streu­ten lee­ren Fla­schen sehe, dass wir von dem sau­ren, ver­go­re­nen Saft, der das Blut und das Gemüt erhitzt und die Zunge lockert, schon Unmen­gen getrun­ken haben müs­sen. The­seus grinst mich an, ein mus­ku­lö­ser Krie­ger, Leder­rie­men über der son­nen­brau­nen Brust, Fünf­ta­ge­bart im Gesicht. So jung und wohl­ge­stalt muss ich auch ein­mal gewe­sen sein. Das Schwert hat er acht­los bei­seite gewor­fen. Ich setze mich schwer­fäl­lig vor das Spiel­brett und suche nach einer Mög­lich­keit, dem Ansturm sei­ner Vasal­len zu ent­kom­men.

»Du bist ein Mons­ter«, hatte er gesagt, als wir uns gegen­über­stan­den und taxier­ten, »aber ich bin das grö­ßere Mons­ter.«

Und dann hatte er, mit sei­nem aus­ge­streck­ten Schwert zwi­schen uns, begon­nen, von sich zu erzäh­len. Von sei­ner vater­lo­sen Kind­heit, dem Gespött der ande­ren Kin­der aus­ge­setzt. Von sei­ner Jugend und den Lei­chen, die er auf dem Weg zu sei­nem Vater, des­sen Namen ihm die Mut­ter schließ­lich doch ver­ra­ten hatte, hin­ter sich zurück­ließ: Peri­phe­tes, mit der eige­nen Waffe erschla­gen; Sin­nis, der Fich­ten­beu­ger, den The­seus zwi­schen zwei sei­ner Fich­ten spannte und von ihnen zer­rei­ßen ließ; Ski­ron, den er einen Fel­sen hin­ab­stieß; Pro­krus­tes, dem er erst die Glie­der lang­zog und dann abschlug. Von der Furcht, die er ver­brei­tete, und dem Ruf, ein gna­den­lo­ser Mör­der zu sein. Ein Mons­ter.

Aber The­seus ist eigent­lich ein net­ter Kerl. Er erzählt vom Gol­de­nen Vließ und dass die ande­ren Argo­nau­ten immer Abstand zu ihm hiel­ten. Vom Kaly­do­ni­schen Eber und der Jagd­ge­sell­schaft, die sich bil­dete, um das Mons­ter zu erle­gen, ihn, The­seus, aller­dings zur Nach­hut ver­don­nerte. Vom Mara­tho­ni­schen Stier, einem wei­te­ren men­schen­mor­den­den Mons­ter … Aber hier ver­stummt er, um meine Gefühle nicht zu ver­let­zen. Statt­des­sen erzählt er mir von Ari­adne, mei­ner Schwes­ter, die er hei­ra­ten oder zumin­dest ent­füh­ren will, und fragt mich, ob ich nicht Trau­zeuge sein möchte.

Unsere Zita­delle-Par­tie gewinnt er. Doch dann über­mannt ihn die Müdig­keit. Zärt­lich decke ich ihn zu und räume alle Fla­schen fort, bis auch ich mich zur Ruhe begebe. Nach zu viel ver­go­re­nem Apfel­saft schmer­zen mir am nächs­ten Mor­gen immer die Hör­ner, aber beim Ein­schla­fen denke ich, dass es das wert war.

 

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The Drum Leads the Way (Exc)

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der sich zwi­schen den mäch­ti­gen Wur­zeln einer Eiche öff­net und tief in den Bauch der Erde hin­ab­führt – mein Ein­gang in die Untere Welt. Mono­to­ner Trom­mel­schlag beglei­tet mich, wäh­rend ich, meine Hand aus­ge­streckt ins Ener­gie­feld einer Freun­din, nach deren ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen See­len­fa­cet­ten zu suchen beginne.

Meine Reise führt mich durch das Land der unge­woll­ten Toten – ein fürch­ter­li­cher Ort, fahl und düs­ter, mit schat­ten­haf­ten Wesen, die wie gie­rige Vam­pire über mich her­fal­len wür­den, wenn sie mich als das erken­nen wür­den, was ich bin: ein Leben­der. Also werfe ich mir einen grauen, schat­ten­haf­ten Umhang um und bewege mich quä­lend lang­sam zwi­schen ihnen hin­durch, wäh­rend ich alles Leben­dige in mir ver­neine, um nicht auf­zu­fal­len. Mein Lebens­mut scheint gänz­lich aus mir her­aus­zu­rin­nen, und ein blei­cher Schleier legt sich über mich. Das Graue Land erstreckt sich end­los nach allen Sei­ten – als ich fast schon auf­ge­ben will, habe ich es end­lich durch­quert und kann wie­der, beglei­tet von mei­nem Totem­tier, das wäh­rend mei­ner Reise über mich wacht und mich lei­tet, in die Lüfte stei­gen. Schließ­lich errei­chen wir auf der ande­ren Seite eines wil­den Oze­ans eine zer­klüf­tete Küste, an der eine ein­same Hütte steht. Hier lebt ein jun­ger Mann – mein Kraft­tier zieht sich zurück, um ihn nicht zu erschre­cken. Er sieht mit trau­ri­gen Augen aufs Meer hin­aus.

Ich rede mit ihm. Er will nicht zurück, zu sehr belas­tet ihn die Erin­ne­rung an ein furcht­ba­res Ereig­nis – eines, wie sie im Laufe unse­res Lebens immer wie­der Nar­ben auf der Seele hin­ter­las­sen. Schließ­lich kann ich dem jun­gen Mann klar­ma­chen, dass seine Hilfe, seine Ener­gie, seine Lei­den­schaft gebraucht wer­den. Er wird schreck­lich ver­misst.

Das rührt ihn, und er gibt zu, dass er sich hier an die­sem Ort ver­lo­ren und ver­ges­sen fühlt. Ich nehme ihn an der Hand und ziehe ihn mit mir. Die Trom­mel schlägt schnel­ler. Mein Kraft­tier schleu­dert mich durch die Luft, und ich finde mich zwi­schen den Wur­zeln der Eiche wie­der. Wir sind zurück­ge­kehrt. Die Trom­mel schweigt.

Ich schlage die Augen auf, und die Hand, in der ich soeben noch die des jun­gen Man­nes gespürt habe, schwebt leer über der Brust­ge­gend mei­ner reg­los und wie in Trance dalie­gen­den Freun­din.

Ich hoffe sehr, dass die Ener­gie, die ich als jun­gen Mann wahr­ge­nom­men habe, dort­hin zurück­keh­ren konnte, wo ihr Platz ist. Meine Freun­din jeden­falls reckt und streckt sich, hat Hun­ger bekom­men und will mich zu einem reich­hal­ti­gen Abend­essen ein­la­den – gespannt dar­auf, was ich von mei­ner Reise zu erzäh­len habe.