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Sepulchre Moon

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Ich betrete den Kor­ri­dor auf­ge­regt, über­wäl­tigt und mit wei­chen Knien. Es ist das erste Mal, dass Men­schen ein Bau­werk von Außer­ir­di­schen betre­ten.

Eigent­lich haben wir hier auf­grund der Radio­si­gnale eine Zivi­li­sa­tion erwar­tet, auch wenn die Signal­folge unter Astro­no­men erst ein­mal gro­ßes Rät­sel­ra­ten aus­ge­löst hat. Ein Groß­teil von dem, was sie nach der Auf­he­bung der Qua­ran­täne mit ihren Radio­ob­ser­va­to­rien emp­fin­gen, wirkte wie das unko­dier­bare Fern­seh­pro­gramm frem­der Zivi­li­sa­tio­nen: ein unauf­hör­li­cher Strom offen­bar sinn­vol­ler, aber von uns nicht les­ba­rer Pulse und Zei­chen, ein end­lo­ses Geplap­per auf allen Fre­quen­zen, elek­tro­ma­gne­ti­sche Hie­ro­gly­phen, für die uns der Roset­tast­ein fehlte.

Diese spe­zi­elle Signal­folge jedoch wirkte wie ein geziel­ter Ruf, wie ein Funk­feuer, denn sie wie­der­holte sich nach eini­ger Zeit, wenn auch immer mit leich­ten Varia­tio­nen. Rief hier eine Zivi­li­sa­tion in die Leere zwi­schen den Ster­nen hin­aus, um Ant­wort zu erhal­ten? Die Astro­no­men schick­ten mit einem star­ken Sen­der eine Bot­schaft zurück. Die Anten­nen der Cos­mic Bea­gle haben jedoch seit unse­rem Start vor über zehn Jah­ren keine Ände­rung in der Signal­folge bemerkt, die man als Reak­tion auf den Funk­spruch von der Erde deu­ten könnte.

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Als wir den Pla­ne­ten erreich­ten, der als Quelle des Signals iden­ti­fi­ziert wor­den war, fan­den wir ihn wüst und leer vor – unwahr­schein­lich, dass sich auf ihm je Leben ent­wi­ckelt hat. Die Signale stam­men von einem Mond des Pla­ne­ten! Zwi­schen den Kra­tern, die ihm ein pocken­nar­bi­ges Aus­se­hen ver­lei­hen, ent­deck­ten wir das Bau­werk, ein, wie uns der Mathe­ma­ti­ker begeis­tert erklärte, »Men­ger-Schwamm«, ein Wür­fel, in des­sen Ober­flä­che große und kleine Wür­fel aus­ge­spart sind. Von den Eigen­schaf­ten die­ser drei­di­men­sio­na­len frak­ta­len Skulp­tur (»kom­pakt, per­fekt, selbst­ähn­lich, über­ab­zähl­bar, total unzu­sam­men­hän­gend und nir­gends dicht«) schwärmte er uns unab­läs­sig vor, bis unser Radar­scan­ner anzeigte, dass eine der Wür­fel­aus­spa­run­gen sich in einen Kor­ri­dor öff­net, der ins Innere führt. Da war’s plötz­lich aus mit der Schwär­me­rei: »Pah. Eine Abwei­chung von der Ide­al­form. Führt die ganze Per­fek­tion ad absur­dum.«

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In genau die­sem Kor­ri­dor befin­den wir uns jetzt und fol­gen ihm auf­ge­regt in das extra­ter­res­tri­sche Bau­werk hin­ein. Einen Exo- oder Xeno-Archi­tek­ten haben wir nicht in der Crew, und so was gibt es bis­lang auch gar nicht, aber unsere Phy­si­ker haben bereits das Mate­rial unter­sucht, aus dem der rie­sige Wür­fel besteht – mit dem Ergeb­nis, dass es nicht zu iden­ti­fi­zie­ren war. Meteo­ri­ten­be­schuss jeden­falls konnte ihm nichts anha­ben, und den Staub­ab­la­ge­run­gen in den wür­fel­för­mi­gen Aus­spa­run­gen nach – Indi­zien dafür, dass der atmo­sphär­e­lose Mond immer wie­der von Meteo­ri­ten getrof­fen wird – könnte das Bau­werk bereits Mil­lio­nen von Jah­ren alt sein.

Von den ande­ren höre ich in mei­nen Kopf­hö­rern nur das Atmen in ihren Hel­men. Wir sind alle ergrif­fen von dem, was wir sehen: Der Kor­ri­dor führt in eine gewal­tige, eben­falls wür­fel­för­mige Halle, deren Wände über­sät sind mit Halb­re­li­efs. Sie zei­gen – ja, was zei­gen sie eigent­lich? Mir wird ganz schwumm­rig beim Betrach­ten. Die Dar­stel­lun­gen wir­ken auf mich, als würde ich einen der alten drei­di­men­sio­na­len Filme ohne die erfor­der­li­che Brille betrach­ten.

»Es ist eine Gruft«, höre ich den Exo-Bio­lo­gen über Funk. Tat­säch­lich: In der Mitte der Halle steht eine Art wür­fel­för­mi­ger Sar­ko­phag. Wir müs­sen ihn nicht öff­nen, denn er ist durch­sich­tig, und wie in Gieß­harz ein­ge­bet­tet ruht dort ein Geschöpf, das einem Gespenst gleicht. Ver­mut­lich haben wir alle die glei­che Asso­zia­tion. Ich muss an meine Kind­heit den­ken und wie ich mich mei­ner Schwes­ter zusam­men mit Hilfe wei­ßer Bett­tü­cher Geis­ter­stunde gespielt habe.

Die­ses »Gespenst« jedoch wirkt nicht gru­se­lig, son­dern sieht äthe­risch und wun­der­schön aus. Es besteht aus Tau­sen­den win­zi­ger mil­chi­ger Schleier, durch die – ähn­lich wie bei einer Qualle – Organe hin­durch­schim­mern. Wo es die Augen haben und wo der Kopf sit­zen müsste, geht der mil­chige Schim­mer in zar­tes Rosa über und ver­dich­tet sich. Auch wenn es ein­deu­tig tot ist: Das Wesen wirkt, als würde es tan­zen.

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»Also ist es tat­säch­lich eine Gruft«, sagt unser Exo-Bio­loge, als wir nach unse­rer Rück­kehr zum Schiff im Bespre­chungs­raum zusam­men­sit­zen. Die Halb­re­li­efs in der Toten­halle zei­gen offen­bar – wenn auch selt­sam ver­zerrt und unkon­kret – die Geschichte zweier die­ser Wesen, für die sich in unse­ren Dis­kus­sio­nen die Bezeich­nung »Spi­rits« ein­ge­schli­chen hat. Offen­bar reis­ten sie gemein­sam in einem kugel­för­mi­gen Schiff durchs All, um wie wir andere Intel­li­gen­zen und Zivi­li­sa­tio­nen zu besu­chen.

»Sie starb«, führt der Exo-Bio­loge seine Deu­tung aus, »und er errich­tete ihr ein Mau­so­leum, bevor er allein wei­ter­reiste.« Ich weiß nicht, ob auch die ande­ren in die­sem Moment den glei­chen beglü­cken­den Gedan­ken hat­ten wie ich und, genau wie ich, dar­auf ver­zich­te­ten, ihn aus­zu­spre­chen: »Es gibt Liebe drau­ßen im Welt­all. Es gibt sogar die ganz große Liebe hier drau­ßen!«

Starb das Wesen, das in dem gewal­ti­gen Wür­fel auf­ge­bahrt ist, durch einen Unfall oder eines natür­li­chen Todes? Das haben wir den Reli­efs noch nicht ent­neh­men kön­nen, zu fremd­ar­tig ist die Dar­stel­lungs- und Erzähl­weise. Mas­an­ori, der Mathe­ma­ti­ker, glaubt, das Funk­si­gnal gebe die letz­ten Worte des toten Spi­rit wie­der.

»Ich glaube«, werfe ich in die Runde, »dass es Musik ist.« Der Bio­loge wirft mir einen erstaun­ten Blick zu, wiegt den Kopf und meint: »Ein Requiem. Das könnte sein.« Und Mas­an­ori ergänzt: »Frak­tal ver­schlüs­selt, steht zu ver­mu­ten.«

Es dau­erte einige Tage und bean­spruchte viel Rechen­leis­tung unse­rer Bord­com­pu­ter, dann erklang die Musik zum ers­ten Mal im Kon­troll­raum der Cos­mic Bea­gle. Fremd­ar­tige, selt­sam schöne, tod­trau­rige Klänge.

Wenn unsere Phy­si­ker recht damit haben, dass das Mau­so­leum min­des­tens 100 Mil­lio­nen Jahre alt ist, dann hat die­ser Trau­er­ge­sang, dann hat die­ser letzte Gruß an die geliebte Gefähr­tin längst unsere gesamte Gala­xis durch­mes­sen und benach­barte Gala­xien erreicht.

»In gewis­ser Weise«, sagt Mas­an­ori, »ist damit der Spi­rit, der hier auf­ge­bahrt ist, das bekann­teste Wesen im gesam­ten Virgo-Super­clus­ter« – womit er die Gruppe von Gala­xien meint, zu der auch unsere Milch­straße gehört.

Für mich ist es ganz schlicht die wohl größte Liebe des Uni­ver­sums.

 

Men­ger-Schwamm:Link

Virgo-Super­clus­ter:Link