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Mare Chronium–Cogitating
Ich betrete den Korridor. Die Aufzugtür schließt sich hinter mir. Irgendwie freue ich mich heute nicht so sehr auf das, was mich hinter der Tür zu Zimmer Nr. 27 erwartet, wie ich eigentlich gedacht hätte. Der Coq au vin auf meinem Tablett in zweifacher Ausführung duftet so verführerisch wie immer, und ich bin mir sicher, auch diesmal ein dickes Trinkgeld für den Zimmerservice zu bekommen. Liegt es an Pascal? Unser Koch hat den Namen unseres Gastes, »K. K. Koriander«, im Internet recherchiert und mich ausgelacht. Das sei eine Figur aus einem Buch, aus der Unendlichen Geschichte von Michael Ende. Ob ich wirklich glauben würde, unser Herr Koriander wäre echt.
Natürlich ist er echt, auch wenn er nie von seinem Hähnchen isst. Es wird nicht sein richtiger Name sein. Na und? Andere checken unter falschem Namen ein und haben eine junge Frau im Arm. Das sind die eigentlichen Betrüger. Herr Koriander hat nichts Böses im Sinn, da bin ich mir sicher.
Es ist höchste Zeit. Die fünf Minuten nach Mitternacht sind sicherlich schon vorüber. Ich klopfe, und Herr Koriander macht mir auf. Er wirkt anders als sonst, nicht so gelassen, sondern nervös und etwas fahrig. Er winkt mich herein. Sein Besucher hat sich rücklings aufs Bett fallen lassen und stöhnt ekstatisch.
»You like Coq au vin?«, fragt Herr Koriander. Der Mann richtet sich auf. »Beds are the most extraordinary invention!«, begeistert er sich. Er ist offenbar Amerikaner, leger in einem blauen Hemd gekleidet, hat eine Glatze und einen gepflegten Bart, graumeliert, aber von dunklen Streifen durchsetzt. Sein Schnäuzer ist ebenfalls dunkel.
Ihm scheint zu gefallen, was ich serviere. Sogleich stochert er begeistert mit der Gabel in dem Hähnchen herum. Nachdem ich zwei Gläser Tafelwasser eingeschenkt habe, trete ich neben das Bett, das Herrn Korianders Besucher so begeistert hatte, und halte mich bereit. Vermutlich werde ich erst wieder benötigt, wenn der Mann sein Mahl beendet hat, was mir die Gelegenheit gibt, meine Ohren zu spitzen und dem Gespräch zu folgen, soweit mein lückenhaftes Englisch das hergibt.
Den Anfang macht immer der Mars. Und tatsächlich: Herr Koriander fragt den Amerikaner, als dieser seinen ersten Bissen nimmt und dabei in Wohllaute ausbricht, nach dem telepathischen Marsianer Wub. »I don’t remember«, antwortet ihm sein Gast mit vollem Mund. Auch an irgendwelche »Bobel« und »Null‑O’s« kann er sich angeblich nicht erinnern. Herr Koriander wirkt verwirrt und studiert die Notizen in seinem Büchlein. Der Amerikaner fragt ihn, ob er ein I Ging dahabe.
Herr Koriander schüttelt den Kopf. »Können wir vielleicht kurz über Silvias Engel reden?«, fragt er schließlich. »Ah, Angel«, meint der Amerikaner und verdreht die Augen, »Angel Archer.«
Herr Koriander versucht richtigzustellen, dass er nicht den Vornamen »Angel« meint, sondern von Engeln spricht. Der Amerikaner sieht verwirrt aus. »Valis?«, fragt er, doch über »Valis« möchte Herr Koriander erst später sprechen und reagiert konsterniert, als sein Gast ihm in aller Ausführlichkeit von einer Zahnextraktion zu berichten beginnt, die er sein »Finnegans Wake« nennt. Herr Koriander scheint mit alldem überfordert. Er sieht sogar einmal verzweifelt zu mir herüber, als könne ich helfend eingreifen. Ich fasse mir ein Herz und trete zu den beiden, um Tafelwasser nachzuschenken. Leise sage ich zu Herrn Koriander: »Ich würde ihn fragen, wie alles endet.«
Herr Koriander sieht mich stirnrunzelnd an, während ich wieder in den Schatten trete. Die Frage hatte er vorher einmal einem seiner Besucher gestellt, und irgendwie habe ich das Gefühl, dieser hier würde mehr dazu zu sagen haben.
Gerade erzählt der Fremde etwas über einen Irrgarten, wobei er Herrn Koriander beschwörend an die Schultern fasst: »Es führt kein Weg aus dem Irrgarten heraus. Der Irrgarten verändert sich, während du durch ihn hindurchläufst, weil er lebendig ist.« So, wie er das erzählt, scheint er das selbst erlebt zu haben, und ich bin froh, dass Herr Koriander etwas bekommt, das er in sein Notizbuch schreiben kann. Hat es nicht sogar auch mit Evolution und Bewusstsein zu tun?
Doch er schreibt nichts auf. Stattdessen meint er, das alles ergebe keinerlei Sinn. Er sieht müde aus, sein Gesicht ist grau, und es scheint ihm nicht zu gefallen, dass er die Kontrolle über das Gespräch verloren hat.
Der Amerikaner lässt sich nicht beeindrucken und rät Herrn Koriander, es mal mit Zen zu probieren: Das, was keinerlei Sinn macht, ergebe doch gerade erst den größten Sinn. Er schiebt seinen Teller weg, obwohl noch Fleisch an den Knochen ist.
»Sie können dann abräumen«, sagt Herr Koriander in meine Richtung. Die Enttäuschung steht ihm ins Gesicht geschrieben, und seine Stimme klingt gepresst. Auch der Amerikaner bemerkt es. Er entschuldigt sich und bekräftigt noch einmal, dass er sich wirklich nicht erinnert. Es sei alles nur ein Schatten und ein Nebel, wabernde geometrische Formen.
»If it’s a dream, it’s not lucid«, sagt er mit einem gewissen Bedauern, während ich die Essensreste einsammle und mit dem Tablett das Zimmer verlasse. Vor der Tür bleibe ich stehen und lausche, hoffe, dass das Gespräch noch weitergeht, kann aber nichts mehr von den beiden hören.
Der übriggebliebene Coq au vin will mir diesmal nicht schmecken. Ich stehe an der Rezeption und höre Herrn Koriander die Treppe herabkommen. Er sieht alt und erschöpft aus. Ich würde ihn gerne trösten, aber ich weiß nicht, was ich sagen soll. Als er mir seinen Zimmerschlüssel hinlegt, greife ich nach seiner Hand und drücke sie kurz. »Sie sollten jetzt nicht mehr Auto fahren«, rutscht mir heraus.
Er sieht mich überrascht an. Schnell lasse ich seine Hand los. »Sie haben doch hier ein Bett«, sage ich. Schlafen Sie sich einfach mal richtig aus, will ich sagen, Sie haben es doch schon bezahlt, und das Frühstücksbuffet ist im Zimmerpreis inbegriffen, will ich sagen. Doch ich senke nur den Blick und blicke auf den Teller mit dem kalten Hähnchenfleisch. »Sie haben recht«, sagt er.
»Frühstück gibt es bis zehn Uhr«, sage ich, »und falls Sie jetzt noch etwas haben möchten …« Er schüttelt den Kopf, nimmt seinen Schlüssel, wendet sich um und geht wieder die Treppe hinauf, ein alter, gebeugter Mann, der eine schwere Last zu tragen scheint.
Vielleicht, denke ich, steckt auch er in einem Irrgarten, aus dem er nicht mehr herausfindet.
Als ich am nächsten Morgen an seinem Zimmer klopfe und es schließlich öffne, ist es leer. Herr Koriander ist fort. Er hat den Zimmerschlüssel auf den Tisch gelegt und mir ein fürstliches Trinkgeld hinterlassen. Zum ersten Mal ist das Bett benutzt, und so eigenartig es klingt: Bettenmachen ist nicht gerade das Schönste an meinem Job hier – diesmal aber freue ich mich, es frisch beziehen zu können. Ich mache nicht wie sonst das Radio an, sondern pfeife selbst ein fröhliches Lied dazu.
Robert Crumbs The Religious Experience of P. K. Dick (engl.):![]()