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Wes­ten­ta­schen­ven­detta

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Ich betrete den Kor­ri­dor, erstarre aber sofort, denn es steht eine Palast­wa­che dort. Sie wen­det mir den Rücken zu und hat mich offen­bar nicht gehört. Lang­sam ver­ziehe ich mich rück­wärts wie­der ins Trep­pen­haus.

Hatte ich eine Wache dort pos­tiert? Ich kann mich nicht daran erin­nern. Jeden­falls soll nicht bekannt wer­den, dass ich mich hin und wie­der uner­kannt unter mein Volk mische. Also muss ich wohl wie­der den Weg über die Außen­wand neh­men und über Vor­sprünge und Simse hin­auf in mei­nen »Thron­saal« klet­tern.

Dies­mal bin ich bei mei­nem Aus­flug zu mei­nen Unter­ta­nen in eine Ver­samm­lung von Ver­schwö­rern gera­ten: eine Hand­voll Män­ner ver­schie­de­nen Alters, die den Tyran­nen stür­zen und die Repu­blik aus­ru­fen wol­len. Eine Frau war dabei. Sie wirkte wild und unbe­re­chen­bar, und unter ihren strub­be­li­gen schwar­zen Haa­ren blitz­ten dunkle Augen her­vor, als sie das Wort ergriff und revo­lu­tio­näre Reden schwang. Sie wollte, dass sich sofort etwas ändert. Aber die älte­ren, wei­se­ren Män­ner in der Runde mahn­ten zu Geduld und peni­bler Vor­be­rei­tung.

Ich habe mich da gut amü­siert und hätte mich sogar fast selbst zu Wort gemel­det, um die Stim­mung anzu­sta­cheln. Doch mein Prin­zip war immer, zu beob­ach­ten, und nicht, mich ein­zu­mi­schen.

Der Palast ist von Efeu über­wu­chert. Ich schwinge mich aus dem Fens­ter des Trep­pen­hau­ses und hangle mich einen Sims ent­lang, bis ich mich unter­halb mei­nes Bal­kons befinde. Ein Regen­rohr bie­tet mir Halt, um mich wei­ter hoch­zu­zie­hen. Plötz­lich spüre ich einen Dolch an mei­ner Kehle, und eine hei­sere Stimme fragt mich: »Was hast du vor, Kerl?«

Es ist die Umstürz­le­rin aus der Ver­schwö­rer­ver­samm­lung. Sie erkennt mich wie­der und steckt den Dolch zurück in ihren Gür­tel. »Willst du ihn auch …?«, fragt sie, ohne ihren Satz zu been­den. Ich nicke. »Er muss ster­ben, je eher, desto bes­ser«, sage ich. Es ist ein Zitat aus ihrer eige­nen Rede, aber sie bemerkt es nicht, son­dern lächelt grim­mig. Sie mus­tert mich von Kopf bis Fuß, und einen kur­zen erschreck­ten Moment lang glaube ich, sie kommt dar­auf, wer ich in Wirk­lich­keit bin. Doch dann fragt sie: »Wo ist deine Waffe?«

»Ich … will ihn erwür­gen.« Wie­der nickt sie: »Daran habe ich auch schon gedacht – zu spü­ren, wie ihn das Leben ver­lässt, wie er zuckt und sich win­det und schließ­lich unter mei­nen Hän­den erschlafft. Das hätte er ver­dient.«

Wir ste­hen beide auf einem schma­len Vor­sprung, hal­ten uns an der Regen­rinne fest, sind vor den Bli­cken der Wachen, die vor dem Palast Dienst tun, durch das Efeu geschützt. Wir sehen uns an, wis­sen nicht, was wir sagen sol­len. Das Schwei­gen bekommt etwas Pein­li­ches.

Schließ­lich schüt­telt sie ihr lan­ges, schwar­zes Haar und sagt: »Wir machen es gemein­sam. Du erdros­selst ihn, und ich ramme ihm im letz­ten Augen­blick mei­nen Dolch ins Herz.«

»So machen wir es«, bestä­tige ich, aber sie ist bereits wei­ter­ge­klet­tert. Ich folge ihr.

Vom unglaub­li­chen Luxus, den sich der Tyrann auf Kos­ten sei­nes Vol­kes gönnt, hatte sie gespro­chen, vom dem Gold, den Juwe­len, den erle­se­nen Spei­sen, dem unglaub­li­chen Prunk des Thron­saals, des­sen präch­tige Aus­stat­tung allein das ganze Volk von Armut und Hun­ger befreien könn­ten. »Wie eine Kröte hockt er auf sei­nem unvor­stell­ba­ren Reich­tum und beu­telt sein Volk, weil er immer noch mehr davon will, mehr, immer mehr!« So hatte sie sich erei­fert und wollte die Schätze gerecht an die Armen und Bedürf­ti­gen ver­tei­len.

Eines der Fens­ter neben dem Bal­kon, von dem aus ich frü­her zu mei­nem Volk gespro­chen habe, ist nur ange­lehnt – klar, hier bin ich ja am frü­hen Mor­gen her­aus­ge­klet­tert. Die Tyran­nen­mör­de­rin ver­ge­wis­sert sich, dass ich direkt hin­ter ihr stehe, öff­net den Fens­ter­flü­gel und steigt hin­ein – eine Frau ganz offen­bar, die nicht viel Umschweife macht, son­dern ihr Ziel direkt angeht. Ich folge ihr.

Der Thron­saal ist leer. Es gibt kei­nen Thron hier und auch kei­nen Saal mit Reich­tü­mern irgend­wel­cher Art. Es ist ein Arbeits­zim­mer mit einem Schreib­tisch und decken­ho­hen Bücher­re­ga­len.

»Dies ist nicht der Thron­saal«, flüs­tert sie. Aber sie sieht meine Krone auf dem Schreib­tisch lie­gen, der mit auf­ge­schla­ge­nen Büchern über­sät ist. Sie tritt heran und wiegt die Krone in ihrer Hand. Einen Augen­blick lang glaube ich, sie wird sie auf den Tisch schla­gen und zer­bre­chen wol­len, doch sie legt sie wie­der zurück und beginnt, in den auf­ge­schla­ge­nen Büchern zu lesen. Nach einer Weile und ganz, als hätte sie meine Anwe­sen­heit ver­ges­sen, setzt sie sich auf den Stuhl, ohne ihre Augen von den Buch­sei­ten zu las­sen.

Es klopft. Sie fährt auf, schaut sich wild nach einem Ver­steck um, eilt zum Fens­ter. Eine Frau­en­stimme hin­ter der Tür fragt: »Ihr Abend­essen, Eure Majes­tät.« Ich ant­worte: »Stel­len Sie es bitte her­ein, wie immer.« Die Tür öff­net sich einen Spalt, und ein Tablett wird her­ein­ge­scho­ben. Die Tür schließt sich wie­der.

Die Tyran­nen­mör­de­rin starrt mich an. »Einen Ver­such war es wert«, sage ich, hole das Tablett, räume Bücher bei­seite und stelle es auf den Schreib­tisch: ein Abend­essen für zwei. Seit meine Frau vor eini­gen Jah­ren durch einen fei­gen Anschlag, der eigent­lich mir gegol­ten hatte, ums Leben kam, lasse ich im Geden­ken an sie immer zwei Mahl­zei­ten zube­rei­ten. Heute ist es Toast Hawaii. Ich binde mir eine der Ser­vi­et­ten um, ziehe mir einen Stuhl heran, der mir sonst dafür dient, an die Bücher hoch oben in den Rega­len her­an­zu­kom­men, und hebe eines der zwei Was­ser­glä­ser zum Ansto­ßen.

Doch irgend­et­was muss mich ver­ra­ten haben: Ich spüre ihren Dolch an mei­ner Kehle. Mit einer blitz­schnel­len Bewe­gung hat sie ihn her­vor­ge­zo­gen und steht jetzt ganz nah hin­ter mir. »Du!«, sagt sie vol­ler Abscheu. Ich ver­zichte dar­auf, zu nicken, weil mir sonst womög­lich ihr Dolch den Adams­ap­fel rit­zen würde.

Ich stelle das Glas wie­der ab und warte. Ihr war­mer Atem streicht über mei­nen Nacken.

»Du könn­test blei­ben«, sage ich schließ­lich, »und mich bera­ten.« Mit einer Geste weise ich auf die Bücher. »Die eigent­li­chen Fra­gen kön­nen die alle nicht beant­wor­ten, weißt du?« Ihr Griff lockert sich, die Klinge ihres Dolchs liegt nicht län­ger auf mei­nem Hals. Lang­sam wende ich mich zu ihr um. Wir sehen uns in die Augen. Sie ver­zieht keine Miene.

»Jeden­falls kein Grund«, sagt sie schließ­lich, »das Abend­essen kalt wer­den zu las­sen.« Sie lässt mich los, steckt den Dolch in ihren Gür­tel und nimmt eines der Was­ser­glä­ser, um damit anzu­sto­ßen. Ihre Augen blit­zen, als sie ver­sucht, mir im Gesicht abzu­le­sen, was sie von mir zu hal­ten hat und ob mir wirk­lich zu trauen ist.