Ich betrete den Korridor mit hängenden Schultern. Es ist schrecklich, den Meister enttäuscht zu haben. Er hat sich solche Mühe mit mir gegeben, immer wieder neu versucht, meinen Geist zu schulen und mir klar vor Augen zu führen, dass alles, was ich erlebe, bloßer Schein ist, ein Gaukelspiel, der Schaum der Dinge.
Doch ich kann die Illusion einfach nicht loswerden, dass ich, ich selbst, der Fokus dieses Erlebens, real bin. Dass ich wirklich existiere. Ich denke doch, ich fühle, ich mache Erfahrungen! Wie soll ich da nicht existieren und bloß Einbildung sein?
Was hat der Meister mit mir nicht alles schon versucht?
Von
Logik (Bewusstsein gibt es nicht im Plural),
Philosophie (Atman und Brahman sind eins),
Paradox (der Kōan von der einen klatschenden Hand),
Traumyoga (Besuche des Meisters in meinen Träumen, um mir zu zeigen, dass auch ich selbst nur ein Traum bin, der sich selbst träumt),
Wissenschaft (die Grand-Illusion-Videos von Susan Blackmore),
Mystik (»Mein Zucker ist in dir zerschmolzen, o Milch des Lebens, milde, reine«)
über
meditatives Training (tagelanges Sitzen im Nichtdenken),
Surrealismus (Jim Hensons The Cube: Erdbeermarmelade) und sogar
Gewalt (unvermittelte Faustschläge ins Gesicht, wie sie manch einem Adepten Erleuchtung gebracht haben sollen)
bis hin zu
einer »Snooze-Taste« für meine Gedanken (die er mittels NLP bei mir zu verankern suchte),
hartnäckigem Ignorieren (nicht nur meiner Fragen, sondern auch meines zunehmenden Hungers),
ausgedehnten Mandala-Betrachtungen (M.C.-Escher-Kachelungen mit der Frage »Wo ist das Zentrum?«) und sogar
Doch mein angeblich illusionäres Ich ließ sich von alldem nicht beeindrucken. Nicht meine Vorstellung, ein Individuum zu sein, zerbröckelte bei diesem Ansturm, sondern meine Vorstellung, es gäbe da etwas wie eine feste Welt um mich herum.
Schließlich gab mein Meister seine Bemühungen auf. Ich hatte es schon kommen sehen, dass er mich irgendwann an den legendären Ort schicken wird, von dem seine Schüler nur hinter vorgehaltener Hand sprechen: den Korridor der Versager, den Korridor der Solipsisten. Niemand kehrte je zurück, heißt es, aus diesem Gang, den das Wasser des kleinen Flusses in den Bauch des Berges gefressen hat, in dem er dann spurlos verschwindet.
Auch ich werde spurlos verschwinden. Ein paar Tage, vielleicht Wochen lang werden meine Mitschüler noch meinen Namen im Munde führen, hinter vorgehaltener Hand flüsternd, als abschreckendes Beispiel für einen Uneinsichtigen, Unbelehrbaren, einen, der sich an das große Trugbild klammert und einfach nicht loslassen will. Aber bald schon, bald bin ich vergessen und vergangen.
Der Abstieg ins Dunkel ist schwierig. Ich bin schon völlig durchnässt, die Kälte kriecht in mein Inneres. Ich zittere am ganzen Leib, auch weil mich Todesangst erfasst. Dass das Ich nicht sterben kann, weil es gar nicht existiert, kann mich nicht trösten, auch jetzt nicht. Ich höre ein verzweifeltes Jammern, und nach einiger Zeit merke ich, dass es aus meinem eigenen Mund kommt. Ich verstumme.
Am Klang des Wassers höre ich, dass ich einen großen Höhlenraum betrete. Ich glaube, einen Lichtschimmer hoch über mir wahrzunehmen. Ist das eine Treppe, die in den Fels geschlagen wurde? Sie führt hinauf, dem Schimmer entgegen. Ich setze mich im Lotossitz auf den nackten Fels und schließe die Augen. Vielleicht hat sich das jahrelange Training ja doch irgendwie gelohnt.
Nicht ich werde diese Stufen betreten und hinaufsteigen. Nicht ich.
Ich betrete den Korridorium-Doppeldeckerbus jetzt schon zum vierten Mal. Seine Rundreise durch die deutsche Provinz führt jeden Monat einmal in mein kleines Städtchen, und zum Service zählt, dass man sich im Internet oder telefonisch anmeldet, dann am späten Abend von zu Hause abgeholt und am nächsten Morgen wieder dort abgesetzt wird.
Es ist ähnlich wie die Shuttlebusse für die Clubnächte in Berlin, außer, dass es sich hier beim Bus selbst um den Club handelt. Jeden Monat wechselt die Frage, mit der man sich auf seine nächtliche Reise begibt, und natürlich wechselt auch die Route, mit der immer wieder andere Fahrgäste aufgegabelt werden. Sind alle Reisenden an Bord, parkt der Bus irgendwo außerhalb der Stadt – so zumindest mein Eindruck von den ersten drei Touren, denn man kann die Fenster zwar einen Spalt öffnen und Frischluft hereinlassen, aber sie sind blickdicht, so dass ich da nur von meinem Höreindruck ausgehen kann.
Beim ersten Mal könnte es eine Autobahnbrücke gewesen sein: Immer wieder mischten sich die Fahrgeräusche von Autos und Lkws in die leisen Ambient-Klänge. Beim zweiten Mal meine ich einen Fluss gehört zu haben, wobei ich eigentlich nichts in der Umgebung kenne, das so fröhlich gluckert. Das war die Reise mit der Frage »Was ist Traum (und wohin, wenn ich erwache)?« Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, sie im Korridorium-Blog gelesen zu haben, aber thematisch passt sie natürlich.
Beim dritten Mal habe ich entdeckt, dass man sich im hinteren Teil des Busses auf Kissen hocken kann. Hier sitzt, die ganze Nacht lang, der DJ, nur beleuchtet vom fahlen Licht seines Laptops und den blinkenden LEDs seiner Geräte. Hierher setzt sich gelegentlich auch die Frau, die im Bus mit der Thermoskanne herumgeht, uns Reisenden die Frage der Nacht stellt und immer wieder Tee nachschenkt.
Die Musik, der umgebaute, fast völlig abgedunkelte Bus und die Frage, die immer wieder flüsternd über die Lautsprecher eingespielt wird, erzeugen eine ganz eigenartige und besondere Atmosphäre. Ich habe versucht, Freunden davon zu erzählen. Einer hörte kopfschüttelnd zu und fasste irgendwann zusammen: »Also ein Selbstfindungstrip!« Ich wollte das weder bejahen noch verneinen. Immerhin schwebe ich fast die ganze Nacht durch im Zwischenbereich von Schlaf, Traum und intensiven Gedanken. »Hast du die Fragen denn beantwortet?«, fragte er noch. Habe ich? Schwer zu sagen. Die dritte lautete »Wo findet Bewusstsein statt (und was hab ich davon)?«, und, ja, irgendwie habe ich eine Antwort gefunden. Um den Bus war es ganz still, bis dann morgens ein vielstimmiges Vogelkonzert einsetzte. Offenbar parkte er bei der dritten Tour neben einem Waldstück. Und da kam mir eine Antwort. Nicht wirklich auf diese Frage, und ich kann die Antwort auch nicht wirklich in Worte fassen – aber mir kam eine Erkenntnis, für die sich eine Nacht, in der ich kaum geschlafen habe, mehr als gelohnt hat.
Gibt’s Drogen? Sex? Steckt eine Sekte dahinter? Meinen Freunden ist die »mobile Musikmeditation« suspekt, und sie suchen den Haken an der Sache. Letztlich gibt den Ausschlag, dass keiner von ihnen freiwillig auf seinen kostbaren Schlaf verzichten will.
So bin ich wieder allein auf die nächtliche Reise gegangen. Ich kuschle mich in meine Koje, umschwebt von leisen Harmonien, in die hinein eine Stimme flüstert: »Wohin führt Klang (und in welche Resonanz die Stille)?« Seltsame Fragen sind es, die den Korridorium-Bus durch die Nacht gleiten lassen. Sie gewinnen im Halbschlaf ein verrücktes Eigenleben und verschaffen mir wertvolle Erkenntnisse, wie überhaupt des Nachts Dinge in meinem Kopf vor sich gehen, von denen ich vorher keinen Schimmer hatte.
Ich betrete den Korridor der Wahren Erkenntnis. Mein Blick fällt auf ein Schild direkt am Eingang: Piktogramme weisen mich darauf hin, dass ab hier weder Film- noch Fotoaufnahmen erlaubt sowie Mitschreiben und sogar ‑denken nicht gestattet sind. Schade. Ich hätte hier an dieser Stelle wirklich gerne davon berichtet.
(Die Tonaufnahme, die ich illegalerweise anfertige, gibt später nur ein minutenlanges leises Rauschen wieder.)
Ich betrete den Korridor der Waren-Erkenntnis. Mein Blick fällt auf nicht enden wollende Regale mit Edelprodukten und Luxusartikeln, Zeugnisse der grenzenlosen menschlichen Kreativität und Profitgier – und meiner grenzenlosen Dummheit, immer wieder reinzufallen auf die Versprechungen, dass sich meine innere Sehnsucht durch Äußerlichkeiten stillen lässt, statt dass ich unbeirrt den Weg zur Wahren Erkenntnis weitergehe – weil es einfach viel zu viel tolle Sachen gibt, die ich vorher alle unbedingt noch haben muss.
Ich betrete den Korridor seines Hausboots und überreiche meinem Freund Norbu eine Flasche Rotwein, die er lächelnd entgegennimmt. »Gehen wir nicht auf die Terrasse?«, frage ich. Norbu schüttelt den Kopf: »Zu viele Mücken um diese Zeit. Setzen wir uns ins Wohnzimmer.« Der Sonnenuntergang über dem See lässt sich mit einem Glas Barbaroux auch von hier genießen.
»Hesse«, sagt mein Freund unvermittelt – seine Art, ein Thema in den Raum zu stellen. »Der Steppenwolf«, antworte ich, »das magische Theater – war Schullektüre für mich.« In Norbus Augen entdecke ich einen Widerschein des Abendrots am Horizont. »Alles war Märchen, Spiel und Symbol«, sagt er, und ich vermute, dass es ein Zitat ist, »aber ich wollte auf seinen letzten Roman hinaus, DasGlasperlenspiel.« – »Von dem manche sagen, es habe sich bereits verwirklicht: mit dem Internet.«
Norbu lacht. »Dazu braucht es eine deutlich höhere Zahl als eine Zwei vor Punkt und Null.« Er blickt nachdenklich in den Himmel. Von der Sommersonne ist jetzt nur noch der Widerschein zu sehen. »Meme in immer neuen Kombinationen – ich frage mich, ob das zu etwas führen kann.«
Meme.
Damit meint mein Freund Norbu nicht etwa nur Internet-Meme, sondern viel allgemeiner: kommunizierbare und damit weiterzugebende gedankliche Inhalte. Zu denen dann auch virale Videos gehören. Ein erfolgreiches Mem ist jedenfalls eine Vorstellung, die sich in den Köpfen möglichst vieler Menschen festsetzt.
Und richtig: Hesses Ordensbrüder widmen sich im Grunde der Verknüpfung von Memen, auch wenn es das Wort damals noch nicht gegeben hat. Denn Meme lassen sich – deutlich schneller als ihre materiellen Gegenstücke, die Gene – mutieren und weiterentwickeln. Kultur, könnte man sagen, ist ein memtechnisches Verfahren.
»Wozu sollte das Glasperlenspiel im Roman dienen?«, fragt mich mein Freund Norbu. Ich zucke mit den Schultern: »Zum Zeitvertreib? Zur Erkenntnis?« – »Genau. Was aber, wenn die Erkenntnis ist, dass alles, was es gibt, nur auf eine unendliche Zahl von Kombinationen hinausläuft? Was bleibt dann?« Wieder zucke ich mit den Schultern. Norbu gibt die Antwort selbst: »Zeitvertreib.«
»Unsinn«, protestiere ich, »was ist mit der Bekämpfung des Leids und der Gier, der Befriedigung der Grundbedürfnisse aller, der Schaffung einer vereinten Menschheit mit Wertschätzung aller individuellen Facetten …?« Norbu unterbricht mich: »Nun, Neukombinationen von Memen können sicherlich die richtigen Ideen und damit die richtigen Lösungen für all das ergeben. Und dann? Und dann?« Er blickt mich auffordernd an. Ich ringe nach Worten, gebe es aber bald auf.
»Warum wohl«, fragt Norbu, nachdem er sich noch einen Schluck Rotwein hat schmecken lassen, »sind es bei Hesse Glasperlen – die kleinen farbigen Kugeln, wie man sie Naturvölkern schenkt, die ganz versessen danach sind, weil sie so schön schimmern und schillern?«
Ich hänge mit meinen Gedanken ein paar Schritte zurück. Die richtigen Lösungen für alles? Alles?! »Es werden nie alle Probleme gelöst sein«, postuliere ich, »sie wachsen nach. Sie liegen in der Natur der Sache.«
Norbu wiegt den Kopf wie ein Inder, der Ja sagt, aber Nein meint. »Sicher. Bei einer Unzahl von Kombinationsmöglichkeiten ergeben sich auch alle möglichen und unmöglichen Probleme. Das Problem ist: Sind wir vielleicht nicht anders als die Naturvölker, die glauben, die Glasperlen seien überaus kostbar, wobei es in Wahrheit nur mehr oder weniger wertlose Abfallprodukte sind? Und tauschen wir nicht bedenkenlos unser Gold dagegen ein?«
Ich versuche, ihm zu folgen. Wie so oft ist es nicht ganz einfach. »Was wäre dann das Gold für uns?«, frage ich. Doch mein Freund Norbu schweigt und schwenkt vor dem rotgolden leuchtenden Himmel genießerisch den Rest Barbaroux in seinem Glas.
Ich betrete den Korridor normalerweise zuerst in meiner Vorstellung, dann lasse ich die Tat folgen. So, wie ich immer zuerst in Gedanken vorformuliere, was ich dann zu Papier bringe.
Heute aber mache ich das Ganze mal umgekehrt. Also: Erst die Tat, dann das Nachdenken darüber – schließlich heißt es ja auch Nach- und nicht Vordenken.
Überraschenderweise stellt sich heraus, dass ich das Nach- ebenso wie das ständige Vorwegdenken genauso gut weglassen kann. Es bleibt: das reine Tun, die nackte Handlung, der pure Korridor ohne jedes gedankliche Brimborium – und eine angenehme, weiche Stille in meinem Kopf.
Ich betrete den Korridor schwebend und zeitlupenhaft langsam, um dann plötzlich übermenschlich schnell durch weitere Korridore, durch Durchgänge und um Ecken zu schießen, dabei aber immer wieder kurz in Zeitlupe verfallend, woraufhin die irrsinnige Jagd durch das Labyrinth sofort weitergeht, bis die Kamera nach diesen extremen Tempowechseln schließlich – im passenden Timing zu den Orchesterschlägen der sinfonischen Filmmusik – ins Freie gelangt und in den Himmel schwenkt. Whoa! Hätte nicht gedacht, dass die Sequenz derart gut kommt, und das allein schon hier auf dem Monitor am Schnittplatz. Wie soll das erst im Kino werden? Es wird die Zuschauer von ihren Sitzen reißen.
Die Regisseurin ist da allerdings ganz anderer Meinung. Sie kommt in den Schneideraum, lässt sich die Sequenz von mir zeigen und stoppt sie, noch bevor sie zu Ende ist. »Nein, nein, viel zu effekthascherisch. Ich hab mir unter dem Parallelweltübergang etwas viel Schlichteres, Unauffälligeres vorgestellt.«
Ich protestiere: »Aber so steht es im Drehbuch: ›Die Kamera rast durch ein Labyrinth von Korridoren und Treppenhäusern.‹«
»Kann sein, aber das ist nicht der Film, den ich vor Augen habe. Ich dachte da an ein kurzes Kristallisieren des Bildes, wie eine Windschutzscheibe, die in Tausende Pixel zersplittert. Und dann, einen Wimpernschlag später, ist alles wie vorher, nur wissen wir, dass unsere Heldin jetzt in eine Welt gesprungen ist, die sich von der vorherigen in winzigen Details unterscheidet.«
»Ein kurzes Kristallisieren des Bildes also?«
Sie nickt. »Wer im Publikum an der Stelle auch nur ganz kurz die Augen schließt, hat’s verpasst. Es muss subtil sein. Keine billigen Effekte. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Ich sollte da auch noch mal mit dem Komponisten sprechen.«
»Subtil also.«
»Genau. Aber …« Sie sieht auf ihre Armbanduhr. »Jetzt ist’s schon spät, und die Überstunden bekommen wir nicht bezahlt. Da setzen wir uns morgen dran, schlage ich vor.«
Damit geht sie. Ich sehe mir die rasende Fahrt durch die Korridore noch einmal an. Schade um die schöne Sequenz. Immerhin musste der Kameramann der Second Unit dafür rund zwanzig Minuten hoch und runter durch Gänge und über Treppen laufen, ohne die Kamera von der Schulter zu nehmen. Am Schneidetisch habe ich das auf einen Bruchteil dieser Zeit beschleunigt, und jetzt lösen die Bilder irgendetwas Merkwürdiges in meinem Kopf aus. Damals, als ich als Cutter anfing, hab ich mit meinen Kollegen mal bei einer Party darüber philosophiert, ob es den perfekten Schnitt geben könnte. Ein guter Schnitt bleibt unbemerkt, ein schlechter Schnitt fällt auf, stört und reißt das Publikum aus dem Filmerlebnis raus. Könnte nicht ein sehr guter, ein perfekter Schnitt so sehr »nicht auffallen«, dass er den Zuschauer mit einem Schlag noch viel tiefer in den Film mit reinzieht?
Mit wenigen Klicks setze ich die zwischen Zeitlupe und Zeitraffer wechselnde, pumpende Korridorjagd zu einem Loop zusammen. Die Fahrt ist jetzt endlos, und ich weiß nicht, wie lange ich schon daraufstarre und hineingezogen werde. Einen Wimpernschlag lang scheint mein Gesichtsfeld von einem Karomuster feiner Fäden durchzogen, und für den Bruchteil einer Sekunde wirbelt alles kaleidoskopartig durcheinander. Es ist, als verlöre ich kurz den Halt in dieser Realität … – doch dann ist es auch schon wieder vorbei.
Eine Stimme reißt mich aus der Trance: »Fantastisch. Großartig. Viel besser, als ich mir vorgestellt habe.« Ich betätige die Stopptaste und drehe mich um. Die Regisseurin steht da, lehnt sich über mich und drückt die Playtaste. Ihre Augen leuchten: »Das macht den Wechsel der Welt zu einem echten Trip für den Zuschauer. Die Musik braucht noch mehr Bass, aber sonst ist es perfekt. Gute Arbeit. Dieses Geschwindigkeits-Pumpen im Bild reißt einen voll in den Film rein!«
»Also … nicht subtil?«
»Wir werden die Zuschauer kaum ›subtil‹ überwältigen können, oder? Der Film soll sie umhauen! Aber …« Sie blickt auf ihre Armbanduhr. »Es ist schon spät. Wir schneiden es, schlage ich vor, morgen in die Szene rein, okay?«
Damit geht sie. Ich stoppe die Sequenz. Was war das gerade? Seltsam. Vermutlich bin ich überarbeitet und brauche dringend eine Mütze voll Schlaf.
Ich betrete den Korridor. Kleine Tafeln hängen neben den Zimmertüren. Krishna lese ich dort, und Thor, Osiris, Gwydyon, Zeus, Hathor, Hlapac, Der Große Manitu, Jahwe, Ometeotl … Lange wandere ich an den Zimmern entlang. Unzählige Götter, Namen, die mir gänzlich unbekannt sind, ja, die ich nicht einmal aussprechen kann. Schließlich, ganz hinten im Korridor, gegenüber von »Gott 9.0«, lese ich zu meinem Erstaunen: »Gott der Atheisten«. Der Widerspruch gefällt mir! Ich klopfe an. Keine Antwort. Auch das gefällt mir. Ich fasse mir ein Herz und trete ein.
Auf dem sonst leeren Schreibtisch liegt ein Buch mit gelbem Umschlag und dem Titel Schöpfung für Dummies. Ich schlage es auf. Es beginnt mit dem Kapitel »Wie man einen Urknall so richtig krachen lässt«. Interessiert beginne ich zu lesen, als wie von einem heftigen Windstoß die Tür hinter mir zuschlägt. Von innen, stelle ich fest, gibt es keine Klinke.
Ich betrete den Korridor und entspanne tief. Meine Augen sind geschlossen, ich atme langsam und gleichmäßig. Lasse den Körper schwer werden, lasse los, lasse die Gedanken ziehen. Fokussiere die Aufmerksamkeit auf einen Punkt hinter der Stirn zwischen den Augenbrauen. Gestatte Bildern, Ideen und Vorstellungen, die dort vielleicht auftauchen, sich aufzulösen. Ruhe mit einer gelassenen Aufmerksamkeit im Dritten Auge und lasse auch alle Erwartungen los.
Hier beginnt der Weg. Hier zeigt sich das wahre Wesen. Spüre die Präsenz. Der gestaltlose Korridor führt tief hinunter, hinein. Hinauf und hinaus. Ohne an Raum und Zeit gebunden zu sein. Formlos.
Hier sprudelt die unbewegte Quelle, hier wohnt unser nichtlokales Zuhause, dies ist die Essenz allen Seins und Werdens.
Spüre, wie die kreative Kraft, die Multiversen um Multiversen erschafft, Geist und Körper erfüllt und flirrend in allen Zellen, Gefühlen und Gedanken vibriert. Erlebe das innere Leuchten, das allem sich Erschaffenden innewohnt, erkenne, wie es sich in allen Facetten in Indras Netz widerspiegelt, multipliziert, gegenseitig berührt und verstärkt. Spüre die Freude! Spüre die überschäumende Freude und das ungeheure Potenzial. Ja, ich erinnere mich. So fängt alles an.
Ich betrete den Korridor schwankend und muss mich am Bücherregal festhalten, weil mir ganz flau im Magen ist. Es ist das Bord, auf dem meine Lieblinge stehen, nämlich jene Romane unter den Hunderten hier aufgereihten, die mir besonders vergnügliche Stunden bereitet haben. Mein Ex-Mann hat damals immer den Kopf geschüttelt und konnte meinen Lesehunger nie so richtig verstehen.
Vor wenigen Augenblicken noch saß ich mit angezogenen Knien in meinen Lesesessel gekuschelt und las. Ein umfangreicher Roman, so wie ich es liebe: Bereits in der Hand fühlt sich das Buch nach einer ausgedehnten, weitverzweigten Welt an, in die ich mich für lange Zeit verlieren kann. Und dann – dieser Rechtschreibfehler! Normalerweise lese ich über so etwas einfach weg, aber diesmal setzte er eine fatale Kette von Gedanken in Gang. Der Autor muss ihn übersehen haben, genau wie der Lektor des Buches. Und überhaupt – ich versuchte derweil, weiterzulesen, aber hörte ungewollt mehr meinen Gedanken zu als dem, was der Roman mir erzählen wollte – sind das ja nur Worte, ist das nur ein Text, eine Version eines Textes, von dem ich gar nicht ahne, welche Metamorphosen er möglicherweise durchgemacht hat. Natürlich weiß ich beim Lesen von Romanen immer irgendwie, dass es sich um ausgedachte Geschichten handelt. Nur wird mir das jetzt ebenso heftig wie bitter bewusst, wie durch eine neue Brille, die mir gnadenlos all die Kulissen, Requisiten, Behauptungen und Kunstgriffe vor Augen führt, aus denen sich mehr oder weniger erfindungsreich zusammensetzt, was mir vorher wie eine Wahrheit höherer Ordnung erschien.
Diese Gedanken bekam ich einfach nicht mehr aus meinem Kopf, und dann verschwammen auch noch die gedruckten Worte auf den Seiten vor meinen Augen, bildeten ein Muster, schwarz auf weiß, und es war, als sähe ich darin eine Gestalt – ich kann nicht sagen, ob Mann oder Frau –, die wie besessen tippt, beschriebene Seiten zerknüllt, quälend lange auf eine angefangene Zeile starrt und sich die Haare rauft, Kommaregeln nachschlägt, einen Ausdruck mit Korrekturen übersät, an fauligen Äpfeln riecht und sich auf dem Boden wälzt, weil sich das richtige Wort nicht einstellen will, Figuren erschafft und verwirft, Namen und Biografien für sie erfindet, sie durch Höhen und Tiefen schickt, an Beschreibungen feilt, aus dem Fundus eigener Erfahrungen schöpft, Szenen zusammenstreicht und ganze Kapitel wieder löscht – und das alles, um mir eine Geschichte zu erzählen.
Warum?, frage ich das Buch in meiner Hand, denn offenbar habe ich, während ich schwankend im Korridor stand, zu einem meiner Lieblingsromane gegriffen, um ihn jetzt wie ein Ertrinkender zu umklammern.
Ich schlage den Band auf, wahllos irgendwo in der Mitte, will wieder eintauchen, mich hineinziehen und mitreißen lassen, will mit den Helden kämpfen und siegen, lachen und weinen, leiden und mein Glück finden, will mich gruseln, amüsieren, verlieben, Unmögliches versuchen, verzweifeln und couragiert Gefahren und Widrigkeiten entgegentreten, will mich fesseln, überraschen und in Atem halten lassen. Doch gleichzeitig weiß ich, dass der Zauber gebrochen und der Schleier unwiderruflich zerrissen ist. Ein dummer kleiner Rechtschreibfehler hat mich unwiederbringlich die Unschuld verlieren lassen und mir vor Augen geführt, dass das alles nur Erfindung ist, eine mehr oder weniger gut konstruierte Fiktion, bei der alles auch ganz anders sein könnte.
Ich blicke auf. Reihen um Reihen fein säuberlich aufgereihter Buchrücken starren mich an. Ein mitleidsloser Engel hat mich aus dem Garten Eden des kindlichen Lesevergnügens vertrieben. Es könnte alles auch ganz anders sein! Vielleicht, denke ich, ist das ein Weckruf, der mich ins Leben ruft, mein eigenes Leben, das echte und wahre Leben mit seiner ganz eigenen Magie. Will ich mich denn nicht wieder verlieben, Unmögliches versuchen, mein Glück finden? Den Gedanken, dass auch dies alles nur eine Geschichte sein könnte, die ich mir selbst erzähle, schüttle ich unwillig ab.
Nachdem ich den Roman in die Lücke zurückgestellt habe, mache ich kehrt. Im Wohnzimmer stehe ich eine Zeitlang unschlüssig herum. Also das eigentliche, das wirkliche Leben. Wo anfangen? Am besten ganz vorn. Ich greife in der Vitrine zu dem Fotoalbum mit meinen Kindheitsfotos …
* * *
Alles könnte ganz anders sein! -> Erkenntnisschock -> Chance vertun, Erkenntnis verdrängen
Pointe klarer, nicht so intellektuell/abgehoben, auch für simpel gestrickte, passive Leser: nachvollziehbarer!
* * *
Zweite Fassung:
Ich betrete den Korridor. Im Garderobenschrank könnte ich noch Batterien haben. So ein Mist auch. Da sitze ich bequem im Fernsehsessel, guck das Endspiel, will rüber zu den Erdnüssen greifen und muss feststellen, dass ich auf der Fernbedienung sitze und es jetzt irgendwie schaffe, mit dem Hintern die Stumm-Taste auszulösen. Will den Ton wieder einschalten, aber die Fernbedienung reagiert auf einmal nicht mehr. Drücke wild drauf rum, schüttel das Teil, und als das nix nützt, mach ich das Batteriefach auf, drehe an den Dingern, und, he, geht doch plötzlich der CD-Player an. Dixieland? Muss eine CD von Ellie sein, die sie vergessen hat. Hab den Player offenbar seitdem nicht mehr benutzt. Wie auch immer. War das letzte Lebenszeichen der Fernbedienung, denn jetzt tut sich gar nix mehr. Muss wohl doch aufstehen und Batterien suchen, denke ich, aber starre erst mal in die Glotze wie Kaninchen auf Schlange: Mit dem Dixieland-Jazz wirkt das plötzlich ganz anders. Kommt mir vor, als bin ich in einem komplett anderen Film: ner Slapstick-Komödie.
Jedenfalls finde ich auch hier im Garderobenschrank keine neuen Batterien. Wo könnte ich noch welche haben? Ich will das Spiel nicht verpassen! Aber bei dem fröhlichen Geplärre aus dem Wohnzimmer ist es fast unmöglich, genervt zu sein. Wenn’s mich auch traurig macht. Wegen Ellie. Mit anderem Soundtrack wär mein Leben wahrscheinlich auch komplett anders verlaufen. Komische Vorstellung. Dass alles auch ganz anders sein könnte. Dass Ellie noch hier sein könnte. Und dass das im Endspiel genauso gut unsre Nationalelf sein könnte …
Im Schlafzimmer werd ich fündig: Die Batterien im Wecker haben die richtige Größe. Kein weiteres Tor gefallen. Ein Tastendruck, der Jazz verstummt, ohrenbetäubend setzen die Fangesänge und Trommeln ein, und damit bin ich wieder mitten im Drama von Kiew. Ich lass mich in den Sessel plumpsen. Geht doch!
* * *
234: weiterhin unzufrieden!
Geht mir doch eher ums Lesen. Und um erwachsene erfahrene Leser – nicht nur um den Schock der Ent-Täuschung, sondern [ich möchte gerne auch die nachfolgende Integration erzählen: sich den Texten einerseits anvertrauen und auf sie einlassen können, aber [andererseits auch in der Lage sein (und genießen können!), aktiv mitzudenken, Anspielungen zu verstehen, Unbekanntes nachzurecherchieren, Querverbindungen zu knüpfen. Kontext-Leser. Ebenen- Perspektiven-Leser. Die auch mit (subtilen und/oder) abstrakten Beschreibungen etwas anfangen können und dass ihnen nicht alles vorgekaut wird. Also die Erkenntnis das Zerreißen des Schleiers als Satori-Erlebnis und befreiende »Erleuchtung«, die (im besten Fall) zu Bewusstseinserweiterung, Genussverstärkung und Lustgewinn führt … (Allerdings ist man dann gleichzeitig Viele: viele Facetten, Stimmen, Lesarten, Zungen, Augen, Ohren, viele Genießer. Pluridimensionallebenlesen leben!)
Muss ich wohl noch mal ran …
* * *
Dritte, finale Fassung:
Ich betrete den Korridor. (Pst! Ist nur eine Geschichte. Könnte alles auch ganz anders sein. Aber nicht weitersagen. Will keiner wissen.)