177/398

♫ Rent-a-Monk ♫


177/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Kor­ri­dor. Sand, wei­ßer Sand wurde her­ein­ge­weht, durch den hin­durch eigen­ar­tige geo­me­tri­sche Spu­ren mit Abdrü­cken aus jeweils zwei recht­ecki­gen Quer­bal­ken füh­ren, eine Zeile einer pri­mi­ti­ven Blin­den­schrift aus immer dem­sel­ben Buch­sta­ben, ver­gäng­lich in den Sand geprägt.

Der Kor­ri­dor öff­net sich auf einen Strand – das Rau­schen des Mee­res hat das bereits ange­kün­digt. Ich folge den Spu­ren in öst­li­cher Rich­tung, den Blick auf den genarb­ten Sand gerich­tet und auf die nied­rig ste­hende Sonne.

Jetzt durch­drin­gen leise Kla­ge­laute das Mee­res­rau­schen wie Mes­ser­spit­zen einen wehen­den Vor­hang. Eine Gestalt kau­ert am Was­ser und spielt ein Sai­ten­in­stru­ment, das Gesicht dem hori­zont­wei­ten Ozean zuge­wandt.

Es ist ein Asiate. Sein Kopf ist kahl­ge­scho­ren, doch die nach­wach­sen­den Haare ver­dun­keln bereits wie­der die Kopf­haut. Der Mönch trägt ein blaues Gewand aus Seide und weiße Hosen. Neben ihm ste­hen seine San­da­len, ein­fa­che Holz­plat­ten mit einer Schlaufe oben­auf und zwei Holz­stre­ben dar­un­ter – Ursprung der Spu­ren, die mich hier­her­ge­führt haben.

Der Mönch singt, schlägt dazu mit einem spitz zulau­fen­den Holz auf die vier Sai­ten sei­ner Laute.

»Es ist eine Biwa«, erklärt eine Stimme in mei­nem Kopf, aber es ist keine Stimme. Es ist mehr ein Deja vu, längst ver­ges­se­nes Wis­sen.

Der Mönch bricht sein Sai­ten­spiel ab, als ob ein Geräusch seine Kon­zen­tra­tion durch­bro­chen hätte, und wen­det den Kopf in meine Rich­tung. Dann mur­melt er etwas auf Japa­nisch, nickt, seine eige­nen Worte noch ein­mal sich selbst bestä­ti­gend, steht auf, legt die Biwa zur Seite und ver­beugt sich tief vor mir. Dann hebt er den Kopf, und ich sehe jetzt, dass er blind ist: Seine Augen sind stumm, gebro­chen schon vor lan­ger Zeit.

Trotz­dem ver­beuge ich mich auch und setze mich, nach­dem er begon­nen hat, mir eine Geschichte zu erzäh­len, zu sei­ner Lin­ken nie­der.

Ich kann mir nicht erklä­ren, wie ich die Geschichte des Moso ver­ste­hen kann, da er ja Japa­nisch spricht. Aber irgend­wie rührt die tro­ckene Stimme des Alten mein Herz an und malt Tusche­zeich­nun­gen vor mei­nen Augen, so dass ich alles ver­stehe, was er mir erzählt.

Und so lau­sche ich ergrif­fen der Geschichte des Moso vom Was­ser, vom Feuer, vom Holz, der Erde und vom Metall in einem Land, in dem die Men­schen mit der Natur im Ein­klang ste­hen und sich die Dämo­nen gewo­gen zu machen wis­sen, und bin trau­rig dar­über, nur so wenig davon mit zurück in den engen Kor­ri­dor mei­nes ent­frem­de­ten und ober­fläch­li­chen Lebens neh­men zu kön­nen.

Die Sonne ist längst unter­ge­gan­gen, als der Mönch sein Biwa­spiel wie­der auf­nimmt und ich mich auf den Rück­weg mache. Lei­der ver­fliegt der Zau­ber sei­ner Worte und Bil­der schnell, und sie schmel­zen wie Schnee­flo­cken in mei­ner offe­nen Hand, sobald mich wie­der der Lärm der Groß­stadt über­rollt.