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♫ Sonochronic Contradictions ♫
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Ich betrete den Korridor – das Orchester hat bereits begonnen – und erreiche in aller Eile den Saal. Zu meinem Platz muss ich mich durch die ansonsten vollbesetzte zweite Reihe drängen. Dabei schlägt mir die Musik wie ein Dschungel zusammenhangloser Töne entgegen und folgt keiner für mich erkennbaren Form. Muss ich mir das anhören? Avantgarde – dieser Untertitel des Programms hätte mich stutzig machen müssen. Eigentlich will ich wieder fort, doch ich bin wie gelähmt und verliere zusehends das Gefühl für meinen Körper, während die Musik sich ausdehnt und zwischen die Intervalle der gewohnten Halbtöne zu fließen beginnt, nicht nur in Vierteltöne, sondern »Zentitöne« und »Millitöne« hinein – für das ungeübte Ohr eine Folter, doch für mich, in mir, hat sich etwas verändert, und ich nehme jetzt mit wachsendem Interesse all die unterschiedlichen musikalischen Formen wahr, die sich in der Musik tummeln.
Verblüffend: Diese Klangfiguren leben und bewegen sich frei durch die Welt der Töne, entfernen sich voneinander, nähern sich einander an. Die zwei Dimensionen dieser Welt, stelle ich erstaunt fest, sind einerseits die Tonhöhe und andererseits die Klangfarben, die sich durch die Obertonharmonien ergeben. Jedes lebende Wesen dieses Klanguniversums besitzt eine eigene Färbung, auch wenn sich manche von ihnen geschickt zu tarnen wissen.
Eines dieser Geschöpfe aus Klang scheint mir sehr nah zu sein, und plötzlich kommt mir die Erkenntnis: Das bin ich! – in dieser Welt aus Schallschwingungen und Frequenzen besitze ich einen eigenen Körper, bin Teil dieses Klangbiotops! Als mich eines der Schallwesen akustisch anstößt und ich einen scharfen Schmerz verspüre, lerne ich, dass ich meine musikalische Form verändern und mich ebenfalls durch diesen Dschungel aus Tönen, durch die dichte musikalische Vegetation bewegen kann. Es ist mir sogar möglich, kleine Klangfiguren in meinen meine musikalische Form aufzunehmen – als streifte ich durch einen Garten und verspeiste dort schmackhaft aussehende Äpfel oder Himbeeren.
Ein tiefes Knurren lässt meinen Herzschlag kurz aussetzen: ein Jäger durchstreift den Dschungel und ist mit seinen sirrenden Klangtentakeln auf der Suche nach Beute. Ich fliehe, doch das hungrige Wesen hat mich bereits entdeckt. Ich verstecke meinen Klangkörper in der musikalischen Vegetation unseres Habitats, aber meine Tarnung nützt mir nichts. Nur knapp entkomme ich einem suchenden Tentakel, indem ich höher steige. Mir sind Grenzen gesetzt – einige Oktaven schaffe ich es nach oben, dann beginnen sich die Klänge in den hohen Lagen zu verlieren. Der Räuber poltert direkt unter mir in den tiefen Lagen unruhig hin und her, bis ein winziges Melodiefragment der Vegetation, an die ich mich klammere, herabfällt und mich verrät. Mit einem spitzen Arpeggio erreicht mich einer seiner Tentakel und gräbt sich tief in das Klangmuster meines Fleischs. Das gierige Grollen zieht mich zu sich herab, Oktave um Oktave …
Ich stoße einen Todesschrei aus.
Die Musik erstirbt. Ein paar Geigen spielen noch weiter, aber der Dirigent hat sich zu mir umgedreht, und auch alle Konzertbesucher starren mich an. »Entschuldigung«, murmle ich, stehe auf, dränge mich durch die Reihe und fliehe aus dem Saal.
Ich höre noch, wie der Dirigent seinem Orchester eine Taktzahl nennt, um an dieser Stelle mit dem Konzert weiterzumachen. Die Musik hebt wieder an. Doch ich laufe weiter, weiter fort, ohne meinen Mantel an der Garderobe abzuholen, einfach nur fort von hier, ins Freie.
Hier gibt es keine Musik. Die Straßengeräusche tun gut, waschen mir die Ohren wie ein willkommener Regenguß. Alles ist voller Autos und röhrender Motorräder, in der Ferne höre ich ein Martinshorn und über mir ein Flugzeug. Ich bleibe stehen, mitten in diesem wunderbaren Lärm. Ein Dröhnen kommt näher, das tiefe Knurren eines starken Motors, ein Bus donnert mit großer Geschwindigkeit die Straße entlang, in deren Mitte ich stehe, ihm zugewandt, die Arme emporgereckt und dem Himmel für meine Rettung dankend …
frei nach Olaf Stapledon, »A World of Sound« (1936)

