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Das Titelbild zeigt das Porträt eines älteren Mannes mit grauem Bart und zurückgehendem Haar, der einen dunklen Anzug mit Krawatte trägt, vor einem Hintergrund mit leuchtenden Sternen und geometrischen Linien. Unten rechts ist eine Plakette mit dem Bild eines Hausboots eingefügt.

♫ Astral Short Cuts ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor sei­nes Haus­boots und finde mei­nen Freund Norbu wie erwar­tet auf der klei­nen Ter­rasse, wo er sich über das Note­book auf sei­nem Schoß beugt.

»Wiki­pe­dia!«, stöhnt er, und es hört sich an wie ein unter­drück­ter Fluch. Ich mache uns den mit­ge­brach­ten Wein auf. Wo ich die Glä­ser finde, weiß ich ja.

»Wenn es an die Gren­zen geht, sind das alles fürch­ter­li­che Ideo­lo­gen.« – »Wel­che Gren­zen?«, frage ich.

»Na, die der Wis­sen­schaft.« Hier zum Bei­spiel, der Ein­trag über Fre­de­ric Myers.« Er weist auf den Text auf sei­nem Dis­play, aber ohne Brille erkenne ich nur unscharf das Logo und ein Foto. »Myers war einer der Grün­der und spä­ter Prä­si­dent der Society for Psy­chi­cal Rese­arch, die sich mit spi­ri­tis­ti­schen The­men beschäf­tigte. Von ihm stammt der Aus­druck ›Tele­pa­thie‹.« – »Nie gehört«, sage ich, und füge schnell an: »Von dem Mann, meine ich.«

»Aber die Wiki­pe­dia-Edi­to­ren«, fährt er unge­rührt fort, »unter­schla­gen sei­nen wich­tigs­ten Bei­trag.« – »Na ja«, wage ich ein­zu­wen­den, »Spi­ri­tis­mus und Tele­pa­thie, das sind nicht gerade Wiki­pe­dia-The­men.« Norbu sieht mich kopf­schüt­telnd an. »Müs­sen sie aber sein. Ein Lexi­kon kann doch nicht einen Teil der Wirk­lich­keit aus­blen­den, nur weil er den Her­aus­ge­bern und Autoren nicht gefällt.«

Ich stoße mit ihm an, um ein wenig Zeit zu gewin­nen. »Sind es nicht ganz unter­schied­li­che Autoren? Ich meine: Nicht zuletzt bist ja auch du mit dabei.« Norbu lacht gequält auf. »Sicher. Aber es gibt da die Ent­schei­der, eine Art Pries­ter­kaste, und bis da rauf haben’s meist die Ideo­lo­gen geschafft, die dann mit faden­schei­ni­gen Begrün­dun­gen und teil­weise krie­ge­ri­schen Maß­nah­men raus­kür­zen, was ihnen nicht in den Kram passt.« Ich nicke, um Ver­ständ­nis zu bekun­den: »Wie Tele­pa­thie.« – »Und alles, was sich dem szi­en­tis­ti­schen Credo ent­zieht.« Wis­sen­schaft­li­ches Glau­bens­be­kennt­nis? Ich lasse Norbu die­sen Wider­spruch mal durch­ge­hen und erin­nere ihn mit einem Fin­ger­zeig an den alten bär­ti­gen Mann auf sei­nem Dis­play, der mich aus tie­fer Schwärze her­aus anblickt.

»Nach sei­nem Tod«, erklärt mir mein Freund Norbu, »emp­fin­gen Medien aus aller Welt beim Auto­ma­ti­schen Schrei­ben eigen­ar­tige Durch­ga­ben, von denen viele mit ›Myers‹ unter­zeich­net waren.« – »Du meinst, er mel­dete sich aus dem, äh, Toten­reich?« Norbu nickt beflis­sen: »Aber nicht nur das. Die Texte erga­ben kei­nen Sinn.« – »Aha«, sagte ich zufrie­den, »dann muss es ja auch nicht in der Wiki­pe­dia ste­hen.« Damit fing ich mir einen bösen Blick von Norbu ein.

Ich nahm noch einen Schluck vom Rot­wein. Ganz schön tro­cken. Aber Norbu mag ihn so.

»Erst unab­hän­gige Beob­ach­ter konn­ten die Durch­ga­ben – wie gesagt: Mit­schrif­ten ver­schie­de­ner Medien in allen Tei­len der Welt – zusam­men­set­zen, und plötz­lich ergab sich ein Zusam­men­hang. Sie bezo­gen sich alle auf­ein­an­der.« – »Wow«, ent­fährt es mir, »Tele­pa­thie!« Norbu schüt­telt unwirsch den Kopf: »Eben nicht. Von wem immer diese Durch­ga­ben stamm­ten: Sie soll­ten aus­schlie­ßen, dass die Medien tele­pa­thisch Kon­takt zuein­an­der hat­ten.« – »Also keine Tele­pa­thie«, sage ich und runzle die Stirn: Was denn dann?

»Set­zen wir Ock­hams Rasier­mes­ser an und gehen von der ein­fachs­ten Erklä­rung aus: Myers ist nach sei­nem Tod auf die Idee gekom­men, wie er ein Fort­le­ben der mensch­li­chen Psy­che bewei­sen kann: durch diese ver­streu­ten Durch­ga­ben an ver­schie­dene Medien, die nur in ihrer Gesamt­heit einen Sinn erge­ben. Es waren Infor­ma­tio­nen dar­un­ter, zu denen nur sehr wenige Men­schen Zugang hat­ten. Und in rund drei­ßig Jah­ren kamen so mehr als drei­tau­send Texte zustande. Nur, dass davon nichts in der Wiki­pe­dia steht, weder der deut­schen noch der eng­li­schen. Genauso wenig wie beim Arti­kel über ›Auto­ma­ti­sches Schrei­ben‹ etwas vom Spi­ri­tis­mus steht und und und.«

Norbu sieht mich auf­for­dernd an. Doch ich kann ihm nicht so rich­tig zustim­men: »Viel­leicht ist das auch bes­ser so. Ich finde das sehr, äh, ver­stö­rend, was du mir da erzählst. Das mit den 3000 Durch­ga­ben.« Ich nehme einen gro­ßen Schluck vom Wein und schenke mir nach. Je län­ger ich dar­über nach­denke, desto unwoh­ler wird mir unter dem Blick Myers’ von sei­ner Wiki­pe­dia-Seite.

»Du bist genau wie die«, sagt Norbu und klappt sein Lap­top ent­täuscht zu. »Was nicht in dein schlaues Welt­bild passt, wird raus­ge­kickt.« – »Apro­pos«, sage ich, »Lust auf eine Par­tie?« Das Ablen­kungs­ma­nö­ver ist ein vol­ler Erfolg: Kurze Zeit spä­ter ste­hen wir an Nor­bus Kicker und spie­len die letz­ten Spiele der Cham­pi­ons League nach.

Erst auf dem Heim­weg – ein wenig schwan­kend, aber gut­ge­launt – fällt mir die­ser Myers wie­der ein. Selt­sa­mer Kerl. 3000 unsin­nige Texte? Klingt wie etwas aus dem Inter­net­zeit­al­ter. Mit einem Blog aus dem Jen­seits hätte er bestimmt mehr erreicht und es viel­leicht sogar in die Wiki­pe­dia geschafft …