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Ball­park Sci­ence

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Ich betrete den Kor­ri­dor im Namen der Wis­sen­schaft – als Blau‑8, also als jemand von der Teil­neh­mer­gruppe mit blauen Arm­bin­den. Meine trägt die Num­mer acht.

Die For­scher, die die Unter­su­chung durch­füh­ren, haben eine Fabrik­halle gemie­tet, durch die sich ein Kor­ri­dor schlän­gelt, der für jeden ein­zel­nen Durch­gang der Unter­su­chung ver­än­dert wird. An bei­den Enden des Kor­ri­dors: eine Art Auf­ent­halts­be­reich. Da ste­hen ein paar Stühle, zu Mit­tag soll hier ein klei­nes Buf­fet für uns auf­ge­baut wer­den, und an einer Seite kann man durch eine Stahl­tür ins Freie tre­ten und eine rau­chen, wäh­rend umge­baut wird und wir alle auf unse­ren nächs­ten Auf­tritt war­ten. Oder Ein­tritt, wenn man das so sehen möchte.

Jeder von uns hat ein Handy – Teil­nah­me­vor­aus­set­zung. Als ich die Aus­schrei­bung für die Unter­su­chung las, war ich ein wenig dar­über ver­wun­dert, aber inzwi­schen macht es Sinn für mich: Wir bekom­men indi­vi­du­elle Anwei­sun­gen per SMS.

Aktu­ell heißt es für mich: »Sie wol­len mög­lichst schnell Zim­mer Nr. 6007 fin­den, klop­fen dort an und war­ten davor.« Ein Count­down-Bal­ken über dem Durch­gang zum Kor­ri­dor berei­tet uns Pro­ban­den auf den Ein­satz vor. Der Bild­schirm blitzt auf, es ist soweit. Ich betrete den Kor­ri­dor, der die Fabrik­halle durch­zieht, und suche nach Zim­mer Nr. 6007. Aber nicht nur das. Ich halte auch nach Orange-17 Aus­schau, einer jun­gen Frau aus dem ande­ren Team, die alle oran­ge­far­bene Arm­bin­den tra­gen und uns bei jedem Durch­gang irgend­wann ent­ge­gen­kom­men.

Ver­schie­dene Licht­schran­ken mes­sen unse­ren »Durch­satz«, Kame­ras ver­fol­gen unsere Bewe­gun­gen durch den Kor­ri­dor aus der Vogel­per­spek­tive: All dies dient der Wis­sen­schaft vom Kor­ri­dor. Von Zugän­gen zum U‑Bahnhof bis zum Flur vor dem Spei­se­saal eines Hotel­kom­ple­xes – Staus, Bal­lun­gen und Zusam­men­stöße sol­len ver­mie­den, ein mög­lichst effek­ti­ver Durch­fluss soll gewähr­leis­tet wer­den. Zumin­dest nehme ich das an. Die letzte Unter­su­chung, an dem einige der hier betei­lig­ten For­scher und For­sche­rin­nen mit­ge­schrie­ben haben, hieß: »Expe­ri­men­tal study of pede­strian coun­ter­flow in a cor­ri­dor«.

Dies­mal knickt der Kor­ri­dor mehr­fach ab. Men­schen eilen oder schlen­dern in meine Rich­tung, einige kom­men mir ent­ge­gen. Orange-17 ist nicht dabei. Wie immer gibt es einige Blind­tü­ren im Kor­ri­dor. Sie sind num­me­riert. Eben bin ich an Nr. 6005 vor­bei­ge­kom­men. Jetzt ist auf mei­ner Lin­ken die 6009. Habe ich die 6007 ver­passt? Wie pein­lich. Ich drehe um, womit ich mir von den mir fol­gen­den Kor­ri­do­ris­ten einige ärger­li­che Bli­cke ein­handle. Mit einem von ihnen voll­führe ich unab­sicht­lich die­ses tän­ze­ri­sche Hin und Her, das man manch­mal auf Bür­ger­stei­gen beob­ach­ten kann, wenn zwei anein­an­der vor­bei­wol­len und jeweils zur sel­ben Seite aus­wei­chen.

So ein Mist: Ich finde die 6007 nicht! Ein kur­zer Hup­ton schallt durch die Halle. Ende des Durch­gangs. Kurz über­lege ich, ob ich nicht wie­der zurück­ge­hen soll. Eigent­lich lau­tet die Anwei­sung an uns: für die nächste Umbau­pause immer auf die gegen­über­lie­gende Seite! Würde ich zurück­ge­hen, wäre ich da, wo auch Orange-17 jetzt Pause macht. Aller­dings wäre ich mit mei­ner blauen Arm­binde der ein­zige unter lau­ter Leu­ten mit oran­ge­far­be­nen Bin­den. Das würde auf­fal­len, und ver­mut­lich würde mich einer der For­scher, die sich teils unter uns, teils in einem erhöh­ten Glas­kas­ten mit Blick auf die Gesamt­si­tua­tion auf­hal­ten, zu mei­ner Gruppe schi­cken. Also vor­wärts. So kann ich noch mal nach Nr. 6007 Aus­schau hal­ten. Aber ich finde die Tür nicht. Erst an der Theke mit Tee und Kaf­fee im Auf­ent­halts­raum wird mir klar, dass das ver­mut­lich Prin­zip gewe­sen ist: Ich sollte eine Tür suchen, die es gar nicht gibt. Na toll. Was tut man nicht alles für die Wis­sen­schaft!

Wir Kor­ri­do­ris­ten – diese Bezeich­nung hat sich gleich zu Beginn unter uns durch­ge­setzt – sind eine bunte Truppe unter­schied­li­chen Alters und stel­len ver­mut­lich einen guten Bevöl­ke­rungs­durch­schnitt dar. Sogar zwei Roll­stuhl­fah­rer sind mit dabei. Natür­lich kom­men wir in den Pau­sen mit­ein­an­der ins Gespräch. Wer bist du denn, wo kommst du her, was machst du sonst, wie hast du von der Sache hier erfah­ren? Ich halte mich abseits. Das alles würde ich gerne von Orange-17 erfah­ren. Aber die gehört nun mal zu der ande­ren Truppe.

Kann ich ihr hier eine Nach­richt hin­ter­las­sen? Wie sollte die aus­se­hen? Ein Zet­tel an einer der Ther­mos­kan­nen: »Blau‑8 möchte gerne Orange-17 ken­nen­ler­nen. Sprich mich im Kor­ri­dor an, wenn du mich auch inter­es­sant fin­dest!« Das wür­den dann natür­lich alle lesen, und es käme im Kor­ri­dor garan­tiert zu neu­gie­ri­gen Bli­cken oder gar Bal­lun­gen um uns beide herum: Für viele wäre diese Ange­le­gen­heit wohl weit inter­es­san­ter als die Auf­ga­ben, die uns hier so zuge­simst wer­den.

»Sie wol­len mög­lichst schnell ans andere Ende des Kor­ri­dors – ohne zu ren­nen«, heißt es meist. Oder: »Sie schlen­dern, blei­ben vor den Bil­dern ste­hen, haben Zeit tot­zu­schla­gen, bis Sie das andere Ende des Kor­ri­dors errei­chen.« Oder: »Sie suchen nach einem WC und tre­ten dort ein. Falls besetzt, war­ten Sie vor der Tür.«

Der Umbau des Kor­ri­dors macht dies­mal ziem­li­chen Lärm. Tech­ni­ker sind mit den Schie­nen­krä­nen an der Hal­len­de­cke und Gabel­stap­lern dabei, die ein­zel­nen Wand­teile zu einer neuen Kom­bi­na­tion zusam­men­zu­set­zen.

Mein Handy wie­hert. Eine SMS mit der neuen Auf­gabe: »Sie sind im Kor­ri­dor auf der Suche nach Orange‑4. Sobald Sie die Per­son gefun­den haben, bezich­ti­gen Sie sie, Ihnen eine Schrott­im­mo­bi­lie ver­kauft zu haben, und ver­lan­gen eine Ent­schä­di­gung.« Mist. Orange‑4 – und nicht Orange-17 mit ihren bezau­bern­den brau­nen Locken.

Dies­mal jedoch sehe ich sie im Kor­ri­dor. Sie kommt mir ent­ge­gen, erwi­dert mei­nen Blick und lächelt, und ich glaube sogar, sie zuckt bedau­ernd die Ach­seln, wie um zu signa­li­sie­ren, wir kön­nen und dür­fen uns nicht mit­ein­an­der unter­hal­ten. Ich kann mich daran nicht lange erfreuen, denn kurz hin­ter ihr ent­de­cke ich Orange‑4. Er will sich offen­bar auf keine Dis­kus­sion ein­las­sen und flüch­tet zwi­schen die ande­ren Kor­ri­do­ris­ten. Ich mache mich an die Ver­fol­gung, aber schon kurz danach ertönt die Hupe. Wir gehen nickend anein­an­der vor­bei, jeder auf dem Weg zu sei­nem Auf­ent­halts­raum.

Meine Chance kommt, als ich bei einem Sei­ten­blick auf das Klemm­brett eines der For­scher eine Liste mit Tele­fon­num­mern ent­de­cke. In einem unbe­dach­ten Moment iden­ti­fi­ziere ich die von Orange-17. Per­fekt! Ich ver­schi­cke eine SMS: »Zusatz­auf­gabe: Sie tref­fen Blau‑8, den Sie sehr attrak­tiv fin­den, und fra­gen ihn, ob er nach der Unter­su­chung noch Zeit hat, um mit Ihnen etwas trin­ken zu gehen.«

Natür­lich hat sie mei­nen Trick durch­schaut. Der Kor­ri­dor ist hier ver­engt, aber sie fragt mich trotz­dem, obwohl sie sich sehr zurück­hal­ten muss, um nicht in lau­tes Lachen aus­zu­bre­chen. Der Stau, der sich zu bei­den Sei­ten von uns bil­det, ist uns egal. Ich nehme ihr freund­li­ches Ange­bot gerne an: Klar habe ich anschlie­ßend Zeit, um mit ihr bei einem Cai­pi­rinha über Kor­ri­dore zu reden oder wor­über auch immer sie sich gerne mit mir unter­hal­ten möchte.

Die Arm­bin­den dür­fen wir behal­ten, und wir legen sie nicht wie alle ande­ren ab, son­dern tra­gen sie noch im Restau­rant und wei­ter bis tief in die Nacht. Blau‑8 und Orange-17. Kor­ri­dore sind was Tol­les!

 

Expe­ri­men­tal study of pede­strian coun­ter­flow in a cor­ri­dor (Abs­tract, engl.):Link