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Lebens­Wan­del

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Ich betrete den Kor­ri­dor und erwi­sche mich bei dem Gedan­ken: Jetzt brauch ich aber wirk­lich drin­gend eine Ziga­rette! Schlimm eigent­lich. Ande­rer­seits steht das natür­lich auch für den ver­ständ­li­chen Wunsch, mal an was ande­res als die Akten zu den­ken, sich zu ent­span­nen und wenigs­tens kurz mal so rich­tig, äh, durch­zu­at­men. Nicole jeden­falls scheint es ähn­lich zu gehen: Sie kommt schnel­len Schrit­tes den Gang ent­lang, wäh­rend sie sich Tabak­reste aus ihrer Selbst­ge­dreh­ten zupft.

»Heut ist’s beson­ders übel!«, begrüßt sie mich.

»Ja, ich weiß auch nicht, eigent­lich bin ich gar nicht der Sucht­typ. So einen Jie­per aufs Niko­tin hab ich sel­ten.«

Nicole schüt­telt unwirsch den Kopf: »Ich red von der Arbeit. So ist das Leben nicht gedacht. Zah­len­ko­lum­nen, For­mu­lare, Gesetze, Papier, das enge Büro, Neon­licht …«

Wir haben unse­ren Rau­cher­bal­kon erreicht. Nicole gibt mir Feuer.

»Fin­dest du nicht«, fragt sie mich nach ihrem ers­ten, tie­fen Zug, »dass es einen Bür­ger­krieg geben sollte, und als Ers­tes wird unser Amt zer­bombt?«

»Wäh­rend wir drin sind?«

»Da hät­ten wir ja nichts von. Nee, lie­ber ein paar von den andern.«

»Der Chef zumin­dest.«

»Japp. Soll er hoch­ge­hen, mit all sei­ner Arro­ganz und Inkom­pe­tenz.«

»Und viel­leicht die Con­trol­ling-Abtei­lung …«

»Klar. Und die Zicken aus dem drit­ten Stock. Und all die ange­jahr­ten Büro­hengste, die dir in der Kan­tine immer sab­bernd auf den Hin­tern star­ren.«

»Also alle außer uns.«

»Alle außer uns, genau.«

»Und wo sollte ich dann hin?« Ich bli­cke run­ter auf die Straße. Alles fried­lich, keine Zusam­men­rot­tun­gen auf­ge­brach­ter Wut­bür­ger, die Steine und Molo­tow­cock­tails wer­fen und bom­ben­ge­spickte Lie­fer­wa­gen vor unse­rem Amt par­ken.

»Ach, Lisa, das ist doch völ­lig egal. Haupt­sa­che weg von allem, von dem Trott, dem Kan­ti­nen­fraß, den Akten­stö­ßen, all den Idio­ten hier, dem Ewig-Glei­chen. Irgendwo in der wei­ten Welt ein völ­lig neues Leben anfan­gen.«

»Ich möchte eigent­lich«, gebe ich zu beden­ken, »erst ein­mal hier eins anfan­gen. Also nicht unbe­dingt hier im Amt: hier in der Stadt, meine ich.«

Nicole sieht mich an, als habe ich etwas sehr Klu­ges gesagt. Oder viel­leicht auch etwas sehr Blö­des. Jeden­falls legt sie mir freund­schaft­lich die Hand auf die Schul­ter: »Das habe ich vor zwan­zig Jah­ren auch gedacht. Aber inzwi­schen weiß ich, dass ich mir die ganze Zeit etwas vor­ge­macht habe.«

»Mann, du bist ja viel­leicht drauf heute. Stell bloß kei­nen Unsinn an, ohne mir vor­her Bescheid zu geben!«

Nicole wen­det sich lächelnd ab: »Hörst du nicht, wie uns der Süden ruft?« Sie legt – ein wenig thea­tra­lisch, finde ich – die Hand hin­ters Ohr, als würde sie wirk­lich etwas aus der Rich­tung der ange­hen­den Mit­tags­sonne hören, die sich hin­ter einem grauen, wat­ti­gen Him­mel ver­steckt. Wenigs­tens reg­net es nicht.

»Strand, Sonne, Meer, la dolce vita …«, schwärmt sie.

»Pira­ten«, sage ich. Sie blickt mich wie­der an.

»Genau. Man muss die Gele­gen­heit beim Schopf ergrei­fen!«

»Wel­che Gele­gen­heit?« Mich beschleicht plötz­lich das ungute Gefühl, Nicole hat bereits Nägel mit Köp­fen gemacht. Einen Flug gebucht zum Bei­spiel – ohne Rück­flug. Oder gekün­digt. Doch sie zuckt die Schul­tern: »Ich weiß auch nicht. Aber man kann doch nicht immer nur in sei­nem Büro sit­zen und träu­men. Ach, Lisa.«

Ich hasse es, wenn sie »Ach, Lisa« sagt – mit die­sem unend­lich trau­ri­gen Blick, der mir das Herz zusam­men­schnürt. Schließ­lich ist sie meine Freun­din, und ich möchte doch, dass sie glück­lich ist.

»Das kann ein­fach nicht meine Bestim­mung sein.« Damit meint sie wohl nicht nur den Rau­cher­bal­kon. Sie brei­tet beschwö­rend die Arme aus.

»He, Schick­sal!«, ruft sie, tritt schnell noch ihre Selbst­ge­drehte aus und wen­det sich dann mit kampf­lus­tig vor­ge­reck­tem Kopf an den Him­mel über der Stadt. »Was immer du noch für mich vor­ge­se­hen hast: Jetzt ist der rich­tige Moment dafür gekom­men. Hörst du? Ich bin bereit!«

Auch ich bli­cke jetzt gespannt und ein wenig besorgt hoch zu den Wol­ken. Fast erwarte ich, es zuckt ein Blitz her­un­ter – oder die grauen Schwa­den rei­ßen auf und eine Stimme don­nert vom Him­mel: »Pass bloß auf, was du dir da wünschst, Nicole. Es könnte in Erfül­lung gehen.«

Sie blickt mich an und nickt lang­sam. »Einen Ver­such war’s wert. Dann halt so wei­ter bis zur Rente.« Sie öff­net die Bal­kon­tür und betritt den Kor­ri­dor. Ich nehme noch einen letz­ten Zug und folge ihr.

›Bes­ser wär’s‹, denke ich. Und da kenne ich sie, glaube ich, gut genug: Sie beklagt sich immer wie­der mal, aber es müsste schon etwas echt Dras­ti­sches pas­sie­ren, bis sie sich wirk­lich ein Herz fasst und Taten fol­gen lässt. Ich bin da ganz ego­is­tisch: Ohne Nicole und unsere gemein­same täg­li­che Ziga­ret­ten­pause wüsste ich nicht, wie ich hier die Tage über­ste­hen soll.