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Deviationist’s Joy
»Ich betrete den Korridor und laufe ihn in den allermeisten Fällen einfach bis zum Ende durch? Verstehe ich das richtig?«
Lautenthal nickt lächelnd und fügt meiner Frage an: »… um dann gleich den nächsten Korridor zu betreten. So funktioniert unser Geist – und damit unser Leben.«
Prof. Ernst C. Lautenthal ist Neurologe. Ich bin durch ein Zeitungsinterview auf ihn aufmerksam geworden, in dem er die menschliche Denktätigkeit mit einem Korridor vergleicht. Klar, dass dies meiner selektiven Aufmerksamkeit nicht entgangen ist: Ich beschloss umgehend, eine Reportage für mein Blog daraus zu machen. Deshalb also dieses Interview.
Ich sitze – ein klein wenig eingeschüchtert, muss ich gestehen – dem Professor gegenüber und versuche zu verstehen, was er herausgefunden hat.
»Ein Tier, das einem Instinkt folgt, hat meist keinerlei Wahlmöglichkeiten, was den Ablauf seiner Handlungen angeht. Ähnlich ist es bei menschlichen Routineaufgaben. Wir hätten eine Wahl, aber wir nutzen sie nicht. Man kann das damit vergleichen, wenn man so will, dass man mit Beginn der Handlung einen Korridor betritt und seinem Verlauf ohne Abweichungen bis zum Ende folgt, so wie man es gelernt und eingeübt hat.«
Wir sitzen in seinem Büro. Im Regal hinter seinem Schreibtisch liegt ein menschlicher Schädel. Wäre ich nicht nur mit einem Tonbandgerät, sondern auch mit einer Videokamera hier, würde ich einleitend die beeindruckende Phalanx von Psychologiewälzern in seinen Regalen abfahren, um dann auf dem Totenschädel zu enden und in eine seiner Augenhöhlen wie in einen Korridor hineinzuzoomen.
»Aber es gibt auch Türen beiderseits des Korridors?«
»Das unterscheidet uns von rein instinktgesteuerten Tieren«, bestätigt mir Lautenthal. »Wir könnten vom vorgezeichneten Weg abweichen – aber das würde halt ein wenig Mühe erfordern. Und unsere Spezies zeichnet sich nun mal nicht zuletzt durch Bequemlichkeit aus.« Er lehnt sich zurück in seinen Sessel. »Sehen Sie, wir machen hier gerade ein Interview. Sie stellen Fragen, und ich antworte. Aber wir hätten auch ganz andere Möglichkeiten, damit fortzufahren. Ich könnte auf den Schreibtisch steigen und Charleston tanzen. Oder Sie könnten aus dem Fenster springen. Manche der Möglichkeiten sind naheliegend, andere eher abwegig. Die abwegigen – in einem Korridor wären das kleine, verschlossene Türen, die so unauffällig sind, dass wir sie gar nicht bemerken.«
»Und warum nehmen wir Menschen so oft den ausgetretenen Pfad, selbst wenn er vielleicht gar nicht mehr den aktuellen Anforderungen entspricht?«
»Das liegt unter anderem an den Hormonen. Wir sind weit mehr hormongesteuert, als wir uns das eingestehen mögen. Dopamin, das Glückshormon, wie es volkstümlich bezeichnet wird, sorgt dafür, dass wir Erlebnisse, die wir als positiv empfunden haben, wiederholen möchten. Und auch bei Stress greift der Mensch fast schon automatisch auf vertraute Strategien zurück – statt sich neue Möglichkeiten zu eröffnen, indem er einen kaum begangenen Korridor betritt oder es mal mit von ihm bislang übersehenen Türen versucht.«
»To boldly go where no man has gone before.«
Er sieht mich leicht stirnrunzelnd an, und ich weiß nicht, ob er das Zitat aus dem Prolog der Serie Enterprise erkannt hat. »Dabei darf man«, erklärt er mir, »auch nicht den Durch-die-Tür-aus-dem-Sinn-Effekt unterschätzen.«
Jetzt sehe wohl ich etwas ratlos aus.
Lautenthal erklärt: »In wissenschaftlichen Versuchen wurde belegt, dass wir Menschen beim Durchqueren einer Tür im Hirn sozusagen einen kleinen Reboot machen: Altes wird weggewischt, und wir stellen uns auf Neues ein.«
»Indem wir einfach nur einen Türrahmen durchschreiten?«
»Genauso ist es. Solange wir im Korridor bleiben, sind wir mit dem beschäftigt, was wir kennen: Gedanken, Sorgen, Gefühle. Gehen wir allerdings durch eine der Türen, machen wir damit innerlich Platz für neue Erfahrungen. Übrigens haben wir deshalb oft vergessen, was wir eigentlich wollten, wenn wir in ein anderes Zimmer kommen.«
»Ja, passiert mir auch häufig«, sage ich. »Aber was ist, wenn sich der neue Korridor hinter der Tür als Sackgasse entpuppt?«
Lautenthal lacht kurz auf. »Eine Spezialität des menschlichen Denkens. Erstens: in Sackgassen zu geraten. Und zweitens: aus ihnen wieder rauszukommen. Denn dann fangen wir an, Türen auszuprobieren, die wir vorher im Leben nicht angerührt hätten.«
»Kreativität wäre also, vom breiten und einladenden Korridor abzuweichen und stattdessen selten begangene Abzweigungen einzuschlagen?«
»So könnte man es sehen, wenn wir bei diesem Bild bleiben wollen. Bedenken Sie allerdings: Es gibt nicht nur den einen Korridor. Es gibt Tausende davon, für jeden von uns, und für jede Kategorie von Situation. Brainscripts, kleine verinnerlichte Drehbücher für die vielfältigen Anforderungen und Aufgaben, die uns das Leben stellt.«
»Aber wir machen doch immer wieder auch neue Erfahrungen.«
»Klar. Da schauen wir dann meist genauer hin, gerade dann, wenn uns der Verlauf des Korridors nicht klar ist.« Lautenthal spielt mit einem Brieföffner.
»Und was bringt uns dieses Bild des Korridors?«
Lautenthal legt den Brieföffner wieder weg: »Die Erkenntnis, dass wir nicht immer den Weg über den ausgelatschten Teppich nehmen müssen, sondern auch mal eine Tür öffnen können, von der wir nicht wissen, was sich hinter ihr verbirgt. Wir können uns auch mal in dunkle und enge Gänge zwängen. Oder einfach mal stehen bleiben, uns umsehen und uns fragen: Was mache ich hier eigentlich?«
Ich blicke mich um. Draußen scheint die Sonne. »Was mache ich hier eigentlich?«
Lautenthal schmunzelt. »Sie haben einen neuen Korridor betreten. Und wer diesen Schritt macht, muss sich dann wohl auch mit den Konsequenzen auseinandersetzen.«
›Gut gesagt‹, denke ich. Das war dann der Punkt, an dem ich zum Fenster ging, es öffnete und – vermutlich der Pointe wegen – hinaussprang.