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Dream Questions Medley Per Aspera
Ich betrete den Korridorium-Doppeldecker, der pünktlich zum verabredeten Zeitpunkt vor meiner Tür gehalten hat. Den Fahrpreis entrichte ich wie immer bei der Fahrerin mit den rotgefärbten Haaren. Zwei Touren hab ich verpasst, aber jetzt bin ich wieder mit dabei, auch wenn mich meine Freunde seit einiger Zeit etwas schräg ansehen und in den Fängen einer obskuren Organisation wähnen.
Ich habe diesmal wieder eine Koje im Oberdeck. Sanfte Musik perlt aus den überall angebrachten Lautsprechern, und dazu gibt es flüsternd die Frage »Wer beobachtet den Beobachter (und wo gibt’s das Popcorn)?« Mit dem »Beobachter« ist wohl die Instanz in uns Menschen gemeint, die im Buddhismus manchmal auch der »innere Zeuge« genannt wird – vielleicht ist der »Meister«, der hin und wieder im Korridorium-Blog vorkommt, ein buddhistischer Rinpoche. Wäre durchaus möglich, dass die Reise-Fragen für die Musikmeditation mit anschließendem gemeinsamen Frühstück jeweils von ihm stammen – auch wenn sie für die Nächte im Korridorium-Bus, glaube ich, ein klein wenig verkalauert und verklausuliert sind, um hip zu wirken.
Ich habe im Pyjama und mit Bademantel auf den Bus gewartet und kuschle mich in die reservierte Koje. Anfangs habe ich mich im Bus noch umgezogen, aber inzwischen bin ich ein erfahrener Nachtbusreisender.
Die Fahrt mit der Frage »Wohin entwickelt sich alles (und mein Beitrag dazu)?« habe ich verpasst, weil ich unterwegs war zu einem Familienfest. Dort meinen Beitrag zu leisten, indem ich alle Anwesenden bat, die Augen zu schließen und einige Minuten lang über diese Frage zu meditieren, war ein kompletter Reinfall. Ich hatte zwar angekündigt, dass die Frage, die ich stellen würde, auf den ersten Blick merkwürdig wirken würde (und, vielleicht, im weitesten Sinne mit Evolution und unserer persönlichen Rolle darin zu tun hat), aber dass es gleich und ohne Umschweife zum Eklat kommen würde, hatte ich nicht erwartet. Alle protestierten, meine Mutter geriet in Streit mit ihrer Mutter, die Kids nutzten die Gelegenheit, um sich mit ihren Videospielen zurückzuziehen, mein Vater donnerte herum und drohte schließlich sogar damit, mich zu enterben. Wie gesagt: ein kompletter Reinfall. Niemand, nicht einmal meine sinistre Tante, der man wahrsagerische und heilerische Fähigkeiten nachsagt, hat sich mit der Frage beschäftigt. Und ich dann auch nicht mehr.
Die Nachtfahrt im darauf folgenden Monat verpasste ich, weil ich Grippe hatte. »Was tut Leid (und warum lass ich’s zu)?« lautete die Frage, entnahm ich den Flugzetteln, die sie in unserem Städtchen in alle Briefkästen werfen (und sie ist immer nur ein »Angebot« an die Reisenden, die sich gerne auch eigene Fragen stellen dürfen). Ich fand die Frage etwas eigenartig, nahm sie mit in meine Fieberträume, und dort entfaltete sie sich zu einem philosophisches Problem, das mich immer schon bewegt hat: Warum lässt Gott das Leid in der Welt zu? Ich rang fiebernd mit Dämonen und Engeln, die unsäglichen Grausamkeiten der Menschheitsgeschichte gaben sich an meinem durchgeschwitzten Bett ein Stelldichein – und kurz bevor ich der Frage ganz auf den Grund ging, schlummerte ich ein. Neun Stunden später wurde ich wieder wach, war schmerzfrei und hatte den Infekt überwunden.
Nach der verpassten Tour mit der existenziellen »Leid-Frage« war ich dann endlich wieder mit dabei. Beim anschließenden Frühstück – angesichts sommerlicher Temperaturen hatten die Veranstalter zum Sonnenaufgang Campingmöbel aufgestellt, und wir setzten uns in unseren Pyjamas raus vor den Bus auf eine Blumenwiese – kam ich ins Gespräch mit einem älteren Herrn offenbar griechischer Abstammung, der ständig blinzelte, weil er seine Brille nicht mitgenommen hatte. Er erzählte verrückte Sachen von Reisen nach Indien und Laos und scheint der Meinung zu sein, ein »Guru« stecke hinter der ganzen Geschichte – womit er das Blog »Korridorium« und diese nächtlichen Touren mit Ambient-DJ im Doppeldeckerbus meint. Es sei allerdings ein hochmoderner Guru, nämlich einer ohne Personenkult, der sich ganz hinter seiner Botschaft verstecke und diese derart »zwischen den Zeilen verbirgt«, dass nur die darauf stoßen, für die es an der Zeit ist.
Klingt vielleicht eigenartig, aber der Mann ist mir sympathisch. Er hat seine Thesen ganz gut mit der Frage der Nacht »Was will ich wirklich (und wenn ich nicht mehr bin)?« verknüpfen können, und ich wollte mir eigentlich merken, wo im Städtchen ihn der Bus absetzt – Namen und Adressen haben wir nämlich nicht ausgetauscht, und ich dachte, es sei doch mal nett, mich mit ihm auf einen Tee oder ein Bier zu treffen. Im richtigen Leben sozusagen. Hab den entscheidenden Moment jedoch leider verpasst.
Auf der heutigen Tour, die mit der Frage nach dem Zeugenbewusstsein, ist der alte Grieche offenbar nicht mit dabei. Später, tief in der Nacht, stehe ich auf und setze mich auf die Kissen zu Füßen des DJs, der unermüdlich neue Klangpanoramen und Sphärenklänge kreiert (und mal auf meine Frage hin, ob es seine Schlafkonzerte auch auf CD oder DVD gibt, den Kopf schüttelte und den Finger auf die Lippen legte). Ich stelle amüsiert fest, dass sie hier große Pappbecher mit frischem süßem Popcorn aufgestellt haben. Dieser Teil der heutigen Frage hat seine Antwort also schon gefunden …