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Blithe Dis­re­gard

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»Ich betrete den Kor­ri­dor«, murm­le ich, und auch die anderen Kursteil­nehmer murmeln immer wieder den gle­ichen Spruch, die gle­iche Affir­ma­tion.

Es ist das Geheim­nis, das schon die alten Atlanter, die Pyra­mi­den­bauer und Genies wie Her­mes Tris­megis­tos, Michelan­ge­lo und Leonar­do da Vin­ci kan­nten, hat man uns gesagt. Nicht irgen­dein Geheim­nis, son­dern das Geheim­nis. Die Wis­senden haben es ver­schlüs­selt der Nach­welt über­mit­telt, denn die Men­schen ihrer Zeit waren noch nicht reif dafür, die volle Ver­ant­wor­tung für ihr Glück zu übernehmen. Uns jedoch wird es jet­zt offen­bart.

Die Kurslei­t­erin wirkt über­haupt nicht wie ein Guru. Eher wie eine Haus­frau im zweit­en Früh­ling – mit ihrem bun­ten Batikklei­d­chen und den mit winzi­gen Perlen beset­zten Fin­gernägeln. Sie ist erfol­gre­ich und sieht glück­lich aus. Muss sie ja auch, denn sie hat das Mys­teri­um schon verin­ner­licht. »Ich betrete den Kor­ri­dor.«

Es ist alles ganz ein­fach, so wie alle großen Rät­sel eine ganz ein­fache Lösung haben. Die Frage »Wie werde ich glück­lich?« find­et ihre Antwort im inneren Fokus, mit dem man das Leben betra­chtet. Bei den aller­meis­ten Men­schen ist dieser nur eine Reak­tion auf all das, was ihnen geschieht. Men­schen allerd­ings, die ihr Leben meis­tern, sich ihre Träume erfüllen und der Welt ihren Stem­pel auf­drück­en, haben einen proak­tiv­en Fokus. Statt inner­lich zu erstar­ren, bleiben sie beweglich und sind sich bewusst, dass sie immer eine Wahl haben.

Unsere neue Affir­ma­tion murmeln wir nicht nur, um unsere proak­tive Hal­tung der Welt gegenüber zu man­i­festieren, son­dern visu­al­isieren sie auch. Die bloßen Worte »Ich betrete den Kor­ri­dor« unter­stützen wir inner­lich durch plas­tis­che und möglichst stark mit Gefühl aufge­ladene geistige Bilder. Bei den Atlantern waren es Kor­ri­dore aus Kristall­glas, bei den alten Ägyptern solche aus gewalti­gen Fel­squadern. Natür­lich jew­eils nur bei den Hohe­p­riestern und Pharao­nen – der bre­it­en Masse wurde das Geheim­nis des Glücks jahrtausende­lang voren­thal­ten. Doch nun wird es Zeit für die Men­schheit, die Offen­barung zu erfahren und im Geist und in der Vorstel­lung einen Raum neuer Möglichkeit­en zu schaf­fen, mit Türen und Durchgän­gen, die von den aus­ge­trete­nen Pfaden abwe­ichen und – wie unsere Kurslei­t­erin uns immer wieder ein­schärft – keine »Re-Kreatio­nen« und damit der Auf­guss von bere­its Vorhan­den­em sind, son­dern »Prokreatio­nen«, kreative Neuschöp­fun­gen.

Das Glück – so die durch die Zeital­ter hin­durch geheimge­hal­tene Erken­nt­nis – ist nie etwas Schon-Dagewe­senes, son­dern für jeden von uns etwas, das er in seinem Inneren für den jew­eili­gen Augen­blick neu erschafft, um dann ein­fach darauf zuzuge­hen, so wie man erwartungsvoll einen Kor­ri­dor durch­schre­it­et, wenn man weiß, dass hin­ter der näch­sten Tür ein geliebter Men­sch auf einen wartet. Das ist die Offen­barung.

»Ich betrete den Kor­ri­dor«, murmeln wir hinge­bungsvoll und ver­suchen uns auszu­malen, dass das Glück hin­ter all den vie­len Türen wartet, mit denen wir uns unseren Kor­ri­dor denken. Denn das eigentliche Mys­teri­um, wurde uns erk­lärt, ist dieses: Der wahre Leben­skün­stler denkt sich sein Glück immer in der Mehrzahl. Und in unzäh­li­gen Vari­anten. Statt nur einem Glück hin­ter­herzu­ja­gen, erwartet uns in Zukun­ft hin­ter jed­er Tür ein Glück – und mit unserem neuen proak­tiv­en Fokus wer­den wir es nicht dabei belassen, son­dern das Glück jew­eils for­men und gestal­ten und für andere zugänglich machen.

»Wenn du an einen Ort kommst, irgen­deinen Ort: Was denkst, fühlst und erleb­st du inner­lich?«, fragt die Kurslei­t­erin uns, ihre Eleven. »›Ich betrete den Kor­ri­dor!‹«, antworten wir im Chor. Sie nickt. »Wenn du einem Men­schen begeg­nest …?« – »›Ich betrete den Kor­ri­dor!‹«, antworten wir im Chor. »Wenn du auf ein ›Prob­lem‹ triff­st?« – »›Ich betrete den Kor­ri­dor!‹«, antworten wir im Chor. »Eine Krise?« – »›Ich betrete den Kor­ri­dor!‹«, antworten wir im Chor. »Denn es gibt immer eine Vielzahl von Möglichkeit­en, die du in diesem Augen­blick proak­tiv erschaf­fen kannst. Und? Was erwartet den, der sich aus jed­er Sit­u­a­tion einen Kor­ri­dor erschafft, von dem viele mögliche Wege abzweigen?« – »Glück«, antworten wir im Chor. Einige sagen »Glücke«, aber der Plur­al klingt in unseren Ohren noch sehr unge­wohnt.

Wir Kursteil­nehmer sind nur die Pio­niere. Mit jedem weit­eren Men­schen, der diesen Fokus ein­nimmt, mit jedem neuen Aussprechen von »Ich betrete den Kor­ri­dor« wird der Weg leichter zu bege­hen sein, kom­men neue Türen und Durch­lässe hinzu, hin­ter denen das Glück wartet, in viel­er­lei Gestalt und immer neu und über­raschend. Das ist die Offen­barung, die Offen­barung. Die Zeit ist gekom­men, sie allen bekan­nt zu machen.