Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: klassisch

246/398

Locus fac­tum enigma opus

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen Schlaf­zim­mer und Bad und habe damit schon den ers­ten Punkt mei­nes heu­ti­gen K‑Tags erfüllt. Vier Auf­ga­ben sind es, die ich mir täg­lich stelle: • ein Ort, • ein Tun, • ein Rät­sel und • ein Werk.

Ges­tern hatte ich es nicht so leicht. Mir wollte erst kein erreich­ba­rer Ort mit J ein­fal­len. Dann hatte ich aber doch eine Ein­ge­bung, als ich Eiern und Kar­tof­feln beim Bio­bau­ern kaufte. Ich fragte ihn, ob er eine Jau­che­grube hat und manch­mal hin­ein­stei­gen muss. Er sah mich schräg an und nickte. Indem ich dann frei­wil­lig seine Ganz­kör­per­gum­mi­stie­fel anzog und mit einer Mist­ga­bel bewaff­net ver­suchte, den Aus­fluss des Beckens frei­zu­be­kom­men, hatte ich eigent­lich gleich­zei­tig den gest­ri­gen Punkt 3, das Rät­sel, erfüllt. Denn mein Bauer wird sich wohl fortan den Leb­tag lang fra­gen, was einen sei­ner Kun­den dazu bewo­gen haben mag, frei­wil­lig in die Exkre­mente sei­ner Kühe und Schweine zu stei­gen.

Trotz­dem habe ich der Welt dann noch ein dezi­dier­tes Rät­sel mit J hin­ter­las­sen: Ich zer­schnitt alte Jute­ta­schen und nähte sie zu simp­len Socken um, knapp fünf­zig Stück, die ich, heim­lich natür­lich, über die Enden des Jäger­zauns stülpte, der den Wert­stoff­hof im Nach­bar­dorf ein­fasst. Das sieht nied­lich aus, und die Aktion hat, hoffe ich, zu erstaun­tem Kopf­schüt­teln geführt, auch wenn sie es ver­mut­lich nicht ein wei­te­res Mal in unser ört­li­ches Käse­blätt­chen geschafft hat.

Nach­dem ich mir abends dann noch das Jon­glie­ren mit drei Bäl­len bei­gebracht hatte – mehr schlecht als recht, muss ich zu mei­ner Schande geste­hen –, guckte ich dann noch Jumanji. Zwar kein Film aus der Bes­ten­liste der Inter­net Movie Data­base, die ich mei­ner Aus­wahl nor­ma­ler­weise zugrunde lege, aber der Jäger des ver­lo­re­nen Schat­zes war gerade aus­ge­lie­hen, und von einer Johanna von Orlé­ans aus dem Jahr 1928 hat­ten sie in mei­ner Video­thek noch nie gehört.

Neuer Tag, neues Glück, ein neuer Buch­stabe. Mit dem K fing ich noch vor dem mor­gend­li­chen Kor­ri­dor mit einer nächt­li­chen Aktion zur Geis­ter­stunde an. Ich hab mich schwarz ein­ge­klei­det, zwei Schnüre an die bei­den Enden eines Bret­tes gebun­den und an deren Enden die Hand­griffe eines Spring­seils befes­tigt. Damit bin ich dann raus auf eins der Wei­zen­fel­der unse­res Bio­bau­ern. Ohne unnö­tige Spu­ren zu hin­ter­las­sen hab ich mich bis in die unge­fähre Mitte durch­ge­schla­gen und dort ange­fan­gen, einen Korn­kreis anzu­le­gen. Die Form hatte ich vor­her mit Zir­kel und Lineal zu Papier gebracht. Frak­tale Geo­me­trie traute ich mir als Anfän­ger nicht zu, und weil es ja ein Rät­sel mit K wer­den sollte, ent­schied ich mich für ein zwan­zig Meter lan­ges Kel­ten­kreuz. Eine schweiß­trei­bende Arbeit, wie sich her­aus­stellte, und im Ergeb­nis ver­mut­lich ziem­lich krumm und schief. Mal sehen, was das Käse­blätt­chen schreibt. Viel­leicht wird ja von irgend­wem ein Luft­bild geschos­sen. Die über­di­men­sio­nale rote Clowns­nase vor andert­halb Wochen, die ich nachts um den Kirch­turm gebun­den hatte, brachte es jeden­falls auf die Titel­seite und zu einer Flut von erbos­ten Leser­brie­fen.

Dann mor­gens, hun­de­müde von der anstren­gen­den Nacht, der Kor­ri­dor zum Bad. Eigent­lich sol­len es ja neue Erfah­run­gen und Orte sein. Aber ich finde, mit der Jau­che­grube von ges­tern habe ich etwas gut. In der Mit­tags­pause im Büro betrachte ich auf mei­nem Moni­tor ein­ge­hend die »Krei­de­fel­sen von Rügen« von Cas­par David Fried­rich. Ich hatte mir schon gedacht, dass ich das Werk irgendwo im Inter­net in hoher Auf­lö­sung finde. Lange denke ich, indem ich mir Löf­fel um Löf­fel Kar­tof­fel­pü­ree aus der Kan­tine im Munde zer­ge­hen lasse, dar­über nach, was der alte Mann im blauen Geh­rock auf Hän­den und Knien am Boden zu suchen hat. Ist er umge­fal­len? Dafür würde der acht­los fort­ge­rollte Hut spre­chen, den schon ein leich­ter Wind­stoß in den Abgrund wehen könnte. Ver­sucht der Alte viel­leicht vor­sich­tig, über den Grat in die Tiefe zu schauen, dem Fin­ger­zeig der jun­gen Dame im roten Kleid fol­gend? Oder ist er Bota­ni­ker und hat ein sel­te­nes Gras ent­deckt, wor­auf­hin er sei­nen Stock nie­der­legte, sei­nen Hut ver­lor und sofort ein Exem­plar pflü­cken musste?

Auf der Fahrt nach Hause gehe ich den Tag noch ein­mal durch. • Rät­sel: Korn­kreis; • Ort: Kor­ri­dor; • Kunst­werk: Krei­de­fel­sen. War viel­leicht auch schon eine • Tätig­keit mit K dabei? Kopie­ren? Hm. Die Kon­fe­renz­schal­tung mit Reykja­vík? Hm. Krat­zen am Hin­ter­kopf? Nein, ich habe nichts Neues gemacht. Dann kommt mir aber doch noch ein ret­ten­der Ein­fall. Wenn mir schon die Szene an den Krei­de­fel­sen Rät­sel auf­ge­ge­ben hat, warum nicht vor dem Zubett­ge­hen noch ein wenig wei­ter­rät­seln. Obwohl ich die Tages­zei­tung jetzt schon lange abon­niert habe: Noch nie habe ich das Kreuz­wort­rät­sel im bei­lie­gen­den Frei­tags­ma­ga­zin gelöst. Es soll sehr kniff­lig sein, und man muss angeb­lich gehö­rig um die Ecke den­ken.

»Bro­same ist dem Bio­bau­ern alles« in fünf Buch­sta­ben. Es muss mit K anfan­gen, denn den »Kol­ben­fres­ser« quer hab ich schon, auch wenn ich mir anhand der Umschrei­bung »Tie­ri­scher Mais­räu­ber? Moto­ri­sier­ter GAU« erst ein­mal rein gar nichts vor­stel­len konnte, bis dann end­lich der Gro­schen fiel.

Der »Kol­ben­fres­ser« jedoch war anschei­nend nur ein Glücks­tref­fer. Mir will ein­fach nichts mehr ein­fal­len. Ich gebe auf, aber noch beim Ein­schla­fen rotiert es durch mei­nen Kopf. Gibt’s »Bro­same« über­haupt in der Ein­zahl? Doch genauso wenig wie »Almose«, oder? Hm. Hier fin­det der dörf­li­che Rät­sel­ma­cher – ich sage nur: die Clowns­nase! – offen­bar sei­nen Meis­ter. Ich beschließe, beim nächs­ten Eier­kauf den Bio­bau­ern selbst zu fra­gen, was ihm »alles« ist. Einen Ruf habe ich bei dem seit ges­tern ja nicht mehr zu ver­lie­ren.

Mor­gen ist Wochen­ende, und ich werde nach die­ser anstren­gen­den Woche erst ein­mal aus­schla­fen. Mon­tag geht es dann wei­ter mit L.

 

247/398

The Sand’s Tale

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen den Kabi­nen. Heute ist es die Num­mer acht. Ich werfe mein Token ein. Das Hin­le­gen ist sehr schmerz­haft, aber dann ruhe ich end­lich aus­ge­streckt unter den wär­men­den und bräu­nen­den Strah­len der Son­nen­bank. Es ist der 14. Juli, und in Gedan­ken reise ich ein­und­vier­zig Jahre zurück. An die­sem Tag war ich mit Mau­ritz in San Fran­cisco.

Bei der jun­gen Frau, die im Son­nen­stu­dio in der Schil­ler­straße an der Kasse steht, wechsle ich jedes Mal, statt mir den Token am Auto­ma­ten zu zie­hen, einen Fünf-Euro-Schein und lasse ihr 50 Cent als Trink­geld lie­gen. Bestimmt komme ich ihr sehr selt­sam vor: Ein klei­ner Mann in einem schwar­zen Anzug mit son­nen­brau­nem Gesicht, der jeden Tag (außer sonn­tags) um die Mit­tags­zeit her­kommt und sich zwan­zig Minu­ten lang auf die Son­nen­bank legt, ohne sich vor­her sei­nes Anzugs und der schwar­zen Schuhe zu ent­le­di­gen. Aber sie kann ja auch nicht wis­sen, dass mich, seit meine Schul­ter zer­trüm­mert wurde, fast uner­träg­li­che Schmer­zen pla­gen, wenn ich mich an- oder aus­klei­den muss.

San Fran­cisco 1971. Was waren wir von die­ser Stadt beein­druckt, der Mau­ritz und ich! Wir lie­fen über die Gol­den-Gate-Brü­cke, quer über die Bucht bis zum ande­ren Ende und wie­der zurück. Was für eine groß­ar­tige Inge­nieurs­leis­tung! Ich konnte die vie­len Hände spü­ren, die Tau­sende von Arbei­tern, die die­ses Bau­werk errich­te­ten und Stück für Stück zusam­men­füg­ten.

Noch ein­mal male ich mir den vier­zehn­ten Juli in San Fran­cisco in allen Ein­zel­hei­ten aus, wäh­rend mein Gesicht und meine Hände ange­nehm warm wer­den. Es war der Tag, an dem wir abends zufäl­lig zwi­schen die Hip­pies gerie­ten und mich diese junge Frau, die ihre Schul­tern bunt bemalt hatte und bar­fuß lief, ohne Vor­war­nung geküsst hat. Ein beson­de­rer Tag.

Aber bald ist die Zeit abge­lau­fen, und die letzte Minu­ten unter der Höhen­sonne widme ich immer dem wich­tigs­ten Ereig­nis mei­nes Lebens: mei­ner Ankunft in der Wüste. Ich hatte unter Rei­se­angst gelit­ten und mir alle mög­li­chen Wid­rig­kei­ten aus­ge­malt, auf die ich, fern der Hei­mat, tref­fen könnte. Als ich jedoch aus dem Bus stieg, der uns in das Dorf brachte, waren alle Sor­gen wie weg­ge­bla­sen. Die Wüste! Der Him­mel! Die Weite! Ein Hoch­ge­fühl erfasste mich. Sand knirschte mir zwi­schen den Zäh­nen, und ich sog begie­rig die Luft eines frem­den Lan­des, eines frem­den Kon­ti­nents in mich ein.

Neben mir stand ein jun­ger Mann, Mau­ritz, der seine Glie­der streckte und sich zuse­hends freute, von den engen Sit­zen her­un­ter und aus dem schreck­li­chen Ben­zin­ge­stank im Bus her­aus­zu­kom­men. Ihm schien es ähn­lich wie mir zu gehen. Mau­ritz war von einer schwe­di­schen Bau­firma nach Ägyp­ten geschickt wor­den. Wir kamen in der­sel­ben Inge­nieurs­ba­ra­cke unter und stell­ten bald fest, dass wir uns gut ver­stan­den, auch ohne unser holp­ri­ges Eng­lisch, in unse­ren Mut­ter­spra­chen Deutsch und Schwe­disch und indem wir mit Hän­den und Füßen rede­ten.

Mit einem Pling ver­lischt die Sonne in der Kabine. Lang­sam und vor­sich­tig, um den rech­ten Arm nicht zu belas­ten, richte ich mich auf. Die junge Frau am Tre­sen wird wie immer mei­nen Abschieds­gruß nicht erwi­dern, aber auf­schauen und viel­leicht lächeln. Ich bin ein komi­scher alter Kauz in ihren Augen, so wie ich ein komi­scher alter Kauz in jeder­manns Augen gewor­den bin. Nie­mand weiß mehr von dem jun­gen Inge­nieur, der einen gan­zen ägyp­ti­schen Tem­pel ver­setzt hat, damit er nicht in den Flu­ten des Assuan-Stau­damms ver­sinkt und der Nach­welt ver­lo­ren geht.

Auch die Bedie­nung des Cafés im Münch­ner Haupt­bahn­hof wech­selt nur die nötigs­ten Worte mit mir, obwohl ich seit vie­len Jah­ren jeden Nach­mit­tag (außer sonn­tags) hier­her­komme und einen Kaf­fee trinke. Jetzt hat es einen ita­lie­ni­schen Namen und lau­ter Kaf­fee­spe­zia­li­tä­ten im Ange­bot, unter deren Namen ich mir nichts vor­stel­len kann. Die ein­fa­che Tasse Kaf­fee gibt es noch, aber sie ist heute vier­mal so teuer. Neben der Son­nen­bank ist sie der ein­zige Luxus, den ich mir gönne, und erin­nert mich ent­fernt an den ägyp­ti­schen Kaf­fee­sud, der unser Treib­stoff wurde für die gigan­ti­sche Auf­gabe. Auch in der Kli­nik, nach­dem mir ein rie­si­ger Stein­klotz – der linke Fuß einer Kolos­sal­sta­tue – die rechte Schul­ter zer­trüm­mert hatte, kam ich nicht ohne den bit­ter­sü­ßen Zau­ber­trank aus. Viel­leicht hoffte ich, er könne mir die Schmer­zen neh­men. Beson­ders die Schmer­zen dar­über, wie ein zer­bro­che­nes Werk­zeug fort­ge­wor­fen zu wer­den und ver­ges­sen zu sein. Nur Mau­ritz ver­gaß mich nicht.

Der Kaf­fee und die Son­nen­bank. Mehr ist mir nicht geblie­ben, auch nicht von den Rück­la­gen für meine Beer­di­gung. Bei der Bank hat­ten sie mir ver­si­chert, dass das Geld gut ange­legt ist und über die Jahre immer mehr dar­aus wer­den wird. Dann eines Tages war das Geld fort. Nie­mand ent­schul­digte sich. Es war ein­fach fort, und es macht mir das Herz eng, dass nichts mehr da sein wird, wenn ich ein­mal nicht mehr bin. Mau­ritz hin­ter­ließ immer­hin Frau und Kind. Aber das ist ja jetzt auch schon lange her.

Er war gleich Feuer und Flamme, als ich beschloss, die magere Abfin­dung, die mir meine Firma schließ­lich für den Unfall zahlte, zu ver­wen­den, um mir ein Jahr lang die Welt anzu­se­hen. Wir began­nen mit dem Eif­fel­turm und fach­sim­pel­ten als Inge­nieure über die groß­ar­tige Leis­tung, ein Bau­werk wie die­ses zu errich­ten. Nie­mand denkt an die Inge­nieure und Arbei­ter zurück. Das Monu­ment bleibt bestehen, und viel­leicht trägt es den Namen sei­nes Kon­struk­teurs und irgendwo ver­steckt eine Pla­kette, die an die Arbei­ter erin­nert, die wäh­rend des Baus ihr Leben gelas­sen haben. Aber die ande­ren vie­len hun­dert, vie­len tau­send namen­lo­sen Hel­fer, die mit ihrer Hände Arbeit das Werk in die Tat umsetz­ten – ver­ges­sen.

Ich werde auch ver­ges­sen sein. Oder nein: Ich bin schon ver­ges­sen. Des­halb erin­nere wenigs­tens ich mich auf der Son­nen­bank an unsere Reise um die Welt, Tag für Tag. Und immer wie­der an die­sen gro­ßen Moment mei­ner Ankunft in der Wüste, als mir mit einem Mal nichts unmög­lich schien und es mir wie ein Kin­der­spiel vor­kam, einen gewal­ti­gen, jahr­tau­sen­de­al­ten Tem­pel zu ver­set­zen. Und Mau­ritz ken­nen­lernte, der auch zu den Inge­nieu­ren gehörte. Und den Sand der Wüste schmeckte.

Der Anzug ist mir zu groß gewor­den. Genau wie der zer­schlis­sene braune, den ich trage, solange der gute schwarze in der Rei­ni­gung ist. Ich werde klei­ner. Irgend­wann werde ich nicht mehr da sein, und damit ver­schwin­den auch die Erin­ne­run­gen an den gro­ßen Tag mit sei­nem Hoch­ge­fühl und die an unsere große Reise, die fast ein gan­zes Jahr dau­erte.

Im Café sehe ich häu­fig Gäste, die einen trag­ba­ren Com­pu­ter auf­klap­pen oder mit dem Fin­ger über einen fla­chen Bild­schirm wischen. Im Inter­net soll alles gespei­chert und abruf­bar sein, heißt es. Und es ver­gisst nichts, habe ich gele­sen. Aber ich weiß nicht, wie ich meine Erin­ne­run­gen dort hin­ein­brin­gen soll. Ver­mut­lich würde sich sowieso nie­mand von den jun­gen Leu­ten für die Geschich­ten eines komi­schen alten Kau­zes inter­es­sie­ren, der einen Tem­pel ver­setzt hat, einen Tem­pel in der Wüste mit den stei­ner­nen Sta­tuen von alten Göt­tern, Göt­tern, die ihn einen Freund fin­den lie­ßen, ihm die Schul­ter zer­schmet­tert haben und ihn am Ende dazu brach­ten, ein­mal um die ganze Welt zu rei­sen.

Der Tem­pel wird noch lange ste­hen, die Wüs­ten­sonne noch lange glei­ßend auf ihn nie­der­bren­nen. Viel­leicht hat es sich dafür gelohnt – und für die täg­li­che Vier­tel­stunde auf der wär­men­den Son­nen­bank mit mei­nen Erin­ne­run­gen an Mau­ritz, unsere Reise und meine Ankunft in der Wüste, als ich win­zig klein vor den Kolos­sal­sta­tuen stand, die wir 64 Meter in die Höhe hie­ven muss­ten, um sie vor dem Ertrin­ken im Stau­damm zu ret­ten. Unbe­ein­druckt von allem mensch­li­chen Gewu­sel blick­ten sie in die Ferne, und auf eine unheim­li­che Weise wusste ich plötz­lich, eigent­lich bin ich, genau wie sie, unsterb­lich.

 

[erzählt von Hans-Heri­bert Gütt­mann, auf­ge­schrie­ben von Cory d’Or

 

 

263/398

And the Day is Far Spent

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor. Hier, hat man mir gesagt, soll ich war­ten, bis ich abge­holt werde. Es ste­hen Stühle an der Wand zwi­schen den Türen, aber ich setze mich nicht, denn ich hasse es zu war­ten. So kann ich wenigs­tens auf- und abge­hen, was mir etwas zu tun gibt und den ande­ren zeigt, dass ich unge­dul­dig bin und sie schnell machen sol­len. Nur sind keine ande­ren da. Ich bin allein. Und bin gezwun­gen, zu war­ten, bis man Zeit für mich hat. Wie ich es hasse!

War­ten ist mein Trauma. Als Baby, nach der Geburt, haben sie mich im Kran­ken­haus mei­ner Mut­ter weg­ge­nom­men, und sie kam mich immer nur kurz besu­chen, um mich zu stil­len. Es war nie genug. Damals war das viel­leicht so üblich. Aber ich kam nie dar­über hin­weg, auf die Wärme, die Nähe, die Mut­ter und ihre Milch war­ten zu müs­sen. Allein zu sein und zu war­ten.

Wie jetzt. Nichts pas­siert. Die Zeit bleibt ein­fach ste­hen und quält mich zu Tode. Ich könnte explo­die­ren, schreien, jeman­dem an die Gur­gel gehen. Irgend­was soll pas­sie­ren, bitte! Lasst mich nicht län­ger hier allein! Meine Knie zit­tern, merke ich. Ich setze mich jetzt doch. Starre die Bil­der an. Starre die Türen an. Bis mein Blick ins Leere geht. Ich bin so wütend! Immer las­sen sie mich war­ten, lässt das Leben mich war­ten. Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich kaue auf mei­nen Nägeln, aber auch das hilft nicht.

Es kommt jemand. Eine junge Frau, rote gelockte Haare, beschwing­ter Schritt. Der Mann hin­ter ihr – ich höre die Stimme durch die offene Tür – sagt ihr das Glei­che wie vor­her mir: »Bitte war­ten Sie hier. Sie wer­den abge­holt.« Die Tür schließt sich wie­der. Ich will schreien, dass es eine Lüge ist, dass kei­ner mich abholt, jemals abge­holt hat. Dass War­ten noch nie zu irgend­was geführt hat!

Die junge Frau sieht sich um, nickt mir lächelnd zu. Sie geht zum Fens­ter und sieht hin­aus. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass es ein Fens­ter gibt. Sie pro­biert, ob sie es öff­nen kann. Doch es ist ver­rie­gelt. Viel­leicht haben sie Angst, dass jemand wie ich da raus­springt, wenn das War­ten kein Ende nimmt.

Die junge Rot­haa­rige scheint es nicht wei­ter zu stö­ren. Sie geht zu den ande­ren Türen, drückt die Klin­ken run­ter, um zu tes­ten, ob sie abge­schlos­sen sind. Eine ist es nicht. Sie öff­net sie, geht hin­ein, und die Tür fällt hin­ter ihr ins Schloss. Dann pas­siert erst ein­mal nichts. Ich warte dar­auf, dass sie zurück­kehrt. Doch sie bleibt ver­schwun­den.

Und wenn jetzt jemand kommt, sie abzu­ho­len? Ich setze meine Füße mit auf den Stuhl und umfasse meine Knö­chel. Am liebs­ten würde ich mir in die Knie bei­ßen, aber ich lege nur meine Stirn dar­auf und weine leise vor mich hin.

Viel­leicht haben sie mich ver­ges­sen? Ich weiß es nicht, der Gedanke jedoch macht mich rasend. Immer, wenn ich war­ten muss, kom­men diese schreck­li­chen Gedan­ken.

Also warte ich. Dass diese Rot­haa­rige zurück­kommt. Viel­leicht kön­nen wir beide zusam­men etwas gegen die­ses gott­ver­dammte ewige War­ten unter­neh­men …?

266/398

Mo ghra mo bhea­tha (A Mello Romance)

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor. Mein Herz klopft wild, mein Busen bebt. Wer­den meine geheims­ten Wün­sche Wirk­lich­keit? Lord McT­row­don hat mich in sein Arbeits­zim­mer rufen las­sen. Seit er sich vom Pferd schwang und mich behut­sam in seine Arme nahm, habe ich ihn nicht wie­der­ge­se­hen. Meine Stute war vor einem Fuchs zurück­ge­schreckt, der plötz­lich aus dem Gebüsch schoss und mei­nen Weg über Län­de­reien kreuzte, von denen ich nun weiß, dass sie dem Lord gehö­ren. Ich konnte mich nicht hal­ten, fiel zu Boden und muss kurz ohn­mäch­tig gewor­den sein. Zu mei­nem Glück fand mich der Lord und ließ mich sogleich in sein Schloss schaf­fen.

Der knur­rige Dorf­arzt sprach von einer leich­ten Gehirn­er­schüt­te­rung, aber dass ich so benom­men wirkte, hatte einen ganz ande­ren Grund. In den Armen die­ses hoch­ge­wach­se­nen Man­nes zu lie­gen, sei­nem kan­ti­gen Gesicht mit den war­men, brau­nen Augen so nahe zu sein – ich war noch ganz beseelt davon, und gleich­zei­tig zer­riss es mir das Herz, dass er mich sei­nen Bediens­te­ten über­ließ und gleich wie­der davon­ritt, um meine Stute ein­zu­fan­gen, als er sich über­zeugt hatte, dass ich nicht ernst­haft ver­letzt war.

Ich klopfe an seine schwere, holz­ge­tä­felte Tür. Ist es ihm wie mir ergan­gen? Kann auch er die Bli­cke nicht mehr ver­ges­sen, mit denen wir förm­lich inein­an­der ver­san­ken? Hat auch er die­ses tiefe Wie­der­erin­nern gespürt, als wür­den wir uns schon Ewig­kei­ten lang ken­nen? Nein, schelte ich mich, ich darf nicht sol­che Gedan­ken und Hoff­nun­gen hegen. Lord McT­row­don lie­gen die schöns­ten und begeh­rens­wer­tes­ten Frauen der Welt zu Füßen. Was sollte er an mir fin­den, einer unschein­ba­ren Tou­ris­tin, die ihr Pferd nicht im Griff hat und kein Wort des Dan­kes über ihre Lip­pen gebracht hat.

»Ja bitte?«, erklingt seine Stimme hin­ter der Tür, kraft­voll und doch auch sanft, fast zärt­lich. Mit zit­tern­den Fin­gern drü­cke ich die Klinke her­un­ter. Er sitzt hin­ter einem geschwun­ge­nen Schreib­tisch mit wun­der­schö­nen Intar­sien, springt, als er mich sieht, jedoch gleich auf und tritt mir federn­den Schrit­tes ent­ge­gen. Mir wird schwind­lig vor Ver­lan­gen, und ich muss mich an der Tür fest­hal­ten.

Lord McT­row­don sinkt vor mir in die Knie. »Schöne Rei­te­rin, deren Namen ich nicht kenne, du hast mein Herz im Sturm erobert, und ich weiß nicht, wie mir geschieht. Eine unge­heure Macht, die mir vor unse­rer unver­hoff­ten Begeg­nung gänz­lich unbe­kannt war, treibt mich dazu, das Unmög­li­che zu hof­fen: dass es dir ebenso ergeht wie mir.«

Er blickt zu mir hoch, die Augen vol­ler Hin­gabe und Hoff­nung, und ich bringe wie­der kein Wort über die Lip­pen. Sollte ich ihm das sagen, mit der »unge­heu­ren Macht« und wer dahin­ter­steckt. Wird er über­haupt wis­sen, was ein Gro­schen­heft ist? Mir zit­tern die Knie. Kann es wirk­lich wahr sein?

»Willst du«, haucht er, »meine Frau wer­den?« Ich falle erneut in Ohn­macht, aber dies­mal fan­gen mich seine star­ken Arme auf.

276/398

Boon­dogg­ling (Exc)

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor mit dem auf­ge­klapp­ten Net­book in der Hand. In der Hotel­be­schrei­bung stand etwas von Gra­tis-WLAN, aber auf dem Zim­mer ist der Emp­fang zu schwach. Scheint auch ande­ren so zu gehen: Zwei Zim­mer wei­ter hat es sich eine junge Frau, auch Kon­gress­teil­neh­me­rin, mit einem Touch­pad auf der Fens­ter­bank bequem gemacht, und am ande­ren Ende des Flurs sitzt ein älte­rer Herr in Pyjama und Bade­man­tel auf dem Korb­ses­sel und balan­ciert ein edles Ultra­book auf sei­nen Knien. Zur Begrü­ßung im Kor­ri­dor nickt er mir kurz zu.

Es ist tief in der Nacht. Unsere Gesich­ter erhellt der Wider­schein unse­rer Dis­plays, jeder in sei­nem Daten­strom trei­bend. Drau­ßen rauscht es. Eine Auto­bahn gibt’s hier nicht in der Nähe. Ver­mut­lich ist es der Wind in den Bäu­men.

Bei Twit­ter schreibt die Gemeinde, dass heute, am 12. August, der Per­sei­den­schauer sei­nen Höhe­punkt hat. Ich wäre auch gern ein Per­sei­den-Schauer. Stern­schnup­pen! Habe lange keine mehr gese­hen. Wün­sche hätte ich schon. Jede Menge. Geld. Liebe. Kar­riere. Ein­fach mal Zeit für mich in der Natur. Ich kli­cke wei­ter. So was müsste sich doch fin­den las­sen. Auf You­Tube bei­spiels­weise. Da gibt’s doch bestimmt Film­chen von Leu­ten, die ihre Han­dy­ka­me­ras in den Nacht­him­mel gerich­tet und das Auf­glü­hen ein­ge­fan­gen haben. Inner­lich for­mu­liere ich schon die ers­ten Wün­sche …

 

284/398

Wes­ten­ta­schen­ven­detta

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor, erstarre aber sofort, denn es steht eine Palast­wa­che dort. Sie wen­det mir den Rücken zu und hat mich offen­bar nicht gehört. Lang­sam ver­ziehe ich mich rück­wärts wie­der ins Trep­pen­haus.

Hatte ich eine Wache dort pos­tiert? Ich kann mich nicht daran erin­nern. Jeden­falls soll nicht bekannt wer­den, dass ich mich hin und wie­der uner­kannt unter mein Volk mische. Also muss ich wohl wie­der den Weg über die Außen­wand neh­men und über Vor­sprünge und Simse hin­auf in mei­nen »Thron­saal« klet­tern.

Dies­mal bin ich bei mei­nem Aus­flug zu mei­nen Unter­ta­nen in eine Ver­samm­lung von Ver­schwö­rern gera­ten: eine Hand­voll Män­ner ver­schie­de­nen Alters, die den Tyran­nen stür­zen und die Repu­blik aus­ru­fen wol­len. Eine Frau war dabei. Sie wirkte wild und unbe­re­chen­bar, und unter ihren strub­be­li­gen schwar­zen Haa­ren blitz­ten dunkle Augen her­vor, als sie das Wort ergriff und revo­lu­tio­näre Reden schwang. Sie wollte, dass sich sofort etwas ändert. Aber die älte­ren, wei­se­ren Män­ner in der Runde mahn­ten zu Geduld und peni­bler Vor­be­rei­tung.

Ich habe mich da gut amü­siert und hätte mich sogar fast selbst zu Wort gemel­det, um die Stim­mung anzu­sta­cheln. Doch mein Prin­zip war immer, zu beob­ach­ten, und nicht, mich ein­zu­mi­schen.

Der Palast ist von Efeu über­wu­chert. Ich schwinge mich aus dem Fens­ter des Trep­pen­hau­ses und hangle mich einen Sims ent­lang, bis ich mich unter­halb mei­nes Bal­kons befinde. Ein Regen­rohr bie­tet mir Halt, um mich wei­ter hoch­zu­zie­hen. Plötz­lich spüre ich einen Dolch an mei­ner Kehle, und eine hei­sere Stimme fragt mich: »Was hast du vor, Kerl?«

Es ist die Umstürz­le­rin aus der Ver­schwö­rer­ver­samm­lung. Sie erkennt mich wie­der und steckt den Dolch zurück in ihren Gür­tel. »Willst du ihn auch …?«, fragt sie, ohne ihren Satz zu been­den. Ich nicke. »Er muss ster­ben, je eher, desto bes­ser«, sage ich. Es ist ein Zitat aus ihrer eige­nen Rede, aber sie bemerkt es nicht, son­dern lächelt grim­mig. Sie mus­tert mich von Kopf bis Fuß, und einen kur­zen erschreck­ten Moment lang glaube ich, sie kommt dar­auf, wer ich in Wirk­lich­keit bin. Doch dann fragt sie: »Wo ist deine Waffe?«

»Ich … will ihn erwür­gen.« Wie­der nickt sie: »Daran habe ich auch schon gedacht – zu spü­ren, wie ihn das Leben ver­lässt, wie er zuckt und sich win­det und schließ­lich unter mei­nen Hän­den erschlafft. Das hätte er ver­dient.«

Wir ste­hen beide auf einem schma­len Vor­sprung, hal­ten uns an der Regen­rinne fest, sind vor den Bli­cken der Wachen, die vor dem Palast Dienst tun, durch das Efeu geschützt. Wir sehen uns an, wis­sen nicht, was wir sagen sol­len. Das Schwei­gen bekommt etwas Pein­li­ches.

Schließ­lich schüt­telt sie ihr lan­ges, schwar­zes Haar und sagt: »Wir machen es gemein­sam. Du erdros­selst ihn, und ich ramme ihm im letz­ten Augen­blick mei­nen Dolch ins Herz.«

»So machen wir es«, bestä­tige ich, aber sie ist bereits wei­ter­ge­klet­tert. Ich folge ihr.

Vom unglaub­li­chen Luxus, den sich der Tyrann auf Kos­ten sei­nes Vol­kes gönnt, hatte sie gespro­chen, vom dem Gold, den Juwe­len, den erle­se­nen Spei­sen, dem unglaub­li­chen Prunk des Thron­saals, des­sen präch­tige Aus­stat­tung allein das ganze Volk von Armut und Hun­ger befreien könn­ten. »Wie eine Kröte hockt er auf sei­nem unvor­stell­ba­ren Reich­tum und beu­telt sein Volk, weil er immer noch mehr davon will, mehr, immer mehr!« So hatte sie sich erei­fert und wollte die Schätze gerecht an die Armen und Bedürf­ti­gen ver­tei­len.

Eines der Fens­ter neben dem Bal­kon, von dem aus ich frü­her zu mei­nem Volk gespro­chen habe, ist nur ange­lehnt – klar, hier bin ich ja am frü­hen Mor­gen her­aus­ge­klet­tert. Die Tyran­nen­mör­de­rin ver­ge­wis­sert sich, dass ich direkt hin­ter ihr stehe, öff­net den Fens­ter­flü­gel und steigt hin­ein – eine Frau ganz offen­bar, die nicht viel Umschweife macht, son­dern ihr Ziel direkt angeht. Ich folge ihr.

Der Thron­saal ist leer. Es gibt kei­nen Thron hier und auch kei­nen Saal mit Reich­tü­mern irgend­wel­cher Art. Es ist ein Arbeits­zim­mer mit einem Schreib­tisch und decken­ho­hen Bücher­re­ga­len.

»Dies ist nicht der Thron­saal«, flüs­tert sie. Aber sie sieht meine Krone auf dem Schreib­tisch lie­gen, der mit auf­ge­schla­ge­nen Büchern über­sät ist. Sie tritt heran und wiegt die Krone in ihrer Hand. Einen Augen­blick lang glaube ich, sie wird sie auf den Tisch schla­gen und zer­bre­chen wol­len, doch sie legt sie wie­der zurück und beginnt, in den auf­ge­schla­ge­nen Büchern zu lesen. Nach einer Weile und ganz, als hätte sie meine Anwe­sen­heit ver­ges­sen, setzt sie sich auf den Stuhl, ohne ihre Augen von den Buch­sei­ten zu las­sen.

Es klopft. Sie fährt auf, schaut sich wild nach einem Ver­steck um, eilt zum Fens­ter. Eine Frau­en­stimme hin­ter der Tür fragt: »Ihr Abend­essen, Eure Majes­tät.« Ich ant­worte: »Stel­len Sie es bitte her­ein, wie immer.« Die Tür öff­net sich einen Spalt, und ein Tablett wird her­ein­ge­scho­ben. Die Tür schließt sich wie­der.

Die Tyran­nen­mör­de­rin starrt mich an. »Einen Ver­such war es wert«, sage ich, hole das Tablett, räume Bücher bei­seite und stelle es auf den Schreib­tisch: ein Abend­essen für zwei. Seit meine Frau vor eini­gen Jah­ren durch einen fei­gen Anschlag, der eigent­lich mir gegol­ten hatte, ums Leben kam, lasse ich im Geden­ken an sie immer zwei Mahl­zei­ten zube­rei­ten. Heute ist es Toast Hawaii. Ich binde mir eine der Ser­vi­et­ten um, ziehe mir einen Stuhl heran, der mir sonst dafür dient, an die Bücher hoch oben in den Rega­len her­an­zu­kom­men, und hebe eines der zwei Was­ser­glä­ser zum Ansto­ßen.

Doch irgend­et­was muss mich ver­ra­ten haben: Ich spüre ihren Dolch an mei­ner Kehle. Mit einer blitz­schnel­len Bewe­gung hat sie ihn her­vor­ge­zo­gen und steht jetzt ganz nah hin­ter mir. »Du!«, sagt sie vol­ler Abscheu. Ich ver­zichte dar­auf, zu nicken, weil mir sonst womög­lich ihr Dolch den Adams­ap­fel rit­zen würde.

Ich stelle das Glas wie­der ab und warte. Ihr war­mer Atem streicht über mei­nen Nacken.

»Du könn­test blei­ben«, sage ich schließ­lich, »und mich bera­ten.« Mit einer Geste weise ich auf die Bücher. »Die eigent­li­chen Fra­gen kön­nen die alle nicht beant­wor­ten, weißt du?« Ihr Griff lockert sich, die Klinge ihres Dolchs liegt nicht län­ger auf mei­nem Hals. Lang­sam wende ich mich zu ihr um. Wir sehen uns in die Augen. Sie ver­zieht keine Miene.

»Jeden­falls kein Grund«, sagt sie schließ­lich, »das Abend­essen kalt wer­den zu las­sen.« Sie lässt mich los, steckt den Dolch in ihren Gür­tel und nimmt eines der Was­ser­glä­ser, um damit anzu­sto­ßen. Ihre Augen blit­zen, als sie ver­sucht, mir im Gesicht abzu­le­sen, was sie von mir zu hal­ten hat und ob mir wirk­lich zu trauen ist.

289/398

Sun­dow­ner

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor, aber der scheint nicht mehr zur Ver­nis­sage zu gehö­ren, denn hier hän­gen keine mei­ner See­stü­cke an den Wän­den, son­dern ein­zelne Puz­zle­steine. Sie sind jeweils zwei, drei Hand­flä­chen groß, und es sind Teile von Buch­sta­ben dar­auf. Erge­ben sie ein Wort? Ich gehe den Kor­ri­dor ent­lang und suche nach pas­sen­den Tei­len. Doch obwohl ich ein­zelne Buch­sta­ben oder sogar Sil­ben zusam­men­set­zen kann – ich komme ein­fach nicht auf den Gesamt­zu­sam­men­hang. »Nth? Yri?« Es wurmt mich, dass das Puz­zle in mei­nem Kopf unvoll­stän­dig bleibt. Immer wie­der muss ich der Ver­su­chung wider­ste­hen, die Stü­cke von der Wand zu rei­ßen und sie auf dem Boden des Kor­ri­dors zusam­men­zu­le­gen – nein, die Künst­le­rin oder der Künst­ler wollte offen­bar, dass man das Puz­zle rein in der Vor­stel­lung löst.

Ist mein räum­li­ches Vor­stel­lungs­ver­mö­gen zu schwach? Frauen sagt man das ja nach. Schließ­lich schwirrt mir der Kopf, und ich gehe wie­der zurück.

Die Ver­nis­sage ist vor­über. Meine Gale­ris­tin sieht mich böse an: Wo ich denn bloß die ganze Zeit über gewe­sen sei. Dau­ernd sei nach mir gefragt wor­den! Meine See­stü­cke seien gut ange­kom­men. Ja, da hän­gen sie an den Wän­den, jedes im Licht eines klei­nen Spots. Kein Puz­zle. Alles für sich ste­hende Gemälde. Wel­len, Him­mel, Hori­zont. Die Bil­der sagen mir nichts.

Ich frage nach den Puz­zle­stü­cken, doch die Gale­ris­tin sieht mich ver­ständ­nis­los an. Ich will sie hin­füh­ren, nur ist hin­ter der Tür kein Kor­ri­dor mit einem unlös­ba­ren Puz­zle, son­dern – ihr Büro. Der Raum ist qua­dra­tisch. Ein Schreib­tisch, nackte Wände.

Nachts in mei­nem ein­sa­men Hotel­zim­mer, als ich dem ewi­gen Rau­schen der Metro­pole lau­sche und ange­sichts mei­ner Schlaf­lo­sig­keit mit dem Blei­stift die Schat­ten skiz­ziere, die die Bäume vor dem Fens­ter im Licht der Stra­ßen­be­leuch­tung an die Zim­mer­wand wer­fen, ent­de­cke ich drei Worte auf mei­nem Block: »Lab«, »Yri«, »Nth« habe ich geschrie­ben, ange­ord­net in einem Qua­drat.

Die mitt­lere Spalte ergibt das Wort »Art«, und mich beschleicht das Gefühl, eine wich­tige Ent­de­ckung gemacht zu haben, die mir als Künst­le­rin den künf­ti­gen Weg wei­sen wird. Es ist, als ob nur noch ein win­zi­ges Puz­zle­teil feh­len würde – und die Suche danach könnte zu einer Reise in völ­lig unbe­kannte, unge­ahnte Gefilde für mich wer­den. Noch in der Nacht mache ich mir erste Noti­zen und werfe ich erste Skiz­zen zu Papier …

292/398

Án dan­sari dans

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor, der mich von der Bühne weg zu mei­nem Umklei­de­raum führt. Für den Applaus, der immer noch nicht auf­hö­ren will, hat mich Emile aus der Hyp­nose geholt. Sie nen­nen mich die »Traum­tän­ze­rin«, denn ich tanze im Schlaf, ohne davon zu wis­sen, som­nam­bul und in Trance. Zu die­ser Séance-Dar­bie­tung kom­men die Men­schen in Scha­ren, um zu sehen, wie ich mich in einem dün­nen Kleid­chen aus blass­blauer Seide zu Cho­pin­mu­sik bewege.

Ich bin vor­her immer sehr auf­ge­regt und habe fürch­ter­li­ches Lam­pen­fie­ber, aber dann ver­setzt Emile mich in Hyp­nose, und ich weiß von nichts mehr, bis meine Dar­bie­tung vor­über ist. Es sei sehr schön, was ich tanze, sehr außer­ge­wöhn­lich, und es ist wohl manch­mal – das sehe ich an den Ange­bo­ten, die mir Män­ner zukom­men las­sen – auch ero­tisch. Und das, obwohl ich nie­mals eine Tanz­aus­bil­dung hatte.

Aber wer tanzt da? Ich bin es nicht, denn ich weiß nichts davon. Es heißt, es sei mein Unbe­wuss­tes, und andere sagen, es sei die unver­fälschte Muse Terp­s­ichore, die sich durch mich aus­drückt. Oder ist es der Tanz mei­ner Seele?

Gleich mor­gen früh rei­sen wir ab, um in einer ande­ren Stadt eine Dar­bie­tung zu geben. Albert, unser Impre­sa­rio, lässt uns keine Ruhe. Ursprüng­lich hatte Emile nur die stän­di­gen Kopf­schmer­zen behan­deln sol­len, die mich quäl­ten. Er ver­suchte es mit Hyp­nose und ent­deckte mein Talent. Inzwi­schen sind die Schmer­zen fort, und viel­leicht war ja das, was da in mei­nem Kopf rumorte, ein Elan vital, der den Men­schen mit Gebär­den, Mimik und Aus­drucks­tanz etwas sagen möchte. Ich kann nur instän­dig hof­fen, dass es irgend­wann jemand ver­steht.

 

300/398

Le murm­ure der­nière (in aeterna)

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor. Auch die ande­ren sind jetzt auf dem Weg zum Früh­stück. Einige hal­ten ihren Blick zu Boden gerich­tet und wir­ken in sich gekehrt. Wir ande­ren sehen uns an und nicken uns zu, wäh­rend wir uns schwei­gend auf den Weg durch die alt­ehr­wür­di­gen Gemäuer machen. Obwohl wir die stille Mor­gen­kon­tem­pla­tion schon hin­ter uns haben, ist es noch früh. Von drau­ßen dringt aus dem Klos­ter­gar­ten ein viel­stim­mi­ges Vogel­kon­zert.

Die junge Frau, die anfangs furcht­bar ner­vös gewe­sen ist, wirkt heute gelas­sen. Ein stil­les Strah­len geht von ihr aus. Sie isst ihr Früh­stück lang­sam und bedäch­tig. Plötz­lich hält sie inne, lächelt selig, klappt ein klei­nes Notiz­buch auf und schreibt etwas hin­ein.

Als sie auf­steht, um sich noch etwas Tee vom Buf­fet zu holen, erhebe ich mich eben­falls von mei­nem Platz auf der Bank und werfe im Vor­über­ge­hen einen Blick in das Notiz­buch, das immer noch auf­ge­schla­gen daliegt. Mit Blei­stift hat sie einen Satz hin­ein­ge­schrie­ben und die ein­zel­nen Stri­che der Buch­sta­ben mehr­fach ver­stärkt, wie um eine Fett­schrift anzu­deu­ten: Es gibt nichts zu sagen.

Ich muss lächeln. Tat­säch­lich: Auch die vie­len Dinge, die mir anfangs ein­fie­len und auf der Zunge lagen – nach vier Tagen Schweige-Retreat sind sie wie weg­ge­bla­sen. Ges­tern schien es mir in einem Moment wich­tig und fast unab­ding­bar, der jun­gen Frau zu sagen, wie schön sie ist. Die­ser Gedanke schoss mir mit Macht in den Sinn und schien alles andere ver­drän­gen zu wol­len. Doch mein Wille, das Schwei­gen nicht zu bre­chen, war stär­ker, und bald schon ver­lor der alles beherr­schende Gedanke an Kraft und ver­flüch­tigte sich schließ­lich gänz­lich. Ein kur­zes Lächeln genügt. Es bedarf kei­ner Worte.

Wir machen uns gemein­sam auf den Weg in die Kapelle. Der Mor­gen ist immer dem gre­go­ria­ni­schen Gesang gewid­met. Viel­leicht erlebe ich auch heute etwas Ähn­li­ches wie ges­tern: Ich hatte den Ein­druck, unsere Stim­men lös­ten sich für ein paar Takte von unse­ren Kör­pern, die Klänge schweb­ten fast über­ir­disch schön durch den Kir­chen­raum, und es war, als wären es nicht mehr wir, die da san­gen. Eine beglü­ckende Erfah­rung, jen­seits aller Worte. Wir alle spür­ten es, ohne dass es jemand aus­spre­chen musste.

Die Gedan­ken blei­ben, das innere Plap­pern und Kom­men­tie­ren – auch all die Kom­men­tare dazu, was mit mir im Laufe die­ser sie­ben Tage geschieht. Sätze wie »Es gibt nichts zu sagen« sind immer noch Worte – und sie wer­den immer noch von einer inne­ren Stimme gespro­chen. Ob auch die noch schwei­gen wird?

Diese Frage könnte ich am Abend dem Mönch mit dem silb­ri­gen Bart, dem Lei­ter die­ser Exer­zi­tien, stel­len. Anfangs hat er uns erklärt, dass er – nach der stil­len Arbeits­me­di­ta­tion im Klos­ter­gar­ten, die uns hand­schrift­lich auf klei­nen Kar­tei­kar­ten zuge­teilt wird – in sei­ner Zelle zur Ver­fü­gung steht, falls uns etwas beschäf­ti­gen oder quä­len sollte.

Oder gibt es auch nichts zu fra­gen? Ich glaube näm­lich, dass er mir auf meine Frage nach der Gedan­ken­stimme hin nur kurz in die Augen schauen wird: ein kur­zes, wis­sen­des Lächeln genügt.

304/398

Ball­park Sci­ence

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor im Namen der Wis­sen­schaft – als Blau‑8, also als jemand von der Teil­neh­mer­gruppe mit blauen Arm­bin­den. Meine trägt die Num­mer acht.

Die For­scher, die die Unter­su­chung durch­füh­ren, haben eine Fabrik­halle gemie­tet, durch die sich ein Kor­ri­dor schlän­gelt, der für jeden ein­zel­nen Durch­gang der Unter­su­chung ver­än­dert wird. An bei­den Enden des Kor­ri­dors: eine Art Auf­ent­halts­be­reich. Da ste­hen ein paar Stühle, zu Mit­tag soll hier ein klei­nes Buf­fet für uns auf­ge­baut wer­den, und an einer Seite kann man durch eine Stahl­tür ins Freie tre­ten und eine rau­chen, wäh­rend umge­baut wird und wir alle auf unse­ren nächs­ten Auf­tritt war­ten. Oder Ein­tritt, wenn man das so sehen möchte.

Jeder von uns hat ein Handy – Teil­nah­me­vor­aus­set­zung. Als ich die Aus­schrei­bung für die Unter­su­chung las, war ich ein wenig dar­über ver­wun­dert, aber inzwi­schen macht es Sinn für mich: Wir bekom­men indi­vi­du­elle Anwei­sun­gen per SMS.

Aktu­ell heißt es für mich: »Sie wol­len mög­lichst schnell Zim­mer Nr. 6007 fin­den, klop­fen dort an und war­ten davor.« Ein Count­down-Bal­ken über dem Durch­gang zum Kor­ri­dor berei­tet uns Pro­ban­den auf den Ein­satz vor. Der Bild­schirm blitzt auf, es ist soweit. Ich betrete den Kor­ri­dor, der die Fabrik­halle durch­zieht, und suche nach Zim­mer Nr. 6007. Aber nicht nur das. Ich halte auch nach Orange-17 Aus­schau, einer jun­gen Frau aus dem ande­ren Team, die alle oran­ge­far­bene Arm­bin­den tra­gen und uns bei jedem Durch­gang irgend­wann ent­ge­gen­kom­men.

Ver­schie­dene Licht­schran­ken mes­sen unse­ren »Durch­satz«, Kame­ras ver­fol­gen unsere Bewe­gun­gen durch den Kor­ri­dor aus der Vogel­per­spek­tive: All dies dient der Wis­sen­schaft vom Kor­ri­dor. Von Zugän­gen zum U‑Bahnhof bis zum Flur vor dem Spei­se­saal eines Hotel­kom­ple­xes – Staus, Bal­lun­gen und Zusam­men­stöße sol­len ver­mie­den, ein mög­lichst effek­ti­ver Durch­fluss soll gewähr­leis­tet wer­den. Zumin­dest nehme ich das an. Die letzte Unter­su­chung, an dem einige der hier betei­lig­ten For­scher und For­sche­rin­nen mit­ge­schrie­ben haben, hieß: »Expe­ri­men­tal study of pede­strian coun­ter­flow in a cor­ri­dor«.

Dies­mal knickt der Kor­ri­dor mehr­fach ab. Men­schen eilen oder schlen­dern in meine Rich­tung, einige kom­men mir ent­ge­gen. Orange-17 ist nicht dabei. Wie immer gibt es einige Blind­tü­ren im Kor­ri­dor. Sie sind num­me­riert. Eben bin ich an Nr. 6005 vor­bei­ge­kom­men. Jetzt ist auf mei­ner Lin­ken die 6009. Habe ich die 6007 ver­passt? Wie pein­lich. Ich drehe um, womit ich mir von den mir fol­gen­den Kor­ri­do­ris­ten einige ärger­li­che Bli­cke ein­handle. Mit einem von ihnen voll­führe ich unab­sicht­lich die­ses tän­ze­ri­sche Hin und Her, das man manch­mal auf Bür­ger­stei­gen beob­ach­ten kann, wenn zwei anein­an­der vor­bei­wol­len und jeweils zur sel­ben Seite aus­wei­chen.

So ein Mist: Ich finde die 6007 nicht! Ein kur­zer Hup­ton schallt durch die Halle. Ende des Durch­gangs. Kurz über­lege ich, ob ich nicht wie­der zurück­ge­hen soll. Eigent­lich lau­tet die Anwei­sung an uns: für die nächste Umbau­pause immer auf die gegen­über­lie­gende Seite! Würde ich zurück­ge­hen, wäre ich da, wo auch Orange-17 jetzt Pause macht. Aller­dings wäre ich mit mei­ner blauen Arm­binde der ein­zige unter lau­ter Leu­ten mit oran­ge­far­be­nen Bin­den. Das würde auf­fal­len, und ver­mut­lich würde mich einer der For­scher, die sich teils unter uns, teils in einem erhöh­ten Glas­kas­ten mit Blick auf die Gesamt­si­tua­tion auf­hal­ten, zu mei­ner Gruppe schi­cken. Also vor­wärts. So kann ich noch mal nach Nr. 6007 Aus­schau hal­ten. Aber ich finde die Tür nicht. Erst an der Theke mit Tee und Kaf­fee im Auf­ent­halts­raum wird mir klar, dass das ver­mut­lich Prin­zip gewe­sen ist: Ich sollte eine Tür suchen, die es gar nicht gibt. Na toll. Was tut man nicht alles für die Wis­sen­schaft!

Wir Kor­ri­do­ris­ten – diese Bezeich­nung hat sich gleich zu Beginn unter uns durch­ge­setzt – sind eine bunte Truppe unter­schied­li­chen Alters und stel­len ver­mut­lich einen guten Bevöl­ke­rungs­durch­schnitt dar. Sogar zwei Roll­stuhl­fah­rer sind mit dabei. Natür­lich kom­men wir in den Pau­sen mit­ein­an­der ins Gespräch. Wer bist du denn, wo kommst du her, was machst du sonst, wie hast du von der Sache hier erfah­ren? Ich halte mich abseits. Das alles würde ich gerne von Orange-17 erfah­ren. Aber die gehört nun mal zu der ande­ren Truppe.

Kann ich ihr hier eine Nach­richt hin­ter­las­sen? Wie sollte die aus­se­hen? Ein Zet­tel an einer der Ther­mos­kan­nen: »Blau‑8 möchte gerne Orange-17 ken­nen­ler­nen. Sprich mich im Kor­ri­dor an, wenn du mich auch inter­es­sant fin­dest!« Das wür­den dann natür­lich alle lesen, und es käme im Kor­ri­dor garan­tiert zu neu­gie­ri­gen Bli­cken oder gar Bal­lun­gen um uns beide herum: Für viele wäre diese Ange­le­gen­heit wohl weit inter­es­san­ter als die Auf­ga­ben, die uns hier so zuge­simst wer­den.

»Sie wol­len mög­lichst schnell ans andere Ende des Kor­ri­dors – ohne zu ren­nen«, heißt es meist. Oder: »Sie schlen­dern, blei­ben vor den Bil­dern ste­hen, haben Zeit tot­zu­schla­gen, bis Sie das andere Ende des Kor­ri­dors errei­chen.« Oder: »Sie suchen nach einem WC und tre­ten dort ein. Falls besetzt, war­ten Sie vor der Tür.«

Der Umbau des Kor­ri­dors macht dies­mal ziem­li­chen Lärm. Tech­ni­ker sind mit den Schie­nen­krä­nen an der Hal­len­de­cke und Gabel­stap­lern dabei, die ein­zel­nen Wand­teile zu einer neuen Kom­bi­na­tion zusam­men­zu­set­zen.

Mein Handy wie­hert. Eine SMS mit der neuen Auf­gabe: »Sie sind im Kor­ri­dor auf der Suche nach Orange‑4. Sobald Sie die Per­son gefun­den haben, bezich­ti­gen Sie sie, Ihnen eine Schrott­im­mo­bi­lie ver­kauft zu haben, und ver­lan­gen eine Ent­schä­di­gung.« Mist. Orange‑4 – und nicht Orange-17 mit ihren bezau­bern­den brau­nen Locken.

Dies­mal jedoch sehe ich sie im Kor­ri­dor. Sie kommt mir ent­ge­gen, erwi­dert mei­nen Blick und lächelt, und ich glaube sogar, sie zuckt bedau­ernd die Ach­seln, wie um zu signa­li­sie­ren, wir kön­nen und dür­fen uns nicht mit­ein­an­der unter­hal­ten. Ich kann mich daran nicht lange erfreuen, denn kurz hin­ter ihr ent­de­cke ich Orange‑4. Er will sich offen­bar auf keine Dis­kus­sion ein­las­sen und flüch­tet zwi­schen die ande­ren Kor­ri­do­ris­ten. Ich mache mich an die Ver­fol­gung, aber schon kurz danach ertönt die Hupe. Wir gehen nickend anein­an­der vor­bei, jeder auf dem Weg zu sei­nem Auf­ent­halts­raum.

Meine Chance kommt, als ich bei einem Sei­ten­blick auf das Klemm­brett eines der For­scher eine Liste mit Tele­fon­num­mern ent­de­cke. In einem unbe­dach­ten Moment iden­ti­fi­ziere ich die von Orange-17. Per­fekt! Ich ver­schi­cke eine SMS: »Zusatz­auf­gabe: Sie tref­fen Blau‑8, den Sie sehr attrak­tiv fin­den, und fra­gen ihn, ob er nach der Unter­su­chung noch Zeit hat, um mit Ihnen etwas trin­ken zu gehen.«

Natür­lich hat sie mei­nen Trick durch­schaut. Der Kor­ri­dor ist hier ver­engt, aber sie fragt mich trotz­dem, obwohl sie sich sehr zurück­hal­ten muss, um nicht in lau­tes Lachen aus­zu­bre­chen. Der Stau, der sich zu bei­den Sei­ten von uns bil­det, ist uns egal. Ich nehme ihr freund­li­ches Ange­bot gerne an: Klar habe ich anschlie­ßend Zeit, um mit ihr bei einem Cai­pi­rinha über Kor­ri­dore zu reden oder wor­über auch immer sie sich gerne mit mir unter­hal­ten möchte.

Die Arm­bin­den dür­fen wir behal­ten, und wir legen sie nicht wie alle ande­ren ab, son­dern tra­gen sie noch im Restau­rant und wei­ter bis tief in die Nacht. Blau‑8 und Orange-17. Kor­ri­dore sind was Tol­les!