246/398
Locus factum enigma opus
Ich betrete den Korridor zwischen Schlafzimmer und Bad und habe damit schon den ersten Punkt meines heutigen K‑Tags erfüllt. Vier Aufgaben sind es, die ich mir täglich stelle: • ein Ort, • ein Tun, • ein Rätsel und • ein Werk.
Gestern hatte ich es nicht so leicht. Mir wollte erst kein erreichbarer Ort mit J einfallen. Dann hatte ich aber doch eine Eingebung, als ich Eiern und Kartoffeln beim Biobauern kaufte. Ich fragte ihn, ob er eine Jauchegrube hat und manchmal hineinsteigen muss. Er sah mich schräg an und nickte. Indem ich dann freiwillig seine Ganzkörpergummistiefel anzog und mit einer Mistgabel bewaffnet versuchte, den Ausfluss des Beckens freizubekommen, hatte ich eigentlich gleichzeitig den gestrigen Punkt 3, das Rätsel, erfüllt. Denn mein Bauer wird sich wohl fortan den Lebtag lang fragen, was einen seiner Kunden dazu bewogen haben mag, freiwillig in die Exkremente seiner Kühe und Schweine zu steigen.
Trotzdem habe ich der Welt dann noch ein dezidiertes Rätsel mit J hinterlassen: Ich zerschnitt alte Jutetaschen und nähte sie zu simplen Socken um, knapp fünfzig Stück, die ich, heimlich natürlich, über die Enden des Jägerzauns stülpte, der den Wertstoffhof im Nachbardorf einfasst. Das sieht niedlich aus, und die Aktion hat, hoffe ich, zu erstauntem Kopfschütteln geführt, auch wenn sie es vermutlich nicht ein weiteres Mal in unser örtliches Käseblättchen geschafft hat.
Nachdem ich mir abends dann noch das Jonglieren mit drei Bällen beigebracht hatte – mehr schlecht als recht, muss ich zu meiner Schande gestehen –, guckte ich dann noch Jumanji. Zwar kein Film aus der Bestenliste der Internet Movie Database, die ich meiner Auswahl normalerweise zugrunde lege, aber der Jäger des verlorenen Schatzes war gerade ausgeliehen, und von einer Johanna von Orléans aus dem Jahr 1928 hatten sie in meiner Videothek noch nie gehört.
Neuer Tag, neues Glück, ein neuer Buchstabe. Mit dem K fing ich noch vor dem morgendlichen Korridor mit einer nächtlichen Aktion zur Geisterstunde an. Ich hab mich schwarz eingekleidet, zwei Schnüre an die beiden Enden eines Brettes gebunden und an deren Enden die Handgriffe eines Springseils befestigt. Damit bin ich dann raus auf eins der Weizenfelder unseres Biobauern. Ohne unnötige Spuren zu hinterlassen hab ich mich bis in die ungefähre Mitte durchgeschlagen und dort angefangen, einen Kornkreis anzulegen. Die Form hatte ich vorher mit Zirkel und Lineal zu Papier gebracht. Fraktale Geometrie traute ich mir als Anfänger nicht zu, und weil es ja ein Rätsel mit K werden sollte, entschied ich mich für ein zwanzig Meter langes Keltenkreuz. Eine schweißtreibende Arbeit, wie sich herausstellte, und im Ergebnis vermutlich ziemlich krumm und schief. Mal sehen, was das Käseblättchen schreibt. Vielleicht wird ja von irgendwem ein Luftbild geschossen. Die überdimensionale rote Clownsnase vor anderthalb Wochen, die ich nachts um den Kirchturm gebunden hatte, brachte es jedenfalls auf die Titelseite und zu einer Flut von erbosten Leserbriefen.
Dann morgens, hundemüde von der anstrengenden Nacht, der Korridor zum Bad. Eigentlich sollen es ja neue Erfahrungen und Orte sein. Aber ich finde, mit der Jauchegrube von gestern habe ich etwas gut. In der Mittagspause im Büro betrachte ich auf meinem Monitor eingehend die »Kreidefelsen von Rügen« von Caspar David Friedrich. Ich hatte mir schon gedacht, dass ich das Werk irgendwo im Internet in hoher Auflösung finde. Lange denke ich, indem ich mir Löffel um Löffel Kartoffelpüree aus der Kantine im Munde zergehen lasse, darüber nach, was der alte Mann im blauen Gehrock auf Händen und Knien am Boden zu suchen hat. Ist er umgefallen? Dafür würde der achtlos fortgerollte Hut sprechen, den schon ein leichter Windstoß in den Abgrund wehen könnte. Versucht der Alte vielleicht vorsichtig, über den Grat in die Tiefe zu schauen, dem Fingerzeig der jungen Dame im roten Kleid folgend? Oder ist er Botaniker und hat ein seltenes Gras entdeckt, woraufhin er seinen Stock niederlegte, seinen Hut verlor und sofort ein Exemplar pflücken musste?
Auf der Fahrt nach Hause gehe ich den Tag noch einmal durch. • Rätsel: Kornkreis; • Ort: Korridor; • Kunstwerk: Kreidefelsen. War vielleicht auch schon eine • Tätigkeit mit K dabei? Kopieren? Hm. Die Konferenzschaltung mit Reykjavík? Hm. Kratzen am Hinterkopf? Nein, ich habe nichts Neues gemacht. Dann kommt mir aber doch noch ein rettender Einfall. Wenn mir schon die Szene an den Kreidefelsen Rätsel aufgegeben hat, warum nicht vor dem Zubettgehen noch ein wenig weiterrätseln. Obwohl ich die Tageszeitung jetzt schon lange abonniert habe: Noch nie habe ich das Kreuzworträtsel im beiliegenden Freitagsmagazin gelöst. Es soll sehr knifflig sein, und man muss angeblich gehörig um die Ecke denken.
»Brosame ist dem Biobauern alles« in fünf Buchstaben. Es muss mit K anfangen, denn den »Kolbenfresser« quer hab ich schon, auch wenn ich mir anhand der Umschreibung »Tierischer Maisräuber? Motorisierter GAU« erst einmal rein gar nichts vorstellen konnte, bis dann endlich der Groschen fiel.
Der »Kolbenfresser« jedoch war anscheinend nur ein Glückstreffer. Mir will einfach nichts mehr einfallen. Ich gebe auf, aber noch beim Einschlafen rotiert es durch meinen Kopf. Gibt’s »Brosame« überhaupt in der Einzahl? Doch genauso wenig wie »Almose«, oder? Hm. Hier findet der dörfliche Rätselmacher – ich sage nur: die Clownsnase! – offenbar seinen Meister. Ich beschließe, beim nächsten Eierkauf den Biobauern selbst zu fragen, was ihm »alles« ist. Einen Ruf habe ich bei dem seit gestern ja nicht mehr zu verlieren.
Morgen ist Wochenende, und ich werde nach dieser anstrengenden Woche erst einmal ausschlafen. Montag geht es dann weiter mit L.

