Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: klassisch

200/398

The Wee Small Voices

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Ich betrete den Kor­ri­dor, und wie erhofft umgibt mich Stille. Dies ist der ein­zige Ort der Anstalt, in dem die Stim­men in mei­nem Kopf schwei­gen. Sie fan­gen immer ganz fürch­ter­lich an zu krei­schen, wenn ich mich auf den Weg hier­her mache. »Tu’s nicht!« – »Loser­lo­ser­lo­ser­lo­ser.« – »Willst du uns alle umbrin­gen? Sehen­den Auges in dein Ver­der­ben ren­nen?!« – »Nein­nein­nein­nein­NEIN!« – »Was willst du eigent­lich bewei­sen, hä?« – »Och, bitte nicht, hab doch ein Ein­se­hen, du weißt ja gar nicht, was du da tust!« – »Die Leute den­ken, Früh­stück sei ein­fach!« – »Jetzt lauf doch nicht weg, war doch gerade so kusche­lig.« – »Ja, geh nur. Geh nur! Aus dem direk­ten Son­nen­licht raus … Du wirst schon sehen! Du wirst ganz schreck­lich ein­sam sein und über kurz oder lang wahn­sin­nig wer­den! Wahn­sin­nig, hörst du? Wahn­sin­nig!« – »Du bist böse, böse­böse, du bist böse­böse­böse­böse!«

Jetzt ist es still in mei­nem Kopf. Kein Kin­der­ge­schrei, keine flüs­tern­den Grei­sin­nen, kein Ein­peit­scher mit schnar­ren­dem Befehls­ton, keine ohren­be­täu­ben­den Non­sens-Kolo­ra­tu­ren von der Sopra­nis­tin, keine drei Naa erseh­nen eine Lie­bes­nacht mit mir, kein mis­an­thro­pi­scher Rabu­list beschwatzt mich mit sei­ner teuf­li­schen, erbar­mungs­lo­sen Logik …

Es ist still.

Nicht das lei­seste Flüs­tern.

Stille.

Fast ein wenig unheim­lich.

Mir wird ganz komisch dabei. Schnell gehe ich wie­der zurück ins Fern­seh­zim­mer.

 

205/398

Nessuna ombra

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es ist früh am Mor­gen. Ich baue mein Sta­tiv auf und setze die 360-Grad-Kamera dar­auf. Allzu viel Zeit habe ich nicht, denn gleich wer­den die ers­ten Tou­ris­ten in den Vasa­ria­ni­schen Kor­ri­dor strö­men. Doch ich benö­tige eine Auf­nahme ohne Men­schen – und auch mich selbst werde ich, genau wie den Schat­ten des Sta­tivs, spä­ter aus mei­nem Rundum-Foto ent­fer­nen. Eine simple Retu­sche. Was bleibt, ist eine gesto­chen scharfe Auf­nahme des Vasari-Kor­ri­dors mit sei­ner ein­zig­ar­ti­gen Gemäl­de­samm­lung von Selbst­por­träts, in der Sie sich rund­herum alles in Ruhe anse­hen kön­nen. Auch oben an der Decke mit den run­den Lam­pen oder mit Blick unter den Kame­ra­stand­punkt auf die präch­ti­gen Flie­sen des Kor­ri­dors wer­den Sie kei­nen Hin­weis auf den Foto­gra­fen ent­de­cken: Ich werde ver­schwun­den sein, ohne die geringste Spur zu hin­ter­las­sen.

 

212/398

Tré í draumi

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der mich von mei­nen Pri­vat­ge­mä­chern im E‑Gig-Par zu den Gewöl­ben mit mei­ner klei­nen Samm­lung anti­ker Arte­fakte führt. Seit ich Hohe­pries­te­rin und Gat­tin des Nanna und damit Zirru und Dam unse­res Mond­got­tes bin, finde ich nur noch sel­ten die Zeit, hier­her­zu­kom­men zu den Fund­stü­cken aus unse­rer viel­jäh­ri­gen Geschichte, die mir die Kraft geben, meine Auf­ga­ben zu erfül­len und den Göt­tern und dem Volk zu Diens­ten zu sein.

Mein Vater, der König von Baby­lo­nien, ließ viele der alten Bau­ten wie­der­errich­ten und dabei in den Rui­nen nach den alten Grün­dungs­stei­nen suchen. Dabei fand sich in Sand und Erde vie­les, das unsere Vor­fah­ren über­dau­ert hat. Die­sen Hin­ter­las­sen­schaf­ten weihte ich die­ses Gewölbe, das ich Tem­menu nannte, denn es ist ein Hei­li­ger Ort, an dem ich den Geist unse­rer Ahnen spü­ren kann. Hier, ein Teil einer Sta­tue, die König Shulgi zeigt. Oder die­ser Kudurru hier, ein Grenz­stein, den eine Schlange ziert. Und eine Ton­ta­fel aus der Zeit, als in Larsa noch eigene Könige herrsch­ten …

Seit vie­len Jah­ren schon war mein Vater nicht mehr hier. Ein Traum­ge­sicht brachte ihn dazu, die Stadt zu ver­las­sen und in die Wüste zu zie­hen. Ihm träumte von einem gewal­ti­gen Baum, auf des­sen Ästen ganze Län­de­reien Platz hat­ten – und dass er ihn fäl­len solle. Die­ser Baum sei er, König Nabo­naid, selbst, und auf den Ästen befinde sich sein Reich, erklärte ihm ein Traum­deu­ter, und die Weis­heit des Trau­mes rate ihm, fort­zu­ge­hen und sie­ben Jahre lang unter wil­den Tie­ren zu leben.

Es wird Abend, und ich muss mich auf den Weg zur Blauen Kam­mer auf dem Zik­ku­rat machen, das mein Vater auf den stau­bi­gen Rui­nen des alten Ete­men­ni­gur errich­ten ließ, damit dort oben die Hohe­pries­te­rin ihren Dienst wie­der­auf­neh­men kann – ich, von den Wahr­sa­gern des Hofes zur Gat­tin des Nanna erko­ren, En-nigaldi-Nanna, Toch­ter des gro­ßen Nabo­naid, den ein Traum fort­führte aus der Stadt seine Ahnen.

Wirst du je zurück­keh­ren? Ich ver­misse dich, Vater. Deine Toch­ter ruft nach dir.

 

218/398

Accor­ding to a Lost Book

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Ich betrete den Kor­ri­dor in den Fuß­stap­fen von Isi­do­ros, dem Phi­lo­so­phen.

In den Archi­ven des Vati­kans, zu denen ich nach jah­re­lan­gem büro­kra­ti­schen Hick­hack Zutritt bekom­men hatte, um dort für meine For­schun­gen über Bilo­ka­tion recher­chie­ren zu kön­nen, stieß ich auf einen unbe­kann­ten Text des neu­pla­to­ni­schen Meta­phy­si­kers Isi­dor. Seine Ideen brachte er in Form von Hym­nen, die er »Kor­ri­dore«, dia­dro­moi, nannte, zu Papier.

Ich habe den Text, ein mit­tel­al­ter­li­ches Palim­psest, aus dem Archiv her­aus­ge­schmug­gelt, ursprüng­lich mit der Absicht, eine kom­men­tierte Über­set­zung anzu­fer­ti­gen. Sie hätte mich, dachte ich, berühmt gemacht und viel­leicht auch ein wenig aus mei­nen noto­ri­schen Schul­den her­aus­ge­holt. Doch habe ich mich in Isi­dors ver­schlun­ge­nen Kor­ri­do­ren heil­los ver­irrt und ange­fan­gen, statt einer ernst­zu­neh­men­den Über­set­zung kurze Nach­dich­tun­gen der Hym­nen zu ver­fas­sen, Umschrei­bun­gen und unver­hoh­lene Epi­go­nis­men, die dann schnell ein sehr selt­sa­mes Eigen­le­ben ent­wi­ckel­ten.

Ich muss damit auf­hö­ren!

Heute in aller Frühe erwachte ich und hatte den Nach­klang eines Lime­ricks im Ohr. Ja, auch Lime­ricks zäh­len zu mei­nen para­phra­sier­ten Neu­ge­stal­tun­gen von Isi­dors weg­wei­sen­den Dia­dro­moi. Das wis­sen­schaft­li­che Estab­lish­ment würde mich dafür stei­ni­gen. Ach was, mich mit einem Ig-Nobel­preis ver­höh­nen und aus­la­chen wür­den sie mich.

Also mach ich jetzt Schluss damit! Ich werde diese ver­ma­le­deite Abschrift ins vati­ka­ni­sche Archiv zurück­schmug­geln, all meine Auf­zeich­nun­gen ver­nich­ten und mich wie­der an meine ursprüng­lich beab­sich­tigte Unter­su­chung der Bilo­ka­tion bege­ben, bei der mich der Geist von Isi­dor hof­fent­lich nicht län­ger heim­su­chen wird.

 

221/398

The Bridge of Aaro­nii

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Ich betrete den Kor­ri­dor als Ers­ter. Die Besu­cher fol­gen. Wir sind wie­der da ange­langt, wo ich mit der Füh­rung begon­nen habe, und hier schließe ich sie tra­di­tio­nel­ler­weise auch wie­der ab. Ich warte, bis alle bei­sam­men­ste­hen.

»Mit irgend­ei­nem Kor­ri­dor musste es ja anfan­gen. Und auch, wenn hier keine Gedenk­pla­kette oder so etwas ange­bracht ist: Dies ist der Kor­ri­dor. Der, der die ursprüng­li­che Inspi­ra­tion war und letzt­lich für alles ver­ant­wort­lich ist.«

Die Besu­cher bli­cken sich um. Ich sehe auch ent­täuschte Gesich­ter. Einer fragt: »Was ist so beson­ders an die­sem Kor­ri­dor?«

»Nichts.« Ein leich­tes Grin­sen kann ich mir nicht ver­knei­fen. Diese Frage kommt, in der einen oder ande­ren Form, an die­ser Stelle immer. »Es hätte jeder Kor­ri­dor sein kön­nen. Es ging nur darum, dass sich ein Weg ver­zweigt. Dass es meh­rere Mög­lich­kei­ten gibt, wei­ter­zu­ge­hen.«

»Wegen der Par­al­lel­wel­ten?«, fragt ein paus­bä­cki­ger Junge, dem sein Vater dar­auf­hin gleich schüt­zend die Hand auf die Schul­ter legt.

Ich nicke.

»Aber gibt es die denn wirk­lich?«, fragt der Junge wei­ter. Ich glaube zu bemer­ken, dass der Vater ihm in die Schul­ter drückt, wie um zu signa­li­sie­ren, dass er sich ja nicht zu weit vor­wa­gen soll.

»Klar«, ant­worte ich. »Hin­ter den Türen. Doch sie sind nicht Teil der Füh­rung, die dann hier zu Ende ist.« Die Türen wer­den jetzt von allen mit erneu­tem Inter­esse betrach­tet. Links die Her­ren- und die Damen­toi­lette. Rechts zwei Türen mit der Auf­schrift »pri­vat«. Es hat bis­her noch nie jemand gewagt, eine von ihnen zu öff­nen. Dazu sind sie alle viel zu brav.

»Der Aus­gang«, sage ich, »ist hin­ten, am Ende des Kor­ri­dors. Ich hoffe, ich konnte Ihnen ein wenig die Augen öff­nen. Vie­len Dank jeden­falls für Ihre Auf­merk­sam­keit.«

Hin und wie­der klat­schen die Besu­cher an die­ser Stelle kurz. Dies­mal tre­ten nur einige von ihnen, auch der Vater des vor­wit­zi­gen Jun­gen, zu mir, schüt­teln mir mit einem Dan­ke­schön die Hand oder drü­cken ein klei­nes Trink­geld hin­ein.

»Emp­feh­len Sie uns wei­ter, wenn es Ihnen gefal­len hat«, rufe ich der klei­nen Gruppe hin­ter­her. Dann wende ich mich um. Ein paar Schritte hin­ter mir ist die kleine Theke, wo man bei Katja Taschen und Män­tel hin­ter­le­gen kann und einen klei­nen Falt­plan erhält.

»Wir soll­ten Post­kar­ten ver­kau­fen«, sagt sie, »manch­mal habe ich das Gefühl, die Leute wol­len auch gerne was mit nach Hause neh­men.«

»Und was sollte da drauf sein, auf den Post­kar­ten?«

»Na, Zitate, kleine Sinn­sprü­che und so. Und unser Logo natür­lich. Das wäre dann auch ein biss­chen Wer­bung für uns.«

»Ich weiß nicht«, sage ich, »ich denk drü­ber nach.«

Sie nickt lächelnd, und ihre Augen blit­zen. Schön, wie sie sich immer wie­der für uns ein­setzt.

»Ich glaube, das war’s für heute. Du kannst nach Hause gehen. Ich mach dann noch über­all das Licht aus.«

Das lässt sie sich nicht zwei­mal sagen. Schon hat sie ihre Tasche in der Hand und hebt die Hand zum Abschied: »Bis mor­gen, Chef.«

Hin­ter ihr schließe ich ab. Einer der Besu­cher hat sei­nen Falt­plan acht­los in die Ecke gewor­fen. Er ist zu zer­knit­tert, um ihn noch ein­mal ver­wen­den zu kön­nen. Eine Ecke ist abge­ris­sen; viel­leicht, um dar­auf etwas zu notie­ren. Damit ist der Name um ein »…se« ver­stüm­melt. »Museum für Erkennt­nis« steht jetzt da. Im Sin­gu­lar macht sich das auch ganz gut. Aber ich hätte mich nie getraut, es so zu nen­nen.

231/398

Saba­di­bix

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Ich betrete den Kor­ri­dor auf dem Weg in mein Büro, auch hier dar­auf bedacht, mög­lichst wenig Spu­ren zu hin­ter­las­sen: Ich schließe die Ein­gangs­tür, wenn sie vor­her geschlos­sen war, oder ver­schaffe ihr wie­der den Win­kel, den sie vor mei­nem Ein­tre­ten hatte. Ich achte auf sau­bere Schuh­soh­len, die kei­nen Dreck hin­ter­las­sen auf den Fuß­mat­ten, wel­che ich um kei­nen Deut ver­rü­cke, und ich schleich alle­weil mucks­maus­erl­still drü­ber.

Sollte ich einem der Dampf­plau­de­rer aus dem Amts­haus begeg­nen, so nuschel ich nur das Aller­not­wen­digste, mit gesenk­tem Kopf, um dann mög­lichst schnell hin­ter mei­ner Tür zu ver­schwin­den.

Dan­kens­wer­ter­weise habe ich gleich nach der Matura eine Stelle als Akzes­sist im Wie­ner Bun­des­denk­mal­amt bekom­men und konnte mich da der Bewah­rung von Din­gen und Zustän­den wid­men, inzwi­schen in Defi­ni­tiv­stel­lung bei die­ser wun­der­ba­ren und ehr­wür­di­gen Insti­tu­tion, der ich meine beschei­de­nen Dienste gern zur Ver­fü­gung stelle.

Auch in mei­nem Büro ver­meide ich jedes Gepräge, das auf mich zurück­geht: Nichts Per­sön­li­ches steht auf mei­nem Schreib­tisch, ich habe keine Bil­der auf­ge­hängt und keine Kraut­stau­den auf­ge­stellt. Schon lange bevor der Aus­druck »öko­lo­gi­scher Fuß­ab­druck« modisch wurde, habe ich alles getan, um über­haupt kei­nen Fuß­tap­per in der Welt zu hin­ter­las­sen. Mit mei­nem not­wen­di­gen Kon­sum für Gewand und Nah­rungs­mit­tel beschränke ich mich auf Dinge, die in gro­ßen Men­gen her­ge­stellt wer­den, so dass mein Anteil daran mög­lichst wenig ins Gewicht fällt.

Hier im Amt sind in den vie­len Jah­ren wohl viele Beför­de­rungs­mög­lich­kei­ten und Bien­nal­sprünge an mir vor­über­ge­gan­gen, weil ich mich immer mög­lichst unauf­fäl­lig ver­hal­ten habe. Es macht mich stolz, dass, ver­schwände ich eines Tages spur­los, wohl nie­mand auf die Idee käme, eine Abgän­gig­keits­an­zeige auf­zu­ge­ben.

Manch­mal – und das sind über­aus selige Momen­terl – ver­schwinde ich vor mir selbst. Ich fühle keine Anwe­sen­heit mehr und ent­de­cke erst hin­ten­nach, wie viel Zeit wäh­rend mei­ner Absenz ver­gan­gen ist.

Selt­sa­mer­weise scheint sonst nie­mand so wie ich zu den­ken. Alle Leut pudeln sich heuer furcht­bar auf und wol­len alle dam­lang Ein­fluss neh­men. Viele wol­len sogar aus­drück­lich etwas bewe­gen. Das ist mir fremd.

Dann die­ser Schmet­ter­ling. Was macht die­ser Schmet­ter­ling in mei­nem Büro? Wie kommt er hier her­ein, wo ich doch das Fens­ter nie öffne? Er ist weiß und flat­tert vor die Scheibe, dreht dann eine pat­scherte Runde durch die kleine, schmuck­lose Kam­mer. Hin­aus kann er nicht, denn die Tür war geschlos­sen, als ich sie vor­fand, und so halte ich es seit­dem.

»Wie ein Schmet­ter­ling«, flüs­tert sie und legt den Fin­ger auf die Lip­pen, »sei leise wie ein Schmet­ter­ling.« Sie ist schon lange tot, meine Mut­ter, genau wie mein Vater, der »Herr Dok­tor« in Weiß, der nie gestört wer­den durfte, sei es durch die Fra­gen sei­nes her­an­wach­sen­den Soh­nes, sei es durch Radau und ein­fach nur Unruhe. Und kam er aus der Apo­theke nach oben, so war es oft Mut­ter, die Migräne hatte, und keins der Pul­verl des Vaters half, und ich musste wie­der unsicht­bar sein und kei­nen Mucks von mir geben. Das ist vor­bei. Sie sind dahin. Oh, und sie haben Spu­ren hin­ter­las­sen: mich. Ich würde nie ein Kind in die Welt set­zen. Allein schon die Wir­kung, die ich auf die­sen ande­ren Men­schen, diese Frau, aus­üben würde, und sie auf mich. Spu­ren. Wun­den und Nar­ben womög­lich. Nicht aus­zu­den­ken.

Die­ser Schmet­ter­ling irri­tiert mich. Er fin­det kei­nen Aus­gang. Dies ist kein Ort für ihn. Er wird ver­durs­ten und ver­hun­gern, liegt auf dem Fens­ter­brett, ver­gilbt und ver­staubt. So sieht es die Natur vor. Ich mische mich da nicht ein, son­dern halte mich fein zurück. Andere mögen sich mit der Natur und dem Lauf der Dinge anle­gen wol­len. Nicht so ich, der ich tun­lichst ver­meide, irgend­wel­che Spu­ren zu hin­ter­las­sen, an denen abzu­le­sen wäre, dass es mich je gege­ben hat.

Ich könnte sein Lei­den abkür­zen. Ihn in der hoh­len Hand fan­gen und dann kurz eine Faust bal­len. Aber so ist es nicht vor­ge­se­hen. Er flat­tert um mich herum. Kann er nicht so wie­der hin­aus, wie er hier her­ein­ge­kom­men ist?

Ich stehe auf. Rede mit ihm. Rede auf ihn ein. Dass alles gut wird. Dass er so tun soll, als sei er gar nicht da. (Der ewige Ser­mon mei­ner Mut­ter.) Dass er sich gefäl­ligst zusam­men­rei­ßen soll! (Im flüs­ternd dro­hen­den Ton­fall mei­nes Vaters.)

Dann öffne ich das Fens­ter. Ein Wind­stoß fegt Bewil­li­gungs­an­su­chen und Ein­reich­pläne (in drei­fa­cher Aus­füh­rung, gefär­belt und unter­schrie­ben) von mei­nem Tisch. Doch der Schmet­ter­ling scheint jetzt ein Ziel zu haben: der Brise ent­ge­gen in die Frei­heit. Er flat­tert hin­aus. Und irgend­wie fliegt auch ein Teil von mir mit ihm, zu den mäch­ti­gen grü­nen Buchen unter dem blauen Him­mel.

Schnell schließe ich das Fens­ter. Was ist nur in mich gefah­ren? Ich habe den Lauf der Dinge ver­än­dert! Mut­wil­lig habe ich ein­ge­grif­fen! Fast erwarte ich, ein Blitz führe vom Him­mel. Dann wische ich über mei­nen Schreib­tisch und fege so auch die rest­li­chen Anbrin­gen und Papiere zu Boden. Und lache, lache laut, lache wie lange nicht mehr.

235/398

The Unbe­lie­ver

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Ich betrete den Kor­ri­dor, oder genauer: den Wild­kor­ri­dor, mit dem laut Gene­ral­wild­we­ge­plan das Schran­gen­bach­tal die Lons­wi­cker Heide mit dem Wald­ge­biet um Wus­sen­ha­gen ver­bin­den soll.

Und er wird genutzt! Meine Foto­fal­len haben schon Füchse, Dachse und sogar einen Luchs auf ihrer Durch­reise ein­ge­fan­gen, dazu natür­lich aller­lei Klein­wild wie Wie­sel und Baum­mar­der. Um nun auch die Schnapp­schüsse der letz­ten Woche her­un­ter­zu­la­den, schließe ich mein Lap­top an die Wild­ka­mera an. Foto für Foto erscheint auf dem Dis­play. He, dies­mal habe ich eine kom­plette Wild­schwein­fa­mi­lie mit drei Frisch­lin­gen abge­lich­tet!

Doch das letzte Foto ist eigen­ar­tig: Ein affen­ar­ti­ges Wesen in gebück­ter, aber auf­rech­ter Hal­tung wen­det der Kamera halb den Rücken zu. Das Gesicht liegt im Halb­pro­fil; es ist dun­kel und leder­ar­tig. Das Foto ist gesto­chen scharf, alle Details sind genau zu erken­nen. Und es sieht alles echt aus.

Im Hima­laja wäre so ein Foto eine Sen­sa­tion. Oder in Nord­ame­rika. Sas­quatch oder Big­foot wer­den sie da genannt. Aber hand­feste Beweise für diese Lieb­linge der Kryp­to­zoo­lo­gen gibt es nicht.

Hier, mit­ten in Deutsch­land, gibt es weder Sich­tun­gen sol­cher Wesen noch uralte Legen­den über sie. Ein Scherz ver­mut­lich, mit der Hoff­nung, ich würde mich damit zum Gespött machen. Aber, ha, dar­auf falle ich nicht rein. Ein Klick, und das Foto ist gelöscht. Außer­dem: »Yeti« ist im Zähl­for­mu­lar der Forst­be­hörde auch gar nicht mit auf­ge­führt.

 

236/398

Live in The Cor­ri­dor (May 10th 2008)

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Ich betrete den Kor­ri­dor-Pub im male­ri­schen Dörf­chen Trow­don. Er ist wei­ter­hin in Fami­li­en­be­sitz und schenkt auch immer noch sein Ale aus – und das seit fast 150 Jah­ren. Steu­er­frei! Die­ser Trick hat dem ein­zi­gen ech­ten Kor­ri­dor-Pub der Welt zu einer gewis­sen Berühmt­heit (und zu einem kur­zen Auf­tritt in Fin­ne­gans Wake) ver­hol­fen.

Es ist eng. Ich betrete einen Gang, an des­sen rech­ter Seite sich Bar­ho­cker um kleine höl­zerne Klapp­tisch­chen grup­pie­ren, die denen in alten ICEs ähneln. Es ist schwie­rig, einen freien Platz zu ergat­tern. Man quetscht sich, jeweils mit einem freund­li­chen Gruß, an den Gäs­ten ent­lang, um in einen wei­te­ren Kor­ri­dor zu gelan­gen, der leicht nach rechts abknickt, ansons­ten aber genauso aus­sieht. In der Mitte, eben­falls rechts in der Wand, auch hier wie­der eine Durch­rei­che, durch die man seine Getränke erhält.

Die beeng­ten Ver­hält­nisse im Kor­ri­dor-Pub sind einem Lizen­zie­rungs­ge­setz zu ver­dan­ken, das Köni­gin Vic­to­ria zusätz­li­che Ein­nah­men besche­ren sollte. 1869 besteu­erte ihr »Wine and Beer­house Act« alle Ale­häu­ser ab einer gewis­sen Schank­raum­größe und schränkte die Grün­dung neuer Taver­nen stark ein. Die pfif­fi­gen Bier­brauer der Fami­lie Stroud umbau­ten ihren Braue­rei mit einem schma­len acht­ecki­gen Kor­ri­dor, der die gesetz­li­chen Min­dest­maße um ein Gerin­ges unter­schritt – und konn­ten so ihr »Stroud’s« steu­er­frei aus­schen­ken.

Heute ist der Kor­ri­dor-Pub (nicht zu ver­wech­seln mit dem reiz­lo­sen Nach­ah­mer The Cor­ri­dor in Oxford) eine Tou­ris­ten­at­trak­tion in Wiltshire – mit über­höh­ten Prei­sen, aber einer ein­zig­ar­ti­gen Atmo­sphäre. Tra­di­tio­nel­ler­weise wan­dert man nur im Uhr­zei­ger­sinn durch die Kor­ri­dore, weil es sonst zu Staus käme, und der Legende nach geneh­migte man sich frü­her bei sei­ner »Lokal­runde« min­des­tens ein Pint in jedem der acht Kor­ri­dor­ab­schnitte, bevor man wie­der aus der Tür tor­kelte.

Mir jedoch reicht schon das erste Ale, das mir der kraus­köp­fige Tom Stroud per­sön­lich in die Durch­rei­che stellt. Er ist der direkte Nach­fahre der eins­ti­gen Pub-Grün­der, was ich weiß, weil sein Foto in mei­nem Rei­se­füh­rer prangt. Der Hin­weis auf seine Hals­ab­schnei­der­preise aller­dings fehlt darin. Aber ich bin die­sen Som­mer ja eigent­lich auch wegen ganz ande­rer Kor­ri­dore nach Süd­eng­land gereist: denen, die sich auf uner­klär­li­che Weise über Nacht – und durch­aus auch mal acht­eckig – in das eine oder andere Korn­feld legen. Wer weiß, ob die Gerste in mei­nem Ale nicht von so einem Feld stammt.

Dann also: Che­ers!

 

241/398

In the Mind of a Bat­ter

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Ich betrete den Kor­ri­dor und lasse kurz meine Taschen­lampe hin­ein­leuch­ten, um mich zu ori­en­tie­ren. Ob hier damals mei­nem alten Herrn auch das Herz bis zum Hals geschla­gen hat?

Nur noch eine letzte Tür trennt mich von der Schatz­kam­mer. So nen­nen sie hier den Raum, in dem sie jeweils ein Exem­plar aller ihrer Modelle lagern, in rie­si­gen Rega­len, immer mit dem Knauf nach vorne.

Einen die­ser Schätze trage ich bei mir. Den »HG 125«, einen Louis­ville Slug­ger. Hank Green­berg hat damit geschla­gen. Ich war sie­ben Jahre alt und soll, auch wenn ich mich selbst nicht erin­nern kann, geweint haben: Mein alter Herr schenkte mir zum Geburts­tag einen neuen Base­ball­schlä­ger, und ich ent­deckte, dass es nur ein bil­li­ger Nach­bau war und nicht der »echte« Hank Green­berg, wie ich ihn mir sehn­lichst gewünscht hatte.

Die Tür ist nicht ver­schlos­sen. Ich betrete das Aller­hei­ligste von Hil­le­rich & Brad­sby. Tau­sende von Schlä­gern, jeder aus einem bestimm­ten Holz, mit einer bestimm­ten Länge und Dicke, Knauf, Hand­griff und Schlag­holz indi­vi­du­ell geformt. Eigent­lich müsste ich von Ehr­furcht ergrif­fen sein, aber statt­des­sen habe ich ein­fach nur Angst, unter den Tau­sen­den von Schlä­gern nicht den rich­ti­gen zu fin­den.

Ich bin kein Dieb. Mein alter Herr, Gott hab ihn selig, hatte sich, nach mei­nem Wut­an­fall wäh­rend der Geburts­tags­feier, in den Kopf gesetzt, mir den rich­ti­gen, ech­ten Schlä­ger von Hank Green­berg zu beschaf­fen. Natür­lich sind Schlä­ger die­ser Art unver­käuf­lich. Also schlich er sich wie ich heute in die Schatz­kam­mer der Louis­ville Slug­ger und tauschte den Schlä­ger aus: die bil­lige Kin­der­va­ri­ante gegen das Ori­gi­nal, das sie bei Hil­le­rich & Brad­sby lager­ten, um es jeder­zeit wie­der detail­ge­treu repro­du­zie­ren zu kön­nen.

Wäh­rend ich nach der Ord­nung in ihrem Lager­sys­tem suche, höre ich wie ein Echo in mei­nem Kopf die Stimme mei­nes Vaters: »Du kannst ein zwei­ter Hank Green­berg wer­den, Sonny, du hast alle­mal das Zeug dazu. Du hast Talent!« Aber ich hatte kein Talent. Auch nicht mit dem neuen Schlä­ger, der eines Mor­gens in mei­nem Zim­mer stand. Ich stellte keine Fra­gen. Er war unglaub­lich schwer – ein Erwach­se­nen­schlä­ger. Mein Vater war immer da, wenn ich spielte und müh­sam das unhand­li­che Ding zu schwin­gen ver­suchte. Aber er hat nie etwas gesagt, nie.

Die Slug­ger-Modelle sind nach Buch­sta­ben geord­net und damit nach den Initia­len der Base­ball­spie­ler, die ihnen die Namen gege­ben haben. Ich ziehe einen Hocker ans Regal, denn das Fach für den HG 125 ist ziem­lich weit oben. Es liegt ein Schlä­ger im Fach, und mein Herz setzt einen Schlag lang aus, als ich ihn in der Hand halte. Es ist der bil­lige, kind­ge­rechte Nach­bau, den mir mein alter Herr damals zum Geburts­tag geschenkt hatte. Hier hat in den acht­zehn Jah­ren nie jemand den Aus­tausch bemerkt.

Ich ste­cke den ech­ten HG 125 ins Fach, aber nicht, ohne ihn vor­her noch ein­mal geküsst zu haben. Ich bin kein Spie­ler, habe seit bestimmt zehn Jah­ren kei­nen Ball geschla­gen. Trotz­dem: Irgend­ein archai­scher Instinkt treibt mich dazu, den Schlä­ger zu küs­sen, damit er mir Glück bringt und seine Kraft auf mich über­trägt. Erst mit den Lip­pen am Holz wird mir bewusst, was ich da gerade tue. Ein selt­sa­mes Gefühl, von Kräf­ten bestimmt zu sein, die ich nicht unter Kon­trolle habe, ja, nicht ein­mal kenne.

Ich schiebe den Hocker an sei­nen Platz zurück. Nie­mand soll bemer­ken, dass ich hier war. Ich schlei­che mich aus dem Regal­la­ger, so wie mein alter Herr es damals auch getan haben muss. Ein paar Momente lang fühle ich mich ihm ganz nahe. Was muss er sich gefreut haben.

Erst nach sei­nem frü­hen Tod, beim Aus­räu­men sei­nes klei­nen Hau­ses, fiel mir der HG 125 wie­der in die Hände. Ich sah mir den Schlä­ger genauer an: die Mase­rung des Ahorns, die Lackie­rung, die Auf­dru­cke und den Brand­stem­pel. Zuerst wollte ich es nicht glau­ben, bis mir all­mäh­lich klar­wurde, dass ich ein Ori­gi­nal in den Hän­den hielt, unschätz­bar wert­voll. Ich rief meine Mut­ter. »Er ist damals nach Louis­ville gefah­ren, war drei Tage lang unter­wegs. Und kam damit zurück.« Sie glaubt, er habe den Schlä­ger für mich gekauft. Aber das ist unmög­lich: Die­ser Schlä­ger stand nie zum Ver­kauf.

Hank Green­berg war Jude. Wie mein alter Herr. Die Juden legen, warum auch immer, kleine Stein­chen auf die Grab­steine ihrer Alt­vor­de­ren. Es ist mir egal, wenn die ande­ren Besu­cher auf dem Fried­hof es selt­sam fin­den: Ich lege das bil­lige HG-125-Imi­tat auf sein Grab. Er hat das für mich getan. Weil er an mich geglaubt hat. Ich wünschte, ich könnte das auch von mir sagen.

 

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Ich betrete den Kor­ri­dor. »Na ja, du siehst ja selbst, was Sache ist«, meint Jür­gen zu mir, »dein Zim­mer ist das ›Navier-Sto­kes‹. Und denk dran: Mor­gen früh musst du um spä­tes­tens acht hier ver­schwun­den sein.« Damit macht er kehrt. Ich aber bleibe erst ein­mal stau­nend im Kor­ri­dor ste­hen. Von den hell­ge­stri­che­nen Wän­den hän­gen an Schnü­ren dicke Filz­stifte her­un­ter, und sie wur­den flei­ßig genutzt.

Ich bin der letzte Gast. Das »P=NP« ist an eine Hotel­kette ver­kauft, die sich damit brüs­tet, dass sich all ihre Häu­ser welt­weit wie ein Ei dem ande­ren glei­chen. Mor­gen früh wird der Bau­trupp anrü­cken, und das »P=NP« wird Geschichte sein.

Es stand seit knapp 20 Jah­ren aus­schließ­lich Mathe­ma­ti­kern offen, man musste ein Diplom oder einen Magis­ter vor­wei­sen, um hier ein Zim­mer zu bekom­men. Meist war das kleine Hotel mit Gast­do­zen­ten der nahen Uni belegt. »P=NP« steht für ein Pro­blem aus der Opti­mie­rungs­theo­rie. Als Bei­spiel dient in der klei­nen Bro­schüre, die an der Rezep­tion aus­liegt, ein Hand­lungs­rei­sen­der, der zwan­zig Städte besu­chen muss und nach der kür­zes­ten Route sucht – und das unter zwei Tril­lio­nen ver­schie­de­nen Mög­lich­kei­ten.

Von den Gäs­ten hier, Hand­lungs­rei­sen­den in Sachen Mathe­ma­tik, haben viele in der Lobby dem Hotel ein Dan­ke­schön hin­ter­las­sen, pas­sen­der­weise – statt Schwarz­weiß-Fotos mit Poe­sie­al­bum­spruch und Unter­schrift – Deck­blät­ter ihrer Ver­öf­fent­li­chun­gen, die illus­tre Titel haben wie zum Bei­spiel: »Lyapu­nov expon­ents, peri­odic orbits and hor­se­s­hoes for map­pings of Hil­bert spaces«.

Jür­gen, der Nacht­por­tier, hat mich hier gegen zwei Packun­gen Ziga­ret­ten und eine Fla­sche Averna ein­ge­schleust. Früh­stück gibt es mor­gen nicht. Das »P=NP« hat schon vor Tagen end­gül­tig dicht gemacht, ohne dass jemand hier in der »Stadt der Mathe­ma­tik« groß davon Kennt­nis genom­men hätte.

Ich hatte zwar Mathe im Abitur, aber meine Kennt­nisse rei­chen lei­der nicht aus, um die alge­bra­ischen Graf­fiti an den Wän­den zu lesen, die hier im Laufe der Jahre von den Gäs­ten hin­ter­las­sen wur­den. Trotz­dem stu­diere ich die For­meln und Kom­men­tare inter­es­siert, denn den unter­schied­li­chen Hand­schrif­ten ist zu ent­neh­men, dass hier von vie­len Betei­lig­ten ein mathe­ma­ti­scher Dia­log geführt wurde – und viel­leicht sogar der eine oder andere Dis­put zwi­schen Mathe­ma­ti­kern ent­brannt ist.

Aus­ru­fe­zei­chen, unge­lenkt gezeich­nete Fäuste mit erho­be­nem Dau­men, aber auch fette rote Fra­ge­zei­chen und das eine oder andere »rub­bish« oder »N’im­porte quoi!« säu­men die For­meln. Ich ent­de­cke auch den Wiki­pe­dia-Link zu »Men­gen­lehre«, der wohl sagen soll: »Kümmre dich erst mal um die Grund­la­gen, du Möch­te­gern-Genie!«

Jedes Zim­mer im »P=NP« ist oder bes­ser war einem eige­nen unge­lös­ten Mathe­ma­tik-Pro­blem gewid­met. Auf mei­nem Nacht­tisch liegt ein abge­grif­fe­ner, maschi­n­ege­schrie­be­ner Zet­tel in einer Klar­sicht­hülle, der in Deutsch, Eng­lisch, Fran­zö­sisch und Ita­lie­nisch das Pro­blem beschreibt, das Navier und Sto­kes in der ers­ten Hälfte des 19. Jahr­hun­derts ihren Kol­le­gen hin­ter­las­sen haben. Nicht nur die Wände der Kor­ri­dore, auch die Wände der Zim­mer dien­ten den Gäs­ten als Lein­wand und Tafel, und hier im »Navier-Sto­kes« sind sie – zumin­dest nehme ich das stark an – über­sät mit Ansät­zen, deren Glei­chun­gen exakt zu lösen. An einer Stelle steht ein »wow« mit gleich drei Aus­ru­fe­zei­chen.

Schade, dass ich nichts bei­zu­tra­gen habe. Ich stehe wie ein Archäo­loge vor anti­ken Ste­len mit einer ihm gänz­lich unbe­kann­ten Schrift und bin gespannt, was ich hier, als defi­ni­tiv letz­ter Gast im »P=NP«, heute Nacht für Träume haben werde.