Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: klassisch

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(Real) No-Brai­ner

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Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen den Ser­vern und schiebe mei­nen Werk­zeug­wa­gen durch die rie­sige Halle. Heute ist der Tag! Früh am Mor­gen kam die SMS, dass es soweit ist: Wir schla­gen zu. Welt­weit bege­ben sich die Mit­glie­der mei­nes Teams in die gro­ßen Ser­ver­räume, und um genau 12 Uhr MEZ las­sen wir dort unsere Bom­ben hoch­ge­hen.

Nine-Ele­ven, der 11. Sep­tem­ber, war nur ein klei­ner Vor­ge­schmack. Dies­mal zer­stö­ren wir mit einem Schlag das gesamte Inter­net, diese Quelle des Bösen und Ver­derb­ten. Der Wes­ten wird strau­cheln und stür­zen.

Wir alle, die wir uns jah­re­lang auf diese Aktion im Namen Got­tes und unse­res Anfüh­rers vor­be­rei­tet und unter fal­schem Namen in die Ser­ver­far­men ein­ge­schleust haben, wer­den ster­ben, aber Allah wird uns als Mär­ty­rer reich beloh­nen. Und damit die Ungläu­bi­gen wis­sen, wem sie die­sen Schlag zu ver­dan­ken haben, haben wir eine Web­site vor­be­rei­tet, auf der unsere Beken­ner­vi­deos zu sehen und zu hören sind – damit sie unsere Fami­lien mit Stolz erfül­len.

Die Bombe ist im Werk­zeug­wa­gen ver­steckt. Nie­mand hier ahnt etwas, nie­mand hat mir etwas ange­merkt. Gleich ist es 12 Uhr MEZ. Ich lege die Hand an den Zün­der. Aber Augen­blick mal! Wol­len wir tat­säch­lich der Welt die Zer­stö­rung des Inter­nets mit einer Web­site mit­tei­len? Ist das nicht ein Denk­feh­ler? All­mäch­ti­ger! Es ist Punkt zwölf. Ich müsste jetzt die Bombe zün­den. Meine Hand zit­tert. Soll ich diese Ser­ver hier nicht bes­ser aus­spa­ren? Wenigs­tens sie?

Ja. Sonst wäre alles ver­ge­bens.

Ich muss die­ses Opfer brin­gen. Es gibt kei­nen ande­ren Weg.

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Tvi­fari

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Ich betrete den Kor­ri­dor und bin mir eigent­lich ziem­lich sicher, dass es der ist, der mich in die Instal­la­tion hin­ein­ge­führt hat. Aber es gibt kei­nen Aus­gang. Statt­des­sen knickt am Ende des Kor­ri­dors ein wei­te­rer ab, der genauso aus­sieht: chrom­glän­zen­der Boden, chrom­glän­zende Decke, und die Sei­ten­wände sind mil­chig weiß. Von dem knickt wie­der ein wei­te­rer die­ser Kor­ri­dore ab. Ist das jetzt end­lich der, der mich wie­der hin­aus­führt?

Die Instal­la­tion mit dem Titel »Birth of Transhumanism––Death No More«, die die­sen Teil der Aus­stel­lungs­räume fast kom­plett aus­füllt, darf man nur ein­zeln betre­ten. Blöd von mir, nicht mehr den Aus­gang zu fin­den. Andere Aus­stel­lungs­be­su­cher müs­sen jetzt war­ten. Habe ich etwas über­se­hen? Ich trete an die Milch­glas­wand heran und ver­su­che hin­durch­zu­bli­cken. Doch nichts zeich­net sich dahin­ter ab. Ich werde ein­fach wei­ter­ge­hen. Irgendwo muss doch ein Aus­gang sein, oder zumin­dest der Ein­gang, durch den ich hin­ein­ge­kom­men bin. Kor­ri­dor um Kor­ri­dor knickt ab.

Was will mir die Künst­le­rin sagen? Unter »Trans­hu­ma­nis­mus« habe ich mir etwas ganz ande­res vor­ge­stellt: tech­ni­sche Implan­tate, die uns Men­schen stär­ker machen, schnel­ler, klü­ger. Oder die künst­le­ri­sche Umset­zung des Uploads mei­ner Erin­ne­run­gen und mei­ner Per­sön­lich­keit in einen Com­pu­ter, mit dem der Mensch – »Death No More« – quasi unsterb­lich wird. Die tech­no­iden Träume der Trans­hu­ma­nis­ten halt. Doch nichts davon. Glän­zen­der Chrom, Milch­glas – das ist alles. Außer mir natür­lich, der ich durch diese Kor­ri­dore laufe und den Aus­gang suche.

Ein Schat­ten hin­ter einer der Milch­glas­wände: Unscharf erkenne ich eine Per­son, sie tritt näher an die Scheibe, beschirmt die Augen mit einer Hand und ver­sucht, durch das Milch­glas hin­durch­zu­se­hen. Ich will mich gerade bemerk­bar machen, da wird mir plötz­lich klar, dass ich das bin. Ich selbst bin es, wie ich vor eini­gen Minu­ten ver­sucht habe, durch eine der Kor­ri­dor­wände hin­durch­zu­se­hen – und ein ganz eigen­ar­ti­ges Gefühl durch­fährt mich, und die Här­chen auf mei­nen Armen stel­len sich auf. Die Figur, mein Alter Ego, tritt wie­der in die Unschärfe zurück, ver­schwimmt in der mil­chi­gen Helle und löst sich schließ­lich darin auf.

Mich erfasst eine unbe­stimmte Angst. Die Angst, mir selbst zu begeg­nen? Nie mehr den Aus­gang zu fin­den? Von den Kor­ri­do­ren aus Chrom und Glas ver­schlun­gen zu wer­den? »Hallo?«, rufe ich zögernd. »Hört mich jemand? Gibt’s hier einen Tech­ni­ker? Ich möchte jetzt gerne wie­der raus aus der Instal­la­tion!« Keine Ant­wort. Ich gehe schnel­len Schrit­tes wei­ter, ver­falle sogar in Lauf­schritt.

Dann ein lei­ses Knir­schen hin­ter mir. Dort, am Ende des Kor­ri­dors, hat sich etwas ver­än­dert. Wur­den Wände ver­rückt? Ich höre ver­hall­tes Stim­men­ge­mur­mel. Das Licht ist ein ande­res: Das muss der Aus­gang sein! Ich atme tief durch und gehe gemes­se­nen Schrit­tes durch den Kor­ri­dor zurück. Er knickt ab und – öff­net sich in die Aus­stel­lungs­halle. Die Besu­cher­schlange, die in die Instal­la­tion hin­ein­möchte, ist inzwi­schen noch län­ger gewor­den. Der Wär­ter klinkt die dicke rote Kor­del aus, die den Durch­lass absperrt. Ein älte­rer Mann mit Brille und einer roten Samt­weste ist als Nächs­tes an der Reihe. »Und, wie ist es da drin?«, fragt er. Ich ver­su­che ein Lächeln. »Ein­drück­lich«, sage ich.

Spä­ter wird mir klar, dass es eine ver­steckte Kamera gewe­sen sein muss: Eine Kamera hat auf­ge­zeich­net, wie ich ver­suchte, durch die Milch­glas­wand hin­durch­zu­se­hen, und das wurde dann spä­ter auf eine der Wände pro­ji­ziert. Ver­mut­lich machen sie das bei jedem Besu­cher so.

Ich habe also ganz grund­los Herz­ra­sen bekom­men. Pein­lich, in der Instal­la­tion um Hilfe zu rufen. Hof­fent­lich hat mich drau­ßen kei­ner gehört.

 

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See­ing Is Belie­ving

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Ich betrete den Kor­ri­dor wie jeden Tag, bevor die Ver­hand­lun­gen begin­nen. Die­sen Moment liebe ich – der Klang des Kor­ri­dors, sein Nach­hall, ist ein ganz ande­rer als der im Trep­pen­haus, auch wenn hier der Boden eben­falls aus Mar­mor ist. Tep­pich und Tape­ten wür­den ihn für mich zu einem unbe­stimm­ten Etwas wer­den las­sen, zu einem dunk­len Loch, des­sen Begren­zun­gen ich nur schwer erlau­schen kann. Doch der Mar­mor­bo­den und die glat­ten Stein­wände zei­gen sich mir deut­lich und geben mir ein Gefühl der Sicher­heit und Ver­traut­heit.

Mein Stock stößt an etwas, das einen dump­fen Ton erzeugt. Hier ste­hen große, schwere Vasen an den Wän­den zwi­schen den Türen zu den Sälen. Eigent­lich könnte ich den Stab schon ein­klap­pen und ver­schwin­den las­sen, denn ich kenne hier jeden Schritt. Aber ich mag die ver­trau­ten Geräu­sche: die gro­ßen Ton­va­sen, die Holz­rah­men der Türen, das Metall der Stuhl­beine. Es ist jeden Mor­gen mein per­sön­li­ches klei­nes Kon­zert, der Blin­den­stock mein Instru­ment.

Mein Platz vor der Schreib­ma­schine. Ich setze mich, klappe mei­nen Stock zusam­men, ver­staue ihn in der Schub­lade, und mit weni­gen Hand­grif­fen ver­ge­wis­sere ich mich, dass alles an sei­nem Platz ist.

»Jus­ti­tia ist auch blind, oder?«, hatte ich gefragt, als ich spürte, dass meine Gegen­über kon­ster­niert waren und nicht wuss­ten, wie sie das Bewer­bungs­ge­spräch eröff­nen soll­ten. Letzt­lich haben sie dann meine Fähig­kei­ten über­zeugt: schnelle Fin­ger, sechs Fremd­spra­chen und ein unbe­stech­li­ches Ohr.

Ich komme immer vor allen ande­ren hier­her. Das ist dann der Moment, in dem ich lau­sche. Ich kann den Ver­kehr drau­ßen hören, die Vögel in den Bäu­men, und dann wenig spä­ter, wie das Gerichts­ge­bäude lang­sam erwacht: ferne gedämpfte Stim­men, Schritte, Türen­schla­gen, das Quiet­schen des Wägel­chens mit den Akten …

Nie­mand beach­tet mich, wäh­rend die Haupt­ver­hand­lun­gen im Gange sind. Ich sitze mit dem Rücken zum Publi­kum, aber auch die Klä­ger oder Ange­klag­ten sehen mir nicht ins Gesicht. Nie­man­dem fällt etwas auf. Meine Fin­ger huschen über die Tas­ten der Ste­no­gra­fie-Schreib­ma­schine, ein lei­ses bestän­di­ges Kli­cken nur, das bald kei­ner der Anwe­sen­den mehr bewusst wahr­nimmt.

Ich stehe erst auf und gehe wie­der, wenn der Saal sich geleert hat. Vor­her tue ich beschäf­tigt und säu­bere mit einem Tuch peni­bel meine Schreib­ma­schine.

Manch­mal kann ich die Lügen her­aus­hö­ren. Oder das Ver­schwei­gen. Manch­mal Ver­zweif­lung und Unver­ständ­nis. Manch­mal, dass sich der Anwalt beson­ders schlau vor­kommt, oder auch die Vor­ein­ge­nom­men­heit des Rich­ters oder der Rich­te­rin. Oft geht es laut und direkt und auf­ge­bracht zu. Lie­ber jedoch sind mir die lei­sen Zwi­schen­töne. Sie ste­hen nicht in mei­nem Pro­to­koll – eben­so­we­nig wie die Wut, mit der man­che Tira­den vor­ge­tra­gen wer­den. Das gibt nur den genauen Wort­laut wie­der und nicht, wie die Worte gespro­chen wur­den.

Auch die Urteils­ver­kün­dung pro­to­kol­liere ich wört­lich mit. Manch­mal sträu­ben sich meine Fin­ger dage­gen, wenn ich es für ein Fehl­ur­teil halte – ob es nun ein Frei­spruch ist oder eine zu hohe Strafe. Aber auch dies muss, Wort für Wort, nie­der­ge­schrie­ben wer­den. Meine Mei­nung tut da nichts wei­ter zur Sache.

Viel­leicht trägt Jus­ti­tia ja ihre Augen­binde, damit man sie nicht wei­nen sieht.

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The Soul Speaks Quietly

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es ist ein klei­nes Hos­piz, und der Kor­ri­dor, der zu den Zim­mern führt, endet in einer Art Win­ter­gar­ten mit zwei, drei gro­ßen Grün­pflan­zen und einem Korb­ses­sel. Dort setze ich mich hin­ein, denn ich will das Gespräch von gerade eben noch ein­mal Revue pas­sie­ren las­sen.

Es ist selt­sam, dass es mir als ihr Seel­sor­ger fast immer umge­kehrt wie den Ster­ben­den selbst geht. Bei denen, die kämp­fen, sich ans Leben klam­mern und nicht wahr­ha­ben wol­len, dass es mit ihnen zu Ende geht – warum sind sie sonst hier im Hos­piz? –, kann ich leicht los­las­sen. Doch die, die ihren Wider­stand auf­ge­ge­ben haben und ihrem Able­ben gelas­sen ent­ge­gen­se­hen: Die las­sen mich nicht los. Sie wol­len mir ein­fach nicht aus dem Kopf gehen und ver­fol­gen mich manch­mal bis in den Schlaf.

Dabei müsste ich mir doch um ihre See­len gar keine Sor­gen machen. Oder ist es meine Seele, die mich sorgt? Viel­leicht sollte ich auch ein­mal ihr acht­sam und unvor­ein­ge­nom­men zuhö­ren.

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My Jungle is My Castle

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Die hutz­lige Inde­rin mit dem freund­li­chen, zahn­lo­sen Lachen winkt mich wei­ter. Ich betrete einen Raum mit Lehm­bo­den, in dem ein Hocker vor einer der Fens­ter­öff­nun­gen steht. Auf einer Art Nacht­tisch steht ein Gane­sha, lan­des­ty­pisch mit Farbe bekle­ckert und von Blü­ten­blät­tern über­gos­sen. Die Zika­den im Dschun­gel, der gleich hin­ter dem ver­fal­le­nen Tem­pel beginnt, lär­men fast ohren­be­täu­bend. Ich setze mich und warte.

Nach eini­ger Zeit bringt mir die Alte einen Tee. Er sieht nicht aus, als würde er west­li­chen Hygie­ne­an­sprü­chen genü­gen. Als die Frau wie­der gegan­gen ist, schütte ich ihn weg. Ich bin wegen der Palm­blät­ter hier, nicht um Tee zu trin­ken.

Ein jun­ger Inder erscheint. Er trägt ein Zie­gen­bärt­chen und Pfer­de­schwanz, das offene Hawaii­hemd bringt seine haar­lose und scho­ko­la­den­braune Brust bes­tens zur Gel­tung. Er grinst mich unver­schämt an und klappt ein Lap­top auf. Ich muss noch ein­mal mei­nen Namen und mein Geburts­da­tum nen­nen. Er tippt bei­des ein, lässt mich jedoch nicht auf sei­nen Moni­tor gucken. Er hat schöne Hände mit schlan­ken bering­ten Fin­gern, aber offen­bar eine Ver­let­zung oder Ent­zün­dung am Nagel­bett des lin­ken Zei­ge­fin­gers.

Sein Eng­lisch ist halb­wegs ver­ständ­lich. Anschei­nend fin­det er das Palm­blatt für mich. »I got you«, sagt er. Die Pro­phe­zei­un­gen sind Jahr­hun­derte alt und muss­ten bis dato mehr­fach kopiert wer­den, da das orga­ni­sche Mate­rial, auf denen sie geschrie­ben ste­hen, mit der Zeit weg­fault. Es heißt, es seien hier die Lebens­ge­schich­ten all jener Men­schen ver­zeich­net, die her­kom­men und nach ihrem Blatt fra­gen. Ich habe acht­zig Dol­lar gezahlt, um zu erfah­ren, was die uralten Manu­skripte über mich wis­sen.

Sie sind in Pali ver­fasst, einer nicht mehr gebräuch­li­chen Schrift, und eigent­lich kön­nen sie nur geschulte Brah­ma­nen lesen. Dass hier das Com­pu­ter­zeit­al­ter Ein­gang gefun­den hat, über­rascht mich.

Der Halb­starke grinst. Sein schwar­zes Haar ist ölig, und irgend­wie kommt mir auch sein gan­zes Auf­tre­ten so vor. Wenigs­tens hat er bis­her noch nicht – wie es bei Indern zum guten Ton zu gehö­ren scheint – sei­nen Rotz hoch­ge­zo­gen und vor sich auf den Boden gespuckt. »I got your whole story here«, sagt er. Dann wird sein Grin­sen noch brei­ter: »Spoi­ler alert!« Den Witz macht er bestimmt jedes Mal.

Mir ist nicht nach Lachen zumute. In den alten Hand­schrif­ten soll auch das jewei­lige Todes­da­tum ver­zeich­net sein. Der »Spoi­ler alert«, in Beschrei­bun­gen von Fil­men oder Spie­len eine War­nung davor, dass hier über­ra­schende Wen­dun­gen und Ent­wick­lun­gen ver­ra­ten wer­den, ist also durch­aus ange­bracht.

Der junge Inder zieht einen alters­schwa­chen Cas­set­ten­re­cor­der vom unte­ren Bord des Gane­sha-Altars her­vor – so viel zum Com­pu­ter­zeit­al­ter in Indien. Er war­tet erst mein Nicken ab, bevor er auf die Auf­nahme-Taste drückt. Dann liest er von sei­nem Moni­tor meine bis­he­rige Lebens­ge­schichte ab. Die beschrie­be­nen Ereig­nisse sind nicht sehr spe­zi­fisch, und wenig über­ra­schend wird dann meine große Indi­en­reise erwähnt.

Da lerne ich, heißt es, eine Frau ken­nen, Indraea, eine Inde­rin, die ich bald dar­auf hei­rate. Sie bekommt Zwil­linge, und ich mache in Köln ein Restau­rant auf, ein indi­sches Restau­rant. Viele Jahre spä­ter werde ich bei einer Aus­ein­an­der­set­zung um Schutz­gel­der für mein Restau­rant ver­prü­gelt und falle in ein Koma, aus dem ich – ein genauer Ster­be­tag wird nicht genannt – nicht mehr erwa­che.

Damit endet der Bericht.

Der Inder drückt auf die Stopp­taste des Recor­ders, lässt die Cas­sette her­aus­sprin­gen und über­reicht sie mir. Ich nehme sie nicht an.

»Hör mal, Jung­chen«, sage ich, natür­lich auf Eng­lisch, »ich bin schwul und mache mir nichts aus Frauen, und aus Inde­rin­nen schon gar nicht. Außer­dem arbeite ich erfolg­reich als Case Mana­ger in einem gro­ßen deut­schen Kran­ken­haus und werde den Teu­fel tun und ein Restau­rant auf­ma­chen! Das ist doch alles bull­shit.«

Plötz­lich ver­steht der Kerl kein Eng­lisch mehr. »No, no«, beschwich­tigt er mich, »it’s all true, all true. Never fail. Will be happy life for you. You will see, happy life.« Er legt mir die Cas­sette in den Schoß. Dann klappt er sein Lap­top zu und ver­schwin­det.

Irgend­wie komme ich mir ver­arscht vor. Das war doch reine Abzo­cke. Wäre ich hier in einem Rechts­staat, würde ich die­sen Palm­blatt-Filou und seine Oma vor Gericht zer­ren und ihnen gründ­lich das Hand­werk legen.

Die zahn­lose Alte kommt, um mich abzu­ho­len und nach drau­ßen zu brin­gen. Sie nimmt mir die Cas­sette aus dem Schoß, hält sie hoch, schüt­telt sie ein wenig, hält sie ans Ohr und mimt dann gro­ßes Erstau­nen: »Ah! Oh! Happy life!« Ver­mut­lich die ein­zi­gen Worte, die sie auf Eng­lisch beherrscht. Sie reicht mir die Cas­sette zurück, legt die Hände vor ihrer Brust zusam­men, ver­neigt sich vor mir und zieht mich dann, mäd­chen­haft kichernd, an einer Hand aus dem Raum zurück in den Kor­ri­dor, einem Bret­ter­ver­hau, der in den Ein­gangs­be­reich führt.

Hier war­tet inzwi­schen ein wei­te­rer Besu­cher, offen­bar eben­falls Deut­scher. Sein T‑Shirt ist durch­ge­schwitzt, mit einem Taschen­tuch tupft er sich den Schweiß von der Stirn. Er sieht furcht­bar ner­vös aus. Ich grinse ihn an, hole die Cas­sette her­vor, schüttle sie, imi­tiere ein indi­sches »Happy life, happy life for you!« und rei­che sie ihm. Ver­dat­tert sieht der Mann mir nach.

Die­ses Schick­sal kann ich nicht akzep­tie­ren. Es gibt noch wei­tere Palm­blatt­bi­blio­the­ken im Land, die aus­län­di­schen Besu­chern das Geld aus der Tasche zie­hen. Ich besteige mein Miet-Motor­rad. Es muss etwas Bes­se­res für mich bestimmt sein.

 

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The Blue Hour­glass

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Ich betrete den Kor­ri­dor, seit vie­len Jah­ren schon ein Ritual, das ich lieb­ge­won­nen habe. Als ich damals als jun­ger Mann, vor über fünf­zig Jah­ren, in den Plat­ten­bau zog, machte am glei­chen Tag auch ein ande­rer jun­ger Mann den Umzug hier­her. Wir waren uns von Anfang an suspekt: Stän­dig lud er unter­schied­li­che junge Frauen zu sich ein, und es dröhnte bei ihm oft laute West­mu­sik. Ich hoffte ins­ge­heim, irgend­je­mand hier bei uns in der Platte schwärzt ihn an, aber es ist nie etwas pas­siert.

In meine Woh­nung lud ich, und da war ich eigent­lich schon kein jun­ger Mann mehr, nur eine ein­zige Frau ein, und das war dann auch gleich die, die ich hei­ra­tete und die wenig spä­ter zu mir zog. Eine grö­ßere Woh­nung hät­ten wir wohl nur bekom­men, wenn wir Kin­der in die Welt gesetzt hät­ten, aber wir hat­ten ja unsere Dat­sche an der Bahn­trasse.

Bei mei­nem Nach­barn den Flur run­ter zog nie­mand ein, und er hatte auch keine Dat­sche, son­dern ein Motor­rad. Er ließ sich einen Bart ste­hen und lange Haare, um die er irgend­wann ein Gummi drum­bin­den musste. Die Frauen, die er zu sich holte, wur­den jün­ger und blie­ben oft nicht mal bis zum Mor­gen. Die Jahre zogen ins Land. Die Mauer fiel. Jetzt dröhnte über­all West­mu­sik. Viele zogen weg. Ich und mein Nach­bar vom Ende des Flurs – wir hiel­ten die Stel­lung.

Als meine Frau starb, blieb mir unser Kana­ri­en­vo­gel und die Dat­sche. Ich bean­tragte Früh­rente und bekam dann wenig spä­ter tat­säch­lich den Bescheid.

Das war an dem Tag, an dem sie die Platte gegen­über spreng­ten. Jetzt konnte man von den Fens­tern im Woh­nungs­flur aus die Sonne unter­ge­hen sehen. Ich hatte mir immer schon irgend­was Bes­se­res als das Fern­seh­pro­gramm gewünscht. Jetzt stellte ich mich Abend für Abend an eines der Fens­ter im Kor­ri­dor, sah der Sonne zu, wie sie hin­ter die Bäume sank, und blickte auf den Ver­kehr run­ter und auf die Pas­san­ten.

Und er, der Kerl vom Ende des Flurs, immer noch mit Bart und Pfer­de­schwanz, wenn auch inzwi­schen grau, stellte sich eines Tages zu mir. Zuerst stan­den wir schwei­gend da und sahen, jeder für sich, der Sonne zu, wie sie unmerk­lich tie­fer rutschte. Dann räus­perte er sich und sagte: »Ich erin­nere mich, dass …«, wor­auf er begann, etwas aus der Zeit damals zu erzäh­len, als wir noch jung waren und Bür­ger der DDR. Ich sagte nichts dazu. Wir schwie­gen wie­der, bis die Sonne end­gül­tig unter­ge­gan­gen war, und gin­gen zurück in unsere Woh­nun­gen.

Am nächs­ten Abend hatte er zwei Bier­fla­schen dabei. Eine gab er mir. Wir pros­te­ten uns nicht zu, son­dern tran­ken schwei­gend. Der Him­mel war bewölkt. Ich sagte nach einer Weile: »Also ich erin­nere mich daran, dass …« und erzählte von einer Urlaubs­reise nach Ungarn mit mei­ner Frau vor vie­len, vie­len Jah­ren. Er hörte schwei­gend zu und – das sah ich als Bewe­gung in der Fens­ter­spie­ge­lung – nickte manch­mal.

Seit­dem stan­den wir jeden Abend dort und erzähl­ten uns abwech­selnd eine Erin­ne­rung aus unse­rem Leben. Oft waren es ganz banale Dinge. Aber es tat gut, sie jeman­dem erzäh­len zu kön­nen.

Bis ges­tern.

Ges­tern war alles anders. Mein Nach­bar war an der Reihe mit sei­ner Geschichte, doch er stand lange schwei­gend da. Seine Bier­fla­sche war schon fast leer, als er end­lich etwas sagte.

»Ich habe einen Sohn. Er hat mir einen Platz in einem Alten­heim besorgt. Ich habe ein wenig Angst, aber alle sagen, es sei das Beste so.«

Ein Sohn? Das wusste ich nicht, davon hatte er nie erzählt. Ich sah ihn an. Sonst schau­ten wir immer nur raus in den Him­mel und auf die Straße, und ich hatte ihn noch nie ein­ge­hend betrach­tet. Er war fal­tig und dürr gewor­den, mit Fle­cken auf den Hän­den, dem Hals und im Gesicht. Ich sah gleich wie­der aus dem Fens­ter, denn ver­mut­lich war es mit mir genauso. Fal­tig und dürr.

»Gleich mor­gen früh ist der Umzug«, sagte er. Und: »Ich hoffe, da gibt es auch so ein Fens­ter. Und so jeman­den wie dich.«

Wir duzen uns also, dachte ich. Hatte ich noch nie drü­ber nach­ge­dacht. Aber warum eigent­lich nicht?

Als er ging, sah ich ihm nach, bis er seine Woh­nungs­tür erreicht hatte. Er blickte zu mir. Ich nickte ihm zu, und er nickte zurück, bevor er hin­ter sei­ner Woh­nungs­tür ver­schwand.

Heute stehe nur ich vor dem Fens­ter. Graue Wol­ken ver­de­cken die Sonne, aber ich weiß, dass sie trotz­dem unter­geht. Ich stelle mir vor, er stünde neben mir. »Ich erin­nere mich noch, als …«, fange ich an. Dann sto­cke ich. Ist das nicht der Anfang geis­ti­ger Ver­wir­rung? Aber was soll’s. Ich bin alt genug, um Selbst­ge­sprä­che zu füh­ren. Was schert mich, was andere von mir den­ken!

»Ich erin­nere mich …«, sage ich und erzähle mir von mei­nem Leben. Es ist ein lieb­ge­won­ne­nes Ritual. Nur der graue, fle­ckige Him­mel hört zu.

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Mare Chronium–Remembering

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Ich betrete den Kor­ri­dor auf dem Weg zu Zim­mer Nr. 27, auf mei­nem Tablett ein Tel­ler mit einem Coq au vin. Ich muss an Herrn Kori­an­der den­ken. Er bestellte damals zwei­mal Coq au vin mit zwei Fla­schen stil­lem Tafel­was­ser – und zwar jeweils für kurz nach Mit­ter­nacht. Er muss knapp ein Dut­zend Mal hier bei uns im Hotel gewe­sen sein, immer nur für eine Nacht, im Abstand von zwei, drei Wochen. Aber jetzt hat er sich schon ein Jahr lang nicht mehr bli­cken las­sen.

Ich ver­misse ihn ein wenig, genau wie die selt­sa­men Tref­fen mit sei­nen nächt­li­chen Gäs­ten und ihre obskure Unter­hal­tun­gen über den Mars, fremde Zivi­li­sa­tio­nen und nicht­mensch­li­che Intel­li­gen­zen. Wie mag es Herrn Kori­an­der ergan­gen sein, und was ist wohl aus sei­nen Noti­zen gewor­den, die er sich jedes Mal emsig in sein klei­nes leder­ge­bun­de­nes Büch­lein geschrie­ben hat?

Manch­mal, tief in der Nacht, wenn ich allein an unse­rer 24-Stun­den-Rezep­tion aus­harre, lasse ich die Begeg­nun­gen Revue pas­sie­ren. Ich werde immer noch nicht schlau dar­aus, und es ist, als hätte ich da immer eine knappe Stunde lang in einen Film im Spät­pro­gramm gezappt, des­sen Anfang ich ver­passt habe und des­sen Ende mir vor­ent­hal­ten wird.

Beson­ders eine der Geschich­ten, die Herr Kori­an­ders Gäste erzählt haben, will mir nicht aus dem Kopf gehen. Wenn ich mich recht ent­sinne, war es der Ame­ri­ka­ner mit der Horn­brille, der ein wenig Deutsch und offen­bar auch Chi­ne­sisch spre­chen konnte. Sie unter­hiel­ten sich gerade über ver­rückte, unmög­li­che Dinge, die auf fer­nen Pla­ne­ten pas­siert sind, und unver­mit­telt wurde der Ame­ri­ka­ner ganz nach­denk­lich und erzählte etwas von Tau­sen­den chi­ne­si­scher Sol­da­ten, denen im Krieg der Tod durch die Ame­ri­ka­ner drohte, weil sie aus Stolz nicht kapi­tu­lie­ren woll­ten. Die­ses schein­bar unaus­weich­li­che Schick­sal ließ den Offi­zier ver­zwei­feln, bis er auf eine ret­tende Idee ver­fiel. »Ich ließ sie«, erzählte er, »in Man­da­rin die Worte ›Liebe‹, ›Pflicht‹, ›Mensch­lich­keit‹ und ›Tugend‹ rufen, wäh­rend sie ihre Waf­fen nie­der­leg­ten.« Und diese vier Wör­ter »ài zé rén dé« klan­gen dann in den Ohren der Ame­ri­ka­ner wie »I sur­ren­der«, »Ich ergebe mich«.

»Es war nur eine For­ma­lie«, erzählte er, »aber damit wur­den die Chi­ne­sen wie Kriegs­ge­fan­gene behan­delt und ent­gin­gen so dem Erschie­ßungs­tod.« Er hatte ihnen das Leben geret­tet!

Unser Koch Pas­cal meint, die Geschichte könne unmög­lich wahr sein, weil China zuletzt im Korea­krieg gegen Ame­rika kämpfte – vor sech­zig Jah­ren. Tat­säch­lich kam mir der Ame­ri­ka­ner längst nicht so alt vor, als könne er das selbst erlebt haben. Aber viel­leicht habe ich ja auch etwas miss­ver­stan­den und er hat von sei­nem Vater erzählt.

Jeden­falls ist das von den selt­sa­men und bizar­ren Gescheh­nis­sen, die Herr Kori­an­der und seine Gäste am klei­nen Tisch in Zim­mer 27 bere­de­ten, das­je­nige, das mich am meis­ten beein­druckt und am tiefs­ten berührt hat. Auch ein Jahr spä­ter muss ich immer mal wie­der daran den­ken.

»Liebe, Pflicht, Mensch­lich­keit und Tugend« – das könnte auch das Motto für einen auf­merk­sa­men Zim­mer­ser­vice sein, des­sen wir uns hier im klei­nen Land­ho­tel rüh­men. Also sehe ich zu, dass ich den Coq au vin ser­viere, solange er noch heiß ist.

 

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Fires on the Rim of the Sun

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Ich betrete den Kor­ri­dor, in dem heute eine Son­nen­fins­ter­nis zu beob­ach­ten sein wird. Des­sen Grenze ver­läuft irgendwo im Süd­pa­zi­fik. Indem ich mei­nen Fuß auf das Roll­feld von Dar­win setze, betrete ich damit auch den Son­nen­fins­ter­nis­kor­ri­dor. Ein gutes Gefühl, nach der lan­gen Reise end­lich ange­kom­men zu sein.

Meine Freunde hal­ten mich für ver­rückt. Für eine Son­nen­fins­ter­nis um die halbe Erd­ku­gel flie­gen?

Am 11. August 1999 habe ich meine dama­lige Freun­din dafür nach Karls­ruhe beglei­tet – wider­stre­bend, muss ich zuge­ben. Der Son­nen­fins­ter­nis­kor­ri­dor ver­lief damals durch Deutsch­land. Aber was soll schon so toll daran sein, dass sich die Sonne kurz ver­dun­kelt?

Wir erreich­ten eine große Wiese auf einem Hügel an einem Wald­stück. Eine Menge Publi­kum hatte sich da außer­halb des Städt­chens ver­sam­melt. Decken wur­den aus­ge­brei­tet, Pick­nick­körbe aus­ge­packt, Kin­der spiel­ten Feder­ball und war­fen Fris­bee­schei­ben, denen die Hunde hin­ter­her­lie­fen. Man zeigte sich gegen­sei­tig die Papp­bril­len mit sil­ber­ner Folie – und beschwor die Wol­ken, doch bitte aus­ein­an­der­zu­rei­ßen, um wenigs­tens im ent­schei­den­den Moment den Blick frei­zu­ge­ben.

Doch die Stoß­ge­bete fruch­te­ten nicht. Der Zeit­punkt rückte näher, es wurde zuse­hends dämm­ri­ger, mit­ten am Tag – und auch mich erfasste die eigen­ar­tige Stim­mung. Die Tiere ver­hiel­ten sich ängst­lich, und wir Men­schen ver­stumm­ten. Plötz­lich konnte ich ver­ste­hen, warum es für unsere Vor­fah­ren so wich­tig war, Son­nen­fins­ter­nisse rich­tig vor­her­zu­sa­gen, und sie rie­sige Stein­kreise und Obser­va­to­rien zu dem Zweck errich­te­ten.

Das Zwit­schern der Vögel – ich hatte es gar nicht bewusst wahr­ge­nom­men – hörte auf. Es wurde dun­kel. Jetzt ris­sen doch noch kurz die Wol­ken auf, und ich konnte wenige Augen­bli­cke lang die Korona sehen, ohne die Papp­brille mit Folie, die in die­sem Moment nicht nötig war, um die Augen zu schüt­zen. Wir, meine Liebste und ich, fass­ten uns, ohne den Blick vom Him­mel zu las­sen, an den Hän­den.

Es ist schwer zu beschrei­ben: ein beson­de­rer, ein­zig­ar­ti­ger Moment. Ein dunk­ler Schat­ten legt sich über das Land, die Natur hält inne, und ein biss­chen ist es so, als ob kurz die Zeit selbst zum Still­stand käme. Dann, eine kleine Ewig­keit spä­ter, hellt es wie­der auf, das Leben, dem kurz den Atem gestockt hatte, kehrt zurück, und es erin­nert nichts mehr daran, dass wenige Augen­bli­cke lang am hell­lich­ten Tage die Nacht her­ein­ge­bro­chen war.

Sehr viele Gele­gen­hei­ten, dies mit­zu­er­le­ben, gibt es nicht. Die Schutz­brille aus Pappe jeden­falls habe ich mir als Andenken ver­wahrt und mit nach Aus­tra­lien genom­men. Hier steht die Chance gut, dass der Him­mel wol­ken­frei sein wird, im Kakadu-Natio­nal­park, dort, wo die Welt noch ein­mal für knapp zwei Minu­ten den Atem anhal­ten wird, wenn sich der Mond vor die Sonne schiebt und ihren glü­hen­den Rand zum Vor­schein bringt.

Den Mut, meine dama­lige Freun­din zu kon­tak­tie­ren und zu fra­gen, ob sie nicht mit­kom­men möchte, brachte ich lei­der nicht auf. So fas­zi­nie­rend es war, wie sich Natur und Kos­mos ein paar Atem­züge lang berühr­ten und dies als Mensch mit­er­le­ben und bestau­nen zu dür­fen: Unver­gess­lich wurde die­ser Moment für mich, weil sich unsere Hände fan­den und ich spürte, dass sie genauso fühlte.

Viel­leicht liest sie in der Zei­tung davon oder sieht die Fins­ter­nis in den Fern­seh­nach­rich­ten und denkt an uns und die wort­lose Ver­bun­den­heit vor drei­zehn Jah­ren? Oder – das ist ver­rückt! Ist sie das nicht, die da hin­ten ihren Kof­fer vom Band nimmt?! Rena-Ida hat den glei­chen Flug genom­men, hat die ganze Zeit, all die Stun­den, mit mir im Flie­ger geses­sen, und ich hab’s nicht bemerkt!

Ich weiß nicht, was wer­den wird. Aber es wäre schön, wenn sich unsere Hände noch ein­mal so berüh­ren könn­ten, unter dem Tanz des Feu­ers auf dem Rand der Sonne.

 

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Mamih­la­pi­na­ta­pei

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»Ich betrete den Kor­ri­dor mit der Rose in der Hand«, malt sich in aller Deut­lich­keit der mond­ge­sich­tige Herr aus, der sich auf seine Ren­dez­vous immer gewis­sen­haft vor­be­rei­tet, »und klingle kurz bei ihr. Kurz, aber nicht zu kurz. Zwei­mal.« Alles ist bedacht, nichts über­lässt er dem Zufall, den er als sei­nen per­sön­li­chen Wider­sa­cher betrach­tet.

»Sie öff­net mir und freut sich über die Rose, die ich ihr zur Begrü­ßung rei­che. Im güns­ti­gen Fall ist sie bereits aus­geh­fer­tig. Sie wird die Rose aller­dings ins Was­ser stel­len wol­len.« Der mond­ge­sich­tige Herr möchte die Damen, mit denen er sich ver­ab­re­det, aus­füh­ren, aber kei­nes­falls in ihre Woh­nun­gen gehen. Es sind weni­ger mora­li­sche Beden­ken als eine dif­fuse Angst davor, die jewei­lige Dame könne sich ein Haus­tier hal­ten oder – falls dies im Vor­feld zur Spra­che kam und von der besag­ten Dame ver­neint wurde – sie könne zufäl­lig das Haus­tier einer Freun­din oder eines Fami­li­en­mit­glieds zur Pflege genom­men haben.

»Ich werde solange war­ten«, souf­fliert sich der mond­ge­sich­tige Herr, wor­auf ihn aller­dings in sei­nem Gedan­ken­spiel die Dame bit­tet, dies nicht im Trep­pen­haus, son­dern in ihrer Diele zu tun; es werde auch nicht lange dau­ern. Der Herr mas­siert sich die Schläfe. Es muss einen ande­ren Weg geben.

»Also noch mal zurück an den Anfang«, sagt er sich. Zuerst besorgt er die bei­den Thea­ter­kar­ten, dann klei­det er sich dem Anlass ent­spre­chend und par­fü­miert sich, »ein wenig beid­sei­tig am Hals, nicht jedoch über den Anflug eines Wohl­ge­ru­ches hin­aus oder gar auf­dring­lich«, um dann mit dem guten Geh­stock das Haus zu ver­las­sen und im Blu­men­la­den eine schöne und lang­stie­lige weiße Rose zu erwer­ben, mit der er an der Con­cierge vor­bei, sie »knapp und kei­nes­falls zu freund­lich oder etwa unsi­cher« grü­ßend, die Stiege zwei Stock­werke hin­auf­steigt.

Doch nun fällt ihm, seine Über­le­gun­gen abrupt unter­bre­chend, ein, dass er die ent­spre­chende Dame noch gar nicht gefragt hat, ob sie denn mit ihm ins Thea­ter gehen würde. Dies ist ein Ele­ment des gesam­ten Ablaufs der erwünsch­ten Abend­ge­stal­tung, das dem mond­ge­sich­ti­gen Herrn fast ebenso sehr miss­fällt wie der Gedanke, auf ein Haus­tier zu sto­ßen.

»Also noch mal ganz zurück an den Anfang«, sagt er sich. »Ich trete mit einem Lächeln vor die Per­son, gewin­nend, kei­nes­falls ein Grin­sen, son­dern eher fein und hin­ter­grün­dig, ent­biete ihr mei­nen Gruß und frage sie höf­lich, aber bestimmt, ob sie mir viel­leicht die Ehre erwei­sen würde, mit mir ins Thea­ter zu gehen.« Der mond­ge­sich­tige Herr hat bereits eine Auf­füh­rung ins Auge gefasst. Es ist eine Col­lage aus Stü­cken des Absur­den Thea­ters in einem klei­nen Pro­gramm­thea­ter der Stadt. Aus­ge­sucht hat er sie weni­ger des Inhalts wegen oder auf­grund des Namens des Regis­seurs, der ihm nichts sagt, als wegen des Titels Wir müs­sen drau­ßen blei­ben. Ein Anruf hat ihm bestä­tigt, dass weder Haus­tiere auf der Bühne zum Ein­satz kom­men noch Haus­tiere in Beglei­tung der Besu­cher erlaubt sind.

Spä­ter am Abend aller­dings wird die detail­lier­ten Pla­nun­gen des mond­ge­sich­ti­gen Herrn die Tat­sa­che durch­kreu­zen, dass er die Dame, auf die sich seine Über­le­gun­gen bezie­hen, noch gar nicht ken­nen­ge­lernt hat, und er wird wei­tere Vor­be­rei­tun­gen frus­tiert, aber auch ein wenig erleich­tert auf den fol­gen­den Tag ver­schie­ben.

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Still There

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Ich betrete den Kor­ri­dor mit Trä­nen in den Augen. Hier bin ich nicht mehr gewe­sen, seit ich dich ver­lo­ren habe. Ich hatte immer Angst, ich würde hier vor Wut alles zer­trüm­mern. Aber jetzt emp­finde ich ein­fach nur die ver­traute Trauer, die sich wie eine Ver­nar­bung auf mei­nem Her­zen anfühlt und bei jedem Wet­ter­um­schwung stumpf schmerzt.

Hier, in dem lan­gen Kor­ri­dor, der die bei­den Gebäu­de­teile der Biblio­thek mit­ein­an­der ver­bin­det, sind wir uns das erste Mal begeg­net. Es war kalt, weil sie hier nicht hei­zen, und du standst am Fens­ter und starr­test ver­zückt die Bäume an: Die Sonne war her­aus­ge­kom­men und ließ den kris­tal­li­sier­ten Schnee auf den Ästen magisch glit­zern. Ich trat neben dich, und du nahmst mich bei der Hand und zeig­test mir das Schim­mern des Win­ters. Doch ich blickte nur dich an, denn du hat­test da auch ein Fun­keln wie von Schnee­kris­tal­len in den Augen. Mir wurde ganz heiß davon. Da schim­merte ein Schatz, den ich unbe­dingt besit­zen musste.

Das Sofa an der Kor­ri­dor­wand, in dem wir uns so oft mit unse­ren Fund­stü­cken tra­fen und anein­an­der­ge­schmiegt drin lasen – oft einer im Buch des ande­ren – haben sie weg­ge­räumt. Es ist fort, so wie du, nur noch eine Erin­ne­rung: Es exis­tiert ein Foto von uns bei­den auf dem Sofa – mit Selbst­aus­lö­ser geschos­sen. Wir bli­cken beide ernst in unsere Lek­türe. Dabei muss­ten wir vor­her schon kichern und bra­chen, nach­dem es dann end­lich geblitzt hatte, in so lau­tes Lachen aus, dass eine Biblio­the­ka­rin her­ein­kam und nach dem Rech­ten sah.

Das Foto zeigt indes­sen nichts von dem Kichern und Lachen. Es zeigt uns zwei, wie wir uns mit stei­ner­nen Mie­nen in unsere zwei Bücher ver­tie­fen. Viel­leicht ist das mit dem Leben genauso. Es zeigt uns, wie wir die Rolle spie­len, die wir uns aus­ge­dacht haben. Es wäre schön, dich irgendwo von ferne laut­hals lachen zu hören. Aber auch trau­rig, weil ich in die­ses Geläch­ter nicht ein­stim­men kann: Anders als du bin ich noch ganz in mei­ner Rolle gefan­gen.

Drau­ßen liegt Schnee, wie damals. Die Sonne zeigt sich dies­mal nicht, son­dern ver­steckt sich hin­ter einem wat­tig-grauen Wol­ken­schleier. Aber sie ist da, muss da sein, und viel­leicht hat ja das Wis­sen, dass etwas exis­tie­ren kann, auch wenn wir es nicht sehen, zu allem geführt, was sich die Men­schen über ein Leben nach dem Tod vor­stel­len? Erle­ben zu müs­sen, wie geliebte Men­schen ster­ben, sie zu ver­mis­sen und selbst damit kon­fron­tiert zu sein, dass irgend­wann die Zeit abläuft: Könnte es sein, das dies der Grund für uns Men­schen war, uns ein Jen­seits aus­zu­den­ken, Toten­kult zu betrei­ben, Reli­gio­nen zu erfin­den und den Ver­lust gelieb­ter Men­schen mit Hilfe der täg­li­chen Arbeit, mit Luxus, Ver­gnü­gen, Dro­gen, Hob­bys, Obses­sio­nen zu ver­ges­sen und ver­drän­gen? Und erzäh­len wir uns all diese Geschich­ten, die in den unzäh­li­gen Büchern ste­hen, nicht ein­fach nur, um uns ein­zu­re­den, alles habe sei­nen Sinn und sei gut?

Ich bli­cke auf die Bäume. Der Schnee auf den Ästen ist grau. Keine Nadeira tritt neben mich. Ich weiß nicht, was ich mir davon erhofft habe, hier­her zu kom­men. Ein über­na­tür­li­ches Zei­chen? Eine innere Hei­lung? Irgend­et­was, das mir den Druck von der Brust nimmt, der immer wie­der Trä­nen in meine Augen treibt?

Mir fällt ein, dass ich ein­mal deine Lieb­lings­kaf­fee­tasse, die aus Knos­sos mit den Del­fi­nen drauf, beim Abtrock­nen fal­len ließ und sie in tau­send Split­ter zer­brach. Ich sah, wie weh dir das tat, und sagte so was wie: »Oh, ver­flixt, Naddi, ich bin untröst­lich, ehr­lich!« Du hast nur den Kopf geschüt­telt und gesagt: »Das will ich nicht hof­fen, dass du ›untröst­lich‹ bist. Das wäre schreck­lich. Wer untröst­lich ist, ist nicht bei Trost.«

Ich weiß nicht, wie man »bei Trost« ist. Du hast dich immer an den Fak­ten ori­en­tiert und genau hin­ge­se­hen: Viel­leicht ist das die Ant­wort. Wir müs­sen uns keine Geschich­ten erzäh­len, keine Mythen, kein Jen­seits, keine Wie­der­ge­burt, keine Engel und unsterb­li­chen See­len erfin­den. Wir müs­sen uns auch nicht ablen­ken. Die Sonne bleibt hin­ter den Wol­ken, es ist kalt, der Schnee ist grau, und ich bli­cke den Tat­sa­chen uner­schro­cken ins Gesicht. Die wahre Magie ist ganz schlicht: Du bist fort, aber ich bin noch hier. Das bewusst zu spü­ren ist viel­leicht das größte Geheim­nis des Seins – und womög­lich der ein­zige wirk­li­che Trost.