Ich betrete den Korridor zwischen den Servern und schiebe meinen Werkzeugwagen durch die riesige Halle. Heute ist der Tag! Früh am Morgen kam die SMS, dass es soweit ist: Wir schlagen zu. Weltweit begeben sich die Mitglieder meines Teams in die großen Serverräume, und um genau 12 Uhr MEZ lassen wir dort unsere Bomben hochgehen.
Nine-Eleven, der 11. September, war nur ein kleiner Vorgeschmack. Diesmal zerstören wir mit einem Schlag das gesamte Internet, diese Quelle des Bösen und Verderbten. Der Westen wird straucheln und stürzen.
Wir alle, die wir uns jahrelang auf diese Aktion im Namen Gottes und unseres Anführers vorbereitet und unter falschem Namen in die Serverfarmen eingeschleust haben, werden sterben, aber Allah wird uns als Märtyrer reich belohnen. Und damit die Ungläubigen wissen, wem sie diesen Schlag zu verdanken haben, haben wir eine Website vorbereitet, auf der unsere Bekennervideos zu sehen und zu hören sind – damit sie unsere Familien mit Stolz erfüllen.
Die Bombe ist im Werkzeugwagen versteckt. Niemand hier ahnt etwas, niemand hat mir etwas angemerkt. Gleich ist es 12 Uhr MEZ. Ich lege die Hand an den Zünder. Aber Augenblick mal! Wollen wir tatsächlich der Welt die Zerstörung des Internets mit einer Website mitteilen? Ist das nicht ein Denkfehler? Allmächtiger! Es ist Punkt zwölf. Ich müsste jetzt die Bombe zünden. Meine Hand zittert. Soll ich diese Server hier nicht besser aussparen? Wenigstens sie?
Ja. Sonst wäre alles vergebens.
Ich muss dieses Opfer bringen. Es gibt keinen anderen Weg.
Ich betrete den Korridor und bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass es der ist, der mich in die Installation hineingeführt hat. Aber es gibt keinen Ausgang. Stattdessen knickt am Ende des Korridors ein weiterer ab, der genauso aussieht: chromglänzender Boden, chromglänzende Decke, und die Seitenwände sind milchig weiß. Von dem knickt wieder ein weiterer dieser Korridore ab. Ist das jetzt endlich der, der mich wieder hinausführt?
Die Installation mit dem Titel »Birth of Transhumanism––Death No More«, die diesen Teil der Ausstellungsräume fast komplett ausfüllt, darf man nur einzeln betreten. Blöd von mir, nicht mehr den Ausgang zu finden. Andere Ausstellungsbesucher müssen jetzt warten. Habe ich etwas übersehen? Ich trete an die Milchglaswand heran und versuche hindurchzublicken. Doch nichts zeichnet sich dahinter ab. Ich werde einfach weitergehen. Irgendwo muss doch ein Ausgang sein, oder zumindest der Eingang, durch den ich hineingekommen bin. Korridor um Korridor knickt ab.
Was will mir die Künstlerin sagen? Unter »Transhumanismus« habe ich mir etwas ganz anderes vorgestellt: technische Implantate, die uns Menschen stärker machen, schneller, klüger. Oder die künstlerische Umsetzung des Uploads meiner Erinnerungen und meiner Persönlichkeit in einen Computer, mit dem der Mensch – »Death No More« – quasi unsterblich wird. Die technoiden Träume der Transhumanisten halt. Doch nichts davon. Glänzender Chrom, Milchglas – das ist alles. Außer mir natürlich, der ich durch diese Korridore laufe und den Ausgang suche.
Ein Schatten hinter einer der Milchglaswände: Unscharf erkenne ich eine Person, sie tritt näher an die Scheibe, beschirmt die Augen mit einer Hand und versucht, durch das Milchglas hindurchzusehen. Ich will mich gerade bemerkbar machen, da wird mir plötzlich klar, dass ich das bin. Ich selbst bin es, wie ich vor einigen Minuten versucht habe, durch eine der Korridorwände hindurchzusehen – und ein ganz eigenartiges Gefühl durchfährt mich, und die Härchen auf meinen Armen stellen sich auf. Die Figur, mein Alter Ego, tritt wieder in die Unschärfe zurück, verschwimmt in der milchigen Helle und löst sich schließlich darin auf.
Mich erfasst eine unbestimmte Angst. Die Angst, mir selbst zu begegnen? Nie mehr den Ausgang zu finden? Von den Korridoren aus Chrom und Glas verschlungen zu werden? »Hallo?«, rufe ich zögernd. »Hört mich jemand? Gibt’s hier einen Techniker? Ich möchte jetzt gerne wieder raus aus der Installation!« Keine Antwort. Ich gehe schnellen Schrittes weiter, verfalle sogar in Laufschritt.
Dann ein leises Knirschen hinter mir. Dort, am Ende des Korridors, hat sich etwas verändert. Wurden Wände verrückt? Ich höre verhalltes Stimmengemurmel. Das Licht ist ein anderes: Das muss der Ausgang sein! Ich atme tief durch und gehe gemessenen Schrittes durch den Korridor zurück. Er knickt ab und – öffnet sich in die Ausstellungshalle. Die Besucherschlange, die in die Installation hineinmöchte, ist inzwischen noch länger geworden. Der Wärter klinkt die dicke rote Kordel aus, die den Durchlass absperrt. Ein älterer Mann mit Brille und einer roten Samtweste ist als Nächstes an der Reihe. »Und, wie ist es da drin?«, fragt er. Ich versuche ein Lächeln. »Eindrücklich«, sage ich.
Später wird mir klar, dass es eine versteckte Kamera gewesen sein muss: Eine Kamera hat aufgezeichnet, wie ich versuchte, durch die Milchglaswand hindurchzusehen, und das wurde dann später auf eine der Wände projiziert. Vermutlich machen sie das bei jedem Besucher so.
Ich habe also ganz grundlos Herzrasen bekommen. Peinlich, in der Installation um Hilfe zu rufen. Hoffentlich hat mich draußen keiner gehört.
Ich betrete den Korridor wie jeden Tag, bevor die Verhandlungen beginnen. Diesen Moment liebe ich – der Klang des Korridors, sein Nachhall, ist ein ganz anderer als der im Treppenhaus, auch wenn hier der Boden ebenfalls aus Marmor ist. Teppich und Tapeten würden ihn für mich zu einem unbestimmten Etwas werden lassen, zu einem dunklen Loch, dessen Begrenzungen ich nur schwer erlauschen kann. Doch der Marmorboden und die glatten Steinwände zeigen sich mir deutlich und geben mir ein Gefühl der Sicherheit und Vertrautheit.
Mein Stock stößt an etwas, das einen dumpfen Ton erzeugt. Hier stehen große, schwere Vasen an den Wänden zwischen den Türen zu den Sälen. Eigentlich könnte ich den Stab schon einklappen und verschwinden lassen, denn ich kenne hier jeden Schritt. Aber ich mag die vertrauten Geräusche: die großen Tonvasen, die Holzrahmen der Türen, das Metall der Stuhlbeine. Es ist jeden Morgen mein persönliches kleines Konzert, der Blindenstock mein Instrument.
Mein Platz vor der Schreibmaschine. Ich setze mich, klappe meinen Stock zusammen, verstaue ihn in der Schublade, und mit wenigen Handgriffen vergewissere ich mich, dass alles an seinem Platz ist.
»Justitia ist auch blind, oder?«, hatte ich gefragt, als ich spürte, dass meine Gegenüber konsterniert waren und nicht wussten, wie sie das Bewerbungsgespräch eröffnen sollten. Letztlich haben sie dann meine Fähigkeiten überzeugt: schnelle Finger, sechs Fremdsprachen und ein unbestechliches Ohr.
Ich komme immer vor allen anderen hierher. Das ist dann der Moment, in dem ich lausche. Ich kann den Verkehr draußen hören, die Vögel in den Bäumen, und dann wenig später, wie das Gerichtsgebäude langsam erwacht: ferne gedämpfte Stimmen, Schritte, Türenschlagen, das Quietschen des Wägelchens mit den Akten …
Niemand beachtet mich, während die Hauptverhandlungen im Gange sind. Ich sitze mit dem Rücken zum Publikum, aber auch die Kläger oder Angeklagten sehen mir nicht ins Gesicht. Niemandem fällt etwas auf. Meine Finger huschen über die Tasten der Stenografie-Schreibmaschine, ein leises beständiges Klicken nur, das bald keiner der Anwesenden mehr bewusst wahrnimmt.
Ich stehe erst auf und gehe wieder, wenn der Saal sich geleert hat. Vorher tue ich beschäftigt und säubere mit einem Tuch penibel meine Schreibmaschine.
Manchmal kann ich die Lügen heraushören. Oder das Verschweigen. Manchmal Verzweiflung und Unverständnis. Manchmal, dass sich der Anwalt besonders schlau vorkommt, oder auch die Voreingenommenheit des Richters oder der Richterin. Oft geht es laut und direkt und aufgebracht zu. Lieber jedoch sind mir die leisen Zwischentöne. Sie stehen nicht in meinem Protokoll – ebensowenig wie die Wut, mit der manche Tiraden vorgetragen werden. Das gibt nur den genauen Wortlaut wieder und nicht, wie die Worte gesprochen wurden.
Auch die Urteilsverkündung protokolliere ich wörtlich mit. Manchmal sträuben sich meine Finger dagegen, wenn ich es für ein Fehlurteil halte – ob es nun ein Freispruch ist oder eine zu hohe Strafe. Aber auch dies muss, Wort für Wort, niedergeschrieben werden. Meine Meinung tut da nichts weiter zur Sache.
Vielleicht trägt Justitia ja ihre Augenbinde, damit man sie nicht weinen sieht.
Ich betrete den Korridor. Es ist ein kleines Hospiz, und der Korridor, der zu den Zimmern führt, endet in einer Art Wintergarten mit zwei, drei großen Grünpflanzen und einem Korbsessel. Dort setze ich mich hinein, denn ich will das Gespräch von gerade eben noch einmal Revue passieren lassen.
Es ist seltsam, dass es mir als ihr Seelsorger fast immer umgekehrt wie den Sterbenden selbst geht. Bei denen, die kämpfen, sich ans Leben klammern und nicht wahrhaben wollen, dass es mit ihnen zu Ende geht – warum sind sie sonst hier im Hospiz? –, kann ich leicht loslassen. Doch die, die ihren Widerstand aufgegeben haben und ihrem Ableben gelassen entgegensehen: Die lassen mich nicht los. Sie wollen mir einfach nicht aus dem Kopf gehen und verfolgen mich manchmal bis in den Schlaf.
Dabei müsste ich mir doch um ihre Seelen gar keine Sorgen machen. Oder ist es meine Seele, die mich sorgt? Vielleicht sollte ich auch einmal ihr achtsam und unvoreingenommen zuhören.
Ich betrete den Korridor. Die hutzlige Inderin mit dem freundlichen, zahnlosen Lachen winkt mich weiter. Ich betrete einen Raum mit Lehmboden, in dem ein Hocker vor einer der Fensteröffnungen steht. Auf einer Art Nachttisch steht ein Ganesha, landestypisch mit Farbe bekleckert und von Blütenblättern übergossen. Die Zikaden im Dschungel, der gleich hinter dem verfallenen Tempel beginnt, lärmen fast ohrenbetäubend. Ich setze mich und warte.
Nach einiger Zeit bringt mir die Alte einen Tee. Er sieht nicht aus, als würde er westlichen Hygieneansprüchen genügen. Als die Frau wieder gegangen ist, schütte ich ihn weg. Ich bin wegen der Palmblätter hier, nicht um Tee zu trinken.
Ein junger Inder erscheint. Er trägt ein Ziegenbärtchen und Pferdeschwanz, das offene Hawaiihemd bringt seine haarlose und schokoladenbraune Brust bestens zur Geltung. Er grinst mich unverschämt an und klappt ein Laptop auf. Ich muss noch einmal meinen Namen und mein Geburtsdatum nennen. Er tippt beides ein, lässt mich jedoch nicht auf seinen Monitor gucken. Er hat schöne Hände mit schlanken beringten Fingern, aber offenbar eine Verletzung oder Entzündung am Nagelbett des linken Zeigefingers.
Sein Englisch ist halbwegs verständlich. Anscheinend findet er das Palmblatt für mich. »I got you«, sagt er. Die Prophezeiungen sind Jahrhunderte alt und mussten bis dato mehrfach kopiert werden, da das organische Material, auf denen sie geschrieben stehen, mit der Zeit wegfault. Es heißt, es seien hier die Lebensgeschichten all jener Menschen verzeichnet, die herkommen und nach ihrem Blatt fragen. Ich habe achtzig Dollar gezahlt, um zu erfahren, was die uralten Manuskripte über mich wissen.
Sie sind in Pali verfasst, einer nicht mehr gebräuchlichen Schrift, und eigentlich können sie nur geschulte Brahmanen lesen. Dass hier das Computerzeitalter Eingang gefunden hat, überrascht mich.
Der Halbstarke grinst. Sein schwarzes Haar ist ölig, und irgendwie kommt mir auch sein ganzes Auftreten so vor. Wenigstens hat er bisher noch nicht – wie es bei Indern zum guten Ton zu gehören scheint – seinen Rotz hochgezogen und vor sich auf den Boden gespuckt. »I got your whole story here«, sagt er. Dann wird sein Grinsen noch breiter: »Spoiler alert!« Den Witz macht er bestimmt jedes Mal.
Mir ist nicht nach Lachen zumute. In den alten Handschriften soll auch das jeweilige Todesdatum verzeichnet sein. Der »Spoiler alert«, in Beschreibungen von Filmen oder Spielen eine Warnung davor, dass hier überraschende Wendungen und Entwicklungen verraten werden, ist also durchaus angebracht.
Der junge Inder zieht einen altersschwachen Cassettenrecorder vom unteren Bord des Ganesha-Altars hervor – so viel zum Computerzeitalter in Indien. Er wartet erst mein Nicken ab, bevor er auf die Aufnahme-Taste drückt. Dann liest er von seinem Monitor meine bisherige Lebensgeschichte ab. Die beschriebenen Ereignisse sind nicht sehr spezifisch, und wenig überraschend wird dann meine große Indienreise erwähnt.
Da lerne ich, heißt es, eine Frau kennen, Indraea, eine Inderin, die ich bald darauf heirate. Sie bekommt Zwillinge, und ich mache in Köln ein Restaurant auf, ein indisches Restaurant. Viele Jahre später werde ich bei einer Auseinandersetzung um Schutzgelder für mein Restaurant verprügelt und falle in ein Koma, aus dem ich – ein genauer Sterbetag wird nicht genannt – nicht mehr erwache.
Damit endet der Bericht.
Der Inder drückt auf die Stopptaste des Recorders, lässt die Cassette herausspringen und überreicht sie mir. Ich nehme sie nicht an.
»Hör mal, Jungchen«, sage ich, natürlich auf Englisch, »ich bin schwul und mache mir nichts aus Frauen, und aus Inderinnen schon gar nicht. Außerdem arbeite ich erfolgreich als Case Manager in einem großen deutschen Krankenhaus und werde den Teufel tun und ein Restaurant aufmachen! Das ist doch alles bullshit.«
Plötzlich versteht der Kerl kein Englisch mehr. »No, no«, beschwichtigt er mich, »it’s all true, all true. Never fail. Will be happy life for you. You will see, happy life.« Er legt mir die Cassette in den Schoß. Dann klappt er sein Laptop zu und verschwindet.
Irgendwie komme ich mir verarscht vor. Das war doch reine Abzocke. Wäre ich hier in einem Rechtsstaat, würde ich diesen Palmblatt-Filou und seine Oma vor Gericht zerren und ihnen gründlich das Handwerk legen.
Die zahnlose Alte kommt, um mich abzuholen und nach draußen zu bringen. Sie nimmt mir die Cassette aus dem Schoß, hält sie hoch, schüttelt sie ein wenig, hält sie ans Ohr und mimt dann großes Erstaunen: »Ah! Oh! Happy life!« Vermutlich die einzigen Worte, die sie auf Englisch beherrscht. Sie reicht mir die Cassette zurück, legt die Hände vor ihrer Brust zusammen, verneigt sich vor mir und zieht mich dann, mädchenhaft kichernd, an einer Hand aus dem Raum zurück in den Korridor, einem Bretterverhau, der in den Eingangsbereich führt.
Hier wartet inzwischen ein weiterer Besucher, offenbar ebenfalls Deutscher. Sein T‑Shirt ist durchgeschwitzt, mit einem Taschentuch tupft er sich den Schweiß von der Stirn. Er sieht furchtbar nervös aus. Ich grinse ihn an, hole die Cassette hervor, schüttle sie, imitiere ein indisches »Happy life, happy life for you!« und reiche sie ihm. Verdattert sieht der Mann mir nach.
Dieses Schicksal kann ich nicht akzeptieren. Es gibt noch weitere Palmblattbibliotheken im Land, die ausländischen Besuchern das Geld aus der Tasche ziehen. Ich besteige mein Miet-Motorrad. Es muss etwas Besseres für mich bestimmt sein.
Ich betrete den Korridor, seit vielen Jahren schon ein Ritual, das ich liebgewonnen habe. Als ich damals als junger Mann, vor über fünfzig Jahren, in den Plattenbau zog, machte am gleichen Tag auch ein anderer junger Mann den Umzug hierher. Wir waren uns von Anfang an suspekt: Ständig lud er unterschiedliche junge Frauen zu sich ein, und es dröhnte bei ihm oft laute Westmusik. Ich hoffte insgeheim, irgendjemand hier bei uns in der Platte schwärzt ihn an, aber es ist nie etwas passiert.
In meine Wohnung lud ich, und da war ich eigentlich schon kein junger Mann mehr, nur eine einzige Frau ein, und das war dann auch gleich die, die ich heiratete und die wenig später zu mir zog. Eine größere Wohnung hätten wir wohl nur bekommen, wenn wir Kinder in die Welt gesetzt hätten, aber wir hatten ja unsere Datsche an der Bahntrasse.
Bei meinem Nachbarn den Flur runter zog niemand ein, und er hatte auch keine Datsche, sondern ein Motorrad. Er ließ sich einen Bart stehen und lange Haare, um die er irgendwann ein Gummi drumbinden musste. Die Frauen, die er zu sich holte, wurden jünger und blieben oft nicht mal bis zum Morgen. Die Jahre zogen ins Land. Die Mauer fiel. Jetzt dröhnte überall Westmusik. Viele zogen weg. Ich und mein Nachbar vom Ende des Flurs – wir hielten die Stellung.
Als meine Frau starb, blieb mir unser Kanarienvogel und die Datsche. Ich beantragte Frührente und bekam dann wenig später tatsächlich den Bescheid.
Das war an dem Tag, an dem sie die Platte gegenüber sprengten. Jetzt konnte man von den Fenstern im Wohnungsflur aus die Sonne untergehen sehen. Ich hatte mir immer schon irgendwas Besseres als das Fernsehprogramm gewünscht. Jetzt stellte ich mich Abend für Abend an eines der Fenster im Korridor, sah der Sonne zu, wie sie hinter die Bäume sank, und blickte auf den Verkehr runter und auf die Passanten.
Und er, der Kerl vom Ende des Flurs, immer noch mit Bart und Pferdeschwanz, wenn auch inzwischen grau, stellte sich eines Tages zu mir. Zuerst standen wir schweigend da und sahen, jeder für sich, der Sonne zu, wie sie unmerklich tiefer rutschte. Dann räusperte er sich und sagte: »Ich erinnere mich, dass …«, worauf er begann, etwas aus der Zeit damals zu erzählen, als wir noch jung waren und Bürger der DDR. Ich sagte nichts dazu. Wir schwiegen wieder, bis die Sonne endgültig untergegangen war, und gingen zurück in unsere Wohnungen.
Am nächsten Abend hatte er zwei Bierflaschen dabei. Eine gab er mir. Wir prosteten uns nicht zu, sondern tranken schweigend. Der Himmel war bewölkt. Ich sagte nach einer Weile: »Also ich erinnere mich daran, dass …« und erzählte von einer Urlaubsreise nach Ungarn mit meiner Frau vor vielen, vielen Jahren. Er hörte schweigend zu und – das sah ich als Bewegung in der Fensterspiegelung – nickte manchmal.
Seitdem standen wir jeden Abend dort und erzählten uns abwechselnd eine Erinnerung aus unserem Leben. Oft waren es ganz banale Dinge. Aber es tat gut, sie jemandem erzählen zu können.
Bis gestern.
Gestern war alles anders. Mein Nachbar war an der Reihe mit seiner Geschichte, doch er stand lange schweigend da. Seine Bierflasche war schon fast leer, als er endlich etwas sagte.
»Ich habe einen Sohn. Er hat mir einen Platz in einem Altenheim besorgt. Ich habe ein wenig Angst, aber alle sagen, es sei das Beste so.«
Ein Sohn? Das wusste ich nicht, davon hatte er nie erzählt. Ich sah ihn an. Sonst schauten wir immer nur raus in den Himmel und auf die Straße, und ich hatte ihn noch nie eingehend betrachtet. Er war faltig und dürr geworden, mit Flecken auf den Händen, dem Hals und im Gesicht. Ich sah gleich wieder aus dem Fenster, denn vermutlich war es mit mir genauso. Faltig und dürr.
»Gleich morgen früh ist der Umzug«, sagte er. Und: »Ich hoffe, da gibt es auch so ein Fenster. Und so jemanden wie dich.«
Wir duzen uns also, dachte ich. Hatte ich noch nie drüber nachgedacht. Aber warum eigentlich nicht?
Als er ging, sah ich ihm nach, bis er seine Wohnungstür erreicht hatte. Er blickte zu mir. Ich nickte ihm zu, und er nickte zurück, bevor er hinter seiner Wohnungstür verschwand.
Heute stehe nur ich vor dem Fenster. Graue Wolken verdecken die Sonne, aber ich weiß, dass sie trotzdem untergeht. Ich stelle mir vor, er stünde neben mir. »Ich erinnere mich noch, als …«, fange ich an. Dann stocke ich. Ist das nicht der Anfang geistiger Verwirrung? Aber was soll’s. Ich bin alt genug, um Selbstgespräche zu führen. Was schert mich, was andere von mir denken!
»Ich erinnere mich …«, sage ich und erzähle mir von meinem Leben. Es ist ein liebgewonnenes Ritual. Nur der graue, fleckige Himmel hört zu.
Ich betrete den Korridor auf dem Weg zu Zimmer Nr. 27, auf meinem Tablett ein Teller mit einem Coq au vin. Ich muss an Herrn Koriander denken. Er bestellte damals zweimal Coq au vin mit zwei Flaschen stillem Tafelwasser – und zwar jeweils für kurz nach Mitternacht. Er muss knapp ein Dutzend Mal hier bei uns im Hotel gewesen sein, immer nur für eine Nacht, im Abstand von zwei, drei Wochen. Aber jetzt hat er sich schon ein Jahr lang nicht mehr blicken lassen.
Ich vermisse ihn ein wenig, genau wie die seltsamen Treffen mit seinen nächtlichen Gästen und ihre obskure Unterhaltungen über den Mars, fremde Zivilisationen und nichtmenschliche Intelligenzen. Wie mag es Herrn Koriander ergangen sein, und was ist wohl aus seinen Notizen geworden, die er sich jedes Mal emsig in sein kleines ledergebundenes Büchlein geschrieben hat?
Manchmal, tief in der Nacht, wenn ich allein an unserer 24-Stunden-Rezeption ausharre, lasse ich die Begegnungen Revue passieren. Ich werde immer noch nicht schlau daraus, und es ist, als hätte ich da immer eine knappe Stunde lang in einen Film im Spätprogramm gezappt, dessen Anfang ich verpasst habe und dessen Ende mir vorenthalten wird.
Besonders eine der Geschichten, die Herr Korianders Gäste erzählt haben, will mir nicht aus dem Kopf gehen. Wenn ich mich recht entsinne, war es der Amerikaner mit der Hornbrille, der ein wenig Deutsch und offenbar auch Chinesisch sprechen konnte. Sie unterhielten sich gerade über verrückte, unmögliche Dinge, die auf fernen Planeten passiert sind, und unvermittelt wurde der Amerikaner ganz nachdenklich und erzählte etwas von Tausenden chinesischer Soldaten, denen im Krieg der Tod durch die Amerikaner drohte, weil sie aus Stolz nicht kapitulieren wollten. Dieses scheinbar unausweichliche Schicksal ließ den Offizier verzweifeln, bis er auf eine rettende Idee verfiel. »Ich ließ sie«, erzählte er, »in Mandarin die Worte ›Liebe‹, ›Pflicht‹, ›Menschlichkeit‹ und ›Tugend‹ rufen, während sie ihre Waffen niederlegten.« Und diese vier Wörter »ài zé rén dé« klangen dann in den Ohren der Amerikaner wie »I surrender«, »Ich ergebe mich«.
»Es war nur eine Formalie«, erzählte er, »aber damit wurden die Chinesen wie Kriegsgefangene behandelt und entgingen so dem Erschießungstod.« Er hatte ihnen das Leben gerettet!
Unser Koch Pascal meint, die Geschichte könne unmöglich wahr sein, weil China zuletzt im Koreakrieg gegen Amerika kämpfte – vor sechzig Jahren. Tatsächlich kam mir der Amerikaner längst nicht so alt vor, als könne er das selbst erlebt haben. Aber vielleicht habe ich ja auch etwas missverstanden und er hat von seinem Vater erzählt.
Jedenfalls ist das von den seltsamen und bizarren Geschehnissen, die Herr Koriander und seine Gäste am kleinen Tisch in Zimmer 27 beredeten, dasjenige, das mich am meisten beeindruckt und am tiefsten berührt hat. Auch ein Jahr später muss ich immer mal wieder daran denken.
»Liebe, Pflicht, Menschlichkeit und Tugend« – das könnte auch das Motto für einen aufmerksamen Zimmerservice sein, dessen wir uns hier im kleinen Landhotel rühmen. Also sehe ich zu, dass ich den Coq au vin serviere, solange er noch heiß ist.
Ich betrete den Korridor, in dem heute eine Sonnenfinsternis zu beobachten sein wird. Dessen Grenze verläuft irgendwo im Südpazifik. Indem ich meinen Fuß auf das Rollfeld von Darwin setze, betrete ich damit auch den Sonnenfinsterniskorridor. Ein gutes Gefühl, nach der langen Reise endlich angekommen zu sein.
Meine Freunde halten mich für verrückt. Für eine Sonnenfinsternis um die halbe Erdkugel fliegen?
Am 11. August 1999 habe ich meine damalige Freundin dafür nach Karlsruhe begleitet – widerstrebend, muss ich zugeben. Der Sonnenfinsterniskorridor verlief damals durch Deutschland. Aber was soll schon so toll daran sein, dass sich die Sonne kurz verdunkelt?
Wir erreichten eine große Wiese auf einem Hügel an einem Waldstück. Eine Menge Publikum hatte sich da außerhalb des Städtchens versammelt. Decken wurden ausgebreitet, Picknickkörbe ausgepackt, Kinder spielten Federball und warfen Frisbeescheiben, denen die Hunde hinterherliefen. Man zeigte sich gegenseitig die Pappbrillen mit silberner Folie – und beschwor die Wolken, doch bitte auseinanderzureißen, um wenigstens im entscheidenden Moment den Blick freizugeben.
Doch die Stoßgebete fruchteten nicht. Der Zeitpunkt rückte näher, es wurde zusehends dämmriger, mitten am Tag – und auch mich erfasste die eigenartige Stimmung. Die Tiere verhielten sich ängstlich, und wir Menschen verstummten. Plötzlich konnte ich verstehen, warum es für unsere Vorfahren so wichtig war, Sonnenfinsternisse richtig vorherzusagen, und sie riesige Steinkreise und Observatorien zu dem Zweck errichteten.
Das Zwitschern der Vögel – ich hatte es gar nicht bewusst wahrgenommen – hörte auf. Es wurde dunkel. Jetzt rissen doch noch kurz die Wolken auf, und ich konnte wenige Augenblicke lang die Korona sehen, ohne die Pappbrille mit Folie, die in diesem Moment nicht nötig war, um die Augen zu schützen. Wir, meine Liebste und ich, fassten uns, ohne den Blick vom Himmel zu lassen, an den Händen.
Es ist schwer zu beschreiben: ein besonderer, einzigartiger Moment. Ein dunkler Schatten legt sich über das Land, die Natur hält inne, und ein bisschen ist es so, als ob kurz die Zeit selbst zum Stillstand käme. Dann, eine kleine Ewigkeit später, hellt es wieder auf, das Leben, dem kurz den Atem gestockt hatte, kehrt zurück, und es erinnert nichts mehr daran, dass wenige Augenblicke lang am helllichten Tage die Nacht hereingebrochen war.
Sehr viele Gelegenheiten, dies mitzuerleben, gibt es nicht. Die Schutzbrille aus Pappe jedenfalls habe ich mir als Andenken verwahrt und mit nach Australien genommen. Hier steht die Chance gut, dass der Himmel wolkenfrei sein wird, im Kakadu-Nationalpark, dort, wo die Welt noch einmal für knapp zwei Minuten den Atem anhalten wird, wenn sich der Mond vor die Sonne schiebt und ihren glühenden Rand zum Vorschein bringt.
Den Mut, meine damalige Freundin zu kontaktieren und zu fragen, ob sie nicht mitkommen möchte, brachte ich leider nicht auf. So faszinierend es war, wie sich Natur und Kosmos ein paar Atemzüge lang berührten und dies als Mensch miterleben und bestaunen zu dürfen: Unvergesslich wurde dieser Moment für mich, weil sich unsere Hände fanden und ich spürte, dass sie genauso fühlte.
Vielleicht liest sie in der Zeitung davon oder sieht die Finsternis in den Fernsehnachrichten und denkt an uns und die wortlose Verbundenheit vor dreizehn Jahren? Oder – das ist verrückt! Ist sie das nicht, die da hinten ihren Koffer vom Band nimmt?! Rena-Ida hat den gleichen Flug genommen, hat die ganze Zeit, all die Stunden, mit mir im Flieger gesessen, und ich hab’s nicht bemerkt!
Ich weiß nicht, was werden wird. Aber es wäre schön, wenn sich unsere Hände noch einmal so berühren könnten, unter dem Tanz des Feuers auf dem Rand der Sonne.
»Ich betrete den Korridor mit der Rose in der Hand«, malt sich in aller Deutlichkeit der mondgesichtige Herr aus, der sich auf seine Rendezvous immer gewissenhaft vorbereitet, »und klingle kurz bei ihr. Kurz, aber nicht zu kurz. Zweimal.« Alles ist bedacht, nichts überlässt er dem Zufall, den er als seinen persönlichen Widersacher betrachtet.
»Sie öffnet mir und freut sich über die Rose, die ich ihr zur Begrüßung reiche. Im günstigen Fall ist sie bereits ausgehfertig. Sie wird die Rose allerdings ins Wasser stellen wollen.« Der mondgesichtige Herr möchte die Damen, mit denen er sich verabredet, ausführen, aber keinesfalls in ihre Wohnungen gehen. Es sind weniger moralische Bedenken als eine diffuse Angst davor, die jeweilige Dame könne sich ein Haustier halten oder – falls dies im Vorfeld zur Sprache kam und von der besagten Dame verneint wurde – sie könne zufällig das Haustier einer Freundin oder eines Familienmitglieds zur Pflege genommen haben.
»Ich werde solange warten«, souffliert sich der mondgesichtige Herr, worauf ihn allerdings in seinem Gedankenspiel die Dame bittet, dies nicht im Treppenhaus, sondern in ihrer Diele zu tun; es werde auch nicht lange dauern. Der Herr massiert sich die Schläfe. Es muss einen anderen Weg geben.
»Also noch mal zurück an den Anfang«, sagt er sich. Zuerst besorgt er die beiden Theaterkarten, dann kleidet er sich dem Anlass entsprechend und parfümiert sich, »ein wenig beidseitig am Hals, nicht jedoch über den Anflug eines Wohlgeruches hinaus oder gar aufdringlich«, um dann mit dem guten Gehstock das Haus zu verlassen und im Blumenladen eine schöne und langstielige weiße Rose zu erwerben, mit der er an der Concierge vorbei, sie »knapp und keinesfalls zu freundlich oder etwa unsicher« grüßend, die Stiege zwei Stockwerke hinaufsteigt.
Doch nun fällt ihm, seine Überlegungen abrupt unterbrechend, ein, dass er die entsprechende Dame noch gar nicht gefragt hat, ob sie denn mit ihm ins Theater gehen würde. Dies ist ein Element des gesamten Ablaufs der erwünschten Abendgestaltung, das dem mondgesichtigen Herrn fast ebenso sehr missfällt wie der Gedanke, auf ein Haustier zu stoßen.
»Also noch mal ganz zurück an den Anfang«, sagt er sich. »Ich trete mit einem Lächeln vor die Person, gewinnend, keinesfalls ein Grinsen, sondern eher fein und hintergründig, entbiete ihr meinen Gruß und frage sie höflich, aber bestimmt, ob sie mir vielleicht die Ehre erweisen würde, mit mir ins Theater zu gehen.« Der mondgesichtige Herr hat bereits eine Aufführung ins Auge gefasst. Es ist eine Collage aus Stücken des Absurden Theaters in einem kleinen Programmtheater der Stadt. Ausgesucht hat er sie weniger des Inhalts wegen oder aufgrund des Namens des Regisseurs, der ihm nichts sagt, als wegen des Titels Wir müssen draußen bleiben. Ein Anruf hat ihm bestätigt, dass weder Haustiere auf der Bühne zum Einsatz kommen noch Haustiere in Begleitung der Besucher erlaubt sind.
Später am Abend allerdings wird die detaillierten Planungen des mondgesichtigen Herrn die Tatsache durchkreuzen, dass er die Dame, auf die sich seine Überlegungen beziehen, noch gar nicht kennengelernt hat, und er wird weitere Vorbereitungen frustiert, aber auch ein wenig erleichtert auf den folgenden Tag verschieben.
Ich betrete den Korridor mit Tränen in den Augen. Hier bin ich nicht mehr gewesen, seit ich dich verloren habe. Ich hatte immer Angst, ich würde hier vor Wut alles zertrümmern. Aber jetzt empfinde ich einfach nur die vertraute Trauer, die sich wie eine Vernarbung auf meinem Herzen anfühlt und bei jedem Wetterumschwung stumpf schmerzt.
Hier, in dem langen Korridor, der die beiden Gebäudeteile der Bibliothek miteinander verbindet, sind wir uns das erste Mal begegnet. Es war kalt, weil sie hier nicht heizen, und du standst am Fenster und starrtest verzückt die Bäume an: Die Sonne war herausgekommen und ließ den kristallisierten Schnee auf den Ästen magisch glitzern. Ich trat neben dich, und du nahmst mich bei der Hand und zeigtest mir das Schimmern des Winters. Doch ich blickte nur dich an, denn du hattest da auch ein Funkeln wie von Schneekristallen in den Augen. Mir wurde ganz heiß davon. Da schimmerte ein Schatz, den ich unbedingt besitzen musste.
Das Sofa an der Korridorwand, in dem wir uns so oft mit unseren Fundstücken trafen und aneinandergeschmiegt drin lasen – oft einer im Buch des anderen – haben sie weggeräumt. Es ist fort, so wie du, nur noch eine Erinnerung: Es existiert ein Foto von uns beiden auf dem Sofa – mit Selbstauslöser geschossen. Wir blicken beide ernst in unsere Lektüre. Dabei mussten wir vorher schon kichern und brachen, nachdem es dann endlich geblitzt hatte, in so lautes Lachen aus, dass eine Bibliothekarin hereinkam und nach dem Rechten sah.
Das Foto zeigt indessen nichts von dem Kichern und Lachen. Es zeigt uns zwei, wie wir uns mit steinernen Mienen in unsere zwei Bücher vertiefen. Vielleicht ist das mit dem Leben genauso. Es zeigt uns, wie wir die Rolle spielen, die wir uns ausgedacht haben. Es wäre schön, dich irgendwo von ferne lauthals lachen zu hören. Aber auch traurig, weil ich in dieses Gelächter nicht einstimmen kann: Anders als du bin ich noch ganz in meiner Rolle gefangen.
Draußen liegt Schnee, wie damals. Die Sonne zeigt sich diesmal nicht, sondern versteckt sich hinter einem wattig-grauen Wolkenschleier. Aber sie ist da, muss da sein, und vielleicht hat ja das Wissen, dass etwas existieren kann, auch wenn wir es nicht sehen, zu allem geführt, was sich die Menschen über ein Leben nach dem Tod vorstellen? Erleben zu müssen, wie geliebte Menschen sterben, sie zu vermissen und selbst damit konfrontiert zu sein, dass irgendwann die Zeit abläuft: Könnte es sein, das dies der Grund für uns Menschen war, uns ein Jenseits auszudenken, Totenkult zu betreiben, Religionen zu erfinden und den Verlust geliebter Menschen mit Hilfe der täglichen Arbeit, mit Luxus, Vergnügen, Drogen, Hobbys, Obsessionen zu vergessen und verdrängen? Und erzählen wir uns all diese Geschichten, die in den unzähligen Büchern stehen, nicht einfach nur, um uns einzureden, alles habe seinen Sinn und sei gut?
Ich blicke auf die Bäume. Der Schnee auf den Ästen ist grau. Keine Nadeira tritt neben mich. Ich weiß nicht, was ich mir davon erhofft habe, hierher zu kommen. Ein übernatürliches Zeichen? Eine innere Heilung? Irgendetwas, das mir den Druck von der Brust nimmt, der immer wieder Tränen in meine Augen treibt?
Mir fällt ein, dass ich einmal deine Lieblingskaffeetasse, die aus Knossos mit den Delfinen drauf, beim Abtrocknen fallen ließ und sie in tausend Splitter zerbrach. Ich sah, wie weh dir das tat, und sagte so was wie: »Oh, verflixt, Naddi, ich bin untröstlich, ehrlich!« Du hast nur den Kopf geschüttelt und gesagt: »Das will ich nicht hoffen, dass du ›untröstlich‹ bist. Das wäre schrecklich. Wer untröstlich ist, ist nicht bei Trost.«
Ich weiß nicht, wie man »bei Trost« ist. Du hast dich immer an den Fakten orientiert und genau hingesehen: Vielleicht ist das die Antwort. Wir müssen uns keine Geschichten erzählen, keine Mythen, kein Jenseits, keine Wiedergeburt, keine Engel und unsterblichen Seelen erfinden. Wir müssen uns auch nicht ablenken. Die Sonne bleibt hinter den Wolken, es ist kalt, der Schnee ist grau, und ich blicke den Tatsachen unerschrocken ins Gesicht. Die wahre Magie ist ganz schlicht: Du bist fort, aber ich bin noch hier. Das bewusst zu spüren ist vielleicht das größte Geheimnis des Seins – und womöglich der einzige wirkliche Trost.