Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: klassisch

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Das Titelbild zeigt den Blick von einem Balkon mit Balustrade auf eine Stadt mit historischen Gebäuden und einem Turm mit Uhr. Auf dem Boden steht ein Aschenbecher, auf dem Geländer liegt ein gerahmtes Bild mit einer Piratenflagge.

♫ Kor­saren­stück ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor um Punkt elf. Nicole kommt ger­ade den Gang runter. Es ist unser Rit­u­al: um elf zum Raucherbalkon, nur wir bei­de, und eine Zigarette lang welt­be­we­gende Gespräche führen, um dann wieder in unsere jew­eili­gen Büros zu ver­schwinden.

»Wie läuft’s?«, frage ich sie, während ich mir schon eine Zigarette aus der Pack­ung hole. Sie raucht Selb­stge­drehte.

»Wenn doch nur schon Woch­enende wäre«, seufzt sie.

»Damit liegst du mir schon seit Mon­tag in den Ohren. Aber recht hast du natür­lich. Was hast’nn vor? Ein Date?«, frage ich lauernd.

Der kleine Raucherbalkon ist beset­zt. Ein Und­ing! Jed­er im Amt weiß, dass er um elf uns bei­den gehört. Tat­säch­lich räumt der Kerl auch sofort die Stel­lung. Es ist der Tech­niker, der für die Kopier­er zuständig ist.

»Süßer Hin­tern«, sage ich schmelzen­den Blick­es, als er um die näch­ste Ecke des Kor­ri­dors ver­schwun­den ist.

»Viel zu jung und unbe­darft.«

»Für dich vielle­icht. Du bist ja auch zwanzig Jahre älter als ich.«

Nicole stöh­nt: »Erin­nere mich bloß nicht daran. Dir ste­hen noch alle Typ…, äh, Türen offen. Bei mir ist der Zug abge­fahren. Alle guten Män­ner sind vergeben.«

»Ach was, der Richtige kommt schon noch.«

»Sagt mir meine Mut­ter auch, seit einem gefühlten hal­ben Jahrhun­dert.«

Wir lachen und ziehen an unseren Zigaret­ten. Män­ner. Unser Lieblings­the­ma Num­mer eins.

»Hast du eigentlich schon gebucht?«, frage ich sie. Urlaub. Unser Lieblings­the­ma Num­mer zwei.

»Zwei Wochen Appalachi­an Trail. Den Frust und ein paar Pfunde run­ter­wan­dern.«

»Das klingt aber nicht nach Vier-Sterne-Hotel …«

Nicole grinst: »Eher Null-Sterne. Es ist wie bei den Sch­neck­en. Du wan­der­st mit deinem Haus auf dem Rück­en.«

»Haus auf dem Rück­en?« Ich seh wohl ein wenig ver­dat­tert aus, denn Nicole lacht. »Na, das Zelt natür­lich.«

»Und da willst du einen Ami-Mil­lionär ken­nen­ler­nen?«

»Wieso Mil­lionär? Auf Geld kommt’s mir nicht an. Die Phase ist vor­bei. Es muss ein Aben­teur­er sein, ein Pirat oder so.«

Ich ver­drehe die Augen: »So ’ne Schwuch­tel aus der Karibik?«

Nicole muss wieder lachen. Es ist zu süß, wenn sie gluckst und es sie am ganzen Leib schüt­telt. »Nee«, sagt sie, als sie wieder zu Atem gekom­men ist, »ein­er, der sich was traut.«

»Aha«, sage ich ohne rechte Überzeu­gung.

»An mich ran zum Beispiel.« Es dauert einen Moment, bis ich’s kapiert habe, und dann gack­ern wir wieder. »Glaub­st du eigentlich«, fragt sie mich dann, »an Liebe auf den ersten Blick?«

»Klar«, sage ich, »hab ich schon erlebt. Schon mehrfach.«

»Was?« Nicole scheint verblüfft.

»Kel­lan Lutz«, sage ich. Nicole run­zelt die Stirn und schüt­telt den Kopf: nie gehört. »Twi­light«, set­ze ich nach, und dann noch mal mit »Bis(s) zum Mor­gen­grauen.« Nicole reißt entset­zt die Augen auf. Bevor sie etwas sagen kann, schlage ich ihr »Jörn Schlön­voigt« um die Ohren. Wieder wirkt sie über­rascht: »Aha. Hast du mir da was ver­schwiegen? Das klingt eher wie ein Typ dein­er Preisklasse …«

Ich rümpfe kurz die Nase, um ihr zu sig­nal­isieren, dass sie sich das mit der Preisklasse sparen kann und ich mich Kel­lan Lutz dur­chaus gewach­sen füh­le, und erk­läre: »GZSZ.« Nicole fällt alles aus dem Gesicht. Das war’s wert. Wir lachen.

»Ich red doch nicht von irgendwelchen Schaus­piel­ern, Lisa«, gibt sie zu Pro­tokoll, »und nicht vom Star­ren auf eine Lein­wand oder vom Glotzen in die Glotze …«

»Er singt auch«, unter­breche ich sie.

Nicole ächzt. Noch schlim­mer! »Ich red davon, dass du zufäl­lig irgend­wo, für einen Moment nur, einem frem­den Mann gegenüber­stehst, und es funkt. Und zwar so gewaltig, dass dir sämtliche Sicherun­gen durch­bren­nen, und ihm auch!«

»Soll passieren, ja«, sage ich, als mich Nicole antworthe­is­chend ansieht, »warum fragst du? Ist es dir schon mal so ergan­gen?«

Nicole nickt. »Das war im Kino­foy­er. Ich war betrunk­en, um nicht zu sagen ziem­lich dicht«, meint sie und grinst. Wir machen syn­chron unsere Zigaret­ten aus. Gehört zum Rit­u­al.

»Betrunk­en? Und er?«, frage ich.

»Er war ein lebens­großer Pap­pauf­steller von Bruce Willis.«

Wieder brauche ich eine Sekunde, um zu kapieren. Als wir uns vor meinem Büro tren­nen, um uns wieder unser­er Arbeit zuzuwen­den, lachen wir immer noch schal­lend.

93/398

Das Titelbild zeigt einen Arzt mit Stethoskop, der besorgt auf eine riesige Welle aus Sprechblasen blickt, die gegen ihn anrollt. Ein digitaler Button rechts oben zeigt das Piktogramm einer Spritze.

♫ Cuore non duole ♫


93/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor und eile ihn ent­lang bis zum Sem­i­nar­raum. Vor der Tür sitzen schon drei weit­ere SPs. Bin spät dran. John P. ist dabei. Er grinst mir ent­ge­gen: »Du bist als Erste dran. Der Pro­fes­sor ist schon wieder rein.« Wie immer genieße ich seinen goldigen britis­chen Akzent. »Dachte schon, ich muss die ›verkappte Depres­sion‹ für dich übernehmen!« Er weist knapp auf die Tür zum Sem­i­nar­raum, hin­ter der wie immer an die zwanzig Stu­den­ten auf uns warten.

Ich nicke den anderen Sim­u­lantenkol­le­gen kurz zu und set­ze mich zu ihnen.

Damit sich die Psy­cho­so­matik­er im acht­en Semes­ter mal mit dem wahren Leben auseinan­der­set­zen kön­nen, das sie nach der Aus­bil­dung erwartet, lassen ihre Pro­fes­soren sie zu Anfang jedes Jahres auf ›Sim­u­la­tion­spa­tien­ten‹ tre­f­fen. Also: auf uns, die SPs. Mit ein­er genau umris­se­nen und ein­studierten Rolle wer­den wir auf die ange­hen­den Ärzte los­ge­lassen – und da sie noch nie mit echt­en Patien­ten zu tun hat­ten, sind die wenig­sten von ihnen der Auf­gabe gewach­sen. Für die meis­ten stellen wir eine eben­so pein­liche wie prä­gende Erfahrung dar.

Ich gebe – für die Somatik­er – unter anderem auch Hys­terek­tomie, Sal­mo­nellen, die Ange­hörige eines Alzheimer-Falls und eine kreb­skranke und unwissentlich todgewei­hte mehrfache Mut­ter. Aber die Rollen für die Psy­cho­so­matik­er, also die Manien und die Depres­sio­nen – wie die »verkappte« von heute oder die »mit somato­former Schmerzstörung« –, sind mir die lieb­sten: Sie stellen schaus­pielerisch die größere Her­aus­forderung dar.

»Auch Schaus­pielerin und arbeit­s­los?«, fragt mich die Blonde mit den zer­fransten Haaren neben mir. Sie streckt mir ihre Hand ent­ge­gen: »Bin die Lara, hal­lo. Äh, ›Frau Edna Gierke‹ natür­lich.« Aha, dem­nach geben die drei die Fam­i­lie mit dem Halb­wüch­si­gen, der seine Insulin­spritzen abge­set­zt hat: der Vater arbeit­s­los, die Mut­ter Politesse. Das Vergnü­gen hat­te ich auch schon. Den Halb­wüch­si­gen spielt heute ein pick­liger Zwanzigjähriger mit Brille, der schwitzt und nervös auf seinem Stuhl hin- und her­rutscht.

»Frau Karsten«, stelle ich mich den bei­den mit meinem Rol­len­na­men vor. Um die vierzig, leicht übergewichtig, vor der Primär­diag­nose Angestellte bei der Telekom, geht mit ihrer Krankheit sehr ver­nun­fto­ri­en­tiert um usw.

Die Tür zum Sem­i­nar­raum geht auf. Ein Stu­dent in weißem Kit­tel tritt in den Kor­ri­dor. »Frau Karsten?«, fragt er forsch, als sei dies hier sein Wartez­im­mer. In Wirk­lichkeit ist er wahnsin­nig nervös: sein erster Patien­tenkon­takt. Den wird er so schnell nicht vergessen!

Ich springe auf und ziehe einen Briefum­schlag her­vor: »Herr Dok­tor, gut, dass Sie mich gle­ich dran­nehmen, sehen Sie nur, Herr Dok­tor, hier!« Ich lasse ihn in den Umschlag blick­en. Der Stu­dent reagiert erwartungs­gemäß ver­dat­tert. Es liegt ein Büschel Haare drin – die ich für diesen Zweck wochen­lang im Aus­guss mein­er Dusche gesam­melt habe. »Ich hab’s ger­ade schon Her­rn und Frau Gierke hier gezeigt«, flunk­ere ich unge­niert, »mir gehen die Haare aus!« Meine drei Kol­le­gen nick­en, aber ich achte nicht weit­er darauf. Meine Stimme wird schrill, und ich umk­lam­mere den Arm meines Arztes. »Das kann doch nur ein schlecht­es Zeichen sein, oder? Herr Dok­tor? Was meinen Sie? Sie sind doch der Experte. Ich will doch keine Glatze bekom­men!« Der Stu­dent weiß erst nicht, was er sagen soll, stot­tert dann: »Kom­men Sie äh doch erst ein­mal here­in, Frau äh Karsten.«

Ich folge ihm brav, drehe mich aber noch ein­mal um und zwinkere John P. zu. Wir sind alte Hasen im Geschäft und haben gle­ich gemerkt, dass dieser Weißkit­tel das erste Patien­tenge­spräch sein­er Kar­riere gründlich vergeigen wird.

117/398

Das Titelbild zeigt ein Krankenzimmer mit medizinischen und Messgeräten. Über dem leeren Krankenbett schwebt eine von einem weißen Tuch umhüllte, schlafende Frau. Der Raum hat eine Wolkentapete und ein Oberlicht, auf dem ein toter Vogel liegt.

♫ Embrace that Dis­tant Shore ♫


117/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor nach viel zu kurzem Schlaf. Aber so ist das hier im Schlafla­bor: Die Arbeit fällt haupt­säch­lich nachts an – die Proban­den schlafen, die Forsch­er wachen und sam­meln Dat­en. Dies­mal ver­suche ich, mit ein­er Probandin zu kom­mu­nizieren, die das Klarträu­men beherrscht. Ich trete in unseren Kon­troll­raum, von dem aus wir nach drei Seit­en durch hal­b­ver­spiegelte Scheiben in enge Schlafz­im­mer sehen. Nur ein Bett ist belegt.

Als mir der Enzephalo­graph anzeigt, dass die Stu­dentin träumt, lasse ich drei helle rote Blitze ihr kleines Zim­mer erhellen – als vorher abge­sproch­ene Hil­fe für sie, inner­halb des Traumes zur Luzid­ität zu erwachen, und eine Art Anklopfen bei ihr, dass wir sie kon­tak­tieren möcht­en. Sie ist eine unser­er erfahren­sten Klarträumerin­nen.

Die Bewe­gun­gen ihrer Augäpfel lassen, zeigt mir der entsprechende Mon­i­tor, jet­zt ein Muster erken­nen. Erst acht­mal ein Ruck nach links, dann ein­mal, dann zwölf­mal und noch ein­mal zwölf­mal, dann fün­fzehn­mal. Ein sim­pler Code: Sie hat mir ger­ade »Hal­lo« gesagt.

Über Laut­sprech­er frage ich, ob sie mich hören kann. Der Enzephalo­graph zeigt, dass sie schläft und träumt. Trotz­dem sig­nal­isiert sie mir mit ihren Augen: »Ja«. – »Dann los!«, sage ich. Sie ken­nt ihre Auf­gabe. Sie soll – im Traum und ohne aufzuwachen – ihren Kör­p­er hochschweben lassen bis über den Schrank in ihrem Raum und uns durchgeben, was für eine Zeich­nung sie sieht. Die haben wir – ohne sie selb­st zu ken­nen, denn sie wird per Zufall aus­gewählt – dort oben für sie platziert.

Kurze Zeit später sig­nal­isiert sie mir mit unserem etwas umständlichen, dafür aber sim­plen Code: »tot­er Vogel«. Ges­pan­nt eile ich zum Schrank.

Es ist kein tot­er Vogel, son­dern die Buch­staben-Zahlen-Kom­bi­na­tion F‑B3T-42. Ich bin ein wenig ent­täuscht, aber als Wis­senschaftler darf man sich nicht von Erwartun­gen leit­en lassen, son­dern muss sich allein an den Fak­ten ori­en­tieren. Und diese leg­en nahe, dass sie zwar geträumt hat, die gestellte Auf­gabe zu erfüllen, dies aber nur in ihrer Vorstel­lung tat und nicht etwa bei so etwas wie ein­er außerkör­per­lichen Erfahrung. Unsere Probandin gibt später zu Pro­tokoll, sie habe einen toten Eichel­häher gese­hen, doch das Wort schien ihr zu lang, um es per Augen­be­we­gung an uns durchzugeben.

Anderthalb Wochen nach diesem Ver­such beobachte ich zufäl­lig im Hof vor dem Flach­bau, der unsere Labore beherbergt, unseren Haus­meis­ter mit einem toten Eichel­häher in der Hand. Ich frage ihn danach, und er erk­lärt, seit unsere zwei Schorn­steine mit chromglänzen­den Met­all verklei­det wur­den, brechen sich auf dem Dach hin und wieder Vögel, die die Spiegelung für den Him­mel hal­ten, das Genick. Ich lasse mir von ihm auf dem Grun­driss des Gebäudes die Fund­stelle zeigen. Tat­säch­lich: Der tote Vogel lag genau über dem Schrank, auf dem wir unsere zufäl­li­gen Zeich­nun­gen platziert hat­ten. Nur eben ein paar Meter höher auf dem Dach.

Der Haus­meis­ter, ein Men­sch, der von uns Forsch­ern aller­hand Unsinn gewohnt ist, sah sich den Eichel­häher auf meine Frage hin genauer an, bohrte prüfend seinen Fin­ger unter die Fed­ern und meinte: »Klar kann der schon anderthalb Wochen da oben gele­gen haben. Aber was macht das schon fürn Unter­schied?« Ich bleibe ihm die Erk­lärung schuldig.

Die Ver­such­srei­he hat­ten wir bere­its abge­brochen, weil wir keine sig­nifikan­ten und wieder­hol­baren Ergeb­nisse erzie­len kon­nten. Zu vorschnell? Den Kol­le­gen erzäh­le ich nichts von dem toten Vogel. Mit so ein­er Anek­dote wür­den wir uns in Wis­senschaftlerkreisen nur lächer­lich machen.

135/398

Das Titelbild zeigt ein großes rundes, aus Holz bestehendes mechanisches Bauwerk mit mehreren Segmenten und geöffneten Türen, umgeben von Menschen in historischen Gewändern auf einem gepflasterten Hof vor einem Gebäude mit Arkaden. Ein digitaler Button links oben zeigt ein komplexes Diagramm umgeben von Buchstaben.

♫ Com­put­ing the Numen ♫


135/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der sich geöffnet hat, nach­dem Abdul und ich die großen hölz­er­nen Räder ein Stück weit­erge­dreht haben. Ich kann es immer noch nicht glauben. Nach so langer Zeit! Meine Ars magna ist bege­hbar gewor­den, und nun kön­nen alle sehen, wie groß, wie gewaltig, wie allmächtig Gott ist. Was bish­er nur ein paar beschriftete Ringe aus Papi­er waren, hat dieser geniale Kopf, den ich in der Dja­maa ez-Zitouna, der Ölbaum­moschee, traf, aus Holz zim­mern lassen. Nun gle­icht meine Ars magna, wenn man hochsteigt in eines der Minarette und sie von dort aus betra­chtet, ein­er riesi­gen umgestürzten Tur­muhr, die fast den gesamten Innen­hof aus­füllt, nur dass diese nicht die Zeit, son­dern die Wahrheit anzeigt.

Die Wahrheit muss logisch sein, denn Gott – oder Allah, wie sie ihn hier nen­nen – ver­wick­elt sich nicht wie wir Men­schen in Wider­sprüche. Diese Seine Wahrheit kann sich uns auf wun­der­bare Weise zeigen. Wie sie sich einst vor meinen Augen auf­tat, als ich beschriftete Papier­ringe übere­inan­der­schob und sich mir so die Ars magna offen­barte, so wird sie nun begreif­bar in Abduls großem Mech­a­nis­mus.

Wir haben die Voll­ständi­ge Fig­ur mit der Quadrierung und Tri­an­gulierung der vol­lkomme­nen Kre­is­form zur Grund­lage genom­men, und Abdul hat riesige, bewegliche Spe­ichen­räder dafür gefer­tigt. Jede Spe­iche trägt, in Latein und auf Ara­bisch, einen Begriff, und das Drehen der Räder ver­schiebt sie gegeneinan­der. Auf diesen The­olo­gen zu stoßen, der auch ein beg­nade­ter Kon­struk­teur ist, war ein großes Glück für mich. Jet­zt kann ich die Tugen­den Gottes buch­stäblich kör­per­lich durch­schre­it­en und erfühlen: Seine Ewigkeit und Macht, Seine Weisheit und Seinen Willen, die ganze Her­rlichkeit des Höch­sten. Nun kön­nen wir, der junge Abdul und ich – ein alter Mann von acht Dezen­nien – Kam­mern bilden, wie ich es mir immer erträumt habe, Kor­ri­dore aus Begrif­f­en, die unwider­leg­bare Aus­sagen tre­f­fen über Sein Wirken und Seine Exis­tenz und allen Stre­it zwis­chen den Reli­gio­nen obso­let wer­den lassen.

Die Moslems, die zusam­men­laufen, um unser Werk zu betra­cht­en, tuscheln miteinan­der. Der hölz­erne Mech­a­nis­mus, mit dem sich die let­zt­gültige Wahrheit find­en lässt, die bege­hbare Ars gen­er­alis ulti­ma, scheint ihnen Furcht einzu­ja­gen und zu miss­fall­en. Es strö­men immer mehr von ihnen in den Hof, und ihre Stim­men wer­den lauter. Ich jedoch bin beseelt, und wenn mich Abdul nicht davon abhielte, würde ich sie alle hine­in­führen in die Let­zt­gültige Allum­fassende Kun­st und ihnen zeigen, dass sie all ihre Fra­gen beant­worten kann.

»Ist die Welt immer­während?« Diese Frage haben Abdul und ich gewählt und die großen Holzräder entsprechend eingestellt: B für die Frage »ob?«, D für das Ewige – und für C, die mit­tlere Posi­tion, haben wir aus dem Kat­a­log der Qual­itäten die Güte gewählt. Und nun ste­he ich inmit­ten der Antwort darauf, der allein möglichen und logis­chen Antwort. Wir sehen es an den Kam­mern und Kor­ri­doren, die sich bilden: Wäre Seine Schöp­fung ewig, wäre in logis­ch­er Kon­se­quenz auch das Gute ohne Ende – wäre aber das Gute ohne Ende, kön­nte es nicht das Böse geben, denn die Kam­mer C kann nur entwed­er das eine oder das andere versinnbildlichen, niemals jedoch bei­des, getreu Sein­er untrüglichen Logik. Da es aber nun unleug­bar das Böse gibt und wir es allerorten und zu jed­er Zeit erleben und in uns spüren, ist dies ein Wider­spruch, der uns offen­bart, dass die Welt unmöglich ewig sein kann. Nur Gott ist ewig. Das würde ich ihnen, das würde ich der ganzen Welt gerne aus vollem Herzen zurufen und sie alle an der Hand hin­führen, wenn mich nicht Abdul inständig um Geduld und Vor­sicht bit­ten würde.

Den­noch: Mich erfüllt ein inneres Jubilieren. Es ist fast so, als sei die Vision, die ich vor über fün­fzig Jahren hat­te und die meinem Leben als Trou­ba­dour eine uner­wartete Wen­dung gab, am Ende Wirk­lichkeit gewor­den: hölz­erne, mech­a­nis­che, hand­feste, unwider­leg­bare Wirk­lichkeit.

136/398

Das Titelbild zeigt ein unordentliches Künstleratelier mit verwitterten Wänden, einem roten Tisch in der Mitte, mehreren Staffeleien und verstreuten Malutensilien sowie metallenen Gerätschaften auf dem Boden und Hockern. Zentral hängt ein abstraktes Gemälde an der Wand.

♫ Alter­ing the Inte­gral Tri­an­gle ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Und obwohl ich den Weg zum Ate­lier schon hun­derte, vielle­icht tausende Male gegan­gen bin, ist heute etwas anders als son­st. Ich blicke auf die kubis­tis­chen Gemälde an den Wän­den, die kuriosen Fig­uren und Maschi­nen­we­sen in den Nis­chen – Lieblinge, Unverkäu­flich­es, kleine Kunst­werke, die ich ein­mal als inspiri­erend und vielle­icht lebens­bes­tim­mend emp­fand. Jet­zt plöt­zlich führen sie mir vor Augen, dass die Zeit nicht aus­re­ichen wird. Dass ich mir zu viel vorgenom­men habe. Dass ich nicht glauben soll, ich könne all das, was in meinen Notizbüch­ern ein­er Umset­zung har­rt, jemals zuen­de­brin­gen. Ich werde unfer­tige Gemälde hin­ter­lassen, Skulp­turen, von denen es nur Skizzen gibt, Col­la­gen, die kaum über das Ideen­sta­di­um hin­aus­ge­langt sind, ein chao­tis­ches, frag­men­tiertes, in sein­er Gesamtheit unver­ständlich­es Kon­vo­lut: rät­sel­haft und aller Wahrschein­lichkeit nach gründlich missver­standen.

Schwindel erfasst mich, und ich muss mich an die Wand lehnen. Ich nehme mir vor, mehr zu schaf­fen, weniger zu schlafen, mich nicht mehr ablenken zu lassen, son­dern auf das Wesentliche zu konzen­tri­eren. Vielle­icht kann ich mein ein­fach­es, bedürfnis­los­es Leben noch weit­er ein­schränken, um nicht immer wieder für Geld arbeit­en zu müssen, kann ich mich noch konzen­tri­ert­er, inten­siv­er, auss­chließlich­er der Kun­st wid­men?

Doch es gelingt mir nicht, mir etwas vorzu­machen. Egal, was ich anstelle: Es wird grund­sät­zlich nichts daran ändern kön­nen, dass das Leben ein­fach zu kurz ist – und die Kun­st viel zu lang.

174/398

♫ Queen Puabi (Reign­ing Cats and Dogs) ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, der mein Haus mit dem Bootss­chup­pen verbindet. Seit Monat­en bin ich nicht mehr hier gewe­sen – erstens weil durch den stren­gen Win­ter der See zuge­froren war, und zweit­ens, weil mich ein anstren­gen­der Job für eine Hil­f­sor­gan­i­sa­tion keine Zeit für meine pri­vat­en Forschun­gen find­en ließ. Hier im Kor­ri­dor habe ich einen schmalen Tisch unterge­bracht, auf dem meine Noti­zen liegen, neben dem kryp­tis­chen Orig­inal­text und meinen Ver­suchen, das Spiel­brett und die Fig­uren zu rekon­stru­ieren.

Durch einen glück­lichen Zufall bin ich vor Jahren auf vergilbte Aufze­ich­nun­gen gestoßen, in denen von einem ver­schol­lenen Brettspiel die Rede ist, das sich zur Renais­sance im südlichen Europa offen­bar ein­er gewis­sen Beliebtheit erfreute. Es hieß »Zitadelle«, und in der Schrift – einem Brief eines in ferne Län­der reisenden Sohns an seinen Vater, der ein Kauf­mann war – sind einige der Fig­uren erwäh­nt, doch lei­der nur am Rande und nicht etwa zur Doku­men­ta­tion des Spiels und sein­er Regeln. Die Rekon­struk­tion gestal­tet sich schwierig. Wenn sie mir über­haupt jemals gelin­gen mag.

Meine aus Bal­sa­holz gesägte Nach­bil­dung des Spiel­bretts ist waben­för­mig. Ich habe die Felder getreu der Aufze­ich­nun­gen des unbekan­nten Autors abwech­sel­nd braun und grün einge­färbt.

Nach­den­klich nehme ich die von mir geschnitzten Spielfig­uren in die Hände. Von einem »raum­greifend­en Kuri­er« ist in dem Text die Rede, von »Kat­a­pul­ten« und ein­er »wendi­gen Prinzessin«. Zu den min­der­w­er­ti­gen Fig­uren zählten offen­bar zahlre­iche »Vasallen«, die bei mir – da ich keine beson­deren handw­erk­lichen oder gar kün­st­lerischen Fähigkeit­en habe – wie ein­fache Obelisken ausse­hen. Auch die Fig­uren »Thron« und »Szepter« sind nicht ger­ade Meis­ter­w­erke gewor­den.

Ich ver­tiefe mich in meine ver­schachtel­ten Noti­zen. »Henker schlägt Hof­narr«, lese ich da. Aber wie? Muss vielle­icht vorher eine sym­bol­is­che Verurteilung durch einen Richter erfol­gen? Wieder ein­mal nimmt mich das rät­sel­hafte Spiel völ­lig in Beschlag.

Und dann, als ich mir aus­giebig die müden Augen reibe, sitzt er mir gegenüber, der unbekan­nte Autor, ein junger, fes­ch­er Mann mit einem Schnauzbart und grünem Samt­barett auf dem Kopf. Er set­zt mit einem über­raschen­den Zug seinen Königssohn neben meine Prinzessin. »Thron und Szepter«, sagt er mit einem bre­it­en Lächeln, bevor sich die kurze Vision ver­flüchtigt.

Das ist es!

Inner­lich jubiliere ich, bin ich doch ger­ade einen großen Schritt weit­ergekom­men: »Thron und Szepter« in dem vergilbten Brief – das beschreibt nicht zwei weit­ere Fig­uren, son­dern es sind die Worte, mit denen das Spiel endet!

Ich nehme die kleinen ungeschlacht­en Fig­uren, die ich für Szepter und Thron geschnitzt hat­te, vom Brett und lasse sie acht­los unter den Tisch fall­en – und damit begin­nt das Spiel plöt­zlich zu leben, wer­den mir die Züge und Strate­gien klar, ste­hen mir die Regeln plöt­zlich deut­lich vor Augen. Es ist alles so offen­sichtlich. »Thron und Szepter!«, rufe ich und tanze durch den Kor­ri­dor.

177/398

♫ Rent-a-Monk ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Sand, weißer Sand wurde hereingewe­ht, durch den hin­durch eige­nar­tige geometrische Spuren mit Abdrück­en aus jew­eils zwei rechteck­i­gen Quer­balken führen, eine Zeile ein­er prim­i­tiv­en Blind­en­schrift aus immer dem­sel­ben Buch­staben, vergänglich in den Sand geprägt.

Der Kor­ri­dor öffnet sich auf einen Strand – das Rauschen des Meeres hat das bere­its angekündigt. Ich folge den Spuren in östlich­er Rich­tung, den Blick auf den genarbten Sand gerichtet und auf die niedrig ste­hende Sonne.

Jet­zt durch­drin­gen leise Klage­laute das Meeres­rauschen wie Messer­spitzen einen wehen­den Vorhang. Eine Gestalt kauert am Wass­er und spielt ein Sait­enin­stru­ment, das Gesicht dem hor­i­zon­tweit­en Ozean zuge­wandt.

Es ist ein Asi­ate. Sein Kopf ist kahlgeschoren, doch die nachwach­senden Haare ver­dunkeln bere­its wieder die Kopfhaut. Der Mönch trägt ein blaues Gewand aus Sei­de und weiße Hosen. Neben ihm ste­hen seine San­dalen, ein­fache Holz­plat­ten mit ein­er Schlaufe obe­nauf und zwei Holzstreben darunter – Ursprung der Spuren, die mich hier­herge­führt haben.

Der Mönch singt, schlägt dazu mit einem spitz zulaufend­en Holz auf die vier Sait­en sein­er Laute.

»Es ist eine Biwa«, erk­lärt eine Stimme in meinem Kopf, aber es ist keine Stimme. Es ist mehr ein Deja vu, längst vergessenes Wis­sen.

Der Mönch bricht sein Sait­en­spiel ab, als ob ein Geräusch seine Konzen­tra­tion durch­brochen hätte, und wen­det den Kopf in meine Rich­tung. Dann murmelt er etwas auf Japanisch, nickt, seine eige­nen Worte noch ein­mal sich selb­st bestäti­gend, ste­ht auf, legt die Biwa zur Seite und ver­beugt sich tief vor mir. Dann hebt er den Kopf, und ich sehe jet­zt, dass er blind ist: Seine Augen sind stumm, gebrochen schon vor langer Zeit.

Trotz­dem ver­beuge ich mich auch und set­ze mich, nach­dem er begonnen hat, mir eine Geschichte zu erzählen, zu sein­er Linken nieder.

Ich kann mir nicht erk­lären, wie ich die Geschichte des Moso ver­ste­hen kann, da er ja Japanisch spricht. Aber irgend­wie rührt die trock­ene Stimme des Alten mein Herz an und malt Tuscheze­ich­nun­gen vor meinen Augen, so dass ich alles ver­ste­he, was er mir erzählt.

Und so lausche ich ergrif­f­en der Geschichte des Moso vom Wass­er, vom Feuer, vom Holz, der Erde und vom Met­all in einem Land, in dem die Men­schen mit der Natur im Ein­klang ste­hen und sich die Dämo­nen gewogen zu machen wis­sen, und bin trau­rig darüber, nur so wenig davon mit zurück in den engen Kor­ri­dor meines ent­fremde­ten und ober­fläch­lichen Lebens nehmen zu kön­nen.

Die Sonne ist längst unterge­gan­gen, als der Mönch sein Biwaspiel wieder aufn­immt und ich mich auf den Rück­weg mache. Lei­der ver­fliegt der Zauber sein­er Worte und Bilder schnell, und sie schmelzen wie Schneeflock­en in mein­er offe­nen Hand, sobald mich wieder der Lärm der Großs­tadt über­rollt.

185/398

♫ Induc­ing Mag­net­ic Lucid­i­ty ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Aus dem Behand­lungsraum dringt das Stöh­nen ein­er Frau. Ich klopfe und trete ein, lege dem Maître die gewün­scht­en Mag­nete auf den Tisch. Er hält seine Hände über seine Pati­entin, beachtet mich nicht weit­er und murmelt: »Das Flu­idum muss fließen, das unsicht­bare Feuer des Lebens muss die Krise ent­fachen, um den Weg zur Heilung zu ebnen.« Dann greift er nach den Mag­neten und führt sie am Kör­p­er der Frau ent­lang, die schw­er atmet und die Augen ver­dreht.

Auch ich habe mich schon als Mag­ne­topath ver­sucht, mir die Heil­steine des Maître heim­lich aus­geliehen und über dem sich langsam wöl­ben­den Bauch mein­er Fre­undin geschwenkt, dem Zim­mer­mäd­chen des Maître, Eloise. Auch sie hat die Augen ver­dreht, aber doch wohl eher deshalb, weil sie mich und meine hal­blaut­en Beschwörun­gen ziem­lich lächer­lich fand. Sie ist dann doch zur Engel­macherin gegan­gen.

Vielle­icht sind es auch gar nicht die Mag­neten, son­dern es ist der Maître selb­st, sein eigen­er Mag­net­ismus ani­malis, der die Reak­tio­nen sein­er Pati­entin­nen und die wun­der­baren Heilun­gen verur­sacht? Ich hoffe immer noch, dass er mich als Schüler annimmt und in seine Geheimnisse ein­wei­ht. Mit ein­er ungeduldigen Hand­be­we­gung entlässt er mich.

Ich trete wieder in den Kor­ri­dor. Lange noch lausche ich an der Tür, wie er mith­il­fe sein­er Mag­nete und Beschwörun­gen die Block­aden der Frau Stück für Stück zum Schmelzen bringt.

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♫ Beguiled (and Lov­ing It) ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor zwis­chen den Stau­dengewäch­sen und Zier­bäu­men. In unserem Freigelände kön­nen sich Pflanzen­lieb­haber fast jeden Wun­sch erfüllen. Von Seerosen bis zu Rabat­ten­stau­den präsen­tiert sich ihnen unser Ange­bot wuchs­freudig, blühend und ganz in Saft und Kraft ste­hend. Die Pflege des umfan­gre­ichen Bestands ist für uns Mitar­beit­er im Garten­markt eine ziem­liche Herkule­sauf­gabe. Trotz­dem habe ich während meines Prak­tikums immer wieder Zeit gefun­den, staunend zu beobacht­en, wie die Pflanzen ihre Käufer find­en.

Die Kun­den streifen umher und begutacht­en unser Ange­bot, und dann irgend­wann macht es Klick, und eine der Pflanzen hat ein neues Heim und einen neuen Besitzer gefun­den. Ob es irgen­det­was Chemis­ches ist, Pheromone vielle­icht, oder ob es eine Form von Magie ist, habe ich noch nicht her­aus­find­en kön­nen. Zwar glauben die Heimgärt­ner und Lauben­pieper, sie wären es, die hier die Wahl tre­f­fen, aber in Wahrheit haben sie kein­er­lei Kon­trolle über ihren Einkauf und ste­hen ganz im Bann der Blu­men, Stau­den und Zierge­hölze, die sich ihnen auf­drän­gen. Wobei diese dur­chaus wäh­lerisch sind. Und, ja, es gibt auch Kun­den, die abso­lut unempfänglich sind für die Sig­nale der Botanik und ein­fach ein­pack­en, was auf ihrem Einkauf­szettel ste­ht. Doch die sind sel­ten.

Ein fet­ter Mann, der seine Resthaare auf die Glatze gekämmt hat, schiebt seinen Einkauf­swa­gen zwis­chen den Palet­ten durch. Er lässt seinen Blick schweifen und rollt gemäch­lich am Blau­glock­en­baum vor­bei. Im Wagen hat er einen Zim­mer­spring­brun­nen mit Drachen­baum und Zwergpf­ef­fer. Ich als Pflanze würde mich jet­zt klein und unschein­bar machen und ihn vor­beifahren lassen – wer ein weißes T‑Shirt anzieht, das sich über den Bauch span­nt und zahlre­iche Fleck­en zweifel­hafter Herkun­ft aufweist, wird auch seine Pflanzen nicht richtig pfle­gen.

Er hält an und nimmt den Blau­glock­en­baum in Augen­schein. Ich beobachte ihn zwis­chen den Ästen der Harlek­in­wei­de hin­durch. Was will er mit unser­er Paulow­n­ia? Sie sieht ein wenig küm­mer­lich aus, ein paar der Blät­ter sind bräun­lich ver­färbt, als lei­de sie unter Pilzbe­fall. Nie­mand inter­essiert sich für sie. Schon seit Monat­en ste­ht sie unbeachtet auf der Palette neben dem Goldli­guster: ein echter Laden­hüter. Aber der Dicke packt sie doch tat­säch­lich in seinen Wagen. Ich eile sofort hin.

»Ken­nen Sie sich mit der Pflege ein­er Paulow­n­ia aus? Sie ist sehr kapriz­iös.« Das soll ihn abschreck­en. Doch der Kerl brummt nur und schiebt seinen Wagen weit­er. Ich folge ihm.

»Oh, sehen Sie nur. Sie ist krank. Warten Sie, ich checke mal in unserem Bestand, ob ich nicht ein anderes Exem­plar für Sie habe.« Wir haben keines, das muss ich nicht erst check­en, aber ich kann ihm bes­timmt einen Trompe­ten­baum unter­jubeln, die wer­den oft mit der Blau­glocke ver­wech­selt. Doch der fette Glatzkopf schüt­telt unwirsch den Kopf und reißt mir den Plas­tik­topf wieder aus den Hän­den, set­zt ihn neben seinem Zim­mer­spring­brun­nen, wirft Paulow­n­ia einen ver­liebten Blick zu und lässt mich ein­fach ste­hen.

»Entschuldigen Sie«, rufe ich ihm hin­ter­her, »dieser Zier­baum ist bere­its verkauft.« »Er gehört mir!«, will ich anfü­gen, doch ich sehe, dass die Tochter des Chefs auf mich aufmerk­sam gewor­den ist. Sie ste­ht mit dem Wasser­schlauch an den Sil­ber­wei­den.

Der Übergewichtige dreht sich zu mir um. Ich habe nur Augen für meine Paulow­n­ia. Sie schüt­telt ihre Blät­ter und reckt sich zu ihrer ganzen Größe auf. Sie will mich ver­lassen. Sie will sich diesem Dick­en in seinem schmieri­gen T‑Shirt an den Hals wer­fen, will die Seine wer­den und alles in den Dreck treten, was sich so behut­sam zwis­chen uns bei­den entwick­elt hat­te!

Die Tochter des Chefs tritt zu dem Dick­wanst: »Es ist alles in Ord­nung mit dem Bäum­chen.« Dann dreht sie sich zu mir um. Sie hat­te schon immer einen Kiek­er auf mich: »Ich glaube, unsere Orchideen müssen mal wieder ein wenig ein­genebelt wer­den.« Doch ich habe bere­its die große Garten­schere in der Hand. Von diesem Fett­sack lass ich mir meine Paulow­n­ia nicht weg­nehmen!

Ich stürze mich wütend auf ihn. Nach einem kurzen Handge­menge und ein paar schrillen Hil­feschreien der Chef­s­tochter kann ich den Mann zur Seite stoßen und ste­he dem treulosen Zier­baum gegenüber. Mit meinen Hän­den an den Grif­f­en öffne ich die Schere. Paulow­n­ia scheint zurück­zuwe­ichen, ihre Zweige zit­tern, und sie scheint mich anzu­fle­hen, es nicht zum Äußer­sten kom­men zu lassen. Sie will alles wiedergut­machen, mir ein Leben lang treu bleiben, mir zu Dien­sten sein, mir jeden Wun­sch von den Lip­pen able­sen! Pah! Sie kann mich nicht mehr täuschen …

Später habe ich erfahren, dass der Blitz, der in diesem Moment auf mich hernieder­fuhr und mich zu Boden schleud­erte, eine der Edel­stahlgießkan­nen für 94,99 Euro war, die mir die Tochter des Chefs über den Schädel zog. Die Aktion brachte mir neben ein­er schmerzen­den Beule und ein­er leicht­en Gehirn­er­schüt­terung natür­lich gle­ich auch die frist­lose Kündi­gung ein. Meine Paulow­n­ia war fort, verkauft, als ich wieder zu mir kam. Der Dicke hat­te sie in seinen Kom­bi geladen und war davonge­fahren. Wegen des unan­genehmen Vor­falls haben sie ihm den Baum geschenkt und mir den Kauf­preis von meinem Prak­tikan­tenge­halt abge­zo­gen.

Also gehört sie jet­zt ganz offiziell mir, oder? Ich habe sie schließlich bezahlt. Und ich werde sie mir holen! Janine von der Kasse, mit der ich hin und wieder heim­lich hin­term Treib­haus an den Kom­post­con­tain­ern ger­aucht hat­te, hat mir den Namen und die Adresse des fet­ten Kun­den gegeben. Der Chef hat­te bei­des notieren lassen, für den Fall, dass es ein Nach­spiel gibt.

Oh ja. Es wird ein Nach­spiel geben! Dies­mal habe ich die Motorsäge dabei …

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Ásko­run

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»Ich betrete den Kor­ri­dor« stand auf der Karteikarte, die ich zog. Zehn Karteikarten hat­te Pas­cal beschriftet und mir, mit der Schrift nach unten, aufge­fächert hinge­hal­ten. Der Satz stand krake­lig da und war mir fremd. Pas­cal und ich hat­ten schon einiges von dem Hauswein intus, von dem er mehrere Flaschen aus dem Hotel mit­ge­bracht hat­te, und ich hat­te ihn gen­ervt mit einem lan­gen Monolog über Denkblock­aden und Kreativ­ität, der darin gipfelte, dass ich behauptet hat­te – ver­mut­lich schon leicht lal­lend –, dass man jede kreative Block­ade ganz ein­fach dadurch durch­brechen kön­nte, statt nur ein­er einzi­gen per­fek­ten Idee gle­ich ein Bün­del von fün­fzig oder hun­dert von sich selb­st zu ver­lan­gen. Pas­cal lachte mich aus.

Ich war ein wenig angepisst und nan­nte ihm Beispiele. Ein­mal wollte mir für eine Preisrede für einen Tauben­züchter partout nichts ein­fall­en. Irgend­wann kam ich auf die verzweifelte Idee, mich selb­st auzutrick­sen und gle­ich zehn Ver­sio­nen der Rede zu schreiben – und schrieb ein­fach drau­f­los, ohne mich selb­st oder die Sache länger ern­stzunehmen. Nach der sech­sten Rede wurde mir klar, dass ich nur die dritte und die fün­fte kom­binieren musste, und ich bekam genau das, was mir vorgeschwebt hat­te. So mach ich’s seit­dem immer, wenn ich eine Schreib­block­ade habe.

Pas­cal schien nicht überzeugt.

»Statt das eine richtige Ding mit vollem Qual­ität­sanspruch in die Welt zu set­zen, zwingt man sich, erst mal einen Haufen von Mate­ri­alien zu pro­duzieren. Und plöt­zlich fließt’s. Klar, eine Menge davon kannste in der Pfeife rauchen, aber wenn irgend­wo der große Wurf rauss­chim­mert, hat sich’s doch schon gelohnt, oder?«

Da kam Pas­cal mit der Wette. Er erin­nerte mich daran, dass ich immer wieder mal ange­set­zt habe, einen Band mit Kurzgeschicht­en zu ver­fassen, ein­er­seits, um meine teils ziem­lich grotesken Erleb­nisse als pro­fes­sioneller Reden­schreiber zu reflek­tieren, ander­er­seits, um endlich mal von diesen Vor­trag­s­tex­ten wegzukom­men, die ständig und meist unter hohem Zeit­druck von mir ver­langt wer­den, von Poli­tik­ern, Fir­menchefs, Brautvätern, Ver­anstal­tungsmod­er­a­toren und so weit­er – wie es halt kommt, wenn man seine Dien­ste im Inter­net anbi­etet und ort­sun­ab­hängig damit ist. Die Anfra­gen kom­men von über­all, auch schon mal eine aus Malaysien.

»Woll­test du nicht ein knappes Dutzend Kurzgeschicht­en schreiben, mit denen du dir einen Namen als Bel­letrist machen willst? Um dann einen Roman nachzule­gen – oder auch sieben wie Rowl­ing?« Ich sparte mir das Nick­en und nahm noch einen Schluck Rotwein. »Wie viel von den Kurzgeschicht­en hast du denn schon?«, fragte Pas­cal so harm­los wie möglich. Ich kenne diesen Blick von ihm und zählte an den Fin­gern ab. »Eine«, sagte ich, verbesserte mich dann aber und sagte: »Eine halbe.« Pas­cal grin­ste: »Also eigentlich gar keine.« Ich nick­te got­tergeben und nahm einen weit­eren Schluck. Irgend­wie war mir klar, was jet­zt kom­men musste.

Pas­cal: »Warum hast du da noch nicht dein tolles Schreibflussprinzip angewen­det?«

Ich: »Ist ja keine Block­ade im eigentlichen Sinn. Aber es würde natür­lich funk­tion­ieren.« Let­zteres im Brust­ton der Überzeu­gung, außer dass meine Zunge dabei ein wenig über das Wort »funk­tion­ieren« stolperte.

Pas­cal: »Glaub ich nicht. Wie wär’s mit ein­er Wette?«

Und so lief es dann plöt­zlich auf vier­hun­dert Kurzgeschicht­en hin­aus. Ich hat­te ihn run­terge­han­delt von fünfhun­dert, und kleinere Vignetten waren auch erlaubt. Und damit das Ganze einen Rah­men bekommt, kritzelte er hin­ter vorge­hal­tener Hand irgend­was auf die Karteikarten.

»Ich schreib dir ein paar erste Sätze auf. Muss alles immer mit dem gle­ichen Satz anfan­gen.«

»Was?!«, fuhr ich auf. Aber Pas­cal erin­nerte mich grin­send an einen Monolog von mir, den ich let­zten oder vor­let­zten Monat mal über das Schreiben und die Kreativ­ität im All­ge­meinen gehal­ten hat­te – mit dem Faz­it, dass erst die Ein­schränkung wahre Kun­st her­vor­bringt. Wer alle Frei­heit­en hat, ver­liert sich darin – war meine Über­legung, die vielle­icht aber auch dem Absinth geschuldet war, an dem wir uns an dem Abend gütlich tat­en.

Jet­zt fiel meine wer­mut­selige Erken­nt­nis in aller Härte auf mich zurück: »Ich betrete den Kor­ri­dor« – als Anfangssatz für vier­hun­dert Sto­rys. Aua.

Was wären die anderen Anfangssätze gewe­sen? Pas­cal zog seine Hand mit den Karteikarten zurück. Zwei erwis­chte ich noch. Pas­cal kon­nte nicht ver­hin­dern, dass ich sie las. »Das war der Anfang vom Ende.« Und: »Ein­mal Cal­i­for­nia Maki bitte!«

»Damit hätte ich viel mehr anfan­gen kön­nen«, protestierte ich. Pas­cal wiegte non­cha­lant den Kopf: »Die Wahl ist getrof­fen, der Wür­fel ist gefall­en.« Den Spruch griff ich sofort auf: »Selb­st das wäre bess­er! Ich kann doch nicht vier­hun­dert Ich-Erzäh­lun­gen im Präsens schreiben über jeman­den, der in irgendwelchen Gebäu­den rumir­rt …«

Aber ich hat­te vorher schon eingeschla­gen. Die Wette galt.

Und heute ist der Stich­tag. Pas­cal wird jeden Augen­blick anrufen und nach­fra­gen, wie es um seine vier­hun­dert Kurzgeschicht­en ste­ht. »Ich betrete den Kor­ri­dor.« Damals war mir der Satz fremd. Und heute? Was soll ich sagen? Knapp zwei­hun­der­tachtzig habe ich geschafft. Zuerst dachte ich, mir fall­en nicht mal zwanzig ein. Aber dann hat­te ich doch noch ein paar ungewöhn­liche Ideen und lernte, den Satz und meine Auf­gabe aus vie­len ver­schiede­nen Per­spek­tiv­en zu sehen.

Ich bleibe also dabei. Wenn man die eine Sache nicht hinkriegt: Nimm dir so viele Arbeitsver­sio­nen davon vor, dass dir die Auf­gabe schlichtweg unmöglich scheint. Und dann leg los.

Längst näm­lich will ich es selb­st wis­sen: Komme ich auf vier­hun­dert? Die Zahl scheint mir immer noch gewaltig und unerr­e­ich­bar. Aber genau­so hätte ich über zwei­hun­dert gedacht. Oder auch nur hun­dert.

Die Wette habe ich ver­loren, und natür­lich bekommt Pas­cal seine Flasche Bour­bon-Einzelfass­abfül­lung. Allerd­ings werde ich weit­er­schreiben, auch wenn es meine Freizeit inzwis­chen kom­plett aus­füllt – was Pas­cal wom­öglich nicht gefall­en wird, denn so habe ich auch weit­er­hin erst ein­mal keine Zeit mehr für unsere feucht­fröh­lichen Tre­f­fen.