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♫ Korsarenstück ♫
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Ich betrete den Korridor um Punkt elf. Nicole kommt gerade den Gang runter. Es ist unser Ritual: um elf zum Raucherbalkon, nur wir beide, und eine Zigarette lang weltbewegende Gespräche führen, um dann wieder in unsere jeweiligen Büros zu verschwinden.
»Wie läuft’s?«, frage ich sie, während ich mir schon eine Zigarette aus der Packung hole. Sie raucht Selbstgedrehte.
»Wenn doch nur schon Wochenende wäre«, seufzt sie.
»Damit liegst du mir schon seit Montag in den Ohren. Aber recht hast du natürlich. Was hast’nn vor? Ein Date?«, frage ich lauernd.
Der kleine Raucherbalkon ist besetzt. Ein Unding! Jeder im Amt weiß, dass er um elf uns beiden gehört. Tatsächlich räumt der Kerl auch sofort die Stellung. Es ist der Techniker, der für die Kopierer zuständig ist.
»Süßer Hintern«, sage ich schmelzenden Blickes, als er um die nächste Ecke des Korridors verschwunden ist.
»Viel zu jung und unbedarft.«
»Für dich vielleicht. Du bist ja auch zwanzig Jahre älter als ich.«
Nicole stöhnt: »Erinnere mich bloß nicht daran. Dir stehen noch alle Typ…, äh, Türen offen. Bei mir ist der Zug abgefahren. Alle guten Männer sind vergeben.«
»Ach was, der Richtige kommt schon noch.«
»Sagt mir meine Mutter auch, seit einem gefühlten halben Jahrhundert.«
Wir lachen und ziehen an unseren Zigaretten. Männer. Unser Lieblingsthema Nummer eins.
»Hast du eigentlich schon gebucht?«, frage ich sie. Urlaub. Unser Lieblingsthema Nummer zwei.
»Zwei Wochen Appalachian Trail. Den Frust und ein paar Pfunde runterwandern.«
»Das klingt aber nicht nach Vier-Sterne-Hotel …«
Nicole grinst: »Eher Null-Sterne. Es ist wie bei den Schnecken. Du wanderst mit deinem Haus auf dem Rücken.«
»Haus auf dem Rücken?« Ich seh wohl ein wenig verdattert aus, denn Nicole lacht. »Na, das Zelt natürlich.«
»Und da willst du einen Ami-Millionär kennenlernen?«
»Wieso Millionär? Auf Geld kommt’s mir nicht an. Die Phase ist vorbei. Es muss ein Abenteurer sein, ein Pirat oder so.«
Ich verdrehe die Augen: »So ’ne Schwuchtel aus der Karibik?«
Nicole muss wieder lachen. Es ist zu süß, wenn sie gluckst und es sie am ganzen Leib schüttelt. »Nee«, sagt sie, als sie wieder zu Atem gekommen ist, »einer, der sich was traut.«
»Aha«, sage ich ohne rechte Überzeugung.
»An mich ran zum Beispiel.« Es dauert einen Moment, bis ich’s kapiert habe, und dann gackern wir wieder. »Glaubst du eigentlich«, fragt sie mich dann, »an Liebe auf den ersten Blick?«
»Klar«, sage ich, »hab ich schon erlebt. Schon mehrfach.«
»Was?« Nicole scheint verblüfft.
»Kellan Lutz«, sage ich. Nicole runzelt die Stirn und schüttelt den Kopf: nie gehört. »Twilight«, setze ich nach, und dann noch mal mit »Bis(s) zum Morgengrauen.« Nicole reißt entsetzt die Augen auf. Bevor sie etwas sagen kann, schlage ich ihr »Jörn Schlönvoigt« um die Ohren. Wieder wirkt sie überrascht: »Aha. Hast du mir da was verschwiegen? Das klingt eher wie ein Typ deiner Preisklasse …«
Ich rümpfe kurz die Nase, um ihr zu signalisieren, dass sie sich das mit der Preisklasse sparen kann und ich mich Kellan Lutz durchaus gewachsen fühle, und erkläre: »GZSZ.« Nicole fällt alles aus dem Gesicht. Das war’s wert. Wir lachen.
»Ich red doch nicht von irgendwelchen Schauspielern, Lisa«, gibt sie zu Protokoll, »und nicht vom Starren auf eine Leinwand oder vom Glotzen in die Glotze …«
»Er singt auch«, unterbreche ich sie.
Nicole ächzt. Noch schlimmer! »Ich red davon, dass du zufällig irgendwo, für einen Moment nur, einem fremden Mann gegenüberstehst, und es funkt. Und zwar so gewaltig, dass dir sämtliche Sicherungen durchbrennen, und ihm auch!«
»Soll passieren, ja«, sage ich, als mich Nicole antwortheischend ansieht, »warum fragst du? Ist es dir schon mal so ergangen?«
Nicole nickt. »Das war im Kinofoyer. Ich war betrunken, um nicht zu sagen ziemlich dicht«, meint sie und grinst. Wir machen synchron unsere Zigaretten aus. Gehört zum Ritual.
»Betrunken? Und er?«, frage ich.
»Er war ein lebensgroßer Pappaufsteller von Bruce Willis.«
Wieder brauche ich eine Sekunde, um zu kapieren. Als wir uns vor meinem Büro trennen, um uns wieder unserer Arbeit zuzuwenden, lachen wir immer noch schallend.









