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♫ Begui­led (and Loving It) ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen den Stau­den­ge­wäch­sen und Zier­bäu­men. In unse­rem Frei­ge­lände kön­nen sich Pflan­zen­lieb­ha­ber fast jeden Wunsch erfül­len. Von See­ro­sen bis zu Rabat­ten­stau­den prä­sen­tiert sich ihnen unser Ange­bot wuchs­freu­dig, blü­hend und ganz in Saft und Kraft ste­hend. Die Pflege des umfang­rei­chen Bestands ist für uns Mit­ar­bei­ter im Gar­ten­markt eine ziem­li­che Her­ku­les­auf­gabe. Trotz­dem habe ich wäh­rend mei­nes Prak­ti­kums immer wie­der Zeit gefun­den, stau­nend zu beob­ach­ten, wie die Pflan­zen ihre Käu­fer fin­den.

Die Kun­den strei­fen umher und begut­ach­ten unser Ange­bot, und dann irgend­wann macht es Klick, und eine der Pflan­zen hat ein neues Heim und einen neuen Besit­zer gefun­den. Ob es irgend­et­was Che­mi­sches ist, Phe­ro­mone viel­leicht, oder ob es eine Form von Magie ist, habe ich noch nicht her­aus­fin­den kön­nen. Zwar glau­ben die Heim­gärt­ner und Lau­ben­pie­per, sie wären es, die hier die Wahl tref­fen, aber in Wahr­heit haben sie kei­ner­lei Kon­trolle über ihren Ein­kauf und ste­hen ganz im Bann der Blu­men, Stau­den und Zier­ge­hölze, die sich ihnen auf­drän­gen. Wobei diese durch­aus wäh­le­risch sind. Und, ja, es gibt auch Kun­den, die abso­lut unemp­fäng­lich sind für die Signale der Bota­nik und ein­fach ein­pa­cken, was auf ihrem Ein­kaufs­zet­tel steht. Doch die sind sel­ten.

Ein fet­ter Mann, der seine Rest­haare auf die Glatze gekämmt hat, schiebt sei­nen Ein­kaufs­wa­gen zwi­schen den Palet­ten durch. Er lässt sei­nen Blick schwei­fen und rollt gemäch­lich am Blau­glo­cken­baum vor­bei. Im Wagen hat er einen Zim­mer­spring­brun­nen mit Dra­chen­baum und Zwerg­pfef­fer. Ich als Pflanze würde mich jetzt klein und unschein­bar machen und ihn vor­bei­fah­ren las­sen – wer ein wei­ßes T‑Shirt anzieht, das sich über den Bauch spannt und zahl­rei­che Fle­cken zwei­fel­haf­ter Her­kunft auf­weist, wird auch seine Pflan­zen nicht rich­tig pfle­gen.

Er hält an und nimmt den Blau­glo­cken­baum in Augen­schein. Ich beob­achte ihn zwi­schen den Ästen der Har­le­kin­weide hin­durch. Was will er mit unse­rer Pau­low­nia? Sie sieht ein wenig küm­mer­lich aus, ein paar der Blät­ter sind bräun­lich ver­färbt, als leide sie unter Pilz­be­fall. Nie­mand inter­es­siert sich für sie. Schon seit Mona­ten steht sie unbe­ach­tet auf der Palette neben dem Gold­li­gus­ter: ein ech­ter Laden­hü­ter. Aber der Dicke packt sie doch tat­säch­lich in sei­nen Wagen. Ich eile sofort hin.

»Ken­nen Sie sich mit der Pflege einer Pau­low­nia aus? Sie ist sehr kapri­ziös.« Das soll ihn abschre­cken. Doch der Kerl brummt nur und schiebt sei­nen Wagen wei­ter. Ich folge ihm.

»Oh, sehen Sie nur. Sie ist krank. War­ten Sie, ich che­cke mal in unse­rem Bestand, ob ich nicht ein ande­res Exem­plar für Sie habe.« Wir haben kei­nes, das muss ich nicht erst che­cken, aber ich kann ihm bestimmt einen Trom­pe­ten­baum unter­ju­beln, die wer­den oft mit der Blau­glo­cke ver­wech­selt. Doch der fette Glatz­kopf schüt­telt unwirsch den Kopf und reißt mir den Plas­tik­topf wie­der aus den Hän­den, setzt ihn neben sei­nem Zim­mer­spring­brun­nen, wirft Pau­low­nia einen ver­lieb­ten Blick zu und lässt mich ein­fach ste­hen.

»Ent­schul­di­gen Sie«, rufe ich ihm hin­ter­her, »die­ser Zier­baum ist bereits ver­kauft.« »Er gehört mir!«, will ich anfü­gen, doch ich sehe, dass die Toch­ter des Chefs auf mich auf­merk­sam gewor­den ist. Sie steht mit dem Was­ser­schlauch an den Sil­ber­wei­den.

Der Über­ge­wich­tige dreht sich zu mir um. Ich habe nur Augen für meine Pau­low­nia. Sie schüt­telt ihre Blät­ter und reckt sich zu ihrer gan­zen Größe auf. Sie will mich ver­las­sen. Sie will sich die­sem Dicken in sei­nem schmie­ri­gen T‑Shirt an den Hals wer­fen, will die Seine wer­den und alles in den Dreck tre­ten, was sich so behut­sam zwi­schen uns bei­den ent­wi­ckelt hatte!

Die Toch­ter des Chefs tritt zu dem Dick­wanst: »Es ist alles in Ord­nung mit dem Bäum­chen.« Dann dreht sie sich zu mir um. Sie hatte schon immer einen Kie­ker auf mich: »Ich glaube, unsere Orchi­deen müs­sen mal wie­der ein wenig ein­ge­ne­belt wer­den.« Doch ich habe bereits die große Gar­ten­schere in der Hand. Von die­sem Fett­sack lass ich mir meine Pau­low­nia nicht weg­neh­men!

Ich stürze mich wütend auf ihn. Nach einem kur­zen Hand­ge­menge und ein paar schril­len Hil­fe­schreien der Chefs­toch­ter kann ich den Mann zur Seite sto­ßen und stehe dem treu­lo­sen Zier­baum gegen­über. Mit mei­nen Hän­den an den Grif­fen öffne ich die Schere. Pau­low­nia scheint zurück­zu­wei­chen, ihre Zweige zit­tern, und sie scheint mich anzu­fle­hen, es nicht zum Äußers­ten kom­men zu las­sen. Sie will alles wie­der­gut­ma­chen, mir ein Leben lang treu blei­ben, mir zu Diens­ten sein, mir jeden Wunsch von den Lip­pen able­sen! Pah! Sie kann mich nicht mehr täu­schen …

Spä­ter habe ich erfah­ren, dass der Blitz, der in die­sem Moment auf mich her­nie­der­fuhr und mich zu Boden schleu­derte, eine der Edel­stahl­gieß­kan­nen für 94,99 Euro war, die mir die Toch­ter des Chefs über den Schä­del zog. Die Aktion brachte mir neben einer schmer­zen­den Beule und einer leich­ten Gehirn­er­schüt­te­rung natür­lich gleich auch die frist­lose Kün­di­gung ein. Meine Pau­low­nia war fort, ver­kauft, als ich wie­der zu mir kam. Der Dicke hatte sie in sei­nen Kombi gela­den und war davon­ge­fah­ren. Wegen des unan­ge­neh­men Vor­falls haben sie ihm den Baum geschenkt und mir den Kauf­preis von mei­nem Prak­ti­kan­ten­ge­halt abge­zo­gen.

Also gehört sie jetzt ganz offi­zi­ell mir, oder? Ich habe sie schließ­lich bezahlt. Und ich werde sie mir holen! Janine von der Kasse, mit der ich hin und wie­der heim­lich hin­term Treib­haus an den Kom­post­con­tai­nern geraucht hatte, hat mir den Namen und die Adresse des fet­ten Kun­den gege­ben. Der Chef hatte bei­des notie­ren las­sen, für den Fall, dass es ein Nach­spiel gibt.

Oh ja. Es wird ein Nach­spiel geben! Dies­mal habe ich die Motor­säge dabei …