Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: klassisch

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Das Titelbild zeigt eine Grabkammer mit einer liegenden Statue eines ägyptischen Pharaos und mehreren brennenden Fackeln an den Wänden. Ein digitaler Button in der oberen linken Ecke zeigt ein Piktogramm einer weiteren Fackel.

♫ Moravec’s Paradox ♫


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Ich betrete den Korridor und erleuchte mit meiner Fackel die niedrigen Gewölbe. Als Talisman habe ich die uralte »Schrift der verborgenen Kammer« dabei. Die Zeichnungen an den Wänden sind verblasst, aber sonst vollständig erhalten. Ich suche die Pharaonenkartusche. Sie muss hier irgendwo sein. Ich entziffere »Seht meine Werke, Mächt’ge, und erbebt!« Ozymandias? Aber das Grab von Ramses dem Großen wurde hier im Tal der Könige doch schon längst gefunden! Vielleicht liegt hier einer seiner Söhne.

Meine Überlegungen werden unterbrochen: Ein dumpfer Laut lässt mich und meine ägyptischen Helfer herumfahren. Der Boden unter uns erzittert. Die gigantische Steinplatte, über deren Zweck wir beim Ausschachten noch gerätselt haben, ist hinter uns heruntergeglitten. Der Zugang ist verschlossen. Selbst mit Dynamit kämen wir hier nicht mehr heraus.

Meine Helfer sinken nach kurzer, verzweifelter Panik wimmernd zu Boden. Ich jedoch schreite voran. Eine ungeöffnete Gruft, die den Grabräubern der letzten Jahrtausende entgangen ist – und ich bin der Entdecker! Solange die Atemluft noch ausreicht, will ich in Erfahrung bringen, ob die Grabbeigaben tatsächlich unberührt sind. Vielleicht bekomme ich die erhofften Schätze noch mit meinen eigenen Augen zu sehen, bevor meine Fackel für immer verlischt.

28/398

Das Titelbild zeigt verschlungene schwarze Kabel mit einem USB-Stecker am rechten Rand auf hellem Untergrund.

♫ Infinity Shuffle ♫


28/398

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Ich betrete den Korridor und notiere es auch gleich in mein Tagebuch: »Ich betrete den Korridor«. Seit ich dafür ein Touchpad benutze statt Notizbüchlein und Stift, kann ich noch viel direkter und zeitnaher festhalten, was ich tue, erlebe, wie ich meinen Tag verbringe – in Realtime sozusagen. Auch kann ich alles Wichtige gleich als Tweet weiterleiten: Vor dem Schlafengehen kann ich dann noch einmal in meinem Twitter-Account meinen Tagesablauf nachverfolgen, in kleine Fragmente aufgeteilt.

Was wollte ich hier im Korridor? Oh, stimmt, ich bin auf der Suche nach dem Ladekabel für das Touchpad. Hier steht es ja auch: »Ich habe das Ladekabel fürs Touchpad verlegt. Vielleicht liegt es in der Küche.« In der Küche kann ich es nirgendwo entdecken. »Doch in der Küche kann ich es nirgendwo …« Aber jetzt gibt das Touchpad einen seltsamen elektronischen Ton von sich, abfallend, wie ein enttäuschtes »Oohch«. Das würde ich gerne notieren und in diesem Fall auch gleich twittern, denn ich höre es zum ersten Mal, und das muss natürlich dokumentiert werden, nur nimmt das Ding jetzt auf der virtuellen Tastatur keine Eingaben mehr ein, sondern speichert als letzte Tat notfallmäßig den Text ab und schaltet sich aus.

Was jetzt?! Wie soll ich das jetzt mitschreiben? In der Küche steht die Rolle mit Küchenpapier, und in einer Schublade finde ich neben den Teelichten einen Kugelschreiber. Das muss alles festgehalten werden! Doch der Kugelschreiber schreibt nicht auf dem Küchenpapier. Ich lecke daran, schüttle ihn, das ganze Programm, aber er will einfach nicht. Auch das alles droht verlorenzugehen, weil ich es nicht aufschreiben kann. Mein Blick fällt auf das Schneidebrett. Könnte ich mit dem Messer etwas hineinritzen? Wenigstens Stichworte? Es ist schon wieder so viel passiert. Küchenpapier bereitstellen, Kugelschreiber lecken, Schneidebrett in Betracht ziehen … Wie soll ich mir das alles merken? Und dazu noch der Versuch, das alles zu memorieren! Ich muss das Ladekabel finden, soviel ist klar. All meine Gedanken dazu, die Aufregung, meine Aktionen – gerade jetzt, wo es endlich mal richtig dramatisch wird und plötzlich krass was abgeht in meinem Leben, kann ich es nicht aufschreiben, geschweige denn twittern!

Das Ladekabel entdecke ich schließlich, als ich im Schlafzimmer nach Stift und Papier suche, neben dem Nachttisch in der Wandbuchse. Mit schon leicht zitternden Fingern schließe ich es an, und das Touchpad erwacht wieder zum Leben.

Ich tippe, so schnell ich kann, um mein Leben wieder einzuholen.

41/398

Das Titelbild zeigt einen verwunschenen, von Pflanzen überwucherten Pfad zwischen alten Steinmauern mit einem bunten Papagei auf einem Ast rechts. Ein digitaler Button links unten zeigt einen Papierkorb.

♫ On a Secret Trail ♫


41/398

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Ich betrete den Korridor, der zu einem der Tempel in der Pirámide del Adivino in Uxmal führt. Die Maya waren großartige Baumeister, aber letztlich wurde ihnen ihr Erfolg zum Verhängnis: Eine mehrjährige Dürre zwang ihre stark angewachsene Bevölkerung trotz ausgeklügelter Bewässerungssysteme in die Knie. Sie hinterließen prächtige Bauten und einen komplexen Kalender, der – so meinen manche – das Ende unserer Welt für den 21. Dezember 2012 vorhersagt.

Eigentlich bekomme ich Panikattacken in engen Fluren und Durchgängen, doch seit ich die Halbinsel Yucatán betreten habe, überfallen mich Erinnerungen an seltsame, langvergangene Ereignisse, kommen mir die Ruinen vor, als würde ich sie in ihrem ursprünglichen Zustand kennen – diese Innenräume hier erzeugen kein Unbehagen bei mir, sondern ziehen mich im Gegenteil wie magisch an.

Habe ich meine lästige Klaustrophobie verloren, die ich in einer Art Selbstbehandlung mit einem Blog zu bekämpfen versuche? Nein, ein Rest Panik ist noch da. Aber es zeichnet sich eine deutliche Besserung ab, und die Bestrebungen, meine Ängste zu meistern, scheinen schon erste Erfolge zu zeitigen. Ich gebe mir noch genau ein Jahr! Dann wird, beschließe ich spontan noch vor Ort im Tempelkorridor von Uxmal, die Welt enden – zumindest die meines kleinen Therapie-Blogs, das ich an genau diesem Tag rigoros löschen werde als Zeichen dafür, dass ich es jetzt mit den Korridoren in naturam aufnehmen kann, den leibhaftigen aus Stein, Metall, Holz und Glas. Während dann ein ganzes Universum echter Korridore auf mich wartet, wird eine Welt ausgedachter Korridore auf einen Schlag der Vernichtung anheimfallen. Als ob die Maya es vorhergeahnt hätten …

48/398

Das Titelbild zeigt das Porträt einer alten Person mit langen weißen Haaren, deren Gesicht von zahlreichen transparenten und bläulichen Kugeln überlagert wird, hinter denen ein Megaphon und ein roter Notaus-Knopf zu erkennen sind.

♫ In girum imus nocte et consumimur igni ♫


48/398

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Ich betrete den … Korridor? Er sieht gar nicht wie einer aus. Ich bin mir nicht sicher. Wollte ich nicht eigentlich ins … Gartenhaus? Eben habe ich es noch gewusst. Alles geht mir verloren. Die Gedanken, die Worte, die … Rosenrabatte? Im Altenheim, hat die fremde Frau gesagt, ich wäre hier im Altenheim, ganz langsam und mit Nachdruck hat sie das gesagt. Aber von einem Altenheim weiß ich nichts, ich bin doch hier im … Hauptbahnhof? Da im Spiegel über dem Waschbecken macht jemand eine Durchsage. Ich verstehe sie nicht. Sie sieht aus wie eine alte Frau. Aber ich will nicht mit ihr reden. Sie weiß es auch nicht besser. Jedenfalls muss ich an der nächsten Haltestelle aussteigen. Ich drücke den … Haltewunsch, aber es wird plötzlich alles nass. Die … Rolltreppen sind wohl ganz umgebaut worden, alles hat sich sehr verändert. Auch die Tür zum Garten ist nicht mehr da. Ist das wirklich mein … Heim? Wenn ich nur wüsste …

49/398

Das Titelbild ist ein Polaroid, das einen Flur mit vielen farbigen Notizzetteln an den Wänden und Fäden, die zwischen den Zetteln gespannt sind, zeigt. Der Flur ist mit Teppich ausgelegt; ein altes Wählscheiben-Telefon steht auf dem Boden. Das Polaroid ist beschriftet mit "Situation Recreated".

♫ Clone Chamber ♫


49/398

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Ich betrete den Korridor, und auf der Stelle ist mein Ärger über die angeblich überzählige Pizza vergessen, die die Leute mir einfach wieder mitgegeben und dann nicht mal Trinkgeld gezahlt haben. Nach dem Ärger mit dem Kunden in einem Berliner Hinterhaus fällt mein Blick zwei Etagen tiefer im Treppenflur auf ein Klingelschild mit dem Namen »Cory d’Or«.

Könnte das der unbekannte Autor des obskuren Blogs Korridorium sein, von dem meine Frau so schwärmt? Kurzerhand klingle ich. Ein Summer ertönt. Die Tür öffnet sich in einen langen Flur, wie er für viele Berliner Altbauwohnungen typisch ist. »Nichts anrühren!«, befiehlt mir eine markige Stimme aus einem der angrenzenden Zimmer, ohne dass der Sprecher sich zeigt.

Fast fällt mir die Pizzaschachtel aus der Hand. Ich starre sprachlos auf Tausende handbeschriebener Karteikarten, die hier an die Wände und an die Decke gepinnt und teilweise auf dem Boden ausgelegt sind. Von vielen spannen sich farbige Fäden zu anderen, so dass im Flur kaum ein Durchkommen ist – nicht ohne das filigrane Geflecht zu zerstören jedenfalls. Es sieht aus wie eine regenbogenbunte Kunstinstallation. Fasziniert versuche ich, einige der Karteikarten zu lesen, doch da ertönt erneut die Stimme: »Legen Sie die Bücher auf den Entréekasten. Dort liegt das Geld für Sie.«

Cory muss mich mit jemandem verwechseln, den er erwartet. Entréekasten? Ich entdecke an der Wand eine Holzverschalung mit mehreren Anzeigen hinter Glas, offenbar eine ehemalige Rufanlage für Dienstboten. Darauf liegt Geld. Viel Geld. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen und stecke es ein. Hastig lege ich die überzählige Pizza auf den Kasten, ziehe ich mich zurück, gerate in Panik, lasse die Tür offenstehen, renne die Treppe hinunter und schwinge mich hastig auf meinen Motorroller …

Wie behämmert von mir! Was habe ich mir nur dabei gedacht?!

Natürlich traute ich mich nicht mehr zurück, das Geld ist längst aufgebraucht, und irgendwem von dieser Begegnung zu erzählen, habe ich bis heute nie gewagt. Es ist wohl auch keine Entschuldigung, dass ich – mit einem Doktor in Astrophysik und einem in Moralphilosophie – meine kleine Familie mühsam als Pizzabote ernähren muss.

(per E-Mail)

52/398

Das Titelbild zeigt eine Luftaufnahme eines Wohnhauses mit angrenzendem Garten, in dem ein Wohnmobil steht, umgeben von Büschen und zwei geparkten Autos auf der Straße davor. Ein digitaler Button links oben zeigt das Icon eines Fahrzeugs mit Flügeln unterhalb einer Weltkugel.

♫ Flight of Fancy ♫


52/398

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Ich betrete den Korridor, der eigentlich gar keiner ist, weil ich ihn auf Knopfdruck in das Arbeitszimmer, das Fernsehzimmer oder das Gästezimmer verwandeln kann. Leider ist über die vielen Jahre hinweg, die ich in den Bau und die Ausgestaltung meines Wohnmobils gesteckt habe, meine Reiseangst stetig angewachsen. So schaffe ich es mit meinem rollenden Eigenheim nicht weiter als bis zum Supermarkt im Ort, wo ich mich mit Vorräten eindecke, um mir dann, wieder auf der Wiese vor meinem kleinen Häuschen parkend, einfach vorzustellen, ich verbrächte meinen Lebensabend mit ausgedehnten Touren quer über den Kontinent.

Nicht nur, dass es so ökologischer ist – auch wird meine Vorstellung von den Reisen immer genauer und lebhafter, bis es fast keinen Unterschied mehr macht, ob ich wirklich in fremden Ländern weile, und mich manchmal, wenn ich morgens erwache, unerklärliches Heimweh packt.

59/398

Das Titelbild zeigt eine in rotem Gewand mit Kapuze gekleidete Figur mit einer großen Sense, die durch einen gotischen, gewölbten Gang mit Steinboden und verzierten Fenstern läuft. Oben rechts zeigt ein digitaler Button ein Piktogramm für Feiern oder Überraschung.

♫ Arrivo tardivo ♫


59/398

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Ich betrete den Korridor und ziehe die Tür hinter mir zu. Der Lärm des Festes wird zu dumpfem Gemurmel herabgedämpft. Ich atme tief durch und ziehe meine Maske ab. In diesem Teil des Schlosses bin ich noch nie gewesen. Vermutlich ist dies ein Gang für Bedienstete, der zur Küche führt. Ich öffne eines der Fenster, damit die frische Luft den Schweiß auf meiner Stirn trocknet. Schon Wochen, scheint es mir, verbringen wir hier hinter verschlossenen Türen und mit hochgezogener Zugbrücke und geben uns hemmungslos dem Vergnügen hin. Im Fensterglas sehe ich an meinem Halsausschnitt eine blaue Verfärbung der Haut, doch ich messe ihr keine weitere Bedeutung bei. Stattdessen untersuche ich interessiert das kleine, zusammengeschnürte Bündel auf der Fensterbank. Ich entfalte einen langen schwarzen Umhang, in den eine Maske, eine große Sanduhr und eine Sense eingewickelt sind, deren Stiel sich ausklappen lässt. Ich werfe mir den Umhang über und fühle mich plötzlich wieder jung und voller Tatendrang, wage sogar ein paar kleine Tanzschritte und Pirouetten. Die Maske zeigt einen Totenschädel. Meine ist nutzlos geworden. Ich werfe sie einfach zum Fenster hinaus. Sie landet irgendwo in der Tiefe des Hofes, die das fahle Licht des Mondes nicht erreichen kann und im Dunkeln liegt. Die Sense in der Rechten gibt mir ein gutes Gefühl. Die Uhr schlägt. Es ist Zeit, wieder unter die Feiernden zu gehen.

75/398

Das Titelbild zeigt eine Zeitschrift mit einem gezeichneten, grimmig dreinblickenden Mann auf dem Cover und der Überschrift "Anger Management" auf einem schwarzen Tisch neben einer Mandoline und Kissen auf einem Sofa. Das Magazin hat den Titel "Watchtower", dessen O ein Einschussloch ist.

♫ Noli turbare barbitos meos ♫


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Ich betrete den Korridor, um die Haustür zu öffnen: Die Zeugen Jehovas wollen mich mal wieder missionieren, das habe ich schon durchs Fenster gesehen. Beim letzten Mal habe ich ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen. Wie kann man nur so einfältig sein und das mit den 144000, die am Ende das Paradies erlangen, wörtlich nehmen?

Dauernd wollen mir Leute an der Haustür was verkaufen, und ich schick sie alle zum Teufel. Die beiden Frauen mit Wachturm-Heft und Bibel allerdings taten mir im Nachhinein irgendwie leid. Diesmal will ich’s wiedergutmachen: Ich betrachte mich schließlich als zivilisierten Menschen, und immerhin glauben die Zeugen Jehovas an das, was sie einem da erzählen – anders vermutlich als die Staubsaugervertreter, Tiefkühlkostanbieter, Handyvertragsverkäufer und Drückerkolonnen für Zeitschriftenabos, die ständig bei mir klingeln.

Ich muss die Zeugen ja nicht gerade hereinbitten, doch kann ich ihnen zumindest freundlich klarmachen, dass ich durchaus begrüße, wie sie sich für ihren Glauben und ihre Werte einsetzen, es allerdings noch besser fände, wenn sie nicht nur dem folgten, was ihnen vorgebetet wird, sondern auch mal ihre eigene gottgegebene Vernunft einsetzen würden. Mein Glaube – werde ich sagen, um ihnen ein Beispiel zu sein – stehe nicht mit dem Verstand im Widerspruch, sondern ergänze ihn aufs Beste. Und damit werde ich sie höflich entlassen: als jemand, der offenbar weiß, was er glaubt, und glaubt, was er weiß. Als wer, der in sich ruht und seine Wahrheit gefunden hat. Ja, so mache ich es.

Ich öffne die Tür. Es sind die beiden Frauen vom letzten Mal. Eine hält den Wachturm wie einen Schutzschild vor ihren Bauch.

»Lasst mich in Ruhe, zur Hölle!«, fauche ich und schlage die Tür zu.

Was ist nur in mich gefahren? Wütend über mich selbst stapfe ich zurück ins Wohnzimmer. Der Geist ist willig, denke ich, aber spart sich offenbar auch gern mal die Mühe.

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Das Titelbild zeigt eine Person mit Bart und Sonnenbrille im Business-Kleid auf Stöckelschuhen. Er steht in einem verzerrt wirkenden Wohnzimmer mit vielen gerahmten Bildern, Sesseln, Kommode und einem großen Kompass auf dem Boden. Ein Koala sitzt auf dem Sofa und blickt den Betrachter an.

♫ Aboriginal Astronomy ♫


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Ich betrete den Korridor auf allen Vieren. Mir ist schwindlig und übel. Alles schaukelt und kippt in diesem Haus, und man verliert völlig die Orientierung. Wäre mir vorher klar gewesen, was mich in der »Villa obscura« erwartet, hätte ich einen großen Bogen um sie gemacht.

Die Zwillinge dagegen scheinen großen Spaß daran zu haben, wie an allem hier im Freizeitpark. Ich höre meine beiden Sprösslinge im nächsten Raum vor Vergnügen jauchzen. Nach verqueren Winkeln und grotesker Geometrie in einem Kabinett, das eines Doktor Caligari würdig gewesen wäre, nach Wasser, das scheinbar aufwärts fließt, und einem aufgesetzt gutgelaunten Moderator, der so, wie er im Raum stand, buchstäblich ein schräger Vogel ist: Was kommt da noch an schwindelerregenden Attraktionen auf mich zu, die mich seekrank machen? Ich habe es am liebsten, wenn alles ordentlich und in rechten Winkeln angeordnet ist und sich vollkommen erwartungsgemäß verhält. Zum Glück ist nicht die ganze Welt so wirr, windschief und missraten wie die »Villa obscura«, sonst ließe sie sich noch viel weniger regieren als jetzt schon.

Am liebsten würde ich hier im Korridor einfach die Augen zumachen und liegen bleiben. Dabei habe ich den beiden versprochen, später mit ihnen Achterbahn zu fahren …

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Das Titelbild zeigt ein steinernes Relief mit einem Baum, der einen Apfel trägt. Ein Totenkopf und eine Knochenhand kommen aus dem Boden.

♫ Stock-still Life ♫


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Ich betrete den Korridor. Ein letzter Kontrollgang. Dann wird das alles hier für immer versiegelt werden. Mit riesigen Mengen von Stahlbeton. Oben, an der Oberfläche, stellen wir eine Stele auf, einen grauen Monolithen. Härtester Granit. Es ist eine Bildergeschichte aus Piktogrammen hineingemeißelt. Sie soll auch in ferner Zukunft noch eine Warnung sein und zeigt Menschen, die in den Boden graben. Die tief unten den Stahlbeton erreichen und ihn zertrümmern, um noch tiefer zu kommen. Die ihre Suche aufgeben, ohne etwas Brauchbares gefunden zu haben. Und dann, nach längerer Zeit, elend sterben.

Die Zeitspanne zwischen ihrem leichtsinnigen Vorstoß in die Tiefe und dem darauf folgenden Tod hat die Künstlerin mit Apfelbäumen dargestellt, die an der Erdoberfläche wachsen: Anfangs noch Schösslinge, tragen sie schließlich erste Früchte – doch da sind von den Eindringlingen nur noch Skelette übrig.

Hier unten ist alles in bester Ordnung. Ich nehme den Aufzug, lege den Strahlenschutzanzug ab, dusche gründlich, gebe das finale Okay und fahre nach Hause zu meiner Frau und dem Hund.