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Saba­di­bix

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Ich betrete den Kor­ri­dor auf dem Weg in mein Büro, auch hier dar­auf bedacht, mög­lichst wenig Spu­ren zu hin­ter­las­sen: Ich schließe die Ein­gangs­tür, wenn sie vor­her geschlos­sen war, oder ver­schaffe ihr wie­der den Win­kel, den sie vor mei­nem Ein­tre­ten hatte. Ich achte auf sau­bere Schuh­soh­len, die kei­nen Dreck hin­ter­las­sen auf den Fuß­mat­ten, wel­che ich um kei­nen Deut ver­rü­cke, und ich schleich alle­weil mucks­maus­erl­still drü­ber.

Sollte ich einem der Dampf­plau­de­rer aus dem Amts­haus begeg­nen, so nuschel ich nur das Aller­not­wen­digste, mit gesenk­tem Kopf, um dann mög­lichst schnell hin­ter mei­ner Tür zu ver­schwin­den.

Dan­kens­wer­ter­weise habe ich gleich nach der Matura eine Stelle als Akzes­sist im Wie­ner Bun­des­denk­mal­amt bekom­men und konnte mich da der Bewah­rung von Din­gen und Zustän­den wid­men, inzwi­schen in Defi­ni­tiv­stel­lung bei die­ser wun­der­ba­ren und ehr­wür­di­gen Insti­tu­tion, der ich meine beschei­de­nen Dienste gern zur Ver­fü­gung stelle.

Auch in mei­nem Büro ver­meide ich jedes Gepräge, das auf mich zurück­geht: Nichts Per­sön­li­ches steht auf mei­nem Schreib­tisch, ich habe keine Bil­der auf­ge­hängt und keine Kraut­stau­den auf­ge­stellt. Schon lange bevor der Aus­druck »öko­lo­gi­scher Fuß­ab­druck« modisch wurde, habe ich alles getan, um über­haupt kei­nen Fuß­tap­per in der Welt zu hin­ter­las­sen. Mit mei­nem not­wen­di­gen Kon­sum für Gewand und Nah­rungs­mit­tel beschränke ich mich auf Dinge, die in gro­ßen Men­gen her­ge­stellt wer­den, so dass mein Anteil daran mög­lichst wenig ins Gewicht fällt.

Hier im Amt sind in den vie­len Jah­ren wohl viele Beför­de­rungs­mög­lich­kei­ten und Bien­nal­sprünge an mir vor­über­ge­gan­gen, weil ich mich immer mög­lichst unauf­fäl­lig ver­hal­ten habe. Es macht mich stolz, dass, ver­schwände ich eines Tages spur­los, wohl nie­mand auf die Idee käme, eine Abgän­gig­keits­an­zeige auf­zu­ge­ben.

Manch­mal – und das sind über­aus selige Momen­terl – ver­schwinde ich vor mir selbst. Ich fühle keine Anwe­sen­heit mehr und ent­de­cke erst hin­ten­nach, wie viel Zeit wäh­rend mei­ner Absenz ver­gan­gen ist.

Selt­sa­mer­weise scheint sonst nie­mand so wie ich zu den­ken. Alle Leut pudeln sich heuer furcht­bar auf und wol­len alle dam­lang Ein­fluss neh­men. Viele wol­len sogar aus­drück­lich etwas bewe­gen. Das ist mir fremd.

Dann die­ser Schmet­ter­ling. Was macht die­ser Schmet­ter­ling in mei­nem Büro? Wie kommt er hier her­ein, wo ich doch das Fens­ter nie öffne? Er ist weiß und flat­tert vor die Scheibe, dreht dann eine pat­scherte Runde durch die kleine, schmuck­lose Kam­mer. Hin­aus kann er nicht, denn die Tür war geschlos­sen, als ich sie vor­fand, und so halte ich es seit­dem.

»Wie ein Schmet­ter­ling«, flüs­tert sie und legt den Fin­ger auf die Lip­pen, »sei leise wie ein Schmet­ter­ling.« Sie ist schon lange tot, meine Mut­ter, genau wie mein Vater, der »Herr Dok­tor« in Weiß, der nie gestört wer­den durfte, sei es durch die Fra­gen sei­nes her­an­wach­sen­den Soh­nes, sei es durch Radau und ein­fach nur Unruhe. Und kam er aus der Apo­theke nach oben, so war es oft Mut­ter, die Migräne hatte, und keins der Pul­verl des Vaters half, und ich musste wie­der unsicht­bar sein und kei­nen Mucks von mir geben. Das ist vor­bei. Sie sind dahin. Oh, und sie haben Spu­ren hin­ter­las­sen: mich. Ich würde nie ein Kind in die Welt set­zen. Allein schon die Wir­kung, die ich auf die­sen ande­ren Men­schen, diese Frau, aus­üben würde, und sie auf mich. Spu­ren. Wun­den und Nar­ben womög­lich. Nicht aus­zu­den­ken.

Die­ser Schmet­ter­ling irri­tiert mich. Er fin­det kei­nen Aus­gang. Dies ist kein Ort für ihn. Er wird ver­durs­ten und ver­hun­gern, liegt auf dem Fens­ter­brett, ver­gilbt und ver­staubt. So sieht es die Natur vor. Ich mische mich da nicht ein, son­dern halte mich fein zurück. Andere mögen sich mit der Natur und dem Lauf der Dinge anle­gen wol­len. Nicht so ich, der ich tun­lichst ver­meide, irgend­wel­che Spu­ren zu hin­ter­las­sen, an denen abzu­le­sen wäre, dass es mich je gege­ben hat.

Ich könnte sein Lei­den abkür­zen. Ihn in der hoh­len Hand fan­gen und dann kurz eine Faust bal­len. Aber so ist es nicht vor­ge­se­hen. Er flat­tert um mich herum. Kann er nicht so wie­der hin­aus, wie er hier her­ein­ge­kom­men ist?

Ich stehe auf. Rede mit ihm. Rede auf ihn ein. Dass alles gut wird. Dass er so tun soll, als sei er gar nicht da. (Der ewige Ser­mon mei­ner Mut­ter.) Dass er sich gefäl­ligst zusam­men­rei­ßen soll! (Im flüs­ternd dro­hen­den Ton­fall mei­nes Vaters.)

Dann öffne ich das Fens­ter. Ein Wind­stoß fegt Bewil­li­gungs­an­su­chen und Ein­reich­pläne (in drei­fa­cher Aus­füh­rung, gefär­belt und unter­schrie­ben) von mei­nem Tisch. Doch der Schmet­ter­ling scheint jetzt ein Ziel zu haben: der Brise ent­ge­gen in die Frei­heit. Er flat­tert hin­aus. Und irgend­wie fliegt auch ein Teil von mir mit ihm, zu den mäch­ti­gen grü­nen Buchen unter dem blauen Him­mel.

Schnell schließe ich das Fens­ter. Was ist nur in mich gefah­ren? Ich habe den Lauf der Dinge ver­än­dert! Mut­wil­lig habe ich ein­ge­grif­fen! Fast erwarte ich, ein Blitz führe vom Him­mel. Dann wische ich über mei­nen Schreib­tisch und fege so auch die rest­li­chen Anbrin­gen und Papiere zu Boden. Und lache, lache laut, lache wie lange nicht mehr.