Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Kategorie: Story

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Lethal Spe­li­cans

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Ich betrete den Kor­ri­dor und folge einem Beam­ten, der ein Paket zu Albos Büro trägt. »Keine Bombe drin«, sagt er und setzt das Päck­chen auf Albos Schreib­tisch ab. Der nickt mir grü­ßend zu und meint: »Post für dich. Eben ein­ge­trof­fen.«

Heute ist der zwei­hun­dertste Tag nach dem ers­ten grau­si­gen Fund eines mensch­li­chen Her­zens auf einem Sta­pel Papier. Das ist der Anlass für mich, hier auf­zu­kreu­zen: die Sorge, der Mör­der könnte wie­der zuge­schla­gen haben. Und dann dies: ein Päck­chen. Es steht tat­säch­lich mein Name drauf, c/o Ber­li­ner Mord­kom­mis­sion. »Ich hab’s vor­sichts­hal­ber mal durch­leuch­ten las­sen«, sagt Albo. Er blickt mich prü­fend an. Ich zucke die Schul­tern und reiße das Paket­kle­be­band run­ter, öffne die obe­ren Laschen und stoße auf Stoff. Offen­bar ein oben ver­schnür­ter Jute­sack. Ich öffne den Kno­ten und ziehe die Jute zur Seite, aber dann durch­zuckt mir ein jäher Schmerz, und ich ziehe meine Fin­ger zurück. Mein rech­ter Mit­tel­fin­ger blu­tet – ich ste­cke ihn in den Mund.

Albo unter­sucht den Paket­in­halt vor­sich­tig und ent­deckt, innen in den Jute­sack ein­ge­näht, meh­rere Rasier­klin­gen. An einer von ihnen: fri­sches Blut. Mein Blut. An ihr habe ich mich geschnit­ten.

Und dar­un­ter: ein Sta­pel Papier. Es ist fle­ckig, und von den letz­ten drei Mal weiß ich, dass es sich um ein­ge­trock­ne­tes Blut han­deln dürfte.

»Ich betrete den Kor­ri­dor«, liest Albo den ers­ten Satz vom obers­ten Blatt ab. Es wer­den genau fünf­zig sein, mit fünf­zig ver­schie­de­nen Schreib­ma­schi­nen geschrie­ben. Ich nehme den Fin­ger aus dem Mund: »Kein Herz dabei?«

Albo schüt­telt den Kopf. »Ich geb das Zeug in die Foren­sik«, sagt er, »Fin­ger okay?« Es ist nur ein klei­ner Schnitt, nichts Ernst­haf­tes. Albo trägt das Paket wie­der raus. Ich trete ans Fens­ter. Was sollte das? Warum schickt der Kerl mir die Texte? Woher weiß er über­haupt von mir? Und was soll die Num­mer mit den Rasier­klin­gen?

Albo kommt zurück: »Kopien kön­nen wir in einer knap­pen Stunde haben, sagt das Labor.« Albo blickt mich an, ein selt­sa­mes Fun­keln in sei­nen Augen. »Hast du schon eine Idee?«

Mir ist natür­lich klar, was er meint. Der Mör­der scheint zu wis­sen, wer hin­ter ihm her ist, und sogar, dass ich heute, an dem Tag, an dem wir ein wei­te­res Zei­chen von ihm – schlimms­ten­falls ein wei­te­res Herz – erwar­ten, bei Albo im Büro auf­kreuze. Es ist ein wenig gespens­tisch.

»Könnte es sein, dass er die Morde dei­net­we­gen ver­übt hat?« Albo sieht nicht aus, als ob er scher­zen würde. Er fällt schwer auf sei­nen Stuhl, der das mit einem Äch­zen quit­tiert. »Es war viel­leicht einer dei­ner Pati­en­ten. Denk nach!«, for­dert er mich auf.

»Da gibt es nie­man­den«, ant­worte ich, aber das kam zu schnell. Albo blickt mich for­schend an: »Mann, du hast jahr­zehn­te­lang als Psych­ia­ter gear­bei­tet!« – »Psy­cho­loge«, berich­tige ich ihn, auch wenn es dar­auf jetzt nicht ankommt.

»Bring mir doch mal das hier«, sagt Albo und weist auf meine Auf­zeich­nun­gen, »mit der Tat­sa­che zusam­men, dass er die nächs­ten fünf­zig Texte dir höchst­per­sön­lich schickt!« Ich bin alles haar­klein durch­ge­gan­gen, alle hun­dert­fünf­zig Texte, die uns vom Mör­der vor­lie­gen, und habe so was wie eine sta­tis­ti­sche Erhe­bung gemacht. Dar­aus haben wir in den letz­ten Wochen ein Pro­fil ent­wi­ckelt – ich mit mei­ner beruf­li­chen Erfah­rung als Psy­cho­loge, und Albo mit sei­nem Instinkt als lang­jäh­ri­ger Haupt­kom­mis­sar der Mord­kom­mis­sion. Zwei Vete­ra­nen ihres Fachs.

Unse­ren The­sen haben wir jeweils einen Wahr­schein­lich­keits­wert zuge­ord­net, von 1 = höchst unwahr­schein­lich bis 10 = höchst­wahr­schein­lich.

Mein Notiz­blatt ist, obwohl ich ver­sucht habe, sys­te­ma­tisch vor­zu­ge­hen, über­sät mit Strei­chun­gen, Pfei­len und ein­ge­kreis­ten Wor­ten und Sät­zen. »Der Mör­der ist der Autor der Texte (8)«, lese ich da, und »Die Texte stam­men alle aus einer Hand (7,5)« – Letz­te­res ein Mit­tel­wert aus mei­ner 8 und Albos 7. Es ste­hen aber auch Annah­men wie diese auf dem Blatt: »Es han­delt sich in Wahr­heit nicht um mensch­li­che Her­zen, auch wenn die Gerichts­me­di­zi­ner sich des­sen sicher sind (2)«.

»Er lebt in Ber­lin«, sagt Albo mit Blick auf seine Auf­zeich­nun­gen, und ich ergänze im Geiste »oder im direk­ten Umland (8)«. Albo fährt fort: »Es han­delt sich um einen Mann« – ich ergänze »(9)« – »etwa vier­zig Jahre alt, stu­diert, viel­fäl­tige Inter­es­sen, liest viel, ist hin- und her­ge­ris­sen zwi­schen wis­sen­schaft­li­cher Ratio­na­li­tät und einem Hang zu Roman­tik, Mär­chen, Fan­tasy und Sci­ence-Fic­tion.« Ich komme mit den Wahr­schein­lich­kei­ten nicht hin­ter­her, aber Albo greift nur die The­sen raus, die bei (7) oder höher lie­gen.

»Er ist katho­lisch erzo­gen, hetero, Sin­gle«, zitiert Albo wei­ter aus unse­rer Text­ana­lyse, »nicht gut auf Obrig­kei­ten zu spre­chen, hat Erfah­rung mit psy­cho­ak­ti­ven Sub­stan­zen, ist Rau­cher und hasst das Rau­chen gleich­zei­tig.« Albo blickt zu mir hoch: »Impul­si­ver Cha­rak­ter, even­tu­ell psy­cho­ti­sche Schübe, will als Welt­ver­bes­se­rer die Mensch­heit beglü­cken …«

»Wobei ich mir dabei …« – ich kra­kle, wäh­rend ich mei­nen Ein­wand mache, auf mei­nen Noti­zen herum – »… da nicht mehr ganz sicher bin. Viel­leicht ist das mit der neuen Leit­idee fürs 21. Jahr­hun­dert doch eher sar­kas­tisch gemeint.«

Albo blickt genervt zu mir. Stimmt, das hat­ten wir schon. Aber es ist eben kein ein­fa­cher, ein­deu­ti­ger, ein­di­men­sio­na­ler Fall.
»Die­ses ›Ich bin nicht allein. Denn wir sind viele! Und wir haben das glei­che Ziel.‹: Das kann der Kerl ein­fach nicht ernst mei­nen. Wenn du mich fragst, ist das Ver­ar­sche. Der macht sich lus­tig über Welt­ver­bes­se­rer.«

Obwohl ich keine neue Zahl genannt habe, radiert Albo in sei­nen Noti­zen etwas aus und trägt mit Blei­stift eine Kor­rek­tur ein. »Wie auch immer«, er blickt wie­der hoch zu mir, »jeden­falls schreibt er von Visio­nen und scheint sich für eine Art Mys­ti­ker zu hal­ten. Und jetzt die Preis­frage an dich: Klin­gelt da was?«

Doch mir will nichts ein­fal­len. Einer mei­ner Kli­en­ten aus den letz­ten Jahr­zehn­ten? Ein Pro­band? Etwa ein Kol­lege?!

»Ich lass dich jetzt mal allein, mein Freund«, sagt Albo und erhebt sich. »Wenn ich wie­der­komme, sind dir ein bis drei Leute aus dei­nem Umfeld ein­ge­fal­len, auf die das Pro­fil pas­sen könnte.« Das meint er nicht als Frage oder als Ange­bot. Das ist der Ton­fall, der keine Wider­rede dul­det. Er stapft aus dem Büro.

Ich drehe mei­nen Notiz­zet­tel um und beginne auf der lee­ren Seite mit dem Wort »Stu­dium« und den ent­spre­chen­den Jah­res­zah­len, um einen Lebens­lauf anzu­le­gen. Irgendwo zwi­schen mei­nem ers­ten Semes­ter und heute muss sich der Mör­der ver­ste­cken – das Päck­chen an mich lässt daran kei­nen Zwei­fel. Dann kom­men die Namen. Ich schreibe sie dazu, soweit sie mir noch ein­fal­len. Bald brau­che ich wei­te­res Papier.

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The Ungras­pa­ble

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Ich betrete den Kor­ri­dor mit meh­re­ren Blät­tern in den Hän­den, auf denen ich mei­nen Lebens­lauf und viele Namen notiert habe. Einige habe ich ein­ge­kreist und will sie mit Albo bespre­chen. Der hat mich im Büro zurück­ge­las­sen und ist nicht mehr auf­ge­taucht. Wurde viel­leicht doch noch irgendwo in Ber­lin ein Herz gefun­den?

Als sich eine Hand auf meine Schul­ter legt, zucke ich zusam­men. »Lauf nicht weg, wir müs­sen reden.« Es ist Albo. In der ande­ren Hand hält er einen Akten­ord­ner. Er sieht aus, als müsse er eine schlechte Nach­richt ver­dauen, und schiebt mich zurück in sein Büro.

»Setz dich«, sagt er.

»Ich habe hier …«, setze ich an, aber plötz­lich wird er laut: »Setz dich, Herr­gott noch mal!« Ich setze mich.

Auch er lässt sich in sei­nen Stuhl plump­sen und sackt in sich zusam­men. Er fasst sich mit bei­den Hän­den an den Kopf und fährt sich durch die Haare. Dann sagt er: »Ich habe die Ana­lyse aus dem Labor. Und sie wird dir nicht gefal­len.«

Ich bli­cke ihn erwar­tungs­voll an.

»Das Blut hat die glei­che DNA wie bei den drei Malen vor­her.« – »Aber es war kein vier­tes Herz in dem Päck­chen«, pro­tes­tiere ich. »Viel­leicht ist es altes Blut, Blut von einem der Her­zen, die wir schon gefun­den haben.«

Albo schüt­telt lang­sam den Kopf. »Das ist es nicht.« Er sieht mich an. »Ist ein­ge­trock­net, ja, das Alter nicht genau bestimm­bar, könnte von einem der drei Her­zen stam­men. Aber das ist es nicht.«

Was ist es dann?

»Es geht um dein Blut, das fri­sche Blut aus dei­nem Mit­tel­fin­ger. Das Labor hat es auch unter­sucht.«

»Bin ich …?« Ich wage nicht, irgend­eine Ver­mu­tung auf­zu­stel­len. Haben sie eine töd­li­che Krank­heit bei mir dia­gnos­ti­ziert?

Albo macht eine Kunst­pause. Er sieht furcht­bar zer­knit­tert aus. Was immer mir nicht gefal­len wird: Ihm gefällt es genauso wenig.

»Dein Blut hat die glei­che DNA wie die drei Her­zen.«

Es dau­ert einige Herz­schläge lang, bevor mir wirk­lich klar wird, was Albo da gesagt hat.

»Das muss ein Irr­tum sein«, sage ich, aber Albo schüt­telt kaum merk­lich den Kopf: »Ich lass es von einem exter­nen Insti­tut che­cken. Steht aller­dings nicht zu erwar­ten, dass sie zu einem ande­ren Ergeb­nis kom­men.«

Ein paar Atem­züge lang sit­zen wir beide schwei­gend da. Mehr­fach setze ich an, etwas zu sagen, ver­stumme aber sofort wie­der. Ich drehe mei­nen klei­nen Sta­pel Notiz­zet­tel um, um unsere The­sen zu stu­die­ren, unser Pro­fil des Mör­ders. Davon, dass ich das Opfer bin, das drei­fa­che Opfer, steht nichts da. Mein Blick geht ins Leere.

»Uwe, ich weiß von nichts. Ich habe damit nichts zu tun. Ich bin genauso ahnungs­los wie du«, sage ich. Albo nickt. Dann beugt er sich vor und schlägt mir auf die Schul­ter. Gut, in ihm einen ech­ten Freund zu wis­sen.

»Wir gehen jetzt beide nach Hause und lesen die fünf­zig neuen Texte. Du stehst bis auf Wei­te­res unter Poli­zei­schutz.« Albo zieht einen Sta­pel Kopien aus dem Akten­ord­ner und schiebt sie mir hin. »Ich muss jetzt ein paar Anrufe machen. Wäre schön, wenn du hier mor­gen früh wie­der auf der Matte stehst.«

Albo greift zu sei­nem Tele­fon­hö­rer. Ich räume alles zusam­men.

»Es kann nicht sein«, sage ich, »es ist unmög­lich.«

Albo wählt bereits eine Num­mer, hält aber inne und blickt mich an. »Hast du jeman­den, der heut Nacht bei dir sein kann?«, fragt er. Mein Zögern deu­tet er als Nein, denn er fragt wei­ter: »Soll ich rüber­kom­men?«

Ich schüttle den Kopf. »Meine Katze passt auf mich auf«, sage ich und ver­su­che ver­geb­lich, ein wenig scherz­haft zu klin­gen.

Auf dem Heim­weg muss ich plötz­lich schluch­zen. Ein eigen­ar­ti­ges Gefühl: Eine anschei­nend tief ver­gra­bene Trauer scheint sich da kurz Bahn zu bre­chen, und dann ist der Anfall auch schon wie­der vor­über, und es wird alles dumpf, und meine Gedan­ken sind wie in Watte gepackt. Ich habe das glei­che Blut wie die drei Toten. Es ist sozu­sa­gen drei­mal mein eige­nes Herz gewe­sen. Aber wie? Was zum Teu­fel hat meine DNA mit den Mor­den zu tun?!

Ein unüber­hör­ba­res und for­dern­des Miauen emp­fängt mich, als ich auf­schließe und die Woh­nung betrete. Plu­ra­belle streicht mir hung­rig um die Beine, und wie immer mache ich ihr als Ers­tes eine Dose Kat­zen­fut­ter auf.

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In Amt und Würde

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Die Glo­cken der nahe Kir­che schla­gen elf. Nicole ist pünkt­lich. Sie steht gegen­über an einem der gro­ßen Fens­ter im Flur und blickt hin­aus. Als sie mich hört, sagt sie: »Man müsste flie­gen kön­nen.«

»Kön­nen wir doch«, sage ich. Doch Nicole schüt­telt den Kopf: »Ich meine: ohne Hilfs­mit­tel. Ein­fach so auf­schwin­gen, wie im Traum. Die Arme aus­brei­ten, und los!« Sie dreht sich zu mir um.

»Wie Hexen.«

»Die rei­ten auf Besen.«

»Aber nur, weil sie nicht den Rich­ti­gen fin­den.« Wir gehen gackernd zum Rau­cher­bal­kon und zün­den uns unsere Elf-Uhr-Ziga­ret­ten an. Hier oben im sieb­ten Stock sind wir höher als die Bäume. Tief unten wuselt die Stadt geschäf­tig durch­ein­an­der.

»Wie war dein Wochen­ende?«, frage ich Nicole. Sie grinst ver­schämt: »Ach, wie immer. Lange schla­fen, im Schlaf­an­zug rum­hän­gen, Chips, Scho­ko­lade, ziel­los zap­pen.«

»Du soll­test in einen Chor gehen«, schlage ich ihr vor.

»Chor? Wie kommst du dar­auf?«

»Du hast eine schöne Stimme. Und da gibt es Bässe und Tenöre. Viel­leicht ja sogar Hel­den­te­nöre?«

Sie lacht und prus­tet Rauch aus der Nase.

»Du suchst doch nach ’nem Hel­den.«

Sie lacht noch lau­ter: »Ich hatte, glaube ich, von einem Pira­ten gespro­chen.«

»Stimmt«, sage ich, »und weil du eine schöne Stimme hast, soll­test du in einen Chor gehen und einen Pira­ten­bass ken­nen­ler­nen.«

»Du hast mich doch noch nie sin­gen hören.«

»Na und? Geht ja auch nicht ums Sin­gen. Jeden­falls nicht direkt.«

»Ach, Lisa, komm du mal in mein Alter. Da denkt man anders, weißt du. In einen Chor zu gehen – was ist das denn schon für ein Kos­ten-Nut­zen-Ver­hält­nis.«

»Aber das kos­tet doch nichts, oder?«

»Doch. Zeit.«

»Du meinst die Zeit, die du sonst mit Scho­ko­lade, Chips und ziel­lo­sem Zap­pen ver­bringst.«

»Genau. Und Pira­ten sin­gen nicht im Chor. Die zie­hen durch die Welt, machen ver­rückte Dinge, rau­ben Schätze, sind nicht zu fas­sen …«

»Mit Holz­bein, Haken am Arm und Augen­klappe?«

Nicole lacht wie­der. »Nein, nicht diese Art Pirat, son­dern, wie soll ich sagen …? Du wirst es wis­sen, wenn du ihn siehst.«

»Gibt es denn da schon einen?«, frage ich lau­ernd.

Nicole schüt­telt den Kopf und sieht plötz­lich trau­rig aus. Sie wen­det sich dem Him­mel zu, wie um zu ver­ber­gen, dass ihr Trä­nen in den Augen ste­hen. Aber das kann nicht sein. Nicole ist taff. Sie ist selbst eine Pira­tin. Hier im Amt ist sie nur zeit­weise gestran­det.

»Weißt du«, sagt sie, »dass wir hier oben im obers­ten Stock­werk eigent­lich über allen ande­ren thro­nen?«

»Wir sind doch gar nicht die Ein­zi­gen hier. Was ist mit der Doh­len und der Pät­zold?«

»Die zäh­len nicht. Den wei­tes­ten Weg von der Treppe aus haben wir. Wir haben die letz­ten Zim­mer im Kor­ri­dor.«

»Und wenn schon? Die will doch sonst kei­ner, weil der Auf­zug nicht bis ganz nach oben fährt.«

»Aber so thro­nen wir über allen ande­ren und sind die Köni­gin­nen des Amtes.«

»Schön­heits­kö­ni­gin­nen?«

Sie sieht mich lange und prü­fend an, wirft ihren glü­hen­den Ziga­ret­ten­rest hin­un­ter in die wuselnde Welt und schüt­telt dann kurz den Kopf. »Köni­gin­nen«, sagt sie.

Ich muss lachen und werfe mei­nen Stum­mel hin­ter­her. Dann stelle ich mich hin­ter sie an das Gelän­der des Rau­cher­bal­kons, nehme ihre Ärmel und breite mit ihr die Arme aus: »Wir sind die Köni­gin­nen der Welt!«

»Wir kön­nen flie­gen!«, ruft sie.

Aber mit den Ziga­ret­ten ist auch die Pause vor­bei, und wir flie­gen gemein­sam wie­der zurück in unsere Büros. »In unsere Thron­säle«, berich­tigt mich Nicole.

»Hof­hal­ten, reprä­sen­tie­ren, Unter­ta­nen emp­fan­gen …«

»… und hin und wie­der Gnade wal­ten las­sen. Tja, sonst gerne. Heute aller­dings steht könig­li­cher Papier­kram an, fürchte ich, Eure Majes­tät.«

»Bei mir auch, Eure könig­li­che Hoheit«, ant­worte ich, aber Nicole schrei­tet bereits wei­ter durch den Kor­ri­dor auf ihre ganz hin­ten lie­gen­den Gemä­cher zu, auf­recht, wür­de­voll, mit gewähl­ten Schrit­ten und Köni­gin durch und durch.

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Arti­fact from Fable

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Ich betrete den Kor­ri­dor, denn genau das ist, was die canali, die Schia­pa­relli durch sein Fern­rohr auf dem Mars zu erken­nen glaubte, sind: Kor­ri­dore, von den Mar­sia­nern in den Sand ihres Pla­ne­ten gegra­ben, um ihre Städte zu ver­bin­den. Für einen Astro­no­men des 21. Jahr­hun­derts müs­sen diese Worte lächer­lich erschei­nen, selbst einem astro­no­mi­schen Laien müs­sen sie ver­rückt vor­kom­men oder zumin­dest unzeit­ge­mäß. Frü­her, ja, damals in den ers­ten Jahr­zehn­ten des 20. Jahr­hun­derts wurde über grüne Mars­männ­chen fan­ta­siert. Orson Wel­les ließ feind­li­che Mar­sia­ner in New Jer­sey lan­den, und sein ver­meint­li­ches Live-Radio­fea­ture dar­über ver­ur­sachte eine Mas­sen­pa­nik. Heißt es. Auch das ist gelo­gen. Oder zumin­dest über­trie­ben.

Ich bin der letzte Über­le­bende der ers­ten Mars­mis­sion. Ich bin Wis­sen­schaft­ler und Inge­nieur, ich bin Raum­fah­rer und dar­über hin­aus in Psy­cho­lo­gie geschult, denn eines der größ­ten Pro­bleme des Flugs zum Roten Pla­ne­ten ist die lange Zeit der Anreise, zusam­men­ge­pfercht in einem win­zi­gen Raum­schiff, das sich immer wei­ter vom Hei­mat­pla­ne­ten ent­fernt, bis die Pau­sen in den Funk­ge­sprä­chen ner­vig lang wer­den und die Grup­pen­dy­na­mik in der Crew mehr und mehr einer Zer­reiß­probe gleicht, wäh­rend die blaue Mur­mel im Sicht­fens­ter klei­ner und klei­ner wird.

Ich bin die Elite. Einer von einer Hand­voll fähi­ger Men­schen, die auf eine der gefähr­lichs­ten und kost­spie­ligs­ten Mis­sio­nen geschickt wur­den, die je unter­nom­men wur­den. Und jetzt stapfe ich durch einen brei­ten Kor­ri­dor im Sand, habe mei­nen Helm vom Kopf gezo­gen und ziehe mei­nen Hut vor Schia­pa­relli, der recht gehabt hat mit sei­nem Geflecht von Stra­ßen, mit dem er 1877 seine Mars­karte über­zo­gen hat.

Es gibt sie wirk­lich! – rie­sige Kor­ri­dore, mit für Men­schen atem­ba­rer Luft gefüllt, deren obere Schicht den Mars­bo­den spie­gelt und alle Astro­no­men nach Schia­pa­relli, ja selbst unsere zahl­rei­chen Son­den vor Ort getäuscht hat.

Ich stapfe in mei­nem Raum­an­zug durch den Mars­sand und schwitze. Es herr­schen som­mer­li­che Tem­pe­ra­tu­ren hier unten, auch nachts. Die Kom­man­do­zen­trale wird glau­ben, auch ich sei tot und habe es nicht geschafft. Auch mir scheint es abstrus, dass ich hier ohne Helm über den Mars spa­ziere. Aber ich bin nicht ver­rückt. »Wenn man das Unmög­li­che aus­ge­schlos­sen hat, muss das, was übrig bleibt, die Wahr­heit sein, so unwahr­schein­lich sie auch klin­gen mag.«

Zuerst dachte ich, der Kor­ri­dor sei eine Laune der Natur. Doch dann traf ich auf das schim­mernde Lauf­band, das sich wie ein Fluss von Queck­sil­ber über sei­nen Boden hin­zog. Es kam mir vor wie eine Fata Mor­gana. Schließ­lich stieg ich vor­sich­tig dar­auf und ließ mich von dem sil­ber­nen Band wei­ter­tra­gen.

Nach eini­gen Kilo­me­tern ver­schwand es unter Sand. Marswinde müs­sen ihn in den Kor­ri­dor hin­ein­ge­weht haben. Die Mar­sia­ner – denn wer sonst könnte der Schöp­fer die­ser tech­ni­schen Vor­rich­tung sein – sind ver­mut­lich schon Jahr­hun­derte, wenn nicht Jahr­tau­sende fort. Aber sie haben Städte hin­ter­las­sen. Zwei habe ich durch­wan­dert. Sie sind tot und ver­fal­len. Doch nun habe ich einen Berg erreicht, durch den der Kor­ri­dor hin­durch­führt, und dort eine wei­tere Stadt gefun­den. Sie öff­net sich mir wie eine Blüte im Zeit­raf­fer, glän­zende kris­tal­lene Blü­ten­blät­ter schwen­ken zur Seite, und ich durch­schreite ein Tor.

Ich wollte nie ein Held oder ein Ent­de­cker sein. Ich war der­je­nige in der Crew, der die gerings­ten Erwar­tun­gen an den Mars hatte. Eigent­lich wollte ich nur ein für alle­mal bewei­sen, dass es hier kein Leben gibt und dass alle Hin­weise, die man mit den Mars­son­den gefun­den zu haben glaubt, sich durch rein che­mi­sche Pro­zesse erklä­ren las­sen. Der Mars ist, dachte ich, ein toter Pla­net, ein – um ein reli­giö­ses Bild zu ver­wen­den, wobei ich alle Reli­gion schon lange abge­legt habe – Höl­len­pla­net. Meine Groß­el­tern, beson­ders meine Groß­mutter, hat es immer gegraust, dass ich mich von ihrem Glau­ben abge­wen­det habe und Natur­wis­sen­schaft­ler, Che­mi­ker, gewor­den bin. Sie glaubte, so begäbe ich mich auf den direk­ten Weg zur Hölle, und wollte mich immer zur Umkehr bewe­gen. Aber die Hölle erwar­tet uns alle, denn die Hölle, das ist das Nichts. Wenn das Leben auf­hört, gehen die bio­lo­gi­schen Pro­zesse noch eine Zeit­lang wei­ter, dann noch eine Weile die che­mi­schen, schließ­lich bleibt nur Phy­sik von dem übrig, was wir ein­mal gewe­sen sind, und am Ende der Phy­sik steht dank der Entro­pie die abso­lute Gleich­för­mig­keit. Wir bewe­gen uns auf das Nichts zu, unauf­hör­lich.
Und jetzt diese Stadt. Diese gewal­ti­gen, schim­mern­den Bau­ten. Das Sum­men von Maschi­nen unter den Sil­ber­bän­dern, die mich durch die lee­ren, stum­men Stra­ßen­schluch­ten tra­gen. Als Wis­sen­schaft­ler, der die Hin­ter­las­sen­schaf­ten einer unbe­kann­ten mar­sia­ni­schen Zivi­li­sa­tion ent­deckt und fest­stellt, dass alles noch funk­tio­niert, stel­len sich mir unzäh­lige Fra­gen, so viele Fra­gen, dass mein Geist unter dem Ansturm nach­gibt und das Nach­den­ken dar­über ein­fach ein­stellt.

Ich lasse mich trei­ben. Wun­der um Wun­der prä­sen­tiert sich mir. Staunte ich anfangs noch, so wird mein Blick nun immer stump­fer, und ich schaue bald gar nicht mehr rich­tig hin. Bis ich die Pyra­mide sehe.

Es ist ein per­fek­ter pla­to­ni­scher Kör­per, ein Tetra­eder. Er schim­mert hell­weiß, steht auf der Spitze und dreht sich lang­sam – wie eine Par­odie auf die Che­ops­py­ra­mide, die ursprüng­lich mit wei­ßem Tura-Kalk­stein ver­klei­det war, und ebenso groß wie sie.

Ich betrete die Mars­py­ra­mide – auch wenn ich nicht sagen kann, wie ich in die Spitze hin­ein­komme und warum ich nach dem Ein­tre­ten in einem gro­ßen Gewöl­be­saal mit mäch­ti­gen Säu­len aus Eben­holz stehe.

Meine Groß­el­tern ste­hen da zwi­schen den Reli­ef­pfei­lern, Esther, wie ich sie kenne: ker­zen­ge­rade auf­ge­rich­tet, als habe sie einen Stock ver­schluckt, und Her­mann mit der noto­ri­schen kal­ten Pfeife zwi­schen den Zäh­nen.

»Also bist du umge­kehrt«, sagt meine Groß­mutter. Ich nicke. In dem schwe­ren Raum­an­zug, der die Farbe des San­des ange­nom­men hat, komme ich mir ein wenig lächer­lich vor.

»Dann hast du das Unmög­li­che aus­ge­schlos­sen und bist jetzt bereit, dei­ner Wahr­heit gegen­über­zu­tre­ten?«, fragt mein Groß­va­ter. Ich schüttle den Kopf: »Wer hat diese Kor­ri­dore gegra­ben und diese Städte erbaut? Wie sahen die Mar­sia­ner aus? Was hat sie ver­nich­tet?«

»Sie haben die fal­schen Fra­gen gestellt«, sagt meine Groß­mutter und nimmt mich bei der Hand. »Komm jetzt.«

 

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Tré í draumi

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der mich von mei­nen Pri­vat­ge­mä­chern im E‑Gig-Par zu den Gewöl­ben mit mei­ner klei­nen Samm­lung anti­ker Arte­fakte führt. Seit ich Hohe­pries­te­rin und Gat­tin des Nanna und damit Zirru und Dam unse­res Mond­got­tes bin, finde ich nur noch sel­ten die Zeit, hier­her­zu­kom­men zu den Fund­stü­cken aus unse­rer viel­jäh­ri­gen Geschichte, die mir die Kraft geben, meine Auf­ga­ben zu erfül­len und den Göt­tern und dem Volk zu Diens­ten zu sein.

Mein Vater, der König von Baby­lo­nien, ließ viele der alten Bau­ten wie­der­errich­ten und dabei in den Rui­nen nach den alten Grün­dungs­stei­nen suchen. Dabei fand sich in Sand und Erde vie­les, das unsere Vor­fah­ren über­dau­ert hat. Die­sen Hin­ter­las­sen­schaf­ten weihte ich die­ses Gewölbe, das ich Tem­menu nannte, denn es ist ein Hei­li­ger Ort, an dem ich den Geist unse­rer Ahnen spü­ren kann. Hier, ein Teil einer Sta­tue, die König Shulgi zeigt. Oder die­ser Kudurru hier, ein Grenz­stein, den eine Schlange ziert. Und eine Ton­ta­fel aus der Zeit, als in Larsa noch eigene Könige herrsch­ten …

Seit vie­len Jah­ren schon war mein Vater nicht mehr hier. Ein Traum­ge­sicht brachte ihn dazu, die Stadt zu ver­las­sen und in die Wüste zu zie­hen. Ihm träumte von einem gewal­ti­gen Baum, auf des­sen Ästen ganze Län­de­reien Platz hat­ten – und dass er ihn fäl­len solle. Die­ser Baum sei er, König Nabo­naid, selbst, und auf den Ästen befinde sich sein Reich, erklärte ihm ein Traum­deu­ter, und die Weis­heit des Trau­mes rate ihm, fort­zu­ge­hen und sie­ben Jahre lang unter wil­den Tie­ren zu leben.

Es wird Abend, und ich muss mich auf den Weg zur Blauen Kam­mer auf dem Zik­ku­rat machen, das mein Vater auf den stau­bi­gen Rui­nen des alten Ete­men­ni­gur errich­ten ließ, damit dort oben die Hohe­pries­te­rin ihren Dienst wie­der­auf­neh­men kann – ich, von den Wahr­sa­gern des Hofes zur Gat­tin des Nanna erko­ren, En-nigaldi-Nanna, Toch­ter des gro­ßen Nabo­naid, den ein Traum fort­führte aus der Stadt seine Ahnen.

Wirst du je zurück­keh­ren? Ich ver­misse dich, Vater. Deine Toch­ter ruft nach dir.

 

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Kas­ta­li­ens Mön­che

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Ich betrete den Kor­ri­dor sei­nes Haus­boots und über­rei­che mei­nem Freund Norbu eine Fla­sche Rot­wein, die er lächelnd ent­ge­gen­nimmt. »Gehen wir nicht auf die Ter­rasse?«, frage ich. Norbu schüt­telt den Kopf: »Zu viele Mücken um diese Zeit. Set­zen wir uns ins Wohn­zim­mer.« Der Son­nen­un­ter­gang über dem See lässt sich mit einem Glas Bar­ba­roux auch von hier genie­ßen.

»Hesse«, sagt mein Freund unver­mit­telt – seine Art, ein Thema in den Raum zu stel­len. »Der Step­pen­wolf«, ant­worte ich, »das magi­sche Thea­ter – war Schul­lek­türe für mich.« In Nor­bus Augen ent­de­cke ich einen Wider­schein des Abend­rots am Hori­zont. »Alles war Mär­chen, Spiel und Sym­bol«, sagt er, und ich ver­mute, dass es ein Zitat ist, »aber ich wollte auf sei­nen letz­ten Roman hin­aus, Das Glas­per­len­spiel.« – »Von dem man­che sagen, es habe sich bereits ver­wirk­licht: mit dem Inter­net.«

Norbu lacht. »Dazu braucht es eine deut­lich höhere Zahl als eine Zwei vor Punkt und Null.« Er blickt nach­denk­lich in den Him­mel. Von der Som­mer­sonne ist jetzt nur noch der Wider­schein zu sehen. »Meme in immer neuen Kom­bi­na­tio­nen – ich frage mich, ob das zu etwas füh­ren kann.«

Meme.

Damit meint mein Freund Norbu nicht etwa nur Inter­net-Meme, son­dern viel all­ge­mei­ner: kom­mu­ni­zier­bare und damit wei­ter­zu­ge­bende gedank­li­che Inhalte. Zu denen dann auch virale Videos gehö­ren. Ein erfolg­rei­ches Mem ist jeden­falls eine Vor­stel­lung, die sich in den Köp­fen mög­lichst vie­ler Men­schen fest­setzt.

Und rich­tig: Hes­ses Ordens­brü­der wid­men sich im Grunde der Ver­knüp­fung von Memen, auch wenn es das Wort damals noch nicht gege­ben hat. Denn Meme las­sen sich – deut­lich schnel­ler als ihre mate­ri­el­len Gegen­stü­cke, die Gene – mutie­ren und wei­ter­ent­wi­ckeln. Kul­tur, könnte man sagen, ist ein mem­tech­ni­sches Ver­fah­ren.

»Wozu sollte das Glas­per­len­spiel im Roman die­nen?«, fragt mich mein Freund Norbu. Ich zucke mit den Schul­tern: »Zum Zeit­ver­treib? Zur Erkennt­nis?« – »Genau. Was aber, wenn die Erkennt­nis ist, dass alles, was es gibt, nur auf eine unend­li­che Zahl von Kom­bi­na­tio­nen hin­aus­läuft? Was bleibt dann?« Wie­der zucke ich mit den Schul­tern. Norbu gibt die Ant­wort selbst: »Zeit­ver­treib.«

»Unsinn«, pro­tes­tiere ich, »was ist mit der Bekämp­fung des Leids und der Gier, der Befrie­di­gung der Grund­be­dürf­nisse aller, der Schaf­fung einer ver­ein­ten Mensch­heit mit Wert­schät­zung aller indi­vi­du­el­len Facet­ten …?« Norbu unter­bricht mich: »Nun, Neu­kom­bi­na­tio­nen von Memen kön­nen sicher­lich die rich­ti­gen Ideen und damit die rich­ti­gen Lösun­gen für all das erge­ben. Und dann? Und dann?« Er blickt mich auf­for­dernd an. Ich ringe nach Wor­ten, gebe es aber bald auf.

»Warum wohl«, fragt Norbu, nach­dem er sich noch einen Schluck Rot­wein hat schme­cken las­sen, »sind es bei Hesse Glas­per­len – die klei­nen far­bi­gen Kugeln, wie man sie Natur­völ­kern schenkt, die ganz ver­ses­sen danach sind, weil sie so schön schim­mern und schil­lern?«

Ich hänge mit mei­nen Gedan­ken ein paar Schritte zurück. Die rich­ti­gen Lösun­gen für alles? Alles?! »Es wer­den nie alle Pro­bleme gelöst sein«, pos­tu­liere ich, »sie wach­sen nach. Sie lie­gen in der Natur der Sache.«

Norbu wiegt den Kopf wie ein Inder, der Ja sagt, aber Nein meint. »Sicher. Bei einer Unzahl von Kom­bi­na­ti­ons­mög­lich­kei­ten erge­ben sich auch alle mög­li­chen und unmög­li­chen Pro­bleme. Das Pro­blem ist: Sind wir viel­leicht nicht anders als die Natur­völ­ker, die glau­ben, die Glas­per­len seien über­aus kost­bar, wobei es in Wahr­heit nur mehr oder weni­ger wert­lose Abfall­pro­dukte sind? Und tau­schen wir nicht beden­ken­los unser Gold dage­gen ein?«

Ich ver­su­che, ihm zu fol­gen. Wie so oft ist es nicht ganz ein­fach. »Was wäre dann das Gold für uns?«, frage ich. Doch mein Freund Norbu schweigt und schwenkt vor dem rot­gol­den leuch­ten­den Him­mel genie­ße­risch den Rest Bar­ba­roux in sei­nem Glas.

 

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Accor­ding to a Lost Book

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Ich betrete den Kor­ri­dor in den Fuß­stap­fen von Isi­do­ros, dem Phi­lo­so­phen.

In den Archi­ven des Vati­kans, zu denen ich nach jah­re­lan­gem büro­kra­ti­schen Hick­hack Zutritt bekom­men hatte, um dort für meine For­schun­gen über Bilo­ka­tion recher­chie­ren zu kön­nen, stieß ich auf einen unbe­kann­ten Text des neu­pla­to­ni­schen Meta­phy­si­kers Isi­dor. Seine Ideen brachte er in Form von Hym­nen, die er »Kor­ri­dore«, dia­dro­moi, nannte, zu Papier.

Ich habe den Text, ein mit­tel­al­ter­li­ches Palim­psest, aus dem Archiv her­aus­ge­schmug­gelt, ursprüng­lich mit der Absicht, eine kom­men­tierte Über­set­zung anzu­fer­ti­gen. Sie hätte mich, dachte ich, berühmt gemacht und viel­leicht auch ein wenig aus mei­nen noto­ri­schen Schul­den her­aus­ge­holt. Doch habe ich mich in Isi­dors ver­schlun­ge­nen Kor­ri­do­ren heil­los ver­irrt und ange­fan­gen, statt einer ernst­zu­neh­men­den Über­set­zung kurze Nach­dich­tun­gen der Hym­nen zu ver­fas­sen, Umschrei­bun­gen und unver­hoh­lene Epi­go­nis­men, die dann schnell ein sehr selt­sa­mes Eigen­le­ben ent­wi­ckel­ten.

Ich muss damit auf­hö­ren!

Heute in aller Frühe erwachte ich und hatte den Nach­klang eines Lime­ricks im Ohr. Ja, auch Lime­ricks zäh­len zu mei­nen para­phra­sier­ten Neu­ge­stal­tun­gen von Isi­dors weg­wei­sen­den Dia­dro­moi. Das wis­sen­schaft­li­che Estab­lish­ment würde mich dafür stei­ni­gen. Ach was, mich mit einem Ig-Nobel­preis ver­höh­nen und aus­la­chen wür­den sie mich.

Also mach ich jetzt Schluss damit! Ich werde diese ver­ma­le­deite Abschrift ins vati­ka­ni­sche Archiv zurück­schmug­geln, all meine Auf­zeich­nun­gen ver­nich­ten und mich wie­der an meine ursprüng­lich beab­sich­tigte Unter­su­chung der Bilo­ka­tion bege­ben, bei der mich der Geist von Isi­dor hof­fent­lich nicht län­ger heim­su­chen wird.

 

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The Chase

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Ich betrete den Kor­ri­dor schwe­bend und zeit­lu­pen­haft lang­sam, um dann plötz­lich über­mensch­lich schnell durch wei­tere Kor­ri­dore, durch Durch­gänge und um Ecken zu schie­ßen, dabei aber immer wie­der kurz in Zeit­lupe ver­fal­lend, wor­auf­hin die irr­sin­nige Jagd durch das Laby­rinth sofort wei­ter­geht, bis die Kamera nach die­sen extre­men Tem­po­wech­seln schließ­lich – im pas­sen­den Timing zu den Orches­ter­schlä­gen der sin­fo­ni­schen Film­mu­sik – ins Freie gelangt und in den Him­mel schwenkt. Whoa! Hätte nicht gedacht, dass die Sequenz der­art gut kommt, und das allein schon hier auf dem Moni­tor am Schnitt­platz. Wie soll das erst im Kino wer­den? Es wird die Zuschauer von ihren Sit­zen rei­ßen.

Die Regis­seu­rin ist da aller­dings ganz ande­rer Mei­nung. Sie kommt in den Schnei­de­raum, lässt sich die Sequenz von mir zei­gen und stoppt sie, noch bevor sie zu Ende ist. »Nein, nein, viel zu effekt­ha­sche­risch. Ich hab mir unter dem Par­al­lel­welt­über­gang etwas viel Schlich­te­res, Unauf­fäl­li­ge­res vor­ge­stellt.«

Ich pro­tes­tiere: »Aber so steht es im Dreh­buch: ›Die Kamera rast durch ein Laby­rinth von Kor­ri­do­ren und Trep­pen­häu­sern.‹«

»Kann sein, aber das ist nicht der Film, den ich vor Augen habe. Ich dachte da an ein kur­zes Kris­tal­li­sie­ren des Bil­des, wie eine Wind­schutz­scheibe, die in Tau­sende Pixel zer­split­tert. Und dann, einen Wim­pern­schlag spä­ter, ist alles wie vor­her, nur wis­sen wir, dass unsere Hel­din jetzt in eine Welt gesprun­gen ist, die sich von der vor­he­ri­gen in win­zi­gen Details unter­schei­det.«

»Ein kur­zes Kris­tal­li­sie­ren des Bil­des also?«

Sie nickt. »Wer im Publi­kum an der Stelle auch nur ganz kurz die Augen schließt, hat’s ver­passt. Es muss sub­til sein. Keine bil­li­gen Effekte. Das ist nicht mehr zeit­ge­mäß. Ich sollte da auch noch mal mit dem Kom­po­nis­ten spre­chen.«

»Sub­til also.«

»Genau. Aber …« Sie sieht auf ihre Arm­band­uhr. »Jetzt ist’s schon spät, und die Über­stun­den bekom­men wir nicht bezahlt. Da set­zen wir uns mor­gen dran, schlage ich vor.«

Damit geht sie. Ich sehe mir die rasende Fahrt durch die Kor­ri­dore noch ein­mal an. Schade um die schöne Sequenz. Immer­hin musste der Kame­ra­mann der Second Unit dafür rund zwan­zig Minu­ten hoch und run­ter durch Gänge und über Trep­pen lau­fen, ohne die Kamera von der Schul­ter zu neh­men. Am Schnei­de­tisch habe ich das auf einen Bruch­teil die­ser Zeit beschleu­nigt, und jetzt lösen die Bil­der irgend­et­was Merk­wür­di­ges in mei­nem Kopf aus. Damals, als ich als Cut­ter anfing, hab ich mit mei­nen Kol­le­gen mal bei einer Party dar­über phi­lo­so­phiert, ob es den per­fek­ten Schnitt geben könnte. Ein guter Schnitt bleibt unbe­merkt, ein schlech­ter Schnitt fällt auf, stört und reißt das Publi­kum aus dem Film­erleb­nis raus. Könnte nicht ein sehr guter, ein per­fek­ter Schnitt so sehr »nicht auf­fal­len«, dass er den Zuschauer mit einem Schlag noch viel tie­fer in den Film mit rein­zieht?

Mit weni­gen Klicks setze ich die zwi­schen Zeit­lupe und Zeit­raf­fer wech­selnde, pum­pende Kor­ri­dor­jagd zu einem Loop zusam­men. Die Fahrt ist jetzt end­los, und ich weiß nicht, wie lange ich schon dar­auf­starre und hin­ein­ge­zo­gen werde. Einen Wim­pern­schlag lang scheint mein Gesichts­feld von einem Karo­mus­ter fei­ner Fäden durch­zo­gen, und für den Bruch­teil einer Sekunde wir­belt alles kalei­do­skop­ar­tig durch­ein­an­der. Es ist, als ver­löre ich kurz den Halt in die­ser Rea­li­tät … – doch dann ist es auch schon wie­der vor­bei.

Eine Stimme reißt mich aus der Trance: »Fan­tas­tisch. Groß­ar­tig. Viel bes­ser, als ich mir vor­ge­stellt habe.« Ich betä­tige die Stopp­taste und drehe mich um. Die Regis­seu­rin steht da, lehnt sich über mich und drückt die Play­taste. Ihre Augen leuch­ten: »Das macht den Wech­sel der Welt zu einem ech­ten Trip für den Zuschauer. Die Musik braucht noch mehr Bass, aber sonst ist es per­fekt. Gute Arbeit. Die­ses Geschwin­dig­keits-Pum­pen im Bild reißt einen voll in den Film rein!«

»Also … nicht sub­til?«

»Wir wer­den die Zuschauer kaum ›sub­til‹ über­wäl­ti­gen kön­nen, oder? Der Film soll sie umhauen! Aber …« Sie blickt auf ihre Arm­band­uhr. »Es ist schon spät. Wir schnei­den es, schlage ich vor, mor­gen in die Szene rein, okay?«

Damit geht sie. Ich stoppe die Sequenz. Was war das gerade? Selt­sam. Ver­mut­lich bin ich über­ar­bei­tet und brau­che drin­gend eine Mütze voll Schlaf.

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The Bridge of Aaro­nii

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Ich betrete den Kor­ri­dor als Ers­ter. Die Besu­cher fol­gen. Wir sind wie­der da ange­langt, wo ich mit der Füh­rung begon­nen habe, und hier schließe ich sie tra­di­tio­nel­ler­weise auch wie­der ab. Ich warte, bis alle bei­sam­men­ste­hen.

»Mit irgend­ei­nem Kor­ri­dor musste es ja anfan­gen. Und auch, wenn hier keine Gedenk­pla­kette oder so etwas ange­bracht ist: Dies ist der Kor­ri­dor. Der, der die ursprüng­li­che Inspi­ra­tion war und letzt­lich für alles ver­ant­wort­lich ist.«

Die Besu­cher bli­cken sich um. Ich sehe auch ent­täuschte Gesich­ter. Einer fragt: »Was ist so beson­ders an die­sem Kor­ri­dor?«

»Nichts.« Ein leich­tes Grin­sen kann ich mir nicht ver­knei­fen. Diese Frage kommt, in der einen oder ande­ren Form, an die­ser Stelle immer. »Es hätte jeder Kor­ri­dor sein kön­nen. Es ging nur darum, dass sich ein Weg ver­zweigt. Dass es meh­rere Mög­lich­kei­ten gibt, wei­ter­zu­ge­hen.«

»Wegen der Par­al­lel­wel­ten?«, fragt ein paus­bä­cki­ger Junge, dem sein Vater dar­auf­hin gleich schüt­zend die Hand auf die Schul­ter legt.

Ich nicke.

»Aber gibt es die denn wirk­lich?«, fragt der Junge wei­ter. Ich glaube zu bemer­ken, dass der Vater ihm in die Schul­ter drückt, wie um zu signa­li­sie­ren, dass er sich ja nicht zu weit vor­wa­gen soll.

»Klar«, ant­worte ich. »Hin­ter den Türen. Doch sie sind nicht Teil der Füh­rung, die dann hier zu Ende ist.« Die Türen wer­den jetzt von allen mit erneu­tem Inter­esse betrach­tet. Links die Her­ren- und die Damen­toi­lette. Rechts zwei Türen mit der Auf­schrift »pri­vat«. Es hat bis­her noch nie jemand gewagt, eine von ihnen zu öff­nen. Dazu sind sie alle viel zu brav.

»Der Aus­gang«, sage ich, »ist hin­ten, am Ende des Kor­ri­dors. Ich hoffe, ich konnte Ihnen ein wenig die Augen öff­nen. Vie­len Dank jeden­falls für Ihre Auf­merk­sam­keit.«

Hin und wie­der klat­schen die Besu­cher an die­ser Stelle kurz. Dies­mal tre­ten nur einige von ihnen, auch der Vater des vor­wit­zi­gen Jun­gen, zu mir, schüt­teln mir mit einem Dan­ke­schön die Hand oder drü­cken ein klei­nes Trink­geld hin­ein.

»Emp­feh­len Sie uns wei­ter, wenn es Ihnen gefal­len hat«, rufe ich der klei­nen Gruppe hin­ter­her. Dann wende ich mich um. Ein paar Schritte hin­ter mir ist die kleine Theke, wo man bei Katja Taschen und Män­tel hin­ter­le­gen kann und einen klei­nen Falt­plan erhält.

»Wir soll­ten Post­kar­ten ver­kau­fen«, sagt sie, »manch­mal habe ich das Gefühl, die Leute wol­len auch gerne was mit nach Hause neh­men.«

»Und was sollte da drauf sein, auf den Post­kar­ten?«

»Na, Zitate, kleine Sinn­sprü­che und so. Und unser Logo natür­lich. Das wäre dann auch ein biss­chen Wer­bung für uns.«

»Ich weiß nicht«, sage ich, »ich denk drü­ber nach.«

Sie nickt lächelnd, und ihre Augen blit­zen. Schön, wie sie sich immer wie­der für uns ein­setzt.

»Ich glaube, das war’s für heute. Du kannst nach Hause gehen. Ich mach dann noch über­all das Licht aus.«

Das lässt sie sich nicht zwei­mal sagen. Schon hat sie ihre Tasche in der Hand und hebt die Hand zum Abschied: »Bis mor­gen, Chef.«

Hin­ter ihr schließe ich ab. Einer der Besu­cher hat sei­nen Falt­plan acht­los in die Ecke gewor­fen. Er ist zu zer­knit­tert, um ihn noch ein­mal ver­wen­den zu kön­nen. Eine Ecke ist abge­ris­sen; viel­leicht, um dar­auf etwas zu notie­ren. Damit ist der Name um ein »…se« ver­stüm­melt. »Museum für Erkennt­nis« steht jetzt da. Im Sin­gu­lar macht sich das auch ganz gut. Aber ich hätte mich nie getraut, es so zu nen­nen.

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Mare chronium–Ruminating

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Ich betrete den Kor­ri­dor, sobald sich die Auf­zug­tür öff­net, stelle aber bei einem prü­fen­den Blick auf mein Tablett fest, dass ich zu den zwei Tel­lern, auf denen Pas­cal sei­nen berühm­ten Coq au vin ange­rich­tet hat, die Pfef­fer­mühle ver­ges­sen habe. Nun will ich aller­dings unbe­dingt pünkt­lich sein und um fünf Minu­ten nach Mit­ter­nacht ans Zim­mer 27 klop­fen, in dem Herr Kori­an­der auf mich war­tet. Er selbst isst nie auch nur einen Bis­sen, und viel­leicht will sein Gast ja kei­nen Pfef­fer.

Ich klopfe, und Herr Kori­an­der öff­net mir lächelnd. Tat­säch­lich: Er hat wie­der einen Gast auf dem Zim­mer, der sich irgend­wie an mir vor­bei­ge­schmug­gelt haben muss. Er sieht in sei­nem schwar­zen Anzug über wei­ßem Hemd mit dunk­ler Kra­watte sehr distin­gu­iert aus, ist viel­leicht fünf­zig Jahre alt und trägt eine Horn­brille mit dunk­lem Rand. Ich ser­viere die zwei bestell­ten Mahl­zei­ten.

Herr Kori­an­der greift zu sei­nem Blei­stift und schlägt sein Notiz­büch­lein auf. Er spricht Eng­lisch, und wie ich schon fast erwar­tet habe, geht es um den Mars. Und um Mar­sia­ner. Und wei­tere ver­rückte Dinge, von denen mir der Kopf zu schwir­ren beginnt, wäh­rend ich mich wie gewohnt neben das Bett zurück­ziehe und abwarte, ob ich noch gebraucht werde.

Herr Kori­an­ders Gast lässt sich das Hähn­chen schme­cken und scheut nicht davor zurück, seine Fin­ger dabei ein­zu­set­zen. Zusätz­li­cher Pfef­fer scheint ihm nicht zu feh­len. Herr Kori­an­der möchte gerne über die Mar­sia­ner reden, genauer über – falls ich das rich­tig in Erin­ne­rung habe – die »1387229ste Öst­li­che Unter­ge­ord­nete Inkar­na­tion eines Lohan«. »Ein Lohan ist ein Arhat«, meint sein Gast zwi­schen zwei Bis­sen, und mit sei­nem freund­li­chen, fast schon buben­haf­ten Lächeln sieht er schon gar nicht mehr so distin­gu­iert aus. Er scheint Ame­ri­ka­ner zu sein.

Wäh­rend ich mich noch frage, was ein »Lohan« oder »Arhat« sein könnte, reden die bei­den bereits im Zusam­men­hang mit einer Zeit­spanne von 16000 Jah­ren über etwas, dass Herr Kori­an­der »Instru­men­ta­li­tät« nennt. Die bei­den tre­ten in einen schnel­len Schlag­ab­tausch, was dem Ame­ri­ka­ner Spaß zu machen scheint. Irgend­wie gelingt es ihm, zwi­schen sei­nen Aus­füh­run­gen auch immer wie­der einen Bis­sen vom Coq au vin zu essen, wäh­rend es Herr Kori­an­der bei gele­gent­li­chen Schlu­cken von sei­nem Glas Tafel­was­ser belässt.

Ich ver­stehe kein Wort. Irgend­wie scheint es wie­der um fremde Intel­li­gen­zen und nicht­mensch­li­ches Bewusst­sein zu gehen. Ich kann mir nur wenige Pas­sa­gen und Aus­drü­cke mer­ken. So möchte Herr Kori­an­der etwas über die »Dou­glas-Ouyang-Pla­ne­ten« erfah­ren, und plötz­lich geht es um die Musik, die diese Pla­ne­ten zu machen schei­nen, eine »Kongo-Helium-Musik« – sehr selt­sam. Der Ame­ri­ka­ner baut immer wie­der deut­sche Aus­drü­cke in seine Erläu­te­run­gen ein, und ich habe den Ein­druck, dass er ein wenig Deutsch spricht. So geht es um einen »Bezirk« in einem »Gebiet«, das sie­ben­und­fünf­zig Jahr­hun­derte lang abge­rie­gelt war und in dem sich ein alter, ver­las­se­ner Com­pu­ter fin­det.

Das klingt alles wie absurde Sci­ence-Fic­tion für mich, und gleich­zei­tig schei­nen sich die bei­den dar­über zu unter­hal­ten, als ob es alte Mär­chen und Legen­den sind, die aus Zeit­al­tern stam­men, die Space2 und Space3 hei­ßen und von rät­sel­haf­ten Figu­ren han­deln wie Lady Cel­alta, Mr. Gray-no-more, den Goon­hogo, die die Venus kolo­nia­li­siert haben, und einem Kat­zen­mäd­chen namens C’mell.

Schließ­lich sind von dem Hähn­chen nur noch die Kno­chen übrig. »Time flies«, meint der Ame­ri­ka­ner und wischt sich die fet­ti­gen Fin­ger ab. »Wie wird sie enden, die Geschichte?«, fragt Herr Kori­an­der, wäh­rend er mit einem leicht trau­ri­gen Gesichts­aus­druck sein Notiz­buch zuschlägt, auf Deutsch. »It never ends«, ant­wor­tet ihm sein Gast.

Herr Kori­an­der bedeu­tet mir, dass ich abräu­men kann. »Vie­len Dank, meine Emp­feh­lun­gen an den Koch«, sagt der Ame­ri­ka­ner in fast feh­ler­freiem Deutsch zu mir. »Sie sind sehr hübsch. Ein wenig mol­lig viel­leicht, aber sehr hübsch.« Damit grinst er übers ganze Gesicht. Ich werde knall­rot und ver­lasse schnell das Zim­mer.

Es kommt, wie ich es bereits erwar­tet habe: Herr Kori­an­der checkt wenig spä­ter aus, nicht ohne mir ein schö­nes Trink­geld hin­zu­le­gen, und sein Gast scheint aus dem Fens­ter gesprun­gen zu sein oder sonst einen Weg gefun­den zu haben, sich an der Rezep­tion vor­bei­zu­mo­geln.

Dies­mal traue ich mich, Herrn Kori­an­der zur Tür zu beglei­ten und eine Frage zu stel­len: »Wer­den Sie uns bald wie­der beeh­ren?« Er wen­det sich zu mir um, und er wirkt sehr müde. Dabei könnte er sich bei uns doch so rich­tig schön aus­schla­fen!

»Das wäre schön, ja«, sagt er nach­denk­lich, »aber …« Einen Moment lang sieht er ganz gedan­ken­ver­lo­ren aus. Doch dann stel­len sich seine Augen wie­der scharf, und er meint zu mir: »Ich werde dann gege­be­nen­falls von mir hören las­sen.«

Ich hätte noch so viele Fra­gen. Aber es gehört sich nicht, die Gäste aus­zu­fra­gen. Also lasse ich ihn gehen. Ich stehe noch in der Tür, als er auf unse­rem klei­nen Park­platz sei­nen Wagen anlässt, das Licht ein­schal­tet und davon­fährt.

Obwohl es eine laue Nacht ist, fröstle ich ein biss­chen. Und wenn ich mir das nächste Mal auch Noti­zen mache? Nein, das wäre wohl ein Affront. Was sollte ich auch damit anfan­gen? Die Dinge goo­geln, die ich auf­schnappe, wie mir Pas­cal gera­ten hat? Es ist doch viel schö­ner, wenn sie mir ein Rät­sel blei­ben und es mir vor­kommt, als hätte ich eine knappe Stunde lang einen kur­zen Blick in eine sehr fremde und sehr bizarre Welt tun kön­nen, in der ein paar lie­bens­werte Ver­rückte sich über die »1387229ste Öst­li­che Unter­ge­ord­nete Inkar­na­tion eines Lohan« unter­hal­ten, als sei es ein alter Freund, mit dem sie erst ges­tern noch tele­fo­niert haben.