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Mare chronium–Ruminating
Ich betrete den Korridor, sobald sich die Aufzugtür öffnet, stelle aber bei einem prüfenden Blick auf mein Tablett fest, dass ich zu den zwei Tellern, auf denen Pascal seinen berühmten Coq au vin angerichtet hat, die Pfeffermühle vergessen habe. Nun will ich allerdings unbedingt pünktlich sein und um fünf Minuten nach Mitternacht ans Zimmer 27 klopfen, in dem Herr Koriander auf mich wartet. Er selbst isst nie auch nur einen Bissen, und vielleicht will sein Gast ja keinen Pfeffer.
Ich klopfe, und Herr Koriander öffnet mir lächelnd. Tatsächlich: Er hat wieder einen Gast auf dem Zimmer, der sich irgendwie an mir vorbeigeschmuggelt haben muss. Er sieht in seinem schwarzen Anzug über weißem Hemd mit dunkler Krawatte sehr distinguiert aus, ist vielleicht fünfzig Jahre alt und trägt eine Hornbrille mit dunklem Rand. Ich serviere die zwei bestellten Mahlzeiten.
Herr Koriander greift zu seinem Bleistift und schlägt sein Notizbüchlein auf. Er spricht Englisch, und wie ich schon fast erwartet habe, geht es um den Mars. Und um Marsianer. Und weitere verrückte Dinge, von denen mir der Kopf zu schwirren beginnt, während ich mich wie gewohnt neben das Bett zurückziehe und abwarte, ob ich noch gebraucht werde.
Herr Korianders Gast lässt sich das Hähnchen schmecken und scheut nicht davor zurück, seine Finger dabei einzusetzen. Zusätzlicher Pfeffer scheint ihm nicht zu fehlen. Herr Koriander möchte gerne über die Marsianer reden, genauer über – falls ich das richtig in Erinnerung habe – die »1387229ste Östliche Untergeordnete Inkarnation eines Lohan«. »Ein Lohan ist ein Arhat«, meint sein Gast zwischen zwei Bissen, und mit seinem freundlichen, fast schon bubenhaften Lächeln sieht er schon gar nicht mehr so distinguiert aus. Er scheint Amerikaner zu sein.
Während ich mich noch frage, was ein »Lohan« oder »Arhat« sein könnte, reden die beiden bereits im Zusammenhang mit einer Zeitspanne von 16000 Jahren über etwas, dass Herr Koriander »Instrumentalität« nennt. Die beiden treten in einen schnellen Schlagabtausch, was dem Amerikaner Spaß zu machen scheint. Irgendwie gelingt es ihm, zwischen seinen Ausführungen auch immer wieder einen Bissen vom Coq au vin zu essen, während es Herr Koriander bei gelegentlichen Schlucken von seinem Glas Tafelwasser belässt.
Ich verstehe kein Wort. Irgendwie scheint es wieder um fremde Intelligenzen und nichtmenschliches Bewusstsein zu gehen. Ich kann mir nur wenige Passagen und Ausdrücke merken. So möchte Herr Koriander etwas über die »Douglas-Ouyang-Planeten« erfahren, und plötzlich geht es um die Musik, die diese Planeten zu machen scheinen, eine »Kongo-Helium-Musik« – sehr seltsam. Der Amerikaner baut immer wieder deutsche Ausdrücke in seine Erläuterungen ein, und ich habe den Eindruck, dass er ein wenig Deutsch spricht. So geht es um einen »Bezirk« in einem »Gebiet«, das siebenundfünfzig Jahrhunderte lang abgeriegelt war und in dem sich ein alter, verlassener Computer findet.
Das klingt alles wie absurde Science-Fiction für mich, und gleichzeitig scheinen sich die beiden darüber zu unterhalten, als ob es alte Märchen und Legenden sind, die aus Zeitaltern stammen, die Space2 und Space3 heißen und von rätselhaften Figuren handeln wie Lady Celalta, Mr. Gray-no-more, den Goonhogo, die die Venus kolonialisiert haben, und einem Katzenmädchen namens C’mell.
Schließlich sind von dem Hähnchen nur noch die Knochen übrig. »Time flies«, meint der Amerikaner und wischt sich die fettigen Finger ab. »Wie wird sie enden, die Geschichte?«, fragt Herr Koriander, während er mit einem leicht traurigen Gesichtsausdruck sein Notizbuch zuschlägt, auf Deutsch. »It never ends«, antwortet ihm sein Gast.
Herr Koriander bedeutet mir, dass ich abräumen kann. »Vielen Dank, meine Empfehlungen an den Koch«, sagt der Amerikaner in fast fehlerfreiem Deutsch zu mir. »Sie sind sehr hübsch. Ein wenig mollig vielleicht, aber sehr hübsch.« Damit grinst er übers ganze Gesicht. Ich werde knallrot und verlasse schnell das Zimmer.
Es kommt, wie ich es bereits erwartet habe: Herr Koriander checkt wenig später aus, nicht ohne mir ein schönes Trinkgeld hinzulegen, und sein Gast scheint aus dem Fenster gesprungen zu sein oder sonst einen Weg gefunden zu haben, sich an der Rezeption vorbeizumogeln.
Diesmal traue ich mich, Herrn Koriander zur Tür zu begleiten und eine Frage zu stellen: »Werden Sie uns bald wieder beehren?« Er wendet sich zu mir um, und er wirkt sehr müde. Dabei könnte er sich bei uns doch so richtig schön ausschlafen!
»Das wäre schön, ja«, sagt er nachdenklich, »aber …« Einen Moment lang sieht er ganz gedankenverloren aus. Doch dann stellen sich seine Augen wieder scharf, und er meint zu mir: »Ich werde dann gegebenenfalls von mir hören lassen.«
Ich hätte noch so viele Fragen. Aber es gehört sich nicht, die Gäste auszufragen. Also lasse ich ihn gehen. Ich stehe noch in der Tür, als er auf unserem kleinen Parkplatz seinen Wagen anlässt, das Licht einschaltet und davonfährt.
Obwohl es eine laue Nacht ist, fröstle ich ein bisschen. Und wenn ich mir das nächste Mal auch Notizen mache? Nein, das wäre wohl ein Affront. Was sollte ich auch damit anfangen? Die Dinge googeln, die ich aufschnappe, wie mir Pascal geraten hat? Es ist doch viel schöner, wenn sie mir ein Rätsel bleiben und es mir vorkommt, als hätte ich eine knappe Stunde lang einen kurzen Blick in eine sehr fremde und sehr bizarre Welt tun können, in der ein paar liebenswerte Verrückte sich über die »1387229ste Östliche Untergeordnete Inkarnation eines Lohan« unterhalten, als sei es ein alter Freund, mit dem sie erst gestern noch telefoniert haben.