Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Kategorie: Story

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♫ Back Into the Magma ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, der zu den rie­si­gen Wet­ter­kris­tal­len führt. Die Erde bebt. Men­schen lau­fen und rufen vol­ler Panik und Todes­angst durch­ein­an­der – nicht nur in mei­nen Ohren, auch in mei­nem Geist höre ich ihre Schreie gel­len.

Mich beherrscht ein ein­zi­ger Gedanke: Ich muss die gro­ßen Kris­talle deak­ti­vie­ren! Mit ihnen woll­ten die Geist­meis­ter das Wet­ter beein­flus­sen, aber jetzt sind sie außer Kon­trolle gera­ten. Ein dunk­ler, schreck­li­cher Don­ner ertönt, den ich im gan­zen Kör­per spü­ren kann. Wie von einer Göt­ter­faust werde ich zu Boden geschmet­tert. Es war ein irr­wit­zi­ger Plan, die Kris­talle dafür benut­zen zu wol­len, die Zeit anzu­hal­ten! Das ganze Land ver­sinkt im Meer: Die Halle der Kris­talle kippt lang­sam zur Seite weg, und der Kor­ri­dor wird zu einem boden­lo­sen Schacht. Seine Wände ragen vor mir auf. Ich ziehe mich an den Stein­plat­ten hoch und ducke mich vor her­ab­fal­len­den Trüm­mern weg. Was­ser dringt ein, von allen Sei­ten. Blitze durch­zu­cken die Halle. Die mäch­ti­gen Kris­talle bäu­men sich auf gegen die Flu­ten und brin­gen in ihrem Todes­kampf das Meer zum Bro­deln.

In mei­nem Geist hal­len die Ent­set­zens­schreie Mil­lio­nen Ster­ben­der wider. Meine Mut­ter, meine Schwes­ter Nete – ihre Prä­senz fla­ckert in mei­nem Geist noch ein­mal hell auf, bevor sie ver­lischt. Der Ver­lust lässt alles in mir dumpf und taub wer­den.

Immer mehr Was­ser strömt in die Halle. Das stei­nerne Gewölbe ist bereits tief ins Meer ver­sun­ken, und die Luft­blase, die sich darin gebil­det hat, wird mehr und mehr von den ein­drin­gen­den Flu­ten ver­schlun­gen. Soll ich auf­ge­ben? Nein! Etwas Unbe­kann­tes in mir ver­leiht mir Kraft. Ich will wei­ter­le­ben, höher­klet­tern, den Was­ser­mas­sen ent­kom­men, doch eine umstür­zende Säule zer­schmet­tert mir das linke Bein. Ein ste­chen­der Schmerz raubt mir den Atem. Ich bin ein­ge­klemmt und werde ertrin­ken. Jetzt gibt es nur noch eins, das mir bleibt …

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♫ Gazing Into the Crys­tal Skull ♫


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… Ich betrete den Kor­ri­dor, wie ich es schon als klei­nes Kind von den Geist­meis­tern gelernt habe, und steige in mei­nen »Tem­pel der flüch­ti­gen Bil­der« hinab. Zuerst zögere ich, denn sind es nicht die Geist­meis­ter gewe­sen, die zu tief in ihre inne­ren Tem­pel hin­ab­ge­stie­gen sind und mit ihren grö­ßen­wahn­sin­ni­gen Ideen unser aller Unter­gang her­auf­be­schwo­ren haben? Doch das dro­hende Ertrin­ken und die uner­träg­li­chen Schmer­zen in mei­nem zer­schmet­ter­ten Bein trei­ben mich an die­sen Ort, an dem alles still und unbe­wegt ist.

Mein »Tem­pel« aller­dings ist – eine Insel.

Nie­mand durfte davon wis­sen, denn das Bild einer Insel vor dem inne­ren Auge wach­zu­ru­fen statt das eines Tem­pel­baus wider­spricht dem geis­ti­gen Gesetz, wie es uns gelehrt wird – doch so sehr ich mich auch gegen diese Insel zu weh­ren ver­suchte: Sie wollte ein­fach nicht wie­der ver­schwin­den. Nicht ein­mal mei­nen engs­ten Freun­den erzählte ich davon, und so erschre­cke ich zutiefst, als ich dort auf mei­ner klei­nen Insel eine Gruppe Frem­der ste­hen sehe. Ein alter Mann, des­sen linke Gesichts­hälfte völ­lig ver­narbt ist, tritt auf mich zu. Hin­ter ihm ste­hen elf Män­ner und Frauen.

»Ich bin Kte­phaim«, sagt der alte Mann. Was haben diese Leute in mei­nem Geist zu suchen? Oder sol­len sie mich abho­len und ins Reich der Toten füh­ren?

»Wir sind … Wan­de­rer. Und wir möch­ten dir anbie­ten, einer von uns zu wer­den.« Ich will zuerst ein­mal wis­sen, was es mit all dem hier auf sich hat, aber er bedeu­tet mir zu schwei­gen. »Du kannst dich ret­ten.« Damit über­reicht er mir einen geschlif­fe­nen Kris­tall in der Form eines mensch­li­chen Schä­dels.

Ich weiß, was ich zu tun habe. Die ande­ren elf, die hin­ter Kte­phaim ste­hen, sehen mich stumm an. Eine der Frauen lächelt auf­mun­ternd. Ich bli­cke dem Kris­tall­schä­del in die Augen.

»Kon­zen­triere dich«, sagt der Alte. »Du hast lange dafür geübt. Jetzt ist der Augen­blick gekom­men.«

Mit einem Mal bin ich wie­der in mei­nem Kör­per. Eis­kal­tes Was­ser umströmt mich, und im zer­schmet­ter­ten Bein spüre ich ein bren­nen­des Pochen. Ich nehme einen letz­ten Atem­zug, bevor das Meer mich ver­schlingt. Und kon­zen­triere mich.

Meine Hei­mat sinkt ins Magma zurück. Wenn die Sonne zum ers­ten Mal wie­der durch die schwar­zen Wol­ken­mas­sen bre­chen wird, wird nichts mehr von ihr übrig sein. Aus dem Schlamm wird sich eine neue Mensch­heit erhe­ben, eine neue Geschichts­schrei­bung ent­fal­ten, wer­den neue alte Kriege ent­bren­nen und alte neue Erfin­dun­gen und Erfah­run­gen die Men­schen bewe­gen.

Aber dies sind Dinge, die ich erst spä­ter erfah­ren werde. Denn ich über­lebe. Mit einem letz­ten Atem­zug ver­setze ich mich mit Hilfe des kris­tal­le­nen Schä­dels und einem unge­kann­ten Über­le­bens­wil­len in mir an einen ande­ren Ort in eine andere Zeit.

Ein Moos­pols­ter, mäch­tige Wur­zeln, eine Lich­tung.

Lang­sam komme ich zu mir. Enra’daí, die Frau aus der Gruppe der Wan­de­rer, die mir zuge­lä­chelt hatte, sitzt neben mir und unter­sucht mein Bein. »Wo bin ich?«, frage ich sie, aber Enra’daí ver­bes­sert mich: »Frag lie­ber, wann du bist. Du bist jetzt einer von uns.«

Sie erklärt mir, wir seien zwölf und besä­ßen die Fähig­keit, auf die Rück­seite der Zeit zu sprin­gen und von dort aus dort­hin zu wan­dern, wo wir gebraucht wer­den. Man­chen der Wan­de­rer gelinge das fünf‑, sechs- oder gar zehn­mal. Dann ver­siege die Kraft dazu. Ein neuer Wan­de­rer müsse gefun­den wer­den, um die Lücke zu fül­len. »Und du bist wahr­schein­lich der jüngste, den es je gege­ben hat«, fügt sie an.

In den nächs­ten Tagen heilt sie mit Kräu­ter­wi­ckeln mein Bein und brät über einem Feuer ihr Jagd­wild für uns. Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Ihre Bewe­gun­gen, ihre Berüh­run­gen, ihre leise Stimme: All das berauscht mich, beglückt mich im Inners­ten, rührt mein Herz an und weckt ganz unbe­kannte, Süße und Schmerz ver­spre­chende Gefühle in mir, die ich scham­haft vor ihr ver­berge, da sie mich zwar lie­be­voll pflegt, aber doch wohl mit der Für­sorge einer Mut­ter für ihren Sohn. Wie gern würde ich ihr bewei­sen, dass ich bereits ein Mann bin. Ich könnte Bäume fäl­len und eine Hütte für uns errich­ten, ich würde die Jagd erler­nen und wilde Tiere für sie erle­gen – doch mein Bein erlaubt dies alles noch nicht, ich muss es scho­nen.

Auf die Rück­seite der Zeit zu sprin­gen, hat mir das Leben geret­tet. Ich bezweifle, dass unsere Geist­meis­ter von die­ser Fähig­keit wuss­ten. Enra’daí zögert, als ich sie frage, was mit dem Wan­de­rer geschieht, der die Kraft dazu ver­liert. Ihre Stimme klingt brü­chig: »Er bleibt dort, von wo der neue Wan­de­rer geholt wird.« Ich will sie fra­gen, ob Kte­phaim an mei­ner statt in die Halle der Kris­talle ver­setzt wurde, aber Enra’daí ver­zieht schmerz­lich das Gesicht und wen­det den Blick ab. Das lässt mich sto­cken, und ich spre­che meine Frage nicht aus.

»Ich muss wei­ter«, sagt sie schließ­lich und wirkt ein wenig trau­rig. »Wir Wan­de­rer sind Ein­zel­gän­ger.«

Ich will dage­gen pro­tes­tie­ren, flehe sie an, zu blei­ben, behaupte, mein Bein schmerze wie­der. Doch Enra’daí lässt sich nicht erwei­chen. Zum Abschied berührt sie mich nur kurz am Arm und wen­det dann schnell ihren Blick ab. Ich will ihr nach­ru­fen, dass ich sie liebe, aber schon ist sie zwi­schen den mäch­ti­gen Stäm­men der Bäume ver­schwun­den. Trä­nen stei­gen mir in die Augen, und ich beginne bit­ter­lich zu wei­nen.

Es ist ein Abschied …

All die Toten – ein gan­zes Volk! Meine Freunde! Meine Mut­ter! Meine kleine Schwes­ter! Erst als es tagt, ver­sie­gen meine Trä­nen, und ich falle in unru­hi­gen Schlaf.

… und ein Neu­an­fang.

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♫ Ygg­dra­sil Play­ground ♫


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»Ich betrete den Kor­ri­dor, von dem es heißt, er befinde sich in einem Haus – mei­nem Haus –, das sich in einer klei­nen Stadt befin­det …«

»Opa«, unter­bricht mich eine der bei­den, Juli­etta dürfte es sein, jeden­falls hat sie die Wir­bel links über der Stirn, »warum fängst du deine Geschich­ten immer an mit ›Ich betrete den Kor­ri­dor‹ und nicht mit ›Es war ein­mal‹?«

»Weil ihr zwei ganz beson­dere Mäd­chen seid und ich euch bei­den ganz beson­dere Geschich­ten erzähle, die sonst kei­ner erzählt, keine ande­ren Omas und Opas, und auch nicht die Tan­ten im Kin­der­gar­ten.«

»Das sind keine Tan­ten, Opa. Das sind unsere Kin­der­gärt­ne­rin­nen.« Sagt die andere, Juni­per.

»Mär­chen­tan­ten, meine ich. Jeden­falls fan­gen meine Geschich­ten immer im Kor­ri­dor vor eurem Schlaf­zim­mer an. Weil sie, anders als die ande­ren Mär­chen, die euch erzählt wer­den, samt und son­ders wahr sind. Darf ich jetzt wei­ter­erzäh­len?« Beide nicken mit gro­ßen Augen, als könn­ten sie kein Wäs­ser­chen trü­ben. Na, mal sehen.

»Ich betrete also den Kor­ri­dor, von dem es heißt, er befinde sich in einem Haus – mei­nem Haus –, das sich in einer klei­nen Stadt befin­det, die in einem Land­strich liegt, wel­cher zu einem Kon­ti­nent gehört, der wie­derum in geo­lo­gi­schen Zeit­räu­men über die Ober­flä­che eines Pla­ne­ten treibt. Heißt es zumin­dest. Aber da fällt mir der Gar­ten mei­ner Kind­heit ein, der Gar­ten eurer Urgroß­el­tern, die ihr nie ken­nen­ge­lernt habt.

Als ich noch klein war, stand in unse­rem Gar­ten ein rie­si­ger Baum. Er war so gewal­tig groß, dass ich dachte, oben auf sei­nen Ästen wür­den sich ganze Län­der befin­den, und die Bewoh­ner ahnen ver­mut­lich gar nichts davon, dass sie auf einem Baum woh­nen.«

»So einen gro­ßen Baum gibt es nicht.«

»Oh doch. Ich muss es wis­sen. Eines Tages bin ich näm­lich hin­auf­ge­klet­tert. Und wisst ihr, was ich da oben fand?«

»Ein Vogel­nest?«

»Nein. Einen kolos­sa­len, alten, knor­ri­gen Ast, auf dem sich Wie­sen und Wäl­der, Wüs­ten, Berge, Seen und ganze Meere befin­den. Es dau­erte viele Jahre, auch nur einen klei­nen Teil die­ser Land­schaf­ten zu erkun­den. Dabei lernte ich übri­gens eure Groß­mutter ken­nen, Gott hab sie selig.«

»Oma?« Ungläu­bige Bli­cke. »Auf dem Baum bei euch zuhause im Gar­ten?«

Ich nicke. »Ihr habe ich in einem Dorf eines Lan­des auf dem Ast ein Haus gebaut. Die­ses Haus hier. In dem dann eure Mut­ter gebo­ren wurde.«

»Aber das ist doch Quatsch, Opa. Wir leben doch nicht auf einem Baum!«

»Viel­leicht ja doch. Ich muss es wis­sen. Schließ­lich bin ich ihn hin­auf­ge­klet­tert.«

»Aber Opa, wir leben auf einem Pla­ne­ten, nicht auf einem Ast. Guck doch ein­fach mal bei Google Earth. Wenn man da ganz raus­zoomt, sieht man die Erde.«

»Wer sagt denn, dass das stim­men muss? Im Mit­tel­al­ter hat Google Earth die Erde als Scheibe gezeigt, von deren Rand man, wenn man nicht auf­passte, run­ter­fal­len konnte.«

»Opa!«

»In Wirk­lich­keit aber sind unsere Län­der und Kon­ti­nente nichts ande­res als die Borke eines kolos­sa­len, alten, knor­ri­gen Bau­mes. Wenn die Nächte ganz still sind, könnt ihr das Holz leise im Wind knar­ren hören.«

»Ach, Opa, das sind doch Mär­chen.« – »Und deine Mär­chen sind gar keine rich­ti­gen Mär­chen, sonst gäb es da Hel­din­nen und Prin­zen …« – »… und Pferde und Eich­hörn­chen und Zwerge.« – »Keine Kor­ri­dore.« – »Genau. Auf kei­nen Fall Kor­ri­dore.«

»Auch nicht die im Mär­chen­schloss? Wisst ihr was, ihr zwei Hel­din­nen? Das mit den Kor­ri­do­ren ist jetzt eh vor­bei. Gleich mor­gen früh bre­che ich auf und steige wie­der hin­un­ter.«

»Hin­un­ter?« Vier Kin­der­au­gen sehen mich groß und fra­gend an.

»Ja. Wie­der von dem Baum her­un­ter, der im Gar­ten mei­ner Kind­heit steht. Wisst ihr, mein Vater hatte näm­lich eine Schau­kel an einen der unte­ren Äste gehängt, und das war, wenn ich mich recht erin­nere, der schönste Platz der gan­zen Welt.«

»Du gehst weg?!«

»Na ja, wir reden dann noch mal beim Früh­stück dar­über. Ob ihr mir das mit dem Baum glaubt oder doch lie­ber Google Earth ver­traut.«

»Wir glau­ben dir das mit dem Baum, Opa!« – »Google Earth will uns was vor­ma­chen!« – »Mit Pho­to­shop kann man ganz leicht aus einem Ast einen Pla­ne­ten machen.« – »Geh nicht weg, Opa!«

»Nein, meine Engel, keine Sorge. Ich glaube auch gar nicht, dass die Schau­kel noch hängt. Und jetzt macht schön die Augen zu und lasst euch vom Wind, der Nacht für Nacht durchs Geäst der Welt weht, in den Schlaf wie­gen.«

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♫ Indu­cing Magne­tic Luci­dity ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Aus dem Behand­lungs­raum dringt das Stöh­nen einer Frau. Ich klopfe und trete ein, lege dem Maître die gewünsch­ten Magnete auf den Tisch. Er hält seine Hände über seine Pati­en­tin, beach­tet mich nicht wei­ter und mur­melt: »Das Flui­dum muss flie­ßen, das unsicht­bare Feuer des Lebens muss die Krise ent­fa­chen, um den Weg zur Hei­lung zu ebnen.« Dann greift er nach den Magne­ten und führt sie am Kör­per der Frau ent­lang, die schwer atmet und die Augen ver­dreht.

Auch ich habe mich schon als Magne­topath ver­sucht, mir die Heil­steine des Maître heim­lich aus­ge­lie­hen und über dem sich lang­sam wöl­ben­den Bauch mei­ner Freun­din geschwenkt, dem Zim­mer­mäd­chen des Maître, Eloise. Auch sie hat die Augen ver­dreht, aber doch wohl eher des­halb, weil sie mich und meine halb­lau­ten Beschwö­run­gen ziem­lich lächer­lich fand. Sie ist dann doch zur Engel­ma­che­rin gegan­gen.

Viel­leicht sind es auch gar nicht die Magne­ten, son­dern es ist der Maître selbst, sein eige­ner Magne­tis­mus ani­ma­lis, der die Reak­tio­nen sei­ner Pati­en­tin­nen und die wun­der­ba­ren Hei­lun­gen ver­ur­sacht? Ich hoffe immer noch, dass er mich als Schü­ler annimmt und in seine Geheim­nisse ein­weiht. Mit einer unge­dul­di­gen Hand­be­we­gung ent­lässt er mich.

Ich trete wie­der in den Kor­ri­dor. Lange noch lau­sche ich an der Tür, wie er mit­hilfe sei­ner Magnete und Beschwö­run­gen die Blo­cka­den der Frau Stück für Stück zum Schmel­zen bringt.

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♫ Begui­led (and Loving It) ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen den Stau­den­ge­wäch­sen und Zier­bäu­men. In unse­rem Frei­ge­lände kön­nen sich Pflan­zen­lieb­ha­ber fast jeden Wunsch erfül­len. Von See­ro­sen bis zu Rabat­ten­stau­den prä­sen­tiert sich ihnen unser Ange­bot wuchs­freu­dig, blü­hend und ganz in Saft und Kraft ste­hend. Die Pflege des umfang­rei­chen Bestands ist für uns Mit­ar­bei­ter im Gar­ten­markt eine ziem­li­che Her­ku­les­auf­gabe. Trotz­dem habe ich wäh­rend mei­nes Prak­ti­kums immer wie­der Zeit gefun­den, stau­nend zu beob­ach­ten, wie die Pflan­zen ihre Käu­fer fin­den.

Die Kun­den strei­fen umher und begut­ach­ten unser Ange­bot, und dann irgend­wann macht es Klick, und eine der Pflan­zen hat ein neues Heim und einen neuen Besit­zer gefun­den. Ob es irgend­et­was Che­mi­sches ist, Phe­ro­mone viel­leicht, oder ob es eine Form von Magie ist, habe ich noch nicht her­aus­fin­den kön­nen. Zwar glau­ben die Heim­gärt­ner und Lau­ben­pie­per, sie wären es, die hier die Wahl tref­fen, aber in Wahr­heit haben sie kei­ner­lei Kon­trolle über ihren Ein­kauf und ste­hen ganz im Bann der Blu­men, Stau­den und Zier­ge­hölze, die sich ihnen auf­drän­gen. Wobei diese durch­aus wäh­le­risch sind. Und, ja, es gibt auch Kun­den, die abso­lut unemp­fäng­lich sind für die Signale der Bota­nik und ein­fach ein­pa­cken, was auf ihrem Ein­kaufs­zet­tel steht. Doch die sind sel­ten.

Ein fet­ter Mann, der seine Rest­haare auf die Glatze gekämmt hat, schiebt sei­nen Ein­kaufs­wa­gen zwi­schen den Palet­ten durch. Er lässt sei­nen Blick schwei­fen und rollt gemäch­lich am Blau­glo­cken­baum vor­bei. Im Wagen hat er einen Zim­mer­spring­brun­nen mit Dra­chen­baum und Zwerg­pfef­fer. Ich als Pflanze würde mich jetzt klein und unschein­bar machen und ihn vor­bei­fah­ren las­sen – wer ein wei­ßes T‑Shirt anzieht, das sich über den Bauch spannt und zahl­rei­che Fle­cken zwei­fel­haf­ter Her­kunft auf­weist, wird auch seine Pflan­zen nicht rich­tig pfle­gen.

Er hält an und nimmt den Blau­glo­cken­baum in Augen­schein. Ich beob­achte ihn zwi­schen den Ästen der Har­le­kin­weide hin­durch. Was will er mit unse­rer Pau­low­nia? Sie sieht ein wenig küm­mer­lich aus, ein paar der Blät­ter sind bräun­lich ver­färbt, als leide sie unter Pilz­be­fall. Nie­mand inter­es­siert sich für sie. Schon seit Mona­ten steht sie unbe­ach­tet auf der Palette neben dem Gold­li­gus­ter: ein ech­ter Laden­hü­ter. Aber der Dicke packt sie doch tat­säch­lich in sei­nen Wagen. Ich eile sofort hin.

»Ken­nen Sie sich mit der Pflege einer Pau­low­nia aus? Sie ist sehr kapri­ziös.« Das soll ihn abschre­cken. Doch der Kerl brummt nur und schiebt sei­nen Wagen wei­ter. Ich folge ihm.

»Oh, sehen Sie nur. Sie ist krank. War­ten Sie, ich che­cke mal in unse­rem Bestand, ob ich nicht ein ande­res Exem­plar für Sie habe.« Wir haben kei­nes, das muss ich nicht erst che­cken, aber ich kann ihm bestimmt einen Trom­pe­ten­baum unter­ju­beln, die wer­den oft mit der Blau­glo­cke ver­wech­selt. Doch der fette Glatz­kopf schüt­telt unwirsch den Kopf und reißt mir den Plas­tik­topf wie­der aus den Hän­den, setzt ihn neben sei­nem Zim­mer­spring­brun­nen, wirft Pau­low­nia einen ver­lieb­ten Blick zu und lässt mich ein­fach ste­hen.

»Ent­schul­di­gen Sie«, rufe ich ihm hin­ter­her, »die­ser Zier­baum ist bereits ver­kauft.« »Er gehört mir!«, will ich anfü­gen, doch ich sehe, dass die Toch­ter des Chefs auf mich auf­merk­sam gewor­den ist. Sie steht mit dem Was­ser­schlauch an den Sil­ber­wei­den.

Der Über­ge­wich­tige dreht sich zu mir um. Ich habe nur Augen für meine Pau­low­nia. Sie schüt­telt ihre Blät­ter und reckt sich zu ihrer gan­zen Größe auf. Sie will mich ver­las­sen. Sie will sich die­sem Dicken in sei­nem schmie­ri­gen T‑Shirt an den Hals wer­fen, will die Seine wer­den und alles in den Dreck tre­ten, was sich so behut­sam zwi­schen uns bei­den ent­wi­ckelt hatte!

Die Toch­ter des Chefs tritt zu dem Dick­wanst: »Es ist alles in Ord­nung mit dem Bäum­chen.« Dann dreht sie sich zu mir um. Sie hatte schon immer einen Kie­ker auf mich: »Ich glaube, unsere Orchi­deen müs­sen mal wie­der ein wenig ein­ge­ne­belt wer­den.« Doch ich habe bereits die große Gar­ten­schere in der Hand. Von die­sem Fett­sack lass ich mir meine Pau­low­nia nicht weg­neh­men!

Ich stürze mich wütend auf ihn. Nach einem kur­zen Hand­ge­menge und ein paar schril­len Hil­fe­schreien der Chefs­toch­ter kann ich den Mann zur Seite sto­ßen und stehe dem treu­lo­sen Zier­baum gegen­über. Mit mei­nen Hän­den an den Grif­fen öffne ich die Schere. Pau­low­nia scheint zurück­zu­wei­chen, ihre Zweige zit­tern, und sie scheint mich anzu­fle­hen, es nicht zum Äußers­ten kom­men zu las­sen. Sie will alles wie­der­gut­ma­chen, mir ein Leben lang treu blei­ben, mir zu Diens­ten sein, mir jeden Wunsch von den Lip­pen able­sen! Pah! Sie kann mich nicht mehr täu­schen …

Spä­ter habe ich erfah­ren, dass der Blitz, der in die­sem Moment auf mich her­nie­der­fuhr und mich zu Boden schleu­derte, eine der Edel­stahl­gieß­kan­nen für 94,99 Euro war, die mir die Toch­ter des Chefs über den Schä­del zog. Die Aktion brachte mir neben einer schmer­zen­den Beule und einer leich­ten Gehirn­er­schüt­te­rung natür­lich gleich auch die frist­lose Kün­di­gung ein. Meine Pau­low­nia war fort, ver­kauft, als ich wie­der zu mir kam. Der Dicke hatte sie in sei­nen Kombi gela­den und war davon­ge­fah­ren. Wegen des unan­ge­neh­men Vor­falls haben sie ihm den Baum geschenkt und mir den Kauf­preis von mei­nem Prak­ti­kan­ten­ge­halt abge­zo­gen.

Also gehört sie jetzt ganz offi­zi­ell mir, oder? Ich habe sie schließ­lich bezahlt. Und ich werde sie mir holen! Janine von der Kasse, mit der ich hin und wie­der heim­lich hin­term Treib­haus an den Kom­post­con­tai­nern geraucht hatte, hat mir den Namen und die Adresse des fet­ten Kun­den gege­ben. Der Chef hatte bei­des notie­ren las­sen, für den Fall, dass es ein Nach­spiel gibt.

Oh ja. Es wird ein Nach­spiel geben! Dies­mal habe ich die Motor­säge dabei …

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♫ The Mar­vell­ous 3D Myth Fab­ber ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Dies­mal, finde ich, hat es der Pro­fes­sor über­trie­ben. Alles wirkt vik­to­ria­nisch ver­spielt: An den Wän­den spru­deln kleine Fon­tä­nen unter ova­len Spie­geln mit geschnitz­ten Elfen­bein­rah­men. Das also ist sein neus­ter Streich, die »Mythen­ma­schine«. Irgend­et­was hat Ceril auf den Gedan­ken gebracht, die Mythen der Welt hät­ten sich auf­ge­braucht. »Eine ›Mythonen‹-Knappheit?«, habe ich vor­wit­zig gefragt, aber er hat mich nur ver­ächt­lich ange­se­hen. Offen­bar geht es heute nicht um der sons­ti­gen Wis­sen­schaft unbe­kannte Ele­men­tar­par­ti­kel.

Er ließ mich refe­rie­ren, was ein Mythos ist, war jedoch mit mei­nem Wiki­pe­dia-Wis­sen unzu­frie­den und erklärte, er beschäf­tige sich als Frei­zeit-Mythen­for­scher inten­siv mit »arche­ty­pi­schen Erzäh­lun­gen, die als kol­lek­ti­ves Vor­bild die­nen kön­nen«. »Harry Pot­ter?«, schlage ich vor, und »Ava­tar?« Der Pro­fes­sor run­zelt die Brauen: »Das ist ja gerade, was mir Sorge berei­tet: diese all­ge­gen­wär­tige Regres­sion ins magi­sche Den­ken. Der Mythos vom edlen Wil­den und der von einer ver­zau­ber­ten Welt, die nicht so sehr den Natur­ge­set­zen wie dem mensch­li­chen Wil­len gehorcht – lei­der der­zeit nicht sehr hilf­reich und ziel­füh­rend, was die Zukunft der Mensch­heit anbe­langt.«

Des­halb nun seine Maschine. Sie soll den Mythos für das 21. Jahr­hun­dert kre­ieren, die uni­ver­selle Geschichte, die allem, was wir erle­ben und anstre­ben, neuen Sinn ver­leiht – und ich soll diese Krea­tion ans Tages­licht holen.

Die stoff­be­spann­ten Türen des Kor­ri­dors sind mit wabern­den Buch­sta­ben beschrif­tet. Wie im Traum lässt sich nicht rich­tig erken­nen, was da steht, und es ändert sich dau­ernd. Stand da eben etwas von »die Seele dem Teu­fel ver­kau­fen«? Oder »Erschaf­fung der Welt in sie­ben Tagen«? Oder »Kai­ser Bar­ba­rossa schläft nur«?

Mir wird ganz schumm­rig, und ich mache, dass ich aus der Maschine wie­der raus­komme.

»Sie steht mit ihren Berech­nun­gen offen­bar noch ziem­lich am Anfang«, erkläre ich dem Pro­fes­sor mit fes­ter Stimme.

»Aber sie arbei­tet schon ganze sechs Tage lang«, erklärt er trau­rig. Dann zuckt er die Schul­tern: »Na schön, dann geben wir ihr noch eine Woche.« Und als er mei­nen Blick sieht: »Einen Monat?« Ich ant­worte nicht, und Ceril meint schließ­lich ent­täuscht: »Gut: ein Jahr. Damit soll­ten wir auf der siche­ren Seite ste­hen.« Ich nicke zufrie­den. Bloß erst ein­mal nicht wie­der da rein­müs­sen!

In der fol­gen­den Nacht bin ich im Traum auf der Flucht vor einer gewal­ti­gen Horde Mär­chen- und Sagen­ge­stal­ten, die alle unbe­dingt mein »Vor­bild« sein wol­len. Ich erwa­che schweiß­ge­ba­det. Hof­fent­lich ver­folgt mich die­ser Alp­traum jetzt nicht Nacht für Nacht ein gan­zes Jahr lang.

(Tat er nicht. Statt­des­sen eroberte eine ziem­lich ver­rückte neue Mit­schü­le­rin meine Träume im Sturm. Aber das ist eine andere Geschichte.)

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♫ Rewri­ting History ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor zu den Mann­schafts­quar­tie­ren – und obwohl wir schon jetzt schon viele Jahre unter­wegs sind, kann ich immer noch nicht rich­tig fas­sen, dass ich mit einem Raum­schiff auf dem Weg zu einem frem­den Son­nen­sys­tem bin, zu einem frem­den Pla­ne­ten und zu einer außer­ir­di­schen Zivi­li­sa­tion.

Allein schon, dass ich mit mei­nen Füßen fest auf dem Metall­bo­den stehe, ist – im Vakuum des Welt­raums, weit weg von allem, das Gra­vi­ta­tion auf uns aus­üben könnte – eigent­lich unfass­bar: Das Schiff rotiert und hält mich so auf der Außen­wand fest, so, wie in einen gefüll­ten Eimer, den ich her­um­schleu­dere, das Was­ser hin­ein­ge­presst wird.

*

Es war der 21.12.2012, der alles ver­än­dert hat. Heute ist es auf den Tag zehn Jahre her, dass wir Men­schen, alle Men­schen auf dem Pla­ne­ten Erde, die Stimme in unse­ren Köp­fen gehört haben. Jeder nahm sie anders war, einige als Don­ner­hall, andere als Flüs­tern, man­che als weib­li­che, man­che als männ­li­che Stimme oder auch die eines Kin­des. Der Wort­laut war jeweils der­selbe. »Hier spricht die Galak­ti­sche Föde­ra­tion.«

Es war unheim­lich. So etwas hat es ver­mut­lich noch nie­mals in der Geschichte gege­ben. Es wirkte bedroh­lich und befrei­end zugleich. Mir ging es wie den meis­ten ande­ren: Danach konnte ich nicht ein­fach wie­der zur Tages­ord­nung über­ge­hen. Wie sich her­aus­stellte, war es für die Mensch­heit eine wei­tere koper­ni­ka­ni­sche Wende. Nicht nur, dass die Erde nie das Zen­trum des Uni­ver­sums war, nein, auch wir Men­schen ent­pupp­ten uns als eine intel­li­gente Spe­zies unter vie­len, eine Zivi­li­sa­tion unter ver­mut­lich unzäh­li­gen.

»Die Qua­ran­täne, die zu eurem Schutz bestand, ist mit sofor­ti­ger Wir­kung auf­ge­ho­ben.«

Jeder Mensch auf unse­rem Pla­ne­ten hörte diese knappe Bot­schaft in sei­ner eige­nen Mut­ter­spra­che, wo er auch gerade war, was er auch gerade tat. Ich selbst gehörte zu dem Drit­tel der Mensch­heit, das gerade schlief. Die Stimme sprach zu mir – sie war weib­lich und sanft –, und ich wachte sofort auf, ohne den gerings­ten Zwei­fel daran, dass dies kein Traum gewe­sen war. Mil­li­ar­den erging es genauso, hörte ich spä­ter, so, wie ich auch bald erfuhr, was es mit die­ser Qua­ran­täne auf sich hatte.

*

Über ein hal­bes Jahr­hun­dert schon hat­ten die Astro­no­men nach Signa­len außer­ir­di­scher Zivi­li­sa­tio­nen gesucht. Von SETI hatte ich noch nie gehört, denn das For­schungs­pro­gramm hatte keine nen­nens­wer­ten Ergeb­nisse erbracht – außer viel­leicht dem mys­te­riö­sen Wow!-Signal. Ver­blüf­fend, wel­che Wis­sens­ge­biete es plötz­lich auf die Titel­sei­ten schaff­ten, und ebenso erstaun­lich, mit was für The­men ich mich plötz­lich beschäf­tigte, mit wel­chen völ­lig neuen Fra­gen ich mich jetzt auf ein­mal aus­ein­an­der­setzte.

Vie­len ging es so. Irgend­wie war das ja auch klar: Die Erfah­rung, etwas Frem­des im eige­nen Geist zu spü­ren, ließ uns Men­schen nicht mehr los, auch wenn es Leute gab, die sie als Mas­sen­hal­lu­zi­na­tion oder auf­wän­di­gen Scherz von Stu­den­ten abtun woll­ten.

Jeden­falls wurde mit der am 21.12.12 welt­weit aus­ge­strahl­ten tele­pa­thi­schen Bot­schaft klar, warum SETI so lange erfolg­los gewe­sen war und keine frem­den Zivi­li­sa­tio­nen ent­deckt hatte: Unser Son­nen­sys­tem war vor allen intel­li­gen­ten Radio­si­gna­len abge­schot­tet wor­den, und sie konn­ten unsere Sen­so­ren gar nicht errei­chen – bis eben auf das Wow!-Signal, das mög­li­cher­weise einer kur­zen Funk­ti­ons­stö­rung des Qua­ran­täne-Fil­ters zu ver­dan­ken war.

Gut, über die Exis­tenz außer­ir­di­schen Lebens wurde dis­ku­tiert, aber soweit ich etwas davon mit­be­kom­men hatte, schlos­sen die Exper­ten aus, dass es die gewal­ti­gen Ent­fer­nun­gen im Welt­raum über­win­den konnte. Mit der Stimme war plötz­lich alles anders: Es gibt Leben in ande­ren Stern­sys­te­men, intel­li­gen­tes Leben, und es weiß von uns.

Wer aller­dings die »Galak­ti­sche Föde­ra­tion« ist und ob die Zivi­li­sa­tio­nen in unse­rem galak­ti­schen Umfeld dazu­ge­hö­ren, haben wir bekannt­lich bis­her nicht erfah­ren. Die Stimme in unse­ren Köp­fen – von der man­che sagen, sie war eine auto­ma­ti­sche Auf­zeich­nung, die abge­spielt wurde, als die Welt­raum­sonde Voy­a­ger 1 die äußere Grenze unse­res Son­nen­sys­tems erreichte – mel­dete sich erst ein­mal nicht wie­der. Eine wei­tere Bot­schaft blieb aus. Unsere Radio­te­le­skope aller­dings wur­den plötz­lich »mit sofor­ti­ger Wir­kung« von Signa­len offen­bar intel­li­gen­ter Art aus unse­rer galak­ti­schen Nach­bar­schaft über­flu­tet, wenn sich auch erst ein­mal nichts von dem, was unsere neu­ent­deck­ten Nach­barn an Bot­schaf­ten ins All abstrahl­ten, deko­die­ren ließ. Die galak­ti­schen Radio­fre­quen­zen waren mit einem Mal von einem tau­send­stim­mi­gen unver­ständ­li­chen Geschnat­ter erfüllt, was ein Schock für viele war – und viel­leicht sogar ein heil­sa­mer Schock.

*

Die Erfah­rung, eine fremde Stimme im eige­nen Kopf zu hören, war für die meis­ten Men­schen ein ein­schnei­den­des Erleb­nis, und in der Folge pas­sier­ten Dinge, die viele – ich ein­ge­schlos­sen – für kaum noch mög­lich gehal­ten hat­ten: Die Mensch­heit rückte zusam­men und sorgte, mit einem neuen Ziel vor Augen, gemein­sam und unbü­ro­kra­tisch für die Lösung der aku­ten glo­ba­len Pro­bleme. Auch ich war schnell von der neuen Begeis­te­rung ange­steckt. Neue Hori­zonte hat­ten sich auf­ge­tan, und mir gin­gen Begriffe wie »Exo-Sozio­lo­gie« oder »Kar­da­schow-Skala« bald schon flüs­sig von den Lip­pen.

Natür­lich wollte so gut wie jeder wis­sen, wer sich hin­ter die­ser wort­kar­gen »Galak­ti­schen Föde­ra­tion« ver­birgt, die sich anmaßte, uns jahr­hun­der­te­lang in Qua­ran­täne zu ste­cken. Und natür­lich waren wir neu­gie­rig auf die frem­den Zivi­li­sa­tio­nen, die wir plötz­lich in unse­ren Radio­te­le­sko­pen belausch­ten.

Die Qua­ran­täne war auf­ge­ho­ben, aber nie­mand sagte uns Hallo. Also beschlos­sen wir, selbst die Hand aus­zu­stre­cken und unsere kos­mi­schen Nach­barn zu begrü­ßen …

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♫ Secret Mat­ters ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor in den Mann­schafts­quar­tie­ren und schließe hin­ter mir die Tür zu der klei­nen Kam­mer, in der sich meine Koje befin­det. Außen klebt ein Schild mit mei­nem Namen und dem Zusatz »Xeno-Lin­gu­is­tin«. Wenn mein Blick dar­auf fällt, habe ich immer noch den Impuls, mir ver­wun­dert die Augen zu rei­ben. Was für eine unglaub­li­che Wen­dung des Schick­sals hat mich aus Papua-Neu­gui­nea hier­her an Bord eines For­schungs­raum­schiffs gebracht, wel­ches das Son­nen­sys­tem ver­las­sen hat und kurz davor steht, Kon­takt mit einer außer­ir­di­schen Zivi­li­sa­tion auf­zu­neh­men?

Unver­mit­telt kom­men mir die Worte »Tea nubunubu mataa« in den Sinn. Vor zehn Jah­ren noch habe ich mich als Lin­gu­is­tin mit aus­ster­ben­den Spra­chen beschäf­tigt. Dann kam der 21.12.12, und dann ging dann alles ganz schnell. Eben noch mit Dik­ta­phon und Lap­top in Ozea­nien unter­wegs, star­tete ich, wie mir schien, schon im nächs­ten Moment im Auf­trag der Mensch­heit mit einem Raum­schiff zu fer­nen Ster­nen und Pla­ne­ten, um beim Kon­takt mit fremd­ar­ti­gen Zivi­li­sa­tio­nen als Über­set­ze­rin zu fun­gie­ren.

Die Cos­mic Bea­gle begann ihre Reise fünf Jahre nach der Auf­he­bung der Qua­ran­täne – eine unglaub­lich kurze Zeit­spanne für die Pla­nung und den Bau eines inter­stel­la­ren Raum­schiffs. Es war, neben dem groß ange­leg­ten Ver­such, den Kli­ma­wan­del zu stop­pen, das erste wirk­lich umfas­sende Mensch­heits­pro­jekt – von ein paar pro­tes­tie­ren­den Fun­da­men­ta­lis­ten und Kon­ser­va­ti­ven ein­mal abge­se­hen.

Dass ich tat­säch­lich mit an Bord bin, kann ich immer noch nicht rich­tig fas­sen. Aber klar: Sie brau­chen einen Sprach­ex­per­ten. Statt nur ein ein­zel­ner Dar­win ist ein gan­zes Team von Spe­zia­lis­ten unter­wegs – und eine Katze, Lady Wow, benannt nach dem Wow!-Signal aus dem Jahr 1977, dem klei­nen Vor­ge­schmack auf das, was uns nach der Auf­he­bung der Qua­ran­täne erwar­tete.

*

Lady Wow ist mehr als ein Mas­kott­chen für uns: Mei­ner Mei­nung nach hat sie uns allen an Bord das Leben geret­tet. Den ers­ten Kon­takt mit außer­ir­di­schem Leben hat­ten wir näm­lich schon, als wir unser Son­nen­sys­tem ver­lie­ßen und Voy­a­ger 1 pas­sier­ten, eine Route, die aus Public-Rela­ti­ons-Grün­den so gewählt wor­den war. Die Welt­raum­sonde Voy­a­ger 1 war das bis dato wei­teste ins All vor­ge­drun­gene Objekt der Mensch­heit, und man­che glau­ben, sie sei der Grund für die Auf­he­bung der Qua­ran­täne gewe­sen: Die Kap­sel erreichte nach 35 Jah­ren Flug­zeit die Helio­pause (noch so ein Wort, von dem ich mir vor zehn Jah­ren nicht hätte träu­men las­sen, dass ich es nicht nur gebrau­chen, son­dern auch wis­sen würde, was es bedeu­tet). Dabei könnte sie mit der Hülle oder dem Netz, mit dem wir Men­schen von den Radio­si­gna­len ande­rer Zivi­li­sa­tio­nen abge­schot­tet wur­den, zusam­men­ge­sto­ßen sein, wor­auf­hin der Fil­ter abge­schal­tet wurde. Warum das aber nun gerade am 21.12.2012 geschah, dem berüch­tig­ten Stich­tag aus dem May­a­ka­len­der, weiß kei­ner zu erklä­ren. Zufall? Schick­sal? Selbst­er­fül­lende Pro­phe­zei­ung? Jeden­falls war es nicht das Ende der Welt für uns, son­dern ein neuer Anfang.

Der Ter­mi­na­tion Shock lag schon eine Weile hin­ter uns. Wir sand­ten Fotos von unse­rer Annä­he­rung an Voy­a­ger 1 zur Erde. Und dann, ich saß gerade beim Früh­stück, Lady Wow auf dem Schoß, brei­tet sich in mei­nem Inne­ren ein kal­ter Hauch aus und lässt mich erstar­ren. Es war, als stünde ich nackt unter einem viel­tau­send­äu­gi­gen Mikro­skop, das mich in Sekun­den­bruch­tei­len Pore für Pore stu­dierte und in- und aus­wän­dig abtas­tete, kalt, ohne einen Fun­ken Emo­tion oder Mensch­lich­keit – außer dass es hung­rig war. Sehr, sehr hung­rig.

Lady Wow fauchte und bleckte die Zähne. Sie sprang von mei­nem Schoß, und jagte zwi­schen den Stüh­len herum, als würde sie eine unsicht­bare Maus jagen. Der kalte, unmensch­li­che Blick, der mich bei leben­di­gem Leib seziert hatte, ver­schwand mit einem Mal, und ich glaubte, noch so etwas wie ein Bedau­ern zu spü­ren. Dann war es weg.

Lady Wow kam wie­der zu mir, legte sich auf mei­nen Ober­schen­kel und schnurrte. Ich war im Inners­ten erschüt­tert. Die Stimme der Galak­ti­schen Föde­ra­tion zehn Jahre zuvor war mir freund­lich und fast ein­fühl­sam vor­ge­kom­men. Das hier, was immer es gewe­sen war, war ein Jäger, und ich war seine Beute. Ich habe keine Ahnung, wie es Lady Wow gelang, das Wesen zu ver­ja­gen, ein imma­te­ri­el­les oder womög­lich aus Dunk­ler Ener­gie bestehen­des Wesen, das außer­halb unse­res Son­nen­sys­tems den inter­stel­la­ren Raum durch­streift.

Oder war es die Qua­ran­tä­ne­glo­cke selbst, Reste von ihr? Die Mei­nun­gen in unse­rer Crew gehen bis heute aus­ein­an­der. Und wir hat­ten wahr­lich viel Zeit, das Erleb­nis aus­zu­dis­ku­tie­ren, das jeder von uns anders wahr­ge­nom­men hat.

*

In mei­nem vor­he­ri­gen Leben als Sprach­for­sche­rin habe ich mich kei­nen Deut für Sci­ence-Fic­tion inter­es­siert. Doch wie anders soll ich mich auf den Kon­takt mit Außer­ir­di­schen vor­be­rei­ten, der ja, bis er dann irgend­wann statt­ge­fun­den hat, nichts ande­res ist als eine Fik­tion? Also begann ich, all das zu stu­die­ren, was sich Schrift­stel­ler an Begeg­nun­gen mit fremd­ar­ti­gen Wesen aus­ge­malt haben.

Und wis­sen Sie, was eigen­ar­tig ist? Ich fand unter all die­sen Geschich­ten eine, in der eine Katze namens Cap­tain Wow inter­stel­lare Dra­chen ver­jagt, die sie als Rat­ten wahr­nimmt. So ret­tet sie die Raum­fah­rer, die sonst durch die Begeg­nung mit die­sen »Ster­nen­dra­chen« den Ver­stand ver­lie­ren wür­den, denn deren Hun­ger gilt nicht dem Leib, son­dern dem Geist.

Ein selt­sa­mer Zufall, oder?

Den ande­ren an Bord habe ich nichts davon erzählt, aber ich fürchte mich ein wenig vor unse­rer Rück­kehr in zwan­zig Jah­ren. Wird Lady Wow da noch am Leben sein? Ihre natür­li­che Lebens­spanne wird sich längst dem Ende zuge­neigt haben. Aber viel­leicht hat das Her­um­to­ben in der schwe­re­lo­sen Zone unse­res Schiffs die Alte­rungs­pro­zesse ein wenig auf­hal­ten kön­nen. Hof­fent­lich! Denn der Dunkle Dra­che wird an der Grenze zu unse­rem Son­nen­sys­tem wei­ter­hin hung­rig auf der Lauer lie­gen …

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Anāt­man

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Ich betrete den Kor­ri­dor mit hän­gen­den Schul­tern. Es ist schreck­lich, den Meis­ter ent­täuscht zu haben. Er hat sich sol­che Mühe mit mir gege­ben, immer wie­der neu ver­sucht, mei­nen Geist zu schu­len und mir klar vor Augen zu füh­ren, dass alles, was ich erlebe, blo­ßer Schein ist, ein Gau­kel­spiel, der Schaum der Dinge.

Doch ich kann die Illu­sion ein­fach nicht los­wer­den, dass ich, ich selbst, der Fokus die­ses Erle­bens, real bin. Dass ich wirk­lich exis­tiere. Ich denke doch, ich fühle, ich mache Erfah­run­gen! Wie soll ich da nicht exis­tie­ren und bloß Ein­bil­dung sein?

Was hat der Meis­ter mit mir nicht alles schon ver­sucht?
 
Von

  • Logik (Bewusst­sein gibt es nicht im Plu­ral),
  • Phi­lo­so­phie (Atman und Brah­man sind eins),
  • Para­dox (der Kōan von der einen klat­schen­den Hand),
  • Traum­yoga (Besu­che des Meis­ters in mei­nen Träu­men, um mir zu zei­gen, dass auch ich selbst nur ein Traum bin, der sich selbst träumt),
  • Wis­sen­schaft (die Grand-Illu­sion-Videos von Susan Black­more),
  • Mys­tik (»Mein Zucker ist in dir zer­schmol­zen, o Milch des Lebens, milde, reine«)

über

  • medi­ta­ti­ves Trai­ning (tage­lan­ges Sit­zen im Nicht­den­ken),
  • Sur­rea­lis­mus (Jim Hen­sons The Cube: Erd­beer­mar­me­lade) und sogar
  • Gewalt (unver­mit­telte Faust­schläge ins Gesicht, wie sie manch einem Adep­ten Erleuch­tung gebracht haben sol­len)

bis hin zu

  • einer »Snooze-Taste« für meine Gedan­ken (die er mit­tels NLP bei mir zu ver­an­kern suchte),
  • hart­nä­cki­gem Igno­rie­ren (nicht nur mei­ner Fra­gen, son­dern auch mei­nes zuneh­men­den Hun­gers),
  • aus­ge­dehn­ten Man­dala-Betrach­tun­gen (M.C.-Escher-Kachelungen mit der Frage »Wo ist das Zen­trum?«) und sogar
  • bud­dhis­ti­scher Dun­kel­the­ra­pie.

Doch mein angeb­lich illu­sio­nä­res Ich ließ sich von all­dem nicht beein­dru­cken. Nicht meine Vor­stel­lung, ein Indi­vi­duum zu sein, zer­brö­ckelte bei die­sem Ansturm, son­dern meine Vor­stel­lung, es gäbe da etwas wie eine feste Welt um mich herum.

Schließ­lich gab mein Meis­ter seine Bemü­hun­gen auf. Ich hatte es schon kom­men sehen, dass er mich irgend­wann an den legen­dä­ren Ort schi­cken wird, von dem seine Schü­ler nur hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand spre­chen: den Kor­ri­dor der Ver­sa­ger, den Kor­ri­dor der Solip­sis­ten. Nie­mand kehrte je zurück, heißt es, aus die­sem Gang, den das Was­ser des klei­nen Flus­ses in den Bauch des Ber­ges gefres­sen hat, in dem er dann spur­los ver­schwin­det.

Auch ich werde spur­los ver­schwin­den. Ein paar Tage, viel­leicht Wochen lang wer­den meine Mit­schü­ler noch mei­nen Namen im Munde füh­ren, hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand flüs­ternd, als abschre­cken­des Bei­spiel für einen Unein­sich­ti­gen, Unbe­lehr­ba­ren, einen, der sich an das große Trug­bild klam­mert und ein­fach nicht los­las­sen will. Aber bald schon, bald bin ich ver­ges­sen und ver­gan­gen.

Der Abstieg ins Dun­kel ist schwie­rig. Ich bin schon völ­lig durch­nässt, die Kälte kriecht in mein Inne­res. Ich zit­tere am gan­zen Leib, auch weil mich Todes­angst erfasst. Dass das Ich nicht ster­ben kann, weil es gar nicht exis­tiert, kann mich nicht trös­ten, auch jetzt nicht. Ich höre ein ver­zwei­fel­tes Jam­mern, und nach eini­ger Zeit merke ich, dass es aus mei­nem eige­nen Mund kommt. Ich ver­stumme.

Am Klang des Was­sers höre ich, dass ich einen gro­ßen Höh­len­raum betrete. Ich glaube, einen Licht­schim­mer hoch über mir wahr­zu­neh­men. Ist das eine Treppe, die in den Fels geschla­gen wurde? Sie führt hin­auf, dem Schim­mer ent­ge­gen. Ich setze mich im Lotos­sitz auf den nack­ten Fels und schließe die Augen. Viel­leicht hat sich das jah­re­lange Trai­ning ja doch irgend­wie gelohnt.

Nicht ich werde diese Stu­fen betre­ten und hin­auf­stei­gen. Nicht ich.

 

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Song of the Spec­tres

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der sich nach einem Erd­be­ben in der Höhle von Psy­chro geöff­net hat. Ich bin mit einem star­ken Schein­wer­fer bewaff­net und fühle mich wie Car­ter, als er 1922 in Tutancha­muns Grab stieg, oder wie Wool­ley, als er die Grab­kam­mer der Nin Puabi ent­deckte. Die Chance, eine Stätte zu betre­ten, die jahr­hun­derte- oder jahr­tau­sen­de­lang kein mensch­li­ches Auge mehr erblickt hat, bie­tet sich einem Archäo­lo­gen nur sel­ten.

Diese Höhle auf Kreta ist legen­där – und gilt als gründ­lich erforscht. Doch das Erd­be­ben hat einen neuen Zugang frei­ge­legt. Wohin mag er füh­ren? Zum Geburts­ort von Zeus, wie die Legende sagt, oder zu einer wei­te­ren Kult­stätte der Minoer, wie Kol­le­gen sie hier bereits frei­ge­legt haben?

Ein alter Mann kommt mir aus der tie­fen Höhle ent­ge­gen und blin­zelt ins Licht mei­nes Schein­wer­fers. Ich bin so ver­blüfft, dass ich ihn untä­tig vor­bei­ge­hen lasse, wäh­rend ich ihn mit offe­nem Mund anstarre.

Als ich mich gefasst habe, folge ich ihm aus der Höhle her­aus. Er schlingt in unse­rem Zelt ein gewal­ti­ges Früh­stück her­un­ter und erklärt uns ungläu­bi­gen For­schern mit vol­lem Mund in Alt­grie­chisch, er habe wohl recht lange geschla­fen. Sein Name sei – Epi­men­i­des.

Inzwi­schen wird der Mann im Kran­ken­haus von Hera­klion unter­sucht. Ein Teil mei­ner Kol­le­gen hält ihn für einen Betrü­ger, ein ande­rer für einen Irren. Ich bin mir da nicht so sicher. Klar, Epi­men­i­des, der legen­däre Erfin­der des Pflugs, soll irgend­wann zwi­schen dem sieb­ten und fünf­ten Jahr­hun­dert vor Chris­tus hier gelebt haben und wird in der Bibel zitiert – mit dem Epi­gramm, dass alle Kre­ter Lüg­ner sind. Und man kann nicht ein­fach ein paar Jahr­tau­sende schla­fen, um dann nach Her­zens­lust zu früh­stü­cken, oder? Ande­rer­seits gibt es da diese selt­same Geschichte aus der Sie­ben­schlä­fer­höhle über den angeb­li­chen ach­ten Schlä­fer, der erst kürz­lich ans Tages­licht trat.

Ich bin jeden­falls in der Nacht noch zurück in die Höhle gegan­gen, um allein wei­ter in die unbe­kann­ten Berei­che vor­zu­drin­gen. Der Kor­ri­dor win­det sich durch den Berg und endet in einem stei­ner­nen Alko­ven. Ich werde plötz­lich sehr, sehr müde und beschließe, mich auf dem uralten Wid­der­fell, das dort liegt, ein wenig aus­zu­ru­hen …