Ich betrete den Korridor, der zu den riesigen Wetterkristallen führt. Die Erde bebt. Menschen laufen und rufen voller Panik und Todesangst durcheinander – nicht nur in meinen Ohren, auch in meinem Geist höre ich ihre Schreie gellen.
Mich beherrscht ein einziger Gedanke: Ich muss die großen Kristalle deaktivieren! Mit ihnen wollten die Geistmeister das Wetter beeinflussen, aber jetzt sind sie außer Kontrolle geraten. Ein dunkler, schrecklicher Donner ertönt, den ich im ganzen Körper spüren kann. Wie von einer Götterfaust werde ich zu Boden geschmettert. Es war ein irrwitziger Plan, die Kristalle dafür benutzen zu wollen, die Zeit anzuhalten! Das ganze Land versinkt im Meer: Die Halle der Kristalle kippt langsam zur Seite weg, und der Korridor wird zu einem bodenlosen Schacht. Seine Wände ragen vor mir auf. Ich ziehe mich an den Steinplatten hoch und ducke mich vor herabfallenden Trümmern weg. Wasser dringt ein, von allen Seiten. Blitze durchzucken die Halle. Die mächtigen Kristalle bäumen sich auf gegen die Fluten und bringen in ihrem Todeskampf das Meer zum Brodeln.
In meinem Geist hallen die Entsetzensschreie Millionen Sterbender wider. Meine Mutter, meine Schwester Nete – ihre Präsenz flackert in meinem Geist noch einmal hell auf, bevor sie verlischt. Der Verlust lässt alles in mir dumpf und taub werden.
Immer mehr Wasser strömt in die Halle. Das steinerne Gewölbe ist bereits tief ins Meer versunken, und die Luftblase, die sich darin gebildet hat, wird mehr und mehr von den eindringenden Fluten verschlungen. Soll ich aufgeben? Nein! Etwas Unbekanntes in mir verleiht mir Kraft. Ich will weiterleben, höherklettern, den Wassermassen entkommen, doch eine umstürzende Säule zerschmettert mir das linke Bein. Ein stechender Schmerz raubt mir den Atem. Ich bin eingeklemmt und werde ertrinken. Jetzt gibt es nur noch eins, das mir bleibt …
… Ich betrete den Korridor, wie ich es schon als kleines Kind von den Geistmeistern gelernt habe, und steige in meinen »Tempel der flüchtigen Bilder« hinab. Zuerst zögere ich, denn sind es nicht die Geistmeister gewesen, die zu tief in ihre inneren Tempel hinabgestiegen sind und mit ihren größenwahnsinnigen Ideen unser aller Untergang heraufbeschworen haben? Doch das drohende Ertrinken und die unerträglichen Schmerzen in meinem zerschmetterten Bein treiben mich an diesen Ort, an dem alles still und unbewegt ist.
Mein »Tempel« allerdings ist – eine Insel.
Niemand durfte davon wissen, denn das Bild einer Insel vor dem inneren Auge wachzurufen statt das eines Tempelbaus widerspricht dem geistigen Gesetz, wie es uns gelehrt wird – doch so sehr ich mich auch gegen diese Insel zu wehren versuchte: Sie wollte einfach nicht wieder verschwinden. Nicht einmal meinen engsten Freunden erzählte ich davon, und so erschrecke ich zutiefst, als ich dort auf meiner kleinen Insel eine Gruppe Fremder stehen sehe. Ein alter Mann, dessen linke Gesichtshälfte völlig vernarbt ist, tritt auf mich zu. Hinter ihm stehen elf Männer und Frauen.
»Ich bin Ktephaim«, sagt der alte Mann. Was haben diese Leute in meinem Geist zu suchen? Oder sollen sie mich abholen und ins Reich der Toten führen?
»Wir sind … Wanderer. Und wir möchten dir anbieten, einer von uns zu werden.« Ich will zuerst einmal wissen, was es mit all dem hier auf sich hat, aber er bedeutet mir zu schweigen. »Du kannst dich retten.« Damit überreicht er mir einen geschliffenen Kristall in der Form eines menschlichen Schädels.
Ich weiß, was ich zu tun habe. Die anderen elf, die hinter Ktephaim stehen, sehen mich stumm an. Eine der Frauen lächelt aufmunternd. Ich blicke dem Kristallschädel in die Augen.
»Konzentriere dich«, sagt der Alte. »Du hast lange dafür geübt. Jetzt ist der Augenblick gekommen.«
Mit einem Mal bin ich wieder in meinem Körper. Eiskaltes Wasser umströmt mich, und im zerschmetterten Bein spüre ich ein brennendes Pochen. Ich nehme einen letzten Atemzug, bevor das Meer mich verschlingt. Und konzentriere mich.
Meine Heimat sinkt ins Magma zurück. Wenn die Sonne zum ersten Mal wieder durch die schwarzen Wolkenmassen brechen wird, wird nichts mehr von ihr übrig sein. Aus dem Schlamm wird sich eine neue Menschheit erheben, eine neue Geschichtsschreibung entfalten, werden neue alte Kriege entbrennen und alte neue Erfindungen und Erfahrungen die Menschen bewegen.
Aber dies sind Dinge, die ich erst später erfahren werde. Denn ich überlebe. Mit einem letzten Atemzug versetze ich mich mit Hilfe des kristallenen Schädels und einem ungekannten Überlebenswillen in mir an einen anderen Ort in eine andere Zeit.
Ein Moospolster, mächtige Wurzeln, eine Lichtung.
Langsam komme ich zu mir. Enra’daí, die Frau aus der Gruppe der Wanderer, die mir zugelächelt hatte, sitzt neben mir und untersucht mein Bein. »Wo bin ich?«, frage ich sie, aber Enra’daí verbessert mich: »Frag lieber, wann du bist. Du bist jetzt einer von uns.«
Sie erklärt mir, wir seien zwölf und besäßen die Fähigkeit, auf die Rückseite der Zeit zu springen und von dort aus dorthin zu wandern, wo wir gebraucht werden. Manchen der Wanderer gelinge das fünf‑, sechs- oder gar zehnmal. Dann versiege die Kraft dazu. Ein neuer Wanderer müsse gefunden werden, um die Lücke zu füllen. »Und du bist wahrscheinlich der jüngste, den es je gegeben hat«, fügt sie an.
In den nächsten Tagen heilt sie mit Kräuterwickeln mein Bein und brät über einem Feuer ihr Jagdwild für uns. Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Ihre Bewegungen, ihre Berührungen, ihre leise Stimme: All das berauscht mich, beglückt mich im Innersten, rührt mein Herz an und weckt ganz unbekannte, Süße und Schmerz versprechende Gefühle in mir, die ich schamhaft vor ihr verberge, da sie mich zwar liebevoll pflegt, aber doch wohl mit der Fürsorge einer Mutter für ihren Sohn. Wie gern würde ich ihr beweisen, dass ich bereits ein Mann bin. Ich könnte Bäume fällen und eine Hütte für uns errichten, ich würde die Jagd erlernen und wilde Tiere für sie erlegen – doch mein Bein erlaubt dies alles noch nicht, ich muss es schonen.
Auf die Rückseite der Zeit zu springen, hat mir das Leben gerettet. Ich bezweifle, dass unsere Geistmeister von dieser Fähigkeit wussten. Enra’daí zögert, als ich sie frage, was mit dem Wanderer geschieht, der die Kraft dazu verliert. Ihre Stimme klingt brüchig: »Er bleibt dort, von wo der neue Wanderer geholt wird.« Ich will sie fragen, ob Ktephaim an meiner statt in die Halle der Kristalle versetzt wurde, aber Enra’daí verzieht schmerzlich das Gesicht und wendet den Blick ab. Das lässt mich stocken, und ich spreche meine Frage nicht aus.
»Ich muss weiter«, sagt sie schließlich und wirkt ein wenig traurig. »Wir Wanderer sind Einzelgänger.«
Ich will dagegen protestieren, flehe sie an, zu bleiben, behaupte, mein Bein schmerze wieder. Doch Enra’daí lässt sich nicht erweichen. Zum Abschied berührt sie mich nur kurz am Arm und wendet dann schnell ihren Blick ab. Ich will ihr nachrufen, dass ich sie liebe, aber schon ist sie zwischen den mächtigen Stämmen der Bäume verschwunden. Tränen steigen mir in die Augen, und ich beginne bitterlich zu weinen.
Es ist ein Abschied …
All die Toten – ein ganzes Volk! Meine Freunde! Meine Mutter! Meine kleine Schwester! Erst als es tagt, versiegen meine Tränen, und ich falle in unruhigen Schlaf.
»Ich betrete den Korridor, von dem es heißt, er befinde sich in einem Haus – meinem Haus –, das sich in einer kleinen Stadt befindet …«
»Opa«, unterbricht mich eine der beiden, Julietta dürfte es sein, jedenfalls hat sie die Wirbel links über der Stirn, »warum fängst du deine Geschichten immer an mit ›Ich betrete den Korridor‹ und nicht mit ›Es war einmal‹?«
»Weil ihr zwei ganz besondere Mädchen seid und ich euch beiden ganz besondere Geschichten erzähle, die sonst keiner erzählt, keine anderen Omas und Opas, und auch nicht die Tanten im Kindergarten.«
»Das sind keine Tanten, Opa. Das sind unsere Kindergärtnerinnen.« Sagt die andere, Juniper.
»Märchentanten, meine ich. Jedenfalls fangen meine Geschichten immer im Korridor vor eurem Schlafzimmer an. Weil sie, anders als die anderen Märchen, die euch erzählt werden, samt und sonders wahr sind. Darf ich jetzt weitererzählen?« Beide nicken mit großen Augen, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Na, mal sehen.
»Ich betrete also den Korridor, von dem es heißt, er befinde sich in einem Haus – meinem Haus –, das sich in einer kleinen Stadt befindet, die in einem Landstrich liegt, welcher zu einem Kontinent gehört, der wiederum in geologischen Zeiträumen über die Oberfläche eines Planeten treibt. Heißt es zumindest. Aber da fällt mir der Garten meiner Kindheit ein, der Garten eurer Urgroßeltern, die ihr nie kennengelernt habt.
Als ich noch klein war, stand in unserem Garten ein riesiger Baum. Er war so gewaltig groß, dass ich dachte, oben auf seinen Ästen würden sich ganze Länder befinden, und die Bewohner ahnen vermutlich gar nichts davon, dass sie auf einem Baum wohnen.«
»So einen großen Baum gibt es nicht.«
»Oh doch. Ich muss es wissen. Eines Tages bin ich nämlich hinaufgeklettert. Und wisst ihr, was ich da oben fand?«
»Ein Vogelnest?«
»Nein. Einen kolossalen, alten, knorrigen Ast, auf dem sich Wiesen und Wälder, Wüsten, Berge, Seen und ganze Meere befinden. Es dauerte viele Jahre, auch nur einen kleinen Teil dieser Landschaften zu erkunden. Dabei lernte ich übrigens eure Großmutter kennen, Gott hab sie selig.«
»Oma?« Ungläubige Blicke. »Auf dem Baum bei euch zuhause im Garten?«
Ich nicke. »Ihr habe ich in einem Dorf eines Landes auf dem Ast ein Haus gebaut. Dieses Haus hier. In dem dann eure Mutter geboren wurde.«
»Aber das ist doch Quatsch, Opa. Wir leben doch nicht auf einem Baum!«
»Vielleicht ja doch. Ich muss es wissen. Schließlich bin ich ihn hinaufgeklettert.«
»Aber Opa, wir leben auf einem Planeten, nicht auf einem Ast. Guck doch einfach mal bei Google Earth. Wenn man da ganz rauszoomt, sieht man die Erde.«
»Wer sagt denn, dass das stimmen muss? Im Mittelalter hat Google Earth die Erde als Scheibe gezeigt, von deren Rand man, wenn man nicht aufpasste, runterfallen konnte.«
»Opa!«
»In Wirklichkeit aber sind unsere Länder und Kontinente nichts anderes als die Borke eines kolossalen, alten, knorrigen Baumes. Wenn die Nächte ganz still sind, könnt ihr das Holz leise im Wind knarren hören.«
»Ach, Opa, das sind doch Märchen.« – »Und deine Märchen sind gar keine richtigen Märchen, sonst gäb es da Heldinnen und Prinzen …« – »… und Pferde und Eichhörnchen und Zwerge.« – »Keine Korridore.« – »Genau. Auf keinen Fall Korridore.«
»Auch nicht die im Märchenschloss? Wisst ihr was, ihr zwei Heldinnen? Das mit den Korridoren ist jetzt eh vorbei. Gleich morgen früh breche ich auf und steige wieder hinunter.«
»Hinunter?« Vier Kinderaugen sehen mich groß und fragend an.
»Ja. Wieder von dem Baum herunter, der im Garten meiner Kindheit steht. Wisst ihr, mein Vater hatte nämlich eine Schaukel an einen der unteren Äste gehängt, und das war, wenn ich mich recht erinnere, der schönste Platz der ganzen Welt.«
»Du gehst weg?!«
»Na ja, wir reden dann noch mal beim Frühstück darüber. Ob ihr mir das mit dem Baum glaubt oder doch lieber Google Earth vertraut.«
»Wir glauben dir das mit dem Baum, Opa!« – »Google Earth will uns was vormachen!« – »Mit Photoshop kann man ganz leicht aus einem Ast einen Planeten machen.« – »Geh nicht weg, Opa!«
»Nein, meine Engel, keine Sorge. Ich glaube auch gar nicht, dass die Schaukel noch hängt. Und jetzt macht schön die Augen zu und lasst euch vom Wind, der Nacht für Nacht durchs Geäst der Welt weht, in den Schlaf wiegen.«
Ich betrete den Korridor. Aus dem Behandlungsraum dringt das Stöhnen einer Frau. Ich klopfe und trete ein, lege dem Maître die gewünschten Magnete auf den Tisch. Er hält seine Hände über seine Patientin, beachtet mich nicht weiter und murmelt: »Das Fluidum muss fließen, das unsichtbare Feuer des Lebens muss die Krise entfachen, um den Weg zur Heilung zu ebnen.« Dann greift er nach den Magneten und führt sie am Körper der Frau entlang, die schwer atmet und die Augen verdreht.
Auch ich habe mich schon als Magnetopath versucht, mir die Heilsteine des Maître heimlich ausgeliehen und über dem sich langsam wölbenden Bauch meiner Freundin geschwenkt, dem Zimmermädchen des Maître, Eloise. Auch sie hat die Augen verdreht, aber doch wohl eher deshalb, weil sie mich und meine halblauten Beschwörungen ziemlich lächerlich fand. Sie ist dann doch zur Engelmacherin gegangen.
Vielleicht sind es auch gar nicht die Magneten, sondern es ist der Maître selbst, sein eigener Magnetismus animalis, der die Reaktionen seiner Patientinnen und die wunderbaren Heilungen verursacht? Ich hoffe immer noch, dass er mich als Schüler annimmt und in seine Geheimnisse einweiht. Mit einer ungeduldigen Handbewegung entlässt er mich.
Ich trete wieder in den Korridor. Lange noch lausche ich an der Tür, wie er mithilfe seiner Magnete und Beschwörungen die Blockaden der Frau Stück für Stück zum Schmelzen bringt.
Ich betrete den Korridor zwischen den Staudengewächsen und Zierbäumen. In unserem Freigelände können sich Pflanzenliebhaber fast jeden Wunsch erfüllen. Von Seerosen bis zu Rabattenstauden präsentiert sich ihnen unser Angebot wuchsfreudig, blühend und ganz in Saft und Kraft stehend. Die Pflege des umfangreichen Bestands ist für uns Mitarbeiter im Gartenmarkt eine ziemliche Herkulesaufgabe. Trotzdem habe ich während meines Praktikums immer wieder Zeit gefunden, staunend zu beobachten, wie die Pflanzen ihre Käufer finden.
Die Kunden streifen umher und begutachten unser Angebot, und dann irgendwann macht es Klick, und eine der Pflanzen hat ein neues Heim und einen neuen Besitzer gefunden. Ob es irgendetwas Chemisches ist, Pheromone vielleicht, oder ob es eine Form von Magie ist, habe ich noch nicht herausfinden können. Zwar glauben die Heimgärtner und Laubenpieper, sie wären es, die hier die Wahl treffen, aber in Wahrheit haben sie keinerlei Kontrolle über ihren Einkauf und stehen ganz im Bann der Blumen, Stauden und Ziergehölze, die sich ihnen aufdrängen. Wobei diese durchaus wählerisch sind. Und, ja, es gibt auch Kunden, die absolut unempfänglich sind für die Signale der Botanik und einfach einpacken, was auf ihrem Einkaufszettel steht. Doch die sind selten.
Ein fetter Mann, der seine Resthaare auf die Glatze gekämmt hat, schiebt seinen Einkaufswagen zwischen den Paletten durch. Er lässt seinen Blick schweifen und rollt gemächlich am Blauglockenbaum vorbei. Im Wagen hat er einen Zimmerspringbrunnen mit Drachenbaum und Zwergpfeffer. Ich als Pflanze würde mich jetzt klein und unscheinbar machen und ihn vorbeifahren lassen – wer ein weißes T‑Shirt anzieht, das sich über den Bauch spannt und zahlreiche Flecken zweifelhafter Herkunft aufweist, wird auch seine Pflanzen nicht richtig pflegen.
Er hält an und nimmt den Blauglockenbaum in Augenschein. Ich beobachte ihn zwischen den Ästen der Harlekinweide hindurch. Was will er mit unserer Paulownia? Sie sieht ein wenig kümmerlich aus, ein paar der Blätter sind bräunlich verfärbt, als leide sie unter Pilzbefall. Niemand interessiert sich für sie. Schon seit Monaten steht sie unbeachtet auf der Palette neben dem Goldliguster: ein echter Ladenhüter. Aber der Dicke packt sie doch tatsächlich in seinen Wagen. Ich eile sofort hin.
»Kennen Sie sich mit der Pflege einer Paulownia aus? Sie ist sehr kapriziös.« Das soll ihn abschrecken. Doch der Kerl brummt nur und schiebt seinen Wagen weiter. Ich folge ihm.
»Oh, sehen Sie nur. Sie ist krank. Warten Sie, ich checke mal in unserem Bestand, ob ich nicht ein anderes Exemplar für Sie habe.« Wir haben keines, das muss ich nicht erst checken, aber ich kann ihm bestimmt einen Trompetenbaum unterjubeln, die werden oft mit der Blauglocke verwechselt. Doch der fette Glatzkopf schüttelt unwirsch den Kopf und reißt mir den Plastiktopf wieder aus den Händen, setzt ihn neben seinem Zimmerspringbrunnen, wirft Paulownia einen verliebten Blick zu und lässt mich einfach stehen.
»Entschuldigen Sie«, rufe ich ihm hinterher, »dieser Zierbaum ist bereits verkauft.« »Er gehört mir!«, will ich anfügen, doch ich sehe, dass die Tochter des Chefs auf mich aufmerksam geworden ist. Sie steht mit dem Wasserschlauch an den Silberweiden.
Der Übergewichtige dreht sich zu mir um. Ich habe nur Augen für meine Paulownia. Sie schüttelt ihre Blätter und reckt sich zu ihrer ganzen Größe auf. Sie will mich verlassen. Sie will sich diesem Dicken in seinem schmierigen T‑Shirt an den Hals werfen, will die Seine werden und alles in den Dreck treten, was sich so behutsam zwischen uns beiden entwickelt hatte!
Die Tochter des Chefs tritt zu dem Dickwanst: »Es ist alles in Ordnung mit dem Bäumchen.« Dann dreht sie sich zu mir um. Sie hatte schon immer einen Kieker auf mich: »Ich glaube, unsere Orchideen müssen mal wieder ein wenig eingenebelt werden.« Doch ich habe bereits die große Gartenschere in der Hand. Von diesem Fettsack lass ich mir meine Paulownia nicht wegnehmen!
Ich stürze mich wütend auf ihn. Nach einem kurzen Handgemenge und ein paar schrillen Hilfeschreien der Chefstochter kann ich den Mann zur Seite stoßen und stehe dem treulosen Zierbaum gegenüber. Mit meinen Händen an den Griffen öffne ich die Schere. Paulownia scheint zurückzuweichen, ihre Zweige zittern, und sie scheint mich anzuflehen, es nicht zum Äußersten kommen zu lassen. Sie will alles wiedergutmachen, mir ein Leben lang treu bleiben, mir zu Diensten sein, mir jeden Wunsch von den Lippen ablesen! Pah! Sie kann mich nicht mehr täuschen …
Später habe ich erfahren, dass der Blitz, der in diesem Moment auf mich herniederfuhr und mich zu Boden schleuderte, eine der Edelstahlgießkannen für 94,99 Euro war, die mir die Tochter des Chefs über den Schädel zog. Die Aktion brachte mir neben einer schmerzenden Beule und einer leichten Gehirnerschütterung natürlich gleich auch die fristlose Kündigung ein. Meine Paulownia war fort, verkauft, als ich wieder zu mir kam. Der Dicke hatte sie in seinen Kombi geladen und war davongefahren. Wegen des unangenehmen Vorfalls haben sie ihm den Baum geschenkt und mir den Kaufpreis von meinem Praktikantengehalt abgezogen.
Also gehört sie jetzt ganz offiziell mir, oder? Ich habe sie schließlich bezahlt. Und ich werde sie mir holen! Janine von der Kasse, mit der ich hin und wieder heimlich hinterm Treibhaus an den Kompostcontainern geraucht hatte, hat mir den Namen und die Adresse des fetten Kunden gegeben. Der Chef hatte beides notieren lassen, für den Fall, dass es ein Nachspiel gibt.
Oh ja. Es wird ein Nachspiel geben! Diesmal habe ich die Motorsäge dabei …
Ich betrete den Korridor. Diesmal, finde ich, hat es der Professor übertrieben. Alles wirkt viktorianisch verspielt: An den Wänden sprudeln kleine Fontänen unter ovalen Spiegeln mit geschnitzten Elfenbeinrahmen. Das also ist sein neuster Streich, die »Mythenmaschine«. Irgendetwas hat Ceril auf den Gedanken gebracht, die Mythen der Welt hätten sich aufgebraucht. »Eine ›Mythonen‹-Knappheit?«, habe ich vorwitzig gefragt, aber er hat mich nur verächtlich angesehen. Offenbar geht es heute nicht um der sonstigen Wissenschaft unbekannte Elementarpartikel.
Er ließ mich referieren, was ein Mythos ist, war jedoch mit meinem Wikipedia-Wissen unzufrieden und erklärte, er beschäftige sich als Freizeit-Mythenforscher intensiv mit »archetypischen Erzählungen, die als kollektives Vorbild dienen können«. »Harry Potter?«, schlage ich vor, und »Avatar?« Der Professor runzelt die Brauen: »Das ist ja gerade, was mir Sorge bereitet: diese allgegenwärtige Regression ins magische Denken. Der Mythos vom edlen Wilden und der von einer verzauberten Welt, die nicht so sehr den Naturgesetzen wie dem menschlichen Willen gehorcht – leider derzeit nicht sehr hilfreich und zielführend, was die Zukunft der Menschheit anbelangt.«
Deshalb nun seine Maschine. Sie soll den Mythos für das 21. Jahrhundert kreieren, die universelle Geschichte, die allem, was wir erleben und anstreben, neuen Sinn verleiht – und ich soll diese Kreation ans Tageslicht holen.
Die stoffbespannten Türen des Korridors sind mit wabernden Buchstaben beschriftet. Wie im Traum lässt sich nicht richtig erkennen, was da steht, und es ändert sich dauernd. Stand da eben etwas von »die Seele dem Teufel verkaufen«? Oder »Erschaffung der Welt in sieben Tagen«? Oder »Kaiser Barbarossa schläft nur«?
Mir wird ganz schummrig, und ich mache, dass ich aus der Maschine wieder rauskomme.
»Sie steht mit ihren Berechnungen offenbar noch ziemlich am Anfang«, erkläre ich dem Professor mit fester Stimme.
»Aber sie arbeitet schon ganze sechs Tage lang«, erklärt er traurig. Dann zuckt er die Schultern: »Na schön, dann geben wir ihr noch eine Woche.« Und als er meinen Blick sieht: »Einen Monat?« Ich antworte nicht, und Ceril meint schließlich enttäuscht: »Gut: ein Jahr. Damit sollten wir auf der sicheren Seite stehen.« Ich nicke zufrieden. Bloß erst einmal nicht wieder da reinmüssen!
In der folgenden Nacht bin ich im Traum auf der Flucht vor einer gewaltigen Horde Märchen- und Sagengestalten, die alle unbedingt mein »Vorbild« sein wollen. Ich erwache schweißgebadet. Hoffentlich verfolgt mich dieser Alptraum jetzt nicht Nacht für Nacht ein ganzes Jahr lang.
(Tat er nicht. Stattdessen eroberte eine ziemlich verrückte neue Mitschülerin meine Träume im Sturm. Aber das ist eine andere Geschichte.)
Ich betrete den Korridor zu den Mannschaftsquartieren – und obwohl wir schon jetzt schon viele Jahre unterwegs sind, kann ich immer noch nicht richtig fassen, dass ich mit einem Raumschiff auf dem Weg zu einem fremden Sonnensystem bin, zu einem fremden Planeten und zu einer außerirdischen Zivilisation.
Allein schon, dass ich mit meinen Füßen fest auf dem Metallboden stehe, ist – im Vakuum des Weltraums, weit weg von allem, das Gravitation auf uns ausüben könnte – eigentlich unfassbar: Das Schiff rotiert und hält mich so auf der Außenwand fest, so, wie in einen gefüllten Eimer, den ich herumschleudere, das Wasser hineingepresst wird.
*
Es war der 21.12.2012, der alles verändert hat. Heute ist es auf den Tag zehn Jahre her, dass wir Menschen, alle Menschen auf dem Planeten Erde, die Stimme in unseren Köpfen gehört haben. Jeder nahm sie anders war, einige als Donnerhall, andere als Flüstern, manche als weibliche, manche als männliche Stimme oder auch die eines Kindes. Der Wortlaut war jeweils derselbe. »Hier spricht die Galaktische Föderation.«
Es war unheimlich. So etwas hat es vermutlich noch niemals in der Geschichte gegeben. Es wirkte bedrohlich und befreiend zugleich. Mir ging es wie den meisten anderen: Danach konnte ich nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergehen. Wie sich herausstellte, war es für die Menschheit eine weitere kopernikanische Wende. Nicht nur, dass die Erde nie das Zentrum des Universums war, nein, auch wir Menschen entpuppten uns als eine intelligente Spezies unter vielen, eine Zivilisation unter vermutlich unzähligen.
»Die Quarantäne, die zu eurem Schutz bestand, ist mit sofortiger Wirkung aufgehoben.«
Jeder Mensch auf unserem Planeten hörte diese knappe Botschaft in seiner eigenen Muttersprache, wo er auch gerade war, was er auch gerade tat. Ich selbst gehörte zu dem Drittel der Menschheit, das gerade schlief. Die Stimme sprach zu mir – sie war weiblich und sanft –, und ich wachte sofort auf, ohne den geringsten Zweifel daran, dass dies kein Traum gewesen war. Milliarden erging es genauso, hörte ich später, so, wie ich auch bald erfuhr, was es mit dieser Quarantäne auf sich hatte.
*
Über ein halbes Jahrhundert schon hatten die Astronomen nach Signalen außerirdischer Zivilisationen gesucht. Von SETI hatte ich noch nie gehört, denn das Forschungsprogramm hatte keine nennenswerten Ergebnisse erbracht – außer vielleicht dem mysteriösen Wow!-Signal. Verblüffend, welche Wissensgebiete es plötzlich auf die Titelseiten schafften, und ebenso erstaunlich, mit was für Themen ich mich plötzlich beschäftigte, mit welchen völlig neuen Fragen ich mich jetzt auf einmal auseinandersetzte.
Vielen ging es so. Irgendwie war das ja auch klar: Die Erfahrung, etwas Fremdes im eigenen Geist zu spüren, ließ uns Menschen nicht mehr los, auch wenn es Leute gab, die sie als Massenhalluzination oder aufwändigen Scherz von Studenten abtun wollten.
Jedenfalls wurde mit der am 21.12.12 weltweit ausgestrahlten telepathischen Botschaft klar, warum SETI so lange erfolglos gewesen war und keine fremden Zivilisationen entdeckt hatte: Unser Sonnensystem war vor allen intelligenten Radiosignalen abgeschottet worden, und sie konnten unsere Sensoren gar nicht erreichen – bis eben auf das Wow!-Signal, das möglicherweise einer kurzen Funktionsstörung des Quarantäne-Filters zu verdanken war.
Gut, über die Existenz außerirdischen Lebens wurde diskutiert, aber soweit ich etwas davon mitbekommen hatte, schlossen die Experten aus, dass es die gewaltigen Entfernungen im Weltraum überwinden konnte. Mit der Stimme war plötzlich alles anders: Es gibt Leben in anderen Sternsystemen, intelligentes Leben, und es weiß von uns.
Wer allerdings die »Galaktische Föderation« ist und ob die Zivilisationen in unserem galaktischen Umfeld dazugehören, haben wir bekanntlich bisher nicht erfahren. Die Stimme in unseren Köpfen – von der manche sagen, sie war eine automatische Aufzeichnung, die abgespielt wurde, als die Weltraumsonde Voyager 1 die äußere Grenze unseres Sonnensystems erreichte – meldete sich erst einmal nicht wieder. Eine weitere Botschaft blieb aus. Unsere Radioteleskope allerdings wurden plötzlich »mit sofortiger Wirkung« von Signalen offenbar intelligenter Art aus unserer galaktischen Nachbarschaft überflutet, wenn sich auch erst einmal nichts von dem, was unsere neuentdeckten Nachbarn an Botschaften ins All abstrahlten, dekodieren ließ. Die galaktischen Radiofrequenzen waren mit einem Mal von einem tausendstimmigen unverständlichen Geschnatter erfüllt, was ein Schock für viele war – und vielleicht sogar ein heilsamer Schock.
*
Die Erfahrung, eine fremde Stimme im eigenen Kopf zu hören, war für die meisten Menschen ein einschneidendes Erlebnis, und in der Folge passierten Dinge, die viele – ich eingeschlossen – für kaum noch möglich gehalten hatten: Die Menschheit rückte zusammen und sorgte, mit einem neuen Ziel vor Augen, gemeinsam und unbürokratisch für die Lösung der akuten globalen Probleme. Auch ich war schnell von der neuen Begeisterung angesteckt. Neue Horizonte hatten sich aufgetan, und mir gingen Begriffe wie »Exo-Soziologie« oder »Kardaschow-Skala« bald schon flüssig von den Lippen.
Natürlich wollte so gut wie jeder wissen, wer sich hinter dieser wortkargen »Galaktischen Föderation« verbirgt, die sich anmaßte, uns jahrhundertelang in Quarantäne zu stecken. Und natürlich waren wir neugierig auf die fremden Zivilisationen, die wir plötzlich in unseren Radioteleskopen belauschten.
Die Quarantäne war aufgehoben, aber niemand sagte uns Hallo. Also beschlossen wir, selbst die Hand auszustrecken und unsere kosmischen Nachbarn zu begrüßen …
Ich betrete den Korridor in den Mannschaftsquartieren und schließe hinter mir die Tür zu der kleinen Kammer, in der sich meine Koje befindet. Außen klebt ein Schild mit meinem Namen und dem Zusatz »Xeno-Linguistin«. Wenn mein Blick darauf fällt, habe ich immer noch den Impuls, mir verwundert die Augen zu reiben. Was für eine unglaubliche Wendung des Schicksals hat mich aus Papua-Neuguinea hierher an Bord eines Forschungsraumschiffs gebracht, welches das Sonnensystem verlassen hat und kurz davor steht, Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation aufzunehmen?
Unvermittelt kommen mir die Worte »Tea nubunubu mataa« in den Sinn. Vor zehn Jahren noch habe ich mich als Linguistin mit aussterbenden Sprachen beschäftigt. Dann kam der 21.12.12, und dann ging dann alles ganz schnell. Eben noch mit Diktaphon und Laptop in Ozeanien unterwegs, startete ich, wie mir schien, schon im nächsten Moment im Auftrag der Menschheit mit einem Raumschiff zu fernen Sternen und Planeten, um beim Kontakt mit fremdartigen Zivilisationen als Übersetzerin zu fungieren.
Die Cosmic Beagle begann ihre Reise fünf Jahre nach der Aufhebung der Quarantäne – eine unglaublich kurze Zeitspanne für die Planung und den Bau eines interstellaren Raumschiffs. Es war, neben dem groß angelegten Versuch, den Klimawandel zu stoppen, das erste wirklich umfassende Menschheitsprojekt – von ein paar protestierenden Fundamentalisten und Konservativen einmal abgesehen.
Dass ich tatsächlich mit an Bord bin, kann ich immer noch nicht richtig fassen. Aber klar: Sie brauchen einen Sprachexperten. Statt nur ein einzelner Darwin ist ein ganzes Team von Spezialisten unterwegs – und eine Katze, Lady Wow, benannt nach dem Wow!-Signal aus dem Jahr 1977, dem kleinen Vorgeschmack auf das, was uns nach der Aufhebung der Quarantäne erwartete.
*
Lady Wow ist mehr als ein Maskottchen für uns: Meiner Meinung nach hat sie uns allen an Bord das Leben gerettet. Den ersten Kontakt mit außerirdischem Leben hatten wir nämlich schon, als wir unser Sonnensystem verließen und Voyager 1 passierten, eine Route, die aus Public-Relations-Gründen so gewählt worden war. Die Weltraumsonde Voyager 1 war das bis dato weiteste ins All vorgedrungene Objekt der Menschheit, und manche glauben, sie sei der Grund für die Aufhebung der Quarantäne gewesen: Die Kapsel erreichte nach 35 Jahren Flugzeit die Heliopause (noch so ein Wort, von dem ich mir vor zehn Jahren nicht hätte träumen lassen, dass ich es nicht nur gebrauchen, sondern auch wissen würde, was es bedeutet). Dabei könnte sie mit der Hülle oder dem Netz, mit dem wir Menschen von den Radiosignalen anderer Zivilisationen abgeschottet wurden, zusammengestoßen sein, woraufhin der Filter abgeschaltet wurde. Warum das aber nun gerade am 21.12.2012 geschah, dem berüchtigten Stichtag aus dem Mayakalender, weiß keiner zu erklären. Zufall? Schicksal? Selbsterfüllende Prophezeiung? Jedenfalls war es nicht das Ende der Welt für uns, sondern ein neuer Anfang.
Der Termination Shock lag schon eine Weile hinter uns. Wir sandten Fotos von unserer Annäherung an Voyager 1 zur Erde. Und dann, ich saß gerade beim Frühstück, Lady Wow auf dem Schoß, breitet sich in meinem Inneren ein kalter Hauch aus und lässt mich erstarren. Es war, als stünde ich nackt unter einem vieltausendäugigen Mikroskop, das mich in Sekundenbruchteilen Pore für Pore studierte und in- und auswändig abtastete, kalt, ohne einen Funken Emotion oder Menschlichkeit – außer dass es hungrig war. Sehr, sehr hungrig.
Lady Wow fauchte und bleckte die Zähne. Sie sprang von meinem Schoß, und jagte zwischen den Stühlen herum, als würde sie eine unsichtbare Maus jagen. Der kalte, unmenschliche Blick, der mich bei lebendigem Leib seziert hatte, verschwand mit einem Mal, und ich glaubte, noch so etwas wie ein Bedauern zu spüren. Dann war es weg.
Lady Wow kam wieder zu mir, legte sich auf meinen Oberschenkel und schnurrte. Ich war im Innersten erschüttert. Die Stimme der Galaktischen Föderation zehn Jahre zuvor war mir freundlich und fast einfühlsam vorgekommen. Das hier, was immer es gewesen war, war ein Jäger, und ich war seine Beute. Ich habe keine Ahnung, wie es Lady Wow gelang, das Wesen zu verjagen, ein immaterielles oder womöglich aus Dunkler Energie bestehendes Wesen, das außerhalb unseres Sonnensystems den interstellaren Raum durchstreift.
Oder war es die Quarantäneglocke selbst, Reste von ihr? Die Meinungen in unserer Crew gehen bis heute auseinander. Und wir hatten wahrlich viel Zeit, das Erlebnis auszudiskutieren, das jeder von uns anders wahrgenommen hat.
*
In meinem vorherigen Leben als Sprachforscherin habe ich mich keinen Deut für Science-Fiction interessiert. Doch wie anders soll ich mich auf den Kontakt mit Außerirdischen vorbereiten, der ja, bis er dann irgendwann stattgefunden hat, nichts anderes ist als eine Fiktion? Also begann ich, all das zu studieren, was sich Schriftsteller an Begegnungen mit fremdartigen Wesen ausgemalt haben.
Und wissen Sie, was eigenartig ist? Ich fand unter all diesen Geschichten eine, in der eine Katze namens Captain Wow interstellare Drachen verjagt, die sie als Ratten wahrnimmt. So rettet sie die Raumfahrer, die sonst durch die Begegnung mit diesen »Sternendrachen« den Verstand verlieren würden, denn deren Hunger gilt nicht dem Leib, sondern dem Geist.
Ein seltsamer Zufall, oder?
Den anderen an Bord habe ich nichts davon erzählt, aber ich fürchte mich ein wenig vor unserer Rückkehr in zwanzig Jahren. Wird Lady Wow da noch am Leben sein? Ihre natürliche Lebensspanne wird sich längst dem Ende zugeneigt haben. Aber vielleicht hat das Herumtoben in der schwerelosen Zone unseres Schiffs die Alterungsprozesse ein wenig aufhalten können. Hoffentlich! Denn der Dunkle Drache wird an der Grenze zu unserem Sonnensystem weiterhin hungrig auf der Lauer liegen …
Ich betrete den Korridor mit hängenden Schultern. Es ist schrecklich, den Meister enttäuscht zu haben. Er hat sich solche Mühe mit mir gegeben, immer wieder neu versucht, meinen Geist zu schulen und mir klar vor Augen zu führen, dass alles, was ich erlebe, bloßer Schein ist, ein Gaukelspiel, der Schaum der Dinge.
Doch ich kann die Illusion einfach nicht loswerden, dass ich, ich selbst, der Fokus dieses Erlebens, real bin. Dass ich wirklich existiere. Ich denke doch, ich fühle, ich mache Erfahrungen! Wie soll ich da nicht existieren und bloß Einbildung sein?
Was hat der Meister mit mir nicht alles schon versucht?
Von
Logik (Bewusstsein gibt es nicht im Plural),
Philosophie (Atman und Brahman sind eins),
Paradox (der Kōan von der einen klatschenden Hand),
Traumyoga (Besuche des Meisters in meinen Träumen, um mir zu zeigen, dass auch ich selbst nur ein Traum bin, der sich selbst träumt),
Wissenschaft (die Grand-Illusion-Videos von Susan Blackmore),
Mystik (»Mein Zucker ist in dir zerschmolzen, o Milch des Lebens, milde, reine«)
über
meditatives Training (tagelanges Sitzen im Nichtdenken),
Surrealismus (Jim Hensons The Cube: Erdbeermarmelade) und sogar
Gewalt (unvermittelte Faustschläge ins Gesicht, wie sie manch einem Adepten Erleuchtung gebracht haben sollen)
bis hin zu
einer »Snooze-Taste« für meine Gedanken (die er mittels NLP bei mir zu verankern suchte),
hartnäckigem Ignorieren (nicht nur meiner Fragen, sondern auch meines zunehmenden Hungers),
ausgedehnten Mandala-Betrachtungen (M.C.-Escher-Kachelungen mit der Frage »Wo ist das Zentrum?«) und sogar
Doch mein angeblich illusionäres Ich ließ sich von alldem nicht beeindrucken. Nicht meine Vorstellung, ein Individuum zu sein, zerbröckelte bei diesem Ansturm, sondern meine Vorstellung, es gäbe da etwas wie eine feste Welt um mich herum.
Schließlich gab mein Meister seine Bemühungen auf. Ich hatte es schon kommen sehen, dass er mich irgendwann an den legendären Ort schicken wird, von dem seine Schüler nur hinter vorgehaltener Hand sprechen: den Korridor der Versager, den Korridor der Solipsisten. Niemand kehrte je zurück, heißt es, aus diesem Gang, den das Wasser des kleinen Flusses in den Bauch des Berges gefressen hat, in dem er dann spurlos verschwindet.
Auch ich werde spurlos verschwinden. Ein paar Tage, vielleicht Wochen lang werden meine Mitschüler noch meinen Namen im Munde führen, hinter vorgehaltener Hand flüsternd, als abschreckendes Beispiel für einen Uneinsichtigen, Unbelehrbaren, einen, der sich an das große Trugbild klammert und einfach nicht loslassen will. Aber bald schon, bald bin ich vergessen und vergangen.
Der Abstieg ins Dunkel ist schwierig. Ich bin schon völlig durchnässt, die Kälte kriecht in mein Inneres. Ich zittere am ganzen Leib, auch weil mich Todesangst erfasst. Dass das Ich nicht sterben kann, weil es gar nicht existiert, kann mich nicht trösten, auch jetzt nicht. Ich höre ein verzweifeltes Jammern, und nach einiger Zeit merke ich, dass es aus meinem eigenen Mund kommt. Ich verstumme.
Am Klang des Wassers höre ich, dass ich einen großen Höhlenraum betrete. Ich glaube, einen Lichtschimmer hoch über mir wahrzunehmen. Ist das eine Treppe, die in den Fels geschlagen wurde? Sie führt hinauf, dem Schimmer entgegen. Ich setze mich im Lotossitz auf den nackten Fels und schließe die Augen. Vielleicht hat sich das jahrelange Training ja doch irgendwie gelohnt.
Nicht ich werde diese Stufen betreten und hinaufsteigen. Nicht ich.
Ich betrete den Korridor, der sich nach einem Erdbeben in der Höhle von Psychro geöffnet hat. Ich bin mit einem starken Scheinwerfer bewaffnet und fühle mich wie Carter, als er 1922 in Tutanchamuns Grab stieg, oder wie Woolley, als er die Grabkammer der Nin Puabi entdeckte. Die Chance, eine Stätte zu betreten, die jahrhunderte- oder jahrtausendelang kein menschliches Auge mehr erblickt hat, bietet sich einem Archäologen nur selten.
Diese Höhle auf Kreta ist legendär – und gilt als gründlich erforscht. Doch das Erdbeben hat einen neuen Zugang freigelegt. Wohin mag er führen? Zum Geburtsort von Zeus, wie die Legende sagt, oder zu einer weiteren Kultstätte der Minoer, wie Kollegen sie hier bereits freigelegt haben?
Ein alter Mann kommt mir aus der tiefen Höhle entgegen und blinzelt ins Licht meines Scheinwerfers. Ich bin so verblüfft, dass ich ihn untätig vorbeigehen lasse, während ich ihn mit offenem Mund anstarre.
Als ich mich gefasst habe, folge ich ihm aus der Höhle heraus. Er schlingt in unserem Zelt ein gewaltiges Frühstück herunter und erklärt uns ungläubigen Forschern mit vollem Mund in Altgriechisch, er habe wohl recht lange geschlafen. Sein Name sei – Epimenides.
Inzwischen wird der Mann im Krankenhaus von Heraklion untersucht. Ein Teil meiner Kollegen hält ihn für einen Betrüger, ein anderer für einen Irren. Ich bin mir da nicht so sicher. Klar, Epimenides, der legendäre Erfinder des Pflugs, soll irgendwann zwischen dem siebten und fünften Jahrhundert vor Christus hier gelebt haben und wird in der Bibel zitiert – mit dem Epigramm, dass alle Kreter Lügner sind. Und man kann nicht einfach ein paar Jahrtausende schlafen, um dann nach Herzenslust zu frühstücken, oder? Andererseits gibt es da diese seltsame Geschichte aus der Siebenschläferhöhle über den angeblichen achten Schläfer, der erst kürzlich ans Tageslicht trat.
Ich bin jedenfalls in der Nacht noch zurück in die Höhle gegangen, um allein weiter in die unbekannten Bereiche vorzudringen. Der Korridor windet sich durch den Berg und endet in einem steinernen Alkoven. Ich werde plötzlich sehr, sehr müde und beschließe, mich auf dem uralten Widderfell, das dort liegt, ein wenig auszuruhen …